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Zuldaer W Zeitung
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vrnck nnd Verlag der zuldaerAetiendrnckerei in Znlda (Harmonie) Zernsprecher Ur. 9.
30. Jahrgang.
sU!ÄL. Samstag, den 26. September 1903.
JVs 220
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Zweites Bla
Unpolitische Zeitläufe.
(Nachdruck verboten.)
D Berlin, 24. September 1903.
Vor einem Dutzend von Jahren kam in den Zuckermarenhandlungen eine sonderbare Art von Sparbüchsen für die Kinder auf: es war eine richtiger kleiner Automat, der gegen Einwurf eines Zehnpfennigstückes ein Stückchen Chokolade von sich gab. Der verschlossene Unterteil dieses Automates, der die Groschen aufnahm, sollte als Spartopf dienen. Das Kind, das einen Groschen „gespart" hatte, sollte zur Belohnung den Leckerbissen herausziehen können. Dieses Verfahren war für die Chokoladenfabrikanten recht vorteilhaft, aber zur Erziehung der Jugend taugte es gar nichts. Die Kinder wurden ja geradezu zur Benutzung der Nasch-Automaten herangedrillt. Sie lernten nicht sparen, sondern vielmehr erst betteln und dann schleckern. Denn der sog. Spar-Automat bot den erwünschten Anlaß, alle möglichen „Onkels" und „Tanten" um 19 oder wenigstens 5 Pfg. zu schröpfen, und dann die erbettelten Gelder für das Leckermäulchen nutzbar zu machen. Es freut mich, daß ich diese nichtsnutzigen Sparbüchsen in neuerer Zeit selten sah. Wer noch eine hat, sollte sie zum alten Eisen werfen.
Der Gegenpol ist der alte irdene Spartopf, der nur ein Schlitz zum Hineinwurf, aber keine Klappe zum Wiederherausnehmen hat. Das Töpfchen soll gefüllt werden bis an den Schlitz und bann der Zertrümmerung verfallen. Aus den Ruinen soll der zusammengesparte, bisher ver- borgene Schatz leuchtend heroorblühen. Schön gedacht, aber es kommt manchmal anders. Angeblich gaben diese Spartöpfe bei lebendigem Leibe nichts heraus; in Wirklichkeit aber weiß jeder Junge, der nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, alles aus dem Schlitze wieder herauszuholen, was hineingegangen ist. Meistens geht es durch Kippen und Wippen mit den Fingern allein; im Notfall nimmt man noch eine Meffer- klinge zur Hilfe. Also entweder müffen die Eltern drese Töpfchen eingeschlosfen halten, oder sie fetzen ihre Kinder der Versuchung aus, die Sparbüchse heimlich zu erleichtern.
In diesen Büchsen kann man das Geld klappern hören; aber das ist auch alles. „Wieviel habe ich denn nun schon", fragt der kleine Sparer fortwähtend. „Ja, wenn die Eltern nicht noch eine besondere Buchführung über die einzelnen Spartöpfchen angelegt haben, fo können sie es dem Kinde nicht sagen. Und das bloße Sagen genügt auch nicht. Das sparende Kind will sehen und greifen und nachzählen, was es besitzt. Dieses „Wühlen im Gelde", was bei den Erwachsenen ein Anzeichen des Geizes wäre, ist bei den Kindern der natürliche Ausdruck der verratenden Besitzfreude. Darum sage ich: wenn man den Kindern die Lust zum Sparen beibringen will, so darf man das Geld nicht dauernd verschwinden lassen, sondern muß den Kindern von Zeit zu Zeit die Kaffenprüfung gestatten. Die Sparbüchse wird, im Bessern der Eltern natürlich, geöffnet, der Inhalt ausgeschüttet und geordnet und nachgezählt, das Geld kann in angenehme Stücke umgewechselt werden, der Bestand wird unter Angabe des Datums notiert und dann alles wieder an den alten Platz gebracht. Das Kind oder der junge Mensch freut sich, daß schon ein so hübsches Sümmchen bei
überrascht. Dieser Schritt, zu dem sich Chamberlain entschlossen hat. hän;t mit seinen zollpolit,scheu Planen zusammen, bedeutet aber nicht etwa einen Sieg Balfours über Chamberlain. Im Gegenteil, diese beiden find über die Notwendigkeit der Einführung einer Schutzzollpolitik für England vollkommen einig. Nur will Chamberlain etwas freiere Hand haben, und glaubt deshalb für seine zollpslitischen Pläne als Privatmann besser agitieren zu können. Spater, wenn alle» gut vorbereitet und die Meinung des Volkes für Einführung der Lkbensmittelzölle reif ist, tritt Chamberlain wieder in's Ministerium ein, um gemeinsam mit Balfour, der unterdessen die sonstigen Schutzzölle du.chgesetzt hat, auch die Lebensmtttelzöll- uns die Zollunion zwischen England und seinen Kolonien einzuführen. — Ob alles so glücken wird? Jedenfalls qetzört daS fteihändlerische England der Vergangenheit an.
