30. Jahrgang.
Fulda, Donnerstag, den 15. Oktober 1903
Deutsches Reich
verfahren gegen die ganze Redaktion in Aussicht gestellt.
** Die günstige Lage des Arbeitsmarktes, die für den Monat September in auffallender Art sich in den Durchschnittsziffern der Arbeitsnachweise zeigte, tritt auch in den Tinzelberichten hervor, wie sie von den verschiedenen Anstalten in der Halbmonatsschrift ,Der Arbeitsmarkt' veröffentlichten Tabelle hin- zugefügt werden. In Berlin wurden gegen dm September v. I. in der allgemeinen Abteilung 2540 Arbeiter mehr verlangt. Die Fach-Arbeitsnachweise hatten ebenfalls bedeutend mehr zu tun. Ebenfo berichtet der städttsche Arbeitsnachweis Charlottenburg: „Lebhafte Nachfrage nach Malern, Bau- und Ecdarbeitem. Der Bedarf konnte nicht gedeckt werden." Auch Potsdam meldet einen Mangel au ungelernten Arbettern. Aehn- lich günstig lauten die Berichte aus dem übrigen Norddeutschland, insbesondere von den Seestädten. So jberichtet der Arbeits-Nachweis der Pattio- tischen Gesellschaft in Hamburg: „Der Arbetts- markt war günstiger als im Vormonat für Hafen-, Quai- und Lagerhausarbeüer, namentlich in den letzten Tagen konnte die gewünschte Anzahl von Leuten nicht gestellt werden." In Flensburg zeigte sich die Gunst der Lage darin, daß die zur Entlassung gelaugmdm Reservisten leicht Stellung fanden. Die Lage des Baugewerbes wird nicht bloß in Groß-, sondem auch in Mittel- und Kleinstädten (wie Göttiugm und Bielefeld) als günstig bezeichnet. Besonders erfreulich ist, daß auch aus der von der Krisis besonders mitgenommmen Eisenindustrie jetzt nicht auch blos aus den großm Zmtren, sondern auch aus mittleren und kleineren Plätzen ver- u»ehrte Beschäftigungsgelegenheit gemeldet wird, wie aus Bielefeld, Konstanz und auch aus Quedlinburg, während allerdings Barmen die Eisenbranche immer noch als nur „mäßig" bezeichnet und Erfurt geradezu einen Mangel an Arbeitsgelegenheit melden muß. Die allgemeine Befferung der wirtschafttichen Lage tritt jedoch deutlich hervor, wmn ein Grenznachweis wie Konstanz ein ganzes Register mangelnder Arbeiterkategorien veröffentlicht („es fehlen Drechsler, Flaschner, Glaser, Maler, Schmiede, Schreiner, Sattler, Schuhmacher, Küfer"). Nürnberb faßt sein Urteil in die Worte zusammm, daß m der nämlichen Abteilung feit Bestehen des Arbeitsnachweises noch nie eine so große Zahl wie in diesem Monat vermittelt worden sei.
* Preußisches Abgeordnetenhaus. Der Bureau-Direktor des preußischen Abgeordnetenhauses Plate hat einen Ueberblick über den Verlauf der 19. Legislaturperiode des prmßischen Abgeordnetmhauses herausgegeben, dem folgende Angaben entnommen find: Die Konservativen hatten 1866/67 von dm damals erst vorhandenen 352 Mandaten 119 inne. In der nächsten Legislaturperiode steigerte fich die Zahl auf 125. Dann trennten sich die Reum Konservativen von der alten Partei, jene hatten 44, diese 70 Sitze in der Periode von 1870/73 inne. In der nächsten Legislaturperiode brachten es die Konservativen nur auf 6, die neuen Konser-
Berlin, dm 14. Oktober 1903.
