Einzelbild herunterladen
 

fulda, Samstag, den 18. Juli 1903.

M 161

30. Jahrgang.

$rf*ti*t tSgNch, mit an$*«*mt bet Semi» «u-Zrlertag«. Viertel» ;5t)rL Bejegrpret« ohne vriuzerlohn nnb BeftelgelbtHSuro««» «Mswfrttinn.soPfo.

Vorteile und Interessen wahren zu können glauben. Durch dieses Verhältnis wird die Politik Leo's XII l. Deutschland gegenüber gekennzeichnet. Daher hat es praktisch gar keinen Sinn, wenn die ,Voss. Ztg.' Papst Leo zwar als friedlichen Papst be­zeichnet, aber hinzufügt, seine Friedensliebe habe indessen nichts zu tun mit einem Mangel an Energie oder an Treue gegen die Interessen seiner Kirche; seine Friedensliebe sei lediglich ein Ausfluß seiner Klugheit gewesen. Er habe die Ueberzeugung gehabt, daß er den Interessen, denen er wie jeder Papst habe dienen wollen, besser diene, wenn er die Waffen ruhen lasse und seine Bestrebungen durch freundliche Verhandlungen verfolge. Der zukünftige Pgpst werde ebenso friedliebend sein wie Leo XIII., wenn er ebenso klug sei wie er.Aber darüber besteht die Ungewißheit, ob er ebenso klug sein wird." In dieser Ungewißheit wird sich die ,Voss. Ztg/ noch etwas gedulden müssen. Aus welchen Gründen der Vatikan eine friedliebende Politik treibt, meinen wir, könnte der ,Voss. Ztg/ doch wohl ziemlich gleichgültig sein. Die Hauptsache muß ihr doch sein, daß eine solche Politik getrieben wird und eine solche wird auch der Nachfolger Leo's XIII. treiben, wenn die Seite, die den Frieden wünscht, selbst den Frie­den nicht bricht.

VeroehPortiidb« Schriftleiter:R. Wetzl« y wochmbellage:Illustrierte Somrtagsjeitung

liaren" und seinem Hofstaat die Rede. Der Aus­druckpäpstliche Familie" wurde oft ge­braucht. Gemeint ist damit nicht die Familie Pecci's aus Carpineto, welcher Leo XIII. ent- sprosfen ist, sondern die Gemeinschaft aller der­jenigen Persönlichkeiten, welche zum geistlichen und weltlichen Gefolge der Päpste gehören. ,Sie alle bilden die sogenannte Famiglia Ponti- ficia, welche sicherlich die größte Familie der Welt ist, denn sie besteht aus nicht weniger als 2651 geistlichen und 517 weltlichen Mitgliedern, zusammen also aus 316 8 P e r s o n e n. Wir geben hiermit eine kurze Uebersicht über ihre Zu­sammensetzung. Die geistlichen Mitglieder sind: 4 palatinische Kardinale, 4 palatinische Prälaten, welche mit zwei Ausnahmen sämtlich im Vatikan n ohnen; 998 päpstliche Hausprälaten. Diese teilen sich wiederum in sieben verschiedene Klassen: Thronassistenten (147), apostolische Protonotare (316), Auditoren der Rota Romana (10), Prä­laten und Kleriker der apostolischen Kammer (9), Prälaten-Referendarien der Signatur der Justiz (65), Prälaten-Abbreviatoren desgrößeren Parkes" (16), gewöhnliche Prälaten (435). ES folgen 9 wirkliche Geheime (Dienst-)Kämmerer und 763 Ueberzählige, 5 wirkliche und 7 über­zählige Zeremon are, 431 Ehrenkämmerer, 215 Ehrenkämmerer extra urbeno (außerhalb Roms, d. h. am päpstlichen Hofe gelten sie nicht als solche), 7 wirkliche Geheimkapläne (zu diesen ge­hören die beiden jetzt vielgenannten Angeli und Marzolini, welche sich unausgesetzt am Kranken­lager des hl. Vaters befinden) 87 geheime Ehren- kapläne, 96 Ehrenkapläne extra urbeno, 2 geheime Klercker, 6gewöhnliche" Kapläne, 12 Ueber­zählige. Die weltlichen Mitglieder sind: 7 Wirkliche Geheime Kämmerer (teils erblich), 4 Geheime Kämmererdi numero (welche während einer Sedisvakanz Dienst tun, denn alle llebrigen legen nach dem Ableben eines Papstes ihr Amt und Titel nieder), 353 Ueberzählige, 5 Ehren­kämmererdi numero, 46 Ueberzählige, zu­sammen 415 weltliche Kämmerer. Dazu kommen: 6 weltliche Substitute desgrößeren Parkes" mit einem Ueberzähligen, 18 Bussollanten, 13 Ueberzählige, 47 Oberoffiziere der Nobelgarde, 4 Offiziere der Schweizergarde, 9 Offiziere der palatinischen Ehrengarde. Ferner gehören noch der päpstlichen Familie an: Der Sakristan, der Beichtvater und der Untersakristan des hl. Vaters, der apostolische Prediger, der Sekretär der Ceremonialkongregation, der päpstliche Kammer­adjutant (der vielgenannte Kammerdiener Pio Centra), der geheime Vorschneider, der Leibarzt Dr. Lapponi und als letzter der Leibchirurg Dr. Mazzoni. Von den weltlichen Genannten befinden 69 sich beständig im Dienst; von den geistlichen 73.