In Rußland hat man in echt orthodoxer Toleranz den Armeniern, die s. Zt. vor den Verfolgungen der Kurden aus Kleinasien unter den „Schutz" Rußlands flüchteten, die Kirchengüter weggenommen. Als nun jüngst die russischen Beamten in Kars, Baku und anderen Orten zur „llebernahme" der Güter schritten, umlagerten die Armenier ihre Kirchen und suchten es zu verhindern. Polizei und Kosaken «stellten die Ordnung wieder her", wobei von den „Ruhestörern" eine ganze Anzahl getötet oder verwundet wurden. — In Homel int Gouvernement Mohilew fanden blutige Judenkrawalle statt, wobei zahlreiche Personen getötet oder verwundet wurden. Nach russischer Darstellung waren die Juden an den Krawallen schuld.
Auf der Balkanhalbinsel haben in letzter Zeit zahlreiche Kämpfe zwischen den türkischen Truppen und den bulgarisch-mazedonischen Banden stattgefunden, wobei letztere nach den offenbar übertriebenen Angaben der Türken schwere Verluste erlitten haben sollen. Die Pforte klagt immer von neuem, daß Bulgarien die Banden begünstige. Die bulgarische Regierung dagegen klagt immer lauter über die von den Türken verübten Greuel. Sie nimmt neuerdings wieder eine kriegerische Miene an und rüstet, versichert jedoch, diese Rüstungen hätten lediglich defensiven Charakter. Die Mächte sind bemüht, die Kriegslust Bulgariens zu dämpfen. Serbien wird unruhig wegen der türkischen Truppenanhäusungen an der Grenze und drohte mit Gegenmaßregeln.
Ju Serbien haben die Skupschtina-Wahlen statt- gesunden. Es wurden 72 gemäßigte Radikale, 61 unabhängige Radikale, 2 Wild-Radikale, 14 Liberale, 1 Fortschrittler und 1 Sozialist gewählt. 9 Stichwahlen sind notwendig. Wie die jetzige Regierung mit der neuen Skupschtina auskimmen wird, läßt sich noch nicht absehen. D'e gemäßigten Radikalen, die als die eigentliche Regierungspartei angesehen werden müssen, haben nicht die Mehrheit, und wenn die extremen Radikalen sich mit den übrigen Parteien verbunden, ist die Regierung ohne parlamentarische Stütze. Das jetzige Ministerium scheint durch den Wahlausfall sehr überrascht zu sein und an die Möglichkeit einer Regierungsmehrheit nicht zu glauben; es hat deshalb seine Entlassung eingereicht. Soweit in Serbien Wahlen überhaupt als Ausdruck der Volksmeinung angeiehen werden können, enthält das Wahlergebnis eine Billigung der jüngsten Staatsumwälmng.
