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30. Jahrgang

fltldd, Donnerstag, den 8. Oktober 1903.

M 230

krscheint tägkich, mit Lurnahme der $onn= »d Feiertage, viertel- zghrl. Serugrpreir ,hae vringerlohn und vtfieLgeld in Fulda und tusroärts \ Mt. 50 ptfl-

rchriftleitenZos.Saum

3. parzeller^in Fulda. Wochenbeilage: „Illustrierte $onntags$eitung“

»n,eigen: Vie ein- fpelti« prtitzeile oder deren Raum 15 psg. ReNamen di« petitzeU« 25 pfg.; bei wieder» Holungen wird entspr. Rabatt gdwShrt.

vruck und Verlag d« Fuldaer Acttendruckerei in Fulda (Harmonie) Fernsprecher Rr. 9.

Zeitung

monatsbdlage: „Fulda« GeschlchtsblStt«".

)!( Die Kanatooriage

regt seit einigen Wochen die liberale Preffe wieder gewaltig auf. Alle paar Tage kommt eine neue „zuverlässige" Meldung über den Stand der Dinge. Sie lauten fast alle für die Kanal­schwärmer sehr trostreich, nur daß sich auch rast alle einander widersprechen und des­halb keine Beruhigung aufkommen taffen. Daß das Mittellandkanal-Projekt in der nächstenTagung des Landtags vorgelegt werden soll, soll ja fest­stehen, nur bleibt es ungewiß, in welcher Gestalt. Die liberale Preffe ist in nicht geringen Schrecken versetzt worden durch die Meldung, eine wasser­wirtschaftliche Vorlage, die Maßnahmen zur Verhütung von Ueberschwemmungen enthalte, werde eingebracht werden und „im Prinzip" werde diese auch die Bewilligung des Mittellandkanals aussprechen. Dieses „im Prinzip" gibt nun aber nicht die geringste Gewähr, daß der Kanal auch wirklich gebaut würde. Denn das Geld zum Bau würde dann erst {röter gefordert werden und könnte natürlich fehr leicht verweigert werden. So stände der Kanal „im Prinzip" vielleicht noch eine kleine Ewigkeit auf dem Papier. Zur Sicherheit wird daher in liberalen Blättern ver­langt, daß mindestens mit dem Bau von Teil­strecken gleich begonnen werde.

Gefliffentlich wird von den Leuten, die sonst die Person des Monarchen „aus der Debatte gelaffen" wiffen wollen und sehr böse werden, wenn andere Leute sie für ihre Forderungen zu verwerten suchen, der Kaiser zu gunsten der Kanalvorlage ausgespielt. Es wird an seine früheren öffentlichen Aeußerungen er­innert und in allen möglichen Wendungen stets von neuem versichert, daß er an dem Mittel­kanal festhalle, persönlich die Wiederaufnahme der Vorlage betrieben habe, durch die Artikel der Preffe, daß die Vorlage tot sei und er kein Interesse mehr an ihr nehme, zum Einschreiten bewogen worden sei usw. In diesen Tagen soll in Berlin eine Konferenz von Oberpräfidentev der beteiligten Provinzen und von anderen Per­sönlichkeiten stattgefunden haben, die sich mit der wasserwirtschaftlichen Vorlage beschäftigt habe.

Wir können das weüere in aller Ruhe ab warten. Eins steht jedenfalls fest und wird den Liberalen in der offiziösen Preffe auch mit aller Bestimmtheit gesagt: wenn fie glauben, aus der Kanalvorlage eine politische Kampfvorlage, einen Zankapfel zwischen Krone und Landtag machen zu können, so irren sie. Die Regierung wird, wie das Graf Bülow schon im Jahre 1901 erklärte, die Kanalfrage lediglich von wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus behandeln, nicht aber als polittsche Partei- und

Der Hexenpater.

Erzählung auS bet Zeit des dreißigjährigen Krieges. Bon Antonie Haupt.

31 ------ (NaHrruü verboten.)

(Schluß.)

Daukmar, Du weißt, daß ich keinen so gern als Eidam begrüße, wie Dich, doch fürchte ich, daß es jetzt mitten im Kriegslärm schwerlich Zett zur Hochzeit sm, dürste. Ernst und düster hegt die Zukunft vor unS. Wenn wir auch hier augenblicklich der lästigen Franzosen Herr geworden sind und den Landesbedrücker, den „schwarzen Kurfürsten" gefangen haben, so ist die Lage unseres Erzst steS doch bedenklich: kriegerische Gefahren drohen von allen Britin; ich sehe schwere Tage für uns voraus."

