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Monatsbellage: „Suldaer GeschichtsblSttcr".

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druck und Verlag de, ZuldaerActiendrucke:-i in Zulda (Yarinon Fernsprecher Rr.

flllM Samstag, den 22. August 1903.

30. Jahrgang.

Ni. 190.

Wochen-Rrmdschau.

(Nachdruck verboten.)

□ Fulda, 22. August 1903.

Papst Pius X. empfing am letzten Samstag unter anderen den preußischen Gesandten in feierlicher Audienz, um defien Beglaubigungsschreiben entgegen­zunehmen. Von dem Schwächeanfall, den er zw« Tage nach seiner Krönung gehabt hatte, hat er fich bald vollständig erholt. Durch eine offiziöse Wiener Kundgebung ist jetzt betätigt worden, daß Oesterrerch- Ungarn gegen die Wahl des Kardinals Rampolla zum Papste Einspruch erhoben hat. Es soll geschehen sem, weil man verhindern wollte, daß politische Gestchts- punkte sich bei der Wahl in Vordergrund drängten und eine Wahl zu stände komme, die Differenzen zwischen Staat und Kirche hätte mit tich ^lng"n können. Dies läßt vermuten, daß hauptsächlich dre liberale und ungarische Regierung zu dem Einspruch gedrängt hat. Ob auch Gründe der auswärtigen Politik mitgespielt haben, muß dahingestellt bleib,n. Wäre es gescheken, so wären hauptsächlich die Fran­zosen Schuld, die den Kardinal Rampolla durchaus als einen der Ihrigen und als Gegner des Dreibundes zum Papste haben wollten. Die französische Behaup­tung, daß der Einspruch auf Veranlassung Deutsch­lands geschehen sei, ist von der deutschen Regierung wiederholt bestimmt bestritten worden und auch die osfiziöse Wiener Auslaflung bestätigt, daß eine An­regung von einer anderen Macht nicht erfolgt sei. Wir sind überzeugt, daß Kardinal Rampolla als Papst unparteiisch das Wohl der Kirche im Auge gehabt hätte; Oesterreich hätte sich also fein Vorgehen sparen können. Wir haben auch keinen Grund, die Wahl Pius X. als Folge des Einspruchs zu beklagen.

Am Fieitag fand im Berliner Schlosse der viel besprochene Kronrat statt. Alles, was gewisse Blätter vorher über eine Krisis und dergl. zu berichten wußten, blieb unbestätigt; es wurde nur über Maß­nahmen zur Verhinderung der Wiederkehr von lieber» schwemmungen, wie sie in Schlesien und anderen Pro­vinzen stattgehabt haben, beraten. Das Ergebnis wird eine Vorlage im nächsten Landtag sein. Der Mittellandkanal wird in dieser Vorlage offenbar nicht enthalten.sein. Offenbar hat die Regierung auch durchaus keine Lust, den liberalen Wünschen ent- -sprechend die Kanalfrage zur Wahlparole zu machen.

Kriegsminister v. Goßler hat die nachge­suchte Entlasiung erhalten. Zu seinem Nachfolger wurde Generalleutnant v. Einem berufen. Als seine erste Aufgabe wird die Durchdringung der zu erwar­tenden Militär Vorlage bezeichnet. Er wird aber auch auf manchen anderen militärischen Gebieten ein dank­bare» Arbeitsfeld finden.

Am Dienstag traten, wie alljährlich um diese Jahreszeit, die preußischen Bischöfe zu einer zweitägigen Konferenz in Fulda zusammen.

Zum Oberpräsidenten von Schlesien wurde der bisherige Oberpräfident von Hessen-Nassau, Graf Zedlitz-Trützschler, der frühere Kultus­minister, ernannt, zu feinem Nachfolger für Hessen- Maffau der bisherige Regierungspräsident in Frankfurt a. O., von Windheim. Die Hakatisten erwarten von dem Grafen Zedlitz, daß er die polnische Bewe­gung in Oberschlesien eindämmen werde. Das wird eine schwere Aufgabe sein.

