Maer M Zeitung
Monakbellage: „Zuldaer Grfchichkblätter".
ii
,christlriter:Z»s.v<m«
3. P^rzrller in Ktlda. Wochenbeilage: SoniltfUJSjCitUttCJ
Erscheint «glich, wtt Bsna^Me kr Som* wirt Sei «tage, viertel- fiihrl. vezn-rpr«» ohne BringeckOh, und veßelgeld in Znlda «rd mrrwSrtrlM. 50 pfg.
Verantwortlicher
Anzeige«: Vie eim spaltige Petitzeile oder deren Ramn 15 Pfg SeNamen di« petitzeü« 25 Pfg.; bei wieder. Holungen wird entspr. Rabatt gewährt.
vruck und Verlag der Zuldaer Acttendruckerei in Zulda (Harmonie) Fernsprecher Nr. 9.
JVS 221.
ftllda, Montag, den 28. September 1903.
30. Jahrgang.
SchllMM Ms das 4. Omrtal 1903 -er ,Fuldaer Zeitung' werde« fortwährend von alle« Postaustalten, Land- Oriefträgern und von unserer Expedition (Harmonie) entgegengenommen. Re« hi«z«treteude Abonnenten erhalte« vom Tage der Bestellung ab bis Ende September die Zeit««g gratis.
(§) Pas versunkene „Uaiserschloß".
Seine Erfolge in der Veröffentlichung geheimer Aktenstücke haben den .Vorwärts' offenbar übermütig und leichtgläubig gemacht. Zwar ist der Prozeß gegen die Redakteure Leid und Kaliski, die mit den Artikeln über die „Kaiserinsel" eine Majeftätsbeleidigung und eine Beleidigung des Hofmarschalls von Trotha be- gangen haben sollen, vertagt worden, aber man varf wohl heute schon sagen: Die Kaiserinse mit dem Kaiserschloß hat sich als Phanlasie- g e b i l d e herausgestellt.
Die wichtigsten Zeugen find bereits vernommen worden. Sie wissen von gar nichts. Hofmarschall von Trotha war der eigentliche klassische Zeuge des .Vorwärts' und von diesem direkt als Urheber der schönen Pläne bezeichnet worden. Er weiß von nichts. Der .„Burgenbaumeisler des Kaisers", Architekt Eb- hardt, weiß ebenfalls nichts. Vor einigen Tagen noch glaubte der .Vorwärts' einen Trumpf aus- spielen zu können mit der Wiedergabe des Ent- Wurfes eines „Kaiserschloffes". Nach dem Zeugnis des Urhebers dieses Entwurfes, Bauinspektor Högg, handelt es sich lediglich um eine Studie, die ohne irgendwelchen Auftrag angefertigt worden ist. Ja. der Entwurf war bereits in der .Architektonischen Rundschau' veröffentlicht worden; dort war auch, was man im .Vorwärts' nicht erkennen konnte, die Landschaft als eine südliche deutlich gemacht.