„Erlau t, Herr von Zandt", mischte sich der Pater ein. „Meines BedünkenS ist es darum rechte Zeit zur Hochzeit. Freilich, wer die Trauung als den An­fang einer gar luftigen, ungetrübten Zeit ansieht, dar nicht heiraten. Aber wer mit dem rechten Ernste in die Ehe tritt, dem verleiht das „große Sakrament", wie es der heilige Paulus nennt, auch höhere Kraft. Gebt die jungen Leute, deren Herzen sich fanden, zu­sammen. Sie werden einander m diesen wildbewegten träten Zeiten gegenseitig Halt und Stütze sein. Er wird ihr Beschützer sein mit starkem Arm, und fie wird ihm zur Seite stehen mit klugem Rat und zarter Fürsorge. Warum sollen die Beiden getrennt bleiben, bis der politische Himmel fich wieder sonnig verklärt! DaS möchte dauern bis fie alt und grau geworden. Erteilt nur Eure Zustimmung."

Na, da widerstehe rin anderer, wenn Pater Spee dm Frriwerher spielt!" rief Herr von Zandt halb lachend, halb gerührt. „So hriratri mattes Namm, Kinder. Steinen Segen sollt Ihr taten. Er umarmte das Brautpaar.

„Vater Spee, wie soll ich Euch danken? fragte der überglücklich? jur ge Graf.

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Veukcfter Zeich

Ausland

* Paris, 7. Ott. 1903. Wie die ,Agence Havas' meldet, wird auf eine von Italien an die Mächte gerichteten Einladung in Paris eine internationale Konferenz zusammentreten, um die Vorschriften zur Verhütung der Aus- breüung der Pest und Cholera in Europa und im Orient zu ergänzen.

* London, 7. Ott. 1903. Bon der hiesigen japanischen Gesandtschaft wird mitgeteilt, die japanische Regierung sehe gegenwärtig kein en Grund, irgendwelche kriegerische

früheren und sie rein sachlich prüfen. Zu einer Pattei - Angelegenheit kann sie die Frage schon deshalb nicht machen, weil die Jntereffen der verschiedenen Landesteile gegenüber dem Kanal verschieden sind. Sie wird deshalb auch jedes Mitglied, wie das überdies schon nach den Grund­sätzen der Frattion selbstverständlich ist, nach eigenem Ermessen stimmen taffen. Wenn aber die Liberalen fortfahren sollten, die Kanal­vorlage patteipolitisch zu verwetten, so werben te ihrer Sache beim Zentrum nur schaden, denn >ann kommt namentlich für die Mitglieder, die der Vorlage von Haus aus neutral gegenüber- tehen, für ihre Entscheidung auch das nicht wenig in Betracht.

Der Ordensmanu lächelte: \

„Dadurch, baB Ihr mir recht viel für meine armen Gefangenen bewilligt."

„Verlangt, soviel Ihr wollt, ich möchte die ganze Welt beglückm". rief Keffelstatt feurig. „Aber teurer Later", sein Mimen würben ernst, ich bitte Euch um Euret- und unseretwillm, schonet Euer kostbares geben. Mau sagt mir, daß eine furchtbare Seuche in dm übervölkerten Lazaretten ausgebrochm sei, und dennoch eilt Ihr Tag und Nacht von einem Kranken- hause zum andern. Dieser Aufopferung ist Euer Körper nicht gewachsen."

„Ich tue, was meines Amtes ist. Mein Sehen aber steht in Gottes Hand. Es geschehe, wie er will, ich fürchte mich nicht", versetzte Pater Spee ruhig.

♦ *

Drei Monate später, als die Rosm endlich blühtm, fand in der Liebfrauenkirche eine Feier statt, an welcher ganz Trier regen Anteil nahm. Die jüngste Tochter des Zandt'schen Hauses, die durch chrm Heldenmut geradezu volkstümlich gewordene Jungfrau Jfengard, wurde daselbst dem leutseligen, allgemein beliebten Grafen Keffelstatt angetraut, während am selben Tage deren Schwester, die schöne Jutta, als Braut des Himmels in das Jrminenkloster eintrat.

Zwei Bräute in Kranz und Schleier führte der greife Vater zum Altar. Ein Flüstern der Rührung, ein Murmeln der Bewunderung ging durch die Reihen der Kopf an Kopf fich drängmdeu Zuschauer, als die hohe Gestalt des Freiherr« in der Mitte der gleich geschmückten bräutlichen Jungftaum durch die Kirche schritt. Man wußte nicht, welche schöner und lieb­licher sei, die dunkle glutäugige Jsmgard in ihrer strahlenden Majestät, oder die lichtblonde anmutige Jutta, deren blaue Augensterne sittsam und bemütig fich zur Erde senttm.