Wochen-Kundschau.
(Nachdruck verboten.)
□ Fulda, 26. Sept. 1903.
Kaiser Wilhelm machte Ende voriger Woche dem Kaiser Franz Joseph in Wen einen Besuch, der den innigen Beziehungen der beiden Herrscher und ihrer Länder entsprechend verlief. Auch der Reichskanzler Graf Bülow war zu der Kaiserbegegnung nach Wien gereist, woselbst er lä gcre Unterredungen mit dem Grafen Goluchowski und dem italienischen Botschafter Grafen Nigra hatte. Es scheinen demnach in Wien wichtige politische Fragen erörtert worden zu fein, besonders bezüglich der Vorgänge auf der Balkan- Halbinsel. — Von Wien aus begab sich der Kaiser nach Danzig zur Enthüllung eines Denkmals seines Großvaters. Bei dieser Gelegenheit hielt er an eine Abordnung von Arbeitern der Staatswerkstätten, die ihn begrüßte, eine Ansprache.
Der sozialdemokratische Parteitag in Dresden wurde endlich am Sonntag geschloffen, indem man e ne Menge Sachen in Bausch und Bogen ohne Beratung erledigte. In den sieben Tagen Hai man sich nur gezankt, nichts gearbeitet. Wohl noch nie dürsten die Teilnehmer einen Parteitag in gedrückterer Stimmung verlass»» haben als diesmal. Nach den großen Wahlsiegen sollte ein glänzendes Freudenfest veranstaltet werden; aber leider — der Hitzkopf Bebel hat mit seiner Herrschsucht and eigensinnigen Rechthaberei alles verdorben. Nur ein rein persönliches Interesse leitete ihn; als unfehlbarer Diktator der Partei zerpflückte der siegestrunkene Dreckslermeister die „Revisionisten" und „hergelaufenen Akademiker" vier Tage nach allen Regeln der Kunst. Doch Herr v. Vollmar sagte ihm in seiner sachlich-ruhigen Weise eine Menge bitterer Wahrheiten über sein Selbst- bewußtsein und seine Verfolgungssucht. Zwar setzte Bebel das Verbot der Mitarbeit von Sozialdemokraten an bürgerlichen Blättern und die entschiedenste Veru-tellung der revisionistischen Bestrebungen durch und ging so schließlich als Sieger au8 dem Streite um die Macht hervor; aber niemand wird es leugnen können, daß die Autorität und das Ansehen Bebel» schwer erschüttert ist, und besonders in der Fraktion, wo Bebel nicht eine solche Menge von Rüpeln gegen sie ausspielen kann wie auf dem Parteitage, werden die Revisionisten mit ihm Abrechnung halten. — Was sonst noch auf dem Parteitage verhandelt wurde, ist bedeutungslos.
An den Parteitag schloß sich eine Konferenz ter preußischen Delegierten zur Beratung über die preußischen Landtagswahlen. Es wurde wiederum den Liberalen gedroht, daß man sie im Stich lassen würde, wenn sie keine Mandate hergeben wollten. Man faßte aber keine Beschlüsse, jsondern ließ die Möglichkeit zur Unterstützung der Liberalen offen. Bei den Urwahlen wolle - die Sozialdemokraten aber auf jeden Fall selbständig vorgehen. Der Dresdener Parteitag hat jedenfalls das Seine dazu beigttragen, die Freisinnigen und Jungliberalen von einem Bündnis mit der Sozialdemokratie abzuschrecken und auch Dr. Barth, der nunmehr auf seine Kandidatur in Kiel verzichtet hat, wird nach dem Parteitage noch tauberen Obren predigen als vorher.
