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,. M,?"i!>"z-I°-. wochenbülage: „Illustrierte Lonntagrzeitung"

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Monatsbeilage: „Mdaek G«schlchtsblätt«r".

Anzeigen: vir ei» spaltige Petitzeile ob« deren Raum 15 pfg, Reklamen die Petitzeil« 25 Psg.; bei wieder« Holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

vruck und Verlag d« Zuldaer Actiendruckerei in Hulda (Harmonie) Fernsprecher Nr. 9.

JV& 210.

Berlin, den 14. September 1903.

—* Oberbürgermeister Kirschner von Berlin ist auf Befehl des Kaisers eingeladen worden, am 22. d. M. in Danzig die Taufe (also heißt |e8 jetzt doch wieder „Taufe"?) des Kreuzers „Ersatz Zielen" vorzunehmen. Die Namen, die den Schiffen bei der Namensgebung beigelegt werden, sind vorher Geheimnis. Ver­mutlich wird der Kreuzer den Namen „Berlin" oder eine auf Berlin bezügliche Bezeichnung erhalten.

[:] Als Nachfolger des Reichsgerichts- Präsidenten v. Oehlschläger, dessen Rück­tritt bevorsteht, kommt der ,Preußischen Korre­spondenz^ zufolge in erster Linie der Oberreichs­anwalt Olshairse» in Betracht. Herr v. Oehl­schläger sieht sich nicht nur durch die Rücksicht auf seine Jahre, sondern namentlich auch durch ein Augenleiden veranlaßt, aus seinem Amte aus­zuscheiden. Das Augenleiden steht in Zusammen­hang mit einem leichten Schlaganfall, von dem der 72jährige Präsident vor etlichen Monaten betroffen wurde.

** Der frühere Reichstagsabgeordnete Dr. Böekel hat sich vollständig aus dem politischen Leben zurückgezogen. Wie ein ihm nahestehendes Blatt erklärt, hat er diesen Schritt getan „ver­ärgert durch die ewige Zersplitterung und Eifer­süchtelei in der antisemitischen Bewegung und körperlich aufgerieben in jahrzehntelangem Kampfe."

§ Aus Bezedau, in der Nähe des Jagd­gebiets des deutschen Kaisers, wird berichtet, die italienische Regierung habe dem Minister des Innern angekündigt, daß die Anarchisten Pianetti, Bambie und Mansio und zwei anarchistisch gesinnte Studenten den Weg nach Ungarn genommen haben. Infolge höheren Auf­trages wurde daher die Zahl der Polizisten um 200 Mann erhöht. Man wird dieser Alarm­nachricht mit recht großem Mißtrauen begegnen dürfen.

.-. Der Führer der Freikonservativen im Ab­geordnetenhause, Freiherr von Zedlitz, be­spricht in einem längeren Artikel über das Gchuldotatiousgesetz im ,Tag' den Gegensatz zwischen den Konservativen und dem Zentrum auf der einen und „den beiden Mittelparteien", nämlich Freikonservativen und Nationalliberalen, auf der anderen Seite. Er steht in der Schul­frage natürlich noch immer auf dem Stand­punkte, den er beim Zedlitz'schen Schulgesetze eingenommen hat. Er Hal sich deshalb auch wiederholt Mühe gegeben, Resolutionsanträge der Konservativen, die sich im Sinne dieses Gesetzes aussprachen, zu durchkreuzen. Die ,Nat.-Ztg/ ist erfreut, „daß von freikonservativer Seite aus endlich wieder einmal eine politische Interessen- gemeinschast der „beiden Mittelparteien" gegen­über den Konservativen betont wird. Noch er» freulicher aber wäre es ihr, wenn der freikon-

Der Hexenpater.

Erzählung aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges.

Bon Antonie Haupt.

11 ------ (Nachdruck verboten.)

Da tat Jsengard trotz ihrer Länge einen Freuden­sprung.