Trotz der schlimmen und traurigen Zeiten war das Hochzettsaesolge nicht klein: die Zandt von Merl» und die KeffelstattS hatten große Sippschaft rm «bei des Landes So wurde den Trierern der lange nicht mehr gebotene Anblick stattlicher, gediegener Pracht- enttaßung zu teil. Inmitten des Glanzes und der

Schönheit, woran die Augen fich nicht sättigm tonnten, vermißten alle einen Hochzeitsgast.

„Wo ist Vater Spee? Er dürfte auch bei der Freude dieser Familie, deren Leid er tragen hals, nicht fehlen", so flüsterte man.

„Vater Spee liegt feit gestern auf d.m Kranken­lager darnieder. Tie böse Seuche, in der er so Manche bis zum Tode gepflegt, ergriff ihn selber", so wußte einer zu berichten.

AIS der Domherr Ludwig von Zandt jetzt vor dm blummgeschmückten Altar trat und die heilige Hand­lung begann, herrschte atemlose Stille; voll Andacht lauschten alle den herzbewegendm Sorten des Priesters. Nachdem das feierliche „«men" vom hohen Spitzbogengewölbe niedergeklungen, war der Augen­blick gekommen, in welchem die Schwestern Abschied nahmen, denn die Himmelsbraut verschmähte eS, an der weltlichen Hochzritsfrier teilzunehmm.

Es war rin rührender Anblick, der manchem Auge Tränen entlockte, als die Jungftauen fich umarmten und küßten. Aus Juttas Antlitz leuchtete reiner ver­klärender Seelenfriede. Jsmgards Auge glänzte tto, alles bräutlichen Glückes in feuchtem Schimmer. Wa - die Beiden einander zuflüsterten, vernahm ftrilich keiner, doch ahnten diejenigen recht, welche glaubten, daß es Segenswünsche seien, und daß die Schwestern einander verficherten, wie unendlich glücklich fie in diesem Augenblick fich liUjlten.

Nachdem Jutta auch von den Eltern Abschied ge­nommen und fich deren Segen erbeten hatte, geleitete der Bruder, welcher eben den Segen der Kirche über die Nmvermählten gesprochen hatte, der Domkapttlllar Ludwig von Zandt, fie nach dem St. Jrm nmhause, ihrem zukünftigen Heim-

Der HochzeüSzug mit dem Brautpaar an der Spitze verließ die Liebftauenkirche, um fich nach der gegenüberliegenben Burg Keffelstatt zu begeben. Graf Kafirnir hatte im richtigen Zartgefühl dm dringenden Wunsch geäußert, die Vermählung seines Sohne» in der Wernburg begehen z» dürfen. So tat Jsmgard

Ehrenämtern der Partei handelt, ist Sache der Parleigenoffen der betreffenden Kreise. Deshalb verurteilen die Unterzeichneten auf das schärfste das Vorgehen einzelner Parleigenoffen, über den Kops der am meisten Jmereffierten hinweg, ohne genügende Kenntnis der einschlägigen Verhältnisse, Ankläger und Richter in einer Person zu fein. 3) In der Angelegenheit des Genoffen Heinrich Braun wird in allernächster Zeit ein Schieds­gericht des Wahlkreises zusarnmentrettn und fern Irteil auf gründ alles zugänglichen Materials ällen.

• Berlin, 7. Ott. 1903. Der Kaiser besichtigte gestern das Ordensschloß in Marienburg unter Führung )e8 Geheimen Baurats Stein brecht. Die Abfahrt nach Hubertusstock erfolgte um 1'/- Ubr nachmittags. Die Kaiserin und Prinz Adalbert haben sich bereits gestern abend 71/. Uhr mittels Eonderzuges nach Hubertusstock begeben. - Die beiden Söhne des Prinzen Friedrich Leopold vonPreußen, Prinzen Friedrich Stegis- mund und Friedrich Ra,!, werden, der ,Post' zufolge, Ende dieses Monats von Potsdam nach Naumburg a. S. übersiedeln, um vom 1. November ab im dortigen Kadettenhause ihre weitere Ausbildung zu erhalten. Während ihres Aufenthaltes daselbst werden bte jungen Prinzen mit ih.em Militärgouverneur Grafen v. Still­fried und Rattowitz und dem Zioilgouverneur Wangels­dorf im Pfarrhaufe der Naumburger Kadettenanfiatt Wohnung nehmen. — Der Bundesrat hält morgen eine erste Sitzung nach der Sommerpause ab und wrro ich darin u. a. auch mit der Frage wegen Ernennung eines neuen Reichsgerichtspräsidenten beschäftigen. Der Minister für Landwirtschaft Hatimnattonal­polttischen Jntereffe neue Mittel gewährt zur Bildmtg ländlicher Fortbildungsschulen m der Provinz Posen.-Der Kultusminister lä^ nach der ,N. P. K.' durch die Bezirksregierungen bis zum 15. Oktober eine Liste aufstellen, in welcher die wegen Mangels an Lehrern unbesetzten.Lehrer- stellen anzugeben find. Lehrer, die ihrer einiahrigen Militärpflicht genügen, find dabei nicht zn berücksichtigen. -Der Minister Budde beabsichtigt, nachdem er sich auf der vor kurzem angetretenen Reise nach Schlesien über die Eisenbahnverhältniffe dieser Provinz eingehmd informiert haben wird, nach der Provinz Posen unb hierauf nach West- und Ostpreußen zu fahren, um m allen diesen Provinzen die gleichen Besichtigungen vor­zunehmen.

