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30. Jahrgang.

flllM Samstag, den 5. September 1903.

aemacht, die Chamberlain im Herbste dem Lande unter­breiten will. Jedenfalls find die Zollfreunde bereits eifrig an der Arbeit. Die Liberalen schöpfen große Hoffnung aus einem Wahlsiege, den sie soeben in Schottland unter der Fahne des Freihandels errungen haben. — Die Kommission zur Untersuchung aller den Burenkrieg betreffenden Fragen hat nunmehr einen aus­führlichen Bericht veröffentlicht. Dieser bestätigt, daß die Heeresleitung den Feldzug in keiner Werse ge­nügend vorbereitet hatte, daß Mängel und Mißstände an allen Ecken und Enden in Menge obwalteten, die Soldaten nicht genügend ausgebildet waren und hohe und niedere Führer ihrer Aufgabe nicht gewachsen waren. Ein Mitglied der Untersuchungskommffsion erklärte, wenn das Kriegsamt Vollmacht zur Ausgabe von 100 Millionen Mark gehabt hätte, hätten sich die Kriegskosten um 2 Milliarden verringern lassen. Die Preffe sucht nun die Verantwortung für dre Miß­stände und Mißerfolge je nach der Parteistellung den Personen zuzuschieben, zu denen sie in politischer Gegnerschaft steht, die ebenen Freunde aber zu ent­lasten. Von einer gründlichen Armee-Reform, deren Notwendigkeit der Krieg doch wohl erwiesen hat, ist bis jetzt wenig zu spüren.

Auf der Balkanhalbinsel hat die türkische Regierung gegen den Aufstand in Mazedonien bisher wenig ausgerichtet. Rußland und Oesterreich haben sie aufgefordert, ihn möglichst rasch zu unter­drücken. Sie macht ja auch Anstrengungen, aber man sieht keinen Erfolg. Die bulgarisch-makedonischen Banden fahren fort zu sengen und zu brennen gegen Moha- medaner, Griechen und alle, die ihrer Sache entgegen sind. Zwischen Adrianopel und Konstantinopel sprengten sie einen von Wien kommenden Eisenbahnzug mittels Dynamit in die Luft, wobei 6 Personen getötet, 18 verwundet wurden, fast alles türkische Frauen und Kinder. Mit Dynamit scheinen sie überhaupt jetzt wieder fleißig zu „arbeiten"; außerdem mit Lügen, n.mlich über die türkischen Greuel u. s. w. Allerdings mag ein Teil der türkischen Truppen gegen die Bulgaren auch nicht gerade menschlich verfahren. Die Pforte beschuldigt Bulgarien immer wieder, daß es den Auf­stand begünstige. Das scheint richtig zu sein. Fürst Ferdinand ist endlich nach Bulgarien zurückgekehrt. Daß er der Begünstigung der Aufftändischen wirksam entgegentreten werde, ist nicht zu erwarten; er wird viel zu bkl Angst vor den Komitees haben. — Eine neue Schwierigkeit drohte der Pforte zu entstehen durch die angebliche Ermordung des amerikanischen Vizekonsuls in Beirut. DaS amerikanische Geschwader hatte bereits Befehl, vor Beirut zu rücken, hinterher stellte sich heraus, daß der Konsul wohl und munter war. Die amerikanische Botschaft in Konstantinopel hatte eine Depesche von ihm falsch entziffert und aus einem Mordversuch eine Ermordung gemacht. Aber auch mit dem Mordversuch scheint es nichts zu fein, da Herr Vizekonsul vielmehr die Äbfeuerung eines Freudenschusses bei einer türkischen Hochzeit für ein Attentat gehalten hatte.

Unpolitische Zeitläuse.

(Nachdruck verboten.)

(Q Berlin, 3. September 1903.