[:] lieber den künftigen Papst zerbricht man sich in der akatholischen Preffe fast den Kopf. Kein Tag vergeht, an dem nicht neue Beiträge zu diesem Kapitel geliefert und die Chancen der einzelnen Kardinäle gegeneinander abgewogen werden. Mit wie unsicherem Mate- rial man hier arbeitet, geht daraus hervor, daß die Resultate, zu denen man bei den scharfsinnigen Kombinationen gelangt, in schroffem Widerspruch miteinander stehen. Träfen diese Kombinationen zu, dann müßte gleich ein ganzes Dutzend Päpste gewählt werden, denn ebensovielen Kardinälen tft in dieser Presse die Tiara bereits verliehen wor­den. Es ist nicht Wichtigtuerei allein, welche diese Flut von Vermutungen zeitigt, sondern em gut Teil derselben beruht auf der Absicht, Ver­wirrung anzustiften. Noch rager als dme Prefferörterungen sind die Prognosen, welche hinsichtlich der künftigen Politik des Vatikans aufgestellt werden. Obwohl man die Persön­lichkeit des künftigen Papstes noch nicht kennt, weiß man schon genau anzugeben, in welche Bahnen die päpstliche Politik von dem Nachfolger Leos XIII. geführt werden wird. So läßt sich eben noch ein Berliner Blatt von seinem Spezial- bdrichterstatter aus Rom melden, daß, wem auch die Entscheidung des Konklave die Tiara auss Haupt setzen möge, die Rampollasche Politik ent­scheidend bleiben werve. Woher der Bericht­erstatter wohl diese Weisheit hat!! Für die vatikanische Politik wird in erster Linie die Persönlichkeit des neuen Papstes entscheidend sein, wie auch die Person Leos XIH. für sie im letzten Vierteljahrhundert entscheidend war. Selbst wenn die Person des neuen Papstes schon seststände, würde sich Zuverlässiges über dre Ziele seiner Politik noch nicht sagen lassen. Auch bei Pius IX. und Leo XIII. hat der Gang ihrer Politik nicht in allem ,den Voraussagen entsprochen, welche sich an ihre Papstwahl geknüpft hatten.

In seinen Gedanken und Erinnerungen hat sich Fürst Bismarck über die Zukunft des Ver­hältnisses zwischen Staat und Kirche aus­gesprochen und bte Aeußerung getan, daß bei jedem modus vivendi Rom eine evangelische Dynastie und Kirche als eine Unregelmäßigkeit und Krankheit betrachten werde, deren Heilung Aufgabe der Kirche sei. Dieses Bismarck'sche Wort kramt heute die ,Vossische Zeitung' wieder hervor, um an ihm zu demonstrieren, daß ein wirklicher Friede mit Rom nicht möglich sei. Wir können Bismarck nun gerade nicht für einen kompetenten Kenner und Beurteiler Roms halten, denn beispielsweise lehrt die Geschichte des Zen­trums, daß Bismarck sich gründlich verrechnet hatte, als er zu Beginn des Kulturkampfes die vatikanische Politik dahin beurteilte, daß sie sich von seinen Jnttiguen, die er in Rom gegen das Zentrum und dessen Existenz eingefädelt hatte,/-Lmfangen lassen würde. Und was den Finden selbst anbelangt, so handelt es sich bei einem modus vivendi nicht um eine prinzipielle Auseinandersetzung, sondern um die Schaffung eines Verhältnisses, bei dem beide Teile, unbeschadet grundsätzlicher Differenzen, ihre