* Für die preußischen Landtagswahle» wird, der,Deutschen Tagesztg.' zufolge, der B u n d der Landwirte sich „vermutlich nur in einigen Kreisen veranlaßt sehen, eigene und besondere Kandidaten aufzustellen, — vorausgesetzt, daß er bei dm Parteien, die auf seine Unterstützung angewiesen find, diejenige Berücksichtigung findet, auf welche Anspruch zu machen er berechtigt ist. In dm meisten Kreisen ist der Bund nut den ihm nahestehenden Parteien gemeinsam vorgegangen. Wo ein solches gemeinsames Vorgehen nicht erzielt wurde, war das Verhallen des Bundes der Landwirte begründet und berechtigt."
[::J Zu der Meldung des ,Wielkopolanm', daß die Zöglinge desPosener Priesterseminars genötigt wurden, Vorträge an der Posener Akademie zu hören, bemerkt der ,Rutger': „Die Sache ist nicht wahr. Die Verwaltung des Seminars hat keinerlei Anordnungen in Betreff des Besuches der Vorlesungen in der Akademie erlassen." Weiter heißt es: „Auch wir haben von dm Verhandlungen gehört, aber wir wiffm auch, daß, wiewohl keine Absicht besteht, dm Klerikern zu verbieten, fich weiter zu bilden an Gegenständen, die im Seminar nicht gelehrt werden, die Erlaubnis zum Besuch der Vorlesungen doch nicht eher erteilt werden wird, als bis alle verlangtm Garantien gegeben fein würden." Komme die Sache zustande, so sei nicht das geringste zu be- fürchtm: in keiner staatlichen Lehranstalt Preußens werde so viel Rückficht genommen auf die Ge- fühle der Hörer, wie es in der Akademie der Fall sein werde. Weiter empfiehlt der,Rutger' daraus Rücksicht zu nehmen, daß im Gegensatz zu allen anderen geistlichen Seminaren, die auf Grund des Gesetzes von 1886 bestehen, das Posener Seminar nur auf gründ einer könig- ftchen Verordnung bestehe, und daß durch einen Federstrich feine Existenz beseitigt werden könne.
* Mit dem Zeugniszwangsverfahren wird die gesamte Redaktion der sozialdemokratt- fchm Leipziger Volkszeitung' bedroht. In einem Artikel des Blattes war das Vorgehen der Leipziger Justizbehörde gegen die im Majestäts- beleidigungsprozeß verhafteten Redakteure tritt» fiert worden. Durch den Inhalt dieses Arttkels fühlt fich der Ober-Amtsrichter Meißner, der die Untersuchung in dem Majestätsbeleidigungs- Prozeß geführt hat, beleidigt und hat Strafantrag gestellt. Und zwar richtet fich, wie die Leipziger Volkszeitung' mitteilt, die ©trafoer folgung nicht nur gegen den verantwortlichen Rütaktmr der Zeitung, Seger, sondem auch gegen den politischen Redakteur des Blattes Jaeckh, der als Versaffer des Artikels bezeichnet und verfolgt wird. Seger und Jaeckh find bereits vemornmen worden. Als sie die Auskunft Über die Verfafferschaft des Artikels ablehnten, wurde ein Zeugniszwangs-
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Roman »on Ewald August König.
