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A>. Jahrgang.

flllM Donnerstag, den 13. August 1903.

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** Stadtoerordnetenvorsteher Dr. Langer- )and ist am Mittwoch aus der Humboldt-Klinik entlassen worden und yat sich nach seiner in der Neuen Jakobstraße belegenen Privatwohnung be- ;eben. Die völlige Genesung dürste bald er- olgen.

(*) Aus dem Wahlkreise Dessau-Zerbst geht uns eine etwas eigenartige Nachricht zu, wonach die Nationalliberalen bereit sein Zollen, für den freisinnigen Kandidaten Schrader i jix stimmen. Die Nachricht lautet: „Die National- iberalen haben noch vor kurzem im Verlause der zwischen ihnen und der freisinnigen Partei- eitung des Wahlkreises gepflogenen Verhaud» ungen erklärt, daß sie keineswegs abgeneigt seien, ür eine Kandidatur Schrader einzutreten, wenn riese von den Freisinnigen in Vorschlag gebracht werden sollte. Von freisinniger Seite wurde da­mals auf diesen Vorschlag nicht weiter einge­gangen, weil die Freisinnigen in erster Linie den Landtagsabg. Artl als Kandidaten aufzustellen reabsichtigten, für den einzutreten die National- iberalen entschieden ablehnten". — Warum haben rann die Nationalliberalen einen eigenen Kandi­daten ausgestellt?

Entschlüsse bleiben zu müßen; einen best mmten Grund wußte sie nicht anzugeben; er lag in ihrem Gesühle.

Schwester Philomena widerstrebte nun nicht länger; ste half Lisbeth den Absagebrief abfaffen, der durch sie in seiner artigen, besonnenen und kühlen Form Manfred für immer jede Hoffnung abschneiden mußt:.

Wenn auch von Jugend an mit einem unberührten, Gott geweihten Herzen, besaß Schwester Philomena doch in hohem Grade die Gabe, mit klarem Auge und sicherem Blicke in die Herzen Anderer zu schauen.

Daß Lisbeth in ihrer verlaflenen Lage auf eine in jeder Beziehung hin vorteilhafte, j > glänzende Bei bindung verzichtete, ließ Schwester Philomena keinen Augenblick glauben, daß ihre F eundin, trotz des aus­gesprochenen Wunsches, Beruf zum Klosterleben habe.

Biel näher lag ihr der Gedanke, daß Lisbeth's Herz nicht mehr ganz frei sei. Sie würde darüber zur Gewißheit gekommen sein, wenn diese einen Punkt in ihrem Leben nicht vollständig unberührt gelaffen hätte; mit keinem Worte noch hatte sie ihr Zusammen­treffen mit Baron Paul v. Eggenberg erwähnt.

Sie glaubte bestimmt, Schwester Philomena wisse davon, und da diese selbstverständlich nie auch nur die geringste Anspielung daraus machte, war sie der Meinung, es geschähe von fetten ihrer F, eundin ab­sichtlich und deshalr schwieg auch sie davon.

Freilich war das nicht ihr alleiniger Grund; er hätte sie nicht genug beeinflußt, um nicht wenigstens beiläufig in ihren Erzählungen aus dem Hau.e des Präsidenten seiner zu gedenken, und wäre es auch nur ganz flüchtig geschehen.

Sie hatte einen viel tieferen Grund, darüber Stillschweigen zu beobachten, ab r dieser Grund war ihr selbst nicht klar bewußt, und Niemanden, nicht einmal ihrem Beichtvater, hätte sie mit Sicherheit sagen können, warum sie es so ängstlich vermied, Baron Eggenbergs Namen auszusprechen.

Eines Tages geschah es, daß die beiden Freun­dinnen zusammen im Klostergarten lustwandelten, doß Schwester Philomena einen Brief erhielt. Er war

ttfdfeitit täglich, mit Ausnahme der 5mm- nnd Feiertage, viertel- fährl. vezugrpreir ohne vringerloh« und vestellaeld i« Znlda und «mvärtr f M. s« pfg-

als ein Mann von lauterem Charakter und unabhängiger Gesinnung erwiesen, deffen Königs­treue und echte Vaterlandsliebe auch dem Gegner Achtung abnötigten. Sein Hinscheiden reißt, obwohl schwere Krankheit ihn in den letzten Jahren an der Betätigung als Politiker hinderte, eine schwer auszufüllende Lücke in die Reihen der konservativen Partei." Einen ebenso tief empfundenen Nachruf widmet dem Verblichenen das führende Organ der Konservativen, die ,Kreuzztg.', deren Komitee er bis in die achtziger Jahre angehört hat. ,

Es ist nicht zu viel gesagt, wenn wrr den Verstorbenen als eine der sympathischsten Per­sönlichkeiten unseres Parlaments bezeichnen; em dauerndes Andenken wird ihm in allen politischen Kreisen sicher sein.

