30. Jahrgang.
fUlda, Dienstag, den 30. Juni 1903.
M 145.
Amtsgerichten empfohlen, von den in Ehesachen
Art.
Berlin, den 29. Juni 1903.
kommen."
ihr unschuldiges Herz hing. Hoffvungsvoll in der sicheren Erwariung einer glücklichen Zukunft reichte sie ihm die Hand zum Bunde fürs Leben. — — —
Nur kurze Zeit dauerte das eheliche Gluck Deiner Mutter. Ein furchtbares Elementarereignis vernichtete die Hrffnung, die Dein Vater auf das geschäftliche Unternehmen setzte, ;a führte seinen Rum herbei. Nun aber zeigte sich sein schwacher Marakter. Statt in seinem Unglücke Trost bei feinem Werbe zu l suchen und auch in trüben Togen treu an ihrer Seite auszuharren, ging sein ganzes Streben darnach,, sich erst wieder eine Stellung zu erringen, die seinem Weibe ein sorgenloses Leben bieten könnte. Deine Mutter sollte bis dahin bei Verwandten im Salz- burgischen verbleiben und Hfere Tage abwarten. So geschah es auch- Von da an zählt das Unglück der Schwergeprüften." ,
Leni hielt einen Moment-mne; es war als siele es ihr zu chwer noch weitere Enthüllungen zu machen; der bittende Blick Vronis jedoch ließ sie weiter fortsetzen. . „ .
„Achtzehn Jahre bist Du letzt alt, Kind, Nicht wahr?" setzte Leni fort, indem sie Vroni die lockigen Wellen aus der Stirne strich.
„Also es war vor achtzehn Jahren, als ich an einem gewitterschwülen Sommerabende an derselben | Stelle saß, an der ich jetzt fitze. Meine Gedanken weilten ferne, ferne von hier bei denjenigen, die mir die Liebsten cuff dieser Welt waren. Da wurde es plötzlich düster; ein schweres Gewitter zog über den Hagenberg und ein furchtbarer Sturm erhob sich. Eiligst begab ich mich in mein Häuschen, verschloß die Türe und war eben im Begriffe, den Psalter zu ergreifen und um glücklichen Ausgang des Gewitters zu bitten — da war mirs, als pochte Jemand eiligst an die Türe. Ich wähnte anfangs, es rüttle der Sturm an derselben, dcch bald überzeugte ich wich
die zuständigen evangelischen Geistlichen alsbald zu benachrichtigen. Neuerdings ist seitens des preußischen Episkopats dem Justizminister der Wunsch zu erkennen gegeben worden, daß die Amtsgerichte in gleicher Weise m denjenigen Ehesachen, in welchen wenigstens eme der Parteien dem katholischen Glauben angehört, dem katholischen Pfarrer am Wohnort der Parteien, oder wo an größeren Orten mehrere Pfarreien bestehen und über die Zuständigkeit des Pfarrers ein Zweifel obwaltet, dem vorgesetzten Geistlichen (Erzpriester, Dechant, Defimtori von i der Anberaumung eines Sühnetermms unvor- züqlich Mitteilung machen möchten. Der Justizminister empfiehlt den Amtsgerichten, diesem Wunsche nach Möglichkeit entgegen zu
übe, fiel sie, wenn sie statt eines liebevollen Wortes, nachdem sie sich sehnte, nichts als kühle gechastS- mäßige Redensarten zu lesen bekam. Bald mußte fie erkennen, daß die Sucht nach irdischen Gütern ,m Herzen ihres Mannes jedes edlere, zartere Ge uhl erstickt habe — doch was galten ihr alle Glucksguter ohne ein fühlendes/ liebendes Herz? Von dieser Zech an, wo sie erkannte, daß DI die Liebesschwure ihres Mannes nur einer vorübergehenden Lerdenschait entsprungen waren, war ihr Herz gebrochen — m» Gerste trennte sie sich von ihm, ia sie verschwieg ihm sogar, daß sie Dich, ihr Kind unter ihrem Herzen trug.
Vroni verhüllte ihr Antlitz, bittere Zähren rollten
vom Gegenteil. . .
„Kaum öffnete ich die Tur, so fiel m,r lemand um den Hals, küßte und herzte mich unter heftigem Schluchzen und bat mich endlich um Unterstand.
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Zernsprecher Nr. 9.
