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fUlda, Dienstag, den 23. Juni 1903.
JV» 140.
30. Jahrgang.
Deutsche Sozialdemokratie und französischer Kulturkampf. Das vom Volksverein für das katholische Deutschland herausgegebene apologetische Flugblatt: Der entlarvte Programm-Satz: „Religion ist Privatsache", wo mit Hinweis auf die kulturkämpferischen Anträge der französischen Sozialisten der Nachweis erbracht wurde, iajs die Sozialdemokraten, sobald sie zur Macht kommen, als geschworene Feinde der Kirche sich entpuppen, ist der Sozialdemokratie arg in die Parade gefahren.
Es wird jetzt von jener Seite ein Flugblatt verbreitet, welches die französischen Kulturkämpfer von den Rockschößen der deutschen Sozialdemokratie abschütteln soll. Deshalb wird den Lesern — es ist offensichtlich spekuliert auf jene, welche nicht alle werden — folgendes Ragout vorgesetzt: „Man versucht in einem Zentrums-Flugblatte für die antiklerikale Politik und die gegen die katholischen Orden und Kirche gerichteten geietzlichen Maßnahmen in Frankreich den Sozialdemokraten alle Schuld aufzuladen und dies auch besonders gegen die deutsche Sozialdemokratie auszunutzen. Tatsache indessen ist es, daß in Frankreich solche Gesetze nur durch Zustimmung von einer mehr als 95 Prozent katholischen Bevölkerung durch allgemeine, direkte Wahl gewählten Deputierten geschaffen werden können. Dazu haben die wohl kaum 50 sozialistischen Vertreter in der 584 Mitglieder zählenden Deputiertenkammer keinen entscheidenden Einfluß auf die Gesetzwerdung solcher Maßnahmen."
Als ob mit diesem Gerede irgend etwas bewiesen wäre! Wir wollen von der zu 95 °/o „katholischen" Bevölkerung in Frankreich ganz absehen. Nicht darauf kommt es an, ob die in dem apologetischen Flugblatte behandelten kulturkämpferischen Anträge von der französischen Kammer angenommen werden oder nicht. Das ist für unsere Frage ganz gleichgültig, sondern darauf kommt es an, wer diese Anträge, welche die katholische Kirche vernichten sollen, gestellt hat; und darauf kommt es an, wie die deutsche Sozialdemokratie sich zu diesem Kulturkämpfe der französischen Genossen gestellt hat.
Und was sagen die Tatsachen?
1. Die Anträge, welche von einem wahren Hannibalshaß gegen die Kirche und alle Religion diktiert sind, welche die Ausrottung der katholischen Religion mit Stumpf und Stil bezwecken, sind gestellt von den französischen Sozialdemokraten. Der Antragsteller Pressenso ist Sozialist und 27 sozialdemokratische Abgeordnete haben seinen Antrag mitunterzeichnet.
Diese Anträge aber beweisen klar und deutlich, wohin der sozialdemokratische Kurs unter der Flagge „Religion ist Privatsache" steuert. Wovon das Herz voll ist, davon läuft der Mund über. Oder will die deutsche Sozialdemokratie vielleicht glauben machen, daß ihre französischen Gesinnungsgenossen in diesen Anträgen gehandelt haben nach dem Satze: Die Zunge ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen? Das glaubt sie ja selbst nicht. Nein, die Sozialdemokratie hat in Frankreich ihr wahres Gesicht gezeigt und die Maske „Religion ist Privatsache" abgeworfen, weil sie bei dem ungläubigen oder dochdemChristentum gleichgültig gegenüberstehenden französischen Volke ihre wahren Absichten nicht mehr verhüllen zu müssen glaubt.
2. Eine weitere Tatsache ist, daß die deutsche Sozialdemokratie die französischen Kirchenstünmer aufgemuntert und angefeuert und ihren Segen zu deren Vorgehen gegeben hat.
