Monatsbeilage: „zuldaer Geschichtrblätter
fillda, Samstag, den 8. August 1903.
30. Jahrgang
M 179
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rchrift!eiter:Zos.Saum
3 gS. Wochenbeilage: „Zllllftrierte Sonntagszeitung
)=( König Georg von Sachsen vollendet heute sein 71. Lebensjahr. Geboren wurde er am 8. August 1832 zu Pillnitz. Es ist dies der zweite Geburtstag, den er feiert, seitdem er den Thron der Wettiner bestiegen.
In einem Alter auf den Thron berufen, in welchem gewöhnliche Sterbliche sich der Ruhe hinzugeben pflegen, hat der greife König in der
kurzen Frist feiner Regierung nicht nur als Träger der Krone, sondern auch als Haupt der sächsischen Königsfamilie Zeiten schwerer Prüfung erleben müffen. In das herzliche und vorbildliche Familienleben des königlichen Hauses riß die Pflichtvergessenheit einer betörten Frau eine Lücke, welche unausfüllbar bleibt und raubte mit der Gattin und Mutter dem sächsischen Volke die künftige Königin. Wo sonst menschliches Mitgefühl den von einem solchen Leid Betroffenen im privaten Leben Sympathien entgegenbringt, da ward das Verhältnis seines Volkes zu König Georg nicht gefestigt, sondern die Jntriguen der Politik brachten es fertig, daß das Vertrauen des Volkes zu ihm in einem Maße erschüttert wurde, daß König Georg zu dem ungewöhnlichen Schritt veranlaßt war, einen öffentlichen Appell an sein Volk zu richten. Jene Jntriguen setzten an dem katholischen Charakter der königlichen Familie an. Der Vorgang im sächsischen Königshause war ein willkommener Anlaß für gewiffe Fanatiker, ihrem ungezügelten Haß gegen den Katholizismus freien Ausdruck zu geben. Nicht nur, Ms für das Vorgehen der Kronprinzeffin die streng katholische Gesinnung des Königshauses verantwortlich gemacht wurde, wußte man auch Das „Märchen von dem geheimen Ränkespiel der Jesuiten" zu erzählen, um das protestantische Volk gegen seinen König zu verhetzen und gegen den Katholizismus mobil zu machen.
Als König Georg seine Regierung antrat, versprach er feierlich, die Rechte und Interessen der evangelischen Landeskirche sorgsam zu wahren und auch in dieser Beziehung, wie überall in den Bahnen seines Heimgegangenen Bruders zu wandeln. Man hat bei jenem ganzen Jntriguen- spiel dem König auch nichts nachweisen können, was dafür spräche, daß er irgendwie die Interessen der Protestanten gefährdet oder dem Katholizismus gegenüber zu nachsichtig gewesen wäre. „Es ist nichts, gar nichts geschehen, das zu der Annahme auch^nur einigermaßen berechtigen könnte, daß er jenes Versprechen nicht gehalten habe oder nicht halten werde. Auch die evangelische Kirche darf mit Vertrauen auf ihn sehen", führt die .Deutsche Tagesztg/ aus Anlaß des heutigen Geburtstags Königs Georg aus. Hier haben wir das Zeugnis eines Protestanten, und wenn dem König Georg aus seinem strengen Katholizismus ein Vorwurf gemacht wird, so ist dasselbe Blatt, deffen Leiter bekanntlich aus Sachsen stammt, unbefangen genug zu erklären: „Dieser Vorwurf würde nur ' dann berechtigt sein, wenn der König dabei die Interessen der evangelischen Landeskirche verletzt oder nicht genügend gewahrt hätte, das wird aber fein gerecht und billig Denkender behaupten können. Wenn er an seinem Bekenntnisse mit fester Treue hängt, so kann ihm das auck in den Augen eines überzeugten evangelischen Christen nur zur Ehre gereichen. Oder würde man ihm nicht mit Recht einen Vorwurf machen können, wenn er um volkstümlich zu sein, die Bekenntnistreue verleugnen und konfessionelle Gleichgiltigkeit zur Schau tragen sollte?"
