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M 162.

fUlda, Montag, den 20. Juli 1903.

30. Jahrgang.

Die Urankheit öes hl. Vaters.

Der stationäre Zustand im Befinden des hl. Balers hat leider nicht angehallen, vielmehr ist nach den übereinstimmenden Zeitungsnachrichten seit Samstag abend eine ernste Ver­schlimmerung eingetreten. Es besteht nun wohl kein Zweifel mehr, daß der Tod Leo XIII. in kürzester Frist zu erwarten ist. Wie sehnlichst wünschen und hoffen die Katholiken des Erd­kreises, daß das teuere Leben des Oberhauptes nnserer heiligen Kirche erhalten bliebe! Der ernste und bedenkliche Zustand des Papstes läßt indes nach menschlichem Ermessen jetzt keinerlei Hoffnung mehr zu. In ergebungsvollem Schmerze müssen wir uns in das Unvermeidliche fügen. Möge Gott den Vater der Christenheit stärken!

B. Rom, 17. Juli 1903. Ich bemerkte bereits, daß die sich immer widersprechenden Nachrichten vom Krankenlager des hl. Vaters bei allen Römern eine große Abspannung heroor- gerufen haben. Dieselbe hat nunmehr einer großen Nervosität Platz gemacht. Die Nach- richr, daß Leo XIII. im Sterben liege sowie diejenige, daß er einige Stunden, später Gedichte geschrieben und die neuesten Zeitungen gelesen habe, werden nun nachgerade mit den gleichen ungläubigen Gefühlen ausgenommen. Schon zu drei wiederholten Malen hielt man den hl. Vater für gestorben. Bald darauf hörte man, daß Leo XIII. behaglich im Lehnstuhl gesessen und mir dem Kardinal Rampolla über kirchliche An­gelegenheiten verhandel! habe. Im römischen Volke haben sich bereits die merkwürdigsten und eigenartigsten Legenden dieserhalb gebildet. So erzählte man sich, der hl. Vater sei überhaupt gar nicht krank. „Man" hätte die Krankheit nur vorgegeben, um die Reise des Königs von Italien «ach Paris und den etwaigen Besuch des Prä­sidenten Loubet am hiesigen königlichen Hofe zu verhindern. Dann hieß es wiederum. Seine Heilig­keit sei bereits tot, doch „Kardinal Rampolla" verheimlichte aus irgendwelchen Gründen den Dod. Und solcher Blödsinn wird von vielen, vielen wirklich geglaubt. Allgemein nahm man aber an, daß der hl. Vater den gestrigen Fest­tag der „Madonna del Carmine", welcher hier großartig gefeiert wird, nicht erleben werde und zwar wegen einer von ihm selbst gemachten dies­bezüglichen Aeußerung. Groß war daher das Erstaunen der Römer, als sie erfuhren, daß Leo XIII. heute früh wieder sich neugekräftigt fühle. Und so geht es nun schon seit zwei vollen Wochen: Die drei Aerzte im Vatikan scheinen ebenfalls nicht mehr zu wissen, was sie in ihren Bulletins schreiben sollen, denn der Zustand des hl. Vaters scheint fast ein übernatürlicher zu sein.

* Rom, 18. Juli 1903. Als die Aerzte heute früh den Papst besuchten, war das Zimmer verdunkelt, um dem hohen Kranken mehr Ruhe zu verschaffen, und der Papst schlief. Die Aerzte weckten ihn vor­sichtig, um die Flüsstgkeitsbildungen in der Brust zu untersuchen. Sie stellten fest, daß die leichte Befferung ÄeS Befindens seit gestern abend unverändert an­dauert; doch ist die allgemeine Schwäche groß. Die Nierenfunktion hat etwas zugenommen. Dr. Lapponi verließ den Vatikan um 10 Uhr und be­gab sich nach Hause. Er erklärte, die Krankheit des

Zügungen.

Erzählung von A. Uhdolph.

12 ------ (Nachdruck verboten.)

Wer weiß, wie lange sie da gegrübelt und auch alles, selbst auch ibren Braten vergess -n hätte; da fiel ihr Blick durchs Fenster; der Obersorstrat kam zurück, früher als sie ihn erwartet hatte; er kam schnellen und strammen Schrittes.