Verautwortücher tzchriftleitenIos-vau»

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Deutsches Reich

sehr lang. Nachdem sie ihn gelesen hatte, glanzte eine Träne in ihrem Auge. Sie ergriff den Ar« Lisbeths, und indem sie Die Schritte mit ihr nach der Kapelle lenkte, sagte fie:

„Komm, liebe Elisabeth, vereinige Dem Geoet mit dem »einigen zu einem Danke gegen Gott, d« meinen Bruder Paul aus großer Lebensgefahr ans beinahe wunderbare Weise gerettet hat."

Wäre Schwester Philomena nicht so vollstäntug von ihrer eigenen Erregung eingenommen gewesen,^ hätte sie den Farbenwechsel in Lisbeth's Angesicht bemerken, hätte sühlen müssen, wie deren Arm i» dem ihrigen bebte. Gewiß war das Gebet dar Schwester nicht inniger, wie das ihrer Freundin.

Schwester Philomena erzählte nichts weiter und — es wäre doch nicht mehr wie ganz angemefs« gewesen — Lisbeth brachte keine Frage über ihre Lippen.

Die Tage im Kloster vergingen ihr schnell und siiedlich; sie fühlte jedoch, daß fie hier nicht immer als Gast bleiben konnte und als Novize wollte »e Schwester Philomena nicht behalt«: sie sollte ja erßl noch prüfen. Sie hatte fie deshalb gebeten, ihr zn raten, in welcher Weise fie wieder in die Welt ein­treten sollte. ,

Schwester Philomena hatte auf dies Begehr« hin. ohne Wissen ihrer Freundin, an ihre Tante, die Baronesse Pauline von Eggenberg, geschrieben, am am liebsten in deren Hause selbst oder doch durch deren Vermittelung für ihre Freundin eine Stelle zn finden.

Sie hatte ihrer Tante wahrheitsgetreu bte Fa­miliengeschichte ihres Schützlings erzählt. Daß sie schon in fremden Häusern gewesen sei, hatte sie umc kurz erwähnt, um omehr aber ihre Kindesliebe uw Aufopferung, ihre Charakterstärke und Frömmigkeit gerühmt.

„Ans ihrem eigenen Munde," hatte sie ihrer Tante geschrieben, „kannst Du mit der Zeit <me Einzelheiten ihrer bitteren und schmerzlichen Er­fahrungen unter ftemden Leuten hören." (8 f )

* Amsterdam, 12. Aug. 1903. Die Hol­länder haben wiederum einen glänzenden Sieg über die Atchinesen errungen. Einer Blätter­meldung aus Batavia zufolge wurde das Dorf Polve Tengah im Innern von Sumatra von den niederländischen Truppen genommen. Der Feind hatte 300 Tote. Aus Seiten der Nieder- ander wurden 1 Offizier und 6 Mann ge­tötet, 1 Offizier und 50 Mann verwundet

* London, 12. Aug. 1093. Die Kom­mission für Fremden-Einwanderun- empfiehlt, daß die Einwanderung gewisser Klaffe» von Fremden unter staatliche Üeberwachung ge­stellt werde. Ein Einwanderungs-Amt soll er­richtet werden, um den Zutritt von Persone» schlechten Charakters, die dem Staate lästig wer­den könnten, sowie von solchen, die an ekelerre­genden, ansteckenden Krankheiten leiden, zu ver­hindern. Die Kommission stellt fest, daß die letzte Zunahme der Einwanderung hauptsächlich dem Zufluß russischer und polnischer Juden zrr- zuschreiben sei und empfiehlt besonders die Ueber- wachung der aus dem östlichen Europa kommen­den Einwm »derer. Die Schiffs-Eigentümer solle» gehalten sein, die Einwanderer gegebenenfalls nach dem Einschiffungs-Hafen zurückzubringen. Alle Einwanderer sollen, wenn sie irgend eines Ver­gehens schuldig erkannt sind, eingeschrieben wer­den. Der Richter soll befugt fei«, den Einwan­derer zum Verlaffen des Landes anzuhalten, wem» dieser nicht gehorcht, soll er als Landstreicher be­straft werden.

