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Druck und Verlag der 8uldaerActiendruckerei in Zulda (Harmonie) Fernsprecher Nr. 9.

flllda, Freitag, den 14. August IE.

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> Zweites Blal

religiösen Leben des Mecklenburger Landes bloß. Sollte man es im Anfänge des 20. Jahrhunderts für möglich halten, daß die Regierung eines deutschen Landes es deutschen Reichsangehörigen erschwert, ja nahezu unmöglich macht, ihren religiösen Verpflichtungen nachzukommen? Die mecklenburgische Regierung scheint nicht zu ahnen, wessen Geschäfte sie durch ihr Verhalten besorgt.

Als das Mecklenburger Toleranzgesetz im Landtage verhandelt wurde, jammerte und klagte die .Rostocker Zeitung' in einem Leitartikel: „Also soll Gustav Adolph umsonst ge­dämpft haben —", daß es nun um die evan­gelische Kirche im Großherzogtum Mecklenburg geschehen sei. Eine eigentümliche Ironie des Schicksals fügt es, daß schon so kurze Zeit nach dem Erlaß dieses Gesetzes die Bedeutung des­selben an einem so eklatanten Beispiel recht klar wird. , ,

Man vergegenwärtige sich die in dem Briefe angeführten Tatsachen: Zirka 1000 katholische Arbeiter, zerstreut im Lande wohnend, weitab von der nächsten Kirche, bitten den zuständigen Pfarrer, für sie einmal im Monat an einem Orte, zu dem sie leicht hinkommen können, Gottesdienst abzuhalten; der Pfarrer wird dieser- halb zweimal beim Ministerium, das nach dem Gesetz seine Erlaubnis zu jedem auswärtigen Gottesdienst zu geben hat, vorstellig, erhält aber als Antwort endlich nur ein striktes Verbot ohne Angabe eines Grundes. Den Katholiken jener Gegend ist also vermöge der Handhabung des Mecklenburger Toleranzgesetzes einfach die Mög- lichkest entzogen, auch nur ein einziges mal im Monat ihren gottesdienstlichen Pflichten nachzu­kommen — man wäre wirklich versucht, ein solches „Toleranz"-Gesetz bezeichnender „Jntoleranzgesetz" zu nennen; denn durch dieses Gesetz sind ja die Katholiken außerhalb der Orte, wo eine katho­lische Kirche besteht, in gottesdienstlichen Fragen auf Gnade unS Ungnade dem Ministerium aus- geliefert und wie „wohlwollend" das hohe Ministerium zu Schwerin derartige Fragen be­urteilt, dafür hat es im vorliegenden Falle einen recht deutlichen Beweis geliefert. Wir möchten übrigens einmal das Geschrei über Intoleranz und Vergewaltigung hören, wenn eine katholische Regierung 1000 evangelischen Arbeitern gegen­über ein ähnliches Verbot erließe, wie es die Regierung zu Schwerin den Katholiken gegenüber für gut befunden hat!

Einen Grund für sein Verbot hat das Ministerium nicht angegeben — wir sind also darauf angewiesen, selbst irgend einen plausiblen Grund für ein solches Vorgehen ausfindig zu machen. Doch da müssen wir gestehen: uns geht es ebenso wie den Briefschreibern, wir können beim besten Willen auch nicht den geringsten stichhaltigen Grund ausfindig machen. Oder sollte etwa — doch dieser Gedanke ist so ungeheuerlich und zugleich so lächerlich, daß unsere Feder sich sträubt, ihn niederzuschreiben — oder sollte etwa die Regierung zu Schwerin sich von ähnlichen Aengsten haben leiten lassen wie die .Rostocker Zeitung' und für den Bestand des Protestantismus in Mecklenburg gefürchtet haben, wenn 1000 katholischen Arbeitern einmal im Monat Gelegenheit geboten wird, ihren kirch­lichen Pflichten nachzukommen? Sollte das Ministerium glauben, daß der Protestantismus in Mecklenburg auf so schwachen Füßen stände, dann möge es zugleich überzeugt sein, daß dem­selben auch mit polizeilichen und ministeriellen Gewaltmaßregeln wohl nicht mehr zu helfen wäre.