Da kennen wir die Pappenheimer vom Schlage des Evangelischen Bundes und derEvangelisationsgesellschaftdoch besser. Wenn diese Herren Achtung vor dem Bekenntnis der Katholiken hätten, dann würden sie nicht besondere Organisationen schaffen, um die Katholiken ihrem Bekenntnis abtrünnig zu machen. König Georg ist ihnen verhaßt, nicht etwa, weil er die protestantischen Interessen gefährdete, nein, weil er Katholik ist und weil er'ein überzeugter, strenggläubiger Katholik ist, so ist er ihnen um so verpaßter. Wie die Herren im Reich gern von einem protestantischen Kaisertum sprechen, so müßte nach ihnen Sachsen ein protestantisches Königtum aufzuweisen haben.
Indessen war es der Vorgang in der königlichen Familie nicht allein, was im sächsischen Volke den König zum Gegenstände einer scharfen Kritik gemacht hat. Die Erhöhung der Zivilliste, welche nach seiner Thronbesteigung erfolgte, hat viel böses Blut abgesetzt, obwohl dieselbe verfassungsmäßig begründet und durch die Verhältnisse gerechtfertigt war. Die .Deutsche Tagesztg/ gibt dies zu, nichtsdestoweniger aber hält sie es für angebracht, in die Glückwünsche, welche sie dem König von Sachsen zu seinem Geburtstage darbringt, einen Tadel zu mischen, daß die Krone diese Maßnahme zur Zeit einer wirtschaftlichen Depression ergriffen hat.
Nicht zuletzt hat das heute vollendete 71. Lebensjahr oem König Georg in dem Ausfall der
Wahlen eine herbe Erfahrung gebracht. Er hat seine Empfindungen über die Zunahme der Sozialdemokratie in dem markanten Worte zum Ausdruck gebracht, daß er an seinem Volke beinahe irre werde. Ob dieses Wort aus seine Ratgeber einen nachhaltigen Einfluß ausüben wird? Fas scheint es so, als ob man in dem Anlauf, den man bezüglich der Wahlreform »unmittelbar nach den Wahlen zum Reichstage genommen hat, bereits zu ermüden beginne.
Daß Sachsen besseren Zeiten entgegengehen und dem greifen König Georg ein friedlicher Lebensabend beschieden fein möge, ist ein Wunsch, der an seinem heutigen Geburtstage wohl in weiten Kreisen des deutschen Vaterlandes geteilt wird.
Deutodj^Rekl) j
Berlin, den 7. August 1903.
*— Zur Wasserkatastrophe in Schlesien schreibt die ,Nordd. Allg. Zig.': „Der Kultusminister Dr. Studt ist von der mehrtägigen Besichtigungsreise zurückgekehrt, die er in das schlesische Ueberschwemmungsgebiet unternommen hatte. Die Bereisung erfolgte unter Zuziehung des vortragenden Rates, Geh. Obermedizinalrates Prof. Dr. Kirchner, sowie des Professors der Hygiene an der Universität Breslau, Geheimer Medizinalrates Dr. Flügge und erstreckte sich auf die Stadt Breslau, sowie auf einzelne durch die Ueberschwemmung heimgesuchte Ortschaften des Landkreises Breslau und der Kreise Wohlau, Trebnitz, Glatz, Neustadl O.-S., Kosel und Oppeln. In Beuchen wurde das vor zwei Jahren dort errichtete hygienische Institut, welches unter Leitung des Prof. v. Lingelsheim steht, besichtigt. Die eingehende Prüfung der fanitären Verhältnisse der beschädigten Ortschaften wurde unter Zuziehung der Regierungspräsidenten, der Landräte, beamteten Aerzte, der Ortsvorstände usw. vorgenommen. Sie führte zu dem erfreulichen Ergebnisse, daß die seitens der Medizinalverwaltung getroffenen, insbesondere in einem Ministerialerlasse vom 22. Juli dieses Jahres zusammengefaßten Anordnungen, welche die Instandsetzung der Wohnungen, der Wasserversorgung, die Desinfektton der Wohnstätten und Gehöfte, die Konttolle des Gesundheitszustandes, die Unterbringung der obdachlos gewordenen Personen usw. betreffen, durch die zuständigen Beamten tatkräftig und erfolgreich zur Durchführung gebracht worden sind. Nur in einem Falle hatte der Minister Veranlaffang, die Entsendung eines besonderen, aus dem Gebiete der Bakteriologie bewährten Kommiffars in eine größere ländliche Ortschaft anzuordnen, um die wirksame Ausführung aller notwendigen, namentlich der vorbeugenden Maßnahmen sicherzustellen. Größte Anerkennung verdient auch die aufopfernde Tätigkeit, welche die nach den gefährdeten Stellen entsandten Offiziere und Mannschaften bei der
Rettung von Menschenleben und dem Schutze bedrohter Deichanlagen und Gebäude während der Katastrophe, sowie demnächst bei den mühevollen Aufräumungsarbeiten entwickelt haben. In einer Schlußkonferenz, welche der Minister Donnerstag nachmittag im Gebäude jder Königlichen Regierung zu Oppeln abhielt, konnte derselbe seiner Befriedigung über den allseitig betätigten Eifer, mit dem das Rettungs- und Sanierungswerk eingeleitet und durchgesührt war, Ausdruck geben. In keiner der beschädigten Ortschaften sind bisher Anzeichen des Hervortretens ansteckender Krankheiten beobachtet worden. Es ist somit begründete Hoffnung vorhanden, daß die Provinz Schlesien vor weiteren traurigen Folgen der über sie hereingebrochenen schweren Heimsuchung bewahrt bleiben wird." — Der Landwirtschaftsminister von Podbielski, der Freitag früh auf dem Breslauer Oberpräsidium eine Konferenz über Hochwasserschäden abhielt, begibt sich am Samstag nack dem Kreise Ratibor und Sonntag nach dem Kreise Leobschütz, wo er insbesondere die Hotzenplotzniederung besichtigen will.
§ Die Postunterbeamten, denen im Dezember v. I. goldene Schulterplattschnüre beschert wurden, haben die Kosten dieser Auszeichnung selbst zu decken. Eine Verfügung des Reichspostamts, die vom ,Vorw/ veröffentlicht wird, lautet: Die goldenen Schulterplattschnüre bilden für Untevbeamte mit einer tadelfreien 15- jährigen Gesarntdienstzeit einen Teil der von Sr. Majestät dem Kaiser genehmigten Uniform. Die Dienströcke und Litewken, der zum Tragen der Schulterplattschnüre berechtigten U.-B. sind nach der Verfügung vom 10. Januar IV. 41242 durch Vermittelung der Bezirkskleiderkasse mit Abzeichen zu liefern. Hieraus folgt, daß diese U.-B. die Dienströcke und Litewken mit den Schulterabzeichen und die Mehrkosten für die Abzeichen zu tragen haben. — Ironisch fügt der ,Vorw/ diesem Erlasse hinzu: „Wir empfehlen die Anwendung dieses Verfahrens auch bei Ordensverleihungen; der Staat ersparte dabei eine nicht unbeträchtliche Geldsumme und die Kommerzienräte hätten dir Freiheit, sich ihre Ordensauszeichnungen je nach Vermögen reichlicher ausstatten zu lasten."
]:[ Das Dieustalter der Bolksschul- lehrer in Preußen behandelt eine ausführliche Zusammenstellung der ,Stattst. Rorr/r Danach gab es in Preußen am 27. Juni 1901 26 392 Lehrer in den Städten, 48138 auf dem Lande und 9025 Lehrerinnen in den Städten, 4725 auf dem Lande. Unter diesen hatten in den Städten 3449 Lehrer ober 130,7 vom Tausend ein Dienftalter von über 31 Jahren und damit die höchste (neunte) Altersstufe erreicht ; auf dem Lande war dies bei 5433 Lehrern ober 112,8 v. T. der Fall, und von den Lehrerinnen bei 283 ober 31,4 v. T. in den Städten und bei 176 ober 37,2 v. T. auf bem Lande. Ein Dienstalter von über 39 bis zu 49 Jahren hatten 859 städtische Lehrer oder 32,2 vom Taufend, 1415 Landlehrer (29,4 v. T.), 37 städttsche Lehrerinnen (4,1 v. T.) und 23 Landlehrerinnen (4,9 v. T.). Im 50. oder
Zügungen.
Erzählung von A. tthdolph.
29 ------ (Nachdruck verboten.)
Paul zog das sorgfältig bewahrte Briefchen heraus und übergab es seiner Tante, welche aufmerksam die Adresse betrachtete.
„Tantchen, ich glaube, Du hast Studien gemacht, ans der Handschrift den Charakter des Menschen erkennen zu wollen."
