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Maer W Zeitung

verautwortlicher

fUlda, Dienstag, den 7. Juli 1903

M 151

30. Jahrgang.

Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda (Harmonie). Fernsprecher Nr. 9.

Anzeigen: Vie ein* spalttge Petitzeile oder deren Saum 15 pfg. Reklamen die petitzcile 25 pfg.; bei Wieder­holungen w-rd entspr.

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Erscheint tiglich, mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, viertel- jiihrl. vezugspreis ohne vringerlohn und veftellgeld in Fulda und auswärts 1 wk. 5V pfg

5chriftleiter:Zos.vaum

z. parzeller in Fulda. w»chenbiilag-:„Zllustriette Sonntagszeitung"

Mmakbeilage: „Fuldaer Geschichtrblätter"

§ Am Sterbelager Leo s XIII.

Es ließt ein großer Mann im Sterben, doch der katholischen Christenheit war er mehr. Nie­mand wird es eine geschichtswidrige Schmeichelei nennen können, wenn man Leo Xlll. als einen großen Mann bezeichnet. Sein Pontifikat wird in der Geschichte der Kirche nicht nur deshalb für immer denkwürdig bleiben, weil er der zweite Nachfolger des hl. Petrus war, der über 25 Jahre besten Stuhl inne hatte, sondern weit mehr des­halb, weil unter ihm das Papsttum ein An­sehen und eine Autorität gewonnen hat, wie sie nach dem einmütigen Urteile von Freund und Feind nie vorher in gleich hohem Grade bestanden hat. Und das ist nicht etwa — auch darüber ist alles einig — besonders glück­lichen Umständen ober genialen Mitarbeitern zu verdanken, sondern der Kraft, Klugheit und Mäßigung Leo's XIII. selbst.

Es ist schon oft hervorgehoben worden, daß bei seiner Thronbesteigung Papsttum und Kirche in größter Not und Bedrängnis waren und von Feinden ringsum hart bedroht und be­kämpft wurden. Ein Katholik konnte natürlich keinen Augenblick den Glauben der Gegner der Kirche teilen, daß es mit dem Papsttum näch­stens zu Ende gehen werde, aber in banger Sorge sah doch mancher der weiteren Entwicke­lung entgegen, weil der Kirche noch viele harte Schläge zu drohen schienen. Leo XIIL hat sich gleich bei seinen ersten Handlungen und Kund­gebungen nach seiner Thronbesteigung als Frie­denspa pst bekundet, und wenn seine Feinde diese Bezeichnung später auch vielfach mit höhni­scher Betonung gebraucht haben, er war doch ein Friedenspapst. Er hat in der ganzen Welt für bie Herstellung des kirchlichen Friedens gewirkt und es ist ihm in hohem Maße gelungen, weit mehr^ als selbst viele Katholiken geglaubt hatten.

Schon gleich in der ersten Zeit seines Ponti­fikats schlug die Stimmung gegen Papsttum und Kirche, dank seiner unablässigen Bemühungen um bie Besiegung des Hasses und Vorurteils ganz erheblich um. Es gelang ihm, Regierungen und Völker davon zu überzeugen, daß bie Kirche nur das Wohl ber Menschheit will, nicht Machtgelüste verfolgt, um bie Welt zu knechten. And daß Kirche und Papsttum die beste Stütze aller berechtigten ' Autoritäten sind.

Lumen in coelo“ hat ihn eine angebliche alte Prophezeiung genannt. Als ein himmlisches Licht «erwies er sich in der Tat in seinen zahlreichen Enzykliken, in deren er die menschliche Gesellschaft, die Regierenden und die Völker über alle wich­tigen Fragen des öffentlichen und privaten Lebens der Gegenwart belehrte, die liebel der Zeit und ihre Wurzeln aufdeckte und aus die Heilmittel hinwies, die das Christentum an die Hand gibt. Nur böser Wille konnte es angesichts dieser Kund­gebungen leugnen, daß Papsttum und Kirche eine feste Stütze aller sittlichen Ordnung und aller Autorität sind.

Wir deutschen Katholiken haben Leo XIII. ganz besonders viel zu verdanken. Er hat mit Weisheit und Mäßigung die Wiederherstellung

Zöglingen.