„Graf Dankmar von Kesselstatt, wie glücklich bin ich! Nu» weiß ich, daß ich nicht verraten werde. Bat« sprach von Euerer Rückkehr. Wie wird Mutter sich über Euern Besuch erfreuen! Ihr müßt uns von dem bösen Bölkerkriege «zählen, und wie ei Euch in den fremden Landen erging."

„Sungf« Isa, Ihr seid mir noch die Erklärung der Zaubers schuldig," mahnte d« Kriegsmann be­harrlich. •

„Ach so!" Sie hob die Hand. Da seht daS ganze Geheimnis: An einem dünnen schwarzen Seidenfaden, den man auf dem Straßenpflaster selbstvttständlich nicht sehen konnte, lenkte ich die Perlenschnur nach »einem Bißen. Wie oft habe ich mich daran «götzt, daß «leine und Große dem "Dinge v«geblich nach- sprangen. Heute ab«, ach heute, Herr Graf, laßt mich'» m« gestehen, wuroe es mir bange, als Ihr so un- tzlnnblich schnell die Türe auffchloffet; ich «wartete em Strafgericht."

„Da wäre ich ja ein Unmensch, wenn ich ein Strafgericht üb« Euch beschwören wollte! Ich «freue »ich an Euerem kindlichen Uebermut", versicherte d« Gras nnd fügte hinzu: „Treffe jdj den Herrn Bat« zu Hanse?"

„Leid« nein. Er ist selten daheim, sond«n wegen b« französischen Diebe meist auf dem Trab von ein« Befitznng zur andern. Ab« die Mutt« ist hi«."

„Unb Fräulein Jutta?" entfuhr eS chm.

»Ach. Königin Jutta hält ihren Hofstaat um diese Zeit. Kommt nur mH hinauf. Der französische Ober­feldherr de Bnffy, ein fein« Herr, der zu Hanse gar

fuldü, Dienstag, den 15. September 1903.

servative Führer sich nicht darauf beschränken wollte, in geistigen Kulturfragen an diesen Zu- sammenhang zu denken, sondern auch in wirt- fchaftlichen Kultursragen gemeinsam mit den Nationalliberalen die Rückschritte bekämpfen wollte und wozu ihm ein Kulturwerk von der Bedeutung des Mittellandkanals die schönste Ge­legenheit bieten würde!" Das wird nun wieder Herrn von Zedlitz verstimmen. Es scheint also, als ob die „Mittelparteiler" doch noch durch etwas viel Waffer in der „Mitte" voneinander getrennt sind.

§ An den technischen Hochschulen sollen Sonderkurse für höhere technische Gemeinde­beamte über Bau- und Wohnungshygiene abgehalten werden. Die Regierungspräsidenten haben nun unter Hinweis auf die Gemeinnützig­keit eines solchen Unterrichtes bei den Stadt­gemeinden in einer Rundverfügung angeregt, dafür Sorge zu tragen, daß die fraglichen Be­amten diese Kurse an den Hochschulen besuchen, damit sie in der Lage seien, die bei dem Unter- richt erlangte Kenntnis in den kommunalen Bau­ordnungen praktisch zu verwerten.

(*) Ein sozialdemokratisches Massen­flugblatt „Auf zur Landtagswahl!" ist am Sonntag in Berlin zur Verteilung gelangt. Es schließt mit den prahlerischen Worten: „Nieder mit der Reaktion, der staatlichen und polizeilichen Bevormundung, der Rechtsunstcherheit und der Bevorzugung ber besitzenden Klasse. Auf zum Kampf für die Freiheit und den Fortschritt auf allen Gebieten für Wissen und Aufklärung. Vorwärts zur Erringung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechtes auch zu diesem jetzt so vermoderten Junkerparlament!"

