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30. Jahrgang.

MM, Mittwoch, den 23. September 1903.

Xs 217

(Nachdruck verboten.)

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gefüllt.

(Fortsetzung folgt.)

Wellungen auf das 4. Maria! 1903 der ,Fuldaer Zeitung' werden fort­während von allen Postanstalten, Land­briefträgern und von unserer Expedition (Harmonie) entgegengenommen. Neu hiuzutreteude Abounenten erhalte« vom Tage der Bestellung ab bis Ende Sep­tember die Zeitung gratis.

bei vielen Religionslehrern die Ansicht zu herrschen, daß sie die Kinder nur zu guten Protestanten erziehen könnten, wenn sie ihnen die Wahrheit über die Katholiken vor enthielten und tatt deren eine abschreckende, in allen Punkten wahrheitswidrige Schilderung von ihnen lieferten. Es ist so leicht, die Wahrheit über den katho- ischen Glauben zu erfahren; fast kem Protestant kennt sie, eben weil im Religionsunterrichte die Unwahrheit vorgezogen wird. In diesem Punkte dürfen wir Katholiken mit vollem Rechte behaupten, daß wir bessere Menschen sind. Im katholischen Religionsunterrichte wird rem Zerr­bild vom Protestantismus entworfen; es ist über­haupt höchst selten von den Andersgläubigen die Rede, weil der Religionslehrer mit der Dar- tellunq der katholischen Glaubenslehre genug zu tun hat. Daß die Verfügung des Kultusministers auf protestantischer Seite eine Besserung der Dinge zur Folge haben werde, ist ausge- chlossen. Man trägt weiter vor, wie man cs seinerseits empfangen hat, und ist sich meist gar nicht bewußt, daß man die Katholicen schwer verletzende Unwahrheiten vorträgt.

[:] Die Behandlung religiöser Gegen­stände in Schulen.

Die Mitteilung der Preffe über die Verfügung des preußischen Kultusministers, worin dieser Schonung des religiösen Gefühles der konfessionellen Minderheit in der Schule empfiehlt, läßt nicht erkennen, was den Anlaß zu der Verfügung gegeben hat. Wir wagen aber zu behaupten, daß es eine Klage von Katho­liken über mangelnde Rücksichtnahme auf ihre Kinder war. Es kommt viel zu selten vor, daß katholische Lehrer die Rücksicht auf die protestan­tische Minderheit der Schüler vergessen. Wo hört man denn etwas von Beschwerden? Da­gegen kommt es nur zu häufig vor, daß katho­lische Eltern sich über protestantische Lehrer zu beklagen haben, die die Schule mit einer Ver­sammlung des evangelischen Bundes ver­wechseln.

Die Verfügung des Ministers verdient volle Anerkennung; höchstens wäre zu wünschen, daß sie einen entschiedeneren Ton anschlüge und sich nicht gleichsam auf das Bitten verlegte. Fast scheint es, als habe der Minister gefürchtet, bei gewissen Heißspornen anzustoßen, wenn er strenge darauf dringen wollte, daß Verletzungen des religiösen Gefühls der konfessionellen Minder­heit sowohl in paritätischen wie in Konfessions- Schulen vermieden werden und auch im Religions­unterrichte bei den Unterscheidungslehren die Rücksichtnahme auf das religiöse Bewußtsein der Andersgläubigen niemals außer Acht gelassen werden dürfe. Jedenfalls irrt er, wenn er meint, alle Konfessionen seien in diesem Punkts mit ihm einig. Allerdings in der Theorie wird gern ver­kündet, man müsse pflegen, was die Konfessionen eine, und nicht vertiefen, was sie trenne. In der Praxis kümmern sich viele Leute um diesen Grundsatz aber gar nicht.

Wer daran zweifeln sollte, kann sich gleich aus dem .Reichsboten' überzeugen, dem die Verfügung gar nicht so recht gefällt. Man dürfe doch, sagt er, die Wahrheit nicht ver­leugnen. In der Regel seien es nicht die Kinder, die sich verletzt fühlten, sondern die Eltern und da spielten oft gewisse Tendenzen eine Rolle. Empfindliche Katholiken könnten auf diese Weise den ganzen Unterricht über die deutschen Kaiser und die Reformationsgeschichte wie die Geschichte der Gegenreformation und des dreißigjährigen Krieges unterdrücken oder wertlos machen.

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Druck und Verlag der zuldaerRctiendruckerei in Zulda (Harmonie) zernsprecher Nr. 9.

