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30» Jahrgang.

fuiaa, Mittwoch, den 8. Juli 1903.

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die meiste Aussicht habe, fügt aber schließ­lich wieder hinzu, daß es auch anders kommen könne. Für oberflächliche Leser hat man dann alles im voraus gewußt.

Das Kardinalskollegium wird meist dargestellt als eine Gesellschaft von Intri­ganten, das Konklave als ein großes Jntri- guenspiel. Daß die Kardinale auch ein Ge­wissen haben, welches sie verpflichtet, bei der Papflwahl allein das Wohl der Kirche im Auge zu haben, scheint den Herren Bericht­erstattern niemals in den Sinn zu kommen. Sie wissen gewöhnlich nur zu erzählen von Rivalität, Neid, Unbeliebtheit, Haß, politischer Gegnerschaft, Jntrasigententum usw., kurz von Jntriguen und Leidenschaften, die bei der Pavstwahl den Ausschlag geben sollen. Es ist sogar der Ver­dacht geäußert worden, daß der Papst schon ver­schieden sei, daß aber die Nachricht von seinem Tode, der manchen Kardinalskreisen in Rom und anderswo rascher als erwartet käme, noch hintan­gehalten würde, und mit gewohntem Wohlwollen meint der,Reichsbote': „Sicher wird jetzt hinter den Portieren des Vatikans zwischen den ver- fd {ebenen Papabiles und ihren Freunden ein ebenso erbitterter, wie fieberhafter Jn- triguenkampf ausgefochten, an dem bis zu einem gewisfen Grade auf dieser Allerweltsbühne der Kurie auch die europäische Diplomatie teil­nehmen dürfte."

Derartige Auffasfungen von den Vorgängen bei einer Papstwahl mögen ja hier und da in der Kirchengeschichte des Mittelalters einen ge- wiffen Anhalt haben, wer aber heute die Kardi- näle als ein Jmriganten-Kollegium ohne Ge­wissen, sittlichen Ernst und aufrichtiges Jnteresie für das Wohl der Kirche hinstellt, der hat dafür keinen tatsächlichen Anhalt und urteilt lediglich aus Uebelwollen und konfessioneller Voreingenommenheit. Die katholische Christenheit wird sich durch solche Zerrbilder über Personen und Verhältnisse an der Spitze der Kirche nicht irre machen lasten, sondern die Ueberzeugung unerschüttert bewahren, daß, wenn Leo XIII. von seinem hohen Amte abberufen wird, bei der Wahl seines Nachfolgers das WohlderKirche allein entscheidend sein wird.

umtauf und die Atmung sind langsam, aber in fort» chreitender Besserung begriffen.

Was aber besonders dazu beitrug, in ihrem Sohne jede Leidenschaft zu erschreckender Größe anwachscn zu lasten, war der Umstand, daß die Eltern leider ver- fSumt hat>cn, in ihm jene Schranke zu errichten, die allein im Stande ist, dem Bösen erfolgreichen Wider­stand zu leisten, die Schranke fester Religiösität.

Der Oberförster, ein gläubiger, aber viel zu lauer Katholik, hatte die Sorge für die religiöse Erziehung gänzlich seiner Frau überlasten. „Das ist Weiberan- legenheit," meinte er.

Und seine Frau? Ihr fehlte dazu jener lebendige Glaube, der alles durchdringt, belebt und läutert: ihr fehlte die innerliche Tiefe und Innigkeit; sie hatte nur die äußere Schale des Glaubens erfaßt, ohne auch nur Sehnsucht zu empfinden nach dem Alles be­seligenden Kern.

Sie überschüttete ihre Kinder, besonders Hubert, mit aller erdenkbaren menschlichen Liebe und ließ sie «in Besten, am allein Guten Mangel leiden.

In ihrem Hause fehlte der Pulsschlag des lebendigen Glaubenslebens, und darum konnte auch keine rechte geistige Gesundheit herrschen.

