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wochmbeilagk: „Illustrierte Sonntagszeitung"

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Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda (Harmonie). Fernsprecher Nr. 9.

flllda, Samstag, den 20. Juni 1903.

30. Jahrgang.

** Die Stichwahlen.

Nun soll auf einmal in 184, oder wenigstens in 122 Wahlkreisen alles vergeben und ver­gessen sein. Parteien, die sich soeben noch bis aufs Blut bekämpft haben, sollen plötzlich als gute Freunde Hand in Hand gehen. Leute, denen gestern noch alles denkbar schlechteste nach­gesagt wurde, werden heute wohlwollend „das kleinereUebel" genannt oder wünschen doch so ge­nannt zu werden. Es wird einige Mühe kosten, den Wählern, die man soeben noch gegen einen Kandidaten aufgehetzt hat, klar zu machen, daß es ihre patriotische Pflicht sei, ihm durch Zuwendung । ihrer Stimme ihr Vertrauen auszusprechen. Aber in den meisten Stichwahlkreisen werden die aus­gefallenen Parteien das int eigenen Interesse mehr oder weniger eifrig betreiben. Vielfach aber hat man sich so ineinander verbissen, daß das plötzliche Vertragen nicht angeht. Manchmal if; es einer Partei auch gar nicht möglich, unter den beiden Stichwahlkandidalen ein „kleineres Uebel" zu entdecken. Wen soll z. B. ein Zen­trumswähler für das „kleinere Uebel" erklären, wenn ein nationalliberaler Kultur­kämpfer, der sich für den § 2 des Jesuiten­gesetzes verpflichtet hat, und ein Sozialdemo­krat, der für die Aufhebung des Paragraphen stimmen wird, sich gegenüberstehen?

Die ,Nordd. Allgem. Ztg.' hat sofort nach -er Hauptwahl wieder die Parole ausgegeben, daß in der Stichwahl alle Parteien fich gegen die Sozialdemokraten vereinigen müßten. Die Konservativen haben diese Parole angenommen, wiewohl noch soeben die,Kreuzztg.' bemerkt hatte, sie würden sich für Herrn Dr. Barth, der mit einem Sozialdemokraten in der Stichwahl steht, nicht allzu sehr bemühen können. Die,Post' und die ,Nat.-Liber. Korr.' schließen sich der Sammelparole an. Die,Deutsche Tagesztg/ tut mit einigem Zögern das gleiche, nicht ohne durchblicken zu lassen, daß sie nicht sehr betrübt sein würde, wenn die Landwirts- Bündler freisinnige Kandidaten im Kampfe mit den Sozialdemokraten im Stiche ließen. Die linksliberale Presse bis zur ,Nat.-Ztg.' einschließ­lich weigert sich rundweg, die Sozialdemokraten immer für das größere Uebel zu erklären. Wo ein Antisemit, Agrarier odersonstiger „Reaktionär" mit einem Sozialdemokraten in der Stichwahl steht, will man ihm zum mindesten nicht bei­stehen; und wenn es sich um „besonders ver­haßte Persönlichkeiten" handelt, empfiehlt man geradezu,^dem Sozialdemokraten die Stimme zu geben.

Man verteidigt dies mit der Behauptung, die Sozialdemokraten seien nicht so gefährlich, da sie tatsächlich ja doch ihren Willen nicht durch, setzen könnten; es komme also nicht viel da-

Der WergHof.

Bolksroman von I. Oberparleiter.

2 --------- (Nachdruck »erboten.)

Wochen vergingen unter diesen Bcrhältniffen. Es konnte endlich dem Scharfblicke des Bruders nicht entgehen, daß die anfängliche Freundschaft zwischen Stasi und Gregor mehr und meyr eine innige, zu­trauliche Form annahm, und düstere Wolken umzogen seine Stirne. WaS sollte daraus werden? Welches Ende war vorauszusehen? Gregor konnte doch nie daran denken, ein armes Mädchen heimzuführen, er, der darauf ausgehen mußte, durch eine reiche Partie sein geschäftliches Unternehmen zu stützen, denn innner- mehr häuften sich die Vermutungen, daß sich die Bauleitung diesmal arg verrechnet habe, und daß sie Gefahr laufe, statt einen namhaften Gewinn daraus zu ziehen, große Verluste zu erleiden. Schon zeigten mancherlei Stockungen in der -Auszahlung der Wochenlöhne. Die Terrainverhältniffe gestalteten sich immer schwieriger.

Wo man im Untergründe leicht zu bearbeitendes Material wähnte, zeigten sich Felsen; wo man sicheren Untergrund hoffte, gab es Rollsand oder Sumpf. Häufige Regengüße vernichteten die halbfertige Arbeit, so daß dieselbe nochmals in Angriff genommen werden mußte. Die Arbeitskräfte, angefacht von unruhigen Elementen, wurden immer schwieriger und konnten nur durch Lohnerhöhungen festgehalten werden.

