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30. Jahrgang.
jhilM Mittwoch, Den 7. Oktober 1903.
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Veutsches Reich.
Berlin, den 6. Oktober 1903
* Der protestantische ,Reichsbote^ weiß bekanntlich in katholischen Dingen weit besser Bescheid als die Katholiken selbst. Das zeigt er heute wieder in einigen Bem.rkungen zu der päpstlichen Enzyklika. Mir einem bei ihm sehr befremdenden Wohlwollen bemerkt er zunächst, das Rundschreiben mache im Vergleich mit den Rundschreiben früherer Päpste einen guten Eindruck; der Papst zeige sich als eip ernster Christ. Auffallend ist ihm, wie bescheiden der Papst nur in so allgemeiner Weise Freiheit für die Kirche verlangt. Nachdem er hierüber seine Meinung ausgesprochen hat, fährt er fort: „Die Jesuiten und Ultramontanen, die bisher keinen Finger breit von den alten Forderungen der Wiederherstellung des.Kirchenstaats wichen, werden große Augen machen, wenn sie das lesen, auch die anderen Worte von der Wiedergewinnung der Abgefallenen durch Belehrung und geduldige Liebe, die nicht das ihre sucht, sind sehr verschieden von der Art, wie noch Leo XIII die Ausrottung und Vertreibung der Ketzer aus Rom forderte. Auch die Art, wie er die Person Christi in den Mittelpunkt stellt, entspricht keineswegs der katholischen Praxis, sodaß man durch das Rundschreiben den Eindruck gewinnt: Der Mann scheint als Papst seinen Beruf verfehlt zu haben, er hatte nach Ablegung einzelner katholischer Gewohnheiten in Worten und Werken ein ganz vortrefflicher evangelischer Generalsuperintendeut werden können. Es sollte uns wundern, wenn man nicht auf katholischer Seite, wenn man unter sich ist, so über den Papst auf gründ seines schönen Hirtenbriefes urteilen wird. Aber man muß auf die Taten warten, welche auf diese Worte folgen. Sind sie ernst gemeint, dann wird der Papst einen schweren Stand haben; denn die jesuitischen Kreise, welche bisher im Papsttum herrschten, werden schwerlich auf diesen Standpunkt des neuen Papstes hinüber- treten." Irgend etwas zu diesei .Reichsboten'- Weisheit — die man auch Unverfrorenheit nennen könnte — zu bemerken, ist wohl überflüssig. Das Pastorenblutt verrät damit nur wider Willen von neuem, daß es von katholischen Dingen nichts versteht.
§ Ueber eine Unterredung des Reichsschatzsekretärs Frhr. v. Stengel mit dem Vorstande des Verbandes deutscher Bankbeamtenvereine, in der die Frage der Börfengesetzreform erörtert wurde, wird berichtet: Der Sprecher der Deputation wies auf die Uebelstände, die durch die Börsengesetz, und Börsensteuern ganz allein hervorgerufen worden sind, hin, besonders auf
Der Hexenpater.
Hyähkmg aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges.
Von Antonie Haupt.
30 ------ (Nachdruck verboten.)
„Willkommen Graf Kesselstatt!" lau'eie die Entgegnung. „Wie tönnt Ihr Beschämung fühlen, Ihr tatet das Eure, ich das Meine im Weinberge des Herrn. Eure Arbeit ist zu Ende, die Meine beginnt. Mir ist das gewohntes Tun, darüber staunt nicht; doch verwundert Euch mit mir, daß Jutta von Zandt, das verwöhnte Fräulein, ihre Pflicht darin erblickt, Verwundete zu pflegen und ihnen Trost einzusprechen. Sie ist so umsichtig und ebenso zur Pflege geschickt, wie die Schwestern im Sankt Jrminenhause. Sie wird, so Gott will, auch dort im Kloster verbleiben."
Des alten Torhüters Antlitz, der bald danach auf KeffelstattS Pochen die Königsburg öffnete, erheiterte sich beim Anblicke des Freundes der Familie.
„ „Vielmals gegrüßt, Herr Obrist! Ihr seid lange ausgeblieben. Ohne Zweifel bringt Ihr Kunde von den Söhnen und Töchtern der Kcnigsburg. Seit dieser Schreckensnacht hörten und sahen wir auch von unfern edlen Fräuleins nichts mehr. Alle Heiligen mögen ihnen beistehen!" so lauteten seine lebhaften Worte.
