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Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckere' in Fulda (Harmonie!

Fernsprecher Nr. 9.

X 182.

fUldd, Mittwoch, den 12. August 1903.

30. Jahrgang.

Zweites glatt i

Der Charitasverband für das kath. Deutschland.

Jede Aufgabe erfordert für ihre Lösung ein planmäßiges Vorgehen. Das gib bei der Menge und Schwierigkeit der Aufgaben, die die moderne Zeit aufgeworfen hat, besonders für uns Kath - liken. Nur die Sammlung und Konzentration, aller Kräfte auf bestimmte Ziele verspricht heute Erfolg. Auf manchem Gebiete haben das die Katholiken rrkannt und durchgeführt. Politisch z. B, ist das katholische Volk in äußerst impo­nierender und kraftvoller Form im Zentrum ge- fammelt, sozialpolitisch in bemerke ^wertem Um­fange im „Volksverem für das katholische Deutsch­land". Gerade auf dem Gebiete aber, wo die katholische Weltaw chauuig stets ihre größte Triebkraft bewiesen, auf dem Gebiete der werk­tätigen chri lichen Nächstenliebe oder der Cha­ritas, wurden bis vor einigen Jahren die reich­lich vorhandenen Kräfte oft in planloser Weise zersplittert und verzett lt. Ein planmäßiges Zu­sammenwirken der zahlreichen, über ganz Deutsch­land v-rstreuten charitativen Einrichtungen ver­schiedenster Art war ein dringendes Bedürfnis.

Nicht freudig genug konnte deshalb die Gründung eines „Charitasverbandes für das katholische Deutschland" begrüßt werden. Sie erfolgte am 9. November 1897 in Köln a. Rh.

Der Sitz des Verbandes ist Freiburg i. Br., Präsident ist Msgr. Dr. Werthmann. Die Adresse lautet: Geschäftsstelle des Charitasverbandes zu Frei­burg im Breisgau. Zweck des Verbandes ist: „Plan­mäßige Förderung der Werke der Nächstenliebe" und: „ein Band der Einheit um die verschiedenen katholischen Charitaswerke und -Freunde zu schlingen, ohne jedoch die Selbständigkeit der einzelnen Bestrebungen irgendwie anzutasten." Als Mittel dazu zählt der § 2 des Sta­tuts auf: 1) Jährliche Abhaltung allgemeiner chari- tativer Versammlungen (Charitastage) zur Besprechung der mannigfaltigen charitativen Fragen und Bestre­bungen; 2) Anregung zur Gründung von Lokal- und Diözesan-Charitas-Komitees bezw. -Verbänden, d. h. freien Vereinigungen von Vertretern und Freunden der Charitas zur planmäßigen Betätigung von Wohltätig- keitsbeftrebungen in den einzelnen Orten und Diözesen unter Gutheißung der kirchlichen Autorität; 3) An­regung charitativer Fach- und Diözesan-Konferenzen; 4) Gründung einer zentralen charitativen Auskunft­stelle; 5) Veranstaltung von Erhebungen über die Werte der kath. Charitas, sowie einer systematischen Darstellung derselben; 6) Herausgabe einer populär­wissenschaftlichen charitativen Monatsschrift unter dem Titel »Charitas'; 7) Veröffentlichung größerer wissen­schaftlicher Werke und kleinerer populärer Schriften über die verschiedenen Zweige der Charitas; 8) An­regung und Beförderung historischer Studien über die kath. Charitas; 9) Anlegung einer allgemeinen wissen­schaftlichen Charitasbibliothek; 10) Förderung sonstiger Bestrebungen der Charitas.

Der jährliche Mindestbeitrag der Verbandsmit­glieder beträgt 6 Mk. Volksschullehrer und Lehrerinnen, Akademiker und Seminaristen zahlen 3 Mk. Die Mit­glieder haben das Recht des unentgeltlichen Be­zugs der Zeitschrift .Charitas' und der kostenfreien Benutzung sämtlicher Einrichtungen des Verbandes.

lieber das Wirken de) Charitasverbandes in den ersten 5 Jahren (1897—1902) unter­richtet Dr. Werthmann im 9. Heft der „Charitas- Schriften". Schon aus den in dieser kurzen Zeitspanne erzielten Erfolgen erhellt, wie zeit­gemäß die Gründung war.

Die Mitgliederzahl betrug 1902 zirka 2200.

Darunter befinden sich: 8 Hochw. Bischöfe, 10 Mitglieder regierender Häuser, 154 Adelige, 817 Geist­liche; 68 lebenslängliche Mitglieder (einmaliger Be­trag von 150 Marks; 851 Laien, 261 Vereine und An­stalten. Bon den Mitgliedern entfallen auf die Rhein­provinz 695, Westfalen 240, übriges Preußen 365, Baden 217, Bayern 278, Elsaß Lothringen 75, Würt­temberg 66; die übrigen verteilen sich auf verschiedene Staaten und Länder.