Sie hatte kaum noch Zeit, die Ofentüre zu schließen und das Zimmer zu verlassen. Beim Ocffnen der Türe drang ihr schon ein durchdringender Geruch von verbrannter Butter entgegen. Ach,.ihr Braten! Ja, ein Unglück kommt selten allein!

Ihre Gedanken bekamen plötzlich eine andere Rich­tung; am Obersorstrat vorbei stürzte sie in die Küche, um das stark gefährdete. M ttagsmahl noch nach Mög­lichkeit zu retten Mit ziemlichem Herzklopfen und schlecht verhehlter Befangenheit trug sie es auf. Doch der erwartete Sturm ging vorüber.

Der Oberforstrat war sogar wieder freundlich und gesprächig. „Ich fahre nach dem Essen sofort in die Stadt; ich habe einen Brief abzugeben. Für den Abend bringe ich mir einige Herren mit. Ich muß m ch zer­streuen, sonst ertrage ich nickt die Ungewißheit."

Die letzten Worte hatte der Obersorstrat sicher nicht an seine Wirtin gerichtet; dieselbe hatte sie aber natürlich nicht überhört, und sie lätte kein Weib sein müssen, um nicht sofort die Sachlage klar zu durch? schauen. Ihr Herr war zum Entschlüsse gekommen

Sie war so überrumpelt, daß sie es schweigend über fich ergehen ließ. Auch konnte sie erst gar nicht zu Worte kommen; denn der Oberforstrot war heute so jugendlich schnell, daß er schon zum Tore binaus- raffelte, als die ai e Wirtin noch den Tisch vom Mittagessen abräumte.

Zu ihrem großen Erstaunen erhielt Elisabeth eines Tages einen Brief vom Oserforstrat; aber mehr als

Papstes sei in ein weniger akutes Stadium eingetreten, so daß keine unmittelbare Gefahr bestehe.

* Rom, 18. Juli, 9.55 Uhr vorm. Der soeben erschienene Krankheitsbericht lautet: Die Nacht war schlaflos; in den ersten Morgenstunden schlief der Papst ruhig. Die Atmung ist ruhiger und tiefer, weil das Niveau der pleuritischen Flüssigkeit gesunken ist. Atmung 28, Puls schwach (88), Temperatur 36,2. Das Allgemeinbefinden ist unverändert.

* München, 18. Juli 1903. Die hiesige Nuntiatur erhielt heute früh folgendes Telegramm aus Rom vom 17. Juli, 10 Uhr abends: Es ist heute der dritte Tag, daß man keine Verschlimmerung im Zu­stande des hl. Vaters bemertt. Haben wir Vertrauen und beten wir. Kardinal Rampolla.

' München, 18. Juli 1903. Der Nuntius er­hielt heute nachmittag ein Telegramm aus Rom von 11 Uhr 5 Min. vormittags, das folgendermaßen lautet: Das Allgemeinbefinden des Papstes ist anhaltend dasselbe. Die Atmung ist leichter. Kardinal Ram­polla.

* Rom, 19. Juli 1903. Die .Voce della Verita' schreibt: Das gegenwärtige Befinden des Papstes ist folgendes: Die Lunge zeigt keine ungewöhnliche Erscheinungen, aber das Atmen wird zuweilen häufiger infolge Erregung und Depression des Herzens, Umstände, die von Pleuritis herstammen. Diese hat sich gebeffert infolge Verringerung der Brustflüffigkeit und Vermehrung der Nierenfunktion. Obwohl letztere durchaus nicht all­zustark ist, ist sie noch ausreichend genug, um ihrerseits keine Krankheitserscheinungen zu zeitigen. Es bleibt die große Altersschwäche, die durch die Krankheit noch zu­genommen hat. Die Schwäche und Depression dürften immerhin infolge der Widerstandstätigkeit des Or­ganismus des Papstes und der Sorgfalt der Aerzte keine unmittelbare Gefahr bilden.