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„Weshalb sollte ich es Ihnen nicht sagen dürfen?" brach er endlich das Schweigen; „ich bin jetzt ei» alter Mann, Sie werben meine Mitteilung nicht miß- beuten, unb durch sie wird Jhnm vielleicht manches Kar, was bisher Ihnen rätselhaft erschien. Ich liebte Adelgunde — gestatten Sie mir, daß ich sie nur mit diesem Namm nenne —, meine Liebe wmde erwidert, und wir träumten beide von einer Zukunft voll Glück anb Sonnenschein. Es war eine Torhell, aber baS hätte damals uns niemanb Kar machen könnm, wir suchten ja unser ganzes Erdenglück nur in unserer Liebe. Ick war ein junger, unbemittelter Leutnant, und Ihr Baier, bet alte General, besaß ebenfalls fein Vermögen. Bon ber Möglichkeit einer solchen Verbindung konnte unter solchen Verhältniffm erst nach nieten Jahren bie Rebe sein. Aber daran dachten wir nicht, auch dann noch nicht, als ber Freiherr Robert v. Darboren fich mit Ihrem Vater befreunbete unb jede Gelegenheit ergriff, um bie Gunst Adelgundes zu werben Ihre Mutter starb, für den General war das ein harter Schlag. Bon seinen Kinbem waren ihm nur zwei geblieben, Sie unb Abelgunbe, unb Sie eten damals höchstens zwei Jahre. Sell dem Tobe
tt Frau kränkelte ber alte Herr, ich begreife, baß er sein Enbe nahen fühlte, unb daß ihn das um bie Zrckunft seiner Kinder besorgt machte. Er hinterließ ihnm toenig ober nichts, fie beburften beide noch einer ftarfro Stütze, unb biefe Stütze war gefunden, als der Baron von Darboren um die Hand Adelgundes warb. Ich darf und will Ihrem Baier keinen Borwurf machm, Darboren war nicht nur ein sehr reicher Herr, sonder« auch ein Ehrmmann in des Wortes vollster Bedeutung. Und Adelgunde liebte ihren Vater
vativen auf 24 Sitze, die in der darauf folgen- den, auch nicht wesentlich, nämlich auf 10 und 31 erhöht wurden. Dann vereinigten fich beide Fraktionen wieder zur Konservativen Partei, und diese gewann in der 14. Periode 1879/82 von den vorhandenen 433 Mandaten 110, in der 15. Periode 122, dann 133, hierauf 129 und in den beiden letzten jedesmal 144 Sitze. Die freikonservative Partei besaß 1866/67 17 Mandate. Die höchste Zahl hatte fie mit 65 in ter Periode von 1894/98 erreicht, in der letzten zählte fie 58 Sitze. Die nationalliberale Fraktion hatte am Ende der 10. Legislaturperiode int Jahre 1870 99 Mandate und konnte fie 1873/76 auf 174 steigern. Schon in der nächsten Periode sank die Zahl auf 169, in der darauffolgenden auf 85. Den tiefsten Mandatsbestand erreichte die Partei 1882/85 mit 66 Sitzen. Dann ging es in der nächsten Periode auf 72, in der darausfolgenden auf 86 Mandate hinauf, wonach wieder Rückgänge auf 84und 75 folgten. Das Zentrum, das als solches in der 11. Legislaturperiode 1870/73 es auf 58 Mitglieder gebracht hatte, zählte schon in der 12. Periode 88, dann 89, 97, 99, 98, 95 und in der 19. Periode 100 Mitglieder. Die deutsche Fortschrittspartei, die in der Periode 1873—76 es auf 68 Mandate gebracht hatte, endete 1882 mit 38. In der nächsten Periode zog fie zusammen mit der Liberalen Vereinigung als deutsche Freisinnige Partei in das Abgeordnetenhaus und verfügte über 53 Sitze. Diese sanken in den folgenden Perioden auf 40 und 29 Sitze. In der Periode von 1894/98 waren Freifinnige Volkspartei und Freisinnige Vereinigung mit 14 unb 6 und in der letztm Periode mit 26 und 10 Mandaten vertreten. Die Polen besaßen in der Periode von 1866—67 unter den 352 Mandaten noch 21 ober nahezu 6 Prozent. Ihre Mandatszahl ist dann nie wieder auf dieser Höge gewesen. Bettächtlich gesunken war fie aber in der letzten, in ber 19. Legislaturperiode, wo fie nur 13 oder von den vorhandenen 433 Mandaten gerade 3 Prozent ausmachte.