Leider zeigte sich das schon jetzt recht deutlich an ihrem einzigen Sahne Hubert, der zum Danke für bie an ihn verschwendete Liebe der Grund zu tiefem Summt r und häufigem Unfrieden zwischen den Eltern wurde.

Der Oberförster hatte an dem oben erwähnten Lage bei seiner erst gegen Abend erfolgten Heimkehr -eine sehr bedeutende Wechselsorderung auf seinen Sohn vorgefunden.

Es hatte eine heftige Szene stattgehabt, da die Mutter, wie gewöhnlich, die Partei des Sohnes er-

Sitzungen.

Erzählung von ». Uhdolph.

------ (Nachdruck verboten.)

[:] Vie liberale presse über die Krank­heit öes Papstes.

Geberbenspäher unb Geschichten- träger haben jetzt eine große Zeit. Das leb­hafte Interesse, bas bie ganze zivilisierte Welt dem sterbenben Papste zuwenbet, berührt jeben Katholiken wohltuend. Anerkannt zu werben verbient auch, baß bie nichtkatholifche Presse im Allgemeinen sich sehr sympathisch über Leo XIII. äußert. Daß man möglichst viele Einzelheiten über bie Vorgänge im Vatikan zu erhalten unb zu verbreiten wünscht, ist eben­falls anerkennenswert, wenn babei auch nicht ge- rabe das selbstlose Interesse an der Persönlich­keit des Papstes immer der Beweggrund ist. Manches, was da erzählt wirb, ist natürlich recht wenig beglaubigt; boch schabet bas weiter nicht.

Für bebenklich bagegen müssen wir es er­klären, wenn ein Teil der Presse seine Leser mit 'Nachrichten über bas künftigeKonklave unb den künftigen Papst versorgt. Manchmal grenzt es geradezu ar groben Unfug. Jeder vernünf­tige Mensch wird sich selbst sagen, daß es nicht gerade die liberale, jüdische und Sensa­tions-Presse sein wird, die von den hohen kirchlichen Persönlichkeiten in die „Geheimnisse des Vatikans" eingeweiht wird. Aber gerade diese Presse ist immer „am besten unterrich­tet". Sie weiß einfach alles. Jeder obfkure Berichterstatter spielt sich da auf, als ob er im Vatikan bei Tag und Nacht ein- und ausgehe und mit Kardinälen und anderen kirchlichen Würdenträgern auf Du und Du stehe. Wohnt er zufälligerweise nicht in Rom, sondern in einer andern europäischen Großstadt, so hat er dort sofort einen „hohen kirchlichen Würdenträger", eine „mit dem Vatikan in engster Fühlung stehende Persönlichkeit", oder wie die Wendung sonst lau­tet, zur Hand, um sich in die Geheimnisse ein- weihen zu lassen.

Wie offenherzig sind alle diese Kardinäle, Prälaten und Würdenträger, es ist zum Staunen! Einem beliebigen Menschen erzählen sie ohne Umstände lang und breit, wie sie über den und den Kardinal denken und was für, was gegen feine Wahl zum Papste spricht. So kommt es denn, daß eine ganze Reihe von Blättern den «ächstenPapst schon fertig hat, ehenoch sein Vorgänger gestorben ist. Das Kon­klave, bie Wahl ist gänzlich Nebensache; alles ist vorher six unb fertig. Vorsichtshalber stellt man bem Leser in bet Regel mehrere Papst- Kandidaten zur 'Verfügung, bezeichnet mit großer Sicherheit, nachdem man sich von seinem Kar­dinal, Prälaten oder Würdenträger das Für und Wider gründlich und freimütig hat ausein­ander setzen lassen, einen davon, der unbedingt

„Mama, was wirst Du sagen? Hilde . . .* „Nun, was ist's mit Baronesie Hildegard?" „Sie geht ins Kloster."

Das Journal glitt aus der Hand der Frau Ober­förster und fiel zu Boden; ein lebhaftes Erschrecke« malte sich in ihrem Antlitz. Doch bald ermannte sie

sich. Mit erzwungenem Lächeln und erkünstelter Heiterkeit, durch welche aber unverkennbar große Angst hindurchklang, sagte sie:

„Was ist da fo besonderes, wenn Baronesse Hildegard auch einmal ihre alten Lehrerinnen auf­sucht?"

