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Zuldaer M Zeitung
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fttlda, Dienstag, den 18. August 1903.
30. Jahrgang.
JV§ 186.
Deutsches Reich
Berlin, den 17. August 1903.
§§ Unter der Ueberschrift „Die Kaiser- iwfeP* besprach der.Vorwärts" am Samstag einen Plan, der nach seinen Angaben gegen« wärtig in Hofkreisen erörtert wird. Danach soll beabfichtigt sein, an der geplanten Heeresstraße Berlin-Döberitz auf der Insel Pichelswerder in der Nähe von Spandau ein kaiserliches Familienschloß zu errichten, das der kaiserlichen Familie zum künftigen Aufenthalt dienen soll. Die ganze Insel soll in den Besitz der Krone überführt und dann streng von der Außenwelt abgesperrt werden. Durch die Döbe- ritzer Heerstraße könnten dann in kürzester Zeit Truppen um die Insel konzentriert werden. Außerdem wolle man dann noch den Jnselbezirk zusammen mit den Spandauer Staatswerkstätten und dem Heerstraßenbezirk zu einem neuen sozialdemokratenreinen Reichstagswahlkreis zusammenlegen, und endlich bestehe die Absicht, die Truppen der Garde nicht mehr direkt auszuheben, sondern aus den Elitemannschaften anderer Truppen auszuwählen. Die Presse will dem ,Vorwärts" diese Geschichte nicht so recht glauben. Teils nimmt sie überhaupt keine Notiz davon, teils spricht sie entschiedenen Zweifel aus. Die,Post", die ganz entrüstet, scheint aber doch von der Unrichtigkeit der Geschichte nicht so ganz überzeugt zu sein. Sie meint, wenn überhaupt etwas davon wahr sein sollte, „so dürfte es höchstens der Plan sein, in Pichelswerder ein kaiserliches Schloß zu bauen, was ja auch gar nicht so absurd wäre bei den häufigen Besuchen, die der Kaiser in seinem bekannten Interesse für unser Heer dem Döberitzer Truppenübungsplätze abzustatten pflegt". Wir würden es aber doch ziemlich „absurd" finden, wenn man lediglich deshalb, weil der Kaiser ein paar Mal im Jahre nach Döberitz kommt, gleich ein eigenes Schloß bauen wollte, zumal, da schon das Charlottenburger Schloß in ziemlicher Nähe von Pichelswerder liegt.
!?! Der Reichskanzler Graf Bülow ist nach Norderney zurückgekehrt. Als Erinnerungszeichen an seine langjährige Zuhörigkeit zum Kriegsministerium wurde ihm durch seinen Nachfolger Generalleutnant v. Einem. eine in der Königlichen Porzellan - Manufaktur hergestellte kostbare Porzellanvase überreicht, die auf der Vorderseite ein Bild der Gartenfront des Kriegsministerialgebäudes, auf der Rückseite ein solches des Arbeitszimmers des Kriegsmimsters und auf den anderen beiden schmaleren Seiten das von Goßlersche Wappen und die Widmung trägt.
** Zum Oberpräsidenten der Provinz Schlesien wird nach der ,Nordd. Allg. Ztg." der derzeitige Oberpräfident der Provinz Hessen- Nassau, Staatsminister Dr. Graf v. Zedlitz- Trützschler ernannt werden. Graf Robert v. Zedlitz-Trützschler ist am 8. Dezember 1837
geboren. 1881 wurde er zum Regierungspräsidenten in Oppeln, 1884 zum Mitglied des Staatsrats und 1886 zum Oberpräsidenten der Provinz Posen und zum Vorsitzenden der An- siedlungskommisfion für Weflpreußen und Posen ernannt. Im März 1891 wurde er zum Kultusminister ernannt. Er brachte einen Volksschulgesetzentwurf ein, der auf der liberalen Seite lebhaften Widerfpruch fand und schließlich zurückgezogen wurde. Daraufhin nahm Graf v. Zedlitz- Trützschler im März 1892 sei te Entlassung. Im
Dezember 1898 wurde er zum llberpräsidenten der Provinz Hesien-Naffau ernannt, welchen Posten er jetzt noch inne hat. Der Kaiser hatte am Sonntag den Grafen v. Zedlitz-Trützschler empfangen. Am Sonntag früh hatte Graf Bülow eine längere Besprechung mit dem Oberpräsidenten. Der Reichskanzler und Graf Zedlitz folgten später einer Einladung des Kaifirs zur Frühstückstafel. — Mit lebhaftem Bedauern wird man allenthalben in unserer Provinz die Kunde vernehmen, daß wir unseren Oberpräsidenten Grafen Zedlitz-Trützschler verlieren sollen, da er es verstanden hat, sich die Herzen aller Bewohner der Provinz zu gewinnen.