($?) „Das Ende des Freifians" prophezeit der .Vorwärts' mit Rücksicht auf die Weigerung der Freisinnigen, fich mit der Sozialdemokratie bei den Landtagswahlen zu verständigen. Drohend erklärt er: „Rein freisinniger Abgeordneter wird mit unferer Hilfe in den Landtag kommen, sofern nicht unsere bescheidenen, allzu bescheidenen Bedingungen erfflllt werden. Mag denn das Ende des greiftntt8 kommen!" An ein Bündnis habe die Sozialdemokratte nie gedacht; sie wolle nichts anderes als em Zusammengehen nach Maßgabe der Ergebnisse der Wahlmännerwahlen. Insofern genüge der Beschluß der Freisinnigen Vereinigung vollständig. Seine Halbheit bestehe lediglich darin, daß er keine bindende Parteipflicht darstelle, sondern die Verantwortung und Entscheidung auf die lokalen Organisationen abwälze. Die naive Unverschämthett, daß die stärkste Partei der kleinsten Partei ohne Gegendienste Wahlhilfe leiste, fei zu lächerlich als daß darüber weiter geredet zu werden brauche. Die Rörrige Natur, ich war eS geworben durch bie vielen Enttäuschungen unb durch die Vernichtung meiner schönsten Hoffnungen. Ich wurde hierher in bie Stabt versetzt; es lag mit wenig daran, der Gedaicke an das Wiedersehen mit Adelgunde ließ wich katt. Wir waren kaum hier, als der Baron v. Darboren plötz- lich starb; kurz vorher hatte ich mit Adelgunde eine flüchtige Begegnung im Theater gehabt. Ich bedauerte die junge Witwe, aber ich dachte nicht daran, ihr einen Besuch zu machen, ich ahnte auch nicht, daß Adelgunde die genauesten Erkundigungen über mich einzog und infolgedessen von allen meinen Verhältnissen Kenntnis erhielt.
Ein halbes Jahr wat nach dem Tode ihres Mannes vei strichen, als ich ihr wieder begegnete. Sie hatte mich ausgesucht, fie kannte die Wege, auf denen ich jeden nachmittag spazieren ritt; zn Pferde kam fie mir entgegen. Sie machte mir Borwürfe, daß ich fie vetgeffen habe, ich verteidigte mich, und ich will es nur gestehen, daß ihr Anblick die allen Erinnerungen und mit ihnen auch die Liebe wieder in meiner Seele weckte. Wir tarnen nun täglich zusammen, in ihrem Schlöffe durste ich fie nicht besuchen, fie fürchtete, ihr guter Ruf könne darunter leiden, unb vor allem fürchtete fie bie Jntriguen ihres Schwagers, ber als Vormund ihres Sohnes von Haus Eichenhorst bereits Besitz ergriffen hatte. Sie haßte diesen Schwager, über dessen Herrschsucht und Leidenschaftlichkeit fie sich bitter beklagte, fie klagte mir oft, daß fie fürchte, er werde fie und ihr Kind um das Majorat betrügen. So verstrichen Monate, Adelgunde kannte bie zerfahrenen Zustände in meinem Hause, fie beklagte mich, und ihre Tellnahme war mir zu lieb, als daß ich fie hätte znrückweisen mögen. Da sagte fie mir eines Tages, ihr Schwager habe um chre Hand geworben. Sie hatte den Amrag abgelehnt, mir aber bot fie bei dieser Erklärung ihre Hand an. Ich antwortete selbstverständlich ablehnend und berief mich darauf, daß ich eine Gattin und ein Kind habe. Adelgunde war empört über meine Antwort und von
Sozialdemokratte werde dem Freisinn auch zeigen daß selbst unter dem öffentlichen Wahlrecht sie soviel Wahlmänner aufzubringen vermöge, um das liberale Bürgertum vor die Entscheidung stellen zu können, ob es parlamentarisch verschwinden ober dem Proletariat sein Recht zuteil werden lassen wolle. Bei den Abgeordnetenwahlen habe der Freifinn Gelegenheit, zu zeigen, ob ihm der Kampf gegen die "Reaktion Ernst sei. Er solle nur rechtzeüig dafür sorgen, daß er Wahlmänner aufstelle, die sich entschließen könnten, auch einen Sozialdemokraten zu wählen. Sonst sei es nach den Urwahlen zu spät, das Verhängnis abzuwehren. Ein sozialdemokratischer Wahlmann, der entgegen den bindenden Beschlüssen ohne Gegenleistung für die Freisinnigen stimmen würde, würde keine Minute mehr in der Partei bleiben können. Die Sozialdemokratte habe ihr letztes Wort gesprochen, fie werde es unter keinen Umständen widerrufen. So stark hoffe sie wenigstens zu sein, daß sie mit der feigen und verräterischen Freisinns-Gesellschaft aufräumen könne, die nicht einmal den Mut beweisen würde, der stärksten deutschen Partei, die ein schamloses Wahlsystem in Preußen entrechte, ein paar Mandate zu sichern. — Das scheint ja wirklich Ernst zu werden.