Der Graf stand betroffen.
„Daß Eure jungen Herren noch nicht heimkehrten, wundert mich nicht. Den Kurfürsten haben wir ge> fangen; so muß Herr Ludwig mit den anderen Domherren im Kapitel fitzen und beraten, was zu tun ist. Herrn Werner sah ich als Ortskundigen an der Seite des Statthalters von Luxemburg durch die Straßen reiten. Letzterer nimmt die Beschaffenheit der Stadt in Augenschein und befichtigl die Pforten. Fräulein Jutta, so erfahre ich soeben durch Vater Spee, weilt im St. Jrminenkloster und pflegt Verwundete. Aber Fräulein Jsengard", seine Stimme verschleierte fich,
die Mindererträgniffe der Börsenumjatzsteuer, die hervorträten, obwohl sich in Handel und Industrie seit etwa einem Jahre eine fühlbare Besserung bemerkbar mache. Nach Ansicht der im praktischen Leben stehenden Interessenten habe sich auf Grund der bestehenden Börfenvorschriften durch Mangel an Einkommen ein neues Proletariat gebildet, das für Staat und Reich um so bedenklicher sei, als es sich aus gebildeten Ständen zusammensetzt. Erwähnt wurde ferner, in wie hohem Maße der Kurs von einheimischen Staatsanleihen unter der Belastung von Umsatzsteuern sich ungünstig verändert habe. Staatssekretär Frhr. v. Stengel äußert sich in seiner Antwort ungefähr wie folgt: Für sein Reffort komme nur die Umsatzsteuer in Frage, während die eigentliche Börsengesetzgebung in das Ressort des Reichsamts des Innern fallen. Es fei auch ihm recht unerwünscht, daß die Umsätze an den Börsen in solchem Maße zurückgegangen seien. Ec persönlich fei aber der Meinung, daß für den Rückgang des Verkehrs nicht allein die Börsen- und Börsensteuergesetzgebung verantwortlich zu machen sei, sondern daß auch die allgemein ungünstige wirtschaftliche Lage der letzten Jahre daran Schuld trage. Es sei die Lage der Börse in anderen Ländern, in denen eine solche Gesetzgebung nicht bestehe, zur Zeit auch sehr unbefriedigend. Die Anwesenden könnten aber überzeugt sein, daß diese Frage mit Sorgfalt und Wohlwollen geprüft werde, und er persönlich sei, so weil sein Einfluß reiche, gern bereit, die auf eiligste Beseitigung bestehender Mißstände gerichteten Bestrebungen zu unterstützen. Dem Reichsschatzamte könne es nicht gleichgiltig sein, daß die Erträgnisse der Börsensteuer so gesunken seien. Der gegenwärtige Zustand sei für die Reichsfinanzen sehr bedauerlich und so gingen hier die Jntereffen der zunächst beteiligten Kreise mit denen der Finanzverwaltung in gewissem Sinne Hand in Hand. — Man darf den Herrn Börsianern wohl raten, an diese freundlichen Worte n'cht allzu überschwängliche Hoffnungen zu knüpfen.
* Schon der in Kraft befindliche Zolltarif von 1879 hat den Interessenten der Industrie und des Handels häufig genug Anlaß gegeben, auf die Notwendigkeit der bessere« Schulung und Ausrüstung der mit der Erhebung der Zölle betrauten Beamten hinzuweisen. Noch schwieriger werden sich die Verhältnisse gestalten, wenn der neue Zolltarif mit seiner weitgehenden Unterscheidung der zollpflichtigen Gegenstände in Kraft tritt. Um den daraus erwachsenden Schwierigkeiten zu begegnen, soll seitens der preußischen Verwaltung der Zölle und indirekten Steuern vor allem beabsichtigt sein, bei den bedeutendsten Zahlstellen einer jeden Provinz ein mit den erforderlichen Hilfsmitteln, auch mit einer Warenfammlung und einer Fachbibliothek ausgestattetes Laboratorium einzurichten, in welchem die Unterweisung der Beamten auf technischem Gebiete durch besonders oorgebildete Oberbeamte erfolgen soll. Für die Vorbildung der Oberbeamten soll der Bau eines größeren Laboratoriums und eines Hörsaales
„verstand ich recht, mein alter Freund, sagtet Ihr, auch Jsengard sei nicht in die Königsburg zurück gekehrt?"
Der Alte schüttelte traurig den Kopf.