Erzählung von 1. Uh dolph.

------ (Nachdruck verboten.)

1. Kapitel. D as Forst Haus.

Herbst war's geworden; ein rauher, kalter Herbst mit trüben, düsteren Regentagen. Dichte Nebelkappen verhüllen die Kronen der Bäume; ein feiner, dichter Nebel sprüht hernieder. Es ist später Abend. Bald weicht das düstere Grau d es Tages dem tiefen Schwarz der Nacht.

Es wird immer unheimlicher im Walde. Das leise Nebelgeriesel ist zum strömerHen Regen ge­worden, und der durch die mächtigen Bäume rauschende Wind klingt wie ein todestrauriges Sterbelied der Natur.

Auf einer Lichtung im Walde steht das große, maflweWohnhaus desKSniglichen Oberförsters Ulmenau. Ein schwacher Lichtschein bezeichnet die Fenster des Gemaches, in welchem 'er an diesem unfreundlichen Septemberubend weilt.

Welch angenehmer Gegensatz! B'hagliche Wärme mildes Lampenlicht in dem wohnlich eingerichteten Raume. Vergeblich rüttelt der Sturm an den gut verwahrten Fenstern; sein Brausen und bä 8 Plätschern der Regens vereint sich mit dem Summen und Brodeln der Teemaschine zu lauft einlullender Musik. Man fühlt sich sofort-heimisch und gemütlich.

Die Personen im Zimmer, der Oberförster mit Frau und Tochter, teilen offenbar diese Empfindung nicht; ihre Mienen drücken deutlich das Gegenteil aus.

Die Reste des kaum berührten Abendbrodes stehen auf dem Tische.

Der Oberförster hat sich eine Pfeffe angezündet und läßt mächtige Dampfwolken emporqualmen, ein propates Mittel, dem Groll und Aerger, der im Tunern tobt, eine Ableitung zu schaffen. Auch dies­mal scheim es sich zu bewähren; sein Gesicht heitert

erträglicher kirchenpolitischer Zustände in Deutsch­land, besonders Preußen erreicht und dem Trüm­mer auf Trümmer häufenden Kulturkämpfe ein Ende gemacht. Noch ist ja nicht alles erreicht, was wir zu fordern ein Recht habest, aber im Allgemeinen konnte ber hl. Vater vor einiger Zeit mit Recht -sagen, daß das Deutsche Reich zu den Ländern gehöre, in denen die katholischeKirche di e meiste Freiheit genieße und Religion und Christentum am meisten geachtet würden. Letzteres gilt insbesondere von den Trägern der Regierungs­gewalt. Die deutschen Regierungen, insbesondere KaiserWilhelm stehen in den besten Bezieh­ungen zum hl. Stuhle und welche Verehrung sein Inhaber beim Kaiser genoß, das hat dieser nur zu häufig bekundet, zuletzt noch vor wenig Wochen bei seinem Besuche int Vatikan.

Es ist nicht Leo's XIII. Schuld gewesen, wenn es ihm nicht gelang, zu allen Mächten ein gleich freundliches Verhältnis herzustellen, wenn insbesondere Italien, das den hl. Stuhl feiner weltlichen Macht beraubt hat, ihm feindlich blieb und Frankreich, das angeblich katholische Frankreich, sich immer kirchenfeindlicher geberdete. Konnte Leo XIII. auf diese Länder nur mit Schmerz blicken, so gibt es anderseits viele Völker und Länder, für die er mit Erfolg gearbeitet hat. Hier erzielte er für bie Katho­liken eine bessere Behandlung durch die Re­gierungsgewalten, dort gab er ihnen wieder eine geordnete kirchliche Verwaltung, anderswo för­derte er mit Wort und Tat ihre religiösen Be­strebungen. Man kann ruhig behaupten, daß kein Land der Welt, in dem sich Katholiken be­finden, seiner Fürsorge entging. Selbst auf die Andersgläubigen, die Protestanten und Schismatiker, erftrecfte sich seine liebende ober- hirtliche Tätigkeit, und wenn auch da insofern keine großen positiven Erfolge aufzuweisen fein mögen, als eine Maffemkückkehr zur Kirche nicht stattgefunden hat, so hat Leo XIII. sich doch in weitern Umfange die Liebe und die Achtung auch )er Andersgläubigen errungen, und wenn sich das unmittelbar auch nur auf feine Person be­ziehen mag, mittelbar kommt es auch dem Papst­tum und der Kirche zugute.

