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30. Jahrgang.

fuldd, Montag, den 6. Juli 1903.

M 150

suches weilten der Majordomus Msgr. Lagiano de Azevedo, Oberstkämmerer Msgr. Bisleti und andere Würdenträger in den päpstlichen Vor­zimmern. Im Vatikan war in der Frühe die Kenntnis des wahren Zustandes des Papstes noch nicht verbreitet. Von der Veröffentlichung des Bulletins war man daher allgemein schmerz­lich betroffen. Die päpstlichen Truppen bleiben konsigniert.

Am Sonntag früh hielten Kardinalkäm­merer Oreglia, die Kardinäle di Pietro, Gotti, Macceni und Rampolla eine gemeinsame Beratung ab. Der Kardinalvikar ordnete in allen Kirchen Gebete für den Papst an. Eine Anzahl Mit­glieder des diplomatischen Korps erschienen im Vatikan, um sich über das Befinden des Papstes zu erkundigen. Gegen Mittag verschlimmerte sich das Befinden des Papstes etwas. Mazzoni äußerte, die Krankheit zeige Neigung, sich auszu- dehnen, dah« ist der Zustand ernst, wenn auch augenblicklich nicht beunruhigend. Lapponi und Mazzoni haben dem Neffen des Papstes Grafen Camillo Pecci, sowie Rampolla mitgeteilt, daß das Befinden des hohen Kranken ernst ist.

Der am Sonntag früh ausgegebene Krankheits- Bericht lautete:Dr. Lapponi hatte, da ihm der Gesundheits-Zustand des Papstes Besorgnis einflößte, eine Besprechung mit Mazzoni, der die von Lapponi auf senile Hepatisation der Lunge gestellte Diagnose bestätigte und die von Lapponi eingeschlagene Behandlungsweise billigte. Der allgemeine Zustand des Papstes ist in Anbe­tracht seines Alters ernst, für den Augen­blick nicht beunruhigend."

Der,Tribuna' zufolge reichte Lapponi nachts angesichts der Herzschwäche Reizmittel, gab stär­kende Nahrung und versuchte durch Lagerverände­rung Linderung zu verschaffen. Bei der Unter­suchung sagte der Papst zu Mazzoni, es sei das erste mal, daß er ihn nicht zuver­sichtlich finde! In allen Kirchen werden Ge­bete für den Papst abgehalten und das Aller­heiligste ausgestellt, was als Bestätigung des ernsten Zustandes angesehen wird.

Im Vatikan war am Sonntag vormittag alles ruhig. Der Petersplatz zeigte das gewöhnliche Bild. Der Zeremonienmeister wurde ersucht, seine Urlaubsreise aufzuschieben. Im Laufe des Nach­mittages bemerkte man, daß zahlreiche Kardinäle und andere kirchliche Würdenträger sich nach dem Vatikan begaben, unter ihnen die Kardinäle Sere- fino Vannutelli, Gotti und di Pietro. Staats­sekretär Rampolla hatte vormittags das heilige Kollegium von dem Zustande des Papstes be­nachrichtigt. Kardinal-Kämmerer Oreglia begab sich um 11 Uhr nach dem Vatikan und blieb eine Stunde dort. Um 4 Uhr nachmittags er­schien er dort aufs neue und verweilt noch da­selbst. Aus Italien und allen Ländern der Welt gehen zahlreiche Nachfrage-Telegramme im Vatikan ein. Der König von Italien, der sich seit Samstag in Racconigi befindet, wird durch fortlaufende Depeschen von dem Befinden des Papstes unterrichtet, ebenso Zanardelli und die Nuntiaturen im Auslande.

mir Ihr Juneres er chlossen und davon überzeugt, daß mein junger Freund hier eine glückliche Wahl getroffen. Ich beglückwünsche Sie, Herr Leger. Damit aber auch ich zu diesem Glücke etwas beitrage hier, mein liebes Kind, übergeben Sie ihrem Bräutigam dieses Dokument es ernennt ihn zum Förster im hiesigen Revier." Mit diesen Worten überreichte er Vroni ein Schriftstück.

Lorenz und Leni, die noch immer zurückgezogen im Hintergründe standen, warfen einander einen glückstrahlenden Blick zu. Leger hatte seiner Braut voll Seligkeit die Hand gereicht.

Welch glücklicher Tag," flüsterte diese leise, während eine Freudenträne in ihrem Auge perlte.