Bolksroman von I. Oberparleiter.
g (Nachdruck verboten.) I
„Deine Mutter," begann diese, war das schönste Mädcken ihres Heimatsortes, aber auch das bravste. Kein Makel haftete an ihrem Rufe; fern Bursche des Ortes wagte sich an dieselbe heran, denn sie hatte kein Ohr für unzeittge Scherze und Lustbarkeiten. Sie war in Demut und Bescheidenheit auferzogen worden, und darum behagten ihr auch die weltlichen Freuden nicht. Ihre Mutter hatte sie bereits als Kind verloren und nun starb ihr Plötzlich auch noch die einz-ge Stütze, der Vater.
„Da wollte es der Zufall, daß sie ferne, ferne von der Heimat durch Vermittlung eines väterlichen | Freundes gemeinsam mit ihrem Bruder ein einträgliches Geschäft übernehmen konnte.
„Bei der Schönheit Deiner Mutter war es kern W under, daß fie sich bald von jungen Leuten umschwärmt sah, doch widerstand sie allen Anfechtungen und be. wahrte sich ihr reines Herz. Ein junger Mann jedoch bewarb sich ernstlich um das Herz Deiner Mutter, dcch trennte die Beiden eine tiefe Kluft: er war em reicher Mann, wenigstens hielt man ihn dafür — sie war die Armut selbst, zudem war er der Brotherr
Sammler über. . . .
* Entschuldbar. Onkel: „Warum weint denn dein neues Brüderchen so viel, Hänschen?" — Hänschen (entrüstet): „Es weint nicht so sehr viel, und bann, wenn Ihnen alle Zähne fehlten utid das Haar, und wenn Ihre Beine fo schwach wären, daß Sie nicht darauf stehen könnten, so glaube ich, waren Sie auch zum Weinen aufgelegt. , , .. . ...
W * Stimmt. Arzt: „Sie sollen mehr m die frische Luft gehen und weniger in's Wirtshaus." — Patient: „Dazu brauche ich Sie nicht, das hat mir schon meine ö ^Kindermund. Ter kleine Fritz: „Herr Doktor, wissen Sie, was ich an Ihrer Stelle tun wurde? - Arzt: „Was denn, Fritzchen? — Fritz: Ich wurd immerfort krank sein, es Met Sie ja nichts!
* Genau erklärt. Die kleine Ella: „Du, Papa, was ist eigentlich Meteorologie?" - Vater: Mete- orologie ist, wenn einer sagt, morgen wirds schön Wetter, und nachher regnet».^....._________......
Erscheint täglich, mit Ausnahme der §onn- und zeiertage. viertel- jährl. Bezugspreis ohne Vringerlohn und Bestellgeld in Zulda und auswärtrlMk.5VPfg
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ihnen vor der ihrer harrenden Aufgabe doch ' wohl etwas unbehaglich zumute werden. Nehmen wir einmal an, es ginge in dem Tempo des letzten Jahrzehnts weiter mit dem Anwachsen der sozialdemokratischen Mandate. Was wurden sie dann beginnen, wenn sie die Mehrheit hatteni. Die kapitalistische Gesellschaftsordnung durch Reichstagsbeschluß wegdekretieren und den kolle - tivistischen Zukunftsstaat emfuhren? Daß sw das tun würden uud könnten, glauben sie doch feldst nicht. Die „herrschende Klasse wurde sich nötigenfalls mit Gewalt widersetzen und trotz aller Sozialdemokratie ist aar nicht anzunehmen, i daß die Armee in der Hand der Regierung ver- ^IßoUte^ie sozialdemokratische Mehrheit einfach in alter Weise die parlamentarischen Geschäfte weiter betreiben und von ihrer „Macht keinen Gebrauch im Sinne des Zukunftspro- qrammes machen, so wäre das eme schwere Enttäuschung für alle „zielbewußten Genossen, die der Partei verhängnisvoll werden wurde.! Die Partei würde anderseits zu der so hartnäckig bestrittenen Mauserung genötigt werden, denn sie würde zu einer sozialen Reformarbeit genötigt werden, die sich ihrer Natur nach von der heutigen Sozialreform nicht unterschied, wenn sie auch bedeutend energischer durchgriffe. Das wäre dann eben die Preisgebung des „Endzieles" und die Anerkennung des heutigen Staates.