„So ist es nicht gemeint, Mama. Hilde geht nicht zum Besuch ins Kloster; nein, nein. Sie selbst nimmt den Schleier, wird Klosterstau."

Jetzt sah auch der Oberförster von seiner Zettv»; auf.

„W»s sagst Du, Lisbeth? Baronesse Hildegard geht ins Kloster? Ach, Kindereien! Man kennt das! . . ."

„Stein, gewiß nicht, Papa! Es ist Ernst. Höre was sie schreibt. „Du. weißt, liebe Lisbeth, wie schon von je meine Neigung dahin zielte, einst inS Kloster gehen zu dürfen."

„Und davon hast Du uns nie etwas gesagt."

„Ich habe öfter darauf angespielt. Ihr hieltet e» aber für Kinderphantasien und . . ."

„Weiter, nur weiter!"

„Ich hielt meinen Herzenswunsch vor meine» Eltern nicht geheim. Ich bat sie, mich nicht erst ans dem Kloster herauszunehmen, sondern die Penstonäri» zur Kandidattn aufsteigen zu lassen. Doch so sehr sie für das Klosterleben eingenommen find, willfahrten sie meiner Bitte nicht.

„Sie sagten, ich wäre noch zu jung, ich müßte erst einige Zeit in der Welt leben und — sollte dann mei« Entschluß nicht wankend werden, würden sie mir ihre« Segen nicht oerw igern.

„Auch die ehrwürdige Frau Oberin billigte die Entschuldung meiner Ettern, und seufzend verließ ich das liebt Kloster.

»«zeigen: Die ein­spaltige Petitzeile ober deren Kaum 15 Pfg. Keklamen die petitzeite 25 Pfg.; bei Wieder­holungen wird enispr.

Rabatt gewährt.

Druck und Verlag der Zuldaer Aetiendruckeret in Hulda (Harmonie).

Zernsprecher Nr 4.

Berlin, den 7. Juli 1903.

** Kaiser Wilhelm II. erhielt bie Nach­richt von der schweren Erkrankung beS Pavstes, wie dem ,Berl. B.-Kourier, von zu­verlässiger Seite aus Kiel mitgeteilt wirb, Sonn- :ag morgens an Bord ber „Hohenzollern". Bei dem vormittags stattfii.benben Schiffsgottesbienst prach ber Kaiser ein Gebet für ben Papst. Der Kaiser sagte: „Depeschen aus Rom enthalten cklechte Nachrichten. Der Papst, ben ich kenne, liebe unb verehre, ist in Gefahr. Beten wir für ihn." Der Kaiser sprach fobann einfach unb einbrucksvoll ein Gebet für Leo XIII. Der Schlußsatz des frei gesprochenen Gebetes, bas auf bie Anwesenheit tiefe Wirkung ausübte, lautete: „Die Welt braucht große, gute Männer, möge ber allmächtige Gott bem heiligen Vater noch viele Jahre schenken.

§ Der liberale Bertrauensmänneraus- schuß, ber verschiebentlich als vorläufiger Ersatz für bie „große liberale Partei", vorgeschlagen worben war, finbet bei bem Abg. Richter keinen Anklang. Man liest im Briefkasten ber ,Freis. Ztg.': „X. A. Der Vorschlag, eine Art Seniorenkonvent, ein Vertrauensmännerausschuß herzustellen, um ein engeres Einvernehmen zwischen ber Fraktion ber Linken im Parlament zu ermög­lichen, beruht auf einer Unkenntnis bes parla­mentarischen Geschäftsganges. Alle Fraktionen ohne Ausnahme treten in Verhanblungen mit einanber in formloser Weise in solchen Fragen, inbem ein gemeinsames Vorgehen angezeigt ist. Auch in ber Kommission bespricht man sich in bieser Weise. In jebem einzelnen Falle finb die Fraktionen verschieden, bei denen ein Zusammen­wirken möglich ist. Ebenso findet eine gegen­seitige Unterstützung bei Initiativanträgen statt, eventuell nach Vereinbarung ber Formulierung. Eine Art Seniorenkonvent, ein Vertrauensmänner­ausschuß würbe ein engeres Einvernehmen dort, wo es in ber Sache angezeigt ist, nicht erleich­tern, sondern umgekehrt erschweren und insbeson­dere für eine rasche Initiative Hemmnisse bereiten."

