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fUldd, Freitag, den 17. Juli 1903.

M 160.

30. Jahrgang.

Die Krankheit des hl. Vaters.

Die Krankheit des greifen Dulders auf Petr: Thron währt bereits 12 Tage und bereitet dem hohen Patienten große Schmerzen. Nach den heute vorliegenden Nachrichten hat die Atemnot zugenommen und die Aerzte rechnen mit einem Plötzlichen Tode des hl. Vaters. Es bestehl nicht die allerbescheidenste Hoffnung auf Besserung. Mit banger Sorge erwarten die Katholiken des Erdballs nun schon seit zwei Tagen das Ein­treten der Katastrophe. Nur langsam und zögernd wagt sich der Herrscher Tod in die Nähe des Stellvertreters Christi auf Erden, um ihn durch die dunkle Pforte des Grabes in die lichtvolle Ewigkeit hinüberzuführen.

Heute liegen uns folgende Meldungen vor:

* Rom, 16. Juli 1903, 10,15 norm. Der soeben ausgegebene Krankheitsbericht lautet: Die Nacht war unruhig und schlaflos. Der Papst leidet an größerer Atmungsnot infolge der Ansammlung pleurinscher Flüssigkeit. Atmung 36, Puls 88, Temperatur 36,3.

* Rom, 16. Juli 1903, vorn:. 11 Uhr. Die Aerzte statteten dem Papst auch heute nur einen kurzen Besuch ab. Lapponi teilte Mazzoni mit, der Kranke habe die Nacht sehr niedergeschlagen verbracht, sei ab und zu unruhig gewesen und habe fast gar keinen wirklichen Schlaf gehabt, sondern infolge des Kräfteverfalls nur im Halbschlummer gelegen. Während des Besuches der Aerzte war der Papst bei voller Geistesklarheit. Er wechselte mit den Aerzten einige Worte und wünschte, das Bett zu verlassen. Die Aerzte stimmten unter der Bedingung zu, daß er nur kurze Zeit im Lehnstuhlbleibe. Die Aerzte stellten fest, daß es nicht genügt, die Flüssig­keit aus der Brust mit der Spritze zu entziehen, weil die Flüssigkeit fortwährend zunimmt. Die Gefahr einer plötzlichen Katastrophe ist gewachsen. Während des Besuches der Aerzte warteten Rampolla und drei andere Kardinäle im Vorzimmer.

* Rom, 16 Juli 1903,12.40 Uhr nachm. Professor Rossoni erklärte heute seinen zum Examen in der Universität versammelten Kollegen, daß die Auflösung des Papstes ständig fortschrerte, die Prognose aber sehr schwer sei, da das Herz gesund ist. Vielleicht könne deshalb die Entscheidung sich noch vier Tage hinziehen. Die Erneuerung der Pleuraflüssigkeit mache eine neue Operation nötig, es sei aber zweifelhaft, ob das Befinden des Papstes eine solche erlaubt. Wenn dies möglich, werde die Operation noch heute statt­finden.

* Rom, 16. Juli 1903, 2 Uhr 35 Min. nachm. Bo« dem Ableben Msgr. Volpinis ist dem Papste noch keine Mitteilung gemacht worden. In vatika­nischen Kreisen glaubt man, daß der heilige Vater eine Bulle betreffend kleine Abänderungen der für das Konklave geltenden Bestimmungen hinterlassen werde. Die Aerzte erklären, nichts mehr über die Gestaltung des Zustandes des hl. Vaters Voraus­sagen zu können. Das Ableben des Papstes kann jeden Augenblick eintreten, aber auch erst nach Tagen. Die Kirchengefchäfte fangen an, unter den ungewissen Zuständen zu leiden.

* Rom, 16. Juli, 3 Uhr 20 Minuten. Die Schwäche des Papstes nimmt fortwährend zu. ,Voce della Berits sagt, der Papst gehe seiner Auf­lösung immer rascher entgegen.Im Angesichte des Ereignisses," so führt das Blatt u. a. aus,das sich in dem majestätischen Rahmen einer herrlichen Königs­burg vollzieht und Herzen und Seelen mit bangen Schauern erfüllt, bekennen sich die Katholiken noch ein­mal mit demütiger, christlicher Ergebenheit zu dem Greise, der ungebeugt und ruhig fegnend dahmgeht."

* Rom, 16. Juli, 7.45 Uhr abends. Der soeben erschienene Krankheitsbericht lautet: Der Zustand ist noch wie heute Morgen, tagsüber hat der Papst einige Stunden geruht. Puls 98, Atmung 36, Tem­peratur 36,7. Mazzoni befürwortete eine weitere,

Fügungen.