§ Die freisinnigen Vertrauensmänner des Landtagswahlkreises Kiel sollten nach einer Zeitungsmeldung eine Resolution angenommen haben, welche die Stellung des Abgeordneten Barth gegenüber der Soziald emokratie grundsätzlich billige und deffen parlamentarische Tätigkeit anerkenne. Das ist richtig, nur ist die Meldung sehr unvollständig. Nach der ,Lib. Korrsp/ ist die Kiel« Resolution nicht wider- fpruchslos angenommen worden, sondern die diffentierende Minderheit so groß gewesen, daß Dr. Barth sich die Entscheidung darüber, ob er in Kiel wieder kandidieren solle, noch vorbehalten hat. Nach dem Wortlaute der Erklärung sei er gewillt, die Kandidatur nicht zu übernehmen, wenn sich bei näherer Prüfung Herausstellen sollte, daß ein erheblicher Bruchteil der freisinnigen Wählerschaft in der Frage des Zusammengehens mit der Sozialdemokratie nicht hinter ihm stän­den. Diesen Standpunkt des Dr. Barth hält das ,Berl. Taget, t? für zu gewissenhaft und meint, daß auch ein Politiker die Gewissenhaftig­keit nicht so weit treiben solle. Aber der bis­herige Vertreter Kiels im Abgeordnetenhause hat recht gut gewußt, daß das Votum der Berliner Vertrauensmänner nicht, wie der.Vorwärts' be­reits mir Genugtuung verkündet, ein „Vertrauens- votum" war, sondern daß „bei näherer Prüfung" das gerade Gegenteil sich Herausstellen mußte. Wie nämlich die freisinnige,Kieler Ztg/berichtet.

nicht kriegerisch, sondern wie ein Minnesänger aus- fieht, spielt die Laute. D« dick: Riese Kunz von Umbscheiden hält Garn tote ein gezähmter Bär, Frei­herr von M«»de wickelt eS schmachtend zu einem Knäuel, und He« von Wittgenstein zeichnet für Jutta das Must« zu einer Tischdecke, welches sie vorgibt, sticken zu wollen; sie fächelt sich, lauscht d« Harfe und sieht zu. O, es ist ein Bild zum Totlachen."

„Warum bleibt Ihr denn nicht oben, wenn Euch da» Schauspiel so ergötzt?" fragte Keffelstatt etwas verstimmt.

„Wer sagt Euch, daß ich Freude daran hätte? Schäferspiel im Studium, Schäf«spiel in Wirklichkeit, das ist zu viel. Die Hirtengedichte meines Virgil werden mir nachgerade langweilig, zumal, da ich auf Befehl meines Hofmeisters nach dem Borbllde des Schwane» von Mantua, wie « Birgitts nennt, lateinische Hirtengedichte schmieden muß."

Dankmar schüttelte den Kopf. Sollte« die lange, schlanke, zukünftige Aebtisfin frühreif oder trotz aller Gelehrsamkeit kindttch nennen? .Ab« etwas mußte « doch noch von ihr erfahren, naiv genug war sie jeden­falls, es ihm zu vnraten.

„Wer ist denn der bevorzugte W«b« bei Fräulein Jutta?" kragte « mit fast stockend« Stimme.

„W«? Das ist schwer zu sagen", kam eS lachend zurück. Sie besann sich ein wenig, dann sagte sie: „Ich glaube, Jutta manöveriert mH ihrem Herzen, wie ich mit mein« Perlenschnur: Wer danach hascht, wird gefovpt."

„Solcher Spiel dünkt mir gefährlicher als Eueres, Jungf« Jsengard", bemerkte Kesselstatt, d« nicht wußte, ob « erfreut ob« unwillig üb« ben erhaltenen Bescheib sein sollte. Damit schritten sie gemeinsam hinauf. Isa öffnete bem Gaste bie Türe zu einem schönen großen Gemach.

Es war wirklich eine prachtvolle Scene, welche Dankmars bewunbernbem Auge flch barbot.

