Einzelbild herunterladen
 

Maer

u

30. Jahrgang.

fllldd, Samstag, den 11. Juli 1903.

M 155

erstes BlatL'

Deutsches Reich

Lrscheint täglich, mit Ausnahme der Sonn« und Zeiertage. viertel' jährl-verugspreis ohne vringerlohn enb vestelgeldinzuldaund auswärts lM-S«psS-

verantwortlicher SchrMeiterrA-wetzler

3. wschenbeiiage:Zllustriette Sonntagszeitung

Anzeigen: Die ein­spaltige Petitzeile oder deren Raum 15 Pfg. Reilamen die petitzeiie 25 pfg.; bei Wieder­holungen wird entspr.

Rabatt gewährt.

Druck und Verlag der zuldaerActiendruckerri in Zulda (Harmonie).

Fernsprecher Nr.i.

/^Aerlin, den 10. ^^£$03.

*# Die Zeitungsmeldung, der Kaiser habe am letzten Sonntage beim Schiffsgottesdienste

geblieben, weil sie den Papst, welcher eingeschlafen war, nicht wecken wollten. Der Papst sagte den Aerzten, er habe die Nacht in ziemlich guter Ruhe verbracht. Gegen Morgen sei er etwas unruhig ge­worden und habe nicht länger schlafen können. Er habe ein unbestimmbares Uebelbefinden empfunden.

* R»m, 10. Juli 1903. Der Papst »ahm während der Nacht etwas Bouillon mit Fleisch za fich. Rossoni und Mazzoni verließen den Vatikan um IVk Uhr. Die dem Papste entzogene Flüssigkeit wird.uMo. Juli 1903. Professor Rossoni bestätigte Zeitungsberichterstattern, daß keine un­mittelbare Gefahr bestehe, der Zustand des Papstes aber sehr ernst sei. Der Geist des Papstes fteilich sei so wunderbar frisch und stark, daß sein Antlitz davon verklärt und durchleuchtet sei, ohne den sicheren Rückhalt des objektiven Befundes würde an ihm auch em klinisch geübtes Auge irre werden.

* Rom, 10. Juli 1903. Einige Fenster der Ge­mächer des Papstes wurden heute stütz Uhr ge­öffnet, andere, darunter dasjenige des Schlafzimmers, um 6 Ubr. Ein Vertreter des Messaggero' interviewe Dr. Rossini, welcher sagte, die Wiederkehr der plan- vilischen Flüssigkeit stelle eine Verschlimmerung dar, komme aber nicht unvermutet; meist kehre sie mehrere Male wieder. Tie Herzschwäche sei eine natürliche Folge der Krankheit und des hohen Alters. Indessen seren die Herzklappen unversehrt, was die wunderbare He^- tätigkeit erklärt. Rossini fügt hinzu, er habe geglaubt, einen Sterbenden zu finden und im Gegenteil sei der Papst von so klarem Bewußtsein und so lebhaftem Geiste, daß auch der erfahrenste Arzt sich Illusionen über die Schwere der Krankheit machen könnte. Der Meffaggero' meint, Rossini habe keine Hoffnung auf Heilung und glaube, daß der Tod nicht weit entfernt sn.

* Rom, 10. Juli 1903. 6.50 Bonn. Hebet den Zustand des Papstes laufen widersprechende Gerüchte um, die dadurch entstehen, daß Alter und Krankheit mit Geistesstische, Willenskraft und zäher Natur um die Herrschaft streiten. Wie die Aente dem Korre­spondenten der ,Köln. Volksztg/ versichern, können alle angewandten Mittel, tote Einspritzung von Salzlösung und Aether, Zuführung von Sauer­stoff das Leben des Papstes nur umStunden verlängern. Wie ihm der Neffe des Papstes, Camillo Pecci, erzählte, sprach der Papst gestern nnt ihm Md Ludovico eine halbe Stunde lang über ge­schäftliche Dinge in Carpineto und erwähnte dabei auch, daß die Anstrengungen des Jubiläumslahres seine Kräfte erschöpft hätten. Heute früh sagte Kammer­diener Centra dem Korrespondenten, die vergangene Nacht sei verhältnismäßig ruhig gewesen, aber der Schwächezustand des Papstes sei gleich groß.

