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Zernsprecher Nr. 9.
30. Jahrgang.
fUlckS, Montag, den 17. August 1903.
M 185.
Berlin, den 16. August 1903.
* Der Krorrrat hat am Freitag vormittag im Berliner Schlöffe stattgefunden. Der Kaiser, der dazu um 91/* Uhr aus Potsdam eingetroffen war, hatte vorher eine etwa halbstündige Besprechung mit dem Grafen Bülow im Reichskanzlerpalais. Der Kronrat begann um 10‘/> Uhr und dauerte bis 12 Uhr. Alle in Berlin anwesenden Minister, auch der neuernannte Kriegsminister von Einem, nahmen daran teil. Die Staatssekretäre Graf Posadowsky und v. Tirpitz, die gleichfalls dem Ministerium angehören, sind beurlaubt und von Berlin abwesend. Nach den Angaben verschiedener Blätter standen technische Fragen in Bezug aufdieUeberschwemmungen zur Beratung. Nach der .Kreuzztg.' waren es „lediglich" technische Fragen, nach andern „vorwiegend". Ein Blatt bemerkt, technische Fragen hätten nicht den einzigen Gegenstand der Beratung gebildet. Eine amtliche Mitteilung über das Ergebnis der Verhandlungen sei zu erwarten. Das ist wahrscheinlich. Einstweilen schweigt aber der .Reichsanzeiger'. Die Sensationsmacher, die vorher soviel über den Kronrat zu erzählen wußten, werden allem Anschein nach nicht auf ihre Rechnung kommen. Ist doch nach der .Kreuzzeitung', die einer offiziösen Mitteilung zu folgen scheint, nicht einmal die Meldung richtig, daß der Kronrat ursprünglich am Donnerstag habe stattfinden sollen. Er fei vielmehr von vornherein für Freitag vormittag in Ausficht genommen. Die Sensationsmacher werden nun wohl die Ausrede gebrauchen, Graf Bülow habe in den Besprechungen, die er am Donnerstag vor seinem Vortrag beim Kaiser mit den Ministern hatte, die „Unstimmigkeiten" im Ministerium ausgeglichen. Wir wollen uns nicht den Kopf zerbrechen um Dinge, die wir nicht wiffen. Natürlich ist es auch möglich, daß man amtlich die Wahrheit zu vertuschen bemüht ist und an den „Unstimmigkeiten" doch etwas war. — Die,Nordd. Allgem. Ztg.' schreibt zu dem Kronrat in ihren „Rückblicken": „Unmittelbar nach seiner Rückkehr hat der Kaifer den Jm- mediatvortrag des Reichskanzlers Grafen von Bülow entgegengenommen, und gestern vormittag hat er im Schlosse zu Berlin einer Sitzung des Staatsministeriums präsidierr. Dieser aus dem Eintritt schwerer Hochwasserkataftrophen in Preußen zur Genüge erklärlicher Umstand ist in der Preffe ohne Grund aufgebauscht und von schlecht unterrichteter Seite mit irgendwelchen Veränderungen der gesamten inneren Politik in Zusammenhang gebracht worden. Es bestätigt sich jetzt, daß die Besprechung des Monarchen mit seinen Ratgebern in der Tat nur den Folgen der ernsten Lage gegolten hat, die durch die jüngsten Elementarereigniffe für mehrere preußische Provinzen geschaffen worden find. Der große Umfang der Schädigungen legt
8üg«ngen.
Erzählung von A. Rhdolph.
85 ------ (Nachdruck verboten.)
Die Baronesse hatte die Fortsetzung des Briefes für sich gelesen, und so gewann Lisbeth Gelegenheit, aus dem Zimmer zu ellen und in ihr eigenes zu flüchten.
Dort brachen ihre Tränen unaufhaltsam hervor; sie wußte selbst nicht, warum sie weinte, sie konnte aber nicht anders; sie zitterte und schluchzte in ttefem, büterem Leid.