Wiederholt kam es daher zwischen den beiden Ge­schwistern zu ernsten Auseinandersetzungen, in deren Verlaufe es fich zeigte, daß Stasi auf Gregors Ehr- lichkett unbedingtes Vertrauen setze. Lorenz hingegen konnte sich in seiner kühle« Nüchternheit nie und «immer mit dem Gedanken befreunden, daß ei« so kalt berechnender Geschäftsmann, als welchen er Gregor kennen gelernt hatte, in so selbstloser Weise seine Zu- EnnstSpläne einer vorübergehenden Laune zum Opfer

rauf an, ob sie ein paar Mandate mehr oder weniger hätten; die Junker, Agrarier und Re­aktionäre dagegen würden mit jedem mehr ge­wonnenen Mandate schädlicher und gefährlicher. Meist sind die Gründe für die wohlwollende Beurteilung der Sozialdemokratie außerdem auch noch recht realer Natur. Es bahnt sich eine Wahlverbrüderung zwischen Freisinn und Sozialdemokratie für die Stichwahlen an. Man steht sich gegenseitig bei, nicht nur, weil man den anderen für das kleinere Uebel ansieht, sondern auch weil eine Hand die andere wäscht. Der Freisinn hilft hier den Sozialdemokraten und diese helfen dort dem Freisinn. Der ,Vor- roärt§', der bis dahin die Freisinnigen nicht ge­nug mit Kot Hal bewerfen können, bietet ihnen heute ein Bündnis an. Dabei ist er sogar bereit, sich über einen feierlichen Parteitagsbeschluß hinwegzusetzen. Nach dem Beschluß des Münckener Parteitages sollen Sozialdemokraten in der Stichwahl nur für Kandidaten stimmen, die Auf­rechterhaltung des Wahlrechts, Verwerfung jedes Ausnahmegesetzes, Verweigerung höherer Ledens- mittelzölle und neuer indirekter Steuern, Ab­lehnung neuer Militär- und Marinevorlagen versprechen. Auf die letzte Forderung will er verzichten, offenbar aus Rücksicht auf die Frei­sinnige Vereinigung. Es wird auch nicht mehr Ablehnung höherer Lebensmittelzölle, sondern nur „Verweigerung der Mindestzölle" gefordert. Alfo die Sozialdemokraten stimmen für die Frei­sinnigen. Als Gegenleistung erwarten sie natürlich, daß die Freisinnigen dort, wo sie nicht in der Stichwahl sind, den Sozialdemokraten helfen. Diese machen dabei das bessere Geschäft, denn in etwa 30 Wahlkreisen können die Frei­sinnigen den Ausschlag zu Gunsten der Sozial­demokratie geben, während beide freisinnigen Parteien selbst nur an 35 Stichwahlen beteiligt sind und in 13 von diesen Sozialdemokraten als Gegner haben. Als Zugabe stellt ihnen der .Vorwärts'dafür Hilfe bei den preußischen Landtagswahlen in Aussicht.

Daß die Freisinnigen das Angebot annehmen werden, ist nach der Haltung ihrer Preffe kaum zu bezweifeln. Sie können sich ja auch da­mit entschuldigen, daß der ,Anhaltische Slaats- anzeiger' es als fraglich hinstellte, ob die reichstreuen Parteien es über sich gewinnen würden, „einen Rösicke" gegen den Sozialdemo­kraten Käppler zu unterstützen. Wenn sogar ein Staatsanzeiger eine solche Begünstigung der Sozialdemokratie so kühl behandelt, dann braucht doch ein Freisinniger nicht „staatstreuer" zu fein. Die Frage ist freilich, wieweit es gelingt, die freisinnigen Wähler zur Stimmenabgabe für die Sozialdemokraten zu bewegen. Der .Vor­wärts' hofft, oder stellt sich wenigstens so an, als hoffe er, daß die Sozialdemokraten die stärkste Fraktion würden. Soweit wird es diesmal wohl nicht kommen. Auch das Bündnis, das sie in Oberschlesien mit den Polen gegen das Zentrum geschlossen haben, wird ihnen nicht dazu verhelfen.

Das Zentrum hat in der Stichwahl auf fremde Hilfe wenig zu rechnen. Wir

bringen könnte. Doch, was sollte er tun? Sollte er gegen seinen eigenen Brotherrn, dem er eine sorgen­lose Existenz zu verdanken hatte, schroff auftreten? Hieß dies nicht seine eigene Stellung aufgeben? Das aber beteuerte er Stasi: Nie werde er zu einem törichten Schritte seine Zustimmung geben; das sei er Gregor gegenüber schuldig, der es ihm über kurz oder lang zu Tank wissen würde. Zum Mindesten wolle er jede Verantwortung von sich abwälzen. Uner- chütterlich blieb er denn auch gegenüber Stafis Tränen, und bald standen sich die Geschwister zwar nicht feindