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MdaerW Zeitung

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3 L Jahrgang

flllda, Samstag, den 8. August 1W3.

U 179

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Zweites Blatt ।

etoetet »glich, mit Lnrnahme der Somt= «ud Zeiertage. viertel- phrl. vezugrpreir «hile vringerloh» und »eßelgeld in Zulda und «r»Srtr,MS0Pfg.

Die Nationalsozialen werden sich auf dem bevorstehenden Parteitag mit der freisinnigen Bereini­gung verschmelzen. Für die Entwickelung unserer Politik wird daS Ereignis ohne Folgen sein.

EinenBorstoß gegendaSReich Stags Wahl­recht wollte eine Gruppe von Vertretern des Groß­kapitals vor Zusammentritt des Reichstags in Szene setzen. Der .Vorwärts' ist ihnen durch die Mitteilung der betreffenden Pläne und Schriftstücke zuvorgekommen. Die ganze Sache hat nicht viel am sich; denn eine Aenderung des Wahlrechts ist eine indiskutable Sache. Der Vorstoß hat nur den Effekt, daß die Sozialdemo­kratie durch ihn neuen Agitationsstoff erhalten hat.

Im Wahlkreise Dessau-Zerbst ist es be­züglich der Kandidatur für den Abg. Röfickenoch zu keiner Entscheidung gekommen.

Die sächsischen Nationalliberalen wollen in der Wahlresormirage mit den Konservativen nichts zu tun haben, sondern auf eigene Faust vor­gehen.

In der Wasserkatastrophe hat die preußische Regierung weitere Mittel ä fonds perdu zur Ver­fügung gestellt

In Frankreich hat sich die Regierung von der englischen vorhalten taffen müssen, daß ihre Katho­likenverfolgungen eines freiheitlichen Landes unwürdig sei. .

Die Jrlandreise des Königs Eduard ist dank dem Verhalten der katholischen Geistlichkeit von der irischen Bevölkerung sympathisch ausgenommen worden.

In Ungarn ist die politische Situation durch die Enthüllung der Bestechungsaffäre noch verworrener geworden. GrafKhuen-Hedervaryhat unter Verpfändung seines Ehrenwortes vor der Untersuchungskommisston erklärt, daß er der Bestechung fern stehe. Klar ist die Sache noch nicht.

der Beauftragten wurde in dieser Hinsicht manche Besserung herbeigeführt und für die Zukunft ähnlichen Mißständen vorgebeugt. "

Eine verhältnismäßig große Zahl von Lehr­herrn war zur Haltung von Lehrlingen gar nicht befugt, sodaß die Lehrlinge bei an­deren Meistern untergebracht werden mußten. Eine Anzahl Handwerker führten auch den Meistertitel ohne Berechtigung. Vereinzelt kamen auch Fälle von Lehrlingszüchterei vor.

Veranlassung zu mancherlei Beanstandungen gaben die Verhältnisse in den Betriebs- sowie Wohn- und Schlafräumen der Lehrlinge. Namentlich war dies auf den kleinen Dörfern der Fall.

„So wurde z B — so heißt es in dem Bericht — Werkstätten vorgefunden, welche zugleich als Wohn- und Schlasräume dienten, hauptsächlich bei Schuhmachern, Schneidern, Sattlern, zum Teil sogar bei Schreinern; einige waren nur durch Leitern zu­gänglich, in ander en fehlte es an dem vollständigen Handwerksz-ug und dergl. Ueberoll wurden die Handwerker in schonender Weise auf die UebeMände nufmerksam gemacht und ihnen paffende Vorschläge zur Beseitigung unterbreitet, welche auch stets die er­forderliche Beachtung fanden."

Erfreulich ist es weiter, daß die Beauftragten ihre Tätigkeit auch auf die weitere Ausgestaltung des Fortbildungs- und Fachschulwesens richteten. Ueberall wurde auf die Vorteile dieser Schulen hingewiesen. Einige Schulen sind daraufhin bereits gegründet, andere im Entstehen begriffen.

Die Tätigkeit der Beauftragten, die sich noch auf manch andere wichtige Dinge erstreckte, kann hier nicht ganz aufgeführt werden. Schon diese kurze Ueberstcht zeigt zur Genüge, daß eine Durchführung der Handwerkerschutzgesetzgebung zum Nutzen und Frommen des Handwerker­standes ohne umfaffende - Jnspektionstätigkeit, die zugleich Lehrlingstätigkeit ist, gar nicht möglich ist. Das kann man gewiß sagen: Je besser das Institut bet Beauftragten ausgebildet ist, umso eher werden die Vorteile des Handwerkerschutz­gesetzes zum Gemeingut des Handwerkerstandes werden.

VeraitttoortNch« rqristkeiter:Zof.Saum 3.wochendellage: „Illustrierte Sonntagsjeitung

Monatsbeilage: „Julbflcr Geschichtsblätter"

3: Vie Beauftragten der hand- werkerorganftation.

Eine ähnlich schwierige Stellung, wie sie die Fabrikinspektoren im Anfänge ihrer Tätigkeit hatten, besteht heute auch für die Beauftragten im Handwerk. Das Institut der Beauftragten ist bekannt: Nach der Reichsgewerbeordnung und den 'Kammerstatuten sind die Handwerkskammern verpflichtet, die Durchführung der gesetzlichen und statutarischen Vorschriften in den Handwerks­betrieben zu überwachen, und befugt, zu diesem Zwecke besondere Beauftragte zu ernennen. Bei der Unzufriedenheit mancher Handwerker­kreise, selbst mit den Neuerungen des Handwerker­schutzgesetzes, ist die Ausübung der Tätigkeit eines Beauftragten sicherlich keine so leichte Aufgabe. Dieses Amt können r ur solche Personen aus­üben, welche über eine gute Dosis Lebenserfah­rung, Umsicht, Takt, über eine gründliche Ge- seheskenntnis verfügen und durch die Einrich­tungen des eigenen Betriebes die Gewähr für eine verständige Behandlung der ihnen zustehen­den Fragen dielen. Von welch großem Nutzen die Tätigkeit der Beauftragten für die Regelung der Verhältnisse im Handwerk sein kann, wenn sie von den richtigen Männern gewissenhaft und genau ausgeübt wird, zeigt der Bericht über die Tätigkeit der Beauftragten der Handwerkskammer Kassel im Rechnungsjahre 1902/03. Die hier gemachten Erfahrungen und Wahrnehmungen sind außerordentlich lehrreich.

Bemerkenswert ist zunächst die Klage des Berichtes über die große Unkenntnis, welche be­dauerlicherweise heute noch in manchen Hand- werkerkreifen über die Bestimmungen des Hand­werkerschutzgesetzes herrscht. In vielen Fällen waren keine schriftlichen Lehrverträge abge­schlossen oder es entsprachen die Lehrverträge nicht den gesetzlichen Bestimmungen. Oft fehlte das Arbeitsbuch ganz oder es war nicht den Vorschriften entsprechend ausgefüllt. Bei einer großen Zahl war die Eintragung in die Lehr­lingsrolle unterblieben. Manche Lehrherrn verweigerten die Anmeldung, indem sie die Lehr­linge als „jugendliche Arbeiter" angesehen wissen wollten. Oft konnten hier erst energische Schritte der Beauftragten oder der Kammer Abhilfe schaffen. Natürlich fehlten auch hier die Unklar­heiten und Streitigkeiten nicht über die Frage, ob ein Betrieb als Handwerks- oder Fabrik­betrieb anzusehen sei. Der Bericht berührt dann einen Mißstand, der in manchen, besonders länd­lichen Handwerkerkreisen wohl gerade nicht zu den Seltenheiten gehört und den die Beauftragten recht im Auge behalten sollten.

