30. Jahrgang
fltlda, Freitag, den 7. August 1903.
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Deutsches Reid).
die Hand bieten wußte.
Ost kam er in ganz trunkenem Zustande zu ihr, und ste hatte Mühe, ihn vor den Kindern und dem Dienstmädchen zu verbergen. Vergeblich waren alle I ihre Bitten und Ermahnungen; manchmal hörte er sie schweigend an, und sie hoffte schon, Eindruck auf ihn gemacht zu haben; da plötzlich unterbrach er fie mit einer Bemerkung, die ihr zu ihrem größten Schmerze die Gewißheit qab, daß seine Gedanken ganz mit etwa- Anderem beschäftigt gewesen waren. Beel öfter aber noch geschah es, daß er spöttelte oder gar unwillig auffuhr und ihr sagte, durch das Predigen mache fie chm die Sache noch verhaßter.
Sie versuchte deshalb immer und immer wieder nur durch Liebe und sanfte Duldung auf ihn einzu' wirken. Mit großer Mühe hatte fie ihn einmal über» redet, mit ihr das Grab der Mutter zu besuchen. Es war für fie immerhin eine Art Opfer; denn außer der schon sehr derangierten Toilette ihres Bruders, welche er gänzlich zu vernachlässigen begann, zeigte auch schon sein Aeußeres deutliche Spuren semeS wüsten Lebens; Gute herauf aber Lisbeth unterdrückte jede Anwandlung von Scham; | bei mir. es war ihr Bruder, ihr doppett teuer, ‘ '
zählen."
Lisbeth drängte zurück, was ihrem Gefühl in den Reden des Bruders widerstrebte; fie nahm nur das ~ ' uS. „Hubert," flehte fie, „so bleibe ganz
mg von «cyam; I oct nm. Es trifft sich so glücklich. Hier im v^nlsk well er un- ein hübsches Stübchen; ich m,ete es. Du hast wr nichts zu sorgen; Du erhältst Alles aus unserem
LiSbeth schauderte.
Sei ruhig, Schwesterchen, noch bin ich nicht sa weit" noch kann mir Niemand ein Verbrechen vor- werfen, und so lange ich Dich in der Nähe habe, so lange noch Dein reines Auge über mich wacht, sou. mich die Unterwelt nicht steiwWg zu den Ihren
Lrfcheftn täglich- mit Ausnahme der Soim- imd geiertage. viertel- Mrl.ve;ugrprei5 ohne vringerlohn und Vestellgeld in Zulda und «rwärtrlMk.SvpfS
glücklich war. , , , . t
Ihr Opfer sollte nicht ganz unbelohnt bleiben; I Haushalte.
::: Andre Bourrier.
Wer von den Katholiken kennt ihn nicht, den französischen Apostaten, dem die heimatlichen Grenzen für die Betätigung seines katholikenfeindlichen „Lebenswerkes" zu enge wurden und der über die Vogesen nach Deutschland kam — ein gefeierter Gast des Evangelischen Bundes — um die Hetze gegen Rom erfolgreicher zu gestalten und auch in deutschen Gauen der „Evangelisation" der Katholiken seine Kraft zu leihen, auf daß die Los von Rom-Bewegung, die er in Oesterreich gefördert, auch bei uns ihre Wellen schlagen sollte. In vielen deutschen Städten, u. a. auch in Kassel und Marburg, hat man den abgefallenen französischen Priester zu öffentlichen Vorträgen herangezogen. In bündlerischen Kreisen hat man den flammenden Worten des Mannes andächtig gelauscht und die Wucht des „reinen Evangeliums" bewundert, die sich aus ihnen zu erkennen gab. Bourrier galt als em zwester deutscher Apostel, der berufen erschien, an der eigenen Ueberzeugung von der Wahrheit des Evangeliums die Begeisterung anderer für das evangelische Wort zu entfachen. Wenn es einem Katholiken beigefallen wäre, in diesem Manne einen Charlatan zu erblicken, die ganze bündlerische Meute würde über ihn hergestürzt sein und heute — heute befindet sich der .Reichsbote' in der unangenehmen Lage, seinen Lesern mitteilen zu müssen, daß Bourrier ein religiöser Schauspieler ist, daß er die Herren vom Evangelischen Bunde mit seiner evangelischen Ueberzeugung genasführt hat, daß seine flammenden Worte einer Sache gelten, an die er selbst gar nicht dachte, kurz daß er ein Freidenker ist, vor dem der ,Reichsbote' seine Leser warnen zu müffen glaubt.
