Maer M Zeitung
3. parzeller in Zulda. wocheilbeilage: „Illustrierte 8omltagzzeitmlg"
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-rmk »nt Verlag ter Kzldaer «ctien truderei i» falt« (Harmonie) Fernsprecher Nr. 9.
M 139.
fttlda, Montag, den 22. Juni 1903.
30. Jahrgang.
*» Freisinniger Trost.
Da 04-04-0 durch keine Rechenkunst zu mehr «IS 0 gemacht werden kann, tröstet sich ein großer Lei! der freisinnigen Preffe über den Mißerfolg der drei linksliberalen Parteien, so gut es geht, mit den Erfolgen der Sozialdemokratie. Sind die freisinnigen Zollgegner, ob sie nun die Barth'sche oder die Richter'sche Taktik bei Beratung der Zollvorlage befolgt haben, in gleicher Weise zusammengehauen worden, so haben doch die Sozialdemokraten hübsche Erfolge aufzuweisen. Da sie auch Zoll- gegner sind, so bleiben die Wahlen em Volum gegen den Zolltarif. Ueberhaupt beweist das Anwachsen der sozialdemokratischen Slimmen, daß ber Widerstand gegen die Reaktiv: im Volke wächst. So setzt Herr Dr. Bartb in seiner ,Nation' auseinander, und seine Meinung ist demnach, daß trotz der jämmerlrchen Niederlage des Freisinns an den Wahlen doch noch etwas eifreuliches sei.
Sein zweiter Trost ist. daß die.gesamte Linke un kommenden Reichstage stärker fern werde als im alten, linier Kameraden ist es ja ganz egal, wer die Mandate erhält, ob Singer oder Barth, ja sogar Richter Das heißt, man quält sich eine srohe Miene an wegen der vielen sozialdemokratischen Mandate, weil man sie selbst Nicht haben kann. Wäre man irgendwie imstande, sie den Sozialdemokraten abzunehmen, so würde man sie selbst Herrn Richter nicht gönnen. Heute tut man, als ob es einerlei fei, welche von den Parteien der Linken die Mandate besitze; sonst aber befehdet Herr Barlh Herrn Richter und umgekehrt. Und wenn gar neue Militär- und Marine-Vorlagen zu bewilligen sind, dann ver- geffen die um Barth alle „Reaktion" und lassen ihre Freunde auf der Linken regelmäßig im Stich.
Derselbe Trost, den Herr Barih in seiner .Nation" spendet, wird auch von vielen anderen Blättern verabfolgt. Außerdem gönnt man sich den Trost, für einige Tage in großartige» Zukunftshoffnungen zu schwelgen. Was kann nicht alles noch in den Stichwahlen für die „gesamte Linke" gewonnen werden, wenn Sozialdemokraten und Freisinnige einander getreulich beistehen. In 40 Wahlkreisen, so hat man berechnet, können die beiden freisinnigen Parteien und die süddeutsche Volkspartei den Ausschlag zu Gunsten der Sozialdemokraten geben. 43mal stehen diese drei Parteien ihrerseits in Stichwahl, wobei die Sozialdemokraten ISmal für sie den Ausschlag geben können. Wenn alles gut geht, erringen die Linksliberalen und die Sozialdemokraten also je etwa 40 Mandate. Da die Sozialdemokraten aber auch noch ohne die Freisinnigen Glück haben können, so erringen sie vielleicht gar 60 Mandate. Also ist noch eine Verschiebung zu Gunsten der Linken von 80 bis 100 Mandaten möglich.
Es ist das ,Berl. Tagebl." das diese Milch. mädchen-Rechnung aufstellt. Wenn nächstens die Probe auf das Exempel gemacht wird, wird es aber wohl nicht stimmen. Wir wenigstens glauben nicht, daß die Linke noch 80 bis 100 Mandate retten wird. Die freisinnige Presse,
2>er Werghof.
Bolksroman von I. Oberparieiter.
■ v -------- (Rachdruck »erboten.)
Mit Lorenz war seit dem Wiedersehen seiner Schwester eine auffallende Veränderung vorgcgangen. tzr schien den Schmerz über den Verlust Stasi'» voll ständig überwunden zu haben, stille Resignation, wenn nicht gar stummer Trotz war anscheinend an dessen Stelle getreten.
In dieser seelischen Stimmung war er am Berghofe angekommen, um sich vom alten Furtner eine Unterredung zu erbitten. Dieselbe schien kein Ende nehmen zu wollen, indes Sem, ihren Dflegling auf dem Arme, sichtlich erregt vor dem Berghofe die Rückkehr ihres Bruders erwartete.