„Wiederholt hatten," so beißt tfc in dem Bericht, „die Beauftragten Veranlassung, gegen solche Lehr­herrn einzuschreiten, welche sich grober Pflichtverletzung gegen die ihnen anvertrauten Lehrlinge schuldig machten dadurch, daß sie ihnen Arbeitsverrichtungen zuwiesen, welche den körperlichen Kräften nicht angemessen waren, daß sie diefelben mehr zu häuslichen oder Feld­arbeiten heranzogen, wodurch die Ausbildung wesent lich litt, daß sie die Lehrlinge nicht in allen Arbeiten des Handwerks unterwiesen, sondern ihnen nur gewisse Handgriffe beibrachten und sie bestimmte einfache Ar­beiten lehrten, um au8 ihrer Tätigkeit mehr Gewinn zu erzielen u. a m. Durch eindringliche Ermahnung

X*$eigew: vir ei» fpaltige Petitzeile »d« deren Raum 15 psg. Reklamen die petitzeil« 25 psg; bei Wieds» Holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

vrnck und Verlag dsr Zuldaer ActiendruckersE ii Fulda (harmoniH Fernsprecher Nr. 9.

Unpolitische Zeitläufe.

(Nachdruck verboten.)

D Berlin, 6. August 1903.

Vorbei sind der Verwaisung bange Tage!

Nun darf verstummen Sions Witwerklage, Der schwarze Schleier weicht dem Festgewand. Dem Gottgesandten jauchzt die Welt entgegen Und beugt sich hoffnungsfroh dem ersten Segen Bon Pius gnadenfrischer Baterhand.

Dir, unseres großen Leo rechtem Erben, Der Treueid gilt für Leben und für Sterben, Dir, ecytem Sproß aus dem Apostelgrab!

Elias mußt' von feinem Volke ziehen;

Zu Dir, o Elisäus, laß uns fliehen. Dir ließ er seinen Mantel, Ring und Stab.

Die Prüfung war kurz, Gottes Hand tat sich bald auf. Er gab dem Schifflein der Kirche einen neuen Steuermann, seinem Heiligtum einen neuen Hohenpriester, der Welt einen neuen Hirten und Lehrer, der verwaisten Christenheit einen neuen Vater. Joseph Sarto ward vom heil. Geiste zum Papste Pius X. berufen, der Spröss­ling einer geringen Familie, dem nichts als feine Tugend zur Seite stano, wurde erhoben aus den höchsten und hehrsten Posten, den es in dieser Welt gibt, gemäß dem Worte: Er erhöht die Niedrigen, er hebt die Armen aus dem Staube empor.

Ein erfreuliches Zeichen der Zeit ist es, daß die ganze Welt, auch der andersgläubige Teil, abgesehen von einzelnen Querköpfen und einigen krankhaften Hassern, die Wahl Pius X. nicht blos mit Respekt, sondern sogar mit großer Be­friedigung und Vertrauen begrüßt. Alle, die ein gesundes Urteil haben, erkennen die trefflichen Eigenschaften des Gewählten an und bekennen, datz das Kollegium der Kardmäle eine vorzüg­liche Wahl getroffen hat. Wir Katholiken freuen uns darüber, aber wir wundern uns nicht; denn wir wußten, daß die Wähler datz Werkzeug der Allmacht und Allweisheit sind.

Als nicht gleich bei den allerersten Wahl­gängen sich die Zweidrittel-Mehrheit ergab, woll­ten fchon einige ungeduldig werden. Man hatte die Erwartungen ein wenig überspannt. Auch dieses Konklave, das 4 Tage dauerte, ist noch wunderbar kurz verlaufen. Gott lenkt die natürlichen Kräfte, die bei der Papstwahl wirk­sam sind, zum guten Ziele, aber er stört nid): ihren Gang. Die berufenen Wähler sollen aus eigenem Ermessen tun, was sie können; sie sollen einzeln und in Gemeinschaft ihre ganze Geistes- und Willenskraft daransetzen, sie sollen forschen, prüfen, überlegen und nochmals überlegen, sie sollen die Eigenschaften der Kandidaten und die Bedürfnisse der Zeit auf das sorgfältigste ab­wägen und vergleichen, sie sollen arbeiten aus