Erscheint täglich, mit Aurnahme der $omt= und Zeiertage. viertel- 1Lhrl.ve;»grp<n<» ohne Vringevlohn und VestellgeldinZuldaund «mrwärts 1M. 50 Pfg.

Verantwortlicher

Als Graf Kesielslatt mit Js ngard wieder an der Königsburg angelangt ioc, sprach die Jungfrau ihm ihren feurigen Dank aus und fügte hinzu:

„Ich will tun, was Vater Spee angeraten hat, ich will in meinem Kämmerlein inbrünstig beten."

Dankmar verließ sie hierauf und sie tat, wie sie sagte, kniete vor dem Bilde der Madonna nieder und richtete ihre Augen hilfesuchend auf die Mutter des Herrn und auf das göttliche Kind, das ihr erbarmend beide Händchen entgegenzustrecken schien. Trost und Beruhigung kamen in diesem Gebete über ihre be­drängte Seele.

Dankmar strebte eilig der Kesselstättischen Burg zu. Es trieb ihn an, dem Vater, der längst in Sorge und Aufregung seiner Rückkehr harrte, über alles vor- qefallene Bericht zu erstatten.

„Beim gnädigen Herrn ist ein fremder Gast, dem er viel Ehre erweist", meldete ihm zu seiner unlieb­samen Ueberraschung der Kastellan.

Unerwünschter, störender konnte der Besuch eines Fremden niemals sein, als in dieser Stunde. Seine Mienen verfinsterten sich unwillkürlich. Als er dann aver äue mächtige, etwas phantastisch aussehende Männergestalt mit einem gewaltigen roten Bart ge­mütlich »eben seinem Vater auf der Lederbank sitzen sah, da flog es wie lichter Sonnenglanz über seine O^ge.

Täuschen mich meine Augen, oder seid Jhr'S leib­haftig, Herr Tyle?" rief Dankmar mit freudigem Staunen.

Der Gast lachte.

„Ich bin's mit Leib und Seele — der tolle Tyle Mich wundert's nur, daß Ihr trotz aller Drangsale, bp ich von den Schweden erduldet habe, mich wieder erkennt. Das ist heute eine heillose Wirtschaft im Stifte zu Hildesheim. Doch bevor ich davon erzähle und Euch mitteile, wie ich hierher gekommen bin, berichtet Eurem H,rrn Vater, mit dem ich, wie Ihr seht, schon bekannt wurde, von dem 'Ergehen Eurer Freunde."

Berlin, den 22. September 1903.

* Der .Vorwärts' läßt nicht von feinen «atterschlosi" - Ideen. Er veröffentlicht heute sogn das Mische des Entwurfs eines burgartigen Kaiserfchloffes, den er, wie er sag, vor einigen Tagen kennen zu lernen Gelegenheit hatte und der in ganz merkwürdiger Weise an seine Mitteilungen über die „Kaisennsel er­inneren. Er unterbreitet den Entwurf der Oeffent- lichkeit als Beweis, daß vor seinen, aus gänzlich anders gearteter Quelle geschöpften Mitteilungen die Phantasie der Architekten mit kaiserlichen, burgartigen Jnselschlössern sich beschäftigte. Ob der Entwurf im Zusammenhang mit feiner Ver­öffentlichung stehe, weiß er nicht; auffällig aber findet er, daß der Platz, auf dem sich das Kaiserschloß" erhebt, Pichelswerder fein könnte. Um dem Verdacht der Mystifikation vorzubeugen, bemerkt er weiter, daß der Entwurf aus dem Dezember 1902 stamme und der Archit-kr, der ihn gezeichnet habe, ihm bekannt sei. harten wir ab, was da wieder herauskommt. Daß ein Architekt ein Schloß entworfen hat, will noch nicht viel beweisen. Der Erfolg, den der .Vor­wärts' sich offenbar von seiner Veröffentlichung versprochen hat, ist ausgeblieben. Die meisten Blätter nehmen gar keine Notiz davon.

* Nachdem die deutsch-englische Kommission zur Feststellung der Grenze im Tschavsee-Ge- biete ihre Arbeiten fertiggestellt, hat der Gou­verneur v. Puttkamer sich selbst auf denWeg gemacht, um die neuerschlofsenen Teile der Kolonie persönlich kennen zu lernen. Dabei hat sich inner­halb der britischen Machtsphäre em Zwischenfall ereignet, über den dem ,Berl. Lok. - Anz. aus London berichtet wird. Am Anfänge der Reise

Der Hexenpater.