Alles Hin- und Herfragen der Verteidiger hat aus den verschiedenen Zeugen nicht den geringsten Anhaltspunkt für die Angaben des ,Vorwärts' heraus gebracht. Es nützt dem ..Vorwärts' auch nichts, daß er in seinem Berichte über die Gerichtsverhandlungen möglichst viel Fettdruck anwendet. Kein Fettdruck kann die mangelnden Tatsachen ersetzen. Allem Anscheine nach ist der .Vorwärts' das Opfer einer Mystifikation geworden. Die sensationellen „Enthüllungen" scheinen ihm auf Papier aus der Kanzlei des kronprinzlichen Hofmar- schallamtes zugegangen zu sein. Dies Kanzlei-Papier ist das einzige „Beweismaterial" des »Vorwärts'. Allem Anscheine nach hat jemand, dem dies Papier zugänglich war, sich gesagt: Den .Vorwärts' wirst du einmal gründlich mit einem „geheimen Aktenstück" hineinlegen. Er entwickelte also auf dem kronprinzlichen Kanzleipapier die phantastischen Pläne von dem Kaiserscyloß auf Pichelswerder, dem neuen Reichs
tagswahlkreise Spandau-Pichelswerder und der neuen Art der Aushebung für die Garde, setzte den Namen des kronprinzlichen Hofmarschalls von Trotha darunter und sorgte dafür, daß das „Aktenstück" dem .Vorwärts' aus den Redaktionstisch geweht wurde". Die Redaktion, die einen neuen sensationellen Fund gemacht zu haben glaubte, griff sofort zu und brachte die sensationellen „Enthüllungen" über die Pläne der „Hofkamarilla". Im Vertrauen auf ihr „Aktenstück" ließ sie sich auch durch kein Dementi und kein Gelächter irre machen, sondern provozierte sogar eine Beleidigungsklage des Herrn v. Trotha, um den „Wahrheitsbeweis" antreten zu können. Bis in die letzten Tage hinein muß sie ihrer Sache sicher gewesen sein, sonst hätte sie nicht noch den Entwurf des „Kaiserschloffes" veröffentlicht. Mit diesem hat sie offenbar ebenfalls ein Bösewicht getäuscht, der erproben wollte, wie weit denn die Leichtgläubigkeit des .Vorwärts' immer noch gehe. Die Herbeiholung des Litho- graphien-Fabrikanten Schüler aus Stuttgart als Zeugen und die an ihn gestellten Fragen taffen erraten, was der zweite „Gewährsmann" dem .Vorwärts' aufgegeben hat.
Daß in der Umgebung des Kaisers Leute wären, die ihn, sei es aus Ueberzeugung, fei es zur Förderung irgendwelcher Partei- oderStandes- Jntereffen, mit einer drohenden sozialen Revolution oder mit Attenlatsgefahren zu ängstigen suchten, wäre ja an und sür sich nicht unmöglich. Aber es ist darum noch nicht wahr, weil der .Vorwärts' sich in Vorstellungen von einer Hofkamarilla hineingelebt hat. Für die Senfations- sucht des .Vorwärts', die nachgerade die „berufsmäßige" Sensations-Preffe übertraf, ist sein „Unglücksfall" eine wohlverdiente Strafe. Eine Verurteilung wegen Majestätsbeleidigung wird ja wohl nicht erfolgen, sondern nur wegen Beleidigung des Herrn von Trotha Die Hauptsache ist aber nicht die Strafe, sondern die Verunglückung der Sensationsmache. DieseSensattons- mache ist weit schlimmer als die der Klatschpreffe, weil damit die Absicht verbunden ist, die Massen aufzuhetzen und die hohen Kreise bei ihnen zu verdächtigen und verächtlich zumachen. Die Phantasie der ,Vorwärts'-Redaktion sieht in )en hohen Kreisen offenbar überall schlotternde Angst, Skandale, Jntriguen und Niedertracht. Vielleicht wirkt das versunkene Havelschloß etwas ernüchternd auf diese „Sehergabe" und lehrt die Redaktion künftig etwas vorsichtiger sein mit dem Glauben an die ihr zugetragenen Sensationsge- chichten, felbst wenn diese „aktenmäßig belegt" ein und ihr noch so trefflich in den Kram passen ollten.
Berlin, den 26. September 1903.