Wir unserseits glauben üb erhaupt nicht, daß es zu einer sozialdemokratischen Mehrheit . kommen wird, wenigstens so lange nicht, als es , noch einen starken Prozentsatz der Bevölkerung gibt, der mit der „Weltwende" etwas zu ver- i lieren hat — und wie die Statistik ausweist, : | nimmt dieser Prozentsatz zu - und so lange vor allem der Kern unseres Volkes noch auf christlichem Boden steht, £eute tft e§ ja ein ungefährliches Vergnügen, durch Abgabe eines sozialdemokratischen Stimmzettels seiner persönlichen Verärgertheit Luft zu verschaffen oder andere zu ärgern. Ständen wir aber vor der Aussicht, durch eine sozialdemokratische Mehrheit den Zukunstsstaat eingeführt zu sehen, Jo würden Hunderttausende leichtfertige Mitläufer sich doch besinnen, ehe sie einen sozialdemokratischen Stimmzettel abgäben. Daß anderseits die bürgerlichen Parteien sich mit der wachsenden Gefahr auch der Notwendigkeit der Abwehr mehr bewußt werden, ist gleichfalls anzunehmen. Die starke Zunahme der Zentrum sstimmen bei den letzten Wahlen ist em erfreuliches Anzeichen dafür.
Freilich, mit der Stimmabgabe allem ist es nicht getan. Es bedarf auch positiver Arbeit, abgesehen von dem religiösen, insbesondere auf sozialem Gebiete. Die Sozialdemokraten dürfen sich mit Recht rühmen, daß ihre Abgeordneten, wie überhaupt alle m der Parteibewegung stehende Personen, einen un- aewähnlichen Fleiß entwickeln und von Parteiwegen „recht kräftig herangeholt" werden. Andere Parteien könnten und sollten sich em Beispiel daran nehmen. Entwickelten all ihre be-
sähigten Mitglieder einen gleichen Fleiß und Eifer, es könnte noch viel mehr geleistet werden, als es geschieht, und das wäre gewiß eine positive Bekämpfung der Sozialdemokratie erfreulichster und erfolgreichster
„Muhme!" rief Vroni unter spannenderErwartung, „spikcht, das war gewiß meine Mutter?" ,
„Ja, Kind," seufzte Leni, „sie war es; m ihrer Seelenangst hat sie Zuflucht zu mir genommen, um ihre unmittelbar bevorstehende schwere Stunde bet mir, ihrer zweiten Mutter abzuwarten war ich doch die Einzige auf dieser Welt, der sie ihr innerstes anvertrauen konnte. Den etwa zwei Stunden weiten Weg von der nächsten Bahnstation hatte sie zu Fuß auf entlegenen Wegen zurückgelegt, um unbehelligt zu mir zu gelängen. Kind, das war ein trauriges Wiedersehen nach längerer Zeit.
„Ich hätte die Arme beinahe mcht wieder erkannt. Die frischen Rosen in ihrem Gesichtchen waren verschwunden, bleich und abgehärmt, blickten mich ihre »alten Augen an, als wollten sie sogen: „O, hab Erbarmen mit einer Unglücklichen!"
„Du arme, arme Mutter!" wehklagte Brom
[:] wie nun weiter? ■
Die Wahlen haben das schöne Ergebnis gehabt, daß alle Parteien mit ihnenzufrieden sind, wenigstens wenn man ihrer Presse glauben will. Die ..Mehrheitsparteie^ freuen fick daß sie sich behauptet haben. Die Frei- sinniqen sind sroh, daß sie nicht noch mehr Mandate verloren haben und die Stichwahlen so glücklich für sie abgelaufen sind. Außerdem tragen sie Genugtuung darüber zur Schau, daß die Linke" um ein halbes Dutzend Mandate verstärkt worden ist. Ob diese Gemtgtuung freilich so recht sei, bezweiseln wir. Es wurde da- dmch sonst ein eigentümliches Licht auf das innere Verhältnis des Freisinns zur Sozmi- demokratie fallen. Sogar die Landwirts bündler - von den Antisemiten ganz zu schweigen - bemühen sich, eine zufriedene Miene anzunehmen. Wenn auch ihre Führer glatt durcbaefallen seien, so seien doch eme ganze Anzahl anderer Abgeordneten mit Unterstützung des Bundes und als dessen Vertrauensmänner gewählt worden; außerdem fet e£ ein Vorteil, daß die durchgefallenen Bundesfuhrer fetzt für für die Arbeit im Lande frei seien. Nun, wenn die Bündler mit ihren Ersolgen zufrieden find, uns kanns recht sein. Wir haben keinen Grund, über diese Erfolge unzufrieden zu sem.