In Ungarn ist die Krisis begreiflicherweise nicht so rasch zu überwinden. Es hält schwer, angesichts der fortdauernden tollen Obstruktion der Unabhängig. keitSpartei einerseits und des Widerstandes der öster­reichischen Regierung gegen weitere, den Bestand der Monarchie gefährdende Zugeständnisse an den magyarischen Chauvinismus auf mllitärischem Gebiete anderseits einen Nachfolger für den Grafen Khuen- Hedervary zu finden. Am Mittwoch begab sich Kaiser Franz Joseph nach Budapest, um mit verschiedenen Parlamentarischen Persönlichkeiten die Sage zu be­sprechen. — Der Bericht der parlamentarischen Unter» stühungskommisfion in der Bestechungsangelegenheit ist ^wch Indiskretion in die Oeffentlichkeit gelangt. Die Kommission findet, daß Graf Szapary gegen die In­ternen deS Landes gesündigt habe, die Regierung, insbesondere der Ministerpräsident unbeteiligt und die moralische Integrität sämtlicher Mitglieder der gesetz- gebenden Körperschaften außer allen Zweifel gestellt sei, und beantragt deshalb Uebergaug zur Tages­ordnung. Bestechung und Korruption ist ja etwas, waS bei den braven Magyaren gar nicht vorkommen kann.

In Frankreich fährt Ministerpräsident Combes, getreu feinem in Marseille verkündeten Programm, c. Kongregationsanstalten und Kapellen schließen, Türen erbrechen und Klosterinsassen mit Ge- ®nt9e0en dem Rate Gam- bettes soll der Antcklerckalismus nunmehr auch Aus- Wrartikel werden. Auf Aufforderung des ftanzöfischen Generalrefidenten Pichon hat der Bey von Tunis, das bekanntlich unter französischem „Protektorat" steht, die Schließung der Kongreganistenschulen und die AuS« Weisung der nichtgenehmigten Kongregationen verfügt. Da die Kongregationen und üjre Schulen viel zur Verbreitung des französischen Einfluffes und der ftanzöfischen Sprache getan haben, so erregt die Maß­regel sogar vielfach unter den kulturkämpferischen Freunden deS Herrn CombeS U willen. Aber Herr CombeS muß auf der betretenen Bahn immer weiter­

gehen aus Rückficht auf seine radikalen und sozialistischen Stützen, mit denen er fich so nahe verwandt fühlt. Frankreich spielt sich sonst gern als der Schirmherr aller Katholiken im Orient auf und nun zwingt es den muhamedanischen Bey gegen die katholischen Kon­gregationen vorzugehen! — Das Gericht in Marseille hat Herrn Combes übrigens den Gefallen, die Per­sonen, die ihn dort ausgezischt hatten, zu verurteilen, nicht getan. Es erklärte vielmehr, er sei nach Marseille gekommen, um seine Politik auseinanderzusetzen und da habe jeder Bürger das Recht, sein Mißfallen zu äußern, indem er ihn auspfeife.

Auf der Balkanhalbinsel geht es andauernd wild her. Die bulgarisch-mazedonischen Banden, die besonders im Sandschak Monastir stark sind, wüten, wenigstens nach türkischen Angaben, mit Mord und Brand gegen Muhamedaner und dem Aufstande feind­liche Christen, zerstören Telegraphen, Brücken, Eisen, bahnen unter fleißiger Anwendung von Dynamit und greifen kleine Gendarmerie- und Militär-Posten an. Zahlreiche größere und kleinere Gefechte zwischen ihnen und türkischen Truppenhabenstattgefunden. Sie sollen dabei starke Verluste erlitten haben, aber niedergeworfen ist der Ausstand offenbar noch lange nicht. Rußland verwarnt die mazedonischen Komi ees wiederholt und ließ ihnen erklären, daß es nicht gewillt sei, über die bekannten Reform-Projekte hinaus für die Wünsche der Aufständischen einzutreten. Die bulgarische Regierung wurde von Rußland abermals vor der Unterstützung des Ausstandes gewarnt. Sie spielt natürlich die ge­kränkte Unschuld und führt bei den Mächten Klage über die Verfolgungen b-r Bulgaren durch die Türkei.

In Serbien hat König Peter seine erste Minister- krists gehabt. Die Krisis soll mit den Geldverlegen­heiten des Landes zusammenhängen. Nach anderen Angabin soll sie von den den Königsmördern günstig gesinnten Mitgliedern des Kabinetts heraufbeschworen worden sein, die die Enthebung aller Offiziere und einer Anzahl Zivilbeamten, die das Vertrauen des ermordeten Königs besessen hatten, von ihren Poften verlangten. Dem bisherigen Ministerpräsidenten Awa- kumowiffch gelang es n-ch einigen Schwierigkeiten, das Kabinet neu zu bilden, in dem vier Minister „ausgeschifft" und durch andere Personen ersetzt wurden. Diese Darstellung der Krisis stimmt nicht recht mit der vielfach verbreiteten Behauptung, König Peter fei nur eine willenlose Puppe in den Händen der Ver­schwörer. Die Königsmörder übten eine förmliche Diktatur aus. Es ist sogar behauptet worden, der König habe um die Ermordung seines Vorgängers vorher gewußt, sie gebilligt und den Verschworenen die schriftliche Erklärung gegeben, daß er sie nicht be­strafen werde. Einstweilen können wir das nicht glauben.