Vielleicht ist es auch der Regierung zu Schwerin bekannt, daß die Katholiken strenc verpflichtet sind, jeden Sonntag der hl. Meffe bei­zuwohnen, und daß nur physische oder moralische Unmöglichkeit von diesem Gebote entschuldigt. Dieses Gebot legt aber die ernste Frage nahe: Sind nicht die katholischen Arbeiter im Gewissen verpflichtet, ein Land zu meiden, in dem ihnen gänzlich oder doch fast gänzlich die Gelegenheit entzogen ist, ihren bezüglichen Pflichten nachzu­kommen, und ist es nicht strenge Gewissenspflicht der katholischen Geistlichen innerhalb und außer- halb Mecklenburgs, die Katholiken immer und immer wieder aufs eindringlicdste vor einem solchen Lande zu warnen? Wenn aber nun — infolge der Jntoleranzsder Regierung — dem Lande die katholischen Arbeitskräfte entzogen werden, glaubt das chohe Ministerium damit dem Lande einen Dienst erwiesen zu haben? Soweit wir unterrichtet find, werden allein im Großherzog­tum Mecklenburg-Schwerin 9 Monate hindurch zirka 12000 katholische Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt. Falls dieselben dem Lande fern bleiben, ist wohl sehr schwer oder vielleicht über­haupt nicht sogleich Ersatz zu schaffen. Die Meck­lenburger Grundbesitzer und Großgrundbesitzer mögen sich dann bei der Regierung zu Schwerin für die Verscheuchung katholischer Arbeiter und Arbeiterinnen bedanken.

Wachen-Rundschau.

(Nachdruck verboten.)

□ Fu,tda, 14. August 1903.

Die feierliche Krönung des neuen Papstes Pius X. ist am verflossenen Sonntag in Rom unter großer Beieiligung der Bevölkerung erfolgt. Die italienische Regierung bat es sür nötig befunden, mit Rücksicht darauf, daß ihr die Thronbesteigung nicht notifiziert war, ihren Beamten zu verbieten, der Krönungsfeier beizuwohnen. Es stimmt dies genau zu dem, was wir liier das bisherige Verhalten oer italienischen Regierung ausgeführt haben, daß nämlich ihr loyales Verhalten gegenüber dem Tode Leos von wohlerwogenen eigenen Interessen diktiert war. Korrekt hat sich die deutsche Regierung gegenüber allen Vorgängen, welche mit dem Hinscheiden Leos verknüpft maren verhalten, und die Glückwünsche, welche sie in der .Nordd. Allg. Zig.' zur Krönung des Papstes autzsprechen ließ, mußten die Katholiken sympathisch berühren. Aw protestantischer Seite hat es natürlich wieder nicht an Vorwürfen deswegen sür die Regierung gefehlt. In diesen Kreisen scheint man zu glauben, ba3 die deutsche Regierung speziell nur für die Prote­stanten vorhanden sei, und sie sich der Katho'iken nur dann erinnern dürfe, wenn es heiße, gegen dieselben zu Felde zu ziehen. Nachdem der Kaiser von der Nordlandreise zurückgekehrt, und der Kron rat seine .Schun; gehalten, werden endlich die zahllosen Kom- chinaiionen in der Presie aufhören, welche mit dieser Sitzung verbunden waren. In Verbindung mit der Frage des Kronrats ist von konservativer Seite ge­wünscht worden, daß der Landtag in Preußen bereits im Herbst einberufen und ihm eine Vorlage, betreffend Regulierung der östlichen Flüsse, vorgelegt werde. Die Erfüllung des Wunsches dürste sowohl an de» technischen Schwierigkeiten, wie auch an dem Widerstande derjenigen Kanalfreunde scheitern, welche nicht die Vorwegnahme des Ostens wünschen, und schließlich spricht auch der Umstand ein Wort mit, daß erst dieWahlen zum rreußischen Landtag noch vollzogen werden müssen. Diese Wahlen werden ebenso wie die Reichstagswahlen im Zeichen des Kampfes gegen die Katholiken stehen, sowohl in Preußen wie in Baden. Man kann es begreiflich finden, daß die Nationalliberalen wieder zum kuüurkämpserischen Rüstzeug zurückgreifen, weil sie mit demselben ehemals ihre große Periode herbeigesührt haben. Ihre Behauptung aber, daß das Zentrum es aus die Volksschule abgesehen habe, ist völlig hinfällig, denn weder Zentrum noch Konservative haben in dieser Beziehung für die kommende Legislaturperiode eine besondere Aktion vor. Ebensowenig ist der Hin­weis berechtigt, daß die Sozialdemokraten, mit denen sich die Nationalliberalen verbinden wollen, im Abge­ordnetenhaus weniger gefährlich seien als das Zen­trum, da die Sozialdemokratie Selbständiges doch nicht leisten könne. Letzteres gilt gerade so gut für daS Zentrum, auch dieses ist an die Unterstützung anderer Parteien gebunden.