B. Rsw, 10. Aug. 1903. Während der ganze« langen Krönungsfeier war Pius X. außerordent­lich ergriffen. Als er auf dem hohen Trag hrou in

zu einer untergeordneten Klaffe von Bürgern tempelt und uns noch hinter die Sozialdemo- taten rangiert. Von einer „ultramontanen Hoch­lut" kann schon deswegen gar keine Rede sein. Wenn der.Reichsbote' meint, er wolle gerne mit den Katholiken zusammengehen, so zeige er, daß ihm dies ernst ist. Wir werden an die Auf­richtigkeit feiner Meinung aber erst dann glauben können, wenn er den praktischen Befähigungs­nachweis für ein Zusammenwirken mit den Katho- iken/dadurch erbracht hat, daß er für volle Parität eintritt und die Aufhebung des Jesuiten­gesetzes fordert.

—* Für eine frühere Berufung des Landtages und dementsprechend für baldige Anberaumung der Neuwahlen spricht sich gleich Den konservativen Blättern auch das ,Berliner Tageblatt' aus.

[:] Gegen eine Landtagswahlparole, welche von konservativer Seite gefordert worden war, spricht sich die .Deutsche Tagesztg.' aus. Mit einer solchen Parole laffe sich nichts an- fangen, da die demnächstigen Aufgaben des Land­tages zu verschiedenartig seien. Am meisten interessiert uns in der Auslastung des bündlerischen Blattes, daß es die nationalliberale Agitation gegen das Zentrum auf ihren richtigen Wert zurückführt, indem es die angeblichen Gefahren, welche vom Zentrum der Volksschule drohen sollen, als „Gespenster" bezeichnet, die nur „Kinder und Toren schrecken" könnten.

§ Mit den Landtagswahle« beschäftigte sich die sozialdemokratische Kreiskonferenz für Potsdam- Spandau- Osthavelland. Die Kandidaten­frage wurde nicht erledigt, da Rechtsanwalt Dr. Lieblnecht die Kandidatur ablehnt, und man sich über einen anderen geeigneten Kandidaten noch nicht verständigen konnte. Brieflich riet Dr. Liebknecht seinen Parteigen offen, so schwer es manchem auch werden möge, bei der Stichwahl unter gewissen Bedingungen die Freisinnigen zu unterstützen. Verschiedene Delegierte erklärten, sie hätten strikten Auftrag, gegen jede Wahlhilfe für den Freisinn aufzutreten. Die Konferenz beschloß, sich hinsichtlich etwaiger Vereinbarungen mit dem Freisinn, wie es ein Parteitagsbeschluß verlangt, der Entscheidung des Parteivorstandes zu unterwerfen.

\ Dem in Buenos-Aires verstorbenen deutschen Gesandten Freiherr« v.Wa«- ge«heim widmet der ,Reichsanz.' einen länge­ren warm empfundenen Nachruf. Wir heben aus demselben folgende Stelle hervor: „Der Dahin- geschiedene, welcher seit dem 18. Januar d. I. den Roten Adlerorden zweiter Klaffe mit Eichen­laub besaß, hat es sich trotz seines oft leidenden Gesundheits-Zustandes stets auf das eifrigste an­gelegen sein lasten, die ihm übertragenen Stel­lungen in strenger Pflichttreue auszufüllen und sich durch anerkennenswerte Leistungen auszu­zeichnen. Ein ehrenvolles Andenken wird ihm im Auswärtigen Amte bewahrt bleiben." — Die Geschäfte der Kaiser!. Gesandtschaft für die La- Plata-Staaten zu Buenos-Aires hat der Lega­tions-Sekretär Graf v. Hacke übernommen.

v. Levetzow t-

In der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch ist auf feinem Gute Goffow bei Königsberg (Neumark) der Führer der Konservativen, von Levetzow, im Alter von nahezu 76 Jahren nach langem Leiden hingeschieden. Geboren im Jahre 1827 zu Goffow trat er 1856 als Regierungs- affeffor in den preußischen Verwaltungsdienst und wurde Hilfsarbeiter im Kultusministerium. 1860 schied er aus dem Staatsdienst, um sich der Bewirtschaftung des väterlichen Gutes zu widmen. Im Kriege von 1866 befehligte er eine Landwehrschwadron. 1867 wurde er Landrat seines.heimatlichen Kreises und 1876 Landes­direktor der Provinz Brandenburg. Seit 1860 war er Mitglied des Kreistages zu Königsberg, seit 1863 des Brandenburger Provinziallandtages. Seit 1881 stand er der Brandenburgischen Pro- vinzialfynode vor. Er gehörte ferner dem Staats­rate an. Im Jahre 1890 wurde er aus be­sonderem königlichen Vertrauen in das Herren­haus auf Lebenszeit berufen, 1892 erfolgte am Geburtstag des Kaisers seine Ernennung zum Wirklichen Geheimen Rat. Der Verstorbene war Mitglied des Reichstags von 1867—1871, 1877—1884 und von 1887—1903. Präsident des Reichstags war er von 1881—1884 und 1888—1895. v. Levetzow war Major der Reserve des 1. Brandenburgischen Dragonerregiments Rr. 2, Dr. jur. h. c. der Universität Königsberg und Ehrenbürger der Städte Königsberg (N. M.), Neudamm und Friesack.