* Rom, 10. Juli 1903, 8.20 abds. Im Brustfell hat fich «eue Flüffigkeit angesammelt. Ma« befürchtet, der plenrittsche Erguß werde fich immer mehr ausbreite«.

'Rom, 10. Juli 1903, 9.5 mn. Soeben wird eine dreitägige «udacht i« der Privatkapelle des Papste» ««geordnet, CheliuS übergab em H « « d - schreibe« de» deutsche« Kaiser».

Vie Krankheit öes hl. Paters.

Gestern vormittag schritten die Aerzte beim hl. Vater zu einer zweiten Operation, Welche gut verlaufen ist, allerdings die Kräfte des hohen Pattenten begreiflicherweise geschwächt hat. Die Berichte über den Krankheitszustand des Papstes widersprechen sich auch heute wieder. Die Stimmung in der nächsten Umgebung des Kranken ist bald hoffnungsfreudig, bald sehr ge­drückt, je nachdem die willensstarke Natur Leo XHI. eine kleine Besserung zeigt oder der Krästeverfall im Zunehmen begriffen ist. Die bald trübe bald freudige Stimmung m vatt- kanischen Kreisen spiegeln auch die Drahtnach­richten wieder. Jedoch darf man sich durch günstige Nachrichten nicht täuschen lassen, da nach rein menschlichem Ermessen jede Aussicht auf Befferung ausgeschlossen ist und die ärzt­lichen Bemühungen nur darauf gerichtet sind, dem hl. Vater Erleichterung und damit Lebens­verlängerung, wenn auch nur auf Tage oder Stunden zu schaffen. Beten wir zu Gott, daß er das Leben des großen Papstes schütze und ihm Kraft und Stärke in diesen Tagen schwerer Leiden schenken möge!

Ueber die erste Operation erhalten wir von unserem römischen Mitarbeiter folgenden Bericht:

B. Rom, 8. Juli 1903. Der erste Brusthöhlenstich hat gestern glücklich stattgefunden. Nachdem gestern Morgen die beiden behandelnden Aerzte konstatiert hatten, daß die heftigen Brustschmemen deS hohen Pa­ttenten von der bluthaltigen Flüssigwit in den Lungen ?Zerrührten, wurden tm Einverständnisse des hl. Vaters ofort alle Vorbereitungen zu dieser Operation ge­troffen. Leo XIII. äußerte sich zu den Aerzten, daß er doch einiges Bedenken hege, in seinem Zustande eine vielleicht sehr schmerzhafte Operation auszuhalten. Jedoch Dr. Lapponi beruhigte ihn, indem er versicherte, daß das Ganze eigentlich eine Operation nicht genannt «erden könne und auch absolut schmerzlos für Seine Heiligkeit sein werde.Nun, so sei es denn,' ent. «ortete daraus der hl. Vater. Außer den beiden Aerzten, Leibarzt Lapponi und Chirurg Dr. Mazzoni, «ar nur der langjährige Kammerdiener Centra zu­gegen, als der Stich gemacht wurde. Der heil. Vater zeigte sich sehr vergnügt und wollte sogar aus dem Bette steigen, weil dasselbe wegen mangelhafter Be­leuchtung verrückt werden sollte. Nur das Aufgebot der ganzen ärztlichen Autorität konnte den heil. Vater von diesem Vorhaben abbringen. Die Operation dauerte eine halbe Stande, während welcher Zeit der hl. Vater in sitzender Stellung tm Bette verblieb. Zuerst wurde die Stelle des Brustkorbes, an welcher der Versuchsstich vorgenommen wurde, desinfiziert und mittels Kokain unempfindlich gemacht; sodann wurde die Pravaznadel unterhalb der Lungen eingeführt. Die »erste hatten richtig vermutet, denn es konnte nicht weniger als 800 Gramm bluthaltiges Serum mittels der Saugkanäle von Potain entfernt werden. Die Operation ging vorrüber, ohne daß der hl. Vater den geringsten Schmerz verspürte. Anfangs zitterte der hl. Vater am ganzen Körper, aber sofort stellte sich «ine wohltuende Erleichterung bei ihm ein. Der hl. Vater dankte Dr. Mazzoni und ließ sich von ihm die Instrumente, welche zur Operation nötig

eitung

Monatsbeilage:Zulbaer SeschichtsbMer".

waren «inen und erklären und belobte Dr. Mazzoni wiederholt^wegen feiner Geschicklichkeit und daß er ihm jeden Schmerz erspart hätte. Das daraus erfätenene ärttlicheBulletin lautete überaus gunstrg und man gab sich schon allgemein der freudigen Hoffnung hin, daß uns auch diesmal das teure Leben unseres hl. Vaters erhalten bliebe. Die Befferung im Befinden Leos XIII. dauerte denn auch bis zum Abend an. Dr. Lapponi verhehlte keineswegs, daß trotz der anscheinenden Befferung die Gefahr durchaus nicht vorüber sei und mahnte, fich nicht zu großen Hoffnungen hinzugeben. Wenn die Besserung bis Donnerstag anhielte, so waren allerdings große Hoffnungen, aber noch durchaus keine Sicherheit vorhanden. Das Erkalten der einzelnen Körperteile, welches vor der Operation einen bedenk­lichen Grad erreicht hatte, verschwand nach und nach ganz: ebenso nahmen die Fingerspitzen, welche sich violett gefärbt hatten, ihre natürliche Farbe an. Alle diese günstigen Zeichen und das fortdauernde Wohl­befinden des hl. Vaters veranlaßte Dr. Lapponi, das übermüdete Dienst- und Aufsichtspersonal für eimge Stunden zur Ruhe zu schicken. Um IVI» Uhr nachts kam ein weiteres günstig lautendes Bullettn heraus. Etwas später verfiel der hl. Vater in sehr unruhigen, nervösen Halbschlaf und es trat eine Verschlechterung ein, welche mit dem anbrechenden Morgen stetig zu­genommen hatte. Gegen 9 Uhr erschien das erste heutige Bulletin, welches im Gegensätze zum letzten von gestern sehr die frohen Hoffnungen darmederdruckte. Im Laufe des heutigen Tages trat denn auch noch eine weitere Verschlimmerung ein, so daß man letzt schon das Aeußerste befürchtet. ,

Bis 11 Uhr heute Vormittag gingen nachstehende Drahtberichte bei uns em:

» Rom, 10. Juli 1903. DerBrusthöhlenstichbeim Papste wurde heute schneller vollzogen als das erste­mal. Bevor die Aerzte ihn zwischen 10 undlO'/.UHr vor­mittags vornahmen, benachrichtigten sie den Papst von der Notwendigkeit einer neuen Operation. Nachdem der Papst seine Zustimmung gegeben hatte, traf Mazzoni die erforderlichen Vorkehrungen zur Operation. Nach 25 Minuten war alles beendet. Der Papst er­litt bei der Operation keinebesonderen Schmerzen. Er bantte nach berfetben Mazzoni. Man gab dem Papste alsdann Bouillon mit Marsala und Ei. Roflom und 4 andere Aerzte find mit der Prützng der dem Papste entzogenen 1000 Gramm Serumflüssigkeit be­schäftigt. Die Ergebnisse der Analyse werden erst morgen bekannt werden. Während der Operation waren im Nebenzimmer die beim Vatikan beglaubigten Bot­schafter Oesterreich-Ungarns, Portugals und Spaniens, sowie 14 Kardinäle anwesend. Die Aerzte trafen bei ihrem Eintritt den Papst im Lehnstuhl sitzend, worauf sie ihn ersuchten, sich zu Bett zu begeben. Nach der Operation wollte der Papst die Kardmäle sprechen, die Aerzte ließen eS nicht zu. Der heute Vormittag 10-/- Uhr über das Befinden des Papstes ausgegebene Be­richt lautet: Der erhabene Kranke verbrachte die Nacht ziemlich ruhig. Später erhöhte sich die Atmungsschwierigkeit unter d«n Gefühl von Unbehagen und vermehrter Bellommenhett. Puls klem und schwach, 92 Schläge in der Minute. Völlige Fieberlosigkeit und wenig Harnabsonderung. Da eine neue Ansammlung pleuritischen Exsudats festgestellt wurde, wurde sofort zum Brusthöhlenstich geschritten, der von Mazzoni vollzogen wurde. Es wurden etwa 1000 Gramm blutige Serumflüffigkeit entfernt. Der Papst ertrug auch diese zweite Operation sehr gut, nach welcher sich sofort Atmung und Herztätigkeit besserten. . ' .

Rossoni. Lapponi. Mazzom.

Rom, 10. Juli 1903. Der Papst weiß noch immer nichts vom Tode Bolpinis, dessen Leiche beute Morgen ohne besondere Feierlichkeiten und ohne Glockengeläute nach der Peterskirche überführt wurde. Auf die Kardinäle, welche fich während der Operation im Vatikan befanden, machte eS einen tiefen Eindruck, daß die Aerzte lange Zeit zur Abfassung des Krank- heitSberichteS brauchten. Man vermutete, daß die Aerzte in ihrem Urteil über die Krankheitserscheinungen nicht einig seien. Die Aerzte erklärten Bericht­erstattern gegenüber, sie seien lange Zeit im Vatikan

an Bord derHohenzollern" ein Gebet für den erkrankten Papst gesprochen, sowie die Meldung, daß der Antritt der Nordlands­reise sich deshalb vermögen habe, weil der Kaiser ich im Falle des Todes des Papstes zu den Beisetzungsfeierlichkeiten nach Italien begeben wolle, werden jetzt von der ,Nordd. Allg. Ztg/ als erfunden bezeichnet. Die Nordlandsreise wird voraussichtlich morgen angetreten werden.

* Die .Deutsche Tageszeitung' spricht sich entschieden dagegen aus, daß die Konservative« in Zukunft den Freisinnigen nochmals bei den Wahlen gegen die Sozialdemokraten »eistünden. Der Freisinn habe ihnen bei den etzten Wahlen für ihre Hilfe durchaus kein Aequivalent geboten. Er erkläre sie zwar für verpflichtet, ihn im Kampfe gegen die Sozial- demokraüe herauszuhauen, unterstütze selbst aber fast ausschließlich die Sozialdemokratie und be­zeichne sie diesen gegenüber als das größere Uebel. Bis zu den nächsten Wahlen müsse die Bevölkerung darüber aufgeklärt werden, daß Freisinn und Sozialdemokratie völlig gleichwertig seien. Die bisherige Gepflogenheit, ihn als das kleinere Uebel zu betrachten, habe auch den Miß­stand zur Folge gehabt, daß man auf konserva­tiver Seite schon bei Aufstellung der Kandidaten vielfach darauf Rücksicht genommen habe, daß tm Falle einer Stichwahl auch der Freisinn für ihn stimmen könne. So seien statt wirtschaftlich klar denkender, entschloffener Persönlichkeiten Mischmaschkandidaten aufgestellt worden. In Zukunft dürfe so etwas im Interesse einer ge­sunden Wirtschaftspolitik nicht mehr vorkommen. Der Freisinn müsse ebenso bekämpft werden, wie die Sozialdemokratie.

[:] Die Berliner Sozialdemokraten rüsten nach ihrem Reichstagswahlfiege bereits zu den im Herbst stattfindenden Landtag8- w ah len. Da in Berlin ein Kompromiß mit der Freisinnigen Volkspartei, die im sicheren Besitz der Landtagsmandate der Reichshauptstadt ist, ausgeschloffen scheint, soll die besonders von Dr. Arons empfohlene Obstruktionstaktik befolgt werden, um das Landtagswahlrecht mit seinen einzelnen Bestimmungen ad absurdum zu fuhren. In manchen Kreisen gibt es z. B. gar kein Lokal, das alle Landtagswähler f aff en könnte. Falls alle Wähler schriftlich durch Eintragung in die Listen abstimmen, würde es nicht möglich sein, die Wahlen an einem Tage zu Ende zu führen usw. Andererseits will die Sozialdemokratie versuchen, aus eigener Kraft in den Arbeiterbezirken so viel Wahlmänner als möglich durchzubringen. Auch derWahlverein sozialdemokratischer Frauen" wird bei den Landtagswahlen wieder in Tätig­keit treten.

§ In dem Prozeß gegen die Pommerubank wurde ein Briefwechsel verlesen, aus dem her­vorgeht, daß dieVermögensverwaltungs­stelle für Offiziere und Beamte" mit der Bank ein Abkommen traf, das vielen Offi­zieren und Beamten schweren Schaden gebracht haben dürste. Die Vermögensverwaltungsstelle verpflichtete sich nämlich, ihren Kunden die Aktien- und Pfandbriefe der Pommernbank vor allen anderen gleichwertigen Papieren als Anlagewerte

Fügungen.

