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«rscheint täglich, mit Ansnahme der §onn- And Feiertage. Viertel- jShrl. vezugspreir ahne Vringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts lim. 50 pfg

verantwortlicher

5christleiter:Zos.vaum

Zuldaer

3. parzeller in Fulda. Wochenbeilage: „Illustrierte Sonntagszeitung"

eitung

Monatsbeilage: „Mdaer Geschichtsblätter".

Anzeigen: Vie ein- spaltige Petitzeile ode deren Raum 15 Psc Reklamen die Petitzeil e 25 Pfg.; bei Wieder­holungen wird entspr

Rabatt gewährt.

Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckeret in Fulda (Harmonie) Fernsprecher Nr. 9.

M 142.

fllldd, Donnerstag, den 25. Juni 1903.

30. Jahrgang.

Bestellungen auf das 3. Quartal 1903 der,Fuldaer Zeitung^ werden fortwährend von allen Postanstalten, ^andbriesträgern «nd von unserer Expedition (Harmonie) entgegengenommen. Ne» hinzutretende Hlbonnenten erhalten vom Tage der Be­stellung an die Zeitung bis Ende Juni gratis.

):( Dos radikale Polentum und die Sozialdemokraten.

Wiewohl Kardinal-Fürstbischof Kopp in seinem Hirtenschreiben die kirchenfeindliche Haltung der radikal-polnischen Presse in Ober­schlesien nachgewiesen hat, belieben sich die Be­troffenen immer noch als besonders gute Katholiken aufzuspielen. Sie wollen sich nur gegen dieGermanisterungsbestrebungen der Geist­lichen wehren und dem Zentrum ihr Mißfallen bekunden, weil es den Polen nicht gerecht werde. Unseres Erachtens braucht man noch nicht die Dogmen und die Moral der katholischen Kirche anzugreifen, um sich den Vorwurf der Kirchen­feindlichkeit zuzuziehen.

Auch wer so systematisch gegen die Geistlich­keit und den Bischof hetzt und die Bevölkerung mit Haß und Verachtung gegen sie erfüllt, wie es die radikal-polnischen Agitatoren tun, handelt kirchenfeindlich. Es ist gar nicht möglich, daß das Volk die feine Unterscheidung zwischen Feindschaft gegen „germanisierende" Geistliche und gegen Geistliche überhaupt mache. Aus dem Haß und der Verachtung gegen einen Teil der Geistlichen erwächst nur zu rasch der Haß g^gen die Kirche selbst. Man begreift es ja, wenn die Hetzer sich vor dem Volke als gute Katholiken aufspielen. Sie wissen, daß das Volk stutzig werden würde, sobald ihm Zweifel an ihrer gut katholischen Gesinnung kämen und es merkt, wohin das ganze Treiben führt. Schwer genug mag es ihnen ja werden, den Schein aufrecht zu erhalten. Tatsache ist, daß ebenso wie bei allen anderen Nationalitäten auch unter den Polen kirchlicher Liberalismus und Unglaube weit um sich gegriffen hat. Nach außen hin er­scheinen sie alle einig und gut katholisch. Das ist aber nur eine Täuschung, durch die sich vor allem auch deutsche Katholiken leicht fangen lasten. Besonders unter den radikalen Polen sind viele in kirchlicher Hinsicht recht zweifelhafte Elemente. Sie müssen aber die kirchliche Maske tragen, weil ihr politisches Geschäft sonst nur mit bescheidenem Erfolge betrieben werden könnte.

Die Maske ist durch die neuesten Vorgänge in Oberschlesien doch etwas gelüftet worden. Dürfen sich etwa Leute als gute Katholiken auf­spielen, die bei einem Krawall ihren Haupt­angriff gegen das Haus des Pfarrers richten. Man mag mit der politischen Haltung des

Pfarrers nicht übereinstimmen, aber der kirchliche Sinn muß schon stark untergraben sein, wenn man hingeht und dem Pfarrer die Fenster ein­wirft. Auch verschiedene Vorkommniffe während des Gottesdienstes zeugen von einer sehr bedenklichen Lockerung kirchlichen Geistes. Daß es so weit gekommen ist, ist freilich bei dem Treiben der polnischen Hetzer nicht zu ver­wundern und wenn das so weiter geht, werden die „gut katholischen" Polen ihren Katholizismus gegenüber dem Klerus wohl noch in deutlicherer Weise bekunden.