Als dieser endlich kam, suchte sie aus seinen Mienen irgend einen Entschluß zu lesen. Doch er schritt wortlos an ihrer Seite dahin; endlich — nachdem sie aus dem Bereiche des Berghofrs waren, faßte er die Hand der Schwester.
„Leni, Schwester!" sprach er tränenden Auges, tott un.$ 4em unabwendbaren Schicksale; viel- der Tag der Vergeltung, der dann tue Wunden unserer Herzen heilen wird. Bleibe dem alten Furtner das, was Du ihm bisher warst — er ist ein Ehrenmann."
ar 4°* sprachen die Geschwister zusammen, hersenkte Lorenz »oll inniger Liebe und Zärtlichkeit einen Blick in die unschuldigen Blau- auglew des kleinen Pfleglings, die, noch unberührt von allem Leide dieser Welt, sorgenlos in den formen- hellen Hlmmel emporguckten. - Noch einen herzhaften Kutz auf die kleinen zarten Lippen, — einen innigen, vielsagenden Händedruck der Seni, — und Lorenz schritt haflig der Waldhütte zu, während seine Schwester «ff den Berghof zurückkchrte —
besonders die von der Wadenstrümpfler-Richtung tut freilich alles, was in ihren Kräften steht, um die freisinnigen Wähler für den Gedanken eines Wahlbündnisses mit der Sozialdemokratie zu gewinnen. Herr Richter aber zögert zum großen Aerger des .Vorwärts', die ihm von den Sozialdemokraten dargebotene Hand zu ergreifen und erklärt, die Parteigenossen in den einzelnen Wahlkreisen müßten selbständig urteilen, welcher Kandidat dort für sie das kleinere Nebel sei. Er wird seine Gründe haben. Erstens steht in eiter Reihe von Wahlkreisen der freisinnige Kandidat einem Sozialdemokraten gegenüber. Die Entscheidung liegt bei den „reaktionären" Parteien. Diese zeigen sich geneigt, dem Freisinn gegen die Sozialdemokraten zu Hilfe zu kommen. Die Neigung würde aber recht stark abgekühlt werden, wenn die Freisinnigen die Parole ausgeben wollten: für die Sozialdemokralen gegen die „Reaktion". Zweitens wird ein großer Teil der freisinnigen Wähler sich nicht bewegen lassen, für einen Sozialdemokraten zu stimmen. Der Versuch, ihnen das zuzumuten, konnte sie dem Freisinn abspenstig machen. Drittens ist zu erwarten, daß die Sozialdemokraten schon im eigenen In leresse ohne ausdrücklich zugesagte Gegenleistung den Freisinnigen als das kleinere Nebel wählen.
Die Schwärmerei des weiblichen Teils des Freisinns für die Sozialdemokraten wird hoffentlich für die Angehörigen der „reaktionären" Parteien ein ganz besonderer Ansporn sein, am Stichwahltage ihre Pflicht zu tun. Es beruht in der Regel auf einer falschen Vorstellung, wenn gesagt wird: Die und die Partei hat die Entscheidung in der Hand. Dabei sind lediglich die in der Hauptwahl abgegebenen Stimmen in betracht gezogen. Gewöhnlich wird die Entscheidung bei den am 16. Juni zu Hause gebliebenen liegen. Diese muß man mobil machen. Geschieht das, namentlich auch von der Zentrumspartei, so wird hoffentlich bei den Stichwahlen ein dicker Strich durch die freisinnigen Hoffnungen auf starke Erfolge der Sozialdemokratie gemacht.
Berlin, den 20. Juni 1903.
** Die „autiultramontane Wahlver- einigttng" läßt wieder einmal etwas von sich hören. Sie scheint der Meinung zu fein, daß die Sozialdemokraten, für die sie nach Kräften gearbeitet hat, noch nicht genug Erfolge errungen haben. Sie erläßt für die Stichwahlen einen Aufruf, worin sie mit der im evangelischen Bunde üblichen „Begründung" auffordert, unter keinen Umständen einen Zentrumskandidaten zum Siege zu verhelfen und lieber für einen Sozialdemokraten zu stimmen. Die ,Kreuzztg/ bemerkt zu dem Aufruf: „PSer hinter der antiultramontanen Wahlvereinigung steckt, ist aus dem Aufrufe nicht zu entnehmen. Vielleicht haben die Urheber Bedenken getragen, ihre
Lorenz hielt sich nur wenige Tage in seiner Heimat auf. In die Kantine kehrte er nicht mehr zurück, denn der Bau der Bahnstrecke war bereits vollendet. — Er sehnte sich nach der freien Natur, der Umgang mit reinen Geldmenschen, — die jedes edleren Gesichtes bar sind, wurde ihm plötzlich unerträglich. — Hinaus, hinaus wollte er in die Berge, wo es keinen Trug, kein Falsch gibt, ihnen wollte er sein Leid klagen, seinen Kummer.
Zunächst ging's zum Grabe seiner unglücklichen Schwester Staff. Hier weinte er sich noch einmal seinen Schmerz vom Herzen, dann schüttelte er gleichsam alles Vergangene von sich ab und zog hinein in die Wälder und auf die Berge, um dort seine botanischen Kenntnisse zu verwerten. Hier wollte er bleiben.
Nur wenn die Sonnenstrahlen müde zu werden beginnen und nächtlicher Frost Blümlein und Kräutlein erstarren läßt und die Schneedecke sie wie mit einem Leichentuche verhüllt, wollte er wieder heimkehren in sein Waldhäuschen, wo er ja auch seine unentbehrlichen Freunde, die Waldbäume und die Felsenkolosse fand und ein treues Schwestcrherz dazu.
Der alte Furtner war feit seiner Unterredung mit Lorenz nicht mehr derselbe. Er, der eigentlich ein glückliches Temperament besaß und die Welt stets von der schonen Seite betrachtete, war fast trübsinnig geworden; seine nächste Umgebung wollte manch' heimliche Träne in seinen Augenwinkeln entdeckt haben, und doch kannte niemand außer Einer die eigentliche Ursache.
Nur Leni vermochte ihm noch mitunter die düsteren Gedanken zu verscheuchen und die Falten, die sich immer schärfer in die Stirne einprägten, zu glätten
Da traf zum Erstaunen des Vaters ganz unverhofft von Gregor ein Brief ein. Er teilte dem Vater mit, daß es ihm nach längerem Mißgeschick wieder gelungen fei, sich in Steiermark einem Unternehmen anzuschließen, das einen bedeutenden Erfolg verspreche.
Namen der Oeffentlichkeit preiszugeben." Wer dahinter steckt, ist sehr klar: Der evangelische Bund. Er tritt hier unter anderer Firma aus, weil er angeblich mit Politik nichts zu tun hat. Blätter, die ganz ähnlich denken wie der eoan» gelische Bund und den „Ultramontanismus" für gefährlicher erklären als die Sozialdemokratie, halten sich darüber auf, daß in mehreren badischen Wahlkreisen und in München die Zentrums- partei sich weigert, den Nationalliberalen in der Stichwahl gegen die Sozialdemokraten beizustehen. Wir müssen anerkennen, daß mehrere norddeutsche nationalllberaleBlätter, die sonst scharf gegen die „Ultramontanen" loszugehen pflegen, jetzt empfehlen, auch den Zentrumskandidaten gegen die Sozialdemokraten beizustehen. Umgekehrt empfiehlt ja auch die Zentrums- Partei fast überall, für die bürgerlichen Kand-i baten enjutreten. Wenn das in München und einigen badischen Wahlkreisen nicht geschieht, so kommen hier offenbar ganz besonders Umstände in Betracht. Wäre das nicht der Fall, so würde man das Verhallen der Zentrums- partei nicht billigen können. Der evangelische Bund oder die „antiultramontane Wablver- emigung" dürfte ihr Teil zur Herbeiführung dieser besonderen Umstände beigetragen haben.
\ Der Bundesrat hat dem ,Berl. Lok. Anz.' zufolge in feiner letzten Sitzung, entsprechend einem Reichstagsbeschlaß, mehrere Gesuche um ein strafrechtliches Verbot medizinischer Eingriffe an Menschen zu anderen als diagnostischen, Heil- und Immunisierungs-Zwecken, also insbesondere zu wissenschaftlichen Versuchen, dem Reichslanzler zur Erwägung überwiesen. Indessen bedeutet die Ueberweisung keineswegs eine Billigung dieses Verlangens. In Bundesratskreisen war man vielmehr der Ansicht, daß die aus Anlaß der bekannten Fälle des Breslauer Profeffors Neißer und des Dr. Stubell getroffenen Anordnungen des preußischen Kultusministers und anderer deutscher Unterrichtsverwaltungen vollständig ausreichten, um ähnliche wissenschaftliche Ausschreitungen in Zukunft zu verhüten.