Wegen Beteiligung am Wahlkrawall in Lau- rahütt e wurden von der Strafkammer in Beuthen eine ganze Anzahl Polen zu Gefängnisstrafen von zwei Wochen bis zu drei Jahren verurteilt. Ob immer die Hauptschuldigen getroffen worden sind, muß dahingestellt bleiben; jedenfalls vermögen wir die Auffassung nicht zu teilen, daß es sich bei dem Krawall um einen organisierten, von unbekannten Agitatoren ins Werk gesetzten Aufruhr handele. Es ist auch nicht der geringste Beweis dafür erbracht worden. Wir meinen vielmehr, daß gerade daS verkehrte Vorgehen der Polizeibehörden und ihrer Organe daran schuld war, daß aus einem gewöhnlichen Bolksauflauf schließlich schwerer LandfriedenSbruch entstand, bei dem es dann Tote und Verwundete gab.
In Oesterreich hat sich Kaiser Franz Joseph endlich zu einer energischen Kundgebung gegen die magvarischen Heißsporne aufgerafft. Er erließ nach den Manöver« einen Armeebefehl, worin er erklärt, er werde sich nie der Rechte und Befugnisse begeben, die einem obersten Kriegsherrn gebührten. Gemeinsam und einheitlich, wie das Heer sei, solle es bleiben. Die Kundgebung bat auf die Magyaren ziemlich verblüffend gewirkt: die Opposition ist wütend, die Liberalen erschrocken. Dieser Tage kehrt der Kaiser nach Budapest zurück, um die Verhandlungen über die Lösung der Krisis fortzusetzen. Der österreichische Reichsrat ist am Mittwoch wieder zusammengetreten. Es soll ein Ausweg gefunden werden, auf welche Weise die Aushebung eines höheren Rekrutenkontingents, das von Ungarn abgelehnt worden war, in einer für beide Länder annehmbaren Höhe ermöglicht werde. Auch der Reichstag ist zum 24. wieder einberufen.
In Frankreich befehden die .Antiultramon- tanen" auf daS wütendste den Unterrichtsminister Ehaumis, weil er sich über Renan und sein Denkmal in Treauier nicht in der rabiaten Weise geäußert hat wie sie es wünschen. Sie fordern die Entfernung des „Verräters" aus dem Ministerium.
In England hat der Austritt des Kolonialministers Shamber Iain aus dem Ministerium allseitig
fammen ist, und wird durch diese Kaffenprüfung angefeuert, weiter zu sparen.
Aengstliche Eltern fürchten, daß bei einer solchen Durchsicht der kleine Sparer ein Gelüst zeigen könnte, einen Teil des Geldes zu Leckereien oder zu Putzsachen oder zu sonstigen Anschaffungen zu verwenden. Gewiß, die Gefahr liegt vor; aber ich glaube, man darf den Kindern nicht jede Nutznießung an ihrem Ersparten versagen wollen. Es ist ja sehr schön und sehr richtig, wenn man den Mädchen sagt, sie sollten für ihre künftige Aussteuer sparen, und den Knaben rechtzeitig klar macht, daß sie während des Soldatendienstes und wenn sie sich selbständig machen wollen, viel Geld gebrauchen können. Aber ein Kindeskopf kann nicht fo mit Jahrzehnten rechnen, wie die ausgewachsenen Leute. Von dem weiten Ausblick auf eine ferne, nebelhafte Zukunft wird das Kindesgemüt nicht fatt. Soll es Lust am Sparen gewinnen, so muß es bald die Vorteile dieser Tugend zu kosten bekommen. Man muß ihm also von Zeit zu Zeit gestatten, etwas von dem ersparten Gelde für feine eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu verwenden. Viel braucht es nicht zu sein; die Hauptsache ist, daß es angenehm und aufmunternd empfunden wird. Wenn die Eltern klug sind, so können sie auch meistens das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden und den jugendlichen Aufwand so lenken, daß wirkliche Bedürfnisse zweckmäßig befriedigt werden.