Was aber vollends jeden Zweifel darüber, wohin der polnische Radikalismus steuert, zer­streuen muß, das istihre Verbrüderung mit der Sozialdemokratie. Mit Hilfe der Sozialdemokraten gedenken sie drei Zentrums- Kandidaten zu schlagen, an deren polenfreund­licher Gesinnung kein Zweifel sein kann. Daß die Sozialdemokraten sich auch bereits ganz als Brüder der Polen fühlen, erhellt aus einem Ar­tikel des ,Vorwärts' über den blutigen Krawall in Laurahütte. Wir erfahren daraus, daß es nicht blos die polnischen Radikalen waren, welche die Zentrumsoersammlung sprengten, sondern die Sozialdemokraten ihnen getreulich halfen, wie es denn auch die vereinigten Polen und Sozialdemokraten waren, die den blutigen Straßenkrawall veran­stalteten. Der .Vorwärts' berichtet über die Vorgänge überhaupt in einem Tone, als handele es sich" um eine rein sozialdemokratische An­gelegenheit, nicht um eine fremde. Er ist na­türlich auch bemüht, die Vorkommnisse gegen die Geistlichkeit auszunutzen ganz im Sinne der radi­kalen Polen. Daß er dabei lediglich die ger­manisierenden Geistlichen im Auge habe und nicht vielmehr einen Vorstoß gegen Kirche und Glauben beabsichtige, werden wohl auch seine polnischen Freunde nicht behaupten wollen. Um die traurigen Ereignisse möglichst gründlich für die Sozialdemokratie auszubeuten, haben die Sozial­demokraten auch sofort ein „Hilfskomitee für die Opfer der Laurahütter Un­ruhen" gebildet. Wenn dir „gut katholischen" Polen nicht aufpassen, fischen ihnen die Genoffen noch alle Erträgnisse der bisherigen Hetzarbeit weg.

Nach beliebter Gewohnheit stellt der .Vor­wärts' die freche Behauvtung auf, es sei die Absicht der „Zentrums-Geistlichen" ge­wesen, durch ihre Brutalität Unruhen und Krawalle hervorzurufen, um dann Militär und Gerichte zur Hilfe gegen die Radikalpolen und Sozialdemokraten zu erhalten, um die Opposition gegen das Zentrum im Blute zu ersticken. Ob die Radikalpolen schon die gleiche Behauptung aufgestellt haben, wissen wir nicht. Nach allem, was sie bereits an gehässiger Verleumdung geleistet haben, würde es uns nicht wundern. Es würde jedenfalls dem Geiste entsprechen, in dem die „guten Katholiken" die Agitation betreiben. Ueber die Anschuldigung der „Zentrums-Geistlichen" selbst verlieren wir natürlich kein Wort. Daß die urteilslose Masse, die sich von Polen und Sozialdemokraten schon

Der WergHof.

Bolksroman von I. Oberparleiter.

8 --------- (Nachdruck verboten.!

«Nun, so nimmst Du halt den nötigen Betrag auf den Berghof von einer Kaffe oder Bank auf; wo­zu find sie denn da, diese Institute," eiferte Marga­retha, „der Hof wird doch nochso viel Hypothek bieten?" „Ja, wär' alles recht, wenn das Legat der Broni nicht wäre, das auf den ersten Posten zn stehen kommt — aber 10000 Gulden und 12000 Gulden und dann noch ein notwendiges Betriebskapital — dazu reicht der Berghof als Hypothek nicht hin."

Das Wort „Legat" und „Broni" hatte die em- pstndlichfie Saite in Margarethens Gemüt b.rührt. •c J?enn «ine Schleuße geöffnet worden wäre, gerbt chr Wortschwall wieder in Fluß. H

i c' Legat!" kreischte sie, „aber das kommt daher, daß Du Dich um den Berghof von jeher zu wenig umgesehen. Hättest Du mehr in das Haus- wesm hier eingegriffen, so hätte diese hinterlistige Person nicht den alten Mann anz in ihre Netze °— Ursache hättest Du genug gehabt, gut, wie weit Du es bereits mem gebracht hattest. — Aber Dir ist

der Berghor erst nach dem Tode Deines Bruders ein« gefallen und ein Glück wars, daß der Alte zur ist, sonst hätte am Ende ich, die Stiftshofbesitzerin, noch vor seine Türe tommen muffen!