* Meiningen, 7. Okt. 1903. In den sachsen-meiningenschen Landtag smd 7 Sozialisten, 2 Nationalliberale, 1 Freisinniger, 3 Parteilose und 2 Agrarier gewählt worden. Außerdem findet eine Stichwahl statt.

Machrftage. Die Nattonalliberalen dürfen daher auch nicht auf die Erfüllung ihres Wunsches rechnen, daß die Regierung den Mittellandkanal tur Wahlparole nehme. Ihnen ist der Kanal ängst nicht mehr ausschließlich als wirtschaft­liches Verkehrsmittel von Wert, sondern vor­zugsweise als Mittel, die Konservativen mtt der Regierung zu verfeinden und selbst obenauf^zu gelangen. Davon zeugt noch ihr Wahlaufruf von Hannover. Aber sie muffen sich dann inden: Parteigeschäfte sind mit dem Kanal nun einmal nicht zu machen.

Ob im nächsten Landtage he Verhältnisse für den Kanal günstiger sein werden, laßt sich jeute noch nicht mit Sicherheit beurteilen. Wabr- cheinlich ist es nicht. Die Konservativen werden zweifellos auch im neuen Abgeordnetenhause bte Entscheidung in der Hand haben. Daß fie an­deren Sinnes geworden seien, hat man bisher nicht gemerkt. Man sieht nur, wie sie in ihrer Preffe nach baldiger (Anbringung einer wasser­wirtschaftlichen Vorlage ohne den Kanal drängen. Ob die Erledigung ihrer Wünsche sie milder stimmen wird, muß man abwarten. Graf Bülow und die übrigen Mitglieder der Re­gierung werden es ja an Anstrengungen, dem Kanal eine Mehrheit zu verschaffen, nicht fehlen taffen. Dazu find sie schon aus Rücksicht auf den Kaiser genötigt. Aber wenn es nicht gelingt, werden sie nich: gleich alles Porzellan entzwei- schlagen. Es würde ihnen ja doch nichts nützen.

Unvorsichtige Freunde des Kanals, d. h. Geg­ner der Konservativen, haben deshalb gegen den Grafen Bülow vom Leder gezogen, weil er sich doch nicht ernsthaft für den Kanal bemühen werde. So lange er Minister - Präsident sei, werde der Kanal nicht gebaut werden, meint die .Franks. Ztg.'; da müffe erst der Wind aus einem ganz andern Loche so pfeifen, daß _ gewissen Leuten Hören und Sehen vergehe. Also: Kaiser, jage den Grafen Bülow fort, denn der ist ein Hemm­nis für Deinen Mittelland - Kanal. Die ,Nat.- Ztg/ ist ob biefet unklugen Ministerstürzerei ganz erschrocken. Die Frankfurter Kollegin stelle sich damit in den Dienst der Konservativen und Scharf­macher, die ebenfalls mit allen Mitteln ans einen Wechsel an leitender Stelle hinarbeiteten. (Neben­bei bemerkt: Die,Kreuzztg/ gibt zu, daß „einige agrarische Kreise und auch leider vereinzelte Kon­servative auf Mnsetzung eines andern Minister- Präsidenten drängen," erklärt aber, konservativ sei dies Verhalten nicht und die Partei müsse es sich verbitten, für solche Wünsche verantwortlich gemacht zu werden.) Die Warnung ist ganz am Platze. Denn mit der Ministerstürzerei nützt man weder dem Kanal noch der Parteisache der Kanal- freunde.