Am lautesten ist die Freude natürlich bei den Sozialdemokraten. Einen kleinen Wermuts tropfen dürfte der Freudenbecher aber dennoch enthalten, denn 81 Mandate stehen nicht un richtigen Verhältnis zu den 3 Millionen Stimmen. Die stärkste Fraktion hofften sie nach dem ,Vor- rvärts' zu werden. Diese Hoffnung aber haben die Stichwahlen vereitelt. Immerhin, ihre Berechtigung zu Stolz und Jubel wird man nicht bestreiten können. Das um so weniger, als sie allem Anschein nach noch höher ft eigen werden. Eine ganze Anzahl von Mandaten ist ihren Händen doch nur mit knapper Not durch die vereinten Anstrengungen der anderen Parteien entgangen. Sie haben allen Grund zu der Hoffnung, daß es ihnen das nächstemal gelingen wird. Sie haben von Wahl zu Wahl an Stimmen zugenommen, warum sollte jetzt die Grenze erreicht sein? Das dürfte man doch erst erwarten, wenn einmal die sozialdemokratischen Wahlzahlen einen Stillstand andeuteten. Davon ist aber nichts zu bemerken.
Der.Vorwärts' liebt es, die Wahlen vom welthistorischen Gesichtspunkt aus zu betrachten und im Stile Liebknechts eine „Weltwende und die Götterdämmerung der gegenwärtigen Gesellschaft anzukündigen. Heute kann es ja roch mit aller Gemütsruhe geschehen. Wären die Sozialdemokraten aber daran, die Mehrheit der Mandate zu erlangen, dann dürste
(•) Eiu neues Kesselfteinmittel wird nach Patent 139,980 in folgender Weise hergestellt. Die getrockneten arünen Teile oder die Samen von Hulsenstuchten (Leauminosen bezro. Papilionaeeen) werden zerkleinert unter Zusatz eines Artz-Alkalis ausgekocht, und der er- baltene Auszug von Pflanzen-CaseM oder Legumm wird nach Abscheiden der nicht gelösten Rückstände bis zur Zähflüssigkeit oder bis zur Trockne eingedickt. Oder man trankt mit dem Auszuge eme poröse Masse, rote Moor oder Torf, trocknet das Gemisch und verwandelt es in Pulver oder Preßkuchen. Das neue Mittel greift die Kesselwände nicht an. (A. d. Techn. Korrespondenz von Rich. Lüders in Görlitz.) .
* So vergeht der Ruhm des — Namens. Im Anzeigenteil der in Basel erscheinenden ,Nationalzeitung heißt "es: Gerichtliche Gant. Freitag, den 12. Juni 1903, nachmittags 3 Uhr, wird im Saale des Zivtl- gerichts, Bäumleingasse 3, gegen Barzahlung versteigert: die Urkunde betr. Ernennung des Generalfeldmarschalls v Manteuffel zum Statthalter von Elsaß-Lothringen. Beitreibungsamt Basel. - Es ist bekannt daß nach dem Tode des ersten Statthalters der Reichslande fern gesamter literarischer Nachlaß veräußert worden isi. Zahlreiche Briefe Kaiser Wilhelms I. und der Semigen an Manteuffel gingen damals an einen Berliner
der Geschwister." ..
„Der Binder sah mit Bangen der Zukünst entgegen; er kannte nur zn gut den wahren Charakter | des jungen Mannes und wußte, daß er zu sehr an weltlichen Gütern hänge, als daß er einem vielleicht vorübergehenden Herzensbedürfnisse zu Liebe, ein so großes Opfer bringen könnte; zudem war eS kem Geheimnis, daß fein Geschäftsnnternehtnen, gerade damals einer ausgiebigen Geldstütze bedmste.
„Und dennoch — was der Bruder zu verhindern suchte, geschah: Deine Mutter, deren Herz selbst kein Falsch kannte, beurteilte auch die Mehrheit nach sich selbst und setzte volle» Sertracen in Den, an Dem
über ihre Wangen. ,.
Auch Leni trocknete sich die Augen — man merkte, es wurde ihr schwer, diese schmerzlichen Erinnerungen wieder wachzurufen. Nach einer Weste fuhr fie fort.
„Gerne hätte Deine Mutter mit entern Manne, dessen Herz auch sür sein Weib, schlug, dte.bitterste Not geteilt, gerne wäre sie ihm tn dte unerbittlichste Wildnis gefolgt, — doch durch das ganze Leben an ein liebeleeres Herz gefesselt zu sem — der Gedanke war ihr zu schrecklich; sie wußte es, sie mußte tm Ueber- I maße der schrecklichen Enttäuschungen zu Grunde gehen.
, Und doch wollte sie ihren Mann nicht verurteilen, ohne ihn vorher geprüft zu haben. — Sie wollte das Schicksal selbst entscheiden lassen, ob dte Kalte, dte Gleichgiltigkeit ihres Mannes nur Leichtsinn oder wirkliche Absicht war.- Ein Bries, der von ihm anlangte, bestärkte fie in ihrem Vorhaben.