Bourrier ist der Herausgeber und verantwortliche Redakteur des ,Chretien frangais1. Entsprechend diesem Titel muß jeder vermuten, daß Bourrier sich dieses Organs bedient, um die Lehren des Christentums im Volke zu verbreit?« und zu festigen. Dem ist aber nicht so, im Gegenteil vertritt Bourrier in demselben Anschauungen, die sich mit der Wahrheit der christlichen Auffassung so wenig vertragen, wie dies beim Wasser und Feuer der Fall ist. Die in London erscheinende, der orthodoxen Richtung angehörende Zeitung ,The Christian' hatte daher Bourrier kürzlich der „Häresie, des Deismus und des Buddhismus" beschuldigt. In einer Protestatton und einem offenen Brief an den Herausgeber des ,Christtan' in London ver- - wahrte sich Pastor Bourrier gegen solche „verleum- derischen Anschuldigungen", indem er behauptete, nach wie vor der orthodoxen Richtung der evangelischen Kirche anzugehören. Das veranlaßte nun einen protestantischen Pfarrer, im,Reichs- . boten' eine Blütelese aus der christlichen Auf- 'faflung des Herrn Bourrier zusammenzustellen. Schrecken und Scham muß die protestantischen Steife erfassen, die dem Pastor Bourrier als Vorkämpfer des reinen Wortes zugejubelt haben, -wenn fie diese Blütelese zu Gesicht bekommen.
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vertrag mit der Union behufs Erlangung besserer Bedingungen zu kündigen, so wollte es nach dieser Richtung hin einen sanften Druck ausüben, und es sei zu wünschen, daß es damit Erfolg habe. — An den Vorbesprechungen für den deutsch-ruffischen Handelsvertrag sind als deutsche Unterhändler u. a. beteiligt der Direktor der handelspolitischen Abteilung des Auswärtigen Amts Dr. von Koerner, der Direktor der 4. Abt. des Reichsamts des Innern Wermuth, der vortragende Rat im Landwirtschaftsministerium Dr. Kapp, der vortragende Rat im Handelsministerium Lufensky, sowie der Vortragende Rat im Eisenbahnministerium Müller. — Mir diesen Vertretern ist die .Deutsche Tageszeitung' nicht zufrieden und schreibt, sie habe zu Dr. v. Koerner und dem Geheimrat Lufensky kein Vertrauen, jenem gegenüber wegen der Brüffeler Zuckerkonferenz, diesem wegen seiner Kandidatur in Freiberg.
—* Der Abg. Heine steht unter den Führern der Berliner Sozialdemokratie mit seinen Ansichten über den H>zialdemokratischen Vizepräsidenten des Reichstages nicht mehr allein. Es wird berichtet: »Der Stadtverordnete Freudenberg hat sich in einer Versammlung des vierten Wahlkreises dafür ausgesprochen, den Anspruch auf die Vizepräsidenteu- stelle geltend zu machen, ohne an den höfischen Repräsentattonspfiichten Anstoß zu nehmen. Zum Vergleiche wies Redner darauf hin, daß die sozialdemokratischen Stadtverordneten in Berlin nicht davor zurückfchrecken, sich die mit dem Bilde Friedrich Wilhelm IIL gezierte goldene Amtskette umzulegen. Ein «nderer Redner führte auch die Vizepräsidentfchaft des Abg. Bock im Gothaischen Landtage als Beispiel an. Die Mehrheit der Versammelten stellte sich ;edoch auf den Standpunkt Singers, und sprach sich I entschieden gegen die „Hofgaunerei" als emes ! Sozialdemokraten unwürdig aus."
8 Im Hinblick auf die Gref-drechtsche» Wahlrechts-Reformversuche schrieb die,Rat. Ztg.' dieser Tage: „Daß die Nationalliberalen niemals auf eine Abänderung des bestehenden Wahlrechts eingehen werden, davon sind auch wir fest überzeugt." Hierzu nagelt die ,Kreuzztg.' folgende Auslaffung derselben ,Nat. Ztg. aus dem Jahre 1895 fest: „Der Niedergang der Parlamente sei ausschließlich bei ihnen selbst und bei dem erweiterten Wahlrecht zu suchen. Das allgemeine Stimmrecht verwildere, sich feibft überlasten, mehr und mehr. Es müffe der verhängnisvolle Lauf des allgemeinen Stimmrecht» aufgehalten und der zersetzenden und zerstörenden Gewalt desselben eine starke Regierung gegenübergestellt werden. .
