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Olonatsteilage: „Zulban Geschichtsblätter".

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Druck unb Verlag bei ßrrlbaerLctienbruckcrei in Kulba (Harmonie). Lernsprecher Nr. 9.

172.

fUlda, Freitag, den 31. Juli 1903.

30. Jahrgang.

erfolgt. Man glaubt, daß die früh-r aufge­stellten Verluste die Höhe von 1 Million Mark zur Auszahlung kommen. Der nähere Bericht und die amtliche Anzeige sollen demnächst er­folgen.

** Die Hilfsaktion für die Hochwasfer- gebiete. Am Mittwoch konstituierten sich unter dem Vorsitz des Staatssekretärs des Innern, Grafen Posadowsky, etwa 80 Herren aus Berlin und Umgegend als Reichshilfskomitee zu gunsten der durch die Hochwasserkatastrophen Ge­schädigten. Der Kronprinz hat das Protekto­rat über die Tätigkeit des Komitees übernommen. Es sind sofort 35,000 Mk nach Schlesien, 10,000 Mk. nach Posen und 5000 Mk. an die Provinz Brandenburg überwiesen worden. Der Aufruf, den das Komitee erlassen hat, lautet folgendermaßen: „Unter dem höchsten Protektorat Sr. königl. Hoheit des Kronprinzen des deutschen Reiches und Kronprinzen von Preußen hat sich ein Hilfskomitee zu gunsten der durch Hochwasser Geschädigten gebildet. Unter weite Gebiete un seres Vaterlandes ist schweres Unheil gekommen. Gewaltige Hochwasser haben in unserem Vater lande, besonders in den Provinzen Schlesien und Posen, der Bevölkerung Schrecken und Not ge­bracht. Zahlreiche Familien sehen den Erfolg ihres Fleißes verloren, die Ernte ist an vielen Orten völlig vernichtet. Die Aecker sind ver­schlammt und verwüstet, die Häuser zerstört, das ganze wirtschaftliche Leben in den überfluteten Gegenden ist ins Stocken geraten. Mit schweren Sor­gen sehen Tausende in die Zukunft. Schnelle Hilfe tut not. Die Staatsregierung hat bereits erhebliche Mittel zur Verfügung gestellt, um den drccheitdeu unglücklichen Folgen der Überschwemmung, vor allem dem Ausbruch von Seuchen zu begegnen und die zerstörten öffentlichen Anlagen wieder herzustellen. Große, umfaffenoe Aufgaben bleiben aber der privaten Wohltätigkeit Die Kräfte der durch das Unglück der Hochwafferflut be­troffenen Provinzen reichen dazu nicht hin. Die Unterzeichneten rufen daher die Deutschen aus allen Gauen unseres Vaterlandes und im Aus lande auf, schnell und reichlich zu helfen. Im engen Zusammenschluß mit den Provinzial komitees in den geschädigten Provinzen werden wir Sorge t agen, daß die uns anvertrauten Gaben sachgemäße Verwendung finden." Der Aufruf ist von Angehörigen aller bürgerlichen Parteien, von hervorragenden Mitglieder aller Stände und Berufsklassen unterzeichnet, und es steht zu hoffen, daß er feine Wir­kung nicht verfehlen wird. — An den Kron­prinzen wurde seitens des Komitees ein Dank­telegramm gesandt.

§§ Dem verstorbenen Reichstagsab­geordneten Röficke widmet Prof. Dr. Francke in der ,Soz. Praxis' einen warmen Nachruf. Rösicke sei einer der besten aus den Reihen der Kämpfer für die Sozialreform, für die friedliche Entwickelung und die Versöhnung der Klassen­gegensätze und für die wirtschaftliche und geistige Hebung des Arbeiterstandes gewesen.

—* Dem bei den letzten ReichS^agswahlen

für den Wahlkreis Kattowitz- Zabrze gewählten Abg. Korfaoty war bekanntlich seitens der Geistlichkeit der Breslauer Diözese die kirch­liche Trauung mit seiner Braut versagt worden, da Korfanly heftige Angriffe gegen den katholischen Klerus in Schlesien gerichtet hatte. Die Krakauer Geistlichkeit, an welche sich Kor- fanty zwecks kirchlicher Trauung wandte, stellte, nach einer Blättermeldung, die Bedingung, daß die Braut mindestens sechs Wochen im Pfarr­sprengel ansässig gewesen sei. Da diese Voraus­setzung erfüllt werden soll, findet Korfanty's Trauung Milte August in Krackau statt.