Gregor war indeß zu den Geschwistern heran­getreten.Lorenz," sprach er,war es Euch nicht auch so, als ob Stasi durch den Mund ihres Kindes verkünden wollte, daß mit dem Tode auch Euer Haß schwinden soll? Solltet Ihr allein nicht vergeben können, wo selbst Margarethens Herz sich ihrer ver­meintlichen Feindin öffnete?"

Bei diesen Worten riß sich Vroni von ihrem Bräutigame los und stürzte zu Leni.

Muhme!" rief sie in höchster Erregung,was höre ich Stasi hieß meine Mutter! auch Ihr hattet eine Schwester gleichen Namens; gesteht Muhme, sie war meine Mutter!"

Leni zog Brom an sich und küßte sie unter Tränen auf die Stirne.Du hast es erraten, Kind, ja, meine unglückliche Schwester Stasi war Deine Mutter."

O, glückseliger Augenblick!" rief Vroni unter Freudentränen;nun brauche ich mich meiner Abkunft nicht zu schämen, und Ihr, bk' ich Euch so nannte, seid wirflich und leibhaftig meine Muhme, und Lorenz, der mir bisher mehr war als ein Freund, ist mein Onkel!" Sie ging zu diesem und herzte und küßte ihn.

Gregor harrte noch immer auf eine Antwort.

Lorenz stand, den Blick zu Boden gesenkt, da. Kein Laut kam über seine Lippen, aber seine Miene

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Druck und Verlag der ZuldaerActiendruckerei in Fulda (Harmonie).

Fernsprecher Nr. 9.

Erkrankung des Papstes.

Der hl. Vater war, wie das bei seinem hohen Alter nicht besonders auffällig war, fest dem ersten Eintreten der großen Hitze unpäßlich. Sein Leibarzt Dr. Lapponi nahm an, daß durch einen Wechsel in seiner Behandlungsweise eine Besserung bewirkt werden würde und riet zu Spaziergängen im Garten des Vatikans. Trotz der Spaziergänge nahmen die Kräfte aber nicht zu. Nach dem Empfang der ungarischen Pilger traten am Freitag Anzeichen von Schwäche mit Atmungsbeschwerden auf. In der Nacht hatte der Papst keinen Schlaf und war unruhig. Lapponi schlief in einem an das Gemach des Papstes anstoßenden Zimmer, seine Hilfe wurde jedoch nicht in Anspruch genommen. Am Sams­tag morgen hielt das Unwohlsein in gleicher Weise an. Lapponi reichte ein erleichterndes Mittel, woraus der Papst bis gegen 11 Uhr ruhte. Die Ruhe ermöglichte dem Papste, einige Nahrung zu nehmen. Das Befinden besserte sich. Abends um 8 Uhr besuchte Lapponi den Papst und stellte fest, daß die Besserung an­dauerte. Er ging wieder nach Hause, wo er mit seiner Familie speiste, kehrte aber vorsichtshalber nach dem Vatikan zurück, wo er wieder übernachtete.

Das Mornale d'Jtalio meldete am Samstag Vormittag: der Papst schlief seit mehreren Nächten schlecht und sollte sich indessen schonen. Er wollte aber die ungarischen Pilger empfangen. Daher rührt die Schwäche, welche bei seinem Alter natürlich noch durch die ersten heißen Tage vermehrt wurde. Dies gab der Umgebung des Papstes Anlaß zur Besorgnis, nicht aber den Aerzten, da bisher keine Ohnmacht eintrat, wie sie unter solchen Umständen dem Papst zuge­schrieben werden und woran er früher tatsächlich litt. Lapponi, welcher die Nacht nach dem Ohnmachtsanfall in der Nähe des Papstes zu­brachte, begab sich gegen 2 Uhr morgens an das Bett des Papstes, welcher über Schlaflosigkeit klagte, aber die gewohntt heitere Stimmung zeigte. Das Blatt meldet weiter, das Befinden des Papstes hatte sich nach dem Pontifikats­jubiläum gebessert, er wurde jedoch darauf von einem Katarrh ergriffen, welcher niemals gänzlich beseitigt rourbe.: Er litt außerdem an Verdauungs­störungen.

PopoloRomano' meldet,daß derPapst während der Nacht auf Sonntag geschlafen und im Vati­kan alles ruhig verlaufen sei. Dem Messagero" zufolge hat sich das Befinden des Papstes am Samstag Abend leicht verschlimmert und Lapponi hat infolge des Schwächerwerdens der Herztätig­keit des Papstes die ganze Nacht gewacht. Die Zeitung fügt hinzu, in der Nacht habe man das Gerücht verbreitet, der Zustand des Papstes sei sehr ernst. Das Gerücht sei aber später demen­tiert worden.