Der von der Parteileitung der deutschen Sozialdemokratie besoldete Redakteur der,Neuen Zeit", der offiziellen Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie, Kautsky, billigt im allgemeinen die sozialistische Kulturkämpferei in Frankreich. Ueber den Klostersturm schrieb er wie folgt:
»In Frankreich, wo die Traditionen der französischen Revolution so mächtigfortwirken und die Kongregationen so prononcierte «ausgesprochene) Kampfesorganisationen der Reaktion geworden sind (?), liegt es allerdings auch für die L-ozialisten nahe, den Liberalismus nicht in der Art, sondern nur in der Kraft des Kampfes gegen die Kongregationen zu übertreffen, deren Auflösung und die Konfiskation ihrer Güter zu verlangen. (Neue Zeit
Ja, noch mehr! In Nr. 16 der.Neuen Zeit' (Jahrgang 1903, Seite 506) heißt es:
»Der einseirige Kampf gegen die Kongregationen (Ordensgesellschaften), wie er heute in Frankreich geführt wird, ist ein bloßes Beschneiden der Aeste des Baumes, was ihn nur um so üppiger wuchern läßt. Die Axt muß an seine Wurzel gelegt werden, das aber wird nur erreicht durch die Aufhebung der staatlichen Unterstützung des Weltklerus.
Warum will trotzdem Kautsky in Deutschland vorläufig den Kampf gegen die Kirche anders
geführt wissen als in Frankreich? Das hängt lediglich damit zusammen, daß die Sozialdemokratie in Deutschland heute die Macht noch nicht hat.
„Wer der Staatsgewalt (in Deutschland) Waffen in die Hand gibt, um die Freiheit der besitzenden Schicht (gemeint sind die deutschen katholischen Orden) einzuschränken, muß also darauf gefaßt sein, daß dieselben Waffen morgen, und mit weit mehr Wucht, gegen das Proletariat gewendet werden." (Neue Zeit 18. X. 1902. S. 78)
Trotz dieser Verschiedenheit der Art des Kampfes gegen die katholische Kirche auf feiten der deutschen und französischen Sozialdemokratie betont aber Kautsky in einer Auseinandersetzung mit dem französischen sozialdemokratischen Abgeordneten Jaurös ausdrücklich:
„Er (Jaurös) übersteht vollständig, daß ich die deutsche Methode der französischen nicht deswegen vorziehe, weil jene auf den Kampf gegen die Kirche ver- zichtet, sondern weil sie (die deutsche) ihn viel wirksamer führt." (Neue Zeit 17. I. 1903. S. 506.)
Man vergegenwärtige sich diese Aeußerungen des Parteidogmatikers Kautsky, welche den Bebel- schen Anschauungen, daß Christentum und Sozialismus sich gegenüberstehen wie Feuer und Wasser, völlig entsprechen, und vergleiche dazu die Unschuldsbeteuerungen des sozialdemokratischen Flugblattes, dann wird man die vielseitigen Leistungen der sozialdemokratischen „Wissenschaft" baß bewundern.
* Warum Oberst Ma sch in sich an derErmordung seiner Schwägerin, der Königin Draga, beteiligte, darüber hat er sich nach der ,Post' einem Mitarbeiter des Petersburger Blattes ,Ssyh Otetschestwo' gegenüber wie folgt ausgesprochen: „Draga heiratete meinen armen Bruder, als sie noch in der Mitte ihrer Schönheit stand. Mein Bruder war einer der besten Menschen der Welt. Aber dieses Frauenzimmer umgarnte ihn so sehr, daß sie ihn von der Familie trennte und von mir besonders, da sie sich einbildete, daß ich sie mehr als die anderen alle beobachtete. Ihre Ehe mit meinem Binder war der Anfang ihres Glückes. Sie kam dadurch in die beste Gesellschaft und konnteßvor allem ihren grenzenlosen Luxus befriedigen, was (stets ihr heißester Wunsch war. Aber sie wollte noch höher steigen und sah ein, daß daS Band, das sie mit meinem