% Aus guter Quelle wird der ,Deutschen Ztg.' versichert, daß die Oldenburgische Re- gierung im Bundesräte doch für Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes stimmen werde, „obwohl, fügt das Blatt hinzu, *a§ Großherzogtum 77,5 v. H. evangelische und nur 22 v. H. katholische Einwohner hat". Also wenn die Katholiken in der Minderheit sind, scheint man die Regierung für verpflichtet zu halten, ungerechte und gehässige Ausnahmebestimmungen gegen sie zu vertreten. In Oldenburg hat übrigens die Kulturkämpferei nie Anklang gefunden, so daß wir uns gar nicht wundern, wenn die oldenburgische Regierung für die Beseitigung des § 2 des Jesuitengesetzes ist.
** Das Schwindelmanöver, die Eisenbahn- Angestellten mit Verwendung von Aeußerungen des Ministers Budde zur Abgabe eines sozialdemokratischen Stimmzettels zu bewegen, will der ,Vorwätts' jetzt für einen Scherz ausgeben. „Jeder vollsinnige Mensch wisse doch, „daß l)Herr Budde bei der Wahl überhaupt nicht mehr zu „wollen" hat als ein Wagenschieber, daß 2) kein
doch bedürfe er dazu eines Betriebskapitals, das ihm der Vater vorsttecken möge. Er käme dadurch in die Lage, sich „rangieren" und einen „früheren Fehler" wieder gut machen ru können. — Letztere Bemerkung ließ die Deutung zu, daß er voraussetzte, der Vater wisse bereits um sein Verhältnis zu Stasi, und Gregor rahm vielleicht an, der alte Furtner werde daher um so bereitwilliger die erbetene Geldunterstützung gewähren, als es ihm bei seinem edlen Charakter darum zu tun sein werde, an Stasi das durch den Sohn begangene Unrecht wieder gut zu machen.
Den guten Mann berührte die Mitteilung seines Sohnes schmerzlich. Er rief Leni herbei und überreichte ihr den Brief seine- „ungeratenen Sohnes", wie er sagte.
Seni las. Schwere Tränen rollten über ihre Wangen. Tief seufzend gab sie das Schreiben zurück. „Zu spät!" waren die einzigen tränenerstickten Worte, die sie hervorzubringen vermochte. '
Statt jeder Antwort sandte der Vater seinem Sohne Stasis Totenschein mit den Worten „Zu spät!"
Tage, Wochen eilen gleichmäßig dahin, wie denn überhaupt der regelmäßige Pulsschlag des Landlebens nur höchst selten gestört wird.
Da kam eines Tages abermals von Gregor eine Nachricht. In heiterer Weife teilte er dem Vater mit, daß es ihm durch die Vermählung mit einer reichen Witwe gelungen sei, seine Verhältnisse vollständig zu ordnen, und daß er Kompagnon bei dem in seinem ersten Briefe angebeuteten Unternehmen geworden wäre. Zwar sei ein Söhnlein erster Ehe da, aber feine Frau Margaretha befinde sich in unumschränkten Besitze des ^genannten „Stiftshofes"., eines ansehnlichen Landgutes.
Den Vater ließ die vermeintlich frohe Nachricht eines Sohnes vollkommen kalt.
„Gregor ist wieder ein reicher Mann geworden," ägte er spöttisch zu Albert, indem er ihm den Brief hinreichte und ohne jede »eitere Bemerkung seines Wege« ging.
preußischer Minister zur Wahl von Sozialdemokraten auffordert und daß 3) die Berufung auf Budde's Autorität, wäre ihr scherzhafter Charakter nicht augenfällig gewesen, die Eisenbahner erst recht dazu veranlaßt hätte, nicht sozialdemokratisch zu wählen. Der,Vorwärts' nimmt da bei seinen Lesern mehr Einsicht an, als sie zum großen Teile besitzen. Eben weil er wußte, daß viele von ihnen den Scherz für Ernst nehmen würden, hat er ihn gemacht; er wollte sie täuschen.
** lieber eine eigenartige Stellungnahme einer königlichen Behörde zur Sozial- demakratie läßt sich die ,Voss. Ztg. aus Ruhrort folgendes schreiben: „ Am Morgen der Wahl kam hier aus der (Sütererpebition von der Be- triebsinfpeftiü.i Esten eine Depesche an, worin darauf aufmerksam gemacht wurde, daß jeder Beamte freiwählen sollte, sogar die Sozial- demokralen." Wann hier wirklich der Inhalt des Telegramms richtig roübergegeben ist, so bestehen, meint dazu die ,Kreuzztg/, zwei Möglichkeiten. „Entweder bandelt es sich um eine Täuschung der Güterexpeditwn durch Diahtnach- richt. die nur das äußere Ansehen einer amtlichen Anweisung hatte, über in Wirklichkeit von der vorgesetzten Lienstbehörde nicht ergangen war. Oder die Betriebsdirekiion hat in Errinnerung an die vielfach besprochene und vom .Vorwärts' zu Asitationszwecken gemißbrauchteu Aeußerungen des Ministers Budde im Abgeordnetenhause irrigerweise angenommen, baß er auf die Billigung einer derartigen Anweisung durch den Minister rechnen könne. Eine Klarstellung der Angelegenheit darf unter keinen Umständen ausbleiben."