Deutsches Reich,
* Von verschiedenen Blättern wurde dieser Tage die auch von uns wiedergegebeue Nachricht verbreitet, daß dem Reichstage im nächsten
Frühjahr eine Vorlage zugehen werde, die 12—15 Milltown für die Einführung der Rohrrücklaufgeschütze fordere. Bekanntlich sollen die jetzigen Geschütze entsprechend umgearbeitet, d. h. mit neuen Laffetten und Schutzschildern versehen werden. Wie es heißt, sei der für jedes Geschütz aufzuwendende Betrag auf 2000 Mark zu berechnen. Bei den Kaiser- manövern sollen die neuen Geschütze, mit denen auch vorher schon Versuche gemacht worden waren, die Probe gut bestanden haben. An dm in Betracht kommenden Stellen seien alle Vorbereitungen für eine jchnelle Erledigung der Geschützänderung getroffen worden. Unter den staatlichen Geschützfabriken werde die Firma Krupp den Hauptanteil an der Arbeit haben. Anscheinend offiziös wird demgegenüber erklärt, die Meldung, daß die Einführung von Rohrrücklaufgeschützen beschlossene Sache sei, werde im Kriegs Ministerium als ganz unbegründet bezeichnet. Selbst für den Fall, daß die Geschütze im letzten Manöver ausprobiert worden seien, sei es ganz unmöglich, in der seither verflossenen kurzen Frist einen Bericht zu formulieren und einzureichen und einen Beschluß da rüber zu f aff en. Auch die angegebenen Zahlen seien lediglich Phantasiegebilde und ließen einen Rückschluß auf die Sachunkenntnis des Urhebers zu. — Der Reichstag hat noch kein Geld für die Umänderung der Geschütze bewilligt. Vielleicht hat man diese aber schon in Auftrag gegeben und „dementiert" deshalb.
* Die vom 1. April bis Ende August zur Reichskafse gelangte Jsteinnahme, abzüglich der Ausfuhrvergütungen re. und der Verwaltungskosten, beträgt bei den nachbezeichneten Einnahmen: Zölle 195 736 602 Mk. (+ 9576 256 Mk.), Tabaksteuer 3855 706 Mk. (— 369856 Mk.), Zuckersteucr und Zuschlag 43 751316 Mk. (+ 12452197 Mk.), Salzsteuer 19 438484 Mk. (4- 834 093 Mk.), Maischbottichsteuer — 3273527 Mk. (— 9303098 Mk.), Verbrauchsabgabe von Branntwein und Zuschlag 50990616 Mk. (4- 1553500 Mk ), Brennsteuer — 460502 Mk. (— 465 363 Mk.), Schaumweinsteuer (einschl. Nachsteuer) 1556 598 Mk. (— 460000 Mk.), Brausteuer und Uebergangsabgabe von Bier 12823608 Mk. (— 49 580 Mk.), Summe 324418 901 Mk. (+ 13 765149 Mk.). — Spielkartenstempel 658060 Mk. (— 20111 Mk.).
* In der heutigen Sitzung des Zentralausschusses der Reichsbank bemerkte im Anschluß an die gestern veröffentlichte letzte Wochenübersicht der Vorsitzende, Präsident des Reichsbankdirektoriums, Wirkliche Geheime Rat Dr. Koch, daß trotz der erheblichen Ansprüche an die Reichsbank die Lage der letzteren nicht ungünstig sei. Der Gesamtanlage von 969 Millionen, welche die vorjährige um 61, die von 1900 um 82 Millionen überschreite, aber gegenüber 1901 und 1899 noch um 35 bezw. 29 Millionen geringer sei, entspreche ein Metallvorrat von 972 Millionen, der größer sei als in den voran- gegangenen vier Jahren. Auch die fremden Gelder seien noch um 46 Millionen größer als im letzten Jahre und hätten in den letzten vier
Wochen mehr zugenommen, als sie im Jahre 1902 zurückgegangen. Die fremden Wechselkurse seien nicht ungünstig. Gold fei in der letzten Woche zu namhaften Beträgen aus dem Auslande eingegangen. An der Börse sei das Geld verhällnismäßig flüssig. Zu einer Diskonterhöhung liege für jetzt genügender Anlaß nicht vor, obschon für die nächsten Tage große Ansprüche zu erwarten seien. Der Zentralausschuß war hiermit ohne Widerffpruch einverstanden. Schließlich wurden einige Gattungen von Stadtschuldverschreibungen zur Beleihung im Lombardoerkehr der Reichsbank zugelassen.