«ebenfe, was Du sprichst," W G„gor ent- Eet empor „vergiß mcht, daß der Alte, von dem Du da redest, mein Vater war! Ich habe Dich bis- -er nur für leichtsinnig gehalten, jetzt aber erkenne ich, daß Du auch herzlos bist.--Mag sein, daß

ich hm und wieder mehr ausgegeben habe als ich sollte, um auch Ander- leben zu lassen, wie es einmal v« unserem Geschäfte nicht anders fein kann aber

gewiß habe ich nicht mehr getan als andere Bau­unternehmer auch. Dafür hab' ich auf anderer Seite wieder was hereinzubringen gewußt — leider war's halt immer zu wenig für Deinen Aufwand. Du hast es verstanden, Dir eine Zucht Schleckermäuler zu halten — Deiner Eitelkeit zu Liebe, denn die Herren haben ja immer so schöne Redensarten für die „gnädige Frau" gehabt, wie man mir nachträglich erzählte."

Die bisherige Blässe in Margarethens Antlitz wich einer Purpurröte. Entrüstet warf sie den Kopf zurück und maß ihren Mann mit zornigen Blicken vom Fuße bis zum Scheitel.

„So! — also ich had den Stiftshof verwirtschaftet?! Na, — nur gut, daß es „mein" Eigentum war. Du weißt wohl am Besten, daß „ich" Dir wieder- auf die Beme geholfen, nachdem Du so gut wie fertig warst. War eine große Ehre für mich, Dich z«m Manne zu nehmen, Dich, der Du Dir vorher eine Betteldirne an den Hals gehängt, so daß Du froh sein konntest, als Du von ihr erlöst warst. Kannst Du leugnen, daß Deine Heirat nichts als eine bloße Spekulationsheirat war, von der Dein Herz nichts wußte? — Leider sind mir erst nach der Hochzeit die Augen aufgegangen — Gregor laß mich nicht reden!"

Minutenlange Stille folgte auf diesen haßerfüllten GemütsausbruchMargarethens. Furtner war in sichtlicher Verlegenheit auf und ab gegangen, während sich Margaretha erschöpft auf einen Stuhl warf.

Endlich brach e» das Schweigen:

„Unsinn!" sagte er, „daß wir uns da gegenseitig Borwürfe machen und uns selber das Leben ver- E>istern. — Wäre nicht die letzte Bauspekulation miß­glückt, wir ständen heute anders---wer Alles

voraursehen könnte. — Laß uns lieber nachdercken, tote letzt zu helfen ist."

Margaretha brütete düster vor sich hin. Endlich nach langer Pause meinte sie in beruhigterem Tone:

»Kann das Legat nicht umgangen werden; hast Du mit Findig gesprochen?"

soviel über die Niederträchtigkeit der Geistlichen hat vorlügen lassen, schließlich auch dieses glauben würde, ist sehr wahrscheinlich.

Der »Vorwärts' weiß viel zu erzählen, wie in Oberschlesien die Radikalpolen und Sozial­demokraten durch die „Zentrums-Geistlichen" vergewaltigt worden seien. Es sei ihnen un­möglich gemacht worden, während des ganzen Wahlkampfes auch nur eine Versammlung abzu- halten, während die „Zentrums-Geistlichen" Sonntag für Sonntag selbst in den entferntesten Dörfern Versammlungen veranstaltet hätten. In fast allen Kirchen seien allwöchentlich Predigten gegep sie gehalten worden. Geistliche hätten den Wählern die polnischen und sozialdemokratischen Stimmzettel gewaltsam aus der Hand geriffen. Es seien amtliche Wahlkuverts mit Zentrums- Stimmzetteln ausgegeben worden; Nicht-Zentrums Wähler seien durch betrügerische Manöver um ihr Stimmrecht gebracht worden; Lehrer hätten die Schulkinder aufgefordert, sozialdemokratischeZettel- verteiler mit Steinen zu bewerfen, was auch ge­schehen sei. Natürlich werden die meisten dieser Angaben erlogen, entstellt oder über­trieben sein. Sollte ihnen ein wahrer Kern zu gründe liegen, so würden wir das Verhalten gegenüber den Polen und Sozialdemokraten für ebenso unklug wie ungerecht halten. Durch mehr oder minder gewalttätige Manöver läßt sich keine politische Bewegung unterdrücken. Man verstärkt sie dadurch nur und ruft die Gefahr schwerer Ausschreitungen hervor, wie wir sie in Laurahütte erlebt haben. Gute Katholiken, wie die radikalen Polen doch sein wollen, lassen sich freilich durch nichts zu Ausschreitungen verleiten, selbst wenn die ihnen verbündeten Sozialdemokraten ihnen mit schlechtem Beispiel vorangehen.