Bruder verknüpfte, für sie eine Fessel war. Daher be- schloß sie wohl, sich ihres Mannes zu entledigen. Wie sie das anfing, weiß ich nicht, ich weiß nur, daß mein armer Bruder, der bis dahin die verkörperte Kraft und Stärke gewesen war, plötzlich hinzusiechen begann. Da begann ich das infame Werb zu hassen, die Frau, die meinen Bruder hingemordet hat, nachdem sie ihm ein zu ihren Gunsten aufgesetztes Testament entlockt hatte. Als dann der König sich in Draga verliebte, tat ich alles Mögliche, um ihm die Augen zu öffnen. Bedenken Sie die Schmach! Ein Weib, das allen Offizieren un- serer Garnison hinreichend bekannt war! Draga merkte natürlich, daß ich den König warnte, und lat alles, um meiner militärischen Laufbahn ein Ende zu machen. Man schickte mich aus der Hauptstadt an die Grenze und gab mir ein Regiment, das immer aufrührerisch gewesen ist. Das war ein Unglück für mich Als mein Bruder, der Ingenieur Mafchin, dem Belgrad seine schönpen Gebäude verdankt, noch lebte, war ich militärischer Attaches unserer Gesandtschaft in Wien Dann wurde ich Gesandter in Montenegro. Ich könnte Ihnen Briefe zeigen, die Ihnen beweisen würden, wie sehr der Fürst von Montenegro mich schätzte, wie er mich als Freund behandelte und mich in wichtigen Staatsangelegenheiten um Rat fragte. Diese glänzende Stellung hatte mir Draga vernichtet. In dem Grenzorte wollte ich mir das Leben nehmen, aber der ®e- danke an Rache hielt mich aufrecht. Ich gab meine Entlassung und kehrte nach Belgrad zurück, wo es mir, nicht ohne Mühe, gelang, die Fäden der Verschwörung zu spinnen, die einen so verhängnisvollen Ausgang für das Königspaar haben sollte und für andere Personen, deren Hinschlachtung ich aufrichtig bedauere. Fragen Sie mich nicht nach Einzelheiten der Mordnacht! Nur etwas möchte ich Ihnen sagen; die Zeitungen berichteten, daß das Morden zwei Stunden dauerte; das ist nicht wahr, in weniger als einer Stunde war alles beendigt. Das Königspaar wäre sicher verschont worden, wenn es abgedankt und sofort das Versprechen gegeben hätte, ins Ausland zu gehen. Alexander wäre dazu vielleicht bereit gewesen, aber Draga, die stolze, herrschsüchlige Draga, zögerte. An der Ermordung ihrer Bruder und der Minister bin ich unschuldig, darauf gebe ich mein Ehrenwort! Verkünden Sie es laut in Rußland: wenn der Oberst Mafchin der Mörder eines Königs und seiner eigenen Schwägerin werden konnte, so geschah es nur, weil er eine patriotische Pflicht zu erfüllen glaubte und weil er seinen geliebten Bruder rächen wollte." In ähnlicher Weise hat sich der Oberst Mafchin auch gegenüber dem Korrespondenten eines Berliner Blattes ausgesprochen. Nach dem Grunde der stete wachsenden Erregung des Offizierskorps gegen das Königspaar befragt, sagte der Oberste „Ein stadtbe kanntes Frauenzimmer wurde trotz aller unserer Gegen- oorstellungen zu unserer Königin erhoben. Nun wollte ihr zuliebe der König ihren Bruder auch noch zum Thronfolger proklamieren lassen. Das stieß dem Faß )en Boden aus, und als alle anderen Versuche, ihn wenigstens davon abzubringen, scheiterten, mußten nm un§ selbst helfen. Die beiden Brüder Lunjewitsch waren Lumpen ohne jede Bildung."
* Die wissenschaftlichen Arbeiten der englischen Südpolar»Expedition werden nach der ,Nature" in folgender Weise zusammengefaßt: 1) Die Entdeckung ausgedehnten Landes am Ostende der großen Eisbarre. 2 Die Entdeckung, daß die Mac Murüo - Bay nicht eine Bucht ist, sondern eine Straße, und daß die Berge Erebus und Terror einer verhältnismäßig kleinen Insel angehören. 3) Die Entdeckung von guten Winter- Quartieren unter hoher Breite (77° 50' S., 166° 42' O.) mit Land in der Nähe, passend zur Errichtung von magnetischen Observatorien rc. Die niedrigste beobachtete Temperatur war 92 Grad Fahrenheit Kälte (etwa — 51 Grad Celsius). 4) Eine sehr große Menge wissenschaftlicher Arbeiten durch 12 Monate in den Wlnter-Quartieren, vorzugsweise biologische und physikalische. 5) Zahlreiche und ausgedehnte Schlittenrersen im Frühling und im Sommer, die viele tausend Meilen umfassen; hervorzuheben ist vor allem Scotts Reffe, auf welcher eine Breite von 82° 17' Süd erreicht und eine ungeheuere Strecke neuen Landes entdeckt und kartiert wurde bis zu 83° 30'Süd mit bis zu 14,000 Fuß hohen Gipfeln und Bergzugen. 6) Das große kontinentale Inland-Eis wurde westlich in beträchtlichem Abstanve von der Küste und in einer Höhe von 9000 Fuß erreicht. 7) Eine beträchtliche Menge magnetischer Arbeiten zur See, ferner Sondierungen und Tiefsee-Fänge.