«»zeige»: Die ein­spaltige Petitseile ober bereu Baum 15 pfg. Beiiamcn bie Petitzeile 25 pfg.; bei IDieber» Holungen wirb entfpr. Rabatt gewährt.

Druck unb Verlag ber MbaerAetlenbruckerei in Sulba (Harmonie).

Zernfprecher Nr. 9.

Maer W Zeitung

Wockenbellaae:..)lluttrierte8onntaa5iettung"^^^^^^^'^ monatsbcilage:Fuldaer GeschichtZblätter".

fast in vollster Rekonvaleszenz begriffen, so liegt er fast bewußtlos und ganz oapalhisch danieder. Volle sechsunddreißig Stunden nahm er _ nicht die geringste Nahrung zu sich und heute früh er sogar ein wenn auch nur kleines Stückchen Beefsteak! Leo XIII. hat heute sein gestern stellenweise sehr getrübtes Bewußtsein vollständig wieder erlangt. Bei der gestrigen Spendung desSegens Sankt Franziski", welche durch den Kapuziner-Kardinal Vives y Tuto stattfand, sprach Leo XIII. ziemlich kräftig und laut das Konfiteor mit, welches ihm von seinem Beichtvater, dem Augustinerbischof Pifferi vorgesprochen wurde und erteilte darauf dem gesamten HL Orden der Franziskaner den apostolischen Segen.

* Rom, 17. Juli 1903. Mazzoni erschien um 8> Uhr früh im Vatikan und verließ denselben eine Stunde später. Die Aerzte, welche den Papst unter­sucht haben, halten einen neuen Brusthöhlenstich noch nicht für notwendig. Der Papst hat keine große Schwierigkeit beim Atmen, er nimmt Nahrung zu sich und klagt nur über sehr große Schwäche. Er ist bei vollem und klarem Bewußtsein und sprach während der Untersuchung mit den Aerzten. Lapponi erklärt, der Zustand sei unverändert, der Papst könne noch einige Tage leben.

Rom, 17. Juli, 10 Uhr vorm. Der soeben er­schienene Krankheitsbericht lautet: Der Papst hat einige Stunden geschlafen. Die pleuritische Flüssig­keit ist auf gleichem Niveau geblieben und belästigt den Kranken nicht ernsthaft. Das Allgemeinbefinden ist fast unverändert. Puls 88, Atmung 30, Temperatur 36,5. Lapponi erklärte dem Kardinal Ferrata, die Krankheit könne sich noch lange hinziebeu.

* Rom, 17. Juli, 3 Uhr 20 Minuten nachm. Aue Berichte über begonnene Vorbereitungen zum Konklave sind selbstverständlich verfrüht; ebenso müssen sämtliche Mitteilungen der Blätter über die Ausübung der Polizeigewalt durch die italienische Regierung im Vatikan bei eintretender Sedisvakanz oder gar während des Konklaves als Märchen bezeichnet werden. Die ausschließliche Autorität bei einer Sedisvakanz sind: Der Kardinal camerarius für die Temporalia und die ersten drei Kardinalobern für die Spiritualia. Die Kurie erkennt keinerlei Einmischung oder Vetorecht irgendwelcher Macht an. Wegen der sich immer wider­sprechenden Nachrichten vom Krankenlager hat sich aller eine hochgradige Nervosität bemächtigt.

* Rom, 17. Juli, 12.2 Uhr nachts. Kardmal Rampolla besuchte gestern abend den Papst und sprach ihm Trost zu; er erbat vom Papste die Voll­macht, die laufenden Geschäfte selbständig zu erledigen, worauf dieser sofort das Nötige veranlaßte. Zum Schluß berührte der hl. Vater das politische Gebiet.