D« Türe gegenüber im tiefen Erk« saß eine ftennbttche Mattone mH bem Spinnrocken. Feurige

ist der in alle Welt hinaus telegraphierte Be­schluß der Kieler Vertrauensmännerversammlung mit nur 30 gegen 25 Stimmen zustande gekom­men. Das macht an sich schon keinen imposan­ten Eindruck. Dann aber — und das ist die Hauptsache — haben von den anfänglich anwesen­den 92 Vertrauensmännern 37, also mehr als ein Drittel, vor der Beschlußfassung die Ver­sammlung verlast en müssen, um den sie in ihre He.mat führenden Zug noch zu erreichen. Ob die Hinausziehung der Abstimmung die Frucht einer bestimmten Taktik war, läßt sich nicht erkennen. Die ,Sielet Zeitung' erklärt unumwunden, daß die Abstimmung eine rein zufällige gewesen sei und daß nach ihrer Ansicht die Mehrheit der frei­sinnigen Wählerschaft nicht auf dem Boden der angenommenen Resolution stehe, daß also bei Anwesenheit sämtlicher Vertrauensmänner Barth eine entschiedene Niederlage erlitten haben würde. Bedenkt man, daß das schließlich erzielte klägliche Ergebnis noch dazu unter dem Einfluß Dr. Barths selbst erzielt worden ist, der an den Ver­handlungen teilgenommen und seine Gründe für das geplante Zusammengehen mit der Sozial­demokratie entwickelt hatte, so wird man es, meint die ,Kreuzztg.', seltsam finden müssen, daß er sich noch die Entscheidung über die Frage seiner Wiederkandidatur vorbehalten hat.

* Hamburg, 14. Sept. 1903. Die General- Versammlung des Vereins für Sozialpoli­tik wurde heute vormittag durch Professor Schmoller-Berlin eröffnet. Als Ehrengäste waren anwesend Bürgermeister Burch ard, Sena­tor Lappenberg, der Präsident der Bürger­schaft, Engel, und andere. Das Präsidium wurde aus Professor Schmoller, dem Staats­minister v. Berlepsch, demGymnasial-Direktor Thiel und Professor Philippowich gebildet; zu Schriftführern wurden gewählt: Professor F r a n ck e - Berlin, Rechtsanwalt H e ck s ch e r, Ver­lags-Buchhändler Geibel-Berlin und Rechts­anwalt Bitter. Bürgermeister Burchard be­grüßte die Versammlung in einer längeren An­sprache. Professor Schmoller dankte namens der Versammlung. Professor Francke referierte über die Lage der in der Seeschiffahrt beschäftig­ten Arbeiter. Das Korreferat hatte Inspektor Blis - Hamburg übernommen. Hieran schloß sich eine lebhafte Erörterung.

* Wien, 14. Sept. 1903. Der nieb er» österreichische Landtag nahm einstimmig einen Antrag Lueger an, die Regierung dringend zu ersuchen, von der Heeresverwaltung die so­fortige Aufhebung der Verordnung bett, die Zurückbehaltung des dritten Jahr­gangs zu verlangen, eventuell die sofortige Ein­berufung des Reichsrates zu veranlassen. Im Laufe der Debatte erklärte der Statthalter, die Angelegenheit gehöre zum ausschließlichen Wir­

rste und glänzenb blaue Lichtstrahlen glitten »ort ben farbigen Fenstergemälben über ihren weißen Scheitel hin. Tas war ein Stilleben, ein liebes friedliches Bild für sich. Um ben Kamin h« aber hatte sich eine Gruppe gestaltet, bie b« junge Graf, wenn er Mal« gewesen Wäre, sofort in sein Skizzenbuch ge­bannt hätte. Vom flackernben Schein phantastisch be­leuchtet, lehnte link» en -er Feuerstätte ein junger Mann, bessert feine» dunkles Gesicht durch das romanische Gepräge auffallen mußte. Sein schwarze» Haar 'war nach d« Sitte der ZeH auf d« Stirne kurz ge­schnitten, fiel aber in blauglänzenden Locken hinab auf Schultern und Nacken. Des Mannes schwarze Augen schienen Funken zu sprühen, um die von langem seidigem Schnurrbart beschatteten starken roten Lippen lag trotz all« Weichheit ein gewiss« herausfordernder Zug. Seine Kleidung bestand aus eihem dunkel pur­purfarbenen, mH Hermelin verbrämten Sammtkoller, aus gelbseibenen Pludtthosen, Hellen Seidenstrümpfen und weißen, zi«lich mit Rosetten beschmückten Atlas» schuhen. Er spielte auf b« Laute eine schwärmerische unb zugleich wilbphantastische Weise. Da» war b« Stabtkommanbant Marqui» be Buffy.