Wenn wir die vielen herrlichen Kund­gebungen erwähnten, in denen er die wichtigsten Fragen der Gegenwart mit dem Lichte der christ- ichen Wahrheit beleuchtete, so dürfen wir auch nicht vergessen, was er für die Wissenschaft getan hat. Die Geschichtswissenschaft wird einen Leo XIII. immer dankbar verehren, weil er ihr in hochherzigster Weise das vati- amsche Archiv geöffnet hat. Die christliche Philosophie verdankt ihm eine energische An­regung und einen glücklichen Aufschwung. Der Förderung der Bibelwissenschaft hat er noch in der letzten Zeit mehrfach seine Ausmerk- amkeit zugewandt, und daß ein Mann, der selbst dichtete, der Litteratur und den Künsten, wo er konnte, fördernde Aufmerksamkeit widmete, braucht nicht erst gesagt zu werden.

Es ist selbstverständlich unmöglich, in einem Zeitungsartikel den geschichtlichen und reli-

ich nach und nach merklich auf. Um so mehr ver- instert sich das seiner Frau; mancher nicht gerade ehr zärtliche Blick streift den Urheber der Rauch­wolken und sucht dann in stummer Klage das Auge der Tochter, um wenigstens bei dieser das Mitgefühl zu finden, welches ihr der so wenig aufmerksame Gatte versagt, welcher weder die Blicke, noch das von Zeit zu Zeit ertönende Hüsteln seiner Frau beachtet, deren Hände in nervöser Hast einen Strickstrumpf bear­beiten.

Vergebich hat die Tochter einige Male versucht, die unheimliche Stille zu unterbrechen. Jetzt ist auch sie verstummt und wendet ihre Aufmerksamkeit lieber dem prächtigen Jagdhunde zu, der sie mit seinen klugen, glänzenden Augen unverwandt anschaut und dankbar die Gaben auffängt, die sie ihm in reich­lichem Maße von dem verschmähten Abmdbrode zu­kommen läßt.

Doch sein Vergnügen soll nicht lange währen. In scharfem Tadel ertönt die Stimme der Frau Oberförster, und erschrocken läßt die so unsanft ver­wiesene Tochter ein saftiges Stück Braten auf den Teller zurückfallen,'welches bestimmt war, hinter den spitzen, weißen Zähnen des nun enttäuschten Hundes zu verschwinden.

Der Mund der Frau Oberförster hat sich wieder geschlossen; die Nadeln klappern lustig weiter.

Das andauernde Schweigen wird immer drückender, besonders für das jugendliche Gemüt Lisbeths, der Tochter.

Wird denn nicht endlich der Druck schwinden, der auf den Eltern ruht?

Jetzt schlägt der Hund im Hofe an.

„Vielleicht der Jägerbursche — zurück aus der Stadt! Vielleicht ein Brief I"

Der Oberförster, der schon in einem leisen Schläfchen seinen Kummer vergeffen zu haben schien, wurde durch den harmlosen AuSruf seiner Tochter aufgeschreckt; das eine Wort „Brief" fiel wie ein Zunder in seinen schon verglimmenden Zorn.

gtöfen Gehalt eines 25jährigen Pon­tifikates Leos XIII. auszuschöpfen. Wir konnten nur ganz kurz auf bas Hinweisen, was am meisten in bie Augen fällt unb bie Oeffent- lichkeit beschäftigt hat. Auf bie Forderung, bie das rein religiöse Leben bes katholischen Erd­kreises durch seine zahlreichen Kundgebungen aller Art erfahren hat — wir erinnern nur an die Enzykliken über das Rosenkranzgebet, die fast alljährlich erscheinen — können wir nicht näher eingehen.

