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30. Jahrgang

fUlda, Dienstag, den 23. Juni 1903.

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: Deutsches Reich.

dürfen, für ihn zu stimmen. Kulturkämpfer und Sozialdemokraten mögen dann die Sache unter sich ausfechten. Die Zentrumspartei kann sich nicht einmischen.

Etwas anderes ist es aber, wenn jemand im Wahlkampfe scharfe Worte gegen die „Ultra­montanen" gebraucht hat. Bietet er m seinen Stichwahlnöten die Gewähr, daß er seinen Worten als Kandidat nicht die entsprechenden Taten als Abgeordneter folgen lasten roirb,_ so kann ein Zentrumswähler ihm unter Umständen immer­hin die Stimme geben, nämlich wenn ein Sozialdemokrat durch ihn verdrängt werden kann, oder an anderer Stelle em posi­tiver Gewinn für das Zentrum dabei heraus­springt.

Soweit wir das Stichwahlfeld zu übersehen vermögen, verbünden sich nicht ganz allgemein Parteien gegen Parteien, sondern es wird von Fall zu Fall oder höchstens für einen größeren Bezirk (Provinz, Bundesstaat) die Vereinbarung getroffen. Eine Iartei verbündet sich in einem Wahlkreise mit einer anderen gegen eine dritte, mit der sie anderswo gegen die zweite zusammen­geht. Vielfach haben z. B. die Nationallrberalen mit den übrigen bürgerlichen Parteien gegen das Zentrum paktirt, während sie anderswo dem Zentrum gegen die Sozialdemokraten bei­zustehen bereit fein dürsten, um sich selbst wieder die Hilfe des Zentrums an anderer Stelle zu sichern. Vorzugsweise werden derartige Bündnisse zu Stande kommen, um einen Sieg der Sozialdemokratie zu verhindern. Für das Zentrum dürfte das sogar ausschließlich gelten. Nur wo es mit einem Sozialdemokraten in Stichwahl steht, wird es auf. fremde Hilfe rechnen dürfen. Die anderen Parteien stimmen für das Zentrum nicht aus Liebe zu diesem, sondern weil sie den Sozialdemokraten nicht durchkommen lasten wollen, wie umgekehrt die Zentrumspartei gewiß nicht einem National­liberalen um seiner selbst willen hie Stimme geben wird.

Außer dem Grundsatz, daß keinem Sozial­demokraten die Stimme gegeben werden darf, läßt sich für die Zentrumspartei keine Stich­wahlparole aufstellen. Wie sie ihr Ver­halten sonst einrichten will, das wird fast für jeden einzelnen Wahlkreis zu entscheiden sein. Es kommt auf die Persönlichkeit der Kandidaten und auf die Bereitwilligkeit der anderen Parteien an, ein Abkommen mit dem Zentrum zu treffen. Natürlich wird dies bemüht sein, seine Stimme dem bedrängten Kandidaten anderer Parteien mit soviel Vorteil wie möglich zu „verkaufen". Die anderen Parteien machen es ja ebenso.

Hoffentlich hat der „Wahlschacher" die Wir­kung, daß möglichst wenig Sozialdemo­kraten in der Stichwahl durchdringen. Von den Zentrumswählern darf man voraussetzen, daß sie sich der Wichtigkeit der Stich­wahlen bewußt sind und überall nach der gegebenen Parole handeln.

Lnrel-e«: Die ein» spaltige Petitzeile ober deren Raum 15 psg. Reilamen die Petitzeile 25 pfg.; bei wieder. Holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

Druck und Verlag der 8uldaerActiendr«ckerei in Zulda (Harmonie) Zernsprecher Nr. 9.

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I&sstß*. wochmlxilag«: „Illustrierte Sonntagzzeitung

Trost zu spenden und mit Rat und Tat beizustehen. Er war es ja, der einst Furtner bewog, sich des Find­lings anzunehmen. Ja noch mehr — er nahm später Vroni in seine erziehliche Obhut und brachte dem Mädchen solche Kenntnisse bei, daß es in wirtschaft­licher Hinsicht weit über das Ziel sonstiger Landkinder hinaus war. «

Ein anderer fast täglicher Gast auf dem Berghofe war seit Langem der Forstgehilfe Anton Leger. Er war der Sohn des Revierförsters aus dem nächstge­legenen Forsthause und diesem als Stütze zugeteilt. Mit Leni etwas verwandt, nahm er, so oft ihn sein Weg am Berghofe vorbeiführte, Gelegenheit, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Bald mehrten fich diese Besuche, und bald verging fast kein Tag, an dem er fich nicht hätte sehen lasten. Toni, wie man ihn da­selbst nannte, war nicht nur ein hübscher, sondern auch ein gebildeter und sehr gesitteter junger Mann. Er war äußerst strebsam und bei seinen Vorgesetzten sehr beliebt. Er hatte daher Aussicht, in Bälde einen selbständigen Posten zu erhalten.