(*) Ein Pole, der als Gutsoorsteher tätig war, hatte sich geweigert, ein Verzeichnis ber schulpflichtigen Kinber mit polnischen Bor­namen in beutscher Form für ben Schul­inspektor einzureichen. Der Gutsvorsteher be­hauptete, er bürfe nur die Namen so wieder­geben, wie sie ihm von den Eltern genannt wurden; er würde sich sonst einer Urkunden­fälschung schuldig machen. Der Landrat sah sich schließlich veranlaßt, ben Gutsvorsteher in eine Orbnungsstrafe zu nehmen. Dieser erhob nach fruchtloser Beschwerde Klage beim Oberoerwal- tungsgericht, welches jedoch die Klage kosten­pflichtig abwies.

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verantwortlicher ^B.

Hchriftleiter:Zof.vaum

3. KÄ'sX woch-übeiiage: „Illustrierte Sonntagszeitung

Ueber den Verlauf ber Krankheit liegen fol­gende Meldungen vor:

* Rom, 7. Juli, 12 Uhr 55 Min. nachmittags. Heute früh ‘MO Uhr verlas Dr. Lapponi im Thron­saal das neueste Bulletin vor neun anwesenden Kar­dinälen. Nach diesem Gutachten der Aerzte hat sich der allgemeine Zustand nicht verschlimmert; das Lungen­leiden ist ebenfalls nicht vorgeschritten; die Finger­spitzen zeigen eine violette Farbe; die Extremitäten er­kalten. Es besteht die Befürchtung, daß eine Brust­fellentzündung einzutreten droht. Aus diesem Grunde soll im Laufe des Tages eine Operation vorgenommen werden, um zu konstatieren, ob Waffer vorhanden ist. Der Papst kommunizierte heute früh um 5 Uhr. Geheimkaplan Mazzolini reichte dem hl. Vater, der bei klarstem Bewußtsein war, die hl. Kommunion. Dann ließ sich der Papst die .Voce della Verita' bringen und das Votum aus der gestrigen Sitzung des römischen Gemeinderates bezüglich seiner Genesung vorlesen. Die Aerzte betrachrcn mit Er­staunen die große Widerstandsfähigkeit des griffen hatte. Nach dem Abendessen war der Streit in der geschilderten Weise fortgesetzt worden.

Lisbeth, ein sanftes, liebes Mädchen, sann eben auf einen passenden Vorwand, u* ohne Aufsehen das Zimmer verlassen zu können, als in diesem Augen­blicke wirklich der Hofhund anschlug und Mylord im Zimmer die Ohren spitzte.

„Peter kommt!" rief Lisbeth erleichtert aus.

„Zeit ist's; ich möchte wissen, wo sich der Bursche so lang herumcietrieben," brummte der Oberförster.

Schon öffnete sich die Türe und ein Jägerbursche trat ein, indem er eine Entschuldigung wegen seines späten Kommens hervorstotterte.

Das Wort wurde ihm von den Lippen fort- geschnitten. Die Frau Oberförster hatte das Strick­zeug fallen lassen und rief mit entsetztem Tone:

„Aber Peter, hat er denn den Verstand ver­loren ? Sonnte er nicht wenigstens den nassen Mantel ablegen und die schmutzigen Stiefel ausziehen? Komm er nur nicht weiter! Er richtet ja eine wahre Sünd- flut an."

Erschrocken prallte der Jägerbursche zurück und starrte verblüfft die Schmutzspuren an, die seine Stiefel auf bem rein gescheuerten Fußboden zurück- gelassen hatten, während an den Falten des Mantels das Wasser wie von einer Dachrinne herniederrieselte und kleine Pfützen bildete.