*. Die zur Zeit in Berlin tagende übernationale Konferenz für dsnhtlofo Tele- qraphie hat beschlossen, ihre Verhandlungen vorläufig geheim zu halten. Die Sitzungen finden bis auf weiteres täglich statt und beginnen morgens um 10 Uhr. Sie dauern in der RegÄ bis gegen 2 Uhr nachmittags. Ausschüsse sind bis jetzt nicht gebildet worden. — Der Staals-
zum ersten Male seit langer 8-" zeigte sich Hubert ernst gestimmt und gerührt. Auf dem Rückwege vom Kirchhofe trat er mit ihr in eine Kirche. Das Gesicht in den Händen vergrabend, hatte er ba an^emmb gebetet und tuet geweint. Elisabeth fühlte sich sehr glücklich.
In der Freude ihres Herzens bat sie Gott sie ganz als Opfer anzunehmen für die Bekehrung und Besserung ihres Bruders. Auch zu Hause angelang, hielt Hubert's veränderte Stimmung noch an. Wiener- holt küßte et Lisbeth's Hände, dankte ihr und nannte fie seinen Schutzengel.
.Schwester," rief er aus, „ich weiß, daß ich em erbärmlicher Kerl bin, der, anstatt Dich zu Dich aussaugt; aber glaube mir, daß ich E noch schlechter bin, das verdanke ich einzig Dir. Wie ojt i stand ich nur noch um Haaresbreite vom Wege oes Verbrechens; da reichtest Du mir Deine rettende Hand, ich ellte zu Dir, und Dein Anblick gab mrr den Mut zu widerstehen; ich konnte eS n^cht über mich gewinnen, Dich noch zur Schuster emeS BerbrecherS zu machen. Hätte ich Dich nicht, ich wäre langst aufs tiefste gefallen, und das sei sicher — wie unser unglücklicher Baier ertrüge ich Sprung in die kühlen Flu'hen ober etwas Cyankalr würde mich davor bewahren."
Wir wollen nur einige Proben aus ihr hervorheben. Danach hat der,Chr6tien‘ bte Gottheit Christi geleugnet, die göttliche Wahrheit der Bibel besteht für Bourrier nicht, er ver- tritt statt deffen die Darwinsche Lehre, die Bibel hat nach ihm zu viele „Verbrechen gerechtfertigt, i n viele Lügen gedeckt, sie ist es Nicht, welche die arme Menschheit besser gemacht hat , die „anbetungswürdige" Dreieinigkeit ist sür Bourrier „Wahrheit, Gerechttgkeit und Solidarität", den christlichen Glauben vergleicht er mit einem „achtenswerten, eitlen Wahn", die christlichen Geistlichen leben „von Symbolen und Interpretationen" und ihre Religion ist „ein niedriger Egoismus und heuchlerischkr Esoterismus", die Bibel, deren Autorität von der Kritik erschüttert ist, kann nicht weiter die alten Ansprüche stellen, sondern nur derjenige, welchen der Abbo Maral Hebert bewunderungswürdig die „Fleischwerdung des menschlichen Gewissens nennt, bleibt ewig bestehen". „Wir begrüßen diese moderne Kritik, welche Sorge trägt, von Jesus Christus alles abzustoßen und unaufhörlich, je nach ihrer Entwickelung alles zu tilgen, was dem Gewiffen und der Vernunft zuwider ist."
Wir denken, diese Proben genügen, um erkennen zu lassen, weß Geistes Kind der gefeierte Bourrier ist. „Ist Pastor Bourrier in einem unglückseligen Wahne befangen, daß er sich nach allen diesen Aussprüchen und Veröffentlichungen noch für gläubig, der orthodoxen Richtung angehörend, ausgeben kann?" fragt der Verfasser des Artikels im ,Reichsboten' mit berechtigter Ironie. Ä ,
Und ein solcher Mann soll uns Katholiken das reine Evangelium verkünden? Na, wir danken schön! Wenn die protestantische „Evangelisationsgesellschaft" sich solcher Missionare bedient, da kann es dem gläubigen Protestanten angst und bange werden. Für uns mußte Herr Bourrier von vornherein als Wolf im Schafskleids gelten und war daher un- gefährlich, die Protestanten aber, die ihn in ihre Hürden eingelassen haben und als Leithammel benützten auf dem Pfade gegen Rom, werden mit Schrecken ersehen, wohin die Fahrt gehen sollte. „Der bloße Gegensatz gegen Rom macht noch lange keinen evangelischen Christen", sagt der ,Reichsbote' zutreffend. Der Evangelische Bund ist somit um eine Erfahrung reicher, aber auch reicher um — eine Blamage. Wieviel Bourriers mag es sonst noch im Kampfe gegen Rom geben?
aus zugehen lasten. Wie dem ,Berl. Tagebl.' I gemeldet wird, gedenkt der Monarch, dem es infolge seiner Nordlandreise nicht möglich war, einen Gratulationsbesuch zu machen, voraussichtlich am 16. September, dem Geburtstage des greifen Landesfürsten, in Altenburg oder auf Schloß Hummelshain den Herzog zu besuchen. — Desgleichen hat der Kaiser an den Royal Dacht Squadron ein Telegramm gerichtet, worin er für die Glückwünsche zu den in Cowes errungenen Siegen des „Meteor" feinen Dank ausspricht.