»Spotte nur nicht, lieber Paul. So eine alte Jungfer, wie ich, kommt auf mancherlei seltsame Ideen.
toer, weiß, ob sie nicht auch manchmal das rttchtige trifft und klarer in das Herz hineinsieht, als ”.r "gene Besitzer desselben. Doch Scherz bei Seite! Dw Adreffe des Briefes lautet an Dich."
6et diesen Worten ihrem Neffen hin. Drestt wies chn lächelnd zuruck.
. " Adresse ist an mich, der Inhalt für Dich; k c-8 ba’L&en,en Munde des Fräuleins weiß ich, « L Pe«. °L AH schreiben wollte. Nun, für jeden
gebe ich Dir die Vollmacht, den Brief zu öffnen; uh habe keine Geheimnisse vor Dir."
anJu.t entfsIleter baS Schreiben; es enthielt "“5, toe,*’9e perlen und diese schienen in größter Hast geschrieben zu fern; selbst ein Tintenfleck verunzierte das unsauber zufammengelegte Blatt
De» aufmerffamen Auge des Barons entging nicht der ungünstige Eindruck, den das Aeußere dä Briefes «st seine Tante machte.
„Du mußt Nachsicht haben, Tantchen; sie war gezwungen, noch spät am Abend zu schreiben."
Die Baronesse hatte schnell den Brief überflogen.
„Er ist an Dich, lies selbst," sagte sie in merkwürdig kühlem Tone.
Ueberrascht nahm der Baron das Schreiben aus der Hand feiner Tante und laS wie folgt:
„Es war eine herrliche Idee von Ihnen, mir bei Ihrer Tante eine Stellung auszuwirken, und ich bin durchaus nicht unempfindlich gegen solch feine Aufmerksamkeiten. Leider aber kann ich das Anerbieten nicht annehmen. Ich kann schon nicht von meinem Hubert fort; er käme um vor Eifersucht und ich glaube, er wäre fähig, mich aufzugeben, und das kann ich doch für den Augenblick noch nicht wagen nach dem alten Sprüchwort: ,Ein Sperling in der Hand' u. s. w. Wenn Sie gegen mich so gesinnt sind, wie ich hoffe und Sie mich ahnen ließen, so rechne ich bestimmt auf einen recht baldigen Besuch von Ihnen, und weiß ich erft, was ich von Ihnen zu erwarten habe, so soll mir Hubert durchaus kein Hindernis sein. Au revoir! Denken Sie noch an ,O Täler weit, o Höhen, o schöner grüner Wald?' Mußte uns da die tugendstolze Lidwina stören! Ja, schöner, grüner Wald! Ich wünschte, wir könnten bald darin zusammen promenieren. Nun ,Gute Nacht, Du mein herziges Kind!' Mir fallen schon die Augen zu. Glückliche Reise! Ihre Lisbet."
Der Baron hatte den Brief beendet; er starrte aber noch darauf wie einer, der eine Hieroglyphenschrift enträtseln will.
„Nun, Paul?" Die Stimme der Tante brachte ihn zu sich.
„Das ist Zauberei!" stieß er wild aus.
„Und solch' 'ein Mädchen wolltest Du mir empfehlen? Doch ich will Dir keine Borwürfe machen, mein armer Junge. Trotz Deiner Gelehrsamkeit, trotz Deiner großen Reisen hast Du Dir — Gott sei Daick — noch ein recht unerfahrenes Kinderherz bewahrt, dar, selbst rein und lauter, nichts von der Berdorben- heit der Welt ahnt. Du hast jetzt eine Erfahrung gemacht. Sie wird Dich schmerzen, wie es jeden edlen Menschen schmerzt, wenn er sieht, wie das Ebenbild Gottes verunstaltet wird, wie es aber besonders noch zum tiefsten Mitgefühl anregt, wenn durch unglückliche Verhältnisse Wesen in das Elend der Sünde und
Gemeinheit verfallen, die so recht geschaffen schienen, Träger und Bewahrer der Unschuld zu sein. Ach, welche Aufforderung zur Dankbarkeit gegen Gott für uns, die wir so glücklich waren, durch Geburt und Erziehung sorgfältig vor allem Gemeinen geschützt zu werden, welche Aufforderung zur Demut, daß es nicht unser Verdienst ist, wenn wir nicht auch so tief fallen wie andere, zur Nachsicht gegen die armen Verirrten, deren große Sünden vor den Augen Gottes vielleicht bedeutend geringer befunden werden, als unsere an- cheincnd so unbedeutenden Fehler! Wie klar tritt mir )ie Pflicht vor Augen, welche wir haben, wir, die so reich mit Glücksgütern bedacht find, der Armut zu Hilfe zu kommen, damit sie nicht zum Laster ftihre, und unser Hauptaugenmerk der Erziehung der Kinder und der Sorge für die Heranwachsende Jugend zuzuwenden. O, der Gedanke, den ich schon lange in mir Herumtrage, soll sich, so hoffe ich, recht bald verwirklichen, die Gründung einer Filiale eines Klosters vom guten Hirten."