Recht» vom Kamin gewahrte man ba» Schauspiel, welches Jsengard so ergötzlich gefunden hatte. Auch Dankmar konnte fich eine» leichten Lächeln» nicht ent­falten, al» « die behäbige riesenhafte Gestalt seines vertrauten JugendsteundeS Kunz in so friedlicher Be- hchäftigung wiedersand. DaS gelbe Haar hing Herrn von Umbscheiden im Eifer seiner Tätigkeit wie ein Strohdach tief in bie nicht allzu bohe Stirn, seine runden glatten Wangen hatten fich noch höh« ge­rötet, al» sonst, und dabei hielt er doch nur Garn. Freiherr von Merode, bleich, schmächtig, schwärmerisch, mit zierlich gedrehten langen farblosen Locken, in allem d« schroffste Gegensatz zu Kunz, war wenigstens schlau genug gewesen, sich oen bessern Teil, da» AufwickAn, zu erwählen. D« Riese, seinem freundlich guten Charakter entsprechend, war in freunblichen Farben, in blaue-unb gelbe Seibe gekleidet, während d« matte

30. Jahrgang.

kungskteise d« Reichsvertretung, der Landtag fe daher hierzu nicht kompetent. Die Regierung fei in ganzem Umfange sich ihrer Verantwortlichkeit bewußt. Die getroffenen Maßnahmen beruhten auf schwerwiegenden politischen Erwägungen. Die Regierung sei bestrebt, schon jetzt die augenblick­lichen Nachteile wettzumachen und werde keinen Anstand nehmen, etwaige zulässige weitere Er­leichterungen eintreten zu lassen.

* Oedenburg (Ungarn), 14., Sept. 1903. Gestern fand eine von der Un abhän gi gkeits- partei einberufene Volksversammlung statt, die gegen die Zurückbehaltung des dritten Jahrgangs Einspruch erhob. Nach der Versamm­lung fand ein überwiegend von Studenten ge­bildeter Umzug statt, an den sich auch mehrere Soldaten anschlossen. Die Teilnehmer warfen dem Generalmajor Sprecher und dem Obersten Grivischitsch die Fenster ein. Um LI Uhr nachts war die Kundgebung beendigt. Die Militär­behörde leitete eine Untersuchung ein, um die an der Kundgebung beteiligten Soldaten zu ermitteln.

* Rom, 14. Sept. 1903. Pius X. und der internationale Arbeiterschutz. In Basel tagte soeben die internationale Vereinigung für Arbeiterfchutz, die bekanntlich vergangenes Jahr in Köln vnsammelt war. Wie damals, so war auch diesmal Gras Soderini osfizieller Vertreter des Papstes. In der Versammlung am 9. d. M. nahm der liberale Staatsrat Wullschleg« von Basel das Wort zur Begrüßung der erschienenen Delegierten aus den verschiedenen Ländern, wobei er sich ausdrücklich auch an den Grasen Soderini wandte und seiner Genugtuung darüber Ausdruck gab, daß seine Anwesenheit beweise, wie Pius X. für die internationale Vereinigung das Wohlwollen feines unvergeß­lichen Vorgängers teile. Graf Soderini bestätigte dies in feinem.Dankesworte und «klä rte, daß Pius X., wie er auf der bisherigen, ihm von der Vorsehung bestimmten hohen Lausbahn, als Bischof und Kardinal das arbeitende Volk nicht vergessen habe, « es auch als Papst nicht vergessen werde; mit demselben fei er stets innig verbunden gewesen, und er kenne feine Lage und feine Bedürfnisse; er werde auch d« internationalen Vereinigung, welche das Los der Arbeiter praktisch auf gesetzlichem und fried­lichem Wege zu verbessern suche, ferne ganze Sympathie bewahren.