In China hat Rußland die Maske nunmehr gänzlich fallen gelaffen. Es hat aus der Mandschurei in Verbindung mit dem Amur-Gebiete eine eigene Statthalterschaft gebildet und de.. Admiral Alexew zum Statthalter ernannt. Europa ist ruhig. Japan und die Vereinigten Staaten, die in letzter Zeit mit Rußland anbtnben zu wollen schienen, stehen in den „besten Beziehungen" zu ihm.

Unpolitische Schlaufe.

(Nachdruck verboten.)

(0 Berlin, 20. August 1903.

„Wie ist denn das mit den Uebertr itten?" fragte mich ein Mann, der in einer Zeitung ge­lesen hatte, daß in Deutschland viel mehr Katho­liken zum Protestantismus, als wie Protestanten zum Katholizismus überträten. Da ich gerade bei meinem Pflaumenbaum zu tun hatte, so ant­wortete ich mit der Gegenfrage: „Wohin fallen die madigen Pflaumen? Nach oben oder nach unten?" Er wußte nicht, wo ich hinauswollte, und deshalb fuhr ich fort: Die schlechten Katho­liken können wohl zum Protestantismus herunter­fallen, aber die schlechten Protestanten fallen nicht zum Katholizismus herauf! — Das leuchtete .ihm ein und er sagte: „Jawohl, die strengere Religion hat viel Abfall und die bequemere Religion hat viel Zufall."

Wir wollen unseren evangelischen Mitbürgern nichts zu Leide tun; aber das werden sie selbst zugeben müssen: wenn man die Religionen nach den Ansprüchen ordnet, die sie an ihre Ange­hörigen stellen, so steht die katholische Kirche obenan. Da gibt es die strenge Glaubenslehre, dann das Gebot, jeden Sonntag die hl. Messe zu hören, dann das Fasten- und Abstinenzgebot und endlich die inhaltsschwere Vorschrist,wenigstens einmal im Jahre die Sakramente zu empfangen. Das Beichtgebot kommt ja den Protestanten besonders schwer vor. Für die Katholiken, die einen rechtschaffenen Lebenswandel führen, ist es keine Last, sondern ein Trost. Aber wer aus der Ordnung gekommen ist und nicht die rechte Kraft zur Buße und Besserung hat, für den ist die Beichte allerdings nicht lieblich. Er weiß, daß er die Lossprechung im Beichtstuhl sich verdienen muß durch eine aufrichtige Reue und durch den ernsten Vorsatz der Besserung, daß er also ent­schlossen sein muß, fortan sein Leben durchaus nach dem christlichen Sittengesetz einzu­richten. Obendrein muß er noch Buße leisten für die begangenen Fehler, also vor allem allen Schaden wieder gut machen, den er anderen zu­

gefügt hat. Das ist, wenn Gottes Gnade nicht zu Hilfe kommt, wahrlich nicht leicht. Man darf fich also nicht wundern, wenn Leute, die aus dem rechten Geleise gekommen sind, sich nach einem bequemeren Wege umsehen. Im Prote­stantismus gibt es nicht der strenge Richter, der ganz bestimmte Entschlüsse und Handlungen ver­langt. Da kann jeder nach seiner Art sich mit seinem Gewissen abfinden, und da bei den meisten Menschen die Selbstkenntnis schwach und die Selbstbeurteilung recht milde ist, so pflegt es bei diesem „inneren Gericht" gnädig und bequem herzugehen. Darum sagt ja ein uraltes Sprüch- wort: Protestantisch ist bequemer leben, aber katholisch ist besser sterben.