Im Wahlkreise Dessau-ZerbstistdieReichs« tagsersotzwahl aus den 3. September anberaumt worden. Kandidat der Freisinnigen ist der bei den letzten Wahlen ausgefallene ftühere Abgeordnete Schrader. Die Nationalliberalen haben denKommerzienrat Burden- wcrper uni die Sozialdemokraten wieder chren Kandi­daten Käppler aufgestellt. Voraussichtlich kommt Schrader mit Kappler in Stichwahl.

In Frankreich sollte in Marseille, wo sich der Ministerpräsident CombeS zu Ehren des dort pocktfindenden französischen LehrerkongreffeS befand, auf ihn ein Revolverattentat verübt worden sein. Die Sache hat sich aber nach amtlicher Darstellung so herausgestellt, daß auf den Wagen deS Ministers eine Tomate geworfen wurde und dann bei der Ver­folgung des Urhebers dieser in Frankreich nicht wehr ungewöhnlichen „Huldigung" von einem seiner Be­gleiter auf die Verfolger ein Schuß abgegeben wurde. Beide Persönlichkeiten wurden fchgenommen; sie sind Italiener. Auf dem Kongreß hat CombeS nicht ver- fchlt, seine kulturkämpferischen Maßnahmen den Lehrern und Lehrerinnen als eine politische Großtat zn preisen und sie für den zu erwartenden „Ruck" zu begeistern, der dem „ganzen mönchischen Schul­wesen" den GarauS machen soll. Es liegen An­zeichen vor, daß auch die anerkannten Kongregationen in Frankreich in ihrer Existenz bedroht find.

In Oesterreich-Ungarn hat fich die politische Lage in der verflossenen Woche noch weiter zugespitzt. Das Ministerium Khuen hat sein EntlasiungSgesuch gegeben und der Kaiser hat es angenommen. DamÜ hat daS Kabinet zum Ausdruck gebracht, daß es die Aufgaben, die es zu lösen übernommen hatte, die Ueberwindung der Obstruktion, ihrer Lösung nicht zuführen konnte. Die Art und Weise, wie man die Obstruktion zu überwinden hoffte, haben die Erfolg- lofigkeit dieser Bemühungen selbst gezeitigt. Al- Nachfolger werden Weckerle und Apponyi genannt. Beide Namen beuten nicht darauf hin, daß die Wirren in Bälde in einer beide Reichshälften be­friedigenden Weise zum Abschluß gebracht würden.

Auf der Bal kau Hal bin sei ist der Aufruhr wieder hell in Flammen. In Monastir wurde aber­mals der russischeGeneralkonsul ermordet. €8 scheint, daß daS persönliche Verhalten des Er­mordeten die Schuld an dem Attentat mitträgt. Der

energischen Fordern--g Rußlands nach einer unver züglichen exemplarischen Bestrafung der Betest-gten kcmmt die Türkei nach. Der Va.r von Monastir ist seines Amtes entsetzt und e n KrregSger-cht gebildet werden, welches über den Mörder aburteüen soll.

ZurToleranZinrNecklenburg-Zchwenn.

Mit der Bitte um Veröffentlichung geht der ,Germania' das nachstehende Schreiben zu, das einen interessanten Einblick in die trotz des Tole­ranz - Gesetzes in Mecklenburg bestehenden kirch­lichen Verhältnisse gewährt. Das Schreiben lau­tet wörtlich:

„Im ganzen nordwestlichen Teile des Groß­herzogtums Mecklenburg- Schwerin arbeiten in diesem Frühjahr, Sommer und Herbst sehr viele katholische Schnitter; im ganzen sind wir hier in der Gegend wohl gegen 1000 katholische Landarbeiter. Eine katholische Kirche gibt es in der ganzen weiten Gegend hier nicht, und wenn wir am Sonntage zur heil. Messe wollen, dann müssen wir tzach Ludwigslust oder Schwe­rin fahren. Um dorthin zu kommen, müssen aber die meisten von uns stundenweite Wege bis zur nächsten Bahnstation und dann noch eine einsiündige oder längere Eisenbahnfahrt machen; für viele ist es überhaupt fast unmöglich, in einem Tage nach Schwerin und wieder zurückzu­kommen; auch ist es für den gewöhnlichen Schnit­ter zu teuer, öfters die weite Eisenbahnfahrt zu machen. Die meisten von uns können deshalb nie oder fast nie den katholischen Gottesdienst in Ludwigslust oder Schwerin besuchen.