Die Veröffentlichung des ersten amtlichen Krankheitsberichtes erfolgte am Sonntag vor­mittag, nachdem Dr. Lapponi und Prof. Mazzoni gemeinsam den Papst etwa eine halbe Stunde untersucht hatten. Während des ärztlichen Be-

empfiehlt daher der Regierung, Diäten zu ge währen. Aber freilich will sie alsAusgleich" Aenderungen des Wahlgesetzes. Sie meint, wenn die Regierung den Reichstag vor die Wahl stelle, ob er noch länger auf Diäten verzichten oder auf die von ihr an die Ge­währung geknüpften Bedingungen eingehen wolle, so werde dieser sich sicher für das zweite entscheiden.

Man muß ja zugeben, daß die jüngsten Wahlen dem Reichstagswahlrecht wieder kein besonderes glänzendes Zeugnis ausge­stellt haben. Es grenzt ans Fabelhafte, was da berichtet wird über Dummheiten, die sich die guten Wähler haben aufbinden lassen. Die einen glaubten, wenn sie den Sozialdemokraten wählten, würden die Löhne mit einer Mk. täglich singen, die andern hatten sich weiß machen lassen, sie würden zwei Kühe oder ein Stück Land erhalten, wieder andere dachten, fortan das Fleisch für den halben Preis kaufen zu können; Wähler des Pan Korfanty bildeten sich ein, wenn Korfanty die erste Rede im Reichstage gehalten habe, werde der Kaiser einen polnischen König nach Oberschlesien schicken. Kann man Leute von so kapitaler Dummhett für politisch t<f And für befähigt halten, über das Schicksal des deutschen Reiches mit zu entscheiden? Und selbst wenn man diese krassen Beispiele von Wähler-Intelligenz bei Seite läßt, verraten nicht auch viele Flug­blätter und Reden, namentlich der Sozialdemo­kraten, einen geringen Grad von Achtung vor der politischen Einsicht der Wähler? Mit Lügen, Ver­drehungen, Beschimpfungen und Verdächtigungen glaubt man die Maffen am besten gewinnen zu können. Wir wundern uns wirklich nicht, wenn viele Leute angesichts der Wahldemagogie aus ehrlicher Ueberzeugung zu der Ansicht kommen, daß das Reichstagswahlrecht vom Hebel sei, und nicht nur das Anwachsen der Sozialdemokratie, sondern die ganze Art der Wahlagitation unser Volk als für dies Wahlrecht noch nicht reif erweise. Wir können daher auch diese Leute nicht von vornherein als reaktionäre und eigensüchtige Bösewichte ansehen.

Ihre Meinung freilich, daß das Wahlrecht geändert werden müsse, können wir nicht teilen. Hätte man die heutigen Erfahrungen vor feiner Einführung gehabt, so hätte man sich stagen können, ob man von der Einführung nicht besser absehe. Aber nachdem es einmal eingeführt ist und mehr als ein Menschenalter hindurch in Hebung gewesen ist, es wieder ab- schaffen, das geht nicht. Wir denken, die Hellen Sachsen haben uns hinlänglich bewiesen, was bei der Wahlrechtsberaubung herauskommt. Die Gegner des Wahlrechtes sagen uns jetzt, sie wollten an seinem Wesen ja nicht rütteln, sondern nur einige Auswüchse beschneiden, das Wahlfähigkeitsalter heraufsetzen, die Aufnahme in die Wahlliste eines Bezirkes von einer be­stimmten Dauer des Aufenthaltes abhängig machen und dergleichen. DieseReformen" würden unseres Erachtens die Wirksamkeit des Wahlrechtes nicht nennenswert ändern, also der hat entschieden Du sollst Deinen Vater kennen. Du sollst ihn lieben, denn Du selbst hast eS doch aus­gesprochen, daß mit dem Tode aller Haß und Groll schwinden soll."

Keines Wortes mächtig, stürzte Vroni an dre Brust ihrer Muhme.

Es trat eine Pause banger Erwartung ein. Gregor stand zur Seite, unverwandt seinen Blick auf sein Kind gerichtet. Da trat Leger zu seiner Braut und flüsterte ihr die Worte zu:Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß Du lange lebest und es Dir wohl ergehe auf Erden!"