„Er verachtet mich," zuckte eS qualvoll durch ihr Herz. Sie vergaß, wie steundlich er für sie sorgen wollte. Sie behielt nur den Eindruck jenes eigentümlich ernsten Blickes, mit welchem er sie bei ihrem ersten Zusamuwntreffen fixiert hatte. Die Pein dieser Stunde hinterließ in ihrem Herzen einen wehmüttg resignierten Nachklang.
,, ihre Gedanken davon abzulenk-n; sie
schalt sich kindisch und töricht, und bemühte sich, diesem Weh nicht nachzuhängen. Religion, Arbeit und Uebung im Ertragen von wirklichem Schmerze erleichterten ihr dieses Streben. Die Baronesse ahnte nicht, daß eS tief verborgen rm Innern des heiteren jungen Mädchen» eine« wunden Puntt gab.
Jetzt las sie in der Zeitung, daß Frau v. Breten ohne jedes vorangegangene Unwohlsein plötzlich am Schlage verschieden sei. Die Präsidentin war im Begriff gewesen, sich zu einer Gesellschaft zu begeben; da traf sie unerwartet der Tod. Diese Nachricht berührte Lisbeth sehr schmerzlich; sie kannte das ganz der Weltlust hingegebene Leben dieser Dame; der Gedanke, so unvorbereitet vor den Richter treten zu müssen, erschütterte sie.
Als nun die Baronesse nach der Ursache ihrer plötzlichen Bestürzung fragte, reichte ihr Lisbeth statt jeber Antwort die Zeitung hin.
es nahe, Maßnahmen zu ergreifen, durch die der Wiederkehr ähnlicher Verheerungen wenn möglich für immer vorgebeugt werden soll. Diese Maßnahmen sind es, die eine eingehende Beratung des Staatsministeriums veranlaßt haben; und bei der warmherzigen Teilnahme, die der Kaiser der notleidenden Bevölkerung in den vom Hochwasser betroffenen Provinzen entgegenbringt, bei dem lebhaften Interesse, das der Monarch für die Frage bekundet, durch welcye Mittel solche Katastrophen für die Zukunft vermieden werden könnten, war es ein naheliegender, sehr natürlicher Gedanke, die betreffende Sitzung des Staatsministeriums unter seiner persönlichen Teilnahme abzuhalten. Die Ergebnisse der Beratung dürsten in dem dem Landtage der Monarchie zu unterbreitenden Vorlagen ihren Ausdruck finden."
§ Wechsel im Kriegsministerium. Der .Reichsanzeiger' meldet amtlich, daß der General von Goßler auf feinen Antrag von dem Amt als Kriegsminister entbunden und Generalleutnant von Einem gen. von Rothmaler, zum Kriegsminister ernannt worden ist. Der Kaiser hat an Herrn v. Goßler nachstehendes Handschreiben gerichtet:
„Ich habe aus Ihrem Schreiben vom 1. ds. Mts. ersehen, daß Ihr Gesundheitszustand Ihnen ein weiteres Verbleiben im Dienste nicht geuattet. Ich kann Mich hiernach Ihrem Ansuchen um Verabschiedung nicht entziehen und stelle Sie daher — indem Ich Sie in Meiner anderweiten Ordre vom heutigen Tage von dem Amte als Staats- und Kriegs Minister enthoben habe — mit der gesetzlichen Pension zur Disposition. Gleichzeitig spreche Ich Ihnen Meinen Königlichen Dank und Meine warme Anerkennung aus für die Verdienste, welche Sie sich durch Ihre langjährige Zugehörigkeit zum Kriegsministerium, insonderheit in Ihrer siebenjährigen Tätigkeit in der bisherigen schweren und verantwortungsvollen Stellung erworben haben. Ich wünsche dies noch besonders dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß Ich Ihnen Meinen Verdienstorden der Preußischen Krone, dessen Insignien beifolgen, verleihe. Um aber auch Ihre Zugehörigkeit zur Armee dauernd zu erhalten, stelle ich Sie ä la suite beS 3. Garderegiments zu Fuß und verleihe Ihnen hiermit die Uniform desjenigen Regiments wieder, welches Sie mit Auszeichnung geführt haben. Möge es Ihnen vergönnt sein, noch lange Jahre diese Ehrenstelle zu bekleiden. Neues Palais, den 14. August 1903. Wilhelm."