Darum baten wir gleich in diesem Frühjahre den Herrn Pfarrer von Schwerin mehrmals, er möchte doch für uns in der Stadt Wittenburg oder in der Rahe einmal im Monat katholischen Gottesdienst abhalten lassen, damit wir wenig­stens einmal im Monat die hl. Messe und Predigt hören könnten. Denn in anderen Städten in Mecklenburg, z. B. in Lübz und Röbel, wird ja auch für die katholischen Arbeiter monatlich Gottesdienst gehalten. Der Herr Pfarrer ver­sprach uns auch, er wollte für uns sorgen, aber er sagte gleich dabei, für den Gottesdienst wäre die Erlaubnis der Regierung, des hohen Mini­steriums notwendig, ohne diese Erlaubnis dürfte er auswärts keinen Gottesdienst halten. Wenn wir dann im Laufe des Frühjahrs und Sommers einmal wieder nachfragten, wann wir Gottesdienst bekämen, wurde uns immer geantwortet, man habe beim Ministerium um die Erlaubnis gebeten, aber es habe die Erlaubnis noch nicht erteilt. Und jetzt wird uns endlich auf unsere Fragen mitgeteilt, das hohe Ministerium habe es dem Herrn Pfarrer verboten, in Wittenburg Gottes­dienst für uns zu halten, obschon er mündlich und schriftlich darum gebeten hatte. Einen Grund für das Verbot habe das Ministerium überhaupt nicht angegeben. Also werden wir in Witten­burg keinen katholischen Gottesdienst bekommen.

Sie können wohl begreifen, daß wir darüber sehr ungehalten und böse sind. Wir wollen so gerne wenigstens einmal im Monat Sonntags die hl. Messe hören, unsere Gutsherren sind auch sehr dafür, daß wir Gottesdienst haben, und die Geistlichen wollen gern alles für uns tun, aber wenn die Regierung es nicht erlauben will, dann nützt ja alles nichts. Warum eigent­lich das hohe Ministerium es nicht erlauben will, daß ein einziges Mal ttn Monat für uns in Wittenburg katholischer Gottesdienst gehalten wird, können wir nicht begreifen, wir haben viel darüber nachgedacht und einen Grund dafür gesucht, aber wir finden wirklich keinen. Das hohe Ministerium hat ja auch keinen Grund an­gegeben.

Die Herren Pfarrer in unserer Heimat haben doch ganz recht, wenn sie uns katholische Arbeiter immer wieder warnen, wir sollten nicht nach Mecklenburg gehen, weil dort kein regelmäßiger Gottesdienst für uns wäre. Wir bitten Sie deshalb, drucken Sie doch diesen Brief in Ihrer Zeitung ab und sorgen Sie dafür, daß auch alle anderen katholischen Zeitungen ihn abdrucken, damit unsere Glaubensgenoffen vor dem Lande Mecklenburg gewarnt werden, wo man uns nicht einmal unfern katholischen Gottesdienst gönnt. Jetzt werden ja auch die Herren Pfarrer in Schwerin und Ludwigslust wohl einfehen, daß wir katholischen Arbeiter nicht wieder nach Mecklenburg kommen dürfen, denn in einem Lande, wo wir nie oder doch fast nie Sonntags zur hl. Meffe kommen können, dürfen wir doch nicht 9 Monate int Jahre arbeiten.

Im Namen vieler katholischer Vorfchnitter, Arbeiter und Schnitter:

(Folgen die Unterschriften.) * * *

Der Notschrei der armen Landarbeiter, dem wir gern die Spalten unseres Blattes geöffnet haben, legt eine tiefe Wunde in dem kirchlich-

3». Jahrgang.

Es wäre sehr zu wünschen, daß der Not- chrei der Mecklenburger Schnitter von der ganzen Zentrumspresse veröffentlicht wurde, nicht nur „damit unsere Glaubensgenossen vor dem Lande Mecklenburg gewarnt werden, wo man uns nicht einmal unseren katholischen Gottesdienst gönnt", andern auch, damit die „Toleranz" im Größ­te zogtum Mecklenburg-Schwerin, von der mancher :d) vielleicht infolge des Erlasses jenes bekannten Toleranzgesetzes einen hohen Begriff gemacht hat, in das rechte Licht gestellt werde.

Vie Partei der „Arbeiter" und der „privaten Religion".