Erzählung von A. Uhbvlph.

5 ------ (Nachdruck verboten.)

Es war dem scharf aufmerkenden Auge des Assessors «icht entgangen, daß der Oberförster mit den Rech- mmgsbüchern zugleich noch ein anderes Packet, das auf dem Schreibtische lag, ergriffen und mit ins Kassen­lokal genommen hatte.

Der mit mehreren Schlössern versehene, in die Wand «»gemauerte Geldschrank wurde geöffnet. In seinen vielen Fächern herrschte überfichtliche Ordnung.

Zuerst wurden die Hypotheken, Rentenbriefe und bergt heraus genommen. Dabei ließ der Oberförster das mitgenommene Päckchen in den Schrank gleiten; aber nicht unbemerkt, wie er glaubte. Der Assessor hatte keine feiner Bewegungen unbeachtet gelassen. Man schritt zur Revision der Papiere. Der Oberförster hätte das gern in Bausch und Bogen abgemacht, und selbst der gewissenhafte Rechnungsrat hätte nichts da- Sn gehabt; der Regierungs-Assessor aber hatte jetzt ich Gelegenheit, auch ein Wort mitzusprechen.

Nach der Instruktion müssen wir die Instrumente einzeln besichtigen," meinte er, indem er sein goldenes Pincenez auf die Nase klemmte.

Der Oberforfirat war im Inneren ungehalten über diese ganz überflüssige Weitläufigkeit, welche die Re­vision unnötig in die Länge zog; doch konnte er nichts dagegen einwenden und brummte nur ziemlich ver­ständlich unter seinem grauen Barte:Möchte nur wissen, wie jemand die Wertpapiere bei Seite schaffen wollte, find ja alle außer Kurs gesetzt."

Aehnliche Gedanken hatte wohl auch der Rech- nungsrat; denn fein Gesicht über flog rin leichtes, spöttisches Lächeln, während er einen Blick des Ein­verständnisses mit dem Oberforfirat wechselte, der fich ,6er" '~a «nen Lehnstuhl niederließ.

Sitter hatte die Kapitalsnachweisung in der Hand und las vor; der RegiernngSaffessor prüfte die Papiere. Diese Revision währte ziemlich lange. Der Oberforst- rat ließ manch nur halb unterdrücktes Gähnen hören, endlich war auch diese beendet und alles in Ordnung befunden worden. t

Jetzt kommen wir zur Prüfung der Barbestände, erklang die Stimme des RegierungSasseffors. Er griff dabei nach einem versiegelten Säckchen in der Absicht, es zu öffnen.

Herr Assessor, Sie wollen doch nicht gar etwa den Sack aufmachen und nachzählen," rief entsetzt der Oberforsttat, indem er von seinem Sitze auffprang.

Allerdings Herr ..." , . .

Ach, warum nicht gar; da müßten wir ja bei diesen bedeutenden Beständen bi» zum jüngsten Tage zählen, nein, das geht nichts .

Aber die Instruktion, Herr Oberzorst . . .

Die Instruktion lautet, daß wir uns überzeugen sollen, ob alles in Richtigkeit ist, und da genügt daß wir von jeder Geldsorte zwei, höchstens drei Rollen öffnen unb nachzählen. Sind sie in Ordnung, so können wir mit gutem Gewissen bei den anderen die bermertten Summen als richtig annehmen. Ich werde die Rollen aussuchen und sie können zählen, Herr

Bei diesen Worten hatte auch schon der Oberforst­rat zwei Rollen ergriffen und dem Assessor überreicht. Dieser begann die Zählung, aber schon bet der zweiten Rolle unterstützte ihn der Oberforfirat, dem die Sache viel zu langsam ging, mit starker Stimme.

Richtig, Herr Oberförster! Bitte, ordnen Sie das Geld auf dem Tische.