Berlin, den 24. Juni 1903.

§ Reichskanzler Graf Bülow ist von seiner Erkrankung soweit wiederhergestellt, daß er das Zimmer verlassen und Spaziergänge in seinem .Park unternehmen kann.

** Alterspräsident des neuen Reichstages wird voraussichtlich der konservative Abgeordnete für Prenzlau-Angermünde, der Geheime Re­gierungsrat v. Winterfeldt-Menkin, ge­boren am 2. März 1823, werden. Die nächst­ältesten Mitglieder, auf die unter Umständen die Würde des Alterspräsidenten übergehen kann, sind Dr. Rintelen und Graf Hompesch, beide 1826 geboren. Alterspräsidenten oder älteste Abgeordnete waren von 1867 bis 1873 der Konservative v. Frankenberg-Ludwig s- dorf, geb. 1785, von 1874 bis 1878 der 48er Minister v. Bonin (altlib.), dann der Elsässer Dollfus und Graf Moltke. 1893 war Alterspräsident der Zentrumsabgeord nete Sieben, 1898 sein Fraktionskollege Dr. Lingens.

„Ich habe auf Deinen Wunsch mit diesem widrigen Menschen über die Angelegenheit verhandelt. Er wußte auch kein Mittel — wenigstens kein ehrliches. Der kurze Sinn feiner Rede war: „Wo die Löfvenhaut mcht reicht, muß der Fuchspelz helfen."

Eben wollte Margaretha entgegnen, als Leni, em Körbchen am Arme, eintrat, worauf sich Gregor entfernte.

Seni hätte in keinem ungelegtneren Augenblicke erscheinen können. Mitten in der so wichtige Ver­handlung mit ihrem Manne diese Störung und noch dazu durch Leni, die ihr ohnehin ein Dorn im Auge toar — kein Wunder, daß das eben erst besänftigte reizbare Gemüt Margarethens auf's Neue in Hellen Aufruhr geriet.

»Ah! welche Ehre, die Leni." sprach sie spöttisch, «hü wahrscheinlich am Berghof noch was vergessen? Müßt' sonst wahrhaftig nicht, was sie hierher führte?"

Diese unfreundlichen Worte brachten Leni auf etnen Augenblick in Verlegenheit. Alsdann aber faßte fie sich und, indem sie ihr Körbchen auskramte, meinte fte:

„Nichts hab ich vergessen, Frau Furtner, aber einige wunderschöne Schwämmchen habe ich auf dem Wege durch den Wa'd gefunden. Wollt' sie der Frau Furtner bringen und dabei fragen, wies dem Broner'l geht — hab's schon einige Tage nicht gesehen."

Lenir Treuherzigkeit fand aber keinen Widerhall.

„Laß Sie nur Ihre Schwämme," entgegnete Margaretha in barschem Tone, „wir können uns Gottlob noch welche kaufen! — und was die Broni anbelangt, so möcht ich wissen, wie es einer Dirne gehen sollte, die von Geburt an auf ftemder Leute Kosten lebt und ihnen das Leben verbittert. — Wie soll- einer Dirne gehen, deren Dasein der eigenen Mutter zur Last wurde, während fie selbst im Vollen fitzt und das Eigentum Anderer schmälert?"

„Frau Furtn>.r," sprach Leni zitternd vor Erregung, „das ist eine harte Rede. Sollen die Kinder daS Un­recht der Eltern büßen? — Kann der arme Mann

** Ueber die Dispositionen des deutscher: Gesandte« in Belgrad werden unrichtige Meldungen verbreitet. Da der deutsche Gesandte beim König Alexander von Serbien beglaubigt war, sind durch dessen Tod die Funktionen des diplomatischen Vertreters Deutschlands erledigt. Wenn dieser zunächst in Belgrad verbleibt, so geschieht es behufs Erledigung der laufenden Ge­schäfte, sowie zum Schutze und zur Wahrung der deutschen Interessen. Das weitere Verhalten der deutschen Regierung wird sich erst ergeben, so­bald die Thronbesteigung des neuen Königs offi­ziell angezeigt worden ist.

—* Der Handelsminister besichtigte heule, wie der ,Reichsanzeiger' mitzuteilen für nötig hält, die Kartonnagefabrik von E. Jacobsohn, die Möbelfabrik von Groschkus und die Stahlfeder­fabrik von Heintze und Blanckertz.