* Moskau, 14. Sept. 1903. Einige tausend Armenier, so meldet die in Tiflis erscheinende Zeitung ,Kawkas', versammelten sich am Freitag unweit Jelissawetpol bei der armenischen sKirche, um gegen dieUeb«gabeder armenisch-gregorianischen Kirchengüter an die Staatsverwaltung, wie es in einem Befehl des Zaren vom 25. Mai d. I. bestimmt war, Protest zu erheben und zum offenen Widerstande gegen die Ausführung des Gesetzes aufzufordern. Die Ermahnungen der Polizei, auseinanderzugehen, waren fruchtlos. Die Menge warf mit Steinen und drängte die Polizei nach dem Zentrum der Stadt zurück. Inzwischen war Militär eingetroffen. Auf einen noch­maligen Versuch, die Menge zu zerstreuen, ant­wortete diese mit einem Hagel von Steinwürfen;

H«r von Merode, dessen Gesicht an Asche erinnerte, sonst ganz bordeauxfarben au»sah.

„Unschädliche Mitbewerber!" dachte Kesselstatt, inn«lich lachend. Nun au« schweifte sein Blick weiter nach rechts. Da saß an einem der bleigefaßten far­bigen Fenster vor breitem Tische ein schön« blond« Serr mH vornehmen Gesicht, dessen Kleidung schwarz« «mmt war. Er zeichnete. Das mußte, Isas Be­schreibung nach, d« kunstübende He« von Mittgen­stein sein. .

Den Mittelpunkt des bunten Kranzes bildete bte blendend schöne Frauengestalt, welche Dankmar's Phan­tasie seit geftern unausgesetzt beschäftigte. Vom glühenden Rot des Kamins üb«gossen sah Jutta im schillernd weißen Seidenkleide wie eine Märchen­königin aus. Sie hielt den Fäch« gegen die Glut unb neigte leise das schöne Haupt gegen den Ankömm­ling. Welche Sprache lag in ihrem ausdrucksvollen Blick. Zärtlicher Vorwurf und Sehnsucht.

Die alte Dame hatte fich inzwischen freudig er- hoben und kam mit ttippelnden Schritten auf ihn z».

„Seid herzlich willkommen, Dankmar von Kessel­statt. Ich erkannte Euch sofott", sagte sie mit vor Bewegung zitternd« Stimme.

D« Obrist beugte sich üb« bie borgebotene Hau», um sie ehrnbietig an (eine Lippen zu führen.

Wie mich baS freut, teure, verehrte Frau!" «wi­derte er tintig. Ihr seid bie Erste in mein« Heimat, bie mich sogleich erfemtt."

„Das schwache Auge einer Greisin sieht mH einem Male doppelt hell, wenn bie Liebe Strahlen wirst. W« sollte mtr neben meinen Kindern teurer fein, al» Ihr, Graf Dankmar, den ich stet» wie meinen eigenen Sohn betrachtete," versicherte Frau von Zandt.

„Eu« herzliche« Entgegenkommen ist mir um fe beglückender, al» ich im Vaterhause bie teuere Mutt« entbehre," erklätte Dankmar gerührt.

Die Laute war jäh verstummt, baS Gam hatte mtz plötzlich verwbcrt unb ruhte; selbst bie 4>anb, toeu|e ben Zeichenstift führte, lag untätig ba. (8- f )