** Z« der geplanten Verbindung des national-sozialen Vereins mit der Frei­sinnigen Vereinigung schreibt die ,Nät. Ztg.' in ähnlichem Sinne, wie wir dies getan, daß dieselbe ein Ereignis von geringer politischer Be­deutung sei, weil die National-Sozialen nume­risch immer so schwach waren, daß man sie kaum erwähnenswert finden konnte. „Die National- Sozialen schmeicheln sich, daß sie in der Fraktion der freisinnigen Vereinigung nach Art eines Sauerteigs" wirken und jene Fraktion für ihre hochgesteigerte Sozialpolitik gewinnen werden. Es muß dahingestellt bleiben, ob diese Hoffnungen Naumanns wirklich in Erfüllung gehen. Jeden­falls wird die freisinnige Vereinigung über den Anschluß der, National-Sozialen Befriedigung empfinden. Sie hat einen Gewinn erzielt, wenn auch einen Gewinn moralischer Natur, einen von ganz geringer materieller Substanz. Immerhin mag die Freisinnige Verein gung in dem Beitritt so begabter Männer wie Naumann unb Sohn einen partiellen Ausgleich für die Verluste er­blicken, welche der Wahlkampf ihr geschlagen hat. Der ganze Verschmelzungsvorgang lehrt, daß die Wahlerfolge der Sozialdemokr tie die Wirkung zeitigen, daß innerhalb der bürgerlichen Parteien vielfach nach veränderter Stellungnahme gegen­über den sozialpolitischen Problemen unserer Zeit gestrebt wird. Es geht eben nicht mehr mit den ganz einfachen Rezepten, nicht mehr allein mit dem laisser aller, laisser fair», und womöglich noch weniger allein mit der Zurückweisung um­stürzlerischer Bestrebungen."

** Ueber die Nenkonftitniernng des Vor­standes der badischen konservativen Partei bringt die ,Kreuzztg.' eine Zuschrift, aus der wir folgende Stelle entnehmen: „Unsere beiden Vor­sitzenden haben eine schwere Aufgabe übernommen, weil die Parteiverhältnisse etwas verwirrt sind. Das Gros der Partei, insbesondere die Mehrzahl der evangelischen Pfarrer, arbeiten hauptsächlich „gegen Rom", die anderen erblicken darin einen schweren Fehler, insofern und weil dieser Kampf weit über die Abwehr gegen etwaige Uebergrtffe von katholischer Seite hinausgeht. Man will zwar von jener Seite auch der christlichen Welt­anschauung zum Siege verhelfen, man glaubt aber, es damit tun zu können, daß man die ein­zigen Bundesgenossen (die katholischen Mitchristen) schroff vor den Kopf stößt und den Liberalismus (den Feind der christlichen Weltanschauung) unter­stützt." Genau so wie bei uns.

[!] Papst Leo XIII wird in der.Sozialen Praxis' wegen seiner großen sozialpolitischen Verdienste ein warmer Nachruf gewidmet, in öem besonders der Encyklcka,Rerum novarum“ gedacht wird und es dann weiter heißt: „Oft hören wir aus evangelischem Munde nut tiefer Sehnsucht das Bekenntnis, wie viel tiefer, inniger die Beteiligung oer katholischen Kirche an den ernsten Problemen des Sozialismus und der Sozialpolitik ist, als in den protestantischen. Daß dies so ist, muß man als ein unvergäng­liches Verdienst des verstorbenen Papstes be­trachten, dessen obengenannte Encyklika für immer ein Monument tiefen Verständnisses und weiser Fürsorge für die Gebrechen der Zeit bleibt."

* Gegen den 8 Uhr-Ladenschlutz. Der neu gegründete Verein der Geschäftsinhaber aller Branchen zur Abwehr dieses Ladenschluffes hat am Mittwoch in Berlin feine erste Versammlung abgebalten, die indessen nur eine geringe Be- leWWmg aufwies. Die anwesenden Handlungs­gehilfen wurden aufgefordert, die Versammlung zu verlassen. Die Versammlung sprach sich natürlich gegen einen früheren Ladenschluß aus. Die vom Verein in Umlauf gesetzten Listen gegen den 8 Uhr-Ladenschluß sind bereits von 1200 Geschäftsinhabern urterzeichnet worden. Seitens der Handlungsgehilfen werden Protestversamm­lungen gegen diese Art von Agitation vor­bereitet.

§ Ueber ein angebliches Interview mit dem russischen Finanzminister Witte ver­sendet eine Berliner Korrespondenz an deutsche Blätter einen Bericht, nach welchem den Ministern einem Mitarbeiter der Pariser,Patrie' gewisse Aeußerungen über die Bagdadbahn gemacht haben soll. Hierzu wird der ,Nat. Ztg.' von unterrichteter Seite mitgeteilt, daß Herr Witte jenen Mitarbeiter zwar empfangen, aber die ihm zugeschriebenen Aeußerungen nicht getan habe. Ersichtlich habe ihn der Interviewer, als des Gegenstandes nicht mächtig, nicht verstanden und deshalb feiner Phantasie die Zügel schießen lassen.

*»* Berlin, 30. Juli 1903. Der Kaiser hat den Grafen v. Turin zu den Mitte August statt­findenden Kavalleriemanövern bei Altengraborv, ferner den Herzog von Aosta und den Generalinspektor Rogier zu dem Mitte September stattfindenden Kaisermanöver bei Erfurt und Merseburg eingeladen. Die Ein­ladungen wurden angenommen. — Der Kaiser hat ge­nehmigt, daß der Kronprinz das Protektorat über das Komitee zum Besten der schlesischen Ueberschwrmmten übernimmt. Der Aufenthalt des Kaisers in Dronthei« währt voraussichtlich bis Montag früh. — Die in der Presse verbreiteten Nachrichten über augenblickliche Reisepläne der Kaiserin entbehren, nach der .Nordd. Rllg. Ztg.', jeder Begründung. — Tas groß­herzog liche Paar von Sachsen-Weimar wird End? August dem Kaiser und der Kaiserin seinen offi­ziellen Besuch abstatten. — Dem Generalkonsul der Republik Nicaragua, Otto Schiffmann, in Berlin ist, wie der.Reichsanzeiger' meldet, namens des Reiches das Exequatur erteilt worden.

Ausland.

* Paris, 30. Juli 1903. Pater Lebon vom Orden derMarianisten wurde verhaftet.

L Deutsches Reicf)

Berlin, den 30. Juli 1903.

** Zur Papstwahl. Die,Nordd. Allgem. Ztg.' schreibt: „Der Pariser ,Figaro' kommt in seiner heute hier eingegangenen Nummer auf die Behauptung zurück, daß der deutsche Kaiser seinen ganzen Einfluß aufwende, um einem ihm geneh­men Kardinal bei der Papstwahl zum Siege zü verhelfen. Auch der ,Figaro' sollte doch wissen, daß eine Unwahrheit dadurch noch nicht in eine Wahrheit umgewandelt wird, daß man sie wieder­holt. Nicht für den,Figaro', der aus naheliegen­den Gründen in dieser Frage unbelehrbar ist, son­dern für solche Kreise, die sich durch die Aus­streuungen des Pariser Organs möglicherweise irreführen kaffen könnten, sei hiermit nochmals festgestellt, daß von keiner deutschen Stelle Ein­flüsse zu gunsten oder zu ungunften irgend eines Kardinals anfgeboten werden."

** Der Kaiser hat der Familie des ver­storbenen bayerischen Generalleut­nants Reinhold Freiherr« Fuchs von Bimbach und Dornheim, Präses der Ar- ttllerie-Prüfungskommission von Mo (Norwegen) aus ein langes Beileidstelegramm gesandt. Dieses schließt mit den Worten: „Der Tod hat hier ein reich gesegnetes, arbeitsvolles Leben ab­geschlossen, dessen Inhalt unermüdliche Tätigkeit für die Entwickelung der deutschen Artillerie war Mit warmem Herzen und mit nie ermüdender geistiger Kraft hat der Verewigte seine reiche Begabung, sein ganzes Wissen und Können in den Dienst der von ihm so geliebten Waffe ge­stellt, die ihm in hohem Maße ihre zeitgemäße Vervollkommnung verdankt. Sein Andenken wird in der Geschichte der Artillerieprüfungs­kommission fortleben." Der Kriegsminister, in Vertretung Generalleutnant von Einem, widmet dem Entschlafenen einen in warmen Worten gehaltenen Nachruf, in welchem er besonders die unermüdliche Tätigkeit und außerordentliche Kenntnis auf dem ihm zugewiesenen Arveits gebiete hervorhebt, und dann fortfährt: „Sein Tod bedeutet einen schweren Vermst für die Armee, in der seine erfolgreiche Arbeit un­vergessen bleiben wird. Alle aber, die ihm dienstlich und persönlich näher traten, feinen ritter­lichen Sinn und feine gewinnende Leutseligkeit erfahren durften, werden ihm in dankbaren Herzen ein treues Andenken bewahren" — Der Ver­storbene ist am Donnerstag nachmittag von seiner Wohnung, Lietzenburgerstraße 14, aus unter Be­teiligung der katholischen Geistlichen und zahl­reicher Vertreter des Militärs zum Anhalter Bahnhof geleitet worden, wo seine Ueberführung nach Bayern stattfand.

[:] In der samoanischen Entscheidungs­frage ist, wie der ,Schtes. Ztg.' aus Berlin gemeldet wird, über die Höhe der zu zahlenden Entschädigungen nunmehr eine Verständigung

Fügungen.

Erzählung von A. Uh dolph.

32 ------ (Nachdruck verboten.)

Mit seiner Schwester wollte er darüber nicht sprechen; aber noch heute, so nahm er sich vor, mußte chm Eggenberg alles erklären. Gewaltsam raffte er sich aus dumpfem Brüten auf.

»Ich muß zum Feste; niemand soll ahnen, was tn mir vorgeht. Tor, der ich bin, mich wegen der ®royt ehttd andern zu quälen w d z t martern."

Mit diesen Gedanken hatte er sein Zimmer ver- m Cn *am gerade zurecht, um noch die letzten äBDtte Ralbow's zu hören. Sie waren nur allzu ge- eignet, Lisbeth'« Ruf vor ihm zu verdächtigen.

Ralbow war in den Augen der Welt ein tadel- (ofer Charakter, ein begabter, strebsamer Beamter mit ausgezeichneten Aussichten für die Zukunft; nicht ebenfo viel galt er bei dem streng moi alischen Manfred.

kam . Ralbow zu der Bekanntschaft mit Lisbeth? Unbedingt war er durch die Franc Frieda s in Verl> genheit gesetzt worden; er hatte etwas zu verheimlichen und Lisbeth stand in Beziehung dazu.

Auch Eggenberg hatte, als er v n Namen Lisbeth's vernahm, unwillkürlich fern Spiel zum rartesten Pianissimo gedämpft, und so war seinem scharfen Gehör nichts von dem Gespräch entgangen.

Em greller Akkord, der die sanft dahin fließenden Melodi n unterbrach, lenkte die Aufmerksamkeit auf den Baron, der nun mit Meisterschaft die a-ffckei- nenbe Disharmonie in einen fräftigen, trotz g üder- müttgen Schlußsatz auflcfle. Ein lautes B^avo belohnte ihn.

„Eine herrlich? Komposition. Was war es, das Sie spielten?"

„Bilder aus dem L-ben," antwortete Egge'berg mit ementümlich wehmütigem Lächeln, „aber leider

von einem in der musikalischen Welt ganz unbekannten Komponisten."

„Jedenfalls steht ihm eine glänzende Lausbahn bevor," bemerkte die Präsidentin, nur um etwas zu sagen, da sie dem Spiele Eggenbergs nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

„Er müßte nur immer solch augezeichnete Inter­preten finden, wie den Herrn Baron," mischte sich Lidwina in das Gespräch.

Lidwina hatte gleich ihrer Mutter im an­stoßenden Salon nickt etwa seinem Spiel zugehört, — nein — dazu hatte sie weder Jntereffe genug, noch Muße, aber doch genug von seinem Spiele ge­hört, um darauf einen Plan zu bauen, der ihr zur Erfüllung eines brennenden Wunsches äußerst wirkungsvoll erschien.

Bis jetzt war es ihr durch nichts gelungen, den Baron an sich zu fesseln; er war zu ihr, wie zu allen Damen, höflich und artig; sie wünschte mehr. Sie hatte sich die größte Mühe gegeben, ein Thema zu finden, das ihn genügend interessierte, um ihrer Unter­haltung einen vertrauten Charakter zu verleihen; alles vergeblich.

Mit welcher Kunst ne auch die Gelegenheit her- fiihrte, ihn von der übrigen Gesellschaft zu isolieren: er hatte stets durch seine Unbefangenheit ihre Ab fichten durchkreuzt oder war ihrem größeren Drängen mit der geschmeidigen Glätte eines erfahrenen Welt­mannes entschlüpft.

Jetzt schien ihr ein günstiger Augenblick ge­kommen. „Eggenberg," so urteilte sie ganz richtig, „ist ein musikalisches Genie; jetzt gilt es nur, ebenso für Frau Musika zu schwärmen, wie er; dem kann er nicht widerstehen, und mir soll e» nicht schwer werden. Musik ist das Feld, auf dem sich unsere Herzen treffen sollen. Die gemeinsame Syu pathic zw ier Seelen für einen Gegenstand schlingt un bemerkt ein Band um dieselben "

Weit über Mitternacht hinaus bis gegen Morgen batte das Fest im Hanse des Präsidenten gedauert. Eggenberg hatte sich bis zuletzt in liebenswürdiger,

aufopferungsvollster Weife der Unterhaltung der ge larenen Gäste gewidmet, zum nickt geringen ■••erger Lidwinas, deren begeisterter Musikenthusiasmus bei ihm eine sehr kühle Ausnahme gefunden hatte.

Für heute war es zu ipät. Manfred konnte nicht mehr wagen, seinen Plan auszuführen und seinen Freund um eine Erklärung zu bitten. Der Baron schien sehr ermüdet. Nach kurzem „Gute Nacht" hatte er sich sofort auf fein Zimmer zurückgezogen.

10 Kapitel. Verkannt.

Ueber dem unschuldigen Haupte der nichts ahnenden Elisabeth zogen sich schwere Wolken zusammen. Die Präsidentin batte mit ’fcren beiden ältesten Töchtern eine lan.e Unterredung. Der Gegenstand derselben war Elisabeth

Ralbow's Worte waren nicht ohne Eindruck vor- üb.rgegangen. Man brachte gesch'ck das plötzliche Unwohlfein der Gesellschafterin damit in Verbindung.

Versckiedene Vermutungen rouiben ausgestellt, die alle sehr zu Ungunften Elisabeth'S ausfielen.

Man kam einstimmig zu dem Entschluss?, sie mög­lichst bald aus dem Hause du -ntsernen, beionderS, da nach der scharfen Beobachtungsgabe Lidwinas's sehr zu befürchten stand, daß diese „zweideutige" Person durch ihre Scheinheiligkeit Manfred gefährlich werden konnte.

Selbst einem harmloseren Auge, als dem Lidwina's wäre die auffallende Veränderung nicht entgangen, die sich an Manfred vollzogen hatte

Seltsamerweise äußerte sie sich feit dem Geburts- fefte in häufigem Trübsinn und höchst übler Laune, Ergenschaslen, die seinem offenen, heiteren Naturell bis jetzt ganz fremd waren.

Mit 'ieskn Anfällen von Schwermut wechselten Augenb? cke erzwungen-r, ubermäfjtger Ausgelassenheit.

Er benutzte jede Gelegenbeit, mit Lisbeth zusammen- zutrrffen, und dann verwandte er fe n Auge von ihr. In ihrer Gesellschaft war es, als wenn die frühere, icköne Gleichmäßigkeit Per Stimmung wieder über ihn käme.

Elisabeth hatte offenbar keine Ahnung davon, wenn sie auch bei sich manchmal ein Befremden über die- wenig schickliche Anstarren, toi. sie es in ihrem Innern nannte, nicht unterdrücken konnte. Sie st-llle es jedoch auf Rechnung der Freiheit, welche man sich einer „bezahlten" Person gegenüber ohne Skrupel gestattet.

Ueb igens hatte sie auch andere schwere Sorgen, tieferen Kummer, um viel an das zu denken, was sie persönlick anging.

Sie traf nicht oft mit ihrem Bruder zusammen: aber >eoe Unterredung mifftjm zeigte ihr immer deut­licher seinen tiefen sittlichen Fall.

Am Geburtsfeste des Präsidenten hatte sie, feinen Bitten nach ebend, ihm heimlich eine Zusammenkunft im Parillon bewilligt. .

Er befand sich in großer Geldverlegenheit, und bat sie, sich ihr Gehalt im voraus bezahlen zu lassen und ihm zu leihen. Sie hatte es nicht vermocht, ihm sem Begehren abzuschlagen; aber es war ihr, als sollte sie an den Worten ersticken, welche sie in dieser An­gelegenheit an Frieda richtete.

Sie hatte nicht gewagt, sich direkt an bie Präsi­dentin zu wenden.

Sie wurde abwechselnd blaß und rot, als sie, von Frau v. Breien in deren Zimmer gerufen, mit kalter Protektormiene gefragt wurde, wozu sie das Geld so dringend benötige

Sie stammelte verwirrt etwas von unvorher­gesehenen Ausgaben und bemerkte in ihrer Ver­legenheit glücklicherweise nicht, mit welch bedenklichem Kopsschütteln die Präsidentin ihre Erklärung ausnahm.

Sie war froh, daß sie noch am nämlichen Tage gegen Abend ihrem Bruder das gewünschte Geld über» dringen konnte.

Noch ohne Kenntnis des menschlichen Herzens, ging sie von der Ansicht aus, daß sie ihren Bruder nur durch Siebe beeinflussen und retten könnte und daß sie ihm deshalb, so lange es ihr nur möglich wäre, jedes Verlangen erfüllen wüßte, um ihn nicht zu reizen und gegen sie aufzubringen. Sie fürchtete nichts mehr, als eine gänzliche Trennung von ihm.