»Rom, 19. Juli 1903. Krankheitsberi cht von 9 Uhr vormittags. Die Nacht verlief ohne Schlaf und wenig ruhig. Der deprimierte Kräftezustand hält an. Die Atmung ist ruhig und oberflächlich, 34, Puls regelmäßig, aber schwach, 98, Temperatur 36,5. Mazzoni Lapponi. ,

* Rom, 19. Juli 1903, 10.45 Uhr vormittags. (Agenzia Stefani.) Hier ist das Gerücht verbreitet, daß derZuftand des Papstes sehr ernst geworden sei.

* Rom, 19. Juli 1903, 12,25 Uhr mittags. Die Kardinäle haben soeben den Vatikan verlassen. Es be­stätigt sich, daß der Zustand des Pap stes sehr ernst ist. Die Botschafter telegraphierten in diesem Sinne ihren Regierungen.

* Rom, 19. Juli 1903. Die gestern abend ein­getretene Verschlechterung im Befinden des Papstes setzte sich den Blättern zufolge über Nacht fort. Der Papst war erregt, schlaflos und ruhte nur vorübergehend. Alles wachte im Vatikan. Mazzoni erschien heute früh nach 8 Uhr im Vatikan und ver­weilte eine Stunde. Er bestätigte, daß der Papst eine unruhige Nacht gehabt habe. Er liege zu Bett. Seiner Erregung halber war auch die heutige Untersuchung nur kurz. Der durch die Brustfellentzündung erzeugte Kräfteverfall schreitet fort, unterstützt durch die Schwäche des hohen Lebensalters, und verstärkte sich seit gestern abend. Das Bewußtsein sei klar, doch spreche der Papst nicht. Die Gefahr sei grob, doch nicht etwa so, daß der Papst den Vormittag nicht überleben könne. Die Aerzte wollen, wenn keine unerwartete Ver­schlimmerung eintritt, den Papst erst heute abend wieder besuchen, g |.... "W __“

* Rom, 19. Juli 1903, 1 Uhr nachmittags. Die Blätter veröffentlichen Sonderausgaben mit der Nach­richt einer plötzlichen Verschlimmerung im Befinden des Papstes. Diese trat heute früh um 10 Uhr ein. Die Herbeirufung des Großpönitentiars und des Kardinal­kämmerers, die, wenn der Papst stirbt, stets zuerst ge­rufen werden müssen, rief große Erregung hervor. Um 11 - Uhr war bereits das Gerücht verbreitet, daß der Papst gestorben sei, es wurde jedoch sofort als unrichtig erklärt. Der Großpönitentiar Serafino Bann teilt blieb, um für alle Fälle anwesend zu sein, im Vatikan. Rampolla entschuldigte sich bei den Diplomaten, die im Vatikan erschienen, daß er sie augenblicklich nicht empfangen könne, da er zu sehr in Anspruch genommen sei,

Erstaunen, peinliche Verlegenheit prägte sich in ihren Zügen ans, als sie denselben gelesen hatte.

„Nun, was schreibt Kronen?* fragte ungeduldig ihre Mutter.

Elisabeth reichte ihr statt jeder Antwort den Brief hin. Auch die Frau Oberförster erstaunte, aber ihr Erstaunen war ireudiger Natur.

„Welches Glück für uns!" rief sie aus. Mehr kannst Du gar nicht wünschen! Welche Sprache! Welche Bescheidenheit! Er kann sich gar nicht genug entschuldigen, daß er es wagt. Er will sich keiner großen Hoffnung hingeben: er erwarte- von Dir nichts anderes, als die Anhänglichkeit eines Kindes. Wer hätte das geahnt! Du hast großes Glück. Aber Lisbeth, Du bist ja so stumm und siehst gar merk- rviudig aus. Es hat Dich überrascht. Ich glaube es. Du b'st noch so jung. Du hast gewiß noch nicht ans Heiraten gedacht. Komm' an mein Herz, Lisbeth!"

Weinend warf sich diese in die Arme ihrer Mutter. „Ach, Mama, wie unglücklich bin ich! Der gute, liebe Obersorstrat! Es tut mir so leid! Ich kann aber nicht and-rs."

