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3- Parzeller in §nida.
Maer W Zeitung
wochenbeilage: „Illustrierte bonntagszeitung" Monatzbeilage: „Zuidaer Geschichtzbiatter".
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Druck und Verlag der 8uldaerActiendruckerei in Zulda (Harmonie) Zernsprecher Rr. 9.
3 ^. Jahrgang.
fulda, DLittwoch, den 5. August 1903.
§
i Zweites Blatt j
Reklamen- und Anzeigenteil
IaSSa Samrate, lOlBö Velvets Eite* *W direkten Private. Keussen, Krefeld.
anstierend. — „Nun, weil sie mir Unbehagen verursacht", erklärte der Gefragte. „Sie steckt hier, gerade unter dem obersten Knopfe meiner Weste, und ich fürchte, sie kann mir gefährlich werden."
„Ah, das meinen Sie. Unzweifelhaft lst es o," rief der Fremde eifrig. Ich wüßte nichts, was gefährlicher sein könnte. Wo sagten Sie,i daß die Fliege ist? An dieser Stelle? Hm, hm! Nun, es ist ein Glück, daß Sie mich getroffen haben. Ich bin selbst ein Arzt. Wenn ich Ihnen meinen Beistand anbieten darf . . . ?"
Der Patient fühlte, daß sein Zusammentreffen mit diesem gelehrten Manne für ihn von Bedeutung fei; er dankte ihm wärmstens und bezeichnete ihm aufs neue die Stelle feiner Weste, unter der die Fliege ihn kitzelte.
„Hm, ja," bemerkte der Arzt nachdenklich. „Die Fliege befindet sich an der nux vomica der centralen Partie Ihres pax vobiscum. Eben dort hält sie sich jetzt auf." — Würmler war entsetzt. — „Ist das gefährlich?" fragte er ängstlich. — „Ja, gewöhnlich nimmt es einen radikalen Ausgang, sonst ist es freilich nicht von Bedeutung." — „Sie scherzen," warf der Mann mit derFliege mit einem kränklichen Lächeln ein. — „Ich cherze nie in so ernsten Dingen, Herr," entgegnete der Arzt stirnrunzelnd. „Sie haben meine Hülfe in Anspruch genommen, und als ein Mann, welcher Geometrie und Kosmetik studiert hat und Doktor der Medizin ist, habe ich den Willen, Ihnen zu helfen. Ich will Sie nicht täuschen. Sie schweben in höchster Gefahr. Ich kannte einen Mann, der eine Fliege schluckte und es örichterweise so lange vernachlässigte, bis es zu späk war, die Fliege wieder herauszubringen. UndZwissen Sie, was geschah? Wenn die Fliege nicht an den Lebensmitteln knabberte, die der Mann zu sich nahm, flog sie <jn seinem Innern herum und machte einen solchen Rumor, daß er nicht schlafen konnte."
„Aber meine Fliege kann ja das nicht tun/, bemerkte Würmler mit einem Schimmer von Hoffnung. „Sie hat einen Flügel gebrochen, sie kann
ha! So wie das Fischen! Fliegen fischen, haben Sie noch nie etwas davon gehört? Ah, da sind wir schon. Warten Sie! Rühren Sie sich nicht, sonst können Sie ein Kind des Todes sein, bevor wir noch anfangen."
Der angebliche Arzt ließ den Todes-Kandidaten ganz verblüfft stehen, während er sich in einen Kaufmanns-Laden begab. Gleich darauf trat ein anderer Mann auf ihn zu.