Erzählung von A. Uhdolph.

10 ------- (Nachdruck verboten.)

Es kann mir nicht fehlgehen; Fränzchen ist über die Ohren in mich verliebt, desgleichen Mama Fleischer, und Papa ist nicht wenig stolz auf seine vornehme Osfiziersbekanntschaft. Ich habe nicht zu fürchten, daß sie etwas über unsere Familie erfahren, denn sie flehen außer jeder Verbindung mit Leuten unseres Standes, und ich hüte mich wohl, sie neue Bekanntschaften machen zu lasten.

Kein eifersüchtiger Bräutigam kann sein Bräutchen mehr abschließen, als ich die Familie Fleischer von jedem Verkehr.

Natürlich habe ich ihnen auch nicht gesagt, daß ich schon meinen Abschied in der Tasche trage, und werde es auch nicht tun, denn ich sehe ganz gut, daß «in pensionierter Leutnant bei den lieben Eltern sehr in der Achtung sinken würde.

Du wirst aber begreifen, liebes Mütterchen, daß ich jetzt Geld brauche. Ich muß Fränzchen doch manche »eine Aufmerffamkeit erweisen und darf mich bei keiner Gelegenheit lumpen lasten.

Hast Du nicht noch irgend einen kleinen Spar­pfennig, den Du mir schicken, borgen könntest?

Du weißt, daß ich jetzt der solideste Mensch bin; ich habe in der Residenz noch keine Spielschulden ge- macht! Also nur borgen! Du bekommst es mit Zinsen zurück.

Ich kaufe mir nach meiner Verheiratung irgend ein schöne Billa, fern, weit fern von unserer Heimat, und Du kommst zu mir. Ich werde Dich auf den HSnden tragen; Du bleist lebenSlana bei uns, ge= pflegt und gehegt von Deinem niedlichen Schwieger­töchterchen und Deinem Dir die Hände küffenden, dankbaren Sohne Hubert.

Postskriptum. Ich erwarte das Geld umgehend."

Operation, Lapponi entschied sich jedoch gegen die Vornahme einer solchen; Rostoni, welcher abwesend ist, soll den Ausschlag geben.

Berlin, den 16. Juli 1903,

* Di« Einnahmen der preußische» Staatsbahnen weisen in den letzten Monaten eine sehr erfreuliche Steigung auf. Sie ergeben eine Erhöhung für den Monat Juni gegen den gleichen Zeitabschnitt des Vorjahres um zusammen 7.173.000 Mk., davon 3632000 Mk. im Personen­verkehr, 3325000 Mk. im Güterverkehr und 216000 Mk. an sonstigen Einnahmen. Im ersten Viertel des lausenden Rechnungsjahres haben sich gegenüber dem Vorjahre die Einnahmen aus dem Personenverkehr um 7935000 Mark oder 7,64°/o, die Einnahmen aus dem Güterverkehr um 9287000 Mk. oder 4,28°/o und die sonstigen Einnahmen um 761000 Mk., oder 5,37°/0 ge­hoben. Für den Posten des Oberpräsi­denten von Schlesien werden in den Blättern immer von neuem Kandidaten namhaft gemacht. So ist neuerdings wiederum der Gesandte Fürst von Lichnowsky genannt worden. Alle diese Nennungen beruhen, wie die ,Nat. Ztg/ von unterrichteter Seite erfährt, auf leeren Kom­binationen.

§§ Der deutsche Schiffbau ist int Jahre 1902 bei weitem nicht so stark beschäftigt ge­wesen, wie in früheren Jahren. Die durch die unsichere wirtschaftspolitische Lage mit der her­vorgerufenen schlechten Lage des Frachtenmarktes wirkte recht nachteilig auf den Schiffbau ein. Auch die Beschäftigung fürs Ausland ist nur halb so groß gewesen, wie in den beiden vorauf­gegangenen Jahren. Für fremde Rechnung wurden nämlich auf deutschen Werften fertig- gestellt :

1900: 59 Schiffe von 41133 Br. Reg.-T.

1901: .50 48166

1902:35 27420

Von den im letzten Jahre für das Ausland gebauten Schiffen waren:

1 Kriegsschiff von 4759 Br. Rog.-T.

30 Kauffarteischiffe 21440

4 Flußschiffe 1221

Das Schwergewicht liegt natürlich int Bau von Handelsschiffen; hier sind Rußland und die nordischen Reiche die Hauptauftraggeber.