Bei dem unsanften Ausrufe seiner Frau verrauchte der Unwille des Oberförsters; er fühlte Mitleid mit bem gänzlich durchnäßten Burschen.

„Gib, Peter, die Mappe und geb! Laß Dir in der Küche einen steifen Grog machen!"

Der Bursche wartete keine zweite Aufforderung ab; eilig war er aus dem Zimmer verschwunden.

Die Frau Oberförster hatte schon die Mappe er­griffen und geöffnet. Sie begann den Inhalt zu untersuchen: Zeitungen, verschiedene Journale, zuletzt auch einen Brief, der einen feinen Wohlgeruch aus- strömte.;

„An Dich, liebe Lisbeth," sogte sie, wahrend ein

Papstes. Im Vatikan herrscht großes Kommen und Gehen. In allen Aemtern wird fieberhaft ge­arbeitet. Für den Kardinalstaatssekretär Ram- polla wird die Wohnung des Erzpriesters bei Sankt Peter eingerichtet, da tm Falle des Ablebens des Papstes die Geschäfte des Staatssekretariates auf den gestern ernannten Konststorialsekretär Volpini über­gehen. In Rom herrscht heiße, schwüle Gewitterluft.

* Rom, 7. Juli, 9 Uhr vorm. Alle hiesigen Blätter veröffentlichen Sonderausgaben. Nach dem ,Giornale d'Jtalia' war der Zustand des Papstes gestern abend gegen 10 Uhr ernst. Als seine Neffen bei ihm eintralen, atmete der Papst mühsam. Er konnte nur sagen: „Meine Lieben", wobei Tränen in seine Augen traten. Um 5>, Uhr morgens reichte Msgr. Mazzolini dem Papste die hl. Eucharistie. Der Papst ließ die Personen des Dienstes rufen und sagte: „Ich fühle den Augenblick nahen. Euch Adieu zu sagen." Darauf erteilte er ihnen den Segen. Später fühlte sich der Papst bester, was gegen Morgen bei solchen Krankheiten gewöhnlich und in diesem Falle auch der Zuführung von Sauerstoff zu danken ist.

• Rom, 7. Juli, 3* 1/. Uhr nachm. Professor Mazzoni betrat den Vatikan nach 121/a tU)r mittags mit dem Operationskasten, den er im Vorzimmer zurück­ließ. Als der Papst Mazzoni erblickte, beunruhigte er sich etwas, wurde aber wieder ruhig, als er die be­ruhigende Miene Mazzonis sah. Der Papst fragte, ob es sich um eine geringfügige Sache handle. Er fuhr auf die Antwort Mazzonis fort, er sei in wenigen Minuten fertig, Mazzoni solle ohne weiteres das Er­forderliche tun, er vertraue ihm. Der Papst, welcher auf dem Lehnstuhle saß, wurde vom Kammer­diener Centra auf das Bett gelegt. Es wurde nur die Brust entblößt. Der Papst betete schweigend. Die Operation begann um 1 Uhr. Maz­zoni wurde von Lapponi assistiert. Mazzoni machte mit einer Metallspitze eine Kokaineinspritzung, um den Brustteil unempfindlich zu machen. Der Papst unter­stützte ihn beim Entblößen der Brust, er gab kem Schmerzenszeichen von sich. Mazzoni machte mit der­selben Nadel einen Einstich und entzog eine kleine Flüssigkeit. Nachdem der Versuch geglückt war, nahm Mazzoni eine endgiltige Flüssigkeitsentziehung vor. Die Operation ging, dank der außerordentlichen Geschicklichkeit Mazzonis, sehr gut von statten. In ganz kurzer Zeit wurden 800 Gramm blutiger glülstgkeit entfernt. Mazzoni erklärte dem Papst, die peration sei beendigt. Der Papst erwiderte: „Schon fertig?" Auf die bestätigende Antwort fügte der Papst hinzu: „Warum fühlte ich nichts, während ich früher bei anderen Einspritzungen Schmerzen hatte?" Mazzoni antwortete, das sei auf den neuen Apparat zurückzu­führen, den er dem Papst nach seiner Genesung zeigen werde. Der Papst erwiederte: „So wirds sein, aber Ihrer geschickten Hand kommt das größte Verdienst zu." Nach der Operation betupfte Mazzoni die Wunde mit kollodiumgeträntter Watte. Hierauf zogen sich die Aerzte zurück und faßten ein Bulletin ab. Um 3 Uhr vertteß Mazzoni den Vatikan. Er wird den Papst um ‘/»8 Uhr abends wieder besuchen.