Erzählung aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges.

Von Antonie Haupt.

Die Männer schüttelten sich zur Begrüßung die Hände, daun kam Dankmar ungesäumt der Äuffordeung des ehemaligen Predigers nach und schilderte mit fliegenden Worten, was er soeben erlebt.

Herr Tyle sagte kopfschüttelnd:

.Das steht, so fürchte ich, schlimm für die Jung­frau. In letzter Zeit hatte ich häufig genug Gelegen­heit, den Verlaus von Hexenprozeffen zu beobachten. Anaeklagt und hingerichtet bedeutet em und dasselbe. Was die Hexenverfolgung im allgemeinen angeht, so hat keine Religionsgesellschaft ein Recht, irgend einer anderen darüber Vorwurf zu machen; aber Luther sah ja überall den Teufel, nannte die Psptisten „vom Teufel Besessene", und der Schwedenkömg Gustav Adolph richtete den ersten Artikel des schwedischen Krieasrechtes gegen die Zauberer; derselbe lautet also: Mi? Abgöttern, Zauberen und Waffenbeschwörern, und wer mit Zauberei umgeht, soll nach göttlichem und schwedischem Rechte verfahren werden . Seitdem nun die Schweden in meinem Heimatlands hausen, find die Hexenbrände daselbst unzählig geworden. Die bibelfesten schwedischen Herren klammern sich an die Schrift, worin e8 un 2. Buche Mofis, 22. Kapitel, 18. VttS heißt: „Die Zauberinnen sollst Du nicht leben laffen", und wiederum tm 3. Buche Mofis, 22. Kapitel, 27. BerS: „Wenn ein Mann oder em Werb ein Wahrsager oder Zeichendeuter sein wird, die sollen dsS Todes sterben". Dabei bedenken sie aber nicht, daß oer göttliche Erlöser, unser müder ^err ^esus, die Strenge der mosaischen Gesetze aufgehovcn bat. Hierauf machte einst Vater Spee mich c" nierha a. Gebe Gott, daß es seiner Beredsamkeit gelt, - ' st-n gestrengen Herrn Kurfürsten zum Erbarmen zu stimmen!"

„Amen!" sprach Graf Casimir kräftig und Dank­mar tief:

„Nun aber erzählet, wie es Euch erging, seitdem ich Eure Gegend verließ."

Im Koll.gium der hl. Dreifaltigkeit läutete eben um 9 Uhr die Glocke, welche die Jesuitenväter mahnte, ihr Lager aufzusuchen, als zum maßlosen Staunen des Pförtners das junge Paar noch Ermaß begehrte und in dringender Angelegenheit den Baler Dpee sogleich zu sprechen verlangte. ....

Auch, der Pater lvar nicht wenig erstaunt und be­troffen über den späten (Besuch. Ungewöhnliches mußte diese Beiden zu so ungewöhnlicher Stunde zu­sammen hierhergeführt haben. Eine bange Frage lag beim Eintreten in seinen milden Augen. Wie furcht­bar, wie erschütternd für ihn wurde sogleich die aus­gesprochene Frage beantwortet! Totenbleich ries er aus:

„Gott im Himmel, erbarme Dicht Hilf mir das arme Kind retten. Die schrecklichen Hexenbrände dürfen bier nicht wieder angeschürt hr*' .:;. ^uia, ich werde alles aufbieten, das zu büaertreiben. Noch in dieser Stunde eile ich zum Kurfürsten. Um Gottes und der Gerechtigkeit willen muß er mir Gehör geben. Ich werde zu ihm dringen, und wenn:s an sein wäre, keine Macht der Erde soll mich zurück- _;uen. Gehet nach Hause, meine Kinder, und betet, daß meine Sendung nicht erfolglos bleibe."

In surchtbarster Aufregung eilte der Ordensmann mit beflügelten Schritten dc.v-'n.

10.

Cautio criminalis.

______Was Ihr gesagt,

Will ich erwägen; was Ihr habt zu sagen. Mit Ruhe hören und geleg'ne Zeit, So hohe Dinge zu besprechen, finden.