„Lassen Sie sich mit diesem Menschen auf nichts ein," raunte er Würmler ins Ohr, „er ist nicht ganz gescheidt." — „Was ist er?" fragte der Angeredete. — „Verrückt, verrückt! Haben Sie es denn nicht bemerkt? Ich bin der Jrren- wächter, der ihn begleitet, damit er Niemanden Schaden zufügt" - „Ja, warum haben Sie mir denn das nicht gleich gesagt?" — „Ich habe Ihnen doch schon im Eisenbahnwaggon stets zugewinkt, aber Sie haben es nicht bemerkt. Er will nicht haben, daß ich es Jedem sage, daß er verrückt ist, das regt ihn auf. Aber sonst ist er ein gutmütiger Narr, der Niemanden etwas zu Leide tut. Uebrigens gehen Sie, bevor er zurückkommt, sonst läßt er sie nicht aus."
Und Würmler ging, so schnell ihn seine Füße tragen konnten. Waren es nun aber die aufregenden Erlebnisse dieses Vormittags, oder fing die Fliege wirklich schon an, eine zerstörende Wirkung auf den Organismus auszuüben; nachdem er eine Weile gelaufen, fühlte er sich so zerschmettert und erschöpft, daß er die Idee, ans Geschäft zu gehen, ganz aufgab und den nächsten Zug zur Heimfahrt benutzte. Seine Gattin war sehr überrascht, als sie auf sein Klingeln die Tür öffnete und ihn stehen sah. Er gab ihr anfangs auf ihr Fragen gar keine Antwort, eilte nur in das Zimmer, warf sich aufs Sopha und stieß
* „Was massen wir tun, nut gesund zu bleiben?" Unter die! er Ueberschrist hat das Weimarer Ministerium nachstehende 21 Regeln ausarbeiten und in sämtlichen Volksschulklassen des Großherzogtums aufhängen lassen: 1. Wir müssen unseren Körper, namentlich Gesicht, Hals und Brust, täglich waschen. 2. Wir müssen unsere Hände häufig waschen und die Nägel kurz und sauber halten. 3. Wir müssen unsere Zähne morgens und nach dem Essen mit einer Bürste reinigen. 4. Wir müssen unser Haar vormittags und nachmittags vor dem Schulbesuch kämmen. 5. Unsere Kleider müssen täglich von Hchmutz und Staub durch Klopfen und Bürsten gereinigt werden. 6. Unser Schuhwerk muß jeden Morgen gereinigt werden. 7. Wir müssen vor der Schultür den Schmutz abtreten. 8. Wir dürfen Papiere, Pflanzen, Speisereste, (auch Obst), nicht in die Klasse werfen. 9. Wir dürfen nicht auf den Fußboden spucken. 10 Wir müssen im warmen Zimmer Halstücher und Ueberkleider ablegen. 11. Durch die Fenster muß besonders in l en Zwischenpausen frische Luft in die Klasse gelassen werden. 12. Wir müssen die Pause womöglich im Freien zubringen. 13. Wir müssen die Frühstückszeit zum Verzehren des Frühstücks benutzen. 14. Wir müssen uns beim Gehen, Stehen und Sitzen gerade halten. 15. Wir müssen beim Sitzen beide Füße mit der ganzen Fläcke aufsetzen. 16. Wir müssen beim Lesen, Schreiben und Zeichnen den Oberkörper aufrichten. 17. Wir müssen groß und deutlich schreiben. 18. Wir dürfen uns beim Schreiben nicht selbst Schatten machen. 19. Wir müssen uns beim Arbeiten, besonders beim Lesen, Schreiben und Zeichnen, gegen grelles Sonnenlicht schützen. 20. Wir dürfen bei Dämmerlicht nicht lesen und schreiben. 21. Wir sollen eS dem Lehrer melden, wenn es an unserem Platze zu heiß oder zu kalt ist, wenn wir an unserem Platze nicht gut hören oder sehen können, wenn wir unS krank fühlen, wenn zu Hause eine ansteckende Krankheit ist.