* Eine ««gütige Minifterialverord n«vg. Das Mißgeschick vieler staatlicher und städtischen Polizeibehörden, einen Teil ihrer Verordnungen durch die Gerichte für rechts - ungiltig erklärt zu sehen, hat jetzt auch einmal das königt. preuß. Ministerium der öffentlichen Arbeiten betroffen. Eine der vom stärksten Fiskalismus zeugende Bestimmung der Eisen- bahn-Verkehrsordnung ist der Absatz 2 des § 21, worin bestimmt wird: „Wer ohne gütige Fahrkarte im Zuge Platz nimmt, hat für die ganze von ihm zurückgelegte Strecke und wenn die Zugangsstation nicht unzweifelhaft nachgewiesen wird, für die ganze vom Zuge zurückgelegte Sttecke das Doppelte des gewöhnlichen Fahrpreises, mindestens aber den Betrag von 6 Mark zu entrichten." Diese Bestimmung ist durch Entscheidungen des Amtsgerichts und des Landgerichts Magdeburg bedingungsweise sür rechtsungütig erklärt worden, ja, es ist sogar ausdrücklich vom Gericht fest- gestellt, daß der Fiskus nicht einmal berechtigt ist, eine nochmalige Zahlung des Fahrpreises von einem Fahrgaste zu fordern, der ohne gütige Fahrkarte auf einer Eisenbahnfahrt betroffen wird, der aber nachweisen kann, daß er die Fahrt mit einer genügenden Fahrkarte angetreten ' hat und dem auch eine Beiseileschaffung der Karte zu betrügerischen Zwecken nicht nachgewiesen ist. Auf benjenigen, der seine Fahrkarte verloren hat, kann also die obige Bestimmung der Verkehrsordnung nicht Anwendung finden. Ergangen ist die interessante Entscheidung in einem Prozesse, den die Eisenbahndirektion Magdeburg gegen einen ohne Fahrkarte betroffenen Fahrgast — er hatte sie nachgewiesenermaßen verloren — auf nochmalige Zahlung des Fahrpreises angestrengt hatte.
** Herr Maximilian Harden rächt sich jetzt an den „Revisionisten" dafür, daß sie ihn und seine „Zukunft" auf dem Dresdener Parteitage im Stiche gelassen oder g^r schnöde verleugnet haben. Unter Benutzung von Postkarten, Briesen und mündlichen Aeußerungen wirft er den Genossen Bernhard, Göhre und Braun vor, daß sie auf dem Parteitage eine höchst zweideutige Rolle gespielt und feige gelogen hätten; sie hätten sich ihm und der „Zukunft" gegenüber ganz anders gestellt, als sie es in Dresden wahr haben wollten; Göhre und Bernhard hätten ihm noch während des Parteitags ihrer größten Verehrung versichert. Sv wie Harden es darstellt, ist ihre Rolle allerdings recht
Der hexenpatrr.
Erzählung aus ;ber Zeit des dreißigjährigen Krieges.
Bon Antonie Haupt.
22 ------ (Nachdruck verboten.)
12.
Im Kerker.
Nun zischelt's wie Schlangen die Gaffen hindurch Und zischelt hinauf bis zur Königsburg.
Hölty.
Sobald als am Morgen die Pforte des Dreifalttg- keitskollegiums den Fremden Einlaß gewährt hatte, war Dankmar von Kesselstatt mit Tyle nach dem Jesuitenkloster geeilt. Die Freudigkeit des Wiedersehens zwischen Letzterem und Vater Spee wurde stark beeinträchtigt durch die bange Sorge um des angeklagten Mägdleins Geschick.
Keine Spur von Spee's sonst so kindlich heiterer Gemütsart zeigte sich heute; er berichtete niedergeschlagen von seiner Unterredung mit Philipp Christoph. Auch auf Dankmars Herz legte es nch beklemmend. Aber die Jugend ist leichter zur Hoffnung geneigt als das reifere Alker, Graf Kesselstatt verzweifelte noch nicht an Juttas Rettung. Al- er gar vernahm, daß der Kurfürst sich bereit erklärt habe, die Cautio criminalis zu lesen, rief er zuversichtlich aus:
„Nach dem Lesen dieses Buches wird der Landesherr von seinem Rechte Gebrauch machen und den Gnadenspruch tun, es sei denn, daß er ein Tigerherz habe und mit Bewußtsein die Unschuldige wollte morden lassen."
Froh über die erhaltene Auskunft verabschiedete sich der Graf sogle'ch, um der v. Zandt'schen Familie die, wie chm dünkte, gute Kunde zu bringen, während Tyle in ernstem Zwiegespräch bei dem Freunde zurückblieb.
Auch in der Königsburg verweilte Dankmar nicht lange. Wie hätte er untätig hier harren können, während die Gerichtsverhandlungen dort drüben in vollem Gange waren! Er stürmte hinüber, er bat, ihn einzulassen. Vergebens! Trotz seines Ranges wies man ihn zurück, weder Drohungen, noch Bestechungsversuche fruchteten. Nun trieb es ihn wieder zu Vater Spee; es war ja nicht unmöglich, daß dieser inzwischen Nachricht vom Kurfürsten erhalten habe.
Seine Ahnung hatte ihn nicht ganz getäuscht. Man agte ihm, der ehrwürdige Pater sei ausgegangen, und ;toar habe ein Befehl Seiner kurfürstlichen Gnaden hn nach Petersburg gerufen.
In seiner brennenden Ungeduld versuchte Dankmar alsdann, an der Tür des Rathauses etwas über den Gang der Verhandlung zu hören; es gelang ihm dies aber ebenso wenig, wie voroem seine Bemühungen, in den großen Saal einzudringen. Rastlos wie er war, lenkte ix seufzend feine Schritte wieder zur Königsburg. Wer beschreibt sein Erstaunen!
Eine kräftige Kriegergestatt mit gebräuntem ausdrucksvollem Gesicht, zu dessen dunklem Ton die Hellen blauen Augen und der blonde Knebelbart in eigentümlichem Gegensatz standen, eilte ihm entgegen und chloß ihn in die Arme.
„Du Werner, Du hier? O, zu welcher Stunde kehrst Du in s Vaterhaus zurück? Welch ein Freudenest wäre Deine Heimkehr vor wenig Tagen noch gewesen !"
Weener von Zandt nickte 'chwerwütig
„Ja, wer hätte an solch' ein Unglück gedacht! Ich egne die Eingebung, welche mich mit elementarer Gewalt plötzlich zwang, den Kriegsschauplatz zu verlassen und nach Hause zu reisen. Wie nötig meine Gegenwart gerade jetzt hier ist, das sehe ich ein."
Sein Vater, der herbergekommen war, fügte bitter hinzu:
„Es scheint, daß Werner, welcher unserem Familienweise bisher so schmerzlich fehlte, uns nur wiedergegeben wurde im Austausch gegen ein anderes Opfer."
Graf Keffelstatt aber versicherte:
„Lieber Obm, ich danke Gott, daß er unseren Werner just in diesem Augenblicke hierhergesandt, um uns die schweren Stunden der Angst und Sorgen tragen zu helfen."
Ja, die unerwartete Heimkehr des jungen Freiherrn war wirklich ein Glück. Das immerhin fteudig auf- rüttelnde Ereignis brachte einen frischen Luftz g in die unerträgliche Schwüle tatloseu, herzbeklemmenden, bangen Harrens.