Nun können wir ein Klümpchen Zucker mehr nehmen! Seit dem 1. September d. I. ist das Leben in Deutschland süßer geworden, weil die Süßstoffe weniger kosten. Alle Kaffee-Schwestern und Thee-Onkels lassen die Brüsseler Zuckerkon­vention hoch leben. Und die Eltern stimmen ein, auch wenn sie selbst nicht naschhaft sind; denn die lieben Kindlein haben nun einmal seit un- vordenklichen Zeiten einen gewaltigen Hunger nach Süßigkeiten.

Als ich um die Mitte des vorigen Jahrhun­derts flügge wurde, war der Zucker noch recht teuer, und" der Zuckerkorb wurde uns viel höher gehängt, als wie es heutzutage an den Kinder­tischen und in den Kinderstuben üblich ist. Aber wie gierig griffen wir zu, wenn irgendwo etwas zuckeriges zu fassen war! Ob wir immer erst die förmliche und feierliche Erlaubnis eingeholt haben, will ich ungelogen sein lassen. Strenge Leute nennen das Leckerei und Naschhaftigkeit. Aber da das Laster so allgemein ist, sollte man den Naturtrieb nicht mißachten, der ihm zu gründe liegt. Früher glaubte man vielfach, der Zucker habe keinen anderen Wert, als daß er den Gaumen angenehm kitzele. Jetzt wissen wir, daß er ein schätzbares Nahrungsmittel ist und der Hunger nach Zucker gerade so natürlich und ge­sund ist, wie der Hunger nach Brot und Fett. Wer vor 50 Jahren vorgeschlagen hätte, man solle den Soldaten auf anstrengenden Märschen Zucker zur Stärkung mitgeben, wäre für „zucker­krank im Kopfe" erklärt worden; jetzt geschieht es. Maßhalten ist selbstverständlich auch in den süßesten Augenblicken geboten. Aber das natür­liche Bedürfnis des Körpers, namentlich des jungen Körpers, soll man befriedigen.

Deshalb ist es nicht blos angenehm, sondern auch nützlich, wenn der Zucker jetzt billiger wird. Wie das gekommen ist, gehört eigentlich in den polüischen Teil. Bisher hatten wir die son­derbare Einrichtung, daß wir selbst unsern Zucker teuer bezahlten, um den Ausländern, namentlich den Nordamerikanern und Engländern desto billiger Zucker liefern zu können. Die Klümpchen, die wir uns vom Munde absparten, warfen wir

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3. BÄ. wocheMilage: „Illustrierte Somtagrzeitmg

Wochen-Rundschau.

(Nachdruck verboten.)

□ Fulda, 5. September 1903.

Die Jubiläumsversammlung der Katho­liken Deutschlands in Köln nahm von Anfang bis zu Ende den erhebendsten Verlauf. Mehr als jede frühere war diese Generalversammlung ein Abbild der Universalität der Kirche. Bischöfe und Angehörige fremder Nationen waren noch nie in so großer Zahl aus einer Versammlung. Die Anwesenheit des Kar­dinal-Erzbischofs Ferrari von Mailand, der wiederholt das Wort ergriff, gab der Jubiläumsversammlung einen ganz besonderen Glanz. Daß kein verletzendes Wort gegen andere Konfessionen fiel, versteht sich ganz von selbst. Die gegnerische Preffe ist vielfach bemüht, an der Versammlung zu mäkeln, aber ein Wort, das Andersgläubige kränken dürste, hat sie nicht entdecken können. Von unbefangenen nichtkatholischen Blättern, wie der .Kreuzzeitung', wird der Versammlung denn auch volle Anerkennung gezollt. Auch dre ,Nordd. Alla. Ztg/ hat sich lobend ausgesprochen. Darüber sind nun die Gegner erst recht in Zorn geraten. Sie jammern über die konservativ-klerikale Verbrüderung uno über die Regierung, die sich der Herrschaft des Zentrums unterwerfe. Die Versammlung soll en neuer Beweis für die wachsende „ultramontane Ge­fahr" sein; worin aber diese Gefahr besteht, danach fragt man vergebens. Man ärgert sich über den stolzen und selbstbewußten Ton, der in Köln geherrscht habe. Aber wem schadet er? Wenn es den Gegnern gelänge, eine ähnliche Versammlung fertig zu bringen, so wür­den sie noch viel stolzer reden. Und hat man denn in Köln nur geprahlt und nicht auch gearbeitet? Schließlich müssen auch die Gegner trotz allem Nörgelns anerkennen, daß die Kölner Versammlung ihnen imponiert hat als großartige Kundgebung katholischen Lebens und als glänzende Bewährung ihrer Organi­sation und Disziplin.