Sieben allgemeine Charitas:agewurden bisher abgehalten: in Köln, Wiesbaden, Berlin, Aachen, Schw.-Gmünd, Augsburg, München. Ihr Wert besteht vor allem in der Anknüpfung persönlicher Beziehungen, in der gründlichen Er­örterung neuer Fragen und in der praktischen Anregung und Begeisterung der Besucher. Dem­selben Zweck dienen für kleine Bezirke (Pro­vinzen) die Spezialkonferenzen und Land es- Versammlungen, wie sie z. B. bereits in Karlsruhe, Heidelberg und Frankfurt a. M. statt­fanden. Straßburg hat alljährliche Versamm­lungen des lokalen Charitasverbandes und größere Sitzungen des Ausschusses.

Das wichtigste Bindemittel des lebendigen Zusammenhaltes des Charitasverbandes ist die Zeitschrift ,Charitas', die im 7. Jahrgange zirka 4600 Abonnenten zählt. Im Abonnement (Post oder Buchhandel) kostet sie jährlich 3 M; Mitglieder, wie bereits erwähnt, erhalten sie gratis. Die Zeitschrift bietet hauptsächlich po- pulär--wissenschaftliche AbMndlungen über chari- tative Themata, Lebensbilder von Personen, die charitativ besonders tätig gewesen, Uebersichten über charitatioe Anstalten rc. — Der wissen­schaftlichen Verbreitung von Charitasfragen dient eine Folge von größeren und kleineren Schriften unter dem Titel „Charitas-Schriften". Bisher erschienen 8 Nummern (das deutsche Armenrecht in seiner Bedeutung für die Privat­wohltätigkeits-Vereine und -Anstalten; das Armen­recht in Elsaß-Lothringen; die katholischen Wohl- tätigkeits-Anstacken rc. der Diözese Straßburg; kurzer Leitfaden zum Unterricht in der Kranken­pflege; die Reichsgesetze über die Kranken-, Un­fall- und Jnvaliden-Versicherung; die Uebung der Charitas durch die Frauen und an den Frauen rc.). Die Abfassung eines „Charitas- handbuches des deutschen Reiches" (Statistik der Wohltätigkeits-Anstalten in den einzelnen Diö­zesen Deutschlands) wird vorbereitet.

Um der ganzen Charitastätigkeit ein festes und sicheres Fundament zu geben, ist eine wissenschaftliche Bearbeitung der ver­schiedenen Charitasgebiete ein unbedingtes Er­fordernis. Als erster Schritt hierzu ist die Sammlung der gesamten Literatur über Armenpflege am Sitz des Charitasverbandes anzusehen. Ebenso notwendig ist aber ein Kol­legium ständiger Mitarbeiter, die die Literatur und das Material wissenschaftlich ver­

arbeiten und aus den gewonnenen Kenntnissen neue Anregungen für die Praxis geben. (Auf anderen Gebieten besteht schon eine ähnliche Ein­richtung: die Zentralstelle für Arbeiter-Wohl­fahrtseinrichtungen , die 13 Mitarbeiter be­schäftigt.) Die Mittel dazu können aber nur durch einen zahlreichen Mitgliederbestand auf­gebracht werden.

Für die zahllosen Fälle, in welchen man auf dem ungemein verzweigten Gebiete der Charitas eine augenblickliche praktische Auskunft benötigt, ist die Auskunftsstelle des CharitaS- Verbandes zu Freiburg eingerichtet. Ihre Tätigkeit mag man daraus erkennen, daß z. B. vom 1. Januar 1901 bis 1. Juni 1902 zirka 180 Anfragen bei ihr einliefen, die einen Brief- Briefwechsel von 600 Briefen verursachten. Material zur Beantwortung der Fragen bietet die Charitas-Bibliothek. Sie enthält in drei Abteilungen (Bücher, Zeitschriften und Jahresberichte) über 1300 Nummern. Der erste Katalog wurde Ende 1900 herausgegeben; seit­dem wurden monatlich zirka 30 Bücher rc. aus­geliehen.

Soll eine Organisation dauerhaft und erfolg­reich sein, so müssen vor allem die einzelnen Maschen des Organisationsnetzes festgefügt sein, d. h. die Organisation an den einzelnen Orten muß musterhaft sein. Deshalb gilt für den Charitas-Verband als Grundsatz, daß die Wohltätigkeitsvereine und Anstalten einer ganzen Stadt mit den Vertretern der Pfarreien und fonstigen Charitasfreunden zu einer freien charitativen Vereinigung: „Kath. Charitasoer- band der Stadt N." zusammentreten. Besonders erfolgreich wird dessen Tätigkeit werden durch Errichtung eines Bureaus mit besoldetem Sekretär: „Charitas-Sekretariat" (et), in Ver­bindung mit einem Volks-Bureau). Lokal­organisationen sind bereits in Essen, Berlin, München, Straßburg und Franlfurt a. M. — In der Erzdiözese Freiburg wurde auch be­reits mit der Errichtung einer Diözesan-Organi- sation begonnen.

Besonders zeitgemäß ist die Ausbildung von ländlichenKrankenpflegerinnen durch den Charitasverband und die Herausgabe der monatl. Zeitschrift ,Die christliche Frau' (Zeitschrift für höhere weibliche Bildung und christliche Frauentätigkeit in Familie und Gesellschaft, jähr­lich 4 Mark.).