* Die Ernennung des neuen Oberpräfi- dente« vo« Schlesien steht nahe bevor. Wie die ,Nat. Ztg.' erfährt, hat sich die durch das Hochwasser in Schlesien geschaffenen Lage insofern günstiger gestaltet, als infolge der sanitätspolizeilichen Anordnungen, die überall durchgeführt worden, und namentlich infolge der Fürsorge für gutes Trinkwaffer der Gesundheitszustand im Ueberschwemmungsgebiet als günstig bezeichnet werden darf. Eine ernste Besorgnis wegen Ausbruchs ansteckender Krankheiten ist bisher nicht herorgetreten. Ueberdies werden alle verdächtige Erscheinungen sorgfältig kontrolliert.
§ Der .Reichsanzeiger' meldet, daß zu ordentlichen Professoren in der neu zu errichtenden katholisch-theologische» Fakultät zu der Universität Straßburg ernannt worden sind: der ordentliche Proseffor an der Universttät in Breslau Dr. Aloys Schaefer, der ordentliche
Profeffor an der Universität in Freiburg i. B. Dr. Albert Ehrhard, der ordentliche Profeffor an der Universität in Münster L W. Dr. Joseph Schroeder, die Professoren am bischöflichen großen Seminar in Straßburg Dr. Eugen Müller und Dr. Albert Lang, der Privat- )ozent an der Universttät in Würzburg Dr. Michael Faulhaber und der Privatdozeut in München Dr. Franz Walter.
** Bekanntlich sind vom Kaiser „neue Bestimmungen für die Förderung des Studiums neuer Fremdsprachen in der Armee" ergangen. Als Ziel des Studiums wird der Wunsch bezeichnet, in jedem Armeekorps eine größere Anzahl von Offizieren und einige Beamte zur Verfügung zu haben, die in einer der militärisch wichtigen Fremdsprachen als Dolmetscher dienen können; dann aber wird auch das allgemeine Bedürfnis betont, daß eine Anzahl von Beamten der Heeresverwaltung genügende Kenntnisse zur Verständigung in einer der neueren Fremdsprachen erlange. Für die Armeekorps östlich der Elbe kommen vorzugsweise russisch und polnisch, für die übrigen französisch, für alle daneben englisch und italienisch in Betracht; den Neigungen und der Vorbildung der Einzelnen soll dabei Rechnung getragen werden. fZur Förderung des Studiums erhalten die General-Kommandos besondere Mittel „Sprachstudien-Fonds" zu Beihülfen für aktive Leutnants, Oberleutnants und Hauptleute (Rittmeister) 2. Gehaltsklaffe (mit Ausnahme der zur Kriegs-Akademie, militärtechnischen Akademie und vereinigten Artillerie- und Ingenieur-Schule kommandierten), Offiziere des Beurlaubtenstandes und der Jnaktivität (nur für Reisekosten), endlich jüngere, zur Verwenoung in Feldstellen in Aussicht genommene Beamte. Einigen als Dolmetscher besonders befähigten Offizieren kann endlich auf Vorschlag des Chefs des Generalstabes der Armee vom Kriegsministerium eine Reisebeihülfe zur weiteren Vervollkommnung in der Fremdsprache zuerkannt werden.