Nun wollen wir durchaus nicht behaupten, daß alle Abtrünnigen im Punkte der Sittlichkeit anrüchig seien. Es kann auch schon der bloße Mangel an Glauben zur Gleichgiltigkeit und zum Abfall führen. Wir leben ja in einer heillos „aufgeklärten" Zeit. Wer kaum lefen und schreiben gelernt hat, der fühlt sich schon berufen, die höchsten Geheimniffe der Philosophie zu ergründen und sich eine eigene Weltanschau­ung zu bilden. Er schwört auf die Wissenschaft, die er höchstens von der äußersten Oberfläche kennt, und will nichts glauben, fondern alles mit seinem mangelhaften Gehirnchen begreifen und „wissen", dem Kinde gleichend, das den Mond vom Himmel langen zu können glaubt. Diese Zeitkrankheit ergreift Leute von allen Bekenut- niffen. Aber wenn der Protestant sich diesem „wissenschaftlichen" Unglauben zuneigt, fo wird er durchaus nicht katholisch; im Gegenteil, er scheut bann erst den Katholizismus, weil der ein strenges Glaubensbekenntnis aufstellt. Der Katholik aber, der in Glaubenszweifel und Unglauben verfällt, kann leicht Geschmack am Protestantismus finden. Dort gilt ja die verführerische Parole der freien Forschung, und wie der Augenschein lehrt, wird die freie Forschung soweit ausge­dehnt, daß man nicht einmal mehr die Gottheit Christi oder die Dreifaltigkeit zu bekennen braucht; man kann nicht bloß vollberechtigtes Mitglied der protestantischen Landeskirche, sondern unter Umständen sogar wohlbestallter Prediger werden, wenn man auch Christus nur für einen mensch­lichen Religionslehrer hält und die Bibel nicht als eine Offenbarung Gottes, sondern als ein Menschenwerk betrachtet, das mit Auswahl nach dem persönlichen Geschmack als Erbauungsbuch benutzt werden kann. Wenn nun jemand an den christlichen Glaubenssätzen zweifelt, fo wird der Protestantismus ihm als bequemer Unter­schlupf für di- verschiedensten Meinungen ver­lockend Vorkommen.

Da will man an der Zahl der Uebertritte die „Werbekraft" des einen und des anderen Glaubensbekenntnisses abmeffen. Ach, die moderne Werbekraft steckt nicht in dem Bekennt­nisse, sondern vielmehr in dem Mangel am Bekenntnis. Wo nichts oder doch möglichst wenig im Glauben gefordert wird, dahin fühlen sich die „Aufgeklärten" gezogen. Die guten Elemente in der evangelischen Kirche — Hut ab vor den redlich strebenden Christen — legen den Hauptwert auf das positive Prinzip, auf die Mahnung, daß man durch gläubige Hingabe an Gott fein Heil und feinen Frieden finden solle. Aber von diesem Prinzip geht heutzutage die Werbeftaft nicht aus. Die große Masse der Leute, die dem Protestantismus zufallen, hat nicht das Bedürfnis, durch „den Glauben selig zu werden", sondern will vielmehr ohne Belästigung durch Kirchenlehre und Kirchenzucht auf Erden selig werden.

Nun werden die positiven, christlich, gesinnten Evangelischen sagen: „Ja, diese Ungläubigen gehören nicht zur evangelischen Religionsgemein­schaft; es gibt ja doch auch bei den Katholiken kranke und abgestorbene Glieder am Körper der Kirche". Schön. Aber da besteht ein doppelter Unterschied. Erstens erkennt die katholische Kirche die vom Glauben und der sittlichen Ordnung abgefallenen Katholiken nicht mehr als voll­berechtigte Glieder an, sie verfallen dem Banne, während dagegen die Halb- upd Ganzungläubigen in der protestantischen Kirche auf Grund der „freien Forschung" als vollberechtigt mitspielen. Zweitens — und das ist uns hier die Haupt­sache — der Protestantismus nimmt die religiös gleichgiltig oder ungläubig gewordenen Katholiken mit offenen Armen auf, während die katholische Kirche nur diejenigen Protestanten aufnehmen kann, die ein gesteigertes religiöses Bedürfnis und einen reicheren Glaubensschatz sich er­worben haben.

Wie viele von den Protestanten, die heute noch zur evangelischen Landeskirche gezählt wer­den, stehen denn noch auf dem Boden des „Be- kenntniffes"? Die „Aufgeklärten" treten eben doch nicht aus der Landeskirche aus. Von Seiten der Sozialdemokratie wurde wurde ja vor Jahr­

zehnten einmal eine Austritts - Bewegung einge- leitet. Aber auch die erklärten Gottesleugner taten bis auf verschwindende Ausnahmen nicht mit. Warum sollten sie sich die Umstände und die Geldausgabe machen? Die Zugehörigkeit zur Landeskirche belästigte sie ja weiter nicht. Daß ihre Kinder am protestantischen Religionsunter­richte teilnehmen, macht ihnen keine Kopfschmer­zen; was der Lehrer oder Prediger ihnen bei­bringt, wird zu Haufe oder später in der Kneipe oder Werkstatt gründlich wieder ausgefegt. So bekommen wir ganze Generationen von Namen- Christen, die keine Christen find. Der mit seiner Religion zerfallene Protestant hat also keinen wirksamen Antrieb zum Uebertritt in freireligiöse Gemeinden oder zum offenen Unglauben. Der mit feiner Religion zerfallene Katholik dagegen fällt leicht dem Protestantismus zu, der als be­quemeres und zugleich angesehenes Bekenntnis dahinter steht.