Ein eigenes Heim besitzt der Charitas­verband in dem Charitasftift (Freiburg), in dem sich die Geschäftsstelle, die eigene Druckerei und Bibliothek und die Wohnung des Präsi­denten Dr. Werthmann und seines Mitarbeiters Dr. Liese befinden.

Die bisherige erfreuliche Entwickelung und segensreiche Tätigkeit des Charitasverbandes läßt erkennen, daß in demselben der richtige Weg eingeschlagen ist, um das vorgesteckte Ziel: Die planmäßige Förderung der Werke der christ­lichen Charitas durch Zusammenfassung der vielen für dieselbe wirksamen Kräfte zu erreichen. Zu wünschen bleibt jedoch noch, daß der Ver­band eine größere Mitgliederzahl und unter dieser viele eifrige Mitarbeiter in den einzelnen

Orten gewinnt. Es ist ferner ein dringendes Bedürfnis, daß durch einen Zuwachs an Mit­gliedern die finanziellen Mittel beigebracht werden, damit zunächst an der Geschäftsstelle eine Anzahl von wissenschaftlich ausge­bildeten Fachmännern angestellt werden kann, welche sich dem Ausbau der Organisation und der Durchführung der geplanten wichtigen Arbeiten widmen können. Vor allem muß er­wartet werden, daß sämtliche katholische chari­tativen Vereinigungen und Anstalten in Deutsch­land Mitglieder und Mitarbeiter des Verbandes werden. Ihrer Förderung will ja auch der Charitasverband an erster Stelle dienen.

• Lynchjustiz an einem Verbrecher. Am Don­nerstag nachmittag fand vom Hause Mauerstraße 3 zu Berlin die Beerdigung des Hausbesitzers Möhring statt. Diese Gelegenheit benutzte ein junger Mann zu einem frechen Einbruchsdiebstahl, den er in der im dritten Stock liegenden Schmidtschen Wohnung verübte. Am nachmittag hatte er sich schon bei Kindern, die sich vor dem Hause aufhielten, erkundigt, wann das Be­gräbnis statifinden werde. Er hatte nun wohl ange­nommen, daß sich die ganze Schmidtsche Familie an der Trauerseier beteiligen und daß die Wohnung also leer stehen werde. Mit einer großen Anzahl von Dietrichen machte er sich daher zur geeigneten Zeit an sein Werk, wurde aber plötzlich dabei gestört. Die älteste Tochter, ein etwa 18jähriges Mädchen, kam in Begleitung eines Bekannten namens Neuhaus gegen lh7 Uhr aus dem Geschäft zurück. Kaum waren sie eingetreten, als sie den Einbrecher erblickten. Fräulein Schmidt rief laut um Hilfe. Der Einbrecher stieß beide zur Seite und lief auf die Treppe. Er wandte sich dann noch einmal um und wollte dem jungen Mädchen einen Hieb versetzen, weil es fortwährend gellend nach Hilfe rief. Der Begleiter aber stellte sich ihm entgegen und der Bursche ergriff nun die Flucht, verfolgt von einer Menge Menschen, die das Hilfegeschrei gehört hatte. Schließlich eilte er in das Haus riedrich- straße 53 und stürmte bis in die vierte Etage. Als man ihn dort gestellt, schlugen die Verfolger ohne jedes Erbarmen auf ihn ein. Als dann die Polizei kam, war es ihr nur noch möglich, den Menschen den Wütenden zu entreißen. In bewußtlosem Zustande wurde er in einer Droschke nach der nächsten Polizei­wache in der Wilhelmstraße 29 geschafft. Dort hatte man es aber bereits mit einem im Sterben Liegenden zu tun. Trotz der sofort angestellten Belebungsversuche konnte der herbeigeruiene Arzt nur den Tod feststellen. Die bei dem Toten gefundenen Papiere lauten auf den Namen Karl Werner. Der Polizeibericht gibt Schlag­anfall oder Vergiftung als Todesursache an.

* Brotneid. A.: „Warum schmeißen's denn den Sepp immer glei naus, wenn gerauft wird?" — B.: „Der is in der Unfallversicherung, und da haben die andern an rechten Neid, wenn eam was passieret!"

* Nicht zeitgemäß. Die sechsjährige Elsa (zu ihrer Freundin): „Du, mit der Mimi können wir eigent­lich gar nicht mehr verkehren; sie hat zu ihrem Ge­burtstag eine Puppe bekommen, und denke Dir nur, sie hat sich darüber gefreut wie ein Kind."

* Zeitgemäße Besorgniß. „Herr Direktor, ich erhalte soeben die Nachricht, daß unser Hauptkassierer erkrankt ist!" — „Um Gottes willen, wie viel fehlt — denn?"

* Das gute Zeugnis. „Was, ein Zeugnis wollen Sie auch noch? Das wird sehr empfehlend ausfallen!" — „O, schreiben Sie nur, daß ich zwei Monate bei Ihnen ausgehalten habe; das ist die beste Empfehlung!"

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