Leni hob sanft Bronis Haupt empor. sah diese, wie Gregor bittend die Hände nach ihr aus­streckte sie war besiegt.

Unter dem RufeVater!" stürzte sie tränenden Auges auf chn zu und ließ sich von seinen Armen einschließen. _

O Stimme der Natur, du bist mächtiger als menschlicher Wille! Herr!" rief Gregor mit erhobenem Blicke,einen ungeratenen Sohn hast Du mir ge­nommen eine wohlgeratene Tochter hast Du mir gegeben um sie mir wieder zu nehmen . . . Hier, Herr Leger," sprach er,nehmen Sie dieses Kleinod aus den Händen des Vaters"

Plötzlich hörte man durch das geöffnete Fenster den Ton eines Glöckleins es war die Sterbeglocke der Dorflirche. Man trug soeben den Leichnam Georgs den Hügel hinan dem Berghofe zu. Da faßte Gregor Vroni bei der Hand und schritt mit ihr ans Fenster.

Vroni," sprach er,bisher warst Du der ver­meintliche Zankapfel am Berghofe, der eigentliche Störenfried aber war ein Anderer; hörst Du? man läutet ihm soeben zur ewigen Ruhe."

Der Friede sei mit ihm!" beendeten tiefergriffen die Anwesenden.---------

Leises Murmeln verkündete die Ankunft der Trauerzuges. Gregor ging zur Türe, um dieselbe zu öffnen. Da trat auch schon Margareth, in Tränen aufgelöst, ein. Als man die Tragbahre zur Erde ge­stellt, warf sie sich in die Knie und beugte sich über

Bolksroman von I. Oberparleiter.

-------- (Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Indem sich Leger vom Forstinspekior entschuldigend verabschiedete, eilte er in Bronis Kammer. Eben wollte sich auch der Inspektor entfernen, als Vroni, in Tränen aufgelöst, hereinstürzte und sich Furtner an den Hals warf.

O, Herr Furtner! Herr Furtner!" wehklagte sie,Georg, der Arme, er ist wirklich tot, o, dies Unglück'." .

Die Ankunft Bronis rief auch die in der Kammer Befindlichen herbei.

,^Egor preßte sein Kind mit Inbrunst an seine Brust.Du Engelskind! Du, Du hast Tränen für »hn, der Dir so viele bittere Stunden bereitete? Wer hat doch gestern noch gesagt, daßBerg und Tal" mtnnter zusammenkommen?"

»Ich war es, Herr Furtner; ja im Leben ist es was anderes, aber der Tod gleicht alles aus, der macht Berge eben und mit ihm schwindet aller Haß und Groll."

Gregor warf auf Lorenz einen bedeutsamen Blick. »Ja, ja", seufzte er,der Tod soll alles ausglnchen!" _ »Ja, ja," sprach der Forstinspekior, der sich, um die lFamiliengruppe mcht zu stören, in den Hinter­grund zurückgezogen hatte.

iAch! wie muß ich mich schämen!" rief Brom, die jetzt erst die Anwesenheit des Fremden wahrnahm, indem sie sich das Antlitz verhüllte.

Nein, mein Kind," sprach der Forstinspeltor, mdem er vortrat und in väterlicher Weise die Hand Bronis ergriff,nicht schämen brauchen Sie sich, stolz Annen Sie sein auf Ihr edles Herz. Die Tränen, die Sie eben um Ihren Feind vergossen, zieren Sie wehr als Gold und Edelsteine diese Tränen haben

Unser römischer Mitarbeiter sandte uns gestern (Sonntag) abend folgende Depesche, die wir sofort durch Exttablatt unseren Lesern zu­gehen ließen:

Rom, 5. Juli, Nachm. 4 Uhr 20 Min. Der heil. Vater hatte während der Nacht einen Ohnmachtsanfall, dem eine Besserung zu folgen schien. Heute nachmittag aber trat leider große Schwäche ein, die noch beständig zunimmt. Soeben ordnete der Hochwürdigste Herr Kardinal­vikar öffentliche Gebete und Aussetzung des Aller­heiligsten an. Eine Lungenaffektion ist hinzu­getreten, infolgedeffenherrscht größte Besorgnis. Der hl. Vater will morgen in feierlicher Weise die hl. Wegzehrung empfangen. Die Gläubigen mögen eifrig für das Oberhaupt der katholischen Kirche beten.