Im alten Testamente steht, man soll dem Ochsen, der da drischt, das Maul nicht verbinden. Dem Kinde, das sparen lernen soll, darf man auch nicht ein Uebermaß von Selbstverleugnung zumuten. Sparsamkeit und Geiz sind verschiedene Dinge. Das Kind soll zum Sparen erzogen werden, aber nicht zum geizigen AufhamAern. Das Kind soll lernen, unnütze Ausgaben zu vermeiden, es soll aber auch lernen, die notwendigen und nützlichen Ausgaben nach Maßgabe der »«rhandenen Mittel zu machen. Mit Geld richtig umzugehen, ist eine wichtige Kunst; der junge Mensch kann sie nicht dadurch lernen, daß man ihm jeden Pfennig aus der Hand reißt und auf Nimmerwiedersehen in eine Sparbüchse verschließt, von deren Segen vorläufig nichts zu spüren ist. Diese Gewaltkur in der Erziehung zur Sparsamkeit führt schließlich dahin, daß die Jugend kein Maß und keinen Verstand mehr kennt, wenn sie einmal in den ungewohnten Besitz von Geldmitteln gelangt. „Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht," joll man bekanntlich zittern müffen. Also nicht gar zu viel Kettenwesen bei der Erziehung!
Den Sparern zeitweilig einen kleinen Genuß zu gestatten, wird um fo leichter, wenn man von Anfang an auf die zinsbare Anlage der Spargelder hingearbeitet. Sobald in der Sparbüchse ein oder zwei Mark sind, sollte man für das Kind ein Sparkassenbuch anlegen. Wesen und Wert des Buches sind ja leicht klar zu machen. Am Jahresschluß, wenn die Zinsen zum Vorschein kommen, leuchtet der Zweck auch den Kindern ein. Je nach Lage der Sache können die Zinsen auch schon zum Weihnachtsfeste diskontiert werden. „Weil du so und soviel gespart hast, hast du so und soviel Zinsen verdient; dafür habe ich dir zu Weihnachten noch das und das kaufen können, was du besonders gern haben wolltest."
Neulich war von dem Ausweis der preußischen Sparkassen die Rede. Ich schrieb ba an anderer Stelle, es sei ja sehr schön, daß die Einlagen immer höher anwüchsen, aber es sei kein gutes Zeichen, daß die Zahl der kleinen Sparkassenbücher mit Einlagen bis zu 60 Mark nicht stärker zunehmen, sondern sogar im Verhältnis zurück- gehe. Man möge doch allerseits dafür sorgen, daß den kleinen und kleinsten Leuten die Benutzung der Sparkasse so bequem wie möglich gemacht werde. Darauf habe ich von der Verwaltung einer westfälischen Sparkaffe ein recht ungnädiges Schreiben erhalten. Der gute Mann begreift gar nicht, roid' man sich unterstehen kann, in Beziehung auf den Sparkasfenbetrieb noch Wünsche auszusprechen. Nach seiner Ueberzengung sind alle Sparkaffen vollkommen eingerichtet. Daß die kleinen Bücher abnehmen und die großen Bücher zunehmen, hält er für selbstverständlich und schön. Heutzutage, sagt er z. B., wo der Knecht 300 bis 500 Mark und die Magd 200 bis 350 Mark verdient, werden zum ersten Male gleich mehr als 60 Mark ober gar 150 Mark in die Sparkaffe eingezahlt.
Potztausend, es freut mich sehr, wenn schon die Dienstboten so große Posten in die Sparkasse bringen können. Aber muß denn der Knecht oder die Magd mit dem ersten Sparkaffenbuch so lange warten, bis sie-3 bis 500 Mk. Lohn beziehen und gleich 100 oder Gpch mehr Mark überflüssig haben? Nein, sie müssen schon ein Sparkassenbuch haben, ehe sie die Schule verlassen. Spätestens bei ihrer ersten hl. Kommunion
V „vor -em religiösen Bankrott".