* Rom, 17. Juli 1903. Die Aerzte fanden heute Morgen den Papst, der ,Tribuna' zufolge, wie gestern in sehr gedrückter Stimmung; er lag zu Bett, wird aber im Laufe des Tages aufstehen. Gestern, als der Papst im Lehnstuhl saß, bat Professor Mazzoni, den Papst photographieren zu dürfen. Der Papst gab lächelnd seine Erlaubnis und Mazzoni machte zwölf Aufnahmen.

* Rom, 17. Juli 1903. Der Papst erhält auf seinen Wunsch wieder einige feste Nahrung. In der Verschlimmerung des Befindens ist dem »Giornale d'Jtalia ein merkbarer Stillstand eingetreten. Das Blatt weist darauf hin, daß die Brustfellentzündung bei älteren Leuten öfter langsam verläuft und bemerkt, daß jedenfalls die Gefahr durch die augenblickliche Lage nicht verringert werde. Kardinal Ferrata erklärte in einem Privatgespräch, der frühere Jesuiten­general Pater Beckx habe, 92 Jahre alt, dieselbe Krankheit gehabt, wie der Papst und zwei Monate in der Agonie gelegen.

B. Rom, 16. Juli 1903. Während der letzten Zeit war in allen Blättern viel von der Umgebung Papst Leo's XIII., von seinenFarni- nur immer zuließ, war es nicht zu verkennen, daß er schnell dahinfiegte.

Heute achtete Elisabeth nicht darauf, als sie freudestrahlend bei ihm eintrat, um ihn auf seine bevorstehende Entlassung aus der Haft vorzubereiten. Sie begann mit der Verlobung Huberts.

Die Nachricht überraschte den Oberförster, da ihm nichts von deffen Werbung bekannt geworden war. Hubert hatte in seinen Briefen an den Vater der Sache nie Erwähnung getan. Das Unglück, das von ihm heraufbeschworene Unglück, wirkte mit erfurcht- gebietender Gewalt auf ihn; er scheute sich, dem Auge des Vaters seine Blöße zu entdecken; vor ihm mochte er nicht mit Unwahrheit bedeckt erscheinen.

Elisabeth vermied mit liebendem Zartgefühle jede Mittellung, welche dem so tiefgebeugten Vater^ der Schmerz bereiten mußte, zu sehen, daß sein Sohn den Pfad des Leichtsinns nicht verlaffen habe. Als er seine Verlobung mit einem reichen Mädchen erfuhr, seufzte er nur:Möge er glücklich werden!"

Nach einigen mißglückten Versuchen Elisabeths, den Vater vorzubereiten, fiel sie ihm endlich um den Hals, und unter einem Strome von Freudentränen teilte sie ihm den Brief Kronen's mit. Der Ober­förster war mehr von der Erregung seines Kindes, als von der Nachricht selbst erschüttert.

Was galt ihm noch die Freiheit? Was überhaupt das Leben? Nichts wusch die Schmach ab, die auf ihm ruhte. Nichts! Er gab seinen Gefüsten keinen Ausdruck; er wollte das Glück seiner Tochter nicht ttüben, die mit der Elastizität der Jugend die Ver­gangenheit vergaß und sich hoffnungsfreudig einem neuen Leben zuwandte.

Einige Tage oerfloffen in der gespanntesten Er­wartung. Endlich lief das ersehnte Begnadigungs­schreiben ein und Elisabeth flog zu ihrem Vater.

An der Türe des Gefängnisses erwartete sie der Inspektor. Sie dankte flüchtig seinem ehrerbietigen Gruße; sie hatte eS so eilig. Warum blieb er stehen, warum führte er sie nicht hinauf zu ihrem Vater?

Fügungen.

Erzählung von A. Uhdolph.

11 ------ (Nachdruck verboten.)

5. Kapitel. Tod und Verlobung.

Das liebliche Pfingstfest war gekommen. Es fiel in den Wonnemonat, der in diesem Jahre seinem Namen alle Ehre machte.