* Ein eigentümliches Geschenk beabsichtigt die Stadtverwaltung von Buenos Aires der Stadt Rom zu machen, nämlich die Auspflasterung des großen Platzes vor dem Pantheon mit einer bestimmten Holzart, welche sich massenweise in den Wäldern Argen - tinienS vorfindet. Der Bürgermeister von Rom ist bereits davon benachrichtigt, daß die Behörde von Buenot Aires 424000 solch.r Holzblöcke erworben hat, welche demnächst nach Rom geschickt werden sollen. Auch tüchtige, mit diesen Arbeiten besonders vertrante Pflasterer werden dort erwartet, um die betreffenden Arbeiten auf Rechnung der Stadtverwaltung von Buenos Aires vorzunehmen. Eine Frage beschäftigt indes die Römer: Wird dieses Holzpflaster bei den fast alljährlich wiedeekehrenden Ueberschwemmungen des PantheonplatzeS auch standhalten? Bisher ist eine Holzpflasterung in Rom eine unbekannte Sache.
* Es gibt noch spekulative Köpfe. Die jüngste Schwester der Königin Draga hat von einem reichen serbischen Grundbesitzer einen größeren Betrag erhalten, um eine Vortragstournee über das serbische Königsdrama zu unternehmen. Die Bortragsrundreise soll in Berlin beginnen.
nur laufen. . . ."
„Und essen," fügte der Arzt gemessen bei. „Und das ist schlimm genug. Uebrigens kannte ich einen andern Mann, der auch eine Fliege schluckte und darüber so verzweifelt war, daß er das Rohr einer Feuerspritze in den Mund nahm, um das Tier hinabzuschwemmen. Es gelang ihm, meinen Sie? Jawohl, aber nun war es nur desto ärger. Die Fliege wurde von seinem Intellekt, sie assimilierte sich ihm in solcher Weise, daß sie seine ganze Natur affigierte und es schließlich schwer wurde, ihn zu hindern, sich kahlköpfigen Herren auf den Scheitel zu setzen."
Würmler sah etwas ungeduldig nach dem Doktor, doch dieser sprach anscheinend in vollem Ernste.
„Eines Sommernachmittags," fuhr er fort, „überfiel der Kranke einen Mann, der Fliegenpapier zum Verkauf ausbot, und mußte mit Gewalt von feinem Opfer entfernt werden. Also folgen Sie meinem Rate und treiben Sie die Fliege nicht weiter hinab."
„Ja, aber was soll ich tun? Ich kann sie doch nicht lassen, wo sie ist."
„Natürlich nicht, sie würde Sie töten, wenn Sie das tun. Sie müssen trachten, die Fliege heraufzubringen, das ist alles."
„Aber ich sage Ihnen, ich kann nicht. Wenn ich nur könnte!"
„Ah ja, Sie können es. Ich werde Ihnen zeigen, wie es fast gar nichts kostet."
„Ist keine Gefahr dabei?"
„Nicht im geringsten."
„Ich danke Ihnen sehr, mein bester Herr, für Ihre Güte, das ist recht freundlich von Ihnen, aber ich muß in mein Bureau."
„Es handelt sich um Leben und Tod. Uebrigens wird Sie es zehn Minuten aufhalten. Sie können aber tun, was Sie wollen. Wenn Sie vorziehen, zu sterben, so gehf mich das natürlich nichts an. O, nicht im Mindesten."
Herr Würmler war ganz außer sich. Der Herr Doktor schien ihm allerdings etwas sonderbar, und es wollte ihm nicht rechl einleuchten, daß ihm die Fliege Todesgefahr bringen könnte, allein, ganz unbesorgt war er nicht und dann schien es ihm undankbar, den Fremden, der ihm in so uneigennütziger Weise seine Hilfe angeboien, brüsk abzuweisen. Während er noch nachdachte, war der Zug am Bestimmungsorte angelangt, und beide verließen gleichzeitig den Wagen.
„Kommen Sie nur mit mir," sagte der Begleiter Würrnlers, „Sie sollen bald von allem liebel befreit sein. Ich gehe in den nächsten Kaufmannsladen und kaufe etwas Fliegenleim. Den binde ich an eine Schnur, und Sie schlucken ihn hinab bis zur Fliege. Diese bleibt daran kleben, und dann ziehen wir sie an der Schnur heraus. Ist das nicht interessant | Was? Ha,
Dis It'iego.