** In Mittweida (Sachsen), wo infolge des Rücktritts des durch die revisionistischen Zänkereien aus dem Gleichgewicht gebrachten früheren Pfarrers Göhre bekanntlich eine Neuwahl zum Reichstag bevorsteht, sollen die „Genossen" die abermalige Kandidatur Göhres planen. Demgegenüber verlautet, daß die sozial- demokrattsche Parteileitung die Absicht hat, Antrick oder Dr. Karl Liebknecht kandidieren zu lassen.
** Einen „Agitations-Kalender" hat sich der .Vorwärts' jetzt beigelegt. Die Erfahrungen der letzten Reichstagswahlen hätten ihm, sagt er, den Gedanken nahegelegt, die Unsumme des Agttationsmaterials, das die Gegner der Sozialdemokraten mit so freundlicher Bereitwilligkeit lieferten, durch vierteljährliche Zusammenstellungen einigermaßen zu bewältigen. „Es handelt sich um große und kleine, auffällige und unauffällige Ereignisse der Oeffmtlichkeit, die alle das Eine mit einander gemeinsam haben, daß fie für den bestehenden Zustand der Dinge von symptomatischer Bedeutung sind." Der heute veröffentlichte erste „Kalender" dieser Art umfaßt die Monate Juni brs September und füllt anderthalb Seiten. Das Agitationsmaterial ist unter folgende Rubriken angeordnet: „Gegendas Reichstagswahlrecht" (Das „Komplott" Giesebrechts u. a.), „Aus dem bürgerlichen Lager" (Pommern- bankprozeß usw.), „Wozu man Geld hat, wozu man keins hat", „Gerichtliches" (Fälle von Klassenjustiz), „Gendarmen und Polizisten", „Aus Heer und Flotte" (Soldatenmißhandlungen, Fall Hüffener), „Wilhelm H." (Vanderbilt in Danzig, Metzer Bouillonquelle, Kasseler Rede), „Aus der Chronik der Majestätsbeleidigungsprozesse'', „Soziale Streiflichter", Es läßt fich nicht leugnen, daß der Kalender viel „werwolles Material" enthält, das der Sozialdemokratie aus der „bürgerlichen Gesellschaft" geliefert worden ist.
diesem Tage ab begann das rätselhafte Treiben, ba8 ibr bann ben Namen ber tollen Baronin eintrug Sie mar batb in ber Stabt, um bort baS Gelb mit vollen Hänben fortzuwerfen, halb durchstreifte fie jft Pferbe Tag unb Nacht ihre Wälder; ihr leidenschaftliches Temperament und bie innere Unzufriedenheit ließen ihr nicht Rast noch Ruhe mehr. Wir kamen jetzt seltener zusammm; geschah eS, so mußte ich bie bittersten Vorwürfe Horen, Borwürfe, bie in mir bie Vermutung weckten, daß baS Urteil ber öffentlichen Meinung begründet sein müffe."