Auch für die beiden Damen Ulmenau brachte er Geschenke und Gaben, Alles sollte fich freuen, Alles jubeln. Mit dem Festgeläute der Glocken sollte auch Frieden in die Herzen einziehen.

Die Post brachte gleichzeitig zwei Briefe; in dem einen war die Verlobungsanzeige Huberts mit Franziska Fleischer, in dem andern die Nachricht, daß die Begnadigungsgesuche deS Oberforstrats für seinen alten Freund endlich mit Erfolg gekrönt waren.

Er bat die Damen, den Oberförster vorläufig da­von in Kenntnis zu setzen, d. h. es ihm schonend mitzuteilen, damit die Ueberraschung seiner Gesundheit nicht gefährlich werde. Zu gleicher Zeit schrieb er ihnen, daß er für drei Monate Urlaub genommen habe und die Zeit auf seinem Landgute zubringen werde. Er drückte die Hoffnung aus, die Familie Ulmenau bei sich zu sehen.

Die Frau Oberförster war überglücklich.

Nun ist alles gut!" rief sie aus.Welch glück­liche Fügung auch für Hubert! Die einzige Wolke, die sein Glück trübte, ist verschwunden. Natürlich »ehmen wir nun die Einladung des Oberforstrates an."

Hubert hatte nämlich der Mutter gleichzeitig mit seiner Verlobung mitgeteilt, daß er schon mehrmals in Verlegenheit geraten wäre, wenn seine Braut die Rede auf seine Eltern gebracht hätte.

Er sei bis jetzt eigentlich nicht von der Wahrheit abgewichen, wenn er gesagt habe, sein Vater sei pen- fipnietter kgl. Oberförster; freilich habe er sie bei der

Vie Krankheit des hl. Vaters.

Der Zustand des hl. Vaters hat, wie schon manchmal ittt Verlaufe der Krankheit, deren Ver­schlimmerung oder Besserung bald ernste Besorg­nis, bald neue Hoffnungen erweckte, anscheinend wieder einen Stillstand erfahren. Denn auch heute ist das Befinden Leo XIII., wie die Nach­richten aus Rom melden, unverändert, oder wie die Aerzte zu sagen pflegen: stationär. Das geht auch aus einem Telegramm hervor, welches wir heute früh von unserem römischen Mitarbeiter erhielten.

B. Rom 16. Juli 1903. Der Römer hat sich seit einigen Tagen eine große Ungläubigkeit in Bezug auf alle Nachrichten aus dem Vatikan bemächtigt. Sie glauben weder den ärztlichen Bulletins, noch den auf anderem Wege aus dem Vatikan kommenden Nachrichten über das Befinden des hl. Vaters. Am allerwenigsten aber glauben fie den hiesigen Zeitungen. Diese sind übrigens schon seit mehreren Tagen vollständig am Ende ihres Lateins angelangt. Sie wissen nicht mehr, was sie schreiben sollen. Uebrigens geht es den päpstlichen Leibärzten nicht besser. Als gestern Dr. Lapponi den in den Vorsälen des Vatikans versammelten Kardinälen sein neuestes Bulletin vorlas, setzte er kopfschüttelnd hinzu: Wirrnissen nicht mehr, was wir schreiben sollen. Die außerordentliche Lebenskraft des hl. Vaters durchkreuzt alle unsere Annahmen. Sicher ist, daß jeder andere Kranke schon längst gestorben wäre! Glaubt man den hl. Vater nach den Be­richten in den letzten Zügen liegend so sitzt er im Lehnstuhl oder auf dem Sopha und unter­hält sich mit seinen Besuchern. Hält man ihn selbstgefaßten Meinung gelassen, daß er auS begüterter Familie stamme.

Einen ganz verrückten Gedanken habe Fränzi; fie wolle durchaus die lieben Schwiegereltern in spe kennen lernen, und die Eltern fänden es ganz paffend, daß fich ihre Tochter der Familie des Bräutigams vorstelle. Er müffe alle seine Klugheit aufbieten, aller­lei ersinnen, um die Ausführung dergleichen Pläne zu vereiteln, wenigstens bis zur Hochzeit, die er möglichst beschleunigen wollte.