* Die Verhandlungen mit den auswärtigen Staaten zum Abschluß «euer Handelsverträge kommen nur langsam in Gang. Tatsächlich haben solche bisher einzig mit Rußland stattgefunden, bezw. werden zur Zeit noch in St. Petersburg gepflogen. Wie die ,Berl. N. N.' von zuständiger Seite hören, sah man in Berlin ihrem Ergebnis nur mit geringer Zuversicht entgegen, man war sogar darauf gefaßt, daß die deutschen Vertreter vielleicht schon nach 8 Tagen aus der russischen Hauptstadt zurückkehren würden, wenn sich ein Boden für die Verständigung nicht finden ließe und daß eventuell noch weitere Zeit zur Abschleifung der Gegensätze vergehen müßte. In d m Umstand, daß unsere Entsandten länger ausbleiben, ist man aber geneigt, ein günstiges Zeichen zu sehen, ohne sich irgend welchem Optimismus hinzugeben. Doch find unsere Regierungskreise überzeugt, daß Rußland schließlich einen Handelsvertrag mit Deutschland braucht. Schon im Januar dieses Jahres waren von Berlin aus gleichzeitig Anregungen zu Verhandlungen bezw. zur Fühlungnahme in St. Petersburg und Wien ergangen, weil unsererseits mög
lichst vermieden werden sollte, Rußland und Oesterreich-Ungarn zu differenzieren. Rußland nahm die Anregung bereitwillig auf; mit Oesterreich-Ungarn aber war bisher nichts zu machen, >a defsen beiden Reichshälften untereinander ihre »etreffenden Verhältnisse noch nicht geordnet ;aben. Schließlich kann man angesichts derLos- reißungs- und Selbständigkeitsbestrebungen in Ingarn nicht einmal wiffen, ob wir nicht mit Lis und Trans gesondert über ihre Handelsver- läge verhandeln müssen. SchweizerischerseitS ;at hier verlautet, daß die dortigen Unterhänd- er erst Ende September auf dem Plan sein önnten. Die Berliner zuständigen Stelle» nahmen an, daß die nötigen Vereinbarungen mit »er Schweiz und Italien keine großen Schwierigkeiten machen werden. M't den Vereinigten Staaten haben bisher keine Verhandlungen statt- zefunden. Großer Wert wird den jetzigen Peters- »urger Verhandlungen, die möglicherweise in Berlin später eine Fortsetzung erfahren, nicht bei- gemeffen. Dem ,Konfektionär' wird gemeldet, daß infolge des günstigen Verlaufs der Handelsvertragsoerhandlungen in Petersburg die deut- chen Delegirten am 28. August nach Berlin iurückkehren werden. Alsdann nehme der russische Finanzminister Witte Urlaub, den er in Rußland zubringe und der bis Mitte Okt. dauere. Zu diesem Zeitpunkt sollen die Verhandlungen wieder ausgenommen werden, und es dürften sich dann nötigenfalls die deutschen Delegierten wieder nach Petersburg begeben.
* Daß die Unzufriedenheit in unseren Offizierkorps in den letzten Jahren bedenklich gewachsen ist, weiß, so schreibt man dem ,Reichs- boten', jeder, der in Offiziers kreisen verkehrt. „Früher diente man aus Vaterlandsliebe bei kargem Solde. Heute ist der arme Offizier eine verlorene Existenz, sowie er verabschiedet wird, und davor ist auch der Tüchtigste keinen Tag sicher, daher auch der Mangel' an Offiziersersatz. Ein mir befreundeter aktiver Kommandeur sollte Fahnenjunker besorgen, fand aber keine geeigneten jungen Leute. Er wandte sich an mich, da ich sehr viel mit inaktiven Offizieren verkehre. Früher ließen sie gern ihre Söhne bei billigen Regimentern eintreten, jetzt ist selbst das billigste Regiment zu teuer. Mir haben verschiedene alte Offiziere gesagt, daß sie ihre Jungen unter keinen Umständen Offiziere werden ließen! Was soll aber daraus werden! Es wird nötig sein, daß im Reichstag einmal ei» ernstes Wort über das auch von anderer Seite schon beklagte Einreißendes Luxus geredet wirb."
