30. Jahrgang
fUlÄL, Samstag, den 29. August 1903.
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2.
Zweites Blatt
Rede des P. Auracher:
die katholische Frau als Schöpferin und Hüterin des häuslichen Glückes.
Rede des P. Dalmatius:
die katholische Frau als Helferin und Trösterin im Unglück.
Unpolitische Zeitläuse.
(Nachdruck verboten.)
D Köln, 27. August 1903.
Unter dem Zeichen des Volapük stand die Jubelversammlung. Der Kardinal Ferrari aus Italien mußte sich mit der Versammlung verständigen und die Versammlung .sich mit dem italienisch sprechenden Kirchenfürsten. Und es ging. Welche Sprache diente als Volapük, als Weltsprache? Bei Diplomaten greift man zum Französischen; das ging aber hier nicht, weil eine zehntausendköpfige Versammlung vom deutschen Rhein immer nur ein kleiner Prozentsatz an Parlez-vous' enthalten wird. Latein K" das Volapük der Kirche; einem sehr erheblichen Teil der Versammlung war Latein verständig, doch natürlich der großen Masse nicht. Der Präsident der Versammlung zog es vor, statt italienisch zu radebrechen, den Kardinal in flüssigem Latein anzureden; der Präsident ist nämlich Rektor (oder wie es in Preußen heißt: Direktor) eines bazini- scheu Gymnasiums. Was er dem Herrn Kardinal auf lateinisch sagte, mußte er aber auch der Versammlung auf deutsch beichten. Also auch nur ein Notbehelf. Nun ergriff der Kardinal selbst zweimal zu längeren Reden das Wort, und zwar in seiner Muttersprache, die bekanntlich für das deutsche Ohr wie schöne Musik klingt. Ein Dolmetsch war nicht da, und es wäre auch der ganze herrliche Eindruck verdorben worden, wenn der Kardinal etwa nach jedem Satze eine Pause hätte machen sollen, um dem Dolmetscher Zeit zur Wiederholung des Gedankens auf deutsch zu lassen. Das Reizende lag nämlich darin, daß der Herr Kardinal den Stromseiner urwüchsigen Beredsamkeit mit einer Schnelligkeit und Lebhaftigkeit sprudeln ließ, als ob ein Wehr an seinem Herzen aufgezogen wäre. Der entfesselte Strom der Gefühle und Worte mußte ungestört aussprudeln. Aber wie ging es dann mit dem Verständnis?
Zunächst boten die Fremdwörter, deren wir in Deutschland so viel noch gebrauchen und sehr viele noch kennen, ein kleines Hilfsmittel. Alles auf Erden hat zwei Seiten, auch die Fremdwörter. Im Interesse der Schönheit und Reinheit der Sprecher muß man sie möglichst vermeiden ; aber wenn man iyrer mächtig ist, so erleichtern sie das Verständnis eines Ausländers.
Weiter wurde das Verständnis erleichert durch die Gewöhnung .des Ohres der katholischen Deutschen an die kirchlichen Ausdrücke. Wenn z. B. der Kardinal von santi sprach, so wußten alle Anwesenden, daß er sancti, die Heiligen meinte.
Viel wichtiger aber, als diese kleinen Hilfsmittelchen, war das Mienen- und Geberdenspiel. Es war nun wirklich erstaunlich, wie ausdrucksvoll das Gesicht, die Handbewegungen, die ganze Körperhaltung war. Wir Deutschen sind steif dagegen, auch die beweglichsten unter uns. Den scharfen Gegensatz zwischen der
NB. Die Hüte brauchen nicht abgelegt zu werden. Schluß genau um 43/i Uhr.
Ob die Versammlung voll und schön und nützlich würde? Ich glaube doch. Wann wird denn endlich ein Versuch gemacht?
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5chriftleiter:Zos.vaum
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sprachen, ohne daß bis jetzt ein Ausweg gefunden worden ist.
In Frankreich hielt Ministerpräsident CoMbeS am Sonntag wieder eine Rede, worin er die Fort- setzung des Kampfes gegen den „Klcrikalismus" und die „Reaktion" proklamierte. Einem protestantischen Pastor gegenüber deutete er an, als stehe die Trennung von Staat und Kirche bevor. Marineminister Pelletan hielt in Cherbourg gleichfalls eine Kulturkampstede: Die Marine dürfe nicht mehr eine Bildungsanstalt für Offiziere sein, die von Dominikanermönchen erzogen würden. Die Generalräte haben sich vielfach für, vielfach aber auch gegen Combes' Politik ausgesprochen. — Am Samstag wurde der Prozeß gegen die Schwindlerfamilie Humbert beendet. Das Ehepaar Humbert erhielt 5 Jahre Zuchthaus, die Brüder Daurignac 2 und 3 Jahre Gefängnis. Die sensationellen Enthüllungen, die Therese Humbert immer wieder angekündigt hatte, blieben aus.