[*] Woher kommen die sozialdemo­kratischen Stimmen. Es war gemeldet worden, daß die Wähler in der Bellevue- straße in Berlin, die in der Hauptsache von reichen und sehr reichen Leuten bewohnt wird, weit überwiegend sozialdemokratisch gewählt haben. Die .Danziger Zeitung' erklärt sich das so, daß diese reichen Leute der Belleoue- straße viel Dienerschaft, haben und davon die sozialistischen Stimmen herrühren werden. Die ,Kreuzzeitung' meint dazu: „Das mag zum Teil stimmen, die reichen Leute der Bellevuestraße sind aber fast ausnahmslos Juden und werden darum auch zum Teil sozialdemokratisch gewählt haben."

* Königsberg, 24. Juni 1903. In dem Prozeß wegen Beleidigung des Hofpredigers Stöcker wurde der Redakteur Noske zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Der Ge­richtshof nahm an, daß Stöcker in dem Prozeß Ewald objektiv etwas Unwahres gesagt habe, es sei aber in keiner Weise erwiesen, daß er wissentlich oder fahrlässig einen Meineid geleistet habe. Mit Rücksicht auf die Schwere der Be­leidigung fei wie geschehen erkannt worden.

* Paris, 24. Juni 1903. Einen richtigen Raufbold haben die Pariser in die Kammer geschickt. Der neugewählte Abgeordnete Syve- ton überfiel am Dienstag abend in der Rue Rivoli seinen Gegenkandidaten, den ra­dikalen Rechtsanwalt Lefoyer, und versetzte ihm einen Faustschlag, weil in einem Wahlplakat Lefoyers behauptet worden war, daß Shveton eine Engländerin geheiratet habe.

* Budapest, 24. Juni 1903. Der Banus Graf Khuen-Hedervary erklärte heute gegen­über den Führern der Kossuthpartei, daß er die erhöhten Rekrutenvorlagen fallen lassen und nur das gewöhnliche Rekrutenkonttngent ver­langen werde. Die Mission des Banus ist so- mit gelungen. Er begibt sich heute nachmittag

dafür, daß vielleicht ein schlechter Vater eine brave Mutter in die Verzweiflung getrieben hat? Ich hab' das Kind gepflegt vom ersten Tage an, als es der selige Herr Furtner ausgenommen hat, d'rum ist es mir, als wär? es mein eigenes Kind, und d'rum tun mir solche Reden auch wehe. — Ter selige Furtner hat die Vroni mehr geliebt als seinen eigenen Sohn, der sich weder um ihn noch um den Berghof beküm­mert hat. Vroni hat ihm die Sorgen von der Stirn verscheucht — Vroni hat ihm die letzten Lebenstage erleichtert."

„Ist leicht begreiflich, warum fie sich bei dem Alten eingeschmeichelt hat, die Scheinheilige!" warf Mar» garetha verächtlich ein.

„Nein, Frau Furtner," fiel ihr Leni in's Wort, „Broni ist keine Scheinheilige; wie's ihr nm's Herz ist, so gibt sie sich. Der selige Berghofbefitzer war kein Heuriger, der hält' sich nicht täuschen lassen — er hat ihr ehrlich Wesen erkannt. „Broni," hat er oft gesagt, „Dich hat mir unser Herrgott ins Haus g'schickt — Dich hab' ich so gern wie mein eig'nesBlut."

«Haha!" spottete Margaretha, „haha! wer die Grauköpfe nicht kennen sollte; — tut ihnen ja auch wohl, wenn sie von einem jungen anstelligen Wesen geschmeichelt werden — haha! Alter schützt vor Tor­heit nicht!"

„Frau Furtner! Diese böse Rede mag Ihnen unser Herrgott vergeben," riefSeni, „ich wünschte nicht, daß Broni so was hätte, denn dann wüßte ich nicht, was geschehen würde — Gott behüte es!"

In diesem Momente trat Broni vor, die bei den letzten Worten Leni's unbeachtet aus dem Nebenzimmer gekommen war.

„Was, Muhme," fragte sie, „was soll ich nicht Ijören, welche böse Reden möge der Herrgott vergeben?"

In höchster Verlegenheit suchte Leni sie zu be- schwichtigen; doch Vroni fuhr fort:

»Mein Leben ist wie ein offenes Buch, in dem jedermann lesen kann, ich wüßte daher nicht, waS ich nicht über mich hören könnte!"