voller Kraft, um sich zu dem Willen des Herrn durchzuringen, und dazu ist Zeit nötig — bald mehr, bald weniger Zeit, je nachdem die persön- ichen Eigenschaften der Wähler und der Kcmdi- >aten, sowie die maßgebenden Umstände einfach und klar oder verdeckt unb verwickelt liegen. Er war ein Beweis hoher Schätzung und großen Vertrauens gegenüber den Kardinälen, daß man von -ihnen allgemein eine schnelle Erledigung der großen Ausgabe erwartete. Und das Vertrauen ist auch nicht getäuscht worden; denn 4 Tage und 7 Abstimmungen fallen bei den vielen und großen Schwierigkeiten nicht ins Gewicht. Man braucht nur zu bedenken, daß das Wahlversahre» selbst mit wunderbarer Erfahrungsweisheit fe eingerichtet ist, daß eine Ueberstürzung vermieden werden soll. Bei weltlichen Wahlen macht e$ schon Umstände genug, wenn man die einfache Mehrheit auf einen Kandidaten vereinigen will. Bei der Papstwahl müssen aber Zweidrittel der Stimmen, im vorliegenden Falle 41 von 62, auf einen Namen sich zufammenfinden. Wenn nun mehrere Kandidaten von hervorragenden Eigenschaften und Verdiensten da sind, wie es in einem solchen Kollegium bei den Würdigsten aus der ganzen Kirche die Regel ist, so gehen natür­lich bei der Verschiedenartigkeit der Temperamente und der persönlichen Beobachtungen die Stimmen zunächst auf verschiedene Kandidaten auseinander. Jeder Wahlgang gibt nun Anlaß zu weiteren Beobachtungen, Erwägungen und Beratungen, so daß nach und nach eine Sammlung der Stim­men eintritt. Wer das recht erwägt, wird sich nicht darüber wundern, daß manchmal die Kon­klaves sehr lange gedauert haben ; und anberfeiti wieder anerkennen, daß die Kirche sehr weise handelt, indem sie ein umständliches und in ge­wissem Sinne schwerfälliges Wahlversahren vor­schreibt, das Uebereilungen vorbeugt. Wer als Werkzeug des heil. Geistes zur verantwortlichen Arbeit in einer so hohen und ungeheuer wichti­gen Aufgabe berufen ist, muß mit der peinlich­sten Bedächtigkeit vorgehen. Das haben die Kar- dinäle auch diesmal sichtlich getan. Drei Tage lang haben sie mit den menschlichen Mängeln ge­rungen, um am vierten Tage mit einer über­grossen Mehrheit sich auf den Rechten zu vereinigen.

Wahrhaft ergreifende Bräuche folgen der Papstwahl. Sobald der Erwählte die Annahme ausgesprochen hat, lassen alle Wähler die Bal­dachine, die als Zeichen der gemeinsamen Ober­herrlichkeit über ihren Sitzen angebracht sind, herunter, und nur der Gewählte behält seinen Baldachin. Das ist die sichtbare Anerkennung dafür, daß der Erwählte, der bisher ein Gleicher unter den Wählern war, jetzt ihr Haupt und Herr geworden ist. Aber damit nicht genug, ist die sofortige Huldigung durch Fuß- und Handkuß vorgeschrieben; und diese Huldigung der Wähler vor dem Erwählten erfolgt sogar drei­mal in kurzer Frist. Das sieht auf den erste» Blick wie ein Ueberfluß an Ehrenbezeugungen aus, aber die auffallende Vorschrift hat eine» tiefen Sinn und einen großen praktischen Wert. Es wäre nur menschlich, wenn die bisherige» Kollegen des Erwählten, darunter solche von höherem Alter, berühmteren Namen, bisher über­ragender Stellung, auch nach vollzogener Wahl noch das Gefühl der Gleichheit nicht sofort los­werden könnten. Ja, unter dem Eindruck der äußerlichen Tatsache, daß die Wahlstimmen das Amt vermittelt haben, könnte sich sogar ein Ge­fühl der Gönnerschaft einschleichen. Diese« menschlichen Regungen foll nun gründlich abge­holfen werden. Die vorgeschriebenen wiederholte» Zeremonien sollen den Wählern auf das Ein­dringlichste klar machen: Der Erwählte ist zwar durch eure Stimme, aber nicht von euch be­rufen worden. Er ist nicht das Geschöpf feine« Wähler, sondern ihr Herr; denn die sichtbare» Wähler waren nur das Werkzeug des Höchsten; durch ihre Stimmzettel hat Gott seinen Willen kundgegeben, der Erwählte ist keinem andere» verpflichtet, als dem allmächtigen Urwähler im Himmel, und weil er die Fülle der Macht vom Himmel erhalten hat, so müssen sich alle vor ihm beugen, die auf Erden sind, die Große«, wie die Kleinen, die Schafe wie die Lämmer, mit dem Volke die Fürsten der Kirche, auch die­jenigen, denen die Mitwirkung bei der Wahl ge­stattet war. Die Hochwürdigsten Wähler konnte» den Papst bezeichnen, aber sie konnten ihm nicht geben, was seines hohen Amtes Kraft und Macht ausmacht; das mußte von ode» kommen. Und nachdem Gott ihm den Stab des obersten Hirten, die Würde des höchsten Priester- und die wunderbare Gabe des unfehlbaren Lehr­amts gegeben, findet er nicht mehr seinesgleichen auf der Erde, sondern alle müssen ihm huldigen.

Papst Pius X. ist jetzt genau so alt, wie Leo XIII. bei seiner Erhebung auf den päpst­lichen Stuhl, nämlich 68 Jahre. Leo hat gegen alle Wahrscheinlichkeitsrechnung noch 25 Jahre

wochen-Ruitdschau.

(Nachdruck verboten.)

□ Fulda, 8. August 1903.