Die Kunde von dem Ableben Dr. v.Levetzows wird weit über die konservativen Kreise hinaus, deren parlamentarische Führung er im Reichstage im Jahre 1897 übernommen hatte, aufrichtiger Teilnahme begegnen. Der Verstorbene gehörte zu jenen Veteranen des Parlamentes, deren Namen auch der politische Gegner mit Achtung nennt; seine biedere und menschenfreundliche Persönlich­keit hat ihm die Sympathien aller politischen Kreise erworben.

Hierzu kommt noch, daß Exc. v. Levetzow zu den gemäßigten konservativen Kreisen gehörte und niemals, wie das ,Berl. Tagebl.' sich ausdrückt, „zu jener frondierenden Klique altpreußischer Junker gehörte, denen die Politik des norddeut­schen und später des deutschen Reichskanzlers ein Greuel war, weil sie sich von ihren verrotteten Anschauungen ja grundsätzlich unterschied." Die hohe Verehrung, die er für Bismarck hatte, ist gekennzeichnet durch die Niederlegung seines Präsi­diums am 23. März 1895. In eine schroffe Opposition zu der Regierung ist der Verstorbene pie getreten; stets war er bemüht, in der Politik die Mittellinie zu finden. Es ist daher erklärlich, daß die ,Nordd. Allgem. Ztg.' ihm folgenden »armen Nachruf widmet: „Mit ihm ist ein Politiker und Parlamentarier dahingeschieden, der stets in wahrhaft konservativem Sinne gewirkt hat und deffen Verdienst um die politische Entwickelung des Vaterlandes unvergänglich ist. Auf den zahlreichen Ehren- und Verttauenspysten, zu denen v. Levetzow im Laufe seines langen und erfolgreichen öffent­lichen Wirkens berufen wurde, hat er sich allezeit

Berlin, den 12. August 1903.

—* Der an gekündigte Kroural wird heute, Donnerstag, zusammentreten. Es wird dieser der vierte unter der Regierung des jetzigen Monarchen sein. Der erste wurde am 16. März 1892 einberufen, nachdem der Volksschnlgesetzent- wurf vom Kultusminister Grafen Zedlitz-Trütfch- ler dem Abqeordnetenhaufe vorgelegt worden war. Das Ergebnis der damaligen Beratung ging dahin, daß dieser Entwurf, obgleich er sich schon in Kommissionsberatung befand, von der Staatsregierung zurückgezogen wurde. Der zweite Kronrat wurde Mitte September 1896 auf Schloß Hubertusstock, wo der Kaiser weilte, abgehalten. Es handelte sich damals um die Herabsetzung des Zinsfußes der Reichs- und Staatsanleihen. Am 22. August 1899 fand der dritte Kronrat statt. Es wurde der Beschluß gefaßt, die konser­vativen Gegner der Kanalvorlage, welche zugleich Staatsbeamten waren, zu maßregeln. — Um an der Sitzung des Kronrats teilzunehmen, ist der Reichskanzler Graf von BülowamMitt­woch aus Norderney wieder in Berlin einge­troffen; derselbe gedenkt vier Tage in Berlin zu bleiben, um sich dann in den Sommerurlaub zurückzubegeben. Aus demselben Grunde ist der Minister des Innern Frhr. v. Hammerstesin am Mittwoch von seinem Urlaub zurückgekehrt.