** Die Genossen wollen mit Bebel teilen. Der ,Vorwärts' veröffentlicht zur Bebel- fchen Erbschaftssache folgende Erklärung:Ob­gleich die von uns mehrfach erwähnte Ulmer Erbschaftsangelegenheit sich noch int Stadium gerichtlicher Entscheidungen befindet, bereit Aus­gang dahinsteht und vor allem noch sehr geraume Zeit beanspruchen wird, ist Genosse Bebel schon jetzt in der wenig beneidenswerten Lage, mit einer solchen Fülle brieflicher und persönlicher

Elisabeth hatte den Brief beendet; sie schwieg.

Nun, Du sagst kein Wort. Freust Du Dich nicht über das Glück Deines Bruders?"

Elisabeth befand sich in Verlegenheit. Welchen Eindruck der Brief des Bruders auf sie g-macht hatte, wollte sie nicht aussprechen.

Wenn Hubert auch nur glücklich wird, wie er hofft," sagte sieIch dachte immer, Ehen müßten ander» geschloffen werden."

Ach, komme nur nicht mit Deinen Rom- nibeen."

Aber Mama, ich habe ja noch gar keine Romane gelesen ..."

Ach, was! gelesen oder nicht Deine Ideen äge ich sind Romanideen und taugen nichts. Du verstehst das nicht. Dein Bruder ist ö'ter und klüger wie Du; erwirb wiffen, was er tut. Fränzchen ich liebe die Kleine schon jetzt wird Hubert sicher glücklich machen, und hie Hauptsache in der Ehe ist doch das Geld. Ich kann mir schon wieder vorstellen, woran Du alles denkst; aber glaube nur, Tugend und Religio, allein machen das Leben nicht zum Paradies. Das beste Beispiel hast Du an Dir selbst. Ach, hätten wir mehr Vermögen gehabt, nimmer wären wir so elend geworden."

Hier übermannte Frau Ulmenau der Gedanke an ihr Unglück, und Elisabeth wagte nicht zu trösten.

Nach kurzer Pause fuhr die Mutter fort:Und bewunderst Du nicht feine Liebe zu mir? Wie er an mich denkt bei einer Angelegenheit, die doch sonst junge Leute alles vergessen läßt."

Wenn er sich nur nicht wieder täuscht wie bei Hilda!"

Sprich den verhaßten Namen nicht vor mir aus! Glücklicherweise entstammt Fränzchen einer braven bürgerlichen Familie, da kennt man nicht solche Falschheit."

Und dann meine ich auch, daß er bei seiner Werbung den Eltern offen unsere Verhältnisse dar­legen MUß." ,

Ich glaube, Lisbeth, Du wärst im Stande, die

Bittgesuche bedacht zu werden, daß deren Er­füllung einen erheblichen Teil der in Frage stehenden Summe beanspruchen würde. Sogar auf unserem Parteibureau gehen Dutzende von Briefen ein, die Anteile von der Erbschaft, sei es als Darlehen, sei es als Geschenk, erbitten. Natürlich ist weder Genosse Bebel noch der Parteivorstand in der Lage, allen diesen Antrag­stellern zu antworten, geschweige ihnen Ver­sprechungen zu machen."

[*] Zur Bekämpfung der Sozialdemo­kratie bringt die ,Postt eine fast 2 Spalten lange Zuschrift. In scharfem Gegensätze zu der Länge dieser Zuschrift steht der materielle In­halt desselben, denn es wird darin nur all­gemein gesagt, daß man in der Politik die Ur­sachen der Unzufriedenheit beseitigen und auf­klärend wirken müsse. Das wußten wir auch schon ohne diese Zuschrift. Den Optimismus des Verfassers, daß damit die sozialistische Frage gelöst sei, teilt die,Post' nicht, denn ihr gelüftet es nach ganz anderen Dingen.

* Stockholm, 16. Juli 1903. Die Teil­nehmer an der Jahres-Versammlung der deut­schen schiffsbautechnischen Gesellschaft begaben sich heute nach Skokloster und Up­sala. Im Laufe des Tages empfingen die beiden DampferFeldmarschall" von der deutschen Ost­afrika-Linie undSeydlitz" vom Norddeutschen Lloyd den Besuch des deutschen Gesandten Grafen Leyden, ferner des österreichisch - ungarischen und des englischen Gesandten. Am Abend findet auf beiden durch eine Brück« mit einander ver­bundenen Dampfern ein Ball statt, zu welchem zahlreiche Mitglieder der Stockholmer Gesellschaft geladen sind. Nachts verlassen die beiden Schiffe Stockholm wieder, um die Teilnehmer an der Versammlung in die Heimat zurückzuführen.