Für bie katholische Christenheit war Leo XIII. mehr als ein großer Mann, ber bas Ansehen der Kirche zu nie erreichter Höhe gehoben unb damit ber Sache ber Religion einen welt­historischen Dienst erwiesen hat, mehr als das Oberhaupt der Kirche, dem sie Achtung und Ge­horsam schuldig ist, für sie war er ein Vater, den sie ehrte und liebte unb von dem sie sorgend geliebt wurde. Wie bie Katholiken ihn liebten, das haben sie namentlich bei den zahl­reichen Jubiläen bewiesen, bie zu feiern ihm während seines Pontifikats vergönnt war. In­mitten der Liebeskundgebungen des katholischen Erdkreises ist er ja auf (das Krankenlager ge­sunken, ja man kann sagen, die Liebe ist für ihn tätlich gewesen. Nachdem die Huldigungen der Großen anläßlich seines Papstjubiläums vorbei waren, kamen katholische Pilger­züge über Pilgerzüge aus aller Welt, um dem greifen Statthalter Christi ihre Liebe zu bezeugen. Fast Tag für Tag unterzog er sich in letzter Zeit ber großen Anstrengung, sie in kleineren ober größeren Gruppen zu empfangen. Zahlreiche Pilgerzüge harrten noch auf feinen Segen ober waren erst in ber Vorbereitung begriffen. Da sank er plötzlich auf das Sterbe­lager. So unb so oft hat bie gesunde Natur bes edlen Greises sich von ber Ermüdung unb bem Unwohlsein, bie ben Anstrengungen folgten, wieder erholt. Zuletzt ist ihm bie Siebe zu viel geworden. Wir dürfen annehmen, daß ihn die Krankheit, bie ihn aufs Sterbelager warf, gar sicht besfillem ober daß er den Anfall doch Überwunden unb vielleicht noch manches Jahr bie Kirche regiert hätte, wenn er sich aus Liebe zu der ihm Liebe bezeugenden katholischen Christenheit nicht zu viel zugemutet hätte.

Ueber den Verlauf der Krankheit und ras Befinden des hohen Patienten liegen jeute folgende Einzelmeldungen vor:

* Rom, 6. Juli 3 Uhr nachmittags. (Stefani- Meldung.) Nachdem der Papst die Sterbesakramente empfangen hatte, plauderte er mit Kardinal Macchi und sagte: „Nun bin ich auf das Ende gefaßt; ich weiß nicht, ob alles, was ich getan habe, gut gewesen ist, aber sicherlich habe ich stets me nem Gewissen und meinem Glauben gehorcht." Die wichtigsten einlaufen­den Telegramme werden dem Papst zur Kenntnis ge­bracht.

Das.Giornale d'Jtakia' schreibt: Die Besserung ist nicht derart, daß eine Wiederherstellung zu hoffen ist. Wahrscheinlich ist, daß die leichte Besserung den ganzen Tag anhält, man befürchtet aber, daß abends die bei solchen Krankheiten, besonders bei alten Leuten gewöhnliche Verschlimmerung eintritt. Personen des Vatikans sagen, Hoffnung und Stimmung sei ein wenig gehoben.

„Einen Brief!" grollte er. „Ich danke für alle Nachrichten und Neuigkeiten. Habe heute genug und übrig genug erhalten. Eine schöne Ueberraschung das! Komme bis aus die Knochen erkältet nach Hause und finde da — nichts als Kummer und Aerger.

„Wechsel auszustellen! Ist der Junge denn ver­rückt? Hat er uns nicht schon halb bankerott ge­macht? Woher soll ich denn bas Geld nehmen? Ich kann es mir doch nicht aus dem Leibe heraus- schneiden! Und hexen habe ich bis jetzt auch noch nicht gelernt. Einen Wechsel! So alt, wie ich bin, habe ich ein solches Ding noch nicht in der Hand gehabt! Kannte er nur vom Hörensagen! Einen Wechsel! Zahlbar nach Sicht! Sich an Wucherer zu wenden! ..."

„Es ist schrecklich, in welche Hande unser armer Hubert . .." Die Frau Oberförster konnte ihren Satz nicht vollenden. Der Versuch, den Zorn ihres Mannes geschickt vom Haupte des Sohnes auf ein fremdes abzulenken, mißlang; er bewirkte eher das Gegenteil.