Die verstossene Woche hat der katholischen Welt ei» neues geistliches Oberhaupt wiedergegeben. Aus dem Konklave ist der bisherige Patriarch von Venedig, Kardinal Sarto, als PmS X. hervorge­gangen. Me geschäftige Kombination nichtkatholischer Blätter über den Ausgang des KonkiaveS hat damit nach zwei Seiten hin ihre Korrektur erfahren, denn einmal ist die Papstwahl nicht wie „Gutunterrichtete' vorher wissen wollten, in kurzer Frist getätigt worden, sondern erst im fiebenten Wahlgange wurde Sarto die Tiara verliehen und auf der anderen Seite ist gerade derjenige Kardinal zum Papste gewählt worden, der bei Aufzählung der Papabili immer nur an be­scheidener Stelle genannt worden war. Für uns Katholiken, die wir in dem Neugewählten den Vater der katholischen Christenheit erblicken, tritt hinter die Freude, daß der päpstliche Stuhl nicht mehr verwaist ist, die Erörterung über die künftige Politik des neuen Papstes zurück. Was uns mit d m Gefühle froher Gcnngtuung erfüllen muß ist der Umstand, daß die Wahl auf einen Mann gefallen ist, dem selbst die gegnerische Presse das Zeugnis nicht versagt, daß er ein unantastbarer Charakter, eine versöhnliche Natur und ein von seinen religiösen Pflichten tief durch­drungener Priester ist, der die Gewähr dafür bietet, daß er seines hohen verantwortungsvollen Amtes zum Segen der katholischen Welt walten wird. Hervorgcgangen aus bescheidenen Familienverhältnissen, zeichnet sich Pius X durch einen Adel aus, den nur GeisieSeiaenschasten zu verleihen vermögen, wie er sie besitzt. Natürlich w«rd der künstigen Politik Pius X in der nichtkatholischen Presse in ausgiebigstem Maße ein Prognostikum gestellt. Als die überwiegende Auffassung kommt die Erwartung zum Ausdruck, daß er in den leonischen Bahnen wandeln werde. Zwar fehlt es hier und da nicht an Stimmen, welche aus der Wahl des Namens Pius den Schluß zu ziehen geneigt find, daß das neue Pontifikat eine Abkehr von der Politik des verstorbenen Papstes Leo bedeuten könne, ober diese Blätter geben selbst zu, daß diese Kombination auf schwachen Füßen steht. Große Auf­merksamkeit wird der Frage zugewandt, wie sich das Verhältnis des neuen Papstes zum Quirinal gestalten werde. Aus dem bisherigen Verhalten des Kardinals Sarto der Regierung gegenüber glaubt man aus eine gewisse Versöhnung schließen zu sollen. An eine grundsätzliche Versöhnung mit dem Quirinal kann selbstverständlich nicht gedacht werden und wenn Kardinal Sarto ein regierungsfreundliches Verhalten bekundet hat, so besagt das nichts für den Papst Pins X., denn die Mission, welche Sarto als Papst hat, ist eine andere, welche er als Kardinal Sarto hatte. Daß Pins X. grundsätzlich Italien gegenüber dieselbe Stellung beobachtet, wie sein Vorgänger, dürste schon aus dem Umstande hervorgehen, daß er den ersten Segen, den er als Papst spendete, nicht von der äußeren Loggia, sondern von der innere aus erteilte. Damit hat der hl. Vater bekundet, daß auch für ihn die vatikanische Gefangenschaft besteht. Es wird in der nichtkatholischen Presse mit einem gewissen Nach­druck hervorgehoben, daß, da sich Sarto von der Politik serngeholten habe, auch in seinem Pontifikat die politische Tätigkeit hinter die religiöse zurücktreten werde. Das ist eine Auffassung, welche aus einer falschen Beurteilung der Ausgaben und der Stellung des Vatikans beruht. Diese laflen eine solche äußere Trennung gar nicht zu, denn die internationale Be­deutung des Papsttums zieht von den religiösen Fragen unzählige Fäden zu der volitischen. Frankreich und Deutschland zeigen das schon zur Genüge. Nicht, daß die Kurie fich in die Politik der Katholiken fremder Staaten eimnifch-, sondern die Regelung der konfessw' nellen Angelegenheiten in den einzelnen Staaten bringt den Vatikan in enge politische Berührung mit den Mächten. Die konfeffionellen und politischen Aufgaben des Papsttums ergänzen und durchdringen fich gegenseitig so sehr, daß sie fich als ein unge­teiltes Ganzes für den Träger der Tiara darstellen.

Der sozialdemokratische Vizepräsident beschäftigt noch immer lebhaft die sozialdemokratische Preffe. Auf die Aeußerung v VollmarS in München hat Bebel eine Erwiderung folgen lassen, ans der her­vorgehoben zu werden verdient, daß v. Vollmar be­reits int Jahre 1898 für die Uebernahme der reprä­sentativen Pflichten durch die Sozialdemokratie einge­treten ist, damit aber eine Niederlage in der Fraktion erlitten hat. Auch der Abg. Bernstein ist auf die An­gelegenheit zurückgekommen. Der Umstand, daß er dabei auf die französische Revolution exemplifiziert und dem Besuch beim Kaiser, was die Sozialdemokratie anlangt, einen demonstrativen Charakter beizulegen versucht, hat die Position der Sozialdemokratie erheb­lich erschwert. Infolge der Feststellung dieser Tatsache durch einen Teil Der ZentrumSprefle schüttelt der ,Vorwärts', dem dies unbequem ist, Herrn Bernstein energisch ab und macht dabei die Bemerkung, daß die Sozialdemokratie nicht so ein erhebliches Gewicht auf die Form der Staatsverfassung lege. — Aber die Republik?

In Sachen der Handelsverträge haben fich Die deutschen Vertreter in dieser Woche nach Rußland legeben. Die Sache kommt also nun vom Fleck.