Der Schrank leerte fich immer mehr; aber auch immer unsicherer wurden die Bewegungen des Ober­försters; seine Hände zitterten so, daß ihm eine Geld- wlle aus der Hand fiel; er bückte sich, sie aufzuheben; doch was war das schwankte er jetzt nicht selbst ferne Hände suchten einen Stützpunkt, und ehe noch

ein Wort der Frage fich von den Lippen der An­wesenden lösen konnte, brach er bewußtlos zusammen.

Bald erschallte der Ruf nach Hilfe im Hause; die Revision mußte vorläufig eingestellt werden. Der Ober­förster lag in seinem Zimmer auf dem Sopha; ver­geblich waren die Versuche, ihn seiner Ohnmacht zu entreißen.

Seine trostlose Gattin rang verzweifelnd die Hände, während Lisbeth, aus deren blühendem Gesicht jeder Blutstropfen gewichen schien, Schläfe und Pulse des Vaters mit belebenden Essenzen einrieb.

Der Oberforsttat stand mit sorgenvoller Miene vor seinem alten Freunde und murmelte;Ja, ja, er war schon krank, als wir hier ankamen. Da haben wir ihn noch angestrengt. Die verwünschte Revision!"

Der Rechnungsrat nickte zustimmend mit dem Kopfe und auf seinen vertrockneten Zügen sprach fich deutlich tiefes Mitgefühl aus.

Nur der Regierungsassesior blieb kühl und un­gerührt.

Ich dächte, meine Herren, wir beendeten die Revision."

Der Ooerforstrat wandte fich unwillig um: Jetzt in diesem Augenblicke? Ich dächte, wir warteten . . ."

Auf was? Bis der Oberförster zu fich kommt? Ich habe meine eigenen Gedanken über da« plötzliche Unwohlsein. Es ist gar kein Grund zu einer Ver­zögerung. Im Gegenteile ist es jetzt für uns geboten, die Kasse zu übernehmen, da wenn es sich hier um eine ernstliche Erkrankung (die Stimme des Re­gierungsassessors klang bei den letzten Worten ftar spöttisch) handeln sollte, für Vertretung gesorgt werden müßte."

Der Oberforstrat fühlte sich unangenehm von den Worten des jungen Beamten berührt. Seine Stimme klang stolz und hochfahrend, als er ihm antwortete: Sie müssen sich schon noch gedulden, Herr Regie-

rungsafleffor, bis der Arzt kommt und der Kranke in ein anderes Zimmer ttansportiert worden ist. In An­wesenheit eines vielleicht Sterbenden dürste es wohl nicht angemessen sein, Geschäfte abzuwickeln."

Er schloß das Kaffenzimmer ab und steckte den Schlüssel zu sich.

Es vergingen einige bange Stunden. Endlich kam der Arzt. Sein Ausspruch lautete: Gehirnschlag infolge heftiger geistiger Aufregung; doch schloß et noch nicht jede Hoffnung auf Rettung aus. Vorsichtig wurde der Kranke in fein Schlafzimmer gebracht. Der Arzt duldete vorläufig bei ihm nur Lisbeth unb einen alten Diener; der Frau Oberförster verbot er direkt den Eintritt in das Krankenzimmer, bis fich ihre allzu starke Aufregung etwas gelegt haben würde.

Die drei fremden Herrn waren allein zurückge­blieben.

Ich dächte", fing der Regierungsassessor von neuem an,wir könnten jetzt ..."

Folgen Sie mir, meine Herrn", schnitt ihm der Oberforstrat das Wott ab, öffnete das Kassenlokal und schritt voran.

Man setzte die unterbrochene Revision fort. Die Bestände wurden notiert; Bitter fing an zu summieren. Wie kam es, daß er gar nicht fertig würde? Ging es ihm, wie zuvor dem Regierungsassessor? Immer und immer wieder begann er die Rechnung von neuem. Der Unterschied zwischen chm und dem jungen 9te^ie= rungSbeamten war nur der, daß er stets die nämliche Summe herausbrachte. Der Schweiß stand dem braven Mann schon auf der Stirn.

Verwundert blickte der Oberforstrat auf den sonst so gewandten Rechner; höhnisch lächelte der Assessor vor fich hin.

Herr Oberforstrat entschuldigen", begann endlich Bitter,haben Sie nicht vielleicht irgend welche Rolle« übersehen?"

Herr von Kronen räumte alle Bestände aus beut Schranke auf den Tisch.