„Unb boch war biefe Vermutung falsch," warf Hermann ein. „Nach meiner Ueberzeugung hatte Baron Kurt bieseS Urteil gemacht, um die Ueberführung meiner Schwester ins JrrenhauS vorzubereiten. Adelgunde war innerlich unzuiriedm und unglücklich; fie war in der Tat eine leidenschaftliche exzenttische Natur, ihrem Schwager stand fie feindselig gegenüber, an dem Jugend geliebt en hoffte fie eine starke Stütze zu finden. Diese Hoffnung schlug fehl, und überdies war ihr Stolz tief beleidigt dadurch, daß Sie ihren Vorschlag so schroff zurückgewiesen hatten. Dar erklärt manches, aber leider dachte an diesenatürliche Erklärung niemand, als fie in bie Irrenanstalt gebracht wurde."
Der Rittmeister blickte ihn starr an, Bestürzung unb Entsetzen spiegelten fich in seinen Zügen.
„Sie glauben also, daß Abelgunbe nicht krank ge- toefen sei?" fragte er mit bebenber Stimme.
„Haben Sie damals nicht an diese Möglichkeit gedacht?"
„Nein, Herr Doktor. AIS ich erfuhr, daß fie in die Heilanstalt gebracht wordm war, suchte ich ihren Hausarzt auf; er gab mir die Versicherung, daß ihr Geist gestört fei, er sagte mir auch, daß er an eine vollständige Heilung ihres Leidens nicht glaube. Und wäre es anders gewesen, was hätte ich tun können, um fie aus jener Anstalt zurüi^uholen? Ich würde fie und mich kompromittiert haben, ohne meinen Zweck zu erreichen; das aber mußte ich meiner Frau unb meines Kindes wegen vermeiden. Und offen gr-
zu sehr, als daß fie feinen Bitten bätte widerstehen könnm, fie erkannte, wie ausfichtSloS unsere Liebe war, und daß fie ihrem Bruder gegenüber ernste Pflichten zu erfüllen hatte. Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn Ihr Vater versucht hätte, fich du^ch Drohungen ihren Gehorsam zu erzwingen, benn Abelgunbe war im Grunbe genommen eine trotzige, leidenschaftliche Natur, aber feine Bernmistgründe unb seine Bitten im Verein mit ihrer Kinbesliebe sicherten ihm halb ihre Zustimmung. Es war ein harter Kampf zwischen Liebe unb Pflicht, ben das junge Herz kämpfen mußte. Meine Ehre unb mein Gewissen geboten mir, allen Wünschen unb Hoffnungen zu entsagen unb bem Hause des Generals dm Frieden zu erhaltm."
Der alte Herr machte eine Pause; mit entern schweren Seufzer hotte er eine Zigarre aus ber Tasche, seine Hand zitterte, als er sie anzündete.
„Borbeik" fuhr er fort, „laß fahren dahin, laß fahren! Adelgunde heiratete ben Baron unb erleichterte badurch ihrem alten Vater das Sterben, den wir scron bald nach ber Hochzeit zu Grabe trogen. Ich ließ mich versetzen; nur bann unb wann erhielt ich von anberro Personen Nachrichten über Abelgunbe, man wußte nichts anderes, als daß fie mit ihrem Gatten glücklich lebe. In meiner neuen Garnison lernte ich eine junge Witwe kennen, für die ich mich bald interessierte. Sie war jung, schön und ver- mdgrob, ihre Blicke unb gelegentlichen Aroßerongm verrieten mir, baß fie mich liebte; meine Samer oben neckten mich mit ihr — kurz ich machte meinen Antrag unb wttrbe angenonmi n. Es war keine glückliche Ehe, lieber Herr; ich muy Ihnen bas sagen, bamit Sie, was nun noch kommt, nicht mißverstehen. Meine Frau war kokett und vergnügungssüchtig, unsere Charaktere paßten nicht zu etnanber, ba konnten Disharmonien nicht ausbleibm, die plötzlich eine wette Kluft zwischen uns riffeu. Die Schuld mag wohl auf beiden Setten gelegen haben, ich mache mich nicht frei davon; ich hatte in mancher Beziehung nachgiebiger sein können, aber ich war eben auch eine
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Druck und Verlag der Zuldaer Actiendrockere- Htowrtsbeflage: „Huldaer EeschichtrblAter". Zerosprecher Nr. 9.