% Jüngst wurde in verschiedenen Blättern darüber geklagt, daß die Ansiedelungs-Kommission zu den üblichen hohen Preisen große Güter von deutschen Magnaten und Fürsten erworben habe, die es „gar nicht nötig" hätten und statt ihren Besitz zu verkaufen, ihn zur Förderung des Deutschtums hätten verwenden sollen. Jetzt wird berichtet, daß die Kommission von der Landbank, die auch das Ansiedelungs - Geschäft betreibt, aber aus Spekulation eine Anzahl großer Rittergüter — zusammen 10,000 ha — erworben habe, welche die Landbank vor 3 Jahren zu horrenden Preisen gekauft und trotz aller Bemühungen nicht habe los werden können. Die Güter seien der Ansiedelungs-Kommission vorher zu niedrigeren Preisen angeboten worden, als sie jetzt der Landbank gezahlt habe. Die Güterpreise in der Provinz Posen hätten infolge der Ankäufe der Kommission eine nie geahnte Höhe erreicht, zum Schaden der Ansiedler. Der Einzug von Landwirten aus Westfalen und Sachsen habe ganz aufgehört, weil die Preise zu hoch hinauf getrieben worden seien. — Seitdem die Kommission angefangen hat, das Deutschtum weniger durch Auskauf von Polen, als durch Rettung
nicht ausreichen, so werde die Regierung nicht anstehen, neue Summen vom Landtage zu er» bitten.
+ Die Charitastage, welche bisher schon in allen Teilen Deutschlands (in Schwäb. Gmünd, Köln, Wiesbaden, Augsburg, Berlin, Aachen und München) abgehalten wurden, haben jeweils eines zahlreichen Besuches sich zu erfreuen gehabt. Der diesjährige achte Charitastag findet in der sehr günstig gelegenen Stadt Frankfurt a. M., und zugleich zu einer Zeit statt, die von sonstigen Kongressen nicht so sehr in Anspruch genommen ist, nämlich vom 4.-6. Oktober, sodaß diesmal ebenfalls ein zahlreicher Besuch zu erhoffen ist. Auch die zur Verhandlung stehenden Themata und die hierfür gewonnenen Redner laffen auf intereffante und gediegene Erörterungen schließen. Wie die .Charitas" in Nr 8 mitteilt, werden u. a. sprechen:
Hebet die Wohnungsfrage: die Herren Reichs- und Landtagsabgeordneter Dr. Jäger-Speyer und Direktor Dr. Geißenberger-Straßburg;
über Krankenpflege in Stadt und Land: Herr Hofrat Professor Dr. L o s s e n > Heidelberg;
über Jrrenfürsorge: Herr Domkapitular Eisend arth-Rottenburg;
über den Kinderschutz: die Herren Prälat Generalvikar Hilpisch -Limburg und Pfarrer K ö nig- stein-Frankfurt a. M.;
über die Aufgaben der lokalen E,hari- tasverbände mit Bezugnahme auf München und Frankfurt a. M.: Herr Prälat Dr. Baumgarten- München ;
über die Ausbildung katholischer Ge- sangenenaufseherinnen: Frl. Hämmerlein- Frankfurt a. M.
Eine besondere Auszeichnung hat der Charitastag dadurch erfahren, daß Ihre Königliche Hoheit die Durchlauchtigste Frau Landgräfin von Hessen, Prinzessin von Preußen, das Protektorat der Veransta.tung zu übernehmen geruhte. Hoffen wir, daß durch diese Versammlung die neueren Charitasbestrebungen, welche erfreulicherweise in unseren katholischen Kreisen mehr und mehr gewürdigt werden, eine weitere Förderung erfahren. Wie sehr der Charitas- verband auf nichtkatholischer Seite bereits Anerkennung findet, beweist ein größerer Artikel in der.Zeitschrift für das Armenwesen", worin der als Autorität auf dem Gebiete des Armenwesens bekannte Stadtrat Dr. Münsterberg in Berlin folgendermaßen sich ausspricht: „Das Programm, das die Charitas sich gestellt hat, hat sie, wie man bereitwillig anerkennen muß, mit Eifer und Verständnis zu erfüllen gesucht, und in der Tat durch die in ihren Satzungen angedeuteten Mittel in der mannigfachsten Weise zur Belebung der katholischen Wohltätigkeitsbestrebungen beigetragen und sich hierbei überall bemüht, diese Bestrebungen auf die in der Fachwissenschaft als gesund anerkannten Grundlagen zu stellen."