Auch Vroni hieß ihn stet- willkommen. Es tat ihr wohl, fich mit ihm üb'r Dinge aut sprechen zu können, die über den Gesichtskreis ihrer gewöhnlichen Um« gebung hinausgingen. — Was Wunder, wenn dieser anfänglich freundschaftliche Verkehr zwischen den beiden verwandten Seelen einen zutraiüichen Charakter an­nahm, bis sie sich endlich gestanden, daß sie einander in inniger Liebe zugetan seien.

Muhme Leni, so nannten sie Beide, hatte ihre sichtliche Freude an diesem Verlauf der Dinge; und Furtner hatte Toni als einen viel zu ehrenhaften jungen Mann kennen gelernt, als daß er den jungen Leuten Hinderniffe in den Weg gelegt hätte. — War doch das Glück Bronis sein eigenes — und Toni, das wußte er, konnte seinen Liebling glücklich machen.

So waren denn die jungen Leute auf dem Berg­hofe für einander bestimmt, und es hing nur von der Beförderung Toni- ab, wann die Bereinigung statt­finden sollte.

Berlin, den 22. Juni 1903.

** Dem am Sonnabend enthüllten Ham­burger Denkmal Kaiser Wilhelms des Erste« fehlt die Inschrift. Auf der Stirn­seite sind lediglich die Kaiserkrone, der Reichs­schild und das Reichsschwert dargestellt, geschmückt mit dem Lorbeer des Sieges und der Palme des Friedens.' Auf der Rückseite ist 'die Jahreszahl der Errichtung des Denkmals, umgeben von einem Kranze, angebracht. Diese Anonymität ist ein Produkt der Verlegenheit. Die Inschrift „Kaiser Wilhelms I." wurde nicht gewählt, weil man des Kaisers Auffassung vom Werdegang des Reiches nicht zu nahe treten wollte. Andererseits sträuben sich die Hamburger im Einklang mit .allen historisch empfindenden Deutschen gegen die prunkende Bezeichnung „Der Große". Man hatte in Hamburg anfangs daran gedacht, mit der Auf­schrift „Dem großen Kaiser" einen Mittelweg zu wählen. Daß aber auch diese Halbheit aufgegeben wurde, spricht für die Ehrlichkeit der entscheiden­den Personen.

% Generalmajor v.Kaltenborn-Stachau welcher das rangälteste militärische Mitglied des Reichsmilitärgerichts war, ist in Genehmigung seines Abschiedsgesuchs unter Verleihung des Charakters als Generalleutnant zur Disposition gestellt; sein Nachfolger beim 2. Senat wird Oberst v. Corbiöre, welcher das 97. Infanterie- Regiment in Saarburg befehligt.

% Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht die Ge­setze, betreffend die Bildung kirchlicher Hilfs­fonds für neu zu errichtende katholische Pfarr­gemeinden und betreffend die Bildung von Ge­samtverbänden in der katholischen Kirche. Beide tragen das Datum des 29. Mai 1903.

** Der „Berner Bund" verbreitete vor einigen Tagen die Meldung, Deutschland habe die Schweiz zu Verhandlungen über die Revision des deutsch- schweizerische« Handelsvertrages einge­laden. Diese Meldung wird jetzt vom „Bund" selber widerrufen.

% Das ,Reichsarbeitsblatt', herausgegeben vom kaiserl. Statistischen Amt, berichtet über die Lage des Arbeitsmarktes im Monat Mai: Während der Monat April im allgemeinen ein leichtes Abflauen der Beschäftignng oder einen Stillstand aufwies, hat die Beschäftigung der hauptsächlichsten Industrie sich im Monat Mai wieder, wenn auch nur unbedeutend, gehoben. Die leichte Besserung in der Metallindustrie vor allem hat angehalten, der Steinkohlenbergbau war in befriedigender Weise beschäftigt und die Textil­industrie wies meist noch günstige Verhältnisse auf, wenn auch die Steigerung der Rohstoffpreise für Baumwolle für die Zukunft Arbeitsein­schränkungen befürchten läßt. In einzelnen Indu­strien ist das im Sommerhalbjahr übliche Nach- laffen der Beschäftigung eingetreten. Die an die Berichterstattung des Reichs-Arbeitsblattes ange-

ßeiber sollte Furtner diesen schönen Tag nicht mehr erleben. Seine Kräfte nahmen zusehends ab. Alle Sorgfalt, alle Pflege, alle Liebe der Seinen, alle ärzt­liche Hilfe vermochte nicht mehr, seinen Lebensfaden zu verlängern. In den Armen Bronis, die in den letzten Wochen nicht mehr von seinem Bette wich, ver­schied er.

„Ach, Vroni!" waren seine letzten Worte, „ach, wüßtest Du, was mein Herz seit langen Jahren be­drückt . . ." Noch wollte er weiter sprechen — doch die Kräfte verließen ihn — einen langen, dankbaren Blick versenkte er noch in die tränenumflorten Augen seines Lieblings — und er hatte ausgerungen.

Mit dem Ausdrucke des heftigsten Schmerzes war: sich Vroni über feine Leiche, als wollte sie dieselbe durch ihre Liebkosungen ins Leben zurückrufen. Der Pfarrer und Leni hatten Mühe, sie von dem geliebten Verstorbenen zu trennen und endlich zu beruhigen. — Unter allgemeiner Beteiligung'der Bevölkerung der Umgebung wurde Furtner zur ewigen Ruhe befiattet.

„War er doch," betonte sein geistlicher Freund in seiner Grabrede, „ein Wohltäter der Armen, ein Tröster der Unglücklichen, allen, die ihn kannten, ein Vorbild ehrlichen Strebens — Friede seiner Asche!" Die Letzten, die den Grabeshügel verließen, waren Vroni, Leni und Toni, sowie das Gesinde.

Lange vorher hatte sich bereits Gregor mit seiner Frau und dem Sohne auf den Weg zum Berghofe begeben. Man hatte ihn rechtzeitig vom baldigen Hin­scheiden seines BaterS verständigt. Er kam jedoch nicht mehr recht, um von dem Sterbenden Abschied nehmen zu können. _ ,

Vielleicht war eS für den alten Mann gut. — Es hätte ihm gewiß noch die letzten Augenblicke verbittert, hätte er erfahren, daß Gregor nicht mehr Besitzer des StistshofeS sei, sondern daß er denselben wegen zu großer Schuldenlast veräußern taffen mußte, daß er somit so viel wie „fertig" war. Was konnte unter diesen Umständen Frau Margarethen willkommener sein, als daß der alte Furtner das Zeitliche segnete

Volksroman von I. Oberparleiter.

4 --------- (Nachdruck verboten.!

Der Empfang, den ihm Frau Margaretha bereitete, war durchaus kein freundlicher, und „geiziger Fllz" war nicht gerade eine der schlimmsten Bezeichnungen, womit sie Gregors Vater beehrte.-----

Auf dem Berghofe waren seit dem Tode Alberts recht traurige Tage eingekehrt. Hatten auch alle das «nabtoenbbare Schicksal vorausgesehen, so waren sie doch, als das Ereignis endlich eintrat, tief erschüttert. Vroni, die sonst ihr heiteres, fröhliches Wesen, durch ihren selbst die Arbeit begleitenden Gesang den ganzen Hof belebte, glich einem geknickten Röslein. Die auf­richtige, ungekünstelte Teilnahme für den Dahinge- fchiedenen, der Anblick des lebensmüden, siechen Greises, übten auf ihr so empfängliches Gemüt einen tiefen, dauernden Eindruck aus. Hing sie doch mit Leib und Seele an Denjenigen, die sich mit so viel Liebe der Verlassenen angenommen.

Wie gerne hätte sie ihnen diese Liebe vergolten, wie gerne hätte sie zur Erleichterung ihres Lebens beigetragen.

Die Altersschwäche machte sich bei Furtner immer fühlbarer. Immer mehr kam er zur Ueberzeugung, daß es mit ihm zu Ende gehe. Wenn er nun daran dachte, wie es mit seinem schönen Besitztum werden follte, so mußte ihm da« Herz bluten. Gregor hatte ihm von jeher nur Gram bereitet, er hatte auch keine besondere Freude an der Wirtschaft, dazu seine hoch- «üttge, verschwenderische Frau — und doch war er sein Sohn, sein Kind!

Zu den besten Beratern Furtners gehörte der Pfarrer von Altberg. Es verging kein Tag, an dem dieser nicht am Berghofe erschienen wäre, um fich »ach seinem Freunde umzusehen. Nun, da Trauer dort entzog, erachtete er es als seine besondere Pflicht,

schloffenen Krankenkassen zeigen nur eine verhält­nismäßig schwache weitere Zunahme des Be- chäftigungsgrades, nämlich um 55,153 (gegen 94,718 im April). Der Verkehr an den Arbeits­nachweisen hat sich teilweise gehoben, insbesondere md in Süddeutschland zum Teil bessere Ver­mittelungserfolge erzielt worden.