Ueber die Pläne des neuen Reicheschatzsekcetärs Frhr. v. Stengel ist in diesen Tagen viel geschrieben worden. Er selbst hat sich darüber einem Interviewer geäußert. Es scheint, daß er zunächst die Reichsfinanz­reform, jdie Sanierung des Reichsinvalidenfonds und die Einführung der Reichsschuldentilgung vornehmen will; neue Steuern sollen erst später kommen. Wir bezweifeln aber, daß der Reichstag, abgesehen von allen grundsätzlichen Bedenken, sich zu der Reichs­finanzreform bereit finden wird, ohne zu wissen, was es kostet und wer es bezahlen soll.

Die National-Sozialen haben am Sonntag auf ihrem Parteitag in Götlingen die Auflösung ihrer Hauptorganisation und den Anschluß an die Frei­sinnige Bereinigung beschlossen. Ein Teil verweigert den Anschluß, einige Nationalsoziale wollen zu den Sozialdemokraten übergehen. Auf unser Parteiwesen wird das Verschwinden der Nationalsozialen kaum von Einfluß sein. In Mannheim hielten die Jung­liberalen einen Vertretertag ab. Sie glauben be­kanntlich den Nationalliberalismus durch lautes Kriegs­geschrei gegen „Ultramontanismus" und „Reaktion" beleben zu können. Wäre dem Liberalismus damit zu helfen, so wäre er längst wieder oben auf.

Ueber die „elende" Bizepräsidentenfrage wird in der sozialdemokratischen Partei immer leiden­schaftlicher gestritten. Man wird sich auf dem Partei­tage tüchtig auszanken. Die Erörterungen der frei­sinnigen und soz-aldemokratischen Presse über die Be­teiligung der Sozialdemokraten an den preußischen Landtagswahlen haben bisher zu keiner Klärung und Einigung geführt.

Die Vorbesprechungen über den deutsch- russischen Handelsvertrag find beendet. Die Aussichten für den Vertrag sollen günstig stehen. In­zwischen ist der russische Finanzminister Witte zum Ministerpräsidenten ernannt worden, während das Finanzministerium dem Staatsbankdirektor Pleske übertragen wurde. DaS sieht aus, als habe Witte eine Beförderung und Rangerhöhung erhalten, wird aber vielfach als eine Kaltstellung ausgefaßt. Die Handels­vertragsverhandlungen soll er fortführen. Der Zar wünscht entschieden, daß ein Vertrag zustande kommt.

In Ungarn ist die Ministerkrisis immer noch nicht zum Abschluß gekommen. Es scheint, daß die weit­gehenden Zugeständnisse, die die Magyaren in der Armeestage erwartet hatten, vom Kaiser entschieden verweigert werden. Am Montag traf der König von England, von Marieubad kommend, zum Besuch des Kaisers Franz Joseph in Wien ein.