„Was kannst Du nicht, mein kleines Mädchen? Du wirst schon alles l rnen. Man gewöhnt sich sehr leicht ans Glück. Er ist ein höchst achtenswerter Mann und sehr reich. Nicht wahr, Du hasi ihn lieb."

„Gewiß, Mama, aber eben deshalb . . ."

„Sieh, so trifft sich alles gut. Da wird es nicht nur ein* Vernumtheirat. Er ist freilich viel älter, tote Du, aber prächtig konserviert. Es muß reizend ein, so viel jünger zu sein. Du wirst vollständig Herrin im Hause; er wird Dich auf den Händen tragen; Du wirst ein herrliches Leben führen *

„Das lockt mich gar nicht. Ich bin so gern bei Dir, ich will Dich nicht verlassen."

„Wir trennen vnS auch nicht. Ihr macht eine Hochzeitsreise nach Italien, nach Rom; unterdessen richte ich Euch alles schön ein und dann bleibe ich bei Euck. Du bist noch so jung. Ihr werdet ein großes Haus macken; wie gut, wenn da eine erfahrene

* Rom, 19. Juli, 2.15 Uhr nachm. Der Beicht vater des Papstes hält sich dauernd im Vorzimmer des päpstlichen Gemaches auf. Kardinalstaatssekretär Rampolla kam zweimal aus einer Wohnung herab, um den Papst zu besuchen. Das Gesamtbefinden des Papstes ist sehr ernst.

* Rom, 19. Juli 1903. Krankheitsbericht von 6 Uhr abends. Der Papst verbrachte den Tag in fast ununterbrochenem schlafartigen Zustande. Die Kräfte sind noch weiter herabgesetzt. Atmung 30, Puls 96, Temperatur 36,4. Mazzoni, Roffoni, Lapponi.

§ Vie bürgerlichen Parteien und die Sozialdemokratie.

Ditz ,Nordd. Allg. Ztg ' kommt nochmals auf die Folgerungen zurück, die sich für bte bürger­lichen Parteien aus dem Ausfall der Wahlen in Hinsicht auf die Bekämpfung der Sozialdemo­kratie ergeben. Kein Thema schlöffe solche ernsten Mahnungen in sich, wie gerade die jüngsten Reichstagswahlen. Ein erfreuliches Symptom sei, daß wenigstens diese und jene Lehre derselben in einem großen Teil der bürgerlichen Presse gewürdigt werde und sich innerhalb der bürger­lichen Parteien das Bestreben rege, ihr für die Zukunft gerecht zu werden. Indessen ist das offiziöse Blatt der Ansicht, daß bisher die wichtigste Aufgabe hierbei außer Acht gelassen werde. Diese erblickt es in der Beseitigung der Parteizer- Iplitterung. „An die wichtigste Aufgabe, der weitgehenden Parteizersplitterung Einhalt und Abbruch zu tun und der überhand nehmenden politischen Eigenbrödelei energisch zu begegnen, tritt man freilich noch sehr zaghaft heran. Und doch ist gerade hier eines der schlimsten Hemm­nisse unserer politischen Entwicklung zu suchen. Wenn man die beiden Hauptrichtungen unter den sog. „Wilden" mitzählt, haben nicht weniger als 23 Parteien einander bei den letzten Reichs­tagswahlen gegenüber gestanden." Es ist richtig, daß wohl kaum in einem anderen Lande die Parteizersplitterung so weit geht wie bei uns und daß dieses bunte Parteiwesen innerhalb der bürgerlichen Parteien bei den Wahlen der Sozial­demokratie zu gute kommt, wie es auch auf der andern Seite die Abwicklung der politischen Geschäfte erschwert. Wenn aber die Frage der Beseitigung der politischen Eigenbrödelei in der Diskussion über das Thema der Bekämpfung der Sozialdemokratie, welche an die letzten Wahlen anknüpfte, nicht besonders heroorgetreten ist, so liegt dies nicht etwa daran, daß es den bürger­lichen Parteien an der nötigen Einsicht dazu mangele, sondern ist vielmehr in dem Umstande be­gründet, daß man sich dort der Erfolglosigkeit einer solchen Bemühung von ^vornherein bewußt ist. Die Konzentrierung der bürgerlichen Par­teien ist leichter empfohlen als vollzogen und auch die ,Nordd. Allg. Zeitung' gibt kein Mittel an, wie die Sache in die Wege zu leiten sei. Die Schwierigkeiten, die einem solchen Unter­nehmen entgegenstehen, haben sich zur Genüge gezeigt und zeigen sich noch täglich bei dem Ver­such der Liberalen, zu einem Zusammenschluß des Gesamtliberalismus zu gelangen, und die

Mutter beisteht. Ich werde schon wieder stärker und gesünder werden."