Nachts 12 Uhr erhielten wir folgendes zweite Telegramm von unserem Berichterstatter in Rom:

Die Kräfte-Abnahme ist rapid. Die Sterbesakramente hat der hl. Vater schon heute abend 8 Uhr in Gegenwart der Kardinäle und des Hofstaates empfangen. Von allen Souveränen, auch vom deutschen Kaiser, liefen Anfragen ein. Das Ableben wird stündlich erwartet. Eine große Menschenmenge umsteht teilnehmend den Vatikan. (Weitere Nachrichten siehe unter Depeschen.)

8 Diäten und Reichstagswahlrecht.

Daß das Anwachsen der sozialdemokratischen Fraktion im Reichstage die mit der Diätenlosig- keit verbundenen Mißstände bedenklich ver­größern werde, ist alsbald nach den Wahlen von verschiedenen Seiten hervorgehoben worden. Die 81 Mann werden weit mehr noch als die bisherigen 58 den schlecht besetzten Reichstag be­herrschen. Es wird ihnen die endlose Schwätzerei erleichtert, wenn sie diese auf mehr Lungen und Zungen verteilen können. Sie werden noch häufiger als bisher die Mehrheit im Hause haben und können gegebenenfalls leichter die Be­schlußunfähigkeit mit 81 als mit 58 Mann herbei- führen. Sie brauchen längst nicht einmal alle anwesend zu sein und können sich doch nur zu häufig als Herren im Hause geberden. Daß ihre Dreistigkeit mit ihrer Zahl gewachsen ist, versteht sich von selbst. Man muß sich daher auf die rücksichtsloseste Ausnutzung ihrer Macht" gefaßt machen.

Die Erkenntnis, daß nur die Gewährung von Diäten den Reichstag befähigen würde, sich des sozialdemokratischen Terrorismus zu er­wehren, greift mehr und mehr auch in den Kreisen Platz, die sich bisher nicht von den längst durch die Tatsachen widerlegten Gründen für die Diätenlosigkeit freimachen konnten. So­gar die,Postt muß zugestehen, daß auch bei den konservativen Parteien sich vielfach eine Wandlung der Anschauungen vollzogen hat. Sie verriet, daß zwei einander widerstreitende Gefühle in seinem Innern um die Oberherrschaft kämpften: das der Versöhnung und das des unerbittlichen Grolles. Vroni riß ihn aus diesem Zustande _ des Zweifels. Sie war an seine Seite geeilt und erfaßte seine Hand.

O Onkel!" sprach sie,ich habe ein großes Un­recht an Frau Furtner gut zu machen: ich, die ich sie als hartherzig, als ungerecht gegen mich verurteilte, ich muß heute an diesem Unglückstage zur Erkenntnis kommen, daß ihr Herz gegen mich nicht haßerfüllt ist. daß sie nur der unerreichbare Wunsch, ihren Liebling durch mich glücklich zu sehen, verbitterte. O, daß ich sie so verkannte!" Ergriffen warf sie sich Leni an den Hals.

Argloses Kind," sprach Gregor leise,wie Du selbst von Deinem Feinde nur das Beste denkst, weil auch Du nur gut sein kannst wären doch alle Menschen so wie Du . . ."

Leni nahm ihren Bruder, der noch immer wort­los dastand, bei der Hand.Prüder!" sprach sie mit bedeutsamer Miene,richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet werden, heißt es, und vergiß nicht, daß der Mensch am erhabensten ist, wenn er vergibt!"

Lorenz schritt auf Gregor zu, indem er ihm die Hand reichte.So will auch ich nicht Haß säen," lispelte er,wo man heute so viel Liebe erntet."

Ein Sttahl der Freude zog über daS Antlitz Gregors. Mit -einem innigen Händedruck dankte er Lorenz für diese Worte, dann nahm er Kreuz und Kette und trat an Leger heran.

Hier, Herr Leger," sprach er mtt zitternder Sttmme, übergeben Sie Ihrer Braut das Andenken ihrer Mutter. Durch Ihre makellose Hand wird das einst entweihte Sinnbild der göttlichen Liebe die Weihe zurückerlangen und der Trägerin zum Segen gereichen."

Wie eine Marmorstatue stand Vroni während dieser Worte an Lenis Seite.

Muhme!" rief sie nach einer Pause tiefster Be­stürzung.Muhme, was soll das heißen wie kommt Herr Furtner zu dem Geheimnis? sprecht Muhme."

Kind!" fiel ihm Leni ins Wort,daS Schicksal