* Rom, 7. Juli 1903, 4*/a Uhr nachmittags. So­eben wurde folgendes Bulletin über das Befinden des Papstes von 2 Uhr nachmittags veröffentlicht : Der an der Brust des Papstes ausgeführte Probestich ergab eine serohaematische Flüssigkeit. Man schritt darauf zum Bruststich, durch welchen etwa 800 Gr. Flüssigkeit entleert wurden. Eine rasche Untersuchung nach der Operation ergab einiges Schleimrasseln in der zuerst ergriffenen Lungengegend. Der Papst ertrug die Ope­ration gut. Seine Stimmung ist gehoben und der all­gemeine Zustand scheint etwas gekräftigt. Gegenwärtig ruht der Papst. Lapponi, Mazzoni.

' Rom, 7. Juli 1903. Professor Mazzoni er­klärte gegenüber einem Vertreter der ,Agenzia Stefan?, die Gefahr drohe, stetig, aber die Krankheit sei unbe­rechenbar. Er habe zwar jede Hoffnung verloren, aber es sei möglich, daß der Papst noch drei Tage lebe.

* Rom, 7. Juli 1903, abends 8 Uhr 25 Min. Das ienlich befriedigende Besinden des Papstes, wo­von das letzte Bulletin mitteilt, hält an. Der Blut- freubigeS Lächeln ihre eben noch so strengen Züge überflog. „Gewiß von der Baroneffe Eggenberg! Ein liebes Wesen, die Baronesse!"

Während Lisbeth den Brief öffnete und zu lesen begann, hatte sich der Odersörster der Zeitungen be­mächtigt und in deren Lektüre vertieft. Zorn und Kummer waren für kurze Zett vergessen.

Die Frau Odersörster hatte ein Moden-Journal gewählt und las begierig die Fortsetzung eines Romanes. Der Friede war für den Augenblick wenigstens wieder hergestellt.

Der Bries mußte interessante Nachrichten ent­halten; es zeigte sich deutlich in den lebhaft erregten Zügen des jungen Mädchens.

„Mama," rief sie endlich aus. „Hildes Schwester hat sich verlobt; rate mit wem "

Die Frau Oberförster sah von ihrem Roman auf. „Ich werde es nicht erraten. Baronesse Juliana mag ja genug Freier gehabt haben, wenn sie auch mir nicht gerade sehr sympatisch ist."

„Warum nicht, Mama? Sis ist doch so geistreich, so liebenswürdig und ..."

„Hochmütig," ergänzte die Mutter. „Ganz anders, wie Baronesse Hildegard. Doch sag mir lieber, wer ist der glückliche Bräutigam?"

„Der Majoratsherr, Graf Balbot."

„Nun, dann kommt ja wieder Geld zu Geld; da mag nicht viel von Liebe die Rede sein."

„Doch, doch, Mama. Hilde schreibt, daß nur die zärtlichste Neigung die Beiden zusammenge­führt hat."

„Die liebe Unschuld, die gute Hilde! Baronesse Juliana wird sich wohl hüten, die Schwester in ihr Inneres blicken zu laffen. Doch was schreibt unsere liebe, süße Hildegard von sich?"

„Ich muß erst weiter lesen."

Lisbeths Augen glitten schnell über de Brief, dessen Seiten bucht mit zierlicher Schr.f: bedeck: waren; ihre Züge nahmen immer einen gespannteren Aus­druck an.