Literarisches.
P. Emundus Augerius, 8. J., „ Fra nkreichs Canisius" in seinem religiösen und sozialen Wirken zur Zeit der Hugenotten. Von Friedrich Joseph Brand, geistlicher Gymnasial-Oberlehrer. Verlag von Fr. Boß Witwe, Cleve. Preis 2 Mark, A Win Leinenband 3 Mark.
TSin interessantes Buch, besonders zeitgemäß heute im Zeichen der Klosterstürmerei in Frankreich und der Zesuitenhetze in Deutschland. Es zeigt uns den Werdegang des großen Jesuiten und seine segensreiche Tätigkeit in jener bewegten Zeit. Wir lernen P. Emundus ennen als erfolgreichen Prediger, als Rektor des Kollegs zu Tournon. Anschaulich geschildert werden «eine Leiden und sein apostolisches Wirken während der ilutigen Hugenottenkriege, seine Verdienste durch Abfassung des großen französischen Katechismus, sein Leben und Wirken als Hofprediger Heinrichs III. von Frankreich rc., kurz ein packendes Zeit- und Sitten- iemätde, im Vordergründe die nimmer rastende, von ipostolischem Eifer beseelte Persönlichkeit des P. Augerius.
«SS Var Resultat der Hauptwahlen zum Reichstage.
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Von den 397 Wahlen zum Reichstage haben 213 im erster Wahlgange definitive Resultat, ergeben, wogegen 184 Stich wählen erforderlich sind. Läß sich demnach auch noch nicht eit vollständiges, zutreffendes Bill des Wahlresultates geben, zu mal die Stichwahlen manches Ueberraschende bringen dürften, ihr Ausgang im einzelnen alsc nicht vorauszusehen ist, so ge winnt man doch an der Hand )er ersten Wahlresultate ein sehr mteressantes Bild. Zu diesem Zweck geben wir unseren Lesern beistehend eine Karte, in welcher n die schematisch in Form von Quadraten dargestellten Wahl- reife durch besondere Signatur (siehe die Zeichenskala rechts) veranschaulicht ist, welcher Partei der Abgeordnete jedes einzelnen Wahlkreises angehört. Wo Stichwahlen erforderlich sind, ist der Wahlkreis durchkreuzt.
Die Wahlkreise sind mit fort- aufenden Nummern von 1—397 versehen, welche in folgender Art den einzelnen Kreisen ent- prechen:
Königreich Preußen. Der Provinz Ostpreußen ent prechen die Wahlkreise 1—17, Westpreußen 18—30, Berlin 31—36, Provinz Brandenbur.: 37—56, Pommern 57—70, Posen 71—85, Schlesien 86 bis 120, Sachsen 121—140, Schleswig-Holstein 141—150, Han
nover 151—169, Westfalen 170—186, Hesfen- Nasfau 187—200, Rheinprovinz 201—235, Hohenzollern 236.
Königreich Bayern: Oberbayern 237 bis 244, Niederbayern 245—250, Rheinpfalz 251—256, Oberpfalz 257—261, Oberfranken 262—266, Mittelfranken 267—272, Unterfranken 273—278, Schwaben 279—284.
Königreich Sachsen 285—307, Königreich Württemberg 308—324, Großherzogtum
Baden 325—338, Hessen 339—347, Mecklenburg - Schwerin 348—353, Sachsen - Weimar 354—356, Mecklenburg-Strelitz 357, Oldenburg 358—360, Herzogtum Braunschweig 361—363, Sachsen-Meiningen 364—365, Sachsen-Altenburg 366, Sachsen-Coburg-Gotha 367—368, Anhalt 369—370, Fürstentum Schwarzburg- Rudolstatt 371, Schwarzburg-Sondershausen 372, Waldeck 373, Reuß ä. L. 374, Reuß'j. [S. 375, Schaumburg-Lippe 376, Lippe 377, Freie Städte:
Lübeck 378, Bremen 379, Hamburg 380—382 Reickslande Elsaß-Lothringen 383—397.1 ”
Unten im Kartenbild rechts, ist durch die Größe der verschiedenen Sektoren eines Kreises angedeutet, in welchem Stärkeoerhältnis die Zahlen der bereits gewählten Abgeordneten der verschiedenen Parteien zu einander stehen; ferner ist das Zahlenverhältnis der erforderlichen Stichwah.en dabei zu erkennen.