* Was bisher im Deutschen Reiche trotz der immer mehr anschwellenden Sozialdemokratie und trotz aller Erbitterung des Wahlkampfes unbe­kannt war, das haben die radikal - polnischen Heißsporne von Oberschlesien nunmehr rut)= ia fertig gebracht: einen blutige« Dvahl- Krawall. In Laura Hütte versuchten sie am Sonntag mit Gewalt in eine Zentrums-Versamm­lung einzudringen. Die Versammlung mußte aus­gelöst werden und um die Menge zu zerstreuen, rief man die Feuerwehr, die mit Wasser gegen sie vorging. Darauf fiel die Menge über die Feuerwehr her, und nachdem sie deren Gerate in einen Teich gestürzt hatte, zogen die Massen durch die Straßen und zertrümmerten zahlreiche Fensterscheiben, u. a. am Pfarrhause. Polizei und Gendarmerie machten von der Waffe Ge­brauch. Auf beiden Seiten gab es zahlreiche Verwundet«; eine Person wurde getötet. Wir können nicht beurteilen, ob die Polizei etwa durch unkluges Vorgehen die Ausschreitungen mit ver­schuldet hat. Die Hauptschuld trifft .jedenfalls die Polen, die widerrechtlich und mit Gewalt in eine Zentrums-Versammlung einzudringen ver­suchten. Ob die Polen glauben, durch em der­artiges Verhalten ihre Lage zu verbessern? — Die freikonservative,Schles. Ztg.' bringt über bie Ausschreitungen folgenden ausführlichen Bericht:

„Im Ludwigschen Gasthause sollte eine non ber Zentrumspartei einberufene Wahlversammlung statt- finden. Zahlreiche radikale Polen und Sozialdemokraten, welche zu der nachmittags in Kattowitz abgehaltenen polnischen Zentrumsoersammlung keinen Einlaß fanden, wandten sich nach Laurahütte und besetzten lange vor der festgesetzten Zeit den Saal. Vor dem Saal stand eine tausendköpfige Menge, welche kemen Einlaß mehr finden konnte. Als der Ortspfarrer die Versammlung eröffnen wollte, setzte ein großes Johlen und Pfeifen ein. Auf den polnischen Kandidaten Kofanty wurden stürmische Hochrufe ausgebracht und gegen die Geist­lichkeit heftige Schmährufe ausgestoßen. Der Vorstand war gezwungen, durch eine Hintertür über Gartenzäune in die Pfarrei zu flüchten. Der Saal wurde langsam geräumt. Auf dem Platze vor dem Saale blreb die Menge angesammelt stehen, trotz aller Aufforderungen der Polizeibeamten, welche m schonendster Weise vor- gingen. Die Zahl der Aufrührer wurde immer größer, welche johlend Hochrufe auf Kofanty ausbrackten. Als gegen 10 Uhr ein Arbeiter, welcher beleidigende Worte, gegen die Beamten ausstieß, von diesen verhaftet wurde, suchte sie ihn zu befreien, worauf dje Pos,zei blank zog und gegen die Eindringenden vorging, Die Feuerwehr brachte inzwischen zwei bespannte Spritzen heran. Kaum hatte sie den Strahl auf die Menge gerichtet, als diese sich der Spritzen bemächtigte und auf die Beamten und die Feuerwehrleute losspritzte. Darauf zerschnitt sie-, die Schläuche, zertrümmerte dir Spritzen und fuhr die­selben in einen Hüttenteich. Die Beamten wuroen ntlk Erdstücken beworfen, sodaß fast keiner unversehrt blieb. Der Branddirektor mmrde zu Boden geworfen und mit Füßen getreten; er liegt krank darnieder. Geführt von 30 bis 40 halbwüchsigen Burschen zog dann die aus etwa 3000 Personen angewachsene Menge vor das Hüttengasthaus, wo der Bürgerverein sein Stiftungsfest feierte. Gegen da? Haus wurde ein Bombardement eröffnet; kein Fenster blieb ganz. Kinder und Weiber

Hoffte sie doch nun eine neue Herrschaft beginnen zu können.

Wie es unter solchen Verhältnissen mit ihrer Trauer um den Verstorbenen bestellt sein mochte, läßt fich denken. Frohen Mutes, als kehre sie von irgend einem Vergnügen heim, schritt sie an der Seite ihres Sohnes den Weg zum Berghof hinan.