„Ihr Mann schrieb, daß er seinen gegenwärtigen Posten wieder aufgebe, aber Dank einer weittaufigen Bekanntschaft in maßgebenden Kreisen eme Stellung bei dem Bau einer Bahnlinie in Steiermark erhaltm habe, die einträglich zu werden verspreche. - Hell- Freude sprach au» jeder Zeile — doch fein SS ort der Sehnsucht nach seinem We-be, kein fester Wunsch auf ein freudiges Wiedersehen; immer hieß-S: won nig erst abwarten. Es war unzwnfelhast, er fühlte Vch Wähler, freier, wenn er keine Ruckficht auf fern Wem I zu nehmen hatte." w- w
* Zu den Wahlen erhält die ,Kreuzztg.' von einem protestantischen Geistlichen eine Betrachtung, worin davor gewarnt wird, die Schuld für das Anwachsen der Sozialdemokraten auf andere, besonders die Regierung zu schieben. Die Tadler möchten sich doch selber fabeln. Der Grund für das Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen wird vor allem in der rapiden Abnahme des religiösen Sinnes gefunden.! Dann heißt es weiter: „Das Zentrum steht i unerschüttert da, es ist der Arbeit der katholischen Kirche zu danken. Die katholische Kirche genießt öffentliche Achtung bei den Behörden sowohl, wie im Parlament, der katholische Mann hat Respekt vor sei'ner Kirche und ist für die atheistische Lehre nicht m dem Maße zu haben, wie der evangelische Mann. Die evangelische Kirche ist gebunden an Händen und Füßen, sie gilt dem Volk für eine Staats- anstatt und hat geringe Achtung. Man sträubt sich, ihr die Freiheit zurückzugeben, ihr den Einfluß zu verstatten, welchen sie haben muß, um ihre Arbeit an der Volksseele tun zu können. Die Not der Zeit gebietet und zwingt, den Kampf zwischen Rom und Wittenberg : aus dem politischenLeben auszuschalten : trotz aller Bedenken. Ganz ebenso ist es durch i die realen Verhältnisse geboten, der evangelischen Kirche ein größeres Maß von Bewegungsfreiheit zu geben. Fürst Bismarck sah sich wiederholt zu Mitteln genötigt, welche er früher aufs energischste bekämpft hatte, die ihm persönlich unsympathisch waren. Er war so groß, daß er sich selber überwand und Bedenken um der | größern Sache willen schwinden ließ. Die religiösen Mächte müssen mit allen Mitteln im Volksleben gestärkt werden. Ein religiöses Volk ist für den Umsturz nicht zu haben." Die evangelischen Bündler werden von der Ausscheidung des konfessionellen Kampfes aus dem politischen Leben nicht gern hören. Dennoch ist es Tatsache, daß auch in protestantischen politischen Kreisen, namentlich konservativen, die Notwendigkeit friedlichen Zusammenarbeitens mit dem katholischen Volksteil und seiner parlamentarischen Vertretung immer mehr erkannt wird.
—* Der Justizminister hat unter dem 23. d. folgende allgemeine Verfügung betreffend die seelsorgerische Tätigkeit der Geistliche» in Eheprozessen, erlassen: „Durch die Allgemeine Verfügung vom 27. August 1879 ist den
schluchzend. , , , . n,
„Ich nahm Deine Mutter sofort zu mir. An meinem Herzen sollte sie gesunden. Nun erst erfuhr ich aus ihrem Munde all den Jammer, all den Gram, der ihr fo zartes, unschuldiges Leben vergiftete, daß es schien, als sollte sie daran zu Grunde gehen; I ich konnte aber auch zugleich einen tiefen Blick tn ihr Herz werfen, der mich ihre ganze Seelenqual erkennen ließ "
„O Leni!" waren ihre ersten Worte, „es ist das größte Unglück für einen Menschen, ein zartfühlendes Herz zu besitzen, ein Herz, das sich nicht hinwegzufetzen vermag über unvermeidliche Schicksalsschläge, das keinen Glauben an eine bessere Zukunft hat. Es muß sich endlich verzehren an der eigenen Hoffnungslosigkeit.
„Und nun erzählte fie mir ihre Erlebnisse fett den letzten Monaten: Sie hielt sich, wie Du weißt, di- erste Zeit nach der Trennung von ihrem Manne bet entfernten Verwandten im Salzburgifchen auf. — Doch bald sollte für fie Enttäuschung auf Enttäuschung folgen. Zwar erhielt fie anfänglich Nachrichten von ihrem Manne, dieselben aber kamen nach und nach tn | immer größeren Zwischenräumen, und kalter Schauer
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ro*W: „Illustrierte Sonntagrzeitung" „8»ldaer Geschtchttblatter.
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