Shakespeare.

ereignete sich ein unangenehmer Zwischenfall b _ Old-Calabar, dem Zentrum der britischen Regie runq von Süd-Nigeria. Als die deutsche Regie­rungs-Yacht „Herzogin Elisabeth" mit emer An­zahl von Beamten und Truppen dort emtraf- tarnen schwarze Beamte der brittfthen Zollver­waltung an Bord, verlangten die Schiffspapiere zu sehen und befahlen, wie wenn es sich um einen gewöhnlichen Handelsdampfer gehandelt hätte, die Versiegelung der auf dem Schiffe be­findlichen Waffen. Als der Kapüän dies ver­weigerte, kam es zu einem heftigenL>trelt; schließ- : ich wurden die Schwarzen angeblich mit Bajo­netten von Bord gejagt. Nachträglich erschien dann der britische Ober-Zollbeamte auf dem Schiffe und bat für den Irrtum der schwarzen Zollwach­ter um Entschuldigung. Herr v. Puttkamer ging darauf an Land und wurde von dem englischen Oberkommissar und den übrigen Beamten aufs herzlichste empfangen. Kurz vorher war der eng- ische Kommissar zu Besuch bei den deutschen Beamten und Kaufleuten in Kamerun gewesen.

§ Die ,Nordd. Allg. Ztg.' gibt aus dem Bericht des ,Neuen Wiener Tagblattes' über eine Interrebung mit dem Reichskanzler Grafen Bülow die auf die Handelsverträge und die Orientpolitik bezüglichen Aeußerungen des Kanzlers wieder und bemerkt zu letzteren: „Diese von maßgebendster Stelle abgegebenen Erklärungen werden vielleicht bewirken, daß die in ausländi­schen, namentlich französischen Blättern immn wieder auftauchenden Ausstreuungen, Deutschland die Wirren im Orient schüre, selbst für weniger unterrichtete Kreise als Unsinn er­kennbar werden."

♦ Heber den sozialdemokratischen Partei­tag äußertder /Vorwärts' sich recht trub- selig. Er habe „mancherlei Unerquickliches geboten, alle Delegierten stünden unter dem Em- druck, Unbehagliches erlebt zu haben. Es sei nicht zu verkennen, daß die Reibungen und Zwistigkeiten in diesem Parteitage besonders häufig und besonders schneitend aufgetreten seien. Es erhebe sich die ernste Frage, ob nicht Mittel und Wege gefunden werden müßten, die künftigen Parteitage von Diskussionen zu entlasten, von denen man im voraus wissen müsse, daß außer heftigen Auseinandersetzungen keinerlei wirklicher Ertrag gewonnen werden würde. Es muffe untersucht werden, warum der Dresdener Partel- tag den Genossen im Lande in erheblichem Maße statt Brot die Steine geboten habe, die führende Parteiqenosfen gegen einander geschleudert haben. „Es schwebte ein unglückseliger Geist des persön­lichen Haders, ja des gegenseitigen Mißtrauens, eine ganz ungewöhnliche Neigung zu Ueber- treibungen und Verschärfungen an sich bedeutungs­loser Dinge über einem großen Teile der Ver­handlungen. Wir haben tagelang erbittert ge- stritten wegen einiger Aufsätze in einer bürger­lichen Zeitschrift. So berechtigt aber auch das Empfinden der großen Mehrheit war, daß jene Mitarbeit unschicklich sei, verlohnte es die lange Zeit, die mit dieser Diskussion vertan wurde, einer Diskussion, die sich dazu ins Maßlose ver­lor? Es scheint uns, ob es leicht möglich ge- wesen wäre, diese Frage kurzerhand m besne-

„Na, Ihr könnt Euch denken, begann Tyle, „daß ich, als die Schweden vor zwei Jahren brennend, sengend und plündernd heranrückien, mcht ruhig tm Woltrup sitzen blieb, sondern alles das von meiner Habe flüssig machte, was ich nur vermochte und dann nach dem festeren Hildesheim übersiedelte. Das öffnete nach nicht gar langer Belagerung freiwillig den Schweden die Tore. Da wurde nun drin üehauset, zufammeugeschlagen, geplündert und dem Erdboden gleich gemacht. Ein jeder Schwede hatte seine etgene Erfindung, die Leute zu pe nigen. Später erzählte ich Euch eingehend von den haarsträubenden Grausamkeiten. Bald aber kam der Pappenheim und eroberte die Stadt wieder zurück. Die Freude wahrte kaum em Jahr, da waren die Schweden wieder in Sicht und dann begann das Elend ärger, als i"vor. Zehn Monate dauerte die schreckliche Belagerung, darauf das find nun vier Wochen Her, mir dunkt s eine Ewigkeit — darauf sah der kaiserliche Befehlsbaber der Besatzung - Oberst de SuYs-GrYfort — sich gezwungen, die Stadt dcn Schweden zu übergeben. Ich halte mich während der ganzen Zeit bei den Jesuiten aufgehalten. Seit Ende voygen Jahres war deren Schule geschloffen; die Lehrer und Bruder ja selbst je zwei und vier der Patres, mußten abwechselnd auf dm Wällen Wachdienst! tun, ich half dabei, sowie in der immer dringender werdenden Krankenpflege. Die Kriegsbedingungen forderten nun, daß die Jesuiten Hildesheim räumen mußten, und alle Katholiken, welche fortziehen wollten, durften auswandern. Ich ging mit ; was sollte ich unter dm Schweden? Am Tag- vor unserem AnSzug, es war gerade daS Fest der bl. ' nna, wurde uns auf b soudcre Verwendung r ’ 1 die St. Annakpelle au; dem Dc friebfo-t gcr r. Hier hielten die Verb ar. iten ihren A^schiedsgottesr an . Die K-elle stßte die Zahl der AndScht-qm ro der ganze Friedhof war mit ^m"zl:ch L. i'Mden