In England starb am 22. d. M. der frühere Führer der Konservativen, Lord Salisbury. — Ein Kongreß der britischen Handelskammern in Montreal in Kanada beschäftigte sich mit der Chamberlainschen Handelspolitik. Die Meinungen gingen stark auseinander; man einigte sich schließlich auf einen Kompromißbeschluß, der sehr unbestimmt ist.
In Rußland sind Aufstände und Unruhen von Arbeitern an der Tagesordnung. Gewöhnlich wird durch Militär „die Ordnung wiederhergestellt", wobei es Tote und Verwundete gibt. Aus Anlaß eines Streiks in Jekaterinoslow wurden 11 Personen getötet, 12 verletzt.
Die Türkei hat die Forderungen, die Rußland außer der Bestrafung der Mörder tytb Up er Helfer als Genugtuung für die Tötung des Konsuls Rost- kowsly erhoben hatte, notgedrungen angenommen. Es wird also noch eine ganze Anzahl amtlicher Personen bestraft. Das russische Geschwader ist darauf aus den türkischen Gewässern zurückberufen morden. — Mit den aufständischen Banden ist die türkische Regierung immer noch nicht fertig. Mordbrennereien und sonstige Greuel scheinen immer mehr verübt zu werden.
Römischer wochenbrief.
[**] Rom, 25. August 1303.
XIII (Nachdruck »erboten.)
Am vatikanischen Hofe ist gegenwärtig die Ruhe vollständig wieder eingekehrt. Pius X. sucht sich allein und mit Hülfe der wenigen hier anwesenden Kardinäle zu orientieren, und schon aus diesem Grunde sind alle wichtigeren Entscheidungen (Personalfragen inbegriffen) bis zum Beginn der kühleren Jahreszeit verschoben worden. In den Blättern ist wiederum vielfach von allerlei Reformen die Rede gewesen, welche Pius X. ausführen wolle. Diese Reformen haben denn auch bereits begonnen; sie beziehen sich nur nicht, wie gewisse Blätter glauben machen wollten, auf wichtige Angelegenheiten der Kirche und der Kirchenregierung oder der sogen. Kirchenpolitik, sondern einzig und allein auf einige Einzelheiten des vatikanischen Zeremoniels. Die hier von Pius X. eingeführten Reformen sind übrigens wohltätigster Art und räumen mit verschiedenen Dingen und Gebräuchen auf, welche sich während der letzten Jahre des langen Pontifikates Leo's XIII. in der Umgebung Sr. Heiligkeit eingeschlichen hatten. — Bekanntlich werden die Schwestern des Papstes von Venedig nach Rom übersiedeln und sich dem Wunsche Pius X. gemäß eine bescheidene Wohnung in der Stadt mieten. Bei dieser Gelegenheit sei noch erwähnt, daß den Schwestern Sr. Heiligkeit von den verschiedensten Seiten, namentlich aus hiesigen Patrizierkreisen, glänzende Wohnungs-Angebote gemacht wurden, welche indessen alle abschlägig, wenn auch bestens dankend, beantwortet wurden. — Die Zahl der Besucher, welche der neue Papst täglich empfängt, ist außerordentlich groß. Auch unser Landsmann, der General - Direktor der päpstlichen Galerien, Prof. Seitz, hatte mit Pius X. eine lange Be- fprechung, in welcher über die Frage der Restaurierung der Sixtinischen Kapelle verhandelt wurde.
Kardinal Rampolla hat durch das österreichische Veto gegen seine etwaige Wahl ein
wochen-Rundschau.
(Nachdruck verboten.)
□ Fulda, 29. August 1903.