B. Rom, 16. Aug. 1903. „J1 Santo Padre e tutto amore“, (der heilige Vater ist
geldbedürftiger deutscher Besitzer zu fördern, war diese Wirkung ihrer Tätigkeit ja unvermeidlich. Unter Berufung auf fein Deutschtum will jetzt alles von den 250 Millionen der Kommission profitieren.
* Gegen die Beschickung der von der sächsischen Regierung geplanten Wahlrechts- kouserenz hatten zuerst die Nationalliberalen Bedenken geltend gemacht, die sie aber schließlich fallen ließen. Jetzt haben vertrauliche Versammlungen der konservativen Landtags- ftaktion und des Parteivorstandes gleicherweise der Befürchtung Ausdruck gegeben, daß die an den Vorberatungen teilnehmenden Landtagsabgeordneten sich nicht mehr unbefangen an den Verhandlungen der Kammer über die Wahlrechtsreform beteiligen könnten. Man will die Partei nicht moralisch mitverantwortlich gemacht wiffen und erwartet, daß die Regierung unter eigener Verantwortung ihre Vorlage selbständig vor die Kammer bringt. Es ist also sehr ftaglich geworden, ob die Konferenz noch zustande kommt. Wie ein Dresdener Blatt hört, wird die Regierung die Beibehaltung der Dreiklassenwahl in der Weise vorschlagen, daß jede Klasse ihr Drittel allein wählt, und die Wahl eine allgemeine, geheime und direkte ist. Der Freisinnige Volksverein und der deutschfreifinnige Verein haben sich gegen jedes Klaffen-, Stände- und Berufswahlrecht und in erster Linie für Ueber- nahme des Rrichstagswahlrechts unter pro; portioneller Verteilung der Mandate auf die konkurrierenden Parteien, in zweiter Linie für Rückkehr zu dem früheren Landtagswahlrecht unter Aufhebung der Drittelmajorität und pro- portioneller Mandatverteilung erklärt. In jedem Falle fordern sie gleiches, geheimes und direktes Wahlrecht. Sollte man sich nicht für Proportionalwahlen entscheiden, so wäre der Städtebevölkerung eine stärkere Vertretung als bisher im Landtag zu gewähren.
[:] Die Bestrebungen der Beamten- wohtmngsvereme erfreuen sich des besonderen Wohlwollens der preußischen Regierung. Das geht aus einer Ansprache hervor, die Finanz- minifter v. Rheinbaben am Sonntag bei der Grundsteinlegung für die fünfte größere Haus- gruppe des Beamtenwohnungsvereins zu Berlin hielt. Er hob hervor, daß die Beamten ein Recht hätten, sich Wohnungen zu errichten, die eine Stätte des Friedens, der Freude und der Erholung für sie wären. Niemand könne es ihnen verargen, wenn sie selbst Hand anlegten, sich ein behagliches Heim zu schaffen. Sie handelten dabei „niemandem zu leide", auch den Hausbesitzern nicht. Er glaube zu seiner Freude feststellen zu können, daß man auch in diesen Kreisen beginne, mehr Verständnis diesen Bestrebungen der Beamten entgegenzubringen. Bereits beginne sich in allen Kreisen der Beamtenschaft ein reger Eifer in dieser Richtung zu zeigen. Die Arbeiten des Berliner Beamten- wohnungsoereins seien vorbildlich für die Beamtenschaft der Monarchie geworden. Die Regierung werde, soweit die Mittel reichen, diese Bestrebungen unterstützen. Sollten die vom Landtage zu diesem Zweck bewilligten Summen
Fügungen.
Erzählung von A. Rhdolph.
86 ------ (Nachdruck verboten.)