?? AllemAnschein nach wird sich derHandelS- vertragsverein sehr bald auflösen; seinen Angestellten ist wenigstens zum 1. Oktober gekündigt worden. Es wird in Deutschland wenige Leute geben, die dem Vereine eine Träne nachweinen, — Krokodilstränen natürlich ausgenommen, meint die .Deutsche Tagesztg!.
** Die Breslauer Nationalsozialen beschlossen, der Verschmelzung mit der freisinnigen Vereinigung nur dann zuzustimmen, wenn letztere sich ein klares, soziales Programm stellt, weil sonst die Nationalsozialen in eine rem
„Ab improvisa morte libera nos Domine,“ sagte die Baronesse. „Ein plötzlicher Tod hat für jeden Christen etwa» Erschütterndes."
„Besonders wenn man mit den betreffenden Personen in so naher Beziehung gestanden hat."
Die Baronesse horchte auf. Lisbeth bemerkte e» nicht. In ihrer Erregung fuhr sie unter den Ausdrücken lebhaften Mitgefühls fort, offen von der Familie Breten zu sprechen, so daß Pauline v. Eggenberg, welche geschickte Fragen einwarf, bald nicht mehr im Zweifel fein konnte, daß sie in ihrer Ge,ellschasterin das von ihrem Neffen empfohlene Fräulein Ulm vor sich hatte.
Trotzdem verriet kein Zucken ihrer Wimpern, was in ihrem Innern vorging. Mit vollkommen unbefangener Stimme und Miene letzte sie die Unterhaltung fort, so daß Lisbeth gänzlich ahnungslos blieb, welchen Eindruck ihre Erzählung auf die Baronesse gewacht hatte. D-eselbe verkürzte heute ein wenig die Zeit ihres Beisammenseins. Sie erteilte Lisbeth einige Aufträge und ging dann in ihr Zimmer. Dort schritt sie ratlos auf und nieder. Eine ganz ungewohnte Erregung war über sie gekommen.
„Jetzt begreife ich, wie mein Neffe sich täuschen konnte. Unglaublich, unglaublich!"
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und zog aus einem verschlossenen Fache einen Brief hervor, den sie wiederholt las.
„ES ist ganz absolut unmöglich, in ihr den Verfasser dieses Schreibens zu vermuten, und doch ist sie es. Natürlich ahnt sie nicht, daß ich den Brief gelesen habe; darum ihre beispiellose Unbefangenheit. Nun, eS soll ihr nicht gelingen, meinen Neffen zu umgarnen."
Die Baronesse hatte sich gesetzt und dar Haupt gedankenvoll in die Hand gestützt. So blieb st- lange unbeweglich. Als sie aufstand, hatte sie wieder die ihr eigene Ruhe und Sicherheit erlangt; fie war zur Klarheit über ihr Handeln gekommen.
Schon aus dem nächsten Zusammentreffen mit
Lisbeth beim Mittagsmahl konnte man entnehmen, daß die Baronesse beschlossen hatte, sie vorläufig bei sich zu behalten und ihr Benehmen gegen dieselbe nicht zu ändern.
Es kostete ihr wohl etwas Ueberwindung, aber nur anfänglich. Sobald sie Lisbeth sah, sobald sie mit ihr sprach, war es ihr nicht lange möglich, das un günstige Urteil über fie festzuhalten; ein strenges, wachsames Auge nur wollte ne auf ihre Gesellschafterin haben. Aber wie genau fie dieselbe von jetzt an beobachtete, nichts fand fie in ihr, kein Zug, kein Wort, das sich mit dem Tone des Briefes in Uebereinftimmung bringen ließ.