Außerdem gab eS gegenseitig so viel zu fragen und zu erzählen, daß der alles beherrschende dumpfe Druck zuweilen minutenlang wich. Namentlich auf daS Befinden der alten Dame hatte das Wiedersehen des geliebten SohneS einen mächtigen Einfluß anSgeübt. Jsengard, die nicht vom Lager der Matrone wich, hatte dieser eingeredet, der ehrwürdige Pater Spee werde ganz gewiß die Schwester retten. Nun stärtte die Heimkehr Werners das Mutterherz auf kräftigere ! Seife. Frau Mechtild fühlte sich fast gesundet; sie hätte sich unverzüglich erhoben und zu den anderen gesellt, wenn nicht alle sich diesem Beginnen wider- etzt hätten. Es galt ja hauptsächlich, die Mutter im entlegenen Gemach fern von aller Aufregung zu halten.
So blieb die Hausfrau denn mit Jsengard im tillen Kämmerlein zurück. Beide fanden Trost im Redete; dies war ja das Einzige, womit sie für Jutta tätig sein konnten. Die Herren aber, darunter auch der Domherr Ludwig von Zandt, welcher auS Luxemburg eingetroffen, waren in dem nach der Straße gelegenen großen Wohnraume beisammen und tarrten zwischen Hoffnungen und Befürchtungen hinüber nach dem Rathause, wo sich dar Schicksal der Angeklagten ensschied.
Es war Nachmittag, ja die Sonne neigte sich bereits dem Markusberge zu, und noch immer schien die . sochgerichtsfitzung kein Ende genommen zu haben. Endlich öffnete sich daS Tor des Rathauses, es kämen Menschen daraus hervor, die mit lebhaften Geberden aufgeregt durcheinander redetcn.Mit atemloserSpannung
beobachteten die Herren vom Fenster aus die erregte Menge.
„O, das ist Kunz vom Umbscheiden. Mein Gott, wie sieht er auS! Ist das auch wirklich Kunz, der barhäuptig, leichenblaß, wie ein zum Tode Verwundeter ich über die Siraße schleppt? Ja wahrlich, er ist's. $r begehrt Einlaß an der Königsburg. O Herz sei lark, nun werden wir Gewißheit haben!"
Man hött den auffallend schweren Schritt schon auf der Treppe. Dankmar, der schlimmer ahnt, stürzt hinaus. Ihm soll der Hiobsbote die Nachricht zuerst geben, auf daß er sie schonend Denen da drinnen überbringe, der andere, der Mann mit dem verstörten Aeußern scheint dazu wenig geeignet zu fein.
„Kunz, um Gotteswillen, welche Nachricht bringst Du?" flüsterte er ihm entgegen.
Der schaut stier vor sich hin und antwortet nicht, chreitet aber schwerfällig, wie mechanisch bewegt, ins Wohngemach. Hier spricht er ohne jede Einleitung die Worte:
„Sie wurde gefoltert und wird morgen früh verbrannt," dann schlägt Der Riese mit der ganzen Wucht eines Körpers vornüber zur Erde.
Keiner wundert sich darüber. Keiner rührt ein Glied. Der alte Freiherr nur sieht stumm zur Decke empor, sieht die Wände an: Werden sie nicht auch zusammenbrechen ob dieser Kunde? Es wäre so selbstverständlich.
Der Domherr war der Erste, welcher endlich auS der Betäubung aufwachte und sich besann, daß dem leblosen Kunz Hilfe geleiftet werden müsse. Sobald er ich zu ihm niederbeugte, ttat leise auch Kesselstatt jinzu. Und nun war eS eigentümlich, wie die Männer alle gewaltsam sich um den Ohnmächtigen bemühten, geradeso, als ob das, was der Unglückliche ihnen ver» ündet, nicht gesprochen worden wäre, und als ob es ür sie keine andere Aufgabe m der Welt mehr gebe, als Kunz von Umbscheiden aufzuwecken. Eine Ablenkung wußten sie in diesem Augenblicke für die wahnsinnig machenden Gedanken haben. WaS er gesagt.