In Frankreich hat Bischof Tuvinaz von Nancy an den Präfekten seines Departements, der ihn auf- gefordert hatte, einem Pfarrer in Erinnerung zu bringen, daß den Mitgliedern der nicht genehmigten Kongregationen das Predigen in Pfarrkirchen unter­sagt sei, die Antwort erteilt, daß er die Verfügung wegen Ausschließung der Kongreganisten von der Kanzel niemals beachtet habe und gestützt auf mehrere Richtersprüche von seinem bischöflichen Rechte, in seinen Kirchen frei predigen zu lassen, immerfort Gebrauch machen werde. Bei jeder Verletzung seines Rechtes werde er sich an die öffentliche Meinung, an den StaatSrar und an die Kammern wenden. Wenn die Gesetzgebung es zuließe, würde er den Präfekten und den Ministerpräsidenten gerichtlich belangen. Natür­lich in der radikalen Preffe große Entrüstung über eine solche „Auflehnung gegen die Staatsgewalt". Der Bischof sollte längst hinter Schloß und Riegel fitzen. Nm Freitag voriger Woche wurden die Redemptoristen in Salles d'Olonne, die sich geweigert hatten, ihr Kloster zu verlassen, durch Militär und Gendarmen nach heftigem Widerstande daraus vertrieben.

In England fand am Donnerstag voriger Woche in Birmingham eine Beratung von Freunden der Zolltarifteform statt, der Chamberlain beiwohnte. ES wurden dort Mitteilungen über die Zollvorschläge

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nug zu tun haben, wenn wir im Inland all' den Zucker verzehren wollen, den die bestehenden Fabriken liefern können.

Gewiß, je billiger der Zucker wird, desto mehr wird verbraucht. Aber der Verbrauch steigt nicht mit einem Schlage auf die erwünschte Höhe. Erst nach und nach gewöhnen sich die Leute daran, ein Klümpchen mehr in den Kaffee zu nehmen, oder einen Löffel Kochzucker mehr in der Küche zu verbrauchen. Wenn vier Pfund jetzt für dasselbe Geld zu haben sind, wie früher 3 Pfund, so kauft noch längst nicht jede Hausfrau sofort ein Pfund mehr. Erst fängt sie an zu sparen, dann wird sie etwas freigebiger und schließlich muß man zufrieden sein, wenn der Mehrverbrauch halb so groß wird, als wie er nach dem Preisunterschied sein könnte.

Also Geduld und große Vorsicht bei Neu- gründungen oder Betriebserweiterungen! Die Verbraucher aber brauchen sich nicht zu ge­nieren ; wenn sie fortan dasselbe Geld in Zucker anlegen, was sie bisher zur Versüßung des Da­seins ausgegeben haben, so verbessern sie die Lebenshaltung ihrer Familie und befördern zu­gleich das (Gemeinwohl. MDenn es wäre ein schwerer Schaden, namentlich auch für die Land­wirtschaft, wenn im Zuckergeschäft wegen man­gelnden Absatzes ein Krach eintreten würde.

„Speise ging vom Fresser aus und Süßig­keit vom Starken!" An dieses Rätsel des un­glücklichen Samson erinnert die nahrhafte und süße Bescheerung, die jetzt von der hohen Politik ausgegangen ist. Das Vaterland stellt uns manch­mal viel unangenehmere Aufgaben; die Einladung, mehr Zucker zu genießen, kann man sich wohl, gefallen lassen.