*„* Katholizismus u«d Politik. Unter dieser Ueberschrist kommt der ,Reichsbote' auf unsere neuliche Kritik an seiner Beurteilung der Glückwünsche der ,Nordd. Allg. Ztg.' zur Papfl- krönung zurück und meint, mir verlangten, daß die Protestanten den Mund hielten und sich von den Katholiken alles gefallen ließen, aber in Preußen und ganz Deutschland dürfe nichts ge­schehen, was die Gefühle der Katholiken auch nur unangenehm berühre. Glaubt der .Reichs­bote' etwa, daß beispielsweise das Jesuitengesetz in uns nur katholische Gefühle verletze, nein, dieses Gesetz kränkt uns in unserer Eigenschaft als Staatsbürger ungleich mehr, da es uns würde sich bann in Dir nie das Bebauern, bie Reue regen, baSfelbe freiwillig verscherzt, Dich für ewig gebunden zu haben? Es ist nicht zu leugnen, daß sich manchmal aus Schmerz unb Leib, aus leibenschattlich erregten Gefühlen ein unbesiegbares Sehnen unb Ver­langen, zuletzt auch ein fester Entschluß hervorarbeitet; aber sicherer ist es, wenn bie Neigung bazu in stiller, ruhiger Seele reift, wenn bas Gemüt, durch keine Leidenschaft gestört, wenn bas geistige Auge, burch nichts getrübt, mit Ruhe bie Freuden und Vergnügungen der Welt — ich spreche hier von den erlaubten, ja im Familienglück von Gott selbst durch das Sakrament der Ehe geheiligten — betrachtet unb fie mit Wonne hingibt, bie volle Sehnsucht nach bem einen Ziele richtend», bie ganze Liebe bet Herzens ausschließlich Gott im Kloster barzubringen. Darum prüfe Dich erst, geliebte Freundin! Mir will eS scheinen, daß Deine Augen öfters noch zu träumerisch in die Ferne schweifen nach einem vielleicht nicht klar bewußten, aber doch ersehnten Glück."

Elisabeth war bei den letzten Worten ihrer Freundin leicht errötet unb hatte von biefem Augen­blicke an ihrer Abficht, ins Kloster zu gehen, keine Erwähnung mehr getan.

Schwester Pulomena hatte nach u -b nach bie Einzelheiten aus ben traurigen Lebensschicksalen ihrer Freunbin erfahren; fie wußte auch um Mansreb's Werbung. Da fie biefen von früher her persönlich kannte unb burch ihren Bruder wußte, baß er ein sehr achtenswerter Mann von ächter, tiefer Religiosität fei, erblickte fie in biefer Werbung eigentlich ein Glück für Lisbeth, unb in biefem Sinne sprach fie zu ihr wie eine Mutter. Sie gestattete nicht, baß sie Manfted's Brief sofort beantwortete; fie empfahl ihr ernstlich eine nochmalige, reifliche Ueberlegung.

LAbeth folgte bem weisen Rate der frommen Scywester, obgleich fie in sich keine Möglichkeit fühlte, ben Antrag des Herrn v. Breien anzunehmen. Nachdem sie, ULierstützt von ihrer Freunbin, eine andächtige Novene abgehalten hatte, erklärte fie, bei ihrem ersten

MaerW Zeitung

" Momttrdeilage: „Zuldaer GefchichttblStter".

Rügungen.

Erzählung von A. Uhdolph.

88 ------ (Nachdruck verboten.)

Mit Freude und innerer Befriedigung batte Lisbeth sich allen geistigen Hebungen der Schwestern angeschloffen und all ihre früheren lieben Beschäftigungen mit Eifer und Fleiß to eber ausgenommen.

Mit einer gewissen Genugtuung, bie nicht ganz frei von einer kleinen Eitelkeit war, Hai e fie sich an ben herrlichen Stickereien ber Schwestern beteiligen können, hatte ihre Stimme zur Ehre Gottes mit im Chor ber schön geschmückten Kapelle ertönen lassen, unb zierte nach altem Klosterbrauch manch Album­blatt, manch golben Wort mit kunstvoll ausgemalter Initiale.

Stt fühlte fich so glücklich, baß fie in einer Stunbe traulichen Beisammenseins gegen ihre Freunbin ben Wunsch äußerte, ben Schleier zu nehmen. Schwester Philomena hatte als Antwort nur ein feines, freund­liches Lächeln gehabt, unb als Lisbeth in fie brang, ihr ZU sagen, was fie barüber bächte, hatte bieje e ne längere Prüfungszeit in Vorschlag gebracht.

« tönnte Dir sonst," sagte fie, „wie einem

Schiffbrüchigen ergehen, ber aus bem Wüten unb Stürmen des Meeres auf einer Insel landet uno laut feine Rettung preist, bis er gewahr wird, daß er auf einem müden Felsen ist und daß er nur dem Meere entgangen, um hier dem Hungertode zu verfallen. So auch bist Du, meine teuere Freundin, nach all den Unglücksstürmen hier gleichsam auf einem glücklichen Eilande an gelangt. Du möchtest es nie verlassen, aber nicht darum, weil es in Wahrheit Dir das höchste Glück bietet, sondern nur. well Du Dich nicht noch einmal in das verlassene Getöse der Wlltwagen willst. Wie aber, wenn fich Dir ein anderes Leb»n eröffnete, gartz verschieden von bem, aus welchem Du geflohen, eber auch von bem, was Dir jetzt so reizvoll dünkt;