* Prinz Eitel Friedrich wird vom nächsten Jahre ab im Schloß Oliva bei Danzig alljährlich einige Zeit zubringen. Bei ihrer letzten Anwesenheit in Danzig teilte die Kaiserin mit, daß für einen größeren Hofhalt das mit einem prächtigen Park versehene Schloß in Stand gesetzt werden soll.
% Zur Papstwahl. Die aus Rom übermittelte Meldung des ,Giornale d'Jtalia', ein „österreichisches Veto" gegen eine Wahl Ram- polla's sei im Einvernehmen mit Deutschland erfolgt, entbehrt nach der ,Nat.-Ztg.' jeder Begründung. „Französischen Blättern möge es überlassen bleiben, an ihren abgeschmackten Phantasien festzuhalten, wonach Deutschland für oder gegen einen Kandidaten bei der jüngsten Papstwahl auch nur im geringsten Stellung genommen habe." Kardinal Kopp soll dem Berliner Vertreter emes amerikanischen Blattes auf besten Anftage, rote sich Papst Pius X. gegen Deutschland und Italien verhalten werde, telegraphiert haben: „Gegen Deutschland freundlich, friedlich; gegen Italien zurückhaltend, schonend, nicht reizeno." — Uns klingt die Nachricht wenig glaublich.
* Der ehemalige Pr äsident des Oranjefreistaates, Steiju, der bekanntlich im Krankenhause zu Reichenhall (Böhmen) verpflegt wird, soll nach einer Zuschrift an den ,Reichsboten' beabsichtigen, katholisch zu werden. Die Absicht sei hervorgegangen aus der „Einwirkung der ihn im Reichenhaller Krankenhause pflegenden katholischen Schwestern" — „wohl auch im Morphiumdusel". Wahrscheinlich haben ihn die Schwestern eigens zu diesem Zweck katholisierendes Morphiumpulver eingegeben.
** Z« den Handelsvertragsverhandlungen. Zu den Verhandlungen über den deutsch-russischen Handelsvertrag meinte die ,Boff. Ztg.', die offiziösen Mitteilungen über russische Forderungen zeigten, daß wir einer Verständigung mit Rußland nicht gerade näher gekommen feien. Demgegenüber schreibt die ,Kreuzzeitung', fie habe diesen Eindruck nicht. \ Wenn Rußland fordere, nicht schlechter behandelt! zu werden als die Vereinigten Staaten und! Argentinien, so liege darin weder für uns etwas demütigendes, noch sei es für uns aus sachlichen Gründen unannehmbar. Rußland könne uns gegen unseren Willen nicht zur Kündigung der Meistbegünstigungsverttäge zwingen. Aber da in Rußland bekannt sei, daß in Deutschland große Neigung herrsche, den Meistbegünstigungs- fonnte Lisbeth jetzt offen besuchen und größeren Vorteil von ihr ziehen. Auf ihren, durch len Willen des Bruders bedingten Wunsch, ignorierte der Kanzleirat vollständig Hubert'S Besuche.
LiSbeth hatte die Bollmarbt, Verwandte und Bekannte wie in ihrem eigenen Haufe auf»unehmen. So geschah es jetzt öfter, daß Hubert, nachdem er sich Tagelang gar nicht hatte sehen lassen, plötzlich zu seiner Schwester kam und deren Gastfreundschaft selbst für die Nacht in ausgedehntester Weise in Anspruch nahm.
Elffabeth litt unter dieser Taktlosigkeit ihre« Bruders schmerzlich. Sie zögerte nicht einen Augenblick, ihm ihr ganzes, reichliches Einkommen zufließen zu lassen; überaus peinlich aber war es ihr, daß er die Güte des KanzleirateS mißbrauchte und fie dazu
Berlin, den 6. August 1903
*— Der Kaiser hat dem Herzog Ernst von Sachsen-Altenburg zu feinem 50jährigen Regierungsjubiläum ein in den herzlichsten Worten abgefaßtes Glückwunschtelegramm von Norwegen mehr gedenken zu wollen; Alles solle bei ihm aus- geboten werden, damit sie sich heimisch fühle.