Es mochte für manchem ein „psychologisches Rätsel" sein, daß ein protestantischer Pastor wie Göhre der Sozialdemokratie sich anschließen konnte. Das psychologische Rätsel hat er jetzt gelöst, als er aus dem Genoffenlag in Dresden, wohl in Erinnerung der eigenen inneren Krise, sagte, „daß die Theologie der Jahrhunderte den Dogmenbau allmählich abgetragen habe und heute auf dem Punkte stehe, zu zeigen, daß man vor dem religiösen Bankrott angelangt sei — durch die Leistungen gerade der- protestantischen Theologie".
Was sagen zu diesem Urteil die Hetzer im Protestantismus, welche anstatt die aus dem eigenen Lager selbst äußerst bedrohte Burg zu festigen, immer die Kriegstrompete wider Rom ertönen lassen?
Dieses Urteil Göhre's enthält in seinem Kern nichts neues. Schon Strauß hat ja die Frage gestellt: Sind wir noch Christen? und er hat sie int Hinblick auf gewisse Kreise im Protestantismus verneinen zu müssen geglaubt. Wo Strauß auf gehört hat, hat Eduard v. Hartmann vor 30 Jahren eingesetzt und den religiösen Bankrott des Protestantismus in feiner Schrift „die Selbstzersetzung des Christentums" geweis- fagt und neuerdings konnte er ja mit ausdrücklichem Hinweis auf Harnack's „Wesen des Christentums" mit Beftiedigung konstatieren, daß feine damalige Beurteilung der Dinge ihre volle Bestätigung gefunden habe.
Damals hatte Hartmann geschrieben:
„Das protestantische Prinzip vernichtet auch die Autorität deffen, auf dessen Autorität alle sich als den direkten Ueberbringer der göttlichen Offenbarung beriefen. Ist diese Konsequenz einmal gezogen, so liegt kein Grund mehr vor, dem Zimmermannssohne Jesus auch nur relativ mehr Autorität zuzugestehen, als dem Fischer Petrus oder dem Teppichwirker Paulus; man ist dann darauf angewiesen .... von ihren Lehren nur soviel gelten zu lassen, als dem eigenen modernen Lehrstandpunkt entspricht" (Selbstzersetzung des Christentums. Seite 61).
Göhre ist ein Beleg dafür, wie buchstäblich diese Beurteilung sich bewahrheitet hat, wenn er seine Weltanschauung dahin formuliert:
„Die modernen Erkenntnisse räumen für einen gesund und konsequent denkenden Menschen — ganz gleichgültig, ob er religiös ist oder nicht — unweigerlich auf mit Dingen, wie der biblischen Schöpfungsgeschichte, dem Wunderbegriff, den übernatürlichen Geburtsgeschichten, dem Auferstehungsglauben, dem Glauben an einen durchaus menschlich gedachten, die Naturgesetze willkürlich durchbrechenden Gott, an Gebetswirkungen entgegen den Naturgesetzen, an Sündenfall und Erlösungen, an trinitarische und an ähnliche Vorstellungen.'' (Soz. Monatshefte 1902 Seite 510.)
Daß Göhre nicht der einzige ist, der so denkt, hat Dreyers Schrift „Undogmatisches Christentum" gezeigt und die lebhafte Teilnahme, die sie gefunden hat, nicht minder als Harnacks Ja- unb Nein-Theologie.
Bei solcher Gestaltung unb Lage der Dinge, wo das Inventar bereits aufgenommen ist und das Resultat auf Bankrott lautet, ist die Los von Romhetze eine Verzweiflungstat, ein Hin- wegtäuschen über die ganze innere Misere, Napoleonidenpolitik vor dem Bankrott.
Göhre's Ausspruch gestattet einen tiefen Einblick in die religiöse Haltlosigkeit gewisser Kreise und Göhre's Entwickelungsgang selbst ist typisch für ben liberalen Protestantismus. „ Es ist ber Weg des Todes, ben sie schreiten" unb ber betreten würbe mit bem ersten „Los von Rom".