„Ebenso wenig wie die andern? Welches Unheil mag ihr zugestoßen sein?"
Der junge Held erbleichte. Auf seine Brust legte es fich in beklemmender Schwere, vor seinen Augen flirrte es. Da war es wieder das atemraubende, herzlähmende Gefühl, welches ihn einmal im Leben überkam, als man ihm sagte: Deine Mutter ist im Sterben. Seine Hand tastete unsicher, wie um dort Halt zu suchen, gegen die Wand. Aber nur einen Augenblick war er schwach, im nächsten richtete er fich entschlosien empor.
„Ich werde sie suchen, ich werde ihr Hilfe bringen" bannt stürmte er fort.
Wohin? Wußte er es selber? Zu ihr, zu ihr, er mußte sie ja finden! Doch wo? Er hielt inne in seinem planlosen Vorwärtsstürmen, er schöpfte tief Atem und fuhr mit der Hand über die Stirn. Er suchte zur Besinnung zu kommen. Wie war es doch? Gesehen hatten alle die heldenmütige Jungstau am Moseluser und dann zuletzt im Zandt'schen Garten. Doch zuletzt? Ein Hoffnungsstrahl kreuzt sein Hirn. Himmel, so ist sie gar noch im Garten, ist einfach gefangen. Die Soldaten schlugen hinter sich die Pforte zu. O, daß so des Rätsels Lösung gefunden wäre! Mit klopfenden Pulsen eilt er der Mofl zu, steht er endlich vor der Gartenpforte. Ein Wehlaut drängt fich über seine Lippen — sie ist nur angelehnt. Dennoch scheint es Lm, als müsse er den Garten durchsuchen nach ihr. Bebend tritt er ein mit Bangen der Ungewißheit.
„Isa, Isa."
Keine Antwort. Nichts regt sich. An ihm wohlbekannten G.'büschen, an noch winterlich ttoMiem Strauchwerk eilt er zagend, ahnungsvoll vorbei, er durchspürt die Pfade auf und ab. Sein Auge richtet fich zur Erde. Da schimmert ein helles Gewand durch die Zweige. Mit verhaltenem Atem teilt er näher.
auf dem bei dem Hauptsteueramt für ausländische Gegenstände in Berlin befindlichen Packhofe eingerichtet werden. Die Lehrgänge an diesen Fachschulen würden längere Zeit dauern und der Unterricht nicht nur von Zollbeamten sondern auch von einzelnen Lehrern der hiesigen Hochschulen und technischen Instituten erteilt werden. Es darf erwartet werden — so meinen die,B. P. SJL', — daß auf dem einge- schlagenen Wege eine genügende Ausbildung der Zollbeamten für ihre ''erweiterten Aufgaben erreicht und damit auch zugleich den eigenen Wünschen der Beamten wie denen der Industrie und des Handels entsprochen werden nfird.
% Zu den preußischen Landlagswahlen hat der ,General-Anzeiger für die gesamten Interessen des Judentums' eine Parole für die Inden ausgegeben. In dem Blatte werden alle Parteien nur daraufhin angesehen, ob sie sich zu bedingungslosen Vor- kämpsern für jüdische Jntereffen gebrauchen zu lassen bereit sind. Das Zentrum und die Konservativen aller Richtungen werden natürlich ohne weiteres verworfen, dagegen wird die Sozialdemokratie als Bundesgenossin freundlich willkommen geheißen. Ausschlaggebend ist allein, daß der jüdische Einfluß in der Sozialdemo kratie ein so entscheidendes Uebergewicht hat. Darum wird die Sozialdemokratie als ein wertvoller Bundesgenosse begrüßt und die freisinnige Volkspartei mit dem herbsten Tadel bedacht, weil sie nicht ohne weiteres mit den Sozialdemokraten Hand in Hand gehen will. Zornig wird auf das „selbstherrliche" Regiment in den Reihen der freisinnigen Volkspartei gescholten, das „uns", d. h. doch wohl das Judentum, „schon io oft und so tief in die Patsche gebracht" habe. Die freisinnige Vereinigung dagegen erntet volles Lob, sie wird gepriesen, daß sie in den bisherigen Abgeordneten Wolf und Peltafohn auch wieder jüdische Kandidaten ausgestellt habe, während die freisinnige Volkspariei Rosenow nur als Kandidaten zulaffe, damit die jüdischen Wähler mit ihm zugleich den Kandidaten Zwick durchbrächten. Es wird zugleich auf die Namen Dr. Max Hirsch und Justizrat Caffel aufmerksam gemacht, deren Kandidatur noch zweifelhaft ist, um sie zur Berücksichtigung zu empfehlen. Im Anschluffe daran wird bemerkt, daß das Judentum in Berlin bei dem Modus der Abgeordnetenwahlen einen ganz besonderen Einfluß habe. Dieser müßte der sreisinnigen Volkspartei mit allem- Nachdruck fühlbar gemacht werden, um sie „ein für allemal von versteckten anti- semmschen Neigungen zu kurieren". Die Nationalliberalen kommen im allgemeinen nicht glimpflicher weg, es wird aber anerkannt, daß sie Symptome der Befferung zeigten, zumal die nationalliberale Jugend. Solange die Partei aber keine jüdische Kandidaten ausstellt, kann sie nicht bedingungslos in Gnaden angenommen werden.