Nun ist alles gut," wiederholte die Frau Ober­förster.Teile Hubert sofort die glückliche Wendung der Dinge mit, damit er darnach seine Entschließung treffen kann. Es wird den Leuten imponieren, wenn fie hören, wir verleben den Sommer auf dem Gute des Oberforstrates v. Kronen, meinetwegen des Onkels Kronen," lachte fie.Du hast ihn ja al« Kind immer Onkel genannt. S» ist auch der Besuch der lieben Schwiegertochter glücklich abgewendet."

Lisbeth hatte über den Brief des Oberforstrates Tränen der Freude vergossen: an dem Glücke des Bruders, den fie doch so sehr liebte, konnte sie keinen recht begeisterten Anteil nehmen.

Der frivole Ton, den Hubert von Anfang an über feine Verlobung angeschlagen hatte, berührte fie unangenehm, und ihr gerader, rechtlicher Sinn sträubte sich gegen den Makel der Unwahrheit, welcher dem ganzen Verhältnisse anklebte. Sie widersprach indes Oer Mutter nicht; fie hatte Vie Erfahrung, daß fie dieselbe nicht für ihre Ansichten gewann, sondern nur zu größerer Erbitterung reizte. Ihr Herz zog sie zu ihrem Vater.

Die schwere Erkrankung, die vorangegangene furchtbare Aufregung, die anbaltenden Seelenqualen, welche ihm die Entdeckung und Verurteilung verur­sacht hatten, der tiefe Kummer um seine Familie, alles hatte dazu beigetragen, feine Lebenskraft zu vernichten.

Trotzdem er von Seiten des humanen Gcfäng- niSinspektors und durch die Bemühungen seiner Tochter alle mögliche Erleichrening erhielt, die seine Lage

Deutsches Reich.

Berlin, den 17. Juli 1903.

* Heute früh traf der auf einer Nordland­reise begriffene DampferAuguste Viktoria" der Hamburg-Amerika-Linie in Molde ein. Der Kaiser besuchte um 9 Uhr das Schiff und ge-

Fräulein Ulmenau," begann er zögernd,ich . ."

Bester Herr Inspektor," fiel sie ihm ins Wort, ich habe jetzt keine Ruhe Verzeihen Sie der Un­geduld. Wie nahm mein Vater die Nachricht auf? Er wird mich schon erwarten. Bitte, führen Sie mich zu ihm!" Sie wollte an ihm vorbei die Treppe hinauf.

Noch einen Augenblick, Fräulein."

Der Inspektor hatte unwillkürlich ihren Arm er­griffen. Befremdet schaute fie sich um und sah in das verstört auSsehende Gesicht des sonst so freund- lichen Beamten.

Ich wollte Ihnen nur . . . der Herr Ober­förster . . ."

Eine furchtbare Ahnung krampfte Elisabeths Herz zusammen.

Mein Vater?" stieß fie hervor.

Ist plötzlich schwer erkrankt. Der Schlaganfall hat sich wiederholt; der Arzt erklärt, daß das schon im Körper lag und unvermeidlich war."

Wie sinnlos vor Schreck und Angst rannte Lis­beth die Treppe hinauf und stand am Bette des Vaters, aus dessen Mund ein dumpfes Röcheln drang und der kein Zeichen des Erkennens gab.

Stunde auf Stunde verrann; der Zustand des Kranken zeigte keine Veränderung.

Endlich schien das Leben, das Bewußtsein wieder­zukehren. Der Oberförster öffnete die Augen.Wo ist Hubert?" waren seine ersten Worte.

Wir haben ihm telegraphiert. Sicher ist er schon auf der Reise zu Dir."

Er kommt zu spät; ich habe nur noch wenige Zeit und hätte ihm doch so viel zu sagen; die Angst um ihn quält und peinigt mich. Elisabeth, mein Kind, Du bist gut und fromm. Werde der Schutzengel Deines Bruders. Sage ihm ..."

Die Wotte des Kranken wurden unverständlich; doch fein Blick war noch hell und ungetrübt. Er strengte alle seine Kräfte an:Wo ist die Mutter? Ruft den Pfarrer," konnte LiSbech endlich verstehen.