* Konstantinopel, 16. Juli 1903. Zwi­schen der Türkei und Bulgarien ist durch den Austausch der gegebenen Erklärungen auf beiden Seiten ein Gefühl der Erleichterung herbeigeführt worden. Der türkische Großwesir sicherte Bulgarien die Beurlaubung mehrerer in Mace- donien befindlicher anatolischen Regimenter zu, sobald letztere eine gegen einige albanesische Stämme bei Luma gerichtete Expedition beendet haben, was in den nächsten vierzehn Tagen der Fall sein soll. Ferner wurde einer Konstanti­nopeler Meldung der ,Frankf. Ztg/ zufolge von türkischer Seite mit Bezug auf die bulgarischen Schulen und Kirchen in Saloniki die Wiederher­stellung des Zustandes vor den Dynamit-Atten­taten zugesagt. , Die Hälfte der Schulen ist näm­lich seit jener Zeit geschlossen worden. Endlich sind am Mittwoch 20 Notable in Uesküb, dar­unter Tontschew, der Sekretär des dortigen bul­garischen Bischofs Sinesins, in Freiheit gesetzt worden und weitere Gnadenakte stehen bevor.

Geschichte Deines unglücklichen Vaters aus Pflicht­gefühl und Frömmigkeit weiter zu erzählen, als wenn dafür nicht schon genug giftige Zungen Sorge trügen und das eigene Kind nicht nötig hat, die Schande der Eltern aufzudecken. Hubert hat darin mehr Takt­gefühl, mehr Kindesliebe."

Aber seine eigenen Verhältnisse darf er doch nicht verheimlichen, nicht absichtlich und wissentlich eine künftige Frau betrügen."

Laß das seine Sache sein! Als Offizier steht hm die Ehre hoch, und selbstverständlich zuerst die Ehre seines Namens."

Elisabeth schwieg.

Besser wäre es übrigens, wenn Du über ein Mittel nachdächtest, ihm das nötige Geld zu Der» chaffen."

Du könntest ihm ja die Ueberschüsse der Pen- ton . . ."

Also Du kontrollierst mich? Du denkst wohl, ich habe verborgene Schätze; nicht «inen Pfennig be- itze ich."

Ach, ich glaubte ... ich dachte nur . . . ent» chuldige, liebe Mama, da bleibt eben nur die Steinig» !eit, welche ich erspart habe."

Sie stand auf und holte ein Röllchen Gold her­bei, das sie ihrer Mutter freudestrahlend in den Schooß schüttete.

Noch an demselben Abend ging das Geld an Hubert ab.

Frau Ulmenau war in bedeutend gehobener Stimmung; sie sprach viel und gerne von dem baldigen, glücklichen Umschwung ihrer Verhältnisse.

Elisabeth teilte ihre stohe Hoffnung ncht, setzte aber den Lustschlössern ihrer Mutter keinen Wider- pruch entgegen, um diese nicht zu betrüben. Sie vnnte sich überhaupt kein ungetrübtes, irdffches Glück mehr vorstellen, auf alles warf der Vater im Ge- ängnis einen düsteren Schatte«.

Die liebsten Augenblicke für sie waren die, welche sie bei ihm zubringcn durste. Bei ihm erschien sie

* Washington, 16. Juli 1903. Die ruf fische Regierung ist benachrichtigt worden, daß eine verletzende Anspielung auf Ruß­lands Illoyalität bezüglich der Mandschurei in einer anonymen amtlichen Mitteilung über Kischinew enthalten sei. Dieselbe sei nur mög­lich gewesen in Folge der Abwesenheit des Staatssekretärs Hay von Washington und fei ohne fein Wissen und seine Genehmigung veröffentlicht worden. Rußland ist, dem Ver­nehmen nach, von dieser Erklärung befriedigt und betrachtet die Sache als erledigt. (Unseres Erachtens kann Rußland mit der ganzen Ent­wickelung der in Frage kommenden Angelegenheit zufrieden sein. Durch seine feste Haltung hat es bewiesen, daß es sich durch die Großsprecherei der Jingos nicht beeinflussen läßt. Und der Er­folg ist nicht ausgeblieben. Die Red.)

* Kapstadt, 16. Juli 1903. Der ehemalige Buren-Kommandant Kruitzinger ist von feiner Mexiko - Reise nach hier zurückgekehrt. Er rät den Buren von der Auswanderung nach Mexiko ab, da das Land dort für den Acker­bau ungeeignet sei.

iq Derbanöstag der Raiffeisen'schen Genossenschaften.

(Schluß.)

Fulda, 17. Juli 1903.