% Bei den elektrischen Schnellfahrte» auf der Militärbahnstrecke Marienfelde-Zossen wurde heute eine Fahrgefchwindigkeit von 201 Kilometer d ie Stunde erreicht. Die 23 Kilometer lange Strecke Marienfelde-Zossen wurde
„Barmherziger Gott! Da liegt sie ausgestreckt, ihr schömS bleiches Haupt in rieselndes Blut gebettet. Bllgütiger, verwundet, vielleicht tot! In der nächsten Sekunde stürzt er nieder in das Gras, hebt mit zarter Hand das liebe, blasse Köpfchen an seine Brust, schlingt er seine Schärpe fest um eine klaffende Schulterwunde. Er hat alles um sich vergessen.
„Isa, mein süßes Lieb, erwache, Du darfst nicht sterben, ehe ich Dir gesagt, wie sehr ich Dich liebe, wie Du mein ganzes Lebensglück bist", so flüsterte er in furchtbarer Erregung. „Isa, wache auf! Du mußt erwachen. Die Liebe ruft!"
Fest zieht er sie an seine Brust. Wieder und wieder horcht er auf das matte Pochen ihres Herzens.
„Dankmar!" flüsterte sie lächelnd und beseligt, wie im Traume, und schließt die Lider wiederum.
Ein Jubellaut. Dann hebt der junge Kriegsmann das Mädchen empor, trägt die teure Bürde durch die volk-belebten Straßen nach der Königsburg. Was kümmert es ihn, ob die Menschen staunend gaffen? Das Ungewöhnliche ist heute an der Tagesordnung.
„Vater Spee, Ihr kommt wie gerufen? Begleitet uuS nach der Königsburg. Eine ärztliche Hilfe ist hier vielleicht mehr für den Körper als für die Seele von Nöten," redete Graf von Kesselstatt unterwegs den nimmermüden Jesuiten an und dieser willfahrte der Bitte.
„Dankmar, Du bist der gute Geist unseres Hauses!" Mit diesen Worten umarmte Hans von Zandt den jungen Grasen, der ihm seine Tochter Jsengard wiederbrachte.
Vater Spee untersuchte die Verletzung.
„Abgesehen von dem großen Blutverlust ist die Wunde ungefährlich. Er wird kaum ein Fieber ein- treten", erklärte er zur Beruhigung Aller.
Und Vater Spee hatte Recht. Nach sechs Tagen vermochte Jsengard schon wieder in ihrem nach dem Garten zu gelegenen Lieblingsgemach auf dem Ruhebett z». fitzen. Ihr schönes feines Antlitz war freilich von fast durchsichtiger Bläffe, doch aus ihren großen dunklen Augen leuchtete ein verklärender Glanz.
wiederholt in dem kurzen Zeitraum non_ acht Minuten durchfahren und die erwähnte höchste Geschwindigkeit auf der Strecke Mahlow-Dahl- witz-Rangsdorf, welche in anderthalb Minuten durchfahren wurde, in einer Länge von etwa 5 Kilometer erreicht. Mit der erzielten Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 175 Kilometer pro Stunde würde man die Eisenbahnfahrt von Berlin nach Köln (577 Kilometer) in etwa 3lu Stundenzurücklegen können, während die schnellsten Züge jetzt 9 Stunden fahren.