Am Sonntag begann in Köln die 50., die Jubi- TäümsversammlungderKatholikenDeutsch- lands. Wir sich es gewohnt, daß unser« Generalversammlungen von Jahr zu Jahr an Besuchern zu- neymen. Darauf hatte man stch in Köln für die Jubiläumsversammlung von vornherein eingerichtet und eine -8000 Personen fassende Festhalle gebaut. Sie reichte aber längst nicht aus. Die Einleitung der Generalversammlung bildete ein Festzug von 300 Arbeiterund Gesellenvereinen, an dem sich mehr als 25000 Personen beteiligten. An den Festzug schlossen sich Versammlungen der Teilnehmer, die in 7 verschiedenen Lokalen gleichzeitig abgehalten wurden. Die Generalversammlung selbst verlief unter dem Vorsitze des Gymnasialrektors Dr. v.Orterer, der auch die vorige Kölner Versammlung geleitet -hatte, und unter Beteiligung mehrerer Erzbischöfe und Bischöfe in jeder Beziehung großartig. Das ist zwar ein ziemlich trivioles Wort, aber ein geringeres würde hinter der Wahrheit zurückbleiben. Selbstverständlich beschäftigen sich die Katholiken immer nur mit ihren eigenen Angelegen 1 heilen. Kein einziges Wort, das andere Konfessionen verletzen könnte, fiel in Köln. Das wird von der Gegenseite wohl anerkannt — Oberbürgermeister Becker von Köln bezeugte es schon in der Begrüßungsversammlung— aber nur selten nachgeahmt.
Reichsschatzamtssekretär Freiherr v. Thielmann hat seinen Abschied genommen und den bayerischen Bundesbevollmächtigten, Staatsrat Fchrn. v. Stengel zum Nachfolger erhalten. Er soll sich den Schwierigkeiten der Reichsfinanzreform nicht gewachsen gefühlt haben. Da diese Reform in der nächsten Zeit kaum den Reichstag beschäftigen wird, ist anzunedmen, daß die kommende Militärvorlage bei dem Rücktritt des Fniherrn v. Tbielmann mitgewirkt hat. Es wird darin wahrscheinlich eine solche Vermehrung der Heeres- stärke gefordert werden, daß es ohne neue Steuern nicht geht und zu deren Empfehlung soll dann die Reichsfinanzreform benutzt werden. Man denkt, daß Freiherr v. Stengel als Süddeutscher bei manchen Abgeordneten mehr Glück haben wird. Bei den neuen Steuern ist, wie man längst weiß, zunächst an Bier und Tabak gedacht.
lieber die Stellung des Kaisers zum § 2 des Jesuitengesetzes wußte der, Reichsbote' zu melden, der Kaiser habe nach der bekannten Eingabe des Ooer- kirchenrals dem Reichskanzler lebhafte Vorwürfe gemacht, daß er über die Stimmung im Lande nicht genügend unterrichtet worden sei, und verlangt, daß die preußischen Stimmen im Bundesrate nicht mehr für die Aushebung des § 2 abgegeben werden würden. Andere Blätter glaubten die Angaben des ,Reichsboten' bestätigen zu können. Die ,Nordd. Allg. Ztg.' erklärt sie wiederholt für Erfindung und Lüge. — Eine Meldung, daß der Staatssekretär des Auswärtigen, Frhr. v. Richthofen, jüngst bei einem Besuche beim Großherzog von Baden mit diesem über die Jesuiten- und Klosterfrage verhandelt habe, ist bestritten worden. Wahr scheint aber zu sein, daß der Großherzog zu dem Fürsten eines Kleinstaates geäußert habe: So lange er lebe, würden Männerorden in Baden nicht zugelassen werden. Der Führer des badischen Zentrums, Geistlicher Rat Wacker, wird aus Gesundheitsrücksichten aus dem parlamentarischen Leben ausscheiden. Wenn die Liberalen meinen, nun werde das Zentrum sich ändern und z. B. auf Männerorden verzichten, so werden sie sich täuschen.
Der deutsch-evangelischePfarrerverein, der in der vorigen Woche in Koburg tagte, beschäftigte sich unter anderem mit dem Zusammenschluß der evangelischen Landeskirchen. Es zeigte sich, daß die Pastoren hauptsächlich den Zusammenschluß wünschen, weil dadurch der Protestantismus int „Kampfe gegen Rom" gestärkt würde, daß sie aber gegen den Berliner Oberkirchenrat als ständigen Vorstand des Kirchen- ausschusieS Bedenken haben, weil sie fürchten, er werde in diesem Kampfe nicht schneidig genug sein. Weiter hielt die Versammlung es für nötig, zu protestieren gegen die bet Gelegenheit des Papstwechsels geschehene Verherrlichung des Papsttums in nichtkatholischen Blättern. Offenbar zielte der Protest hauptsäch'ich gegen die Regierung und den Kaiser.