Nachdem die Sozialdemokratie bei den jüng- ten Reichstags - Wahlen einen verhältnismäßig starken Zuwachs an Mandaten erfahren hat, er« cheint es angezeigt, die neue Fraktion nach zwei Richtungen hin sich etwas näher anzusehen, um zu ermitteln, ob sie auch wirklich das ist, als was sie sich ausgibt: bezüglich der von ihr als ausschließliches Recht in Anspruch genommenen Eigenschaft, Vertreterin der Arbeit erschüft zu fein, und hinsichtlich ihrer Stellung zur Religion bezw. zum Christentum. Von einer Partei, welche die Vertretung der Arbeiter - In­teressen als ihre besondere und ausschließliche Ausgabe betrachtet, muß als selbstverständlich an­genommen werden, daß, wenn sie unter ihren Mitgliedern Arbeiter zählt, diese auch als solche öffentlich sich bezeichnen, mindestens aber dieses Berufes sich nicht schämen. Wie nun sieht es hiermit bei den Sozialdemokraten aus? An der Hand des kleinen illustrierten Kürschner'scheu Reichstags-Almanach, dessen Biographien der Mitglieder des neuen Reichstages auf deren eigenen Angaben beruhen, also als zuverlässig angesehen werden müssen, kommt man, wie die ,Deutsche Reichsztg.' hervorhebt, zu ebenso überraschenden wie interessanten Ergebnissen.

Unter den 80 Mitgliedern, welche die neue sozialdemokratische Reichstagsfraktion zählt, sind ganze neun, die sich als Arbeiter, bezw. Handwerker bezeichnen: 3 Schneider-, 2 Tisch­ler-, 1 Buchbinder-, 1 Tapezierermeister, 1 Wirker und 1 Gärtner. Unter diesen 9 befindet fich aber ein Schneider, Kühn aus Langenbielau, der gleichzeitig Zeitungsverleger, und ein Gärtner, Stolle, der auch Wirt ist. Beide dürften bei ihren „Nebenämtern" ebenso wenig Zeit wie Neigung haben, noch auf ihrem ursprünglich er­lernten Handwerk zu arbeiten. Es ist aber immerhin anzuerkennen, daß sie sich wenigstens nicht schämen, zum ehrbaren Handwerk sich zu bekennen. Also „die Partei der Arbeiter" im Reichstag besteht nur zu etwa einem Zehntel aus Arbeitern. Sollten das wirklich alle sein? Bewahre: noch mindestens 40 weitere ehemckiige Arbeiter zählt die Fraktion, die aber den Arbeiter bezw. den Handwerker längst an den Nagel ge­hängt und mit Parteihilfe sich zu Kneipwirten, Zigarrenhändlern und „Fabrikanten", zu Partei« und Gewerkschaftssekretären, zu „Schriftstellern" und Redakteuren „emporgearbeitet" haben. Aus Arbeitern, die sie vollständig abgestreist haben sind sie Herren geworden, die jetzt ein weil bequemeres Dasein führen, als früher, da sie mit Hammer, Meißel, Hobel. Form usw. hau tieren mußten. Ja einzelne von ihnen, die noch im Almanach von 1898 sich als Arbeiter be­zeichneten, haben inzwischen den letzter» abgefirevi So die Abgg. Auer, Pfannkuch und Sachse, die jetzt einträgliche Parteiämter bekleiden. So siebt es mit bet Anerkennung und Wertschätzung des Arbeiterberufs in der Partei aus, die sich die Partei der Arbeiter nennt!

Noch interessanter ist es in der sozialdemo­kratischen Fraktion um die „religiöse" S-ire bestellt. Da ergibt sich folgendes reichhalime Tableau: von den 80 Mitgliedern bezeichnen sich zwei als „katholisch getauft", 5 als „katholism . 15 als evangelisch, 2 als lutherisch, 10 als Dissidenten, 5 als „freireligiös", 32 als kon­fessionslos, 1 als religionslos. Das ist der Abg. Bebel, der allerdings wiederholt schon öffen lich erklärt hat, Atheist zu fein, und somit auch tue Religion hat, es müßte denn fein, daß er seine eigenen, besondern Götter verehrte, von denen er selbst natürlich der oberste wäre. Vier bezeichnen sich als mosaisch und 1 als „altkatyolisch" — der Abg. Birk-München I, der nach feinen An­gaben überhaupt ein vielseitiger Mann ist, denn er war nach einander Landwirt, Metzger, Gast­wirt und Buchdruckereibesitzer und ist ohne Zweffel in der Lage, alle diese Berufe ebenso fachkundig wie erfolgreich zu vertreten. Einer, dec ilr Pforzheim neugewählte Abg. Eichhorn, Hai ieme Religion nicht angegeben, ein anderer, der r-euc Abg. für Bremen, Gastwirt Schmalfeldt, hat fich auf den Programmsatz berufen: Religion ei Privatsache. Ein dritter endlich, der Abg o.