Man sieht schon, der ,Reichsbote' fühlt sich hier wieder als Angehöriger der ..herrschenden protestantischen Mehrheit. Die gehässige, tendenziöse Darstellung der Zustande in der ka­tholischen Kirche der Vergangenheit, die pro- lestantischen Legenden über die Reformatoren wie die Lügen über die Jesuiten sollen im Ge- chichtsunterrichte ohne Rücksicht aus die katho­lischen Kinder vorgetragen werden dürfen. Das verlangt die „Wahrheit". Wollten aber kaths- lische Lehrer die Reformatoren und die ihnen anhängenden Fürsten ihrer Zeit, deren „reforma­torische" Taten gegenüber ihren recht- und wlllen- 'osen Untertanen, das Verhalten der deutschen protestantischen Fürsten im dreißigjährigen Kriege usw. ohne Rücksichtnahme auf die Minderheit )er _ protestantischen Kinder wahrheitsgemäß childern, so würde der ,Reichsbote' em Mords­geschrei über Verletzung des religiösen Gefühls protestantischer Kinder erheben. Die „Wahr­heit" sollen immer nur Protestanten rücksichtslos sagen dürfen. Sagen Katholiken die Wahr­heit, wenn sie nach ihrer Ueberzeugung ist, so ist das eine unerhörte Herausforderung und eine Störung des konses ionellen Friedens.

Die Beschwerden über Verletzung des reli­giösen Gefühls katholischer Kinder führen deren Eltern. Natürlich müssen da oft „gewiffe Ten- denzrn eine Rolle spielen"; die Kinder fühlen sich in der Regel nicht verletzt, meint der.Reichs­bote'. Die Kinder haben eben noch nicht Kennt­nisse und Verständnis genug, um sich durch ge­hässige Darstellung verletzt zu fühlen. Es ist die Pflicht der Eltern, darüber zu wachen, daß ihnen keine falschen Anschauungen beige­bracht werden. Protestantische Eltern werden doch auch wohl darauf sehen, daß ihren Kindern nichts vorgetragen wird, was sie als Widerspruch mit ihrer protestanischen Ueberzeugnng ansehen. Wenn sie vorkommenden Falles Beschwerde führen, wird der.Reichsbote' das natürlich als höchst verdienstvoll loben. Beschweren sich aber katholische Eltern, so muffen „gewisse Tendenzen eine Rolle spielen". ,

Auf den Religionsunterricht bezieht sich nach der Auffassung des Pastorenblattes die Verfügung nicht, da hier ja schon Trennung der Schulen nach dem Bekenntnis bestehe. Die Verfügung sagt aber doch ausdrücklich, auch der Religionsunterricht dürfe die Rück­sichtnahme auf das religiöse Bewußtsein der Andersgläubigen niemals außer Acht lassen; es wird besonders auf die Unterscheidungslehren Bezug genommen. Nun ist es aber notarisch, daß im protestantischen Religionsunterrichte namentlich im Konfirmandenunterrichte au das Gröblichste gegen diesen Grundsatz verstoßen wird. Von Glauben und Sitten der Katholiken wird den Kindern nur zu häufig ein wahres Zerrbild vorgeführt, niemals ein wahres Bild. Manche Religionslehrer scheinen jede Ver­leumdung der katholischen Kirche für erlaubt zu halten. Woher anders kommen denn die voll­ständig falschen Anschauungen der meisten Pro­testanten über die Katholiken und ihren Glauben als aus dem Religionsunterrichte? Es scheint

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