Humoreske von Hans Lustig.
Der ganze Hausstaat halte sich an diesem Morgen verschlafen; alles war zu spät aufgestanden, und Herr Würmler selbst kam als der letzte von allen, stolperte in die Küche, mit feiner Kravatte im Munde und eben im Begriffe, sich den Hemdkragen anzuknöpfen.
„Hat mich denn gar niemand aufwecken können?" rief er ärgerlich. „Geht die Uhr recht? Wo sind meine Schuhe?"
„Ich helfe der Wetti sie putzen," rief seine Gattin 1 vom Gange herein. Wir sind gleich fertig. Sei so gut und schenke Dir einstweilen den Kaffee selbst ein. Das Butterbrot, ist schon aufgestrichen!"
„Ich weiß, daß ich den Zug versäumen werde," jammerte Herr Würmler gar herzbewegt. „Macht ein Ende mit der Putzerei. Es ist nicht nötig, die Schuhe zu polieren."
Und während er mit der einen Hand seinen Kaffee in die Tasse goß, stopfte er mit der anderen ein Butt erb rod in das Gehege seiner Zähne.
„Bringt schon endlich einmal die Stiefel, wenn sie auch noch schmutzig sind!" rief er dann mit vollem Munde. „Ich muß gehen. Ich kann nicht länger warten."
Der Kaffee war brennend heiß. Um ihn abzukühlen, goß ihn Würmler in die Untertaste und gurgelte ihn so hinab. Eben stellte er die Untertasse auf den Tisch, als seine Gattin mit den Stiefeln in der Hand eintrat.
„Hier sind Deine Stiefel!" rief sie und fügte ersckrocken bei: „Was, Du hast den Kaffee aus der Untertaffe getrunken? Es war mir ein solches Insekt in den Milchtopf gefallen, und ich zog es mit einem Holzspahn heraus und gab es aus die Untertasse, weil ich glaubte . . . Aber ich sehe die Fliege nicht mehr. Wo ist sie? Hast Du sie nicht bemerkt? Sie kann nicht weg- geflogen sein, da sie einen Flügel gebrochen hatte . .
„Ich werde sie wohl verschluckt haben. So wird es sein", entgegnete der Herr des Hauses, während er mit großer Wildheit feine Stiefel anzog. „Ich bin nahezu daran erstickt", fügte er bei. „Ich habe das Tier für eine Kaffeebohne gehalten. Das ist eine schöne Geschichte. Hat die Fliege noch gelebt?"
„Jawohl. Sie ist immer rund um die Untertqsse herumspaziert."
„Aha!" tief Würmler. „Das ist es also, was ich spüre. Sie geht jetzt in mir rund herum spazieren, ich fühle es genau."
Würmler war ein äußerst nervöser Mensch, ein Hypochonder, der stets befürchtete, krank zu fein, und die Sache machte auf ihn ersichtlichen Eindruck. Er schlug mit der Faust auf die Hemdbrust und fing fürchterlich zu husten an, doch konnte er der Untersuchung dieser peinlichen Angelegenheit keine längere Zeit widmen und hatte nicht eher Gelegenheit, darüber weiter nachzudenken, als bis er in vollster Eile zur Station geeilt war und schwitzend im Kupee des Zuges saß. Nun konnte er es sich aber nicht versagen, der Sache einige Aufmerksamkeit zu schenken und darüber zu philosophieren, welches Unheil die Fliege in seinem Innern anrichten könne. Er fühlte das Insekt noch immer im Haffe, und das verursachte ihm große Angst. Er glaubte’ es genau zu spüren, daß das Tier in seiner Speiseröhre sitze und sich mit den Füßen den Kopf putze. Er machte sich die Kehle trocken mit den Versuchen, die Fliege auszuhusten, und geriet dabei in immer größere Aufregung, sodaß er endlich zu dem Schluffe kam, es würde ihm einigen Trost gewähren. Jemandes Rat in der Sache zu hören. In dieser Absicht wendete er sich an einen Herrn, der ihm gegenüber saß und ihn schon lange neugierig betrachtet hatte.