Schon am abend derselben Tages war fie in ihre neue Stelle eingerückt. Es hatte sich alles so schnell abgewickelt, daß es ihr wie ein Traum dünkte. Wenige Tage genügten, um fie vollständig mit ihrem übernommenen Wirkungskreise bekannt zu machen, und sie hatte Grund genug, damit zufrieden zu sein.
ES war eine schön geordnete, gemütliche Häuslichkeit, der Lisbeth als unumschränkte Herrin vorstand. Die Kinder hingen bald mit unbegrenzter Liebe an ihr, und sie hatte die Freude zu sehen, daß fie sich unter ihrer sanften Leitung körperlich und geistig zusehends immer schöner entwickelten.
In ihrer Gesellschaft vergaß fie auf Stunden den eigenen Kummer, das tiefe Herzeleid, welches sie um ihren Bruder empfand; in der Erfüllung ihrer übernommenen Mutterpflichten suchte sie einen Schild gegen ein geheimes, schmerzliches süßes Sehnen, dem sie keinen Namen zu geben wußte.
Ihr Bruder hatte den Wechsel ihrer Stellung zuerst mit größtem Unwillen aufgenommen. Er war schon so tief gesunken, daß er selbst die äußere Hülle des Anstandes und der Rücksicht nicht mehr immer vor seiner Schwester einhiett und sich öfter vor ihr in seiner wahren rohen Gestatt zeigte. Er hatte es auch gewagt, ihr Vorwürfe zu machen, ihr die Schuld beizumesien, daß sie aus dem Hause des Präfidenten entlassen worden wäre.
In eine wahre Wut geriet er, als er aus ihrem Munde vernahm, daß fie dem Kanzleirat das Unglück der Familie nicht verheimttcht habe, und daß er also auch von seiner Existenz wüßte.
Elisabeth war erschrocken von ihm zuruckgewlchen; er mußte wohl zum ersten Male in ihren Augen dm Ausdruck de» Entsetzens vor ihm gelesen haben. Er wurde dadurch doch etwas erschüttert und suchte einzulenken. , ,, .
Bald sogar söhnte er sich nicht nur mit der veränderten Lebensstellung seiner Schwester aus, sondern er sand dieselbe viel bequemer und angenehmer. Er
HuldaerW Zeitung
" Monatsbeilage: „zuldaer Geschichtrblätter".
Fügungen.
Erzählung von A. Uhdolph.
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Da find ja die Kinder selber," rief Frau Banner.
.„Irtbel, Joseph, gebt der Tante die Hand."
DaS Dienstmädchen brachte einen Brief des Kanzleirates, in welchem dieser Alles wiederholte, was schon Frau Banner auSgenchtet hatte. _ Die Bedingungen waren noch bedeutend günstiger für LiSbeth als im Hause des Präsidenten.
Die Kinder machten durch ihr zuttauliches Benehmen einen sehr günstigen Eindruck aus LiSbeth, und Frau Banner hatte die Freude, daß fie dem Dienstmädchen ein in der Hauptsache bejahendes Billet als Antwort mitgab.
Am Nachmittage kam der Kanzleirat selbst. Er hatte etwas väterlich Berttauenerweckendes, ein einfaches, gerades Wesen. LiSbeth hatte in der kurzen Beit, die ihr zur Ueberlegung geblieben war, eine Kirche besucht ; fie hatte einen festen Entschluß gefaßt.
AlS fie mit dem Kanzleirat allein in der Stube der Frau Banner saß — dieselbe hatte sich taktvoll zurückgezogen — gab LiSbeth eine offene, wenn auch kurze Erklärung ihrer Verhältnisse. Sie mochte nicht mehr in ein Hau» treten, ohne daß man wüßte, wer fie sei; fie mochte nicht ferner unter dem Drucke eines GeheimniffeS leiden, von dem fie stündlich fürsten mußte, daß e» entdeckt und ihr mit zur Schuld angerechnet würde.
AIS fie ihre Erzählung beendet hatte, fragte sie den Kanzleirat, ob er unter solchen Umständen noch auf feinem Vorschläge bestände; sie wagte nicht zu hoffen, daß seine Antwort günstig für sie auSfallen werde.
Freudig war fie daher überrascht, al» der Kanzleirat ohne Zaudern sein Gesuch wiederholte und ELfabeth bat, der veifioffenen Unglückstage nicht