* Der neue Reichstag ist der ,Köln. Ztg/ schon ein Greuel, noch ehe er völlig gewählt ist. Nicht, weil eine Menge Sozialdemokraten in ihn einziehen, sondern weil die ausschlaggebende Stellung des Z e n t r u m 5 gesichert ist. Sie klagt:
Die Sozialdemokratie umtanzt noch immer sudelnd die Bundeslade ihres Wahlerfolgs und übersieht in ihrer Herzensfreude ganz, daß sie für den Ultramontanismus gesiegt hat und dem Zentrum die Ernte in die wohlgebauten Scheuern schaffe . . • Der Sieg der sozialdemokratischen Waffen bedeutet, daß wir wiederum auf fünf Jahre mit einem Reichstage zu rechnen haben, der ourch seine unglückselige Zusammensetzung das Zentrum in die bevorzugte Lage versetzt, bei jeder wichtigen Abstimmung einen Kaufpreis zu verlangen. Die Rückwirkung auf die Volksstimmung ist klar. Der Reichstag, der das Sehnen unserer Väter nach einer freien Volksvertretung erfüllen sollte, stürzt von seinem hohen Piedestal hinab in den Staub.
Als im Reichstag 150 Nationalliberale saßen, ' da war es freilich für bie Liberalen eine Lust zu leben. Die Liberalen könnten alle ihre früheren Mandate noch jetzt besitzen, wenn sie sie nicht durch ihre kulturkämpferische, antisoziale und freiheitfeindliche Politik sich selbst abspenstig gemacht hätten.
* töer ist schuld daran, daß im Königreich Sachsen bie Sozialdemokraten bei den Reichstagswahlen so große Erfolge gehabt haben? Die ,Köln. Ztg/ schreibt darüber: „Wer den Gang des Wahlkampfes verfolgt und die Stimmung der Bevölkerung beobachtet hat, der . findet, daß es weit weniger Fragen der Reichspolitik gewesen sind, die das Volk nach links
Auch Leni hatte über diese Nachricht nur ein schmerzliches Lächeln.
IV.
Jahre find seit diesen Ereignissen im Meere der Ewigkeit verschwunden und die verschiedenen Zeiten brachten natürlich veränderte Verhältnisse mit sich. Auch in Altberg waren die Jahre nicht ohne bedeutende Veränderungen vorübergegangen. Was hatte sich besonders auf dem Berghofe nicht alles zugetragen! Die kleine Brom, das einstige Schmerzenskind, wuchs zur lauteren Freude des alten Furtner zur blühenden Jungfrau heran. „Ein guter Engel hat mir diesen meinen Angenttost zugesendt," hotte man oftmals den alten Mann sagen. Je mehr Leid er an seinem eigenen Sohne Albert erleben mußte, desto mehr Freude bereitete ihm Vroni.
Immer schlimmer wurde eS nämlich mit dem Zustande Alberts. Er war offenbar einem unaufhaltsamen Siechtume verfallen, dem auch die sorgsamste Pflege und ärztliche Kunst nicht Einhalt zu tun vermochte.
Endlich betrachteten es sogar Alle als eine gütige Erlösung von schweren Leiden, als der Bedauernswerte das Zeitliche segnete.
In diesei. trüben Tagen fand 'der alte, nun selbst schon gebrechliche Furtner an Vroni und Leni eine kräftige Stütze.
Vroni war seit ihrem ersten Jahre an Kindesstatt angenommen worden. Gregor war seit vielen Jahren wieder einmal am väterlichen Hofe erschienen und zwar zum Begräbnisse des Bruders. Er brachte jedoch dem elterlichen Hause nicht mehr jenes Interesse entgegen, das man sonst erwarten konnte — er war zu sehr Weltmensch geworden. Die heimischen Sitten und Gebräuche erschienen ihm zu kleinlich, zu spießbürgerlich. Mit mitleidigem Lächeln ging er darüber hinweg. Aus verschiedenen Andeutungen jedoch war zu entnehmen, daß auch die goldenen Berge des Stift-Hofes viel en Glanz verloren hatten. Gregors Frau schien über de.i Stand hinaus Aufwand zn machen, und