H „Ich habe . . . ich habe eine Fliege geschluckt, mein Herr", wendete er sich vertrauensvoll an den Fremden.
„Nun, was weiter? Das ist nichts!" entgegnete der Angeredete mit einer wegwerfenden Bewegung. „Der Bruder meiner Frau pflegte Champagnerpfropfen zu schlucken. Er tat das für fein Leben gern, aber es war sein Tod." „Ich glaube, Sie verstehen mich nicht, bester Herr", stammelte Würmler. „Ich habe die Fliege nicht absichtlich, sondern unversehens geschluckt. Jetzt geht sie nicht hinunter, ich kann sie aber auch nicht heraus bringen."
„Warum wollen Sie sie denn herausbringen ?" fragte der Fremde, ihn mit eigentümlichen Blicken
herzbrechende Seufzer aus.
„Ja, um Gotteswillen, Mann, was ist Dir denn?" rief Frau Würmler händeringend aus. — „Lasse schnell einen Arzt holen!" rief er. „So schnell als möglich!"
Sein Verlangen wurde erfüllt, die Magd lief nach einem Arzte. Die Frau wurde inzwischen des Fragens nicht müde.
„Ja, was ist denn eigentlich geschehen?" rief sie. „Hat es etwa einen Eisenbahn-Zusammenstoß gegeben? Oder bist Du von einem tollen Hunde gebissen worden?" — „Das alles nicht", stöhnte er, „es ist die Fliege, Du weißt ja. Ich — kann — kaum — atmen." — „Die Fliege? Was denn für eine Fliege?" — „Gott, wie Du vergeßlich bist! Die Fliege, welche Du in die Untertasse gegeben, und die ich mit dem Kaffee hinabgeschluckt habe." — „Aber Du hast sie ja gar nicht geschluckt." Er sah sie ungläubig an, doch sie fuhr fort: „Ich fand die Fliege auf dem Tische, wo sie umherspazierte, als Du bereits fort warst." —- Er schüttelte ungläubig den Kopf. - „Aber wenn ich es Dir versichere", sagte bestimmten Tones die Frau. „Dieselbe Fliege, die ich meinte, mit dem abgebrochenen Flügel. Sie war noch ganz naß von der Milch, in die sie gefallen. Und Du hast Dich die ganze Zeit über ohne Grund geängstigt und abgezappelt. O, diese Männer! Doch — da ist der Doktor." _ .
Der Arzt trat ein und fragte, wo der Patient fei. Würmler fühlte keine Lust, ihm die Fliegen- Geschichte zu erzählen, und fugte, es habe ihn nur ein vorübergehendes Unwohlsein befallen, und er fühle nichts mehr davon. Der Arzt ließ sich dadurch jedoch nicht abhalten, ihm eine Medizin zu verschreiben, die er dreimal des Tages, und Pillen, die er vor dem Schlafengehen nehmen sollte. — Der gute Würmler ist seither ganz gesund, nur von Fliegen will er nichts mehr hören.