Elisabeth ahnte nicht, daß ihr Platz in dem Herzen ihrer edlen Freundin so hart bedroht war; fie blieb unbefangen und harmlos. Ihr Leben lag offen vor den Augen der Baronesse, welche täglich mehr Gelegenheit fand, Lisbeth zu achten und zu lieben.
Auf den warmen, sonnigen Herbst war ein harter, strenger Winter gefolgt; aber mif ihm auch das schöne, liebliche Weihnachten. Das alte, geräumige Schloß sollte viele Gäste beherbergen; die ganze Familie wollte das herrliche Fest gemeinsam bei der verehrten Taute feiern.
Die Baronesse und LiSbeth hatten alle Hände voll zu tun. Es gab so viele Kinderherzen, welche mit froher Erwartung den Gaben entgegensahen, welche eine wohltätige, gütige Hand ihnen jährlich zufließen ließ.
Auch Lisbeth hatte mit dankbarem Gemüte derer gedacht, welche ihr einst Gutes erwiesen hatten; eine reichgefiillte Kiste, in welcher sich auch einige reizende Kleinigkeiten für die Kinder deS Kanzleirater befanden, war an Frau Banner nach der Residenz abgegangen.
Wenige Tage vor dem Feste — die Gäste waren noch nicht angekommen — saßen die beiden Damen im warm durchheizten Gemache beisammen, eifrig beschäftigt, die letzte Hand an einige Ueberraschungen zu legen.
Elisabeth war auffallend ernst und trübe gestimmt und di- Baronesse fragte teilnehmen 1 nach dem Grunde ihrer Traurigkeit.
Mit kindlicher Offenheit erklärte Lisbeth, daß bie Erinnerung an die glückliche Jugendzeit, an die geliebte« Eltern beim Herannahen des Weihnachtsfestes mächtiger wie je in ihr erwachte und wie schmerzlich ihr der Gedanke sei, daß ihr einziger Bruder fern von ihr weile und fie seit feinem Abschiede keine Na hricht von ihm bekommen habe.
Es war daS erste Mal, daß Lisbeth vor der Baronesse ihres Bruders Erwähnung tat; jetzt aber, da das Eis einmal gebrochen war, eröffnete fie der wohlwollenden älterenFreuudin ihr kummerschwereSHerz.
Der Baronesse wurde dadurch eine ungeahnte Freude zu teil; ein schwarzer Schatten, der trübe auf LiSbeths Charakter fiel, wich. Pauline v. Eggenberg erkannte, daß Lisbeth in dem ominösen Briefe vo« ihrem Bruder sprach, fteilich in einer merkwürdige« Weise; aber doch noch besser — diese Art Renommisterei — als andere Voraussetzungen.
Die Festtage boten der Baronesse mehr wie genug Gelegenheit, Elisabeth auch in großer Gesellschaft und besonders im Umgänge mit Herren zu beobachten. Äußer den anwesenden Verwandten gab eS täglich noch eine Menge anderer Gäste.
Die Baronesse zeigte fich als eine vollendete Weltdame, die es verstand, in meisterhafter Weise ihre« Besuchern den Aufenthalt im Hause angenehm z« machen. DaS Schloß war zum Mittelpunkt der vornehmen und eleganten Gesellschaft in weitem Umkreise geworden.
Elisabeth bewegte fich in dieser glänzenden Versammlung mit natürlicher Anmut und Bescheidenhett und dabei vollkommener Sicherheit Sie unterstützte, wie eine Tochter vom Hause, die Baronesse in ihre« Pflichten gegen die Gäste und wußte dabei so viel wie möglich die Äufmerffamkeit von ihrer Person abzulenke«.
Jcre liebliche Erscheinung blieb aber nicht unbemerkt; es gab bald mehr als einen der jetzt dort häufig verkehrenden jungen Herren, dessen Äuge mit sichtlichem Wohlgefallen auf ihr ruhte. Lisbeth schie« es nicht zu bemerken. (3- f)