Die Zentrums-Fraktion weist bekannt­lich in ihrem Wahlaufrufe, getreu ihrem bisherigen Verhalten, jeden Versuch, die Kanalfrage aus dem rein wirtschaftlichen Gebiete auf das politi­sche hinüberzuspielen, zurück. Sie wird einet etwa im nächsten Winter wiederkommenden Kanal­vorlage so unbefangen gegenüberstehen, wie der

Berlin, den 7. Oktober 1903

? Befähigungsnachweis für Abgeord­nete. Die .Kölnische Volkszeitung' vom 7. ds. enthält einen beachtungswerten Vorschlag betreffs der Auswahl von Kandidaten für die Abgeord­netenwahl; fie schreibt: „Vor allen Dingen muß und soll der Kandidat aus feine persönliche Fähigkeit und Arbeitstüchtigkeit geprüft werden." — Ein ähnlicher Vorschlag, die Kan­didaten erst einer Prüfung, hinsichtlich ihrer Be- ähigung, zu unterwerfen, ist schon früher ge­macht worden und soll auch in Regierungskreifen Beachtung gefunden haben, sodaß man wahr- cheinlich bei Einführung der Präsenzgelder für den Reichstag daraus zurückkommen wird.

* Vom sozialdemokratisch en Kriegs fchauplave. Mü der Mandatsniederlegung Göh res »cheint in seinem Wahlbezirk ein großer Teil der „Genoffen" gar nicht zufrieden zu sein; sodaß fich dieser Zwiespalt bei der Nachwahl für die Sozialdemokratie unangenehm fühlbar machen dürste. „Es kann gar keinem Zweifel unterliegen", schreibt die .Chemnitzer Volks­stimme', daß die Sozialdemokratie des 16. Kreises Göhres Rechtfertigung anerkannt und die in der Form ganz unanständige wie in der Sache unberechtigte Kritik seiner Person mit der ge­bührenden Deutlichkeit mißbilligt hätte." Der »Vorwärts' veröffentlicht heute wieder drei „Er­klärungen" darunter eine aus dem Wahlkreise des Herrn Heinrich Braun. Diese stammt von den „Vertrauensleuten" und lautet: 1) Die als Folge des Dresdener Parteitages in der Preffe und in Versammlungen zum Ausdruck gekommene Verhetzung der Parteigenoffen zer­rüttet das Parteileben und ist geeignet, die bis­herige Einheit der Partei zu zerstören. Wir protestieren gegen efn solches Vorgehen auf das entschiedenste und fordern unsere Gevoffen im Lande auf, fich unserm Protest anzuschließen. 2) Die Beurteilung aller Fragen, in denen es sich um die Würdigkeit bestimmter Genoffen zu

kreise machte, wurde den Ellern am Freudentage nicht so fühlbar, als wenn das Hochzeitssest in derKönigs- butg gefeiert worden wäre.

Einer der Gäste, einer, welcher voll reger Teil­nahme der Trauung h der Liebfrauenkirche bei» gewohnt, schlich am Portale der Keffelstattischen Burg leise hinweg. Er vermochte eS nicht, mit traurigem Herzen fich unter die fröhlichen zu mischen. Es war Kunz von Urnbscheiden.

16. Seliger Tod.

Ade zu tausend Jahren, O Well zu guter Nach:! Ade, laß mich nur fahren. Ich hab' Dich längst verlacht. In Jesu Lieb' ich lebe, Sag's rund vom Herzensgrund, In lauter Lust ich schwebe. Wie sehr ich auch bin wund.

Spee.

An einem sonnigen Augusttage kehrte der junge Gras von Kesselstatt und seine Gemahlin mit dem Gefühle innigster Befriedigung von der Hochzeitsreffe in die Vaterstadt zurück. Dankmar war mtt seiner heißgeliebten Gattin nach den weitverzweigten Gütern der Familie gereift. Jfengard sollte die Keffelstattischen Befitztümer sehen, die Leute dagegen ihre junge Herrin kennen lernen. Mit steudiger Begeisterung war daS Paar überall empfangen worden und voll hohen Glückes war Dankmar Zeuge, daß der hold­seligen Jfengard die Herzen aller wie im Sturm zu­flogen.

„Nun endlich, meine Keine Hausfrau, sollst Du die Truhen und Schränke mit Seinem Linnen füllen, ich weiß, daß Du Dich schon lange rach dieser Be­schäftigung gesehnt hast", sagte der junge Ehemann lächelnd und setzte hinzu: „Herzlieb, ich vertaffe Dich auf kurze Zeit. Es drängt mich, unseren Vater Spee zu besuchen."

Er zog die geliebte Gattin an sein Herz unb