• Vo« einem bedauerlichen „^Erfolg " sozialdemokratischer Agitation weiß der soeben erschienene Jahresbericht der Handelskammer zu Lüdenscheid zu berichten. Die Kammer hatte zur Förderung des Sparsinns unter dem Heranwachsenden Arbeiterstande im Jahre 1882 eine Schulsparkasse für die Schüler der damals in Lüdenscheid bestehenden Fabrikschule gegründet, die sie dann vier Jahre später zu einer Sparkasse für jugendliche Fabrikarbeiter erweiterte. Schon im Jahre 1889 zählte die Kasse 1320 Sparer, fast ausschließlich im Alter von 12 bis 18 Jahren; aus 49 Fabriken der Stadt Lüdenscheid wurden ihr regelmäßig alle vierzehn Tage unmittelbar nach den Auslöhnungen namhafte Spareinlagen zugeführt, die sich am 1. April 1900 auf 31,627 M'. beliefen. Diese Einrichtung ermöglichte zahlreichen Arbeiterinnen bei ihrer Verheiratung die Beschaffung eines Teiles ihrer Aussteuer; nach den Kassenbüchern ließen sich im Jahre 1893 23 Sparer, die ihrer Militärpflicht genügten, regelmäßig monatlich 5 bis 10 Mk. von ihrem Sparguthaben durch den Rendanten der Kaffe zuschicken. Allein trotz dieses Aufblühens der Kaffe in den ersten Jahren ihres Bestehens Hai sich der allmähliche Verfall nicht aufhalten lassen; heute ist die Zahl der Sparer auf 164, die
Sparjumme auf 16,107 Mk. zusammengeschmolzen. De* Rückgang der Kasse ist, wie der Bericht hervorhebt, hauptsächlich auf eine Agitation zurückzuführen, welche die von dem Kassenvorstande getroffenen Einrichtungen, namentlich bezüglich der Rückzahlung der Einlagen, als einen „unberechtigten Eingriff in das Selbftbestim- mungsrecht des Arbeiters über sein Eigentum" und eine „unwürdige Bevormundung des Arbeiters" bezeichnete.
* Born Ausbruch des Vesuvs wird dem ,Berl Tagebl/ aus Neapel geschrieben: Der Anblick des Berges ist besonders zur Nachtzeit, auch von Neapel aus gesehen, sehr eigenartig. Bon allen Seiten eilen die Fremden herbei, um sich die Gelegenheit eines so prächtigen Schauspiels nicht entgehen zu lassen. Prof. Matteneei, Direktor des Vesuvobservaloriums, der sofort beim ersten Ausbruch sich zum Hauptkrater begeben hat, schreibt über diesen Ausflug: „Auf der Kraterhöhe etwas nach Mitternacht angekommen, bemerkte ich, daß den Explosionen stets ein donnerähnliches Getöse vorausging, gleich einem sehr schnellen, fernen Trommelwirbel. Die Explosionen kamen aus einer zahllosen Menge von Feuerschlünden auf dem Grunde des Kraters, die fortwährend ihre Stelle wechselten. Der Kratergrund erschien fast eben und bedeutend erhöht. Eine der drei vor einigen Tagen von mir beobachteten Oeffnungen auf dem Grunde des Kraters, und zwar diejenige nach der Seite von Pompeji zu, hat sich seitwärts durch den Kraterkegel durchgesreffen und hat außen eine solche Menge von feurigem Material angehäuft, um daraus einen neuen Kegel zu bilden, der auch von Neapel aus als ein kleiner Vorsprung auf dem äußeren Profil des Kraters sichtbar ist. Um die fließende Lava zu sehen, mußte ich, um den Krater herum, ein äußerst schwieriges Terrain, und über den Kraterrand bis zu jenem kleinen neuen Kegel gehen. Dieser zeigte zwei glühende Oeffnungen, eine auf der Spitze, aus der er glühende Massen schleuderte, und eine zur Seite, aus der feurige Lava in mehreren Bächen floß, die sich aber in der Vertiefung um den Krater ansammelte, ohne den Rand derselben zu über« fchreiten. Die Situation ist ähnlich derjenigen kurz vor dem großen Ausbruch 1872, mit dem Unterschiede, daß diesmal die ersten Symptome auf der entgegengesetzten Seite sich einstellten. Falls die Tätigkeit des Berges in der bisherigen Weise fortbauert, ist die Möglichkeit vorhanden, daß die Lava ihren gegenwärtigen Wall überschreitet und vom Krater herabströmt, ähnlich wie 1885-1886/'