Auf Lisbeth schienen die begeisterten Worte der Mutter nicht die erwartete Wirkung hervorzubringen. Sie barg ihr Gesicht in ihren Händen und schluchzte bitterlich.

Die Frau Oberförster begann unruhig zu werden.

„Beste Lisbeth, warum weinst Du eigentlich? *

„Mama, v rzeihe, daß ich Deine Freude nicht teile. Ich kann Kronen nicht heiraten!"

„Nicht heiraten? Warum denn nicht?" fuhr die Frau Oberförster auf.

„Weil, weil. . ."

„Nicht wahr, weil Du ihn nicht liebst Mädchen­geschwätz! Du hast ihn immer geliebt, hast es ja vorhin selbst gestanden, und jetzt auf einmal ist es damit aus. Mache erst keine Schwierigkeiten."

Lisbeth befand sich in der peinlichen Laue, ihrer Mutter, die absolut nicht von einem Nein hören wollte, zum crftenmate ernstlich * widersprechen zu müssen, wollte sie nicht für immer unglücklich gemacht werden.

Trotz der viele-' bitteren und verletzenden Aeuße- rnngen ihrer Mutter g ng sie von ihrem Entschlüsse nicht ab. Hätte sie fich selbst auch opfern wollen, so hielt sie es doch für ihre Pflicht, auf einen Antrag zu ver­zichten, der nur dem Gefühl großmütigen Mit­gefühls entsprungen war und für welchen sie als Dank nicht einmal ein liebendes Herz entgegenbringen konnte.

Noch an demselben Tage ging ihr Absagebrief an den Oberforstrat ab.

9. Kapitel. — Weihnachten.

Das Leben in der Hauptstadt hatte sich durchaus nicht so günstig gestaltet, wie es sich Frau Ulmenau vorgestellt hatte.

Bei den hohen Mietspreisen hatte man sich mit einer sehr bescheidenen Wobnung begnügen müssen, und war schon nach kurzer Zeit genötigt gewesen, auch diese gegen ein düsteres Hinterstübchen zu vertau'chen.