„Sprich mir nur nicht von unserem „armen" Hubert . . .," fiel der Oberförster seiner Frau ins Wort. „Der verfieht's ja prächtig, Geld zu schaffen; de" wirst Du nicht weiß waschen. Ein mißratener Sohn ist er, der seine Eltern an den Bettelstab bringen wird."

„Aber lieber Mann, so arg . . ."

„Schweig nur, schweig! Was — nicht so arg? Ist das eine Kleinigkeit? Wer soll es denn bezahlen? Vielleicht der Herr Sohn mit seinem lumpigen Leut- nantsgehalt?"

„Nun, rege Dich nicht gar zu sehr auf", spielte jetzt seine Fran ihren höchsten Trumpf ans. „Du wirst es ja auch nicht bezahlen. Ich werde den Wechsel einlösen; ich . . ."

„Das soll wohl gar ein Vorwurf fein?" brauste der Oberförster auf. „Also Du willst's bezahlen? Gut, gut! Als ob ich von meinen Einnahmen etwas für mich zurückbehielte, nicht Alles, Alles Hergabe! Aber — Offizier mußte er werden — durchaus. Kein

* Rom, 6. Juli 3>/s Uhr nachmittags. Der Papst nimmt willig einige Anregungsmittel. Nach der ,Tribuna' verbringt Leo seine Zeit abwechselnd im Bett und Lehnstuhl. Wenn er auf ist. trägt er ein weißes Gewand; er ist sehr nervös. Der Auswurf gilt als erstes Anzeichen für die Reaktion seiner Natur, als gutes Symptom, aber die Schwäche scheint zuzu­nehmen. Eine Persönlichkeit, die den Papst gesehen hat, hebt die unbeugsame Energie oesselben hervor; seine Stimme sei noch klar und kräftig. „Ich weiß", sagte der Papst, „daß ich dem Ende nahe bin, aber ich will aufrecht sterben". Unter solchen Worten geht der Papst am Arme seines Neffen, des Grafen Pecci oder ganz ohne Hilfe auf und ab.

* Rom, 6. Juli 1903, nachmittags 5 Uhr. Der Papst hat mit einigem Appetit gegessen. Die leichte Besserung hält an, indessen ist die Gefahr bei weitem noch nicht entfernt. Im Vatikan ist man jedoch ruhiger. Lapponi verließ den Vatikan kurz nach 4 Uhr. Um 7 Uhr 30 Min. findet eine neue Beratung zwischen Lapponi und Mazzoni statt, nach der wahrscheinlich ein Krankheitsbericht ausgegeben wird. KardinalOreg- lia befindet sich im Vatikan. Die Besuche der Kardi- näle, Diplomaten, der katholische Aristokratie und An­derer, dauern fort.

* Rom, 6. Juli 1903, nachm. 6 Uhr. Jeder, der im Laufe des Tages den Pa pst sah, erkannte, daß eine leichte Besserung eingetreten ist. Man darf sich aber keiner Illusion hingeben. Der Papst selbst, wel­cher stets bei klarem Geiste ist, ist sich der Lage be­wußt, ist resigniert und äußerle wiederholt, daß er d a s Ende nahe fühle. Er unterhielt sich mit verschie­denen Kardinälen und diktierte Anordnungen. Der Papst unterhielt sich mit seinem Neffen. Wiederholt erklärte er, er werde ruhig scheiden im Bewußtsein, seine Pflicht für das Wohlergehen der Kirche getan zu Haven. Dr. Lapponi ist um 5'/» Uhr nach dem Vatikan zurückgekehrt.

• Rom, 6. Juli 1903, nachts 12 Uhr. (Privat­telegramm von unserem Berichterstatter. Unsere Stadt­abonnenten schon durch Extrablatt mitgeteilt. D. Red.) Das Befinden des hl. Vaters hat sich seit heute abend 8 Uhr wesentlich verschlechtert. Der Groß- pönitenziar wurde deshalb benachrichtigt. Der hohe Kranke empfing abends um 11 Uhr die letzte Oelung. Das Ableben steht nahe bevor. Allenthalben herrscht große Aufregung.