Mil Freuden sah die Baroneffe, wie unbefangen sie blieb, wie ächt weiblich zurückhaltend. Es gelang keinem der Kavalliere, sich eines Zeichens ihrer Gunst rühmen zu können.
Das glanzvolle Leben und Treiben auf dem Schlosse wwc verrauscht; die gewohnte Stille kehrte nach und »ach wieder ein Bon den vielen Gästen wellte nur noch Gräfin Juliane bei ihrer Tante.
Es war am Tage vor ihrer Avreise, daß die Damen gemütlich zusammen im Salon beim hell- flackamden Kaminfeuer saßen. Der Graf war auf die Jagd gegangen und noch nicht zurück.
.. Während der ganzen Zeit ihrer Anwesenheit war die «-raftn, eine geistreiche, äußerst glanzvolle Er- scheinung,so in Anspruch genommen gewesen, daß sich iro n’tLES nur auf ein sehr geringes Maß beschrankt hatte. Heute fand fie Muße und Ge- legenhett, m vertraulich ungezwungener Weise mit ihr plaudern zu können.
Sie kannte fie schon von dem Besuche her, den Elisabeth vor Jahren ihrer Pensionsfreundin Hildegard gemacht hatte; das Unglück der OberförfterSsamilie war chr nicht unbekannt geblieben. Großmütig setzte fie sich darüber hinweg; fie freute sich, die Freundin chrer Schwester so wohlgeborgen bei ihrer Tante zu finden.
Sie hatte auch erfahren, daß Lisbeth im Hause des Präsidenten v. Breien gewesen war und es interessierte fie, Näherer über eine Familie zu erfahren, in welcher chr Bruder Paul so fteundschastlich verkehrt hatte.
Es waren, da es dort erwachsene Töchter gab und er damals ziemlich lange Gast des Präsidenten war, so ganz eigene Gedanken in ihr aufgetaucht, die durch
die plötzliche Abreise ihres Bruders einen nicht geahnten Abschluß fände...
„Sie müssen meinen Bruder Paul ja auch dort kennen g lernt haben," rief die Gräfin au8.
Es war das erste Mal, daß ihre Bekanntschaft mit dem Baron erwähnt wurde. Das Auge der Baronesse ruhte scharf auf ihr; es machte ihr eine unangenehme Empfindung, daß für einen Augenblick eine dunkle Röte das Gesicht Lisbeths überflog. Aber auch dieser «ar es peinlich, in gesellschaftlich kühler Weise über etwas sprechen zu müssen, was fie selbst mtt sich allein kaum zu berühren wagte.
Sie glaubte am schnellsten darüber hinweg zu kommen, wenn fie sofort berichtete, was sie zu einander in Verbindung gebracht hatte.
Sie blieb der Wahrheit sehr getreu, wenn fie erzählte, daß chre Bekanntschaft eine sehr flüchtige gewesen sei, daß ihr aber trotzdem durch ihn schon einmal das Glück angeboten worden war, zur Baronesse Pauline zu kommen.
Sie gab ihrem Bedauern Ausdruck, daß fie dieses gütige Anerbieten nicht annehmen konnte, weil sie ihren Bruder nicht Verliesen durste. Die Erzählung klang einfach und natürlich.
Baronesse Pauline befand sich in merkwürdiger Stimmung. Zwar wurde ihre Vermutung bestätigt, daß der Hubert tut Briefe der Bruder LiSbeth's sei, aber es verletzte sie, daß dieselbe so frei und unbefangen von der ganzen Sache sprach. Wäre Lisbeth nicht durch die Liebenswürdigkeit der Gräfin vollkommen beschäftigt gewesen, fie hätte die plötzliche Veränderung in dem Benehmen ihrer gütigen Herrin gegen sie bemerken müssen.
So aber hörte fie mit lebhaftem Interesse der Gräfin Balbot zu, welche ihr erzählte, daß Manfted zum größten Aerger seiner Familie aus dem Staatsdienst ausgetreten und nach Rom gegangen fei, um sich dort zum Priest'rstande vor-mbereiten. Was zwischen ihr und Manfted einst geschwebt hatte, war von Lis
beth aus weiblichem Zartsinn vor der Baronesse als Geheimnis behandelt worden.