Der ,Vorwärts' hat neue „Enthüllungen" über die Agitation des Dr. Giefebrecht gegen daS Reichstagswahlrecht gebracht. Man ersteht daraus, daß 73 Kommerzienräte, Industrielle u. s. w. Geld für die Agitation gegeben haben. Das Geld ist weggeworfen, die Reichstagsmehrheit wird das Wahlrecht nicht ändern.
Die Frage des sozialdemokratischen Vizepräsidenten wird im sozialdemokratischen Lager viel erörtert und auf dem Dresdener Parteitage zweifellos zu vielem Zank führen. Bebel hat auch schon ange- wndigt, daß er wieder eine Auseinandersetzung mit Herrn v. Vollmar und seinen Anhängern haben werde. Die Zeit beS Vertuschens und des gegenseitigen Ko- mödienspieles sei vorbei, sagte er. Damit gibt er also selbst zu, daß starke grundsätzliche Meinungsverschie- denheitm in der Partei bestehen.
In Ungarn dauert die Krisis an. Kaiser Franz . Joseph hat mit zahlreichen Politikern die Lage be
nordischen und der südlichen Art sah man hier verkörpert in der ruhigen, gemessenen, natür- . ichen Redeweise des Kölner Kardinals und der quecksilbernen Redeweise des Mailänder Kardinals. Kardinal Ferrari redet mit dem ganzen Körper. Und dieser Ausdruck der Empfindungen durch Mienen und Gesten ist so zu sagen ein tummes Volapük. Die Versammlung verstand seinen Dank, seine Freude, seine Bewunderung auch wenn sie die Worte nicht fassen konnte.
Dazu kam freilich noch ein wichtiges Hilfsmittel, Pas ich das innere nennen möchte. Die Katholiken auf der ganzen Welt, die nieder» und die hohen, haben fo viel Gemeinsames im Denken, Fühlen und Wollen, daß schon aus wenigen Andeutungen der eine weiß, was der andere auf dem Herzen hat. Es ist — man erschrecke nicht — eine Art katholische Freimaurerei.
Wie weit der Herr Kardinal von Mailand das Deutsche gelernt hat, weiß ich nicht. Tatsächlich hatte er den Inhalt der deutschen Reden, über die er sich ausließ, scharf und richtig erfaßt. Etwas mag sein hochw. Amtsbruder ihm geholfen haben bei der.Verfolgung des Gedankenganges; aber immerhin zeigte er eine starke Kunst der Auffassung. Als hochgebildeter Mann konnte er ja auch die oben erwähnten Hülfsmittel viel wirksamer benutzen, als die große Masse der Anwesenden.
Die ganze Versammlung hatte, soweit sie es noch nicht kannte, schnell ein italienisches Wort gelernt, nämlich Evviva, er lebe, was dort die Stelle unseres Hoch vertritt. Das Evviva schallte und hallte immer wieder als vieltausendstimmiger Massenruf durch die Halle. Freilich wird es dem Herrn Kardinal wohl etwas anders geklungen haben als das Evviva aus italienischen Kehlen. Nach deutscher Art wurde nur das i in der betonten Silbe scharf herausgebracht, das a in der dritten Silbe aber ganz im Schatten gelassen. Aber Freude machte es ihm, Freude mit Demut gemischt, wie man auf seinen Zügen lesen konnte.
Zu dem stummen Volapük gehört noch ein ganz besonderes Ausdrucksmittel für Gefühle: der Kuß. Nach feiner bewegten Dankrede, in der Se. Eminenz alles aufzählte, was er dem Kardinal Fischer, dem Domkapitel, der Stadt, der Versammlung und dem deutschen Lande gegenüber an Dankes- und Liebesschulden habe, umarmte der Kardinal seinen Hochw. Kollegen von Köln und küßte ihn herzlich auf die Wangen. Das war eine so natürliche einfache Herzlichkeit, daß all' die Tausende von Zuschauern ein freudiges Aufzucken in ihrer Seele spürten und manches Auge feucht wurde.