* Paris, 6. Okt. 1903. Den Ausständigen aus Armentieres ist es gelungen, in Hallouin in sämtlichen Fabriken Arbeitseinstellungen zu erzwingen. Auch in zwei Vororten von Lille, Loos und Cante leu führten sie in mehreren Fabriken die Niederlegung der Arbeit herbei. — Es streiken bereits 25,000 Weber. Man befürchtet, daß sich auch die Arbeiter in Lille und anderen Industriestädten dem Ausstande anschließen werden, wodurch die Zahl der Ausständigen auf mehr als 50,000 Arbeiter anwachsen würde. Die Arbeiter wollen durch den Streik die Fabrikanten zwingen, ab April nächsten Jahres nach der vollständigenDurchführungdes°Mille- rand'schen Gesetzes über den zehnstündi- g en Arbeitstag die gegenwärtigen Löhne aufrecht zu erhalten. In Hallouin versuchten die Ausständigen in mehrere Fabriken einzudringen und zertrümmerten die Fensterscheiben. Bei dem Zusammenstöße mit Gendarmen wurden zwei derselben durch Steinwürfe verwundet.
* London, 6. Okt. 1903. Die Neubildung des englischen Kabinetts ist nunmehr geftem erfolgt: Austen Chamberlain ist zum Schatzsekretär ernannt worden, Alfred Lytt- leton zum Kolcknialsekretär, Arnold Forster zum Kriegssekretär, Brodrick zum Sekretär für Indien, Graham Murray zum Sekretär für Schottland und Lord Stanley zum Postminister.
* Budapest, 6. Okt. 1903. Das Ungar. Korresp.-Bureau meldet aus Wien: Der Kaiser empfing heute vormittag 9 Uhr den Grafen Khuen-Hedervary, der die Geschäfte des Ministerpräsidenten bis zur formellen Enthebung von seinem Posten weiterführt. Der Kaiser berief den ehemaligen Ministerpräsidenten Koloman v. Szell nach Wien, um dessen Anschauungen über die Lage zu hören, ehe die Kabinettsbildung in Angriff genommen wird. Der Kaiser begibt sich in den nächsten Tagen nicht nach Budapest. Graf Khuen kehrte am nachmittag nach Budapest zurück.
* Cararas, 6. Okt. 1903. Der offenbare Schutz der Vereinigten Staaten läßt Castro wieder den Kamm schwellen. Präsident Castro treibt unter strengsten Maßregeln die Zölle in Ciudad Bolivar ein, die schon von den
Graf Kkflelstatt saß neben ihr. Zum ersten Male waren die Beiden allein.
„Isa, liebe Isa, wißt Ihr auch, was ich damals im Garten zu Euch sprach?" begann er zaghaft.
Heller Rosenschein flog über ihre Züge.
„Ja, Dankmar, ich hörte es."
Er nahm ihre schlanke Hand in die seine und bemühte fich, unter ihre gesenkten Wimpern zu schauen.
„Isa, und Du zürnst mir nicht? Und Du willst mein eigen sein?"
Nun sah fie auf, und ihr Auge begegnete dem seinen mit einem solchen Ausdruck inniger Zärtlichkeit, daß ein Gefühl unsäglicher Wonne chn durchströmte.
„Dankmar, ich liebte Dich vom ersten Augenblicke, als ich Dich sah."
Mit einem Jubellaut zog er fie stürmisch an seine Brust.
„Und ich glaubte, Du wolltest der Welt entsagen, wolltest Aebtisfin werden", rief er lächelnd.
Ueber ihre kindlichen Züge glitt ein Schatten.
„Dankmar, mein Liebling, Du hättest um Jutta geworben, wenn btefe in der Welt hätte verbleiben wollen, denn Du liebtest meine Schwester", sagte fie traurig.
Auch er wurde ernst.
„Du irrst, mein Kind, ich hätte Deine Schwester nicht für mich zu gewinnen gesucht. sJsa lasse es mich Dir bekennen: Jutta's liebreizendes, einschmeichelndes Wesen, ihre große Schönheit bestrickte einst meine Sinne. Dein tiefes Gemüt aber nahm mein Herz in wahrer, starker Liebe gefangen."
Jsengard schüttelte den Kopf:
„Glaube nicht, daß mein Gemüt edler und tiefer sein könnte, als das meiner Schwester. Den ganzen Reichtum ihres goldenm Herzens erschloß fie mir in den letzten Wochen."
Dankmar nickte. „Sie wurde in schweren Prüfungen geläutert und von den «schlacken der Eitelkeit und Selbstsucht gereinigt. Durch das furchd-