Der Eindruck, den sie unbewußt und schuldlos auf ihre Herrin gemacht hatte, war nicht von nachhaltender Wirkung; fie hatte fich schon einen zu festen Platz in dem Herzen der Baronesse errungen, als daß derselbe so schnell erschüttert werden konnte. Gefahr gab es nicht für ihren Neffen — er war zu weit entfernt — und das genügte ihr.
Sie hütete fich forgfä'tig, von ihm zu sprechen, und teilte Lisbeth aus den hin und wieder einlaufenden Briefen nichts mehr mit. Ebenso vermied fie eS, je noch einmal Paul gegenüber ihrer Gesellschafterin zu erwähnen, wie fie es anfangs, als fie noch ganz harmlos war, getan hatte, Lisbeth wußte nicht einmal, wo der Baron wellte; doch vergaß fie nie, ihn nebst ihrem Bruder Hubert täglich inS Gebet einzuschließen.
Die Zeit schwand dahin. Lisbeth war nun schon ein volles Jahr bei der Baronesse, welche eS keinen Augenblick bereute, fie bei fich behalten »u haben. Der Brief war gleichsam in Vergessenheit geraten. .
Äe hatte sogar schon für ihre Zukunft aufs groß- arttgste Sorge getragen, da es schien, daß fie unverheiratet bleiben wollte. Es fehlte ihr nicht an Bewerbern; doch wie oft die Baronesse, halb im Ernst, halb im Scherz darauf anfp’ette, Lisbeth hatte immer dieselbe verneinende Antwort, und es war der alten Dame schon recht. Sie war ihr ganz unentbehrlich geworden, besonders jetzt, wo die Gründung, der Bau der Filiale eines Klosters zum guten Hirten fie vollauf beschäftigte.
Lisbeth war gleichsam die Serie des ganzen Werkes. Die Baronesse konnte nicht genug ihren ebenso praktischen wie künstlerischen Sinn bewundern.
Schon erhoben fich die Mauern des stattlichen Gebäudrs, in welchem verwaiste und verwahrloste Kinder und junge Mädchen, die durch die Berhältniffe in Gefahr standen, Schaden an Leib und Seele zu leiden, liebevolle Aufnahme finden sollten.
Die Leitung des Banes lag in den Händen eines in seinem Fache sehr renommierten Meisters, eine# Herrn v. Kloben, der fich trotz seiner Jugend schon einen hochgeachteten Namen erworben hatte. Er wellte öfter tagelang als Gast auf dem Schlosse, um die Arbeiten persönlich zu überwachen. Es war der Baronesse nicht entgangen, daß Lisbeth einen tiefen Eindruck auf den jungen Mann gemacht hatte. Je näher sie denselben kennen gelernt hatte, je mehr wünschte fie, daß Lisbeth diese Neigung erwidern möchte.
Lisbeths Benehmen gegen den Baumeister trag den Stempel größter Harmlofigkeit; fie war freundlich und artig zu ihm und schien an seiner lebhaften, geistvollen Unterhaltnng Gefallen zu finden, durch nichts verriet fich aber bei ihr ein tieferes Interesse für chn. Im Gegenteil hatte fie schon öfter davon gesprochen, daß fie glaube, in dem lieben Kloster selbst noch als Novizin einzutteten.
Der Bau mußte jetzt unterbrochen werden, da der Winter zum zweiten Male, fett Lisbeth bei der Baronesse weilte, mit stackem Frost und Schneefall seinen Einzug gehalten hatte.
Der Baumeister war im Begriff, für längere Zeit Abschied zu nehmen; deutlich sah ihm die Baronesse an, daß er etwas auf dem Herzen habe, was er nicht den Mut fände, auszusprechen.
Es war ein sehr stiller Abend, den die drei Personen noch vor seiner Abreise zusammen verlebten. Vergeblich bemühte fich Lisbeth, die nichts ahnte, Leben und Heiteckeit in die Unterhaltung zu bringen. Der Baumeister blieb einfilbig; endlich et hob er fich plötzlich, verabschiedete fich von der Baronesse und wandte sich dann an Lisbeth. Sie reichte ihm unbefangen die Hand; er hielt fie länger al« nötig.
„Darf ich hoffen, daß Sie mich nicht ganz vergessen werden?" fragte er fie.
„Herr v. Kloben," antwortete Lisbeth zuvorkommend, „Sie haben fich in ihrem herrlichen Ban