Neben den zwei Kardinalen nahmen noch 5 Bischöfe an der Versammlung teil:, drei belgische, teils aus dem Vlamenlaude, teils aus dem wallonischen Teil, ferner der apostolische Vikar von Dänemark und der Bischof von Nepi und Sutri. Unter den Zuhörern waren auch zahlreiche holländische, belgische und französische Katholiken. Die Allgemeinheit der Kirche war atso sowohl in den Hirten als bei der Heerde recht schön zum Ausdruck gelangt. Die Teilnahme des glaubensgleichen Auslandes bereitet uns Freude und auch etwas Stolz. Denn das katholische Ausland kommt, um von den deutschen Errungenschaften etwas zu lernen. Kardinal Ferrari sprach es klipp und klar aus, daß die Organisation der deutschen Katholiken ein Vorbild und Muster für die ganze Welt sei. Das klingt lieblich in unseren Ohren. Aber alles, was uns stolz macht, muß mit Vorsicht genossen werden, mit größter Vorsicht. Wollen wir ein Muster und Vorbild bleiben? Dann dürfen wir die Hände nicht selbstgefällig in den Schoß legen.
Es war die 50., die Jubel-Versammlung. Da geyt es ähnlich zu, wie bei der goldenen Hochzeit im Privatleben. Vater und Mutter rechnen nach, was sie in dieser Zeit gelitten und geleistet haben. Ja, sie sind vorwärts gekommen, Gott hat iyren Fleiß gesegnet. Aber wenn sich das Einkommen mehrte, unter der schaffenden Hand des Mannes und der sparenden Hand der Frau, so kamen auch von Jahr zu Jahr neue, größere Bedürfnisse. Das Haus erweiterte sich, die Kinder wurden groß und machten immer größere Sorgen, immer größere Ansprüche. Die Pflichten und Lasten sind manchmal schneller gewachsen, als die Mittel. Aufwärts ist die Familie gestiegen, aber sie hat keinen Gipfel, keinen sicheren Ruhepunkt erreicht. Weiter, weiter, weiter muß gestrebt, gearbeitet, gesorgt und gerungen werden. Das Jubelfest ist nur wie eine kurze, fröhliche Mittagspause. Am Nachmittag w»rd weiter geschafft.
O, wir deutschen Katholiken haben nach dem Jubiläum noch so viel zu tun! Die Zeit ha neue Aufgaben gebracht, große und schwere und dringliche. Werden unsere Nachkommen nac) abermals 50 Jahren auch noch jubelnd sagen
können, daß das katholische Deutschland auf de Höhe der Zeit steht?
Neue Aufgaben hat auch schon diese Jubelversammlung in Aussicht genommen. Ich kann fier nicht mit dem Aufzählen anfangen. Nur eins fei beispielshalber erwähnt, das wie eine Kleinigkeit aussieht und doch von größter Bedeutung ist. Die ländliche Jugend muß ge- ammelt, gehütet, erzogen und geschult werden. Venn die Bauernburschen nach der Schulzeit ozusagen wild aufwachsen, so bilden sie, wenn te zum Militär oder sonst in städtische Verhältnisse kommen, ein „gefundenes Fressen" für die roten Verführer. Wie die traurige» Erfahrung mehrfach gezeigt, werden solche Abtrünnigen vom Lande oft die rohesten und wildesten un:er den „Genossen". Wer sich das überlegt, wird nicht mehr erstaunen, wenn wir die Bauernburschen« Vereine als ein wichtiges und dringliches Schutzmittel sür Glauben und Ordnung bezeichnen.
„Rast ich, so rost ich." Die 50 jährige Matrone, genannt Generalversammlung, darf nicht raffen und wird hoffentlich auch beim Hundert- ghr-Jubiläum noch nicht angerostet fein. — Leider können das nur die jüngsten noch erleben. Goldene Jubiläen kann man nur einmal mitmachen und nicht wieder! —
Zum Schluß noch ein Wort zur grauen« rage. Die Damen hatten sich so zahlreich ungesunden, daß trotz der vielen Damenplätze in der Festhalle Scharen von Betrübten an den Pforten umkehren mußten. Nun wiederhole ich zum Jubelfest meine alte Frage: Warum veran- taltet man nicht für die Frauen wenigstens eine Sonderversammlung? Dazu bedarf es wirklich keines großen Apparates. In Köln hätte sich eine solche Frauenversammlung ohne weiteres improvisieren lassen. Der Kapuziner Auracher war da mit seiner kräfttgen Beredtsam- Üeit und der Dominikaner Dalmatius war da mit einer milden und hohen Beredsamkeit. Also ein« ach ein Plakat gemacht:
Morgen Nachmittag 3 Uhr:
im großen Saale der Bürgergesellschaft.
Versammlung für katholische Frauen