Man soll auch nicht sagen, daß die Zucker­vertilgung blos Aufgabe der Kinder oder des schwachen Geschlechts sei. Ich wollte, daß die ausgewachsenen Männer etwas mehr Zucker- Näscherei betrieben. Warum? Es ist viel besser, Zucker zu genießen, als Alkohol. Je stärker Jemand trinkt und raucht, desto weniger neigt er zu Süßigkeiten. Für die Gesundheit sowohl als für die Geldbeutel sind die fog. „männlichen" Genußmittel viel gefährlicher, als das angeblich kindische oder weibische Genußmittel des Zuckers, das zugleich ein Kräftigungsmittel ist. Wer beim Mittagessen sein Glas Bier trinkt, dem behagt die süße Speise nicht, die seine Frau den Kindern und sich selbst zu Liebe gerne kochen möchte. Wäre es nicht besser, wenn der Haus­herr den Biergenuß auf den Abend verschöbe und Mittags sich mit seinen Angehörigen das er­frischende Kompot oder den süßen, nahrhaften Pudding wohl schmecken ließe? Und was die Zigarre beim Kaffee kostet, könnte auch vorteil­hafter in Zucker oder Kuchen angelegt werden. Es braucht ja keineswegs immer gekaufter Kuchen zu sein. Wenn die fleißige Hausfrau weiß, daß auch der Mann und die erwachsenen Söhne gern miteffen, so wird fie häufig mit Hilfe des billigen Zuckers einen ausgiebigen Hauskuchen Herstellen. Anlässe dazu sind ja in Festen, Namenstagen rc. oft genug zu finden; man kann ja auch, wenn die Mittel und die Zeit es gestatten, jeden Sonn­tag sich etwas „Extras" leisten.

Das steht auf den ersten Blick wie eine An­leitung zur Ueppigkeit aus. Aber ich halte es mit den sachverständigen Verfassern des „Häus­lichen Glückes". Es geht nichts über einen guten Familientisch. Der befördert die Häuslichkeit, der bewahrt vor Wirtshausleben und Trunksucht, der sichert die Gesundheit an Leib und Seele, der rentiert sich! —

Zum Schluß noch eine kleine Abschweifung in's ideale Gebiet. Wenn der Körper und Mund fortan einige Klümpchen Zucker mehr bekommt, soll denn die Seele leer ausgehen? Gebt doch der Seele eures Nächsten auch etwas Zucker! Wie denn? O, es macht keine Umstände und keine Kosten, es ruhen keine Abgaben und keine Geschäftsspesen darauf. Ein freundliches Wort, ein herzlicher Blick, ein teilnehmender Händedruck — das sind Zuckerstückchen sür's Herz, die erfrischen und nähren und stärken.

Die Welt würde noch viel süßer werden können, wenn nur die Menschen nicht fo sauer sein wollten.

über den Zaun in die Theetaffen der anderen Völker. Diesen Unsinn nannte man „Ausfuhr­prämien". Mittels der Zuckersteuer und der Zuckerzölle wurden die Mittel aufgebracht, daß auf jeden Zentner Zucker, der ins Ausland ging, eine Reichsprämie und außerdem noch eine Kar­tellprämie im Betrage von mehreren Mark heraus­gezahlt wurde. Das Ausland bekam infolgedessen den Zucker um so viel Mark unter den Her­stellungskosten. Alle Zuckerländer, die ihren Ueberfluß los werden wollten, mußten das Prä- mienversahren mitmachen und die einzelnen Länder versuchten sich dabei zu überbieten, so daß die Prämien immer höher, die Geldverschleuderung immer ärger wurde.

Das hätte noch lange so fortgehen können, wenn nicht die Nordamerikaner mit ihrer gewohnten Rücksichtslosigkeit den Hecht im Karpfen­teiche gespielt hätten. Sie bedankten sich für das Geschenk des unnatürlich billigen Zuckers. Nicht etwa aus Bescheidenheit, sondern weilder europäische Prämienzucker dem amerikanischen Zucker einen unlauteren Wettbewerb machte. Deshalb dekre­tierten sie einfach: Waren mit Ausfuhr-Prämien müssen bei ihrem Eintritte in die Vereinigten Staaten einen Zollzuschlag tragen, der ebenso hoch ist, wie die Ausfuhr - Prämien. Dadurch wurde die Ausfuhr-Prämie für die amerikanische Staatskasse beschlagnahmt und der erstrebte Zweck vereitelt.