Es wurde schon viel ausgeführt, daß man sich als eine Konfessions-Leiter vorstellen könne: obenan sitzt der Katholizismus mit seinen stren­gen Anforderungen, darunter der Protestantismus mit feiner „Freiheit". Wer oben strauchelt, fällt von der katholischen Stufe auf die breite prote­stantische. Aber wer den umgekehrten Weg machen will, muß mühsam emporklettern. _

Wir wiederholen nochmals, daß wir die An­dersgläubigen nicht kranken und nicht etwa den Pharisäer spielen wollen, wie man es auf der anderen Seite in den Angriffen gegen „Rom" so oft tut. Wir geben zu, daß auch Uebertritte zum Katholizismus aus weltlichen Rück­sichten, z. B. die Heiraten, Vorkommen. Aber das sind Ausnahmen. Hier handelt es !'.ch darum, die-Regel klarzustellen, und die Reget ist die: daß der Protestantismus als die be­quemere und freiere Rellgwnsgeineinschaft von der modernen Gleichgiltigkeit und Zweifel­sucht in religiösen Dingen profitieren muß. Es liegt in der Natur der Dinge, daß die Uebertritte zum Protestantismus zahlreicher sein müssen, als die Uebertritte zum anspruchsvollen Katholizismus. Wenn nun nach protestantischer Aufrechnung gesagt wird, es gäbe in Deutschland etwa jährlich 6000 Uebertritte zum Protestantis­mus und nur 6—700 Uebertritte zum Katholi­zismus, so sind diese Ziffern nicht ganz zuver­lässig, da die Prediger den Zuwachs besser er­fahren und genauer buchen, als den Verlust. Aber wir wundern uns gar nicht, wenn etliche Tausend Seelen in die weitgeöffneten Arme des Protestantismus fallen. Mag die Quantität dem bequemeren Bekenntnisse zufallen, die Qualität ist in den Übertritten zum Katholi­zismus zu suchen, die offenbar in ihrer großen Masse aus religiöser Ueberzeugungs- und Tat­kraft erfolgt. Es ist erfreulich, wenn in dieser Zeit der frischen Aufklärung und des materiellen Treibens noch jährlich Hunderte von Protestanten sich zu der Erkenntnis der katholischen Wahrheit und zur Uebernahme der katholischen kirchlichen Pflichten entschließen.

Und das ohne die „römische Propaganda", die nicht existiert. Dagegen gibt es wohl eine protestantische Propaganda mit großen ma­teriellen Mitteln, nicht bloS in Oesterreich, sondern auch hüben.

Dagegen wehren wir uns mit Recht und auch mit Erfolg, denn die paar Tausend Verluste sind, so bedauerlich sie fein mögen, nicht er­schrecklich im Vergleich zu den Millionenziffern und zu den ungünstigen Zeitverhältniffen. Wir wollen aber den Besitz unseres heil. Glaubens auch weiter mit allen Kräften verteidigen, und für dich und mich ist die Hauptsache, daß wir unsere Kinder gut erziehen durch Wort, Zucht und Beispiel.

wie es in Rußland hergeht.

Eines Tages, erzählte der Jsprawnik (der erste Polizei-Beamte) Rhäsakoff, ftüh am Mor­gen erhalte ich von dem Polizeidiener von Tschudin einen Bericht, daß in der Gluchow'schen Schänke ein Bauer eine Frau erwürgt habe, derselbe wäre zwar entflohen, der Starosia aber habe ihn er­griffen und an den Klotz gelegt; er sei noch ein junger Mensch, Nikita, der Sohn des reichen Bauern Archem aus Dubewaha, die Frau noch am Leben.

Meine Aufmerksamkeit fiel sogleich auf zwei Punkte: erstens, daß der Sfotski (Polizeidiener­den Verbrecher noch einen „jungen Menschen" nenne und zweitens, daß derselbe einen reichen Vater habe. Zu jener Zeit war gerade Rekruten« Aushebung und tags zuvor hatte mich der städtt» sche Kronsbauer, mit dem Beinamen der Wachtel­könig, gefragt, ob ich für feinen Sohn nicht einen Stellvertreter wüßte; er fei bereit, 1600 Silber- rubel zu geben.