Die edle Dame hatte mit wachsender Begeisterung gesprochen; die Worte kamen aus dein innersten Grunde ihres von Liebe durchglühten Herzens.
Paul von Eggenberg hatte sein Haupt tief auf ihren Schoß gefenft. Jetzt schaute 'er auf; die Baronesse sah die Spur von Tränen an seinen Augen; ihre Vermutung wurde zur Sicherheit, daß der Schmerz ihres Neffen einen tieferen Grund hatte, als getäuschtes, allgemein menschliches Wohlwollen. Sie fühlte lebhaftes Mitleid mit ihm; aber sie war zart genug, die tief verborgene Wunde seines Herzens nicht mit rauhen Fingern zu berühren. Gut, daß er schnell zur klaren Erkenntnis gelangte!
„Tante", erhob er jetzt seine Stimme, „ich habe Dir alles genau mitgeteilt, was zwischen mir und — dem Fräulein Ulmenau vorgegangen ist; sage mir aufrichtig, trage ich eine Schuld, bin ich zu weit gegangen?"
Die Baronesse schüttelte das Haupt.
„Nein, Paul; mache Dir ferne selbstquälerischen
Vorwürfe. Hast Du gefehlt, so tatest Du eS unbewußt, und nimmermehr kannst Du Dir eine Schuld beimessen. Glaube mir, es ist unmöglich, daß ein Mädchen, wenn es nicht tief gefallen ist, einen solchen Brief an einen Mann schreibt, möge er sich benommen haben, wie er wolle. Jetzt heitere Dich auf, mein lieber Paul; jetzt gibt es einmal Gelegenheit, zn zeigen, daß man nicht nur Christ heißt, sondern auch wirklich ist. Das Kreuz ist nicht umsonst unsere Fahne."
Paul stieß einen tiefen Seufzer aus; als einzige Antwort küßte er die Hand seiner Tante. Diese hatte sich schon erhoben.
„Komm, lieber Neffe! Wir wollen einen Rund- gang durch Schloß und Garten machen. Du wirst ttotz meiner streng konservativen Gesinnung manches neue bei mir finden und manches, was noch der Entwickelung harrt, und durch Deinen Rat, Deine Hilfe schneller und glücklicher dazu gelangen wird, wie ich hoffe. Dein jugendkräftiger, vorwärts strebender Geist soll mich neu anregen, mich erwärmen und verjüngen. Darum den Kopf in die Höhe! Wir gehören uns nicht selbst; wir gehören zuerst Gott und dann bem Mitmenschen. Darum mutig vorwärts in seinem heiligen Namen!"
14. Kapitel. Eine Hochzeit.
Wenn auch die Anstrengungen Manfted'S, den Aufenthaltsort Lisbeth's auszukundschasten, bisher vergeblich geblieben toaren, so hatte doch die neu gewonnene Hoffnung sein körperliches Befinden bedeutend gehoben, was seine Familie mit Freuden bemerkte.
Lidwina hatte die Erzählung ihrer Schwester von Lisbeth's Schicksal mit einigen verächtlichen und boshaften Bemerkungen aufgenommen. Sie fürchtete sie nicht mehr. Von Eggenberg war sie sicher getrennt, und auch Manfted schien vergessen zu haben; er gab keinen Grund mehr zu Besorgnissen, da sie von feine» Nachforschungen keine Ahnung hatte und er sich durch nichts verriet.
Frieda's Hochzeitstag war auf den 2. Juli festgesetzt.