Als auch England gegen das Danaergeschenk des Prämienzuckers Front machte, war der geeig­nete Zeitpunkt gekommen, um über die allge­meine Abschaffung der Prämien zu verhandeln. In Brüssel kam voriges Jahr endlich der er­strebte Vertrag mit den beteiligten Ländern zu stände. Alle Staaten verzichten vom 1. Sep­tember 1903 auf die Ausfuhr-Prämien, sowohl aus die versteckten, als aus die offenen, so daß im Zuckerhandel die natürliche Preisbildung wieder maßgebend wird.

Unter dem Schutze der Zuckerzölle hatten sich inDeutfchland und auch sonstwo Kartelle von Fabriken und Händlern gebildet, die künstlich den Preis im Inlands hochhielten, um aus diesem Gewinne private Ausfuhr - Prämien zahlen zu können. Auch das wollte die Brüsseler Abmachung beseitigen, und deshalb wurde vereinbart, daß der Zuckerzoll nicht höher als 6 Franken oder 4 Mk. 80 Pfg. auf den Doppelzentner fein darf. Ein gewisser Zuckerzoll ist nötig, um die inlän­dische Zucker-Industrie und den zugehörigen Rüben­bau nicht schutzlos dem Auslande preiszugeben, das vielleicht auf besserem Boden billiger produ­zieren kann; namentlich muß gegen den Rohzucker aus den tropischen Faktoreien ein Riegel vorge­schoben werden. Man bösst, daß 4 Mk. 80 Pfa. zu diesem Zwecke genug ist und anderseits dieser nied­rige Zoll die alte Kartellwirtschaft unmöglich macht.

Eine inländische Verbrauchsabgabe vom Zucker darf nach wie vor jedes Land nach feinem Belieben erheben. In Deutschland betrug die Verbrauchsabgabe bisher 20 Mark auf den Doppelzentner. Aus dem Ertrage derselben mußten die amtlichen Ausfuhrprämien gezahlt werden. Da diese Ausgabe jetzt fortfällt, fo konnte die Verbrauchsabgabe ohne Schaden für die Reichs­kasse um etwa 4 Mark ermäßigt werden. Man ist aber noch einen Schritt weiter gegangen und hat die Verbrauchsabgabe auf 14 Mark herab­gesetzt, um den Zucker erheblich billiger zu machen und so den Verbrauch int Inlands zu heben. Von 20 auf 14 Mark — das macht schon den Doppelzentner um 6 Mark billiger ober das Pfund um 3 Pfennig. Dazu kommt nun noch, daß der Preisaufschlag fortfällt, der sich bisher aus der Kontingentierung der Zuckerfabriken und aus dem hohen Zoll und den Kartellprämien ergab. So erklärt es sich, daß die Preise vom 1. September ab um 7r/2 Pfennig für das Pfund herabgegangen find. Wenn diese Preisherabsetzung noch nicht überall in vollem Maße durchgeführt ist, so ist das sehr begreiflich, da die Verkäufer noch vielfach den teuren Zucker vorrätig haben. Uebrigens gehört der Zucker zu jenen Artikeln, an denen im Kleinhandel am wenigsten verdient wird, weil eine gewissenlose Konkurrenz (besonders in Kaffee-Geschäften) den Zucker äußerst billig anbietet, um Käufer für ihre anderen Waren anzulocken.

Eine Herabsetzung des Zuckerpreises um sieben Pfennige ist schon eine sehr erhebliche Verbilligung. Ob die Preise nicht noch mehr sinken, hängt von der weiteren Entwickelung des Rübenbaues und der Zuckerfabrikation ab, bei denen jetzt das freie Spiel der Kräfte, ein ungehinderter Wettbewerb eintritt. Es wäre ein Unglück, wenn nun plötz­lich die Zuckerfabriken und die Rübenfelder wie Pilze ans der Erde schössen und eine heikle Ueberproduktion entstände. Man muß bedenken, daß schon bei dem bisherigen Betrieb Deutsch­land mehr Zucker erzeugte, als nötig war, und daß wir bei der Beschränkung der Ausfuhr ge­