Aus dem Jahresberichte des Herrn Verbands­direktors Rexerodt teilen wir noch mit, daß im Jahre 1902 durch die Filiale Kassel 745000 Zentner Dünger­mittel bezogen wurden. Redner verbreitete sich alsdann über denRaiffeisendank", die Rückversicherung bei Viehversicherung und die Bekämpfung des Güterwuchers.

Herr Professor Dr. Thielemann-Fulda hielt hierauf einen gut durchgearbeiteten Vortrag über d i e sittlichen Grundlagen des Raiffeisen- Werkes. Er schilderte die Gründung und Entwicke­lung der Raiffeisenvereine, die einen ungeahnten Auf­schwung genommen haben. Im Raiffeisenverem werde keine selbstsüchtige Politik getrieben, sondern ein Jeder arbeite für das Gesamtwohl des Bauernstandei. Wahrer Reichtum sei nur der, der die Erde hervorbringe. Das Wohl des Volkes und die materielle Kraft deS Staates beruhe auf dem guten Gedeihen der Land­wirtschaft. Unser Volk müsse immer mehr unabhängiger vom Auslande werden, was in der Landwirtschaft er­reicht werde durch intensivere Bearbeitung des Bodens und der Benutzung der vielen Fortschritte in der land­wirtschaftlichen Industrie. Wichtig ist die soziale Be­deutung eines gesunden Bauernstandes. Während die Industrie von Neuerungssucht angesteckt und dem Wechsel unterworfen ist, könne man daS Landvolk als die Mächte des sozialen Beharrens bezeichnen. Der Bauernstand sei die sicherste Stütze sür Thron und Altar. Der Handwerkerstand kämpfe in dm Städten verzweifelt um seine Erhaltung, während der Mittel­stand, zu dem der Bauernstand den größten Teil stelle, eine kleine Zunahme erfahren habe. In der Landwirt­schaft herrscht noch durchgehends Religion, sie ist das festeste Bollwerk gegen die Sozialdemokratie. Die Tätigkett der Raiffeisenvereine sei eine staatserhaltende, ihr gebühre deshalb allseitige Unterstützung. Raiffeisen war ein Mann, der klar dachte, der das Herz auf dem redj'tn Fleck hatte, dies bczeug-n seine Satzungen, die er gegeben; ihm lag das Wohl des Volkes und besonders des Landvolkes sehr am Herzen.

unverändert wie früher, munter und heiter; er wußte nichts von dem, was sie innerlich litt und duldete; er sollte sie für glücklich halten; sie fühlte, daß sie ihm dadurch sein herbes Geschick versüßte, aus seinen Leiden den quälenden Stachel entfernte, sie unglücklich gemacht zu haben.

So warm mehrere Monate seit dem Umzuge in die Stadt verflossen. Der Frühling war mit aller Pracht in's Land gezogen; der Himmel blaute, die Sonne schien hell; die Linden um die Kirche rauschten geheimnisvoll; wehmütiges Sehnen ergriff das Herz Elisabeths, Bangen nach dem frischen grünen Wald, in dem sie geboren war, Bangen nach der Freiheit, nach der Sorglosigkeit der Kinderjahre.

Sie war noch nicht volle 18 Jahre und kam sich o alt vor. Sie war wie ein Vöglein mit zerbrochenen Flügeln einsam im Bauer.

Doch weg, weg, Frühlingsahnen, Frühlingslust! Ich darf nicht senttmental fein, hin in die Siunden, hin an die Arbeit."

Großen Trost brachte ihr ein Bries Hildegards. Es hatte ihr wehe getan, daß sie so lange ohne Nachricht von ihr geblieben war.

Sv manchmal hatte ihr die Mutter den Ge­danken nahe gelegt, daß die Baronesse wahrscheinlich chr Unglück erfahren habe und sie deshalb ihrer Freundschaft nicht mehr wert erachte.

Elisabeth flräubte sich gegen die Annahme; sie vertraute dem Edelmut Hrldegard's. U«d sie tat recht.

Die Baronesse hatte sehr bald von dem Geschicke gehört, das die Familie Ulmenau betroffen hatten -und da- war gerade der Grund gewesen, der sie bestimmte, Lisbeth als Reisegefährtin einzuladen, um die geliebte Freundin wenigstens für die erste Zeit dem Schau- ilatze des Unglücks zu entrücken.

Jetzt erfuhr Lisbech, daß ei« Brief Hlldegard's an 8« verloren gegangen sein mußte, ferner aber auch, datz diese leider sofort bei ihrer Ankunft in Palästina chwer erkrankt war und beinahe zwei Monate im Bett zugebracht hatte.