Etwas abseits, in sich gekehrt, ging Gregor. Welche Gedanken mochten wohl sein Inneres be­herrschen? War;n es die Erinnerungen an die goldene Jugendzeit? Zog vielleicht fein ganzes Leben Wie ein Traum an ihm vorüber — ein Traum, der manche Schattenseite seines Daseins enthüllte? — wars's der Schmerz darüber, daß er Bruder und Vater ver­loren, ohne von ihnen noch einen letzten Händedruck erhalten zu haben? — Vielleicht gaben diese Ge­danken und Erinnerungen einander die Hand. Düster schritt er dem Berghofe zu.

Langsam folgten die eigentlichen Leidtragenden. Im Angesichte des Berghofes fiel Vroni unter bitteren Tränen Leni um den Hals.

„Ach Muhme," klagte sie, „ach müßt ich doch nicht mehr dahin, wo nun Fremde hausen werden. Die Blicke, denen ich nun dort begegne — ich fühle es, es sind Blicke des Hasses. Schon weht ein anderer Geist darin, ein Hauch des Hochmuts und der Herrsch­sucht. Ach ich werde nur zu bald im Wege stehen!"

Toni faßte sie bei der Hand. „Närrchen," sagte er, „warum sich solchen Gedanken h'.ngeben? — wie lange dauert es, und Du folgst dem, der Dich zeit­lebens auf den Händen tragen wird." —

Auch Leni suchte sie zu trösten, obgleich sie tm Geheimen selber zugab, daß Vroni's Wahrnehmungen nur zu begründet feien. — Mit Wehmut tm Herzen war diese Gruppe am Berghofe angelangt^

Ein Unglück kommt selten allein.^— Hunt Chatte fich die Erde über das Grab des alten Furtner ge­wölbt, so riß der Tod wieder einen guten Freund

Die Stichwahlen.

In einem Teile der Presse erhebt fich ange­sichts der Stichwahlen ein großes Klagen über „Wahlschacher" und Kuhhandel". Die Klagenden find immer diejenigen, die den „Wahl­schacher" gern mitmachen möchten, aber zu kurz zu kommen fürchten. Es versteht sich ganz von selbst, daß bei den Stichwahlen „Schacher" ge­trieben wird. Es ist das nur in anderer Form die Fortsetzung dessen, was bei der Hauptwahl geschehen ist. Jede Partei sucht fo viel wie möglich eigene Kandidaten durchzubringen und im übrigen so auf die Wähler einzuwirken, daß das ihr angenehmste oder am wenigsten unange­nehme Ergebnis herauskommt. In der Stich­wahl ist das häufig nicht anders zu erreichen, als durch „Schacher", d. h durch Verständigung mit anderen Parteien. Hilfst Du mir, hier, so helfe ich Dir dort.

Etwas Unsittliches liegt in diesem „Kuh­handel" ebensowenig wie in anderen politischen Kompromissen, vorausgesetzt, daß man dabei nicht gegen die eigenen Grundsätze handelt. Allzu empfindlich darf man freilich auch nicht fein. Wo Holz gehauen wird, fliegen Spähne. Im Eifer -er Wahlbewegung fällt gegen den Konkurrenten manches scharfe Wort. Wollte eine Partei um die Verständigung mit jedem Gegner oder Kon­kurrenten ablehnen, durch den sie „beleidigt" worden ist, so würden überhaupt keine Wahl- kompromiffe zu stände kommen. Solche liegen aber stets im Interesse beider Parteien. Wer sie ablehnt, würde gegen fein eigenes Interesse handeln.

Es kann auch nicht entscheidend fein, ob einem die Partei, für die man stimmen soll, un­sympathisch ist. Sie pflegt januralsdaS „klei­nere Hebel" gewählt zu werden. Die andere, die geschlagen werden soll, ist alles in allem ge­nommen ja noch schlimmer. Man muß beim Wählen nicht an die Gegensätze denken, die einem non dem „kleineren Hebet" trennen, sondern an den Vorteil, den die eigene Sache von feiner Wahl hat. Auch muß man nicht vergessen, daß «S den anderen Parteien ja auch ebenso unan- senehm ist, auf Grund eines „Wahlschachers" für das Zentrum stimmen zu müssen.

। Den eigenen Grundsätzen darf man, wie gesagt, nichts vergeben, und deshalb wird es keinenfalls angehen, daß einZentrums- «ähler für einen Sozialdemokraten stimmt. Ist der Gegenkandidat ein bösartiger Kul- iurkämpser, der sich dem evangelischen Bunde gegenüber verpflichtet hat, für die Beibehaltung des § 2 des Jesuitengesetzes zu stimmen und dergl., so wird man einem Zentrumswähler ebenso wenig die Grundsatzlosigkeit zumuten

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