* Rom, 6. Juli 1903. Wie .Kapitale' meldet, trafen im Vatikan heute morgen über 500 Depe­schen ein, darunter von den Königen von England und Portugal und dem Präsidenten Roosevelt. Der Papst soll dem ,Capitale' zufolge die letzte Oelung ver­langt haben, welche ihm heute abend durch den Sakri- stan der apostolischen Paläste, Pifferi, gespendet wird.

* Rom, 6. Juli 1903. Dem Vernehmen nach wird Kardinalkämmerer O re g li a heute seine Wohnung-ver­lassen und in den Vatikan übersiedeln. Der Kardinal hatte eine längere Besprechung mit seinen Sekretären. Er gibt Anordnung über alle Papiere, die er in den Vatikan mitnimmt. Oreglia wird mehrere Zimmer des dritten Stockes, fast über den Gemächern des Papstes, nahe denjenigen Rampollas, bewohnen. Im Falle, daß ein Konklave zusammentritt, wird Oreglia durch den Vizekämmerer Passeriri unterstützt. Das für das Konklave zu befolgende Zeremoniell geht den Kardi­nälen nicht gedruckt zu, sondern wird vom Zeremonien­meister geschrieben auf der Grundlage des alten Zere­moniells, wenn nicht Leo XIII. über das Konklave einy Bulle verfaßt hat, von ber erst nach seinem Tod? KrMt»- nis genommen werden darf,

lieber die Urs ache, weshalb das Leiden des Papstes in ein akutes Stadium eintrat, berichtet das .Wölfische Bureau', daß der Papst befohlen hatte, am Freitag früh seinen Wagen zu einer Spazierfahrt in den vatikanischen Gärten bereit zu halten. Er begab sich aber, da er die Nacht nicht geschlafen hatte, bereits.um 73h Uhr nach dem Garten hinab und ging, da er den Wagen nicht vorfand, aus seinen Stock gestützt, daselbst spazieren. Wahrscheinlich ist er hierbei in Schweiß geraten. In seine Gemächer zurückgekehrt, äußerle sich der Papst, er befinde sich nicht wohl, und empfing am

anderer Stand war vornehm genug, Offizier, damit er recht Gelegenheit bekäme, Schulden zu machen. Ach, wer hätte es gedacht! Es wäre aber auch nicht so weit gekommen, wenn Du ihm nicht . . ."

„Ja, gib mir nur die Schuld! Das ist recht be­quem ! Wer war denn stets dagegen, wenn ich ihn, als er noch ein Kind war, einmal strafen wollte? Wer denn? Wer?"

„Ah bah! Kinderunart« tt! Hättest Du ihm nicht immer heimlich Geld . . ."

„Warum mußte ich es denn heimlich tun? Ge­schah es nicht aus Furcht vor Deinem Zorne?"

„Du und Furcht vor mir," lachte ingrimmig der Oberförster. „Du und Furcht! Hahaha! Das ist wirklich komisch! Geht denn nicht Alles nach Dir? Hast Du schon je einmal nach meinen Wünschen ge­fragt? Bin ich nicht eine Null im Hause?"

Der Oberförster wurde immer erregter. Lisbeth rückte verlegen auf ihrem Stuhle hin und her. Der Streit ihrer Eltern war ihr im höchsten Grade pein- lick, obgleich seit dem Jahre, daß sie aus dem Ursulinenkloster nach Hause zurückgekehrt war, ähnliche Szenen sich leider sehr häufig wiederholten. Aus ihrer Kinderzeit erinnerte sie sich nicht an dergleichen.

Der Oberförster war ein ausgezeichneter, pflicht­treuer Beamter von erprobter Rechtschaffenheit. Er war die Güte selbst und hätte Niemanden absichtlich verletzen können.

Trotzdem er leicht aufbrauste, hatte er doch im Grunde einen friedlichen und nachgiebigen Charakter; seiner Frau gegenüber konnte man es sogar tadelns­werte Schwäche nennen.

Er duldete manches im Hause, was er innerlich entschieden mißbMgte. Er hatte seine Frau, die einem armen adligen Geschlecht angehörte, aus Liebe geheiratet.

Ihr hübsches Aeußere hatte ihn bestochen; ihre große Schüchternheit und Schweigsamkeit in Gesell­schaften hatte er für das Zeichen eines zurückhalten­den, weiblichen Gemütes genommen und außerdem für