neuliche Mahnung der,Kreuzzeitung' an die vcn den Konservativen abgesprengten Kolonnen, zum Vaterhause zurückzukehren, ist spurlos an der beteiligten Presse vorübergegangen. Die politisch-- Differenzierung, wie sie sich in dem buntscheckigen Parleiwesen geltend macht, ist eine geschäftliche Entwickelung, welche sich so leicht nicht m< br rückgängig machen läßt. Sie ist teils aus prin­zipiellen politischen Gegensätzen hervorgegangen, teils beruht sie darauf, daß Angehörige einer Partei in deren Programm die eine oder andere politische Frage zu wenig zum Ausdruck gebracht erachteten und daher sich von ihr absplitterten, um diese Seite mehr in den Vordergrund treten zu lassen. Persönlicher Ehrgeiz mag in solchen Fällen den Prozeß beschleunigt haben. Charakte ristisch ist in dieser Beziehung die Entstehung des Bundes der Landwirte. Glaubt die ,Nordd. Allg. Zeitung wirklich, daß es, um bei diesem Beispiele zu bleiben, in der Tat möglich fein werde, einen Dr. Hahn, einen Rorstcke zum Verzicht auf ihre Führerschaft im Bunde oder die Bündler zur Aufgabe ihrer Sonder­bestrebungen und zur Auflösung des Bundes in den Konservatismus zu veranlassen? Ein gleiches gilt von den übrigen Parteiabsplitterungen. Jede Partei ist schließlich damit einverstanden, daß das Parleiwesen rückwärts revidiert wird, aber keine will dabei verlieren und alle wollen ste gewinnen. Das wird auch für absehbare Zeit noch so bleiben. Wenn wir uns also auch für die nächsten Wahlen in dieser Beziehung keine Aenderung versprechen können, so hat die ,Nordd. Allg. Ztgtt darin allerdings recht, daß hinsichtlich der durch die Patteizersplitterung in die Erscheinung tretende Erschwerung der Ab­wickelung der politischen Geschäfte bei einigem guten Willen wohl ein Wandel geschaffen werden kann. Es ist wirklich nicht nötig, daß bei jeder noch so untergeordneten Frage im Reichstage erst die 23 verschiedenen „Weltanschauungen" einen Kampf mit einander ausfechten müssen, bevor ein Beschluß gefaßt werden kann. Meist wiederholen sich dieselben Gedanken und dort, wo die Meinungen auseinandergehen, würde man mit Kurzen, knappen Erklärungen dasselbe erreichen wie mit langschweifigen Tiraden. Aber wir befürchten, daß es hier eben an dem guten Willen fehlen wird, und eine gewaltsame Aenderung des bisherigen Zustandes durch Be­antragung des Schlusses der Diskussion wird solange ausgeschlossen bleiben, als nicht die Re­gierung durch Gewährung der Diäten für ein beschlußfähiges Haus sorgt. Wenn demnach in der ,Nordd. Allg. Ztg.', wie anzunehmen ist, die Auffassung der Regierung zum Ausdruck kommt, so muß sie ihre Aufgabe in der Bekämpfung der Sozialdemokratie nicht nur darin erblicken, daß sie Machtlehren erteilt, sondern auch ihrerseits für Belehrungen empfänglich sein. Bezüglich der Diäten ist sie dies aber bis zur Stunde noch nicht, obwohl die opinio communis dahin geht, daß ohne Diäten der Reichstag den Kampf gegen die Sozialdemokratie nicht mit Erfolg führen tarnt

1,11111, ■lllllt II ..........

Die Existenzmittel schwanden mehr und mehr, und keine neue Einnahmequelle hatte sich eröffnet. Man hatte das Kapital angreifen müssen, und auch I schmolz sichtlich zusammen, besonders da Frau Ulmenau wiederholt bedeutende Summen an Hubert Igesendet hatte, der noch vor ihrer Än'unft in Begleitung der Familie Fleischer von der Residenz obgereift war und öfter dringend um Gold geschrieben hatte, welcher Bitte seine Mutter in der Hoffnung auf die baldige reiche Heirat stets entsprach.

Jetzt war schon lange kein Brief mehr von ihm cingetroffen. Ein Schreiben Lirbelh's an ihn war als unbestellbar zurückgekommcn. Sie wußten nicht, wo er sich befand.

Lisbeth mußte ihre ganze Erfindungsgabeauibieten, um die Mutter mit immer neuen Vermutungen über das unerklärliche Schweigen Huberts zu trösten und zu beruhigen, obgleich fie selbst in ihrem Innern keinen genügenden Grund dafür finden konnte und tiefbe­kümmert war.

Von Baronesse H ldegard war nach langen Irr­fahrten endlich ein Brief in ihre Hände gekommen. Mit Tränen in den Augen las Lisbeth die lieben Zeilen.

Hildegard hatte die ihr zugesandte Nachricht von dem Tode des Oberförsters bet ihrer Rückkebc in der Heimat vorgefunden. In warmen Worten sprach sie ihr Mitgefühl aus. Sie bat Lisbeth, für einige Zeit zu ihnen zu lommen.

Der Brief kam zu spät an; Hildegard hatte keine Antwort mehr erhalten fön en Alles war vorbei. Juliane Eggenberg war schon Gräfin Balbot; Hilde­gard Novize. Lisbeth zerdrückte die Tränen in ihren Augen.

„Ich hätte doch nicht fahren können," seufzte fie.

Ihrer Mutter zeigte fie den Brief nicht. Sie konnte deren Gesinnuna gegen die Familie Eggenberg und wußte, daß jede Erwähnung dieses Namens die Erbitterung gegen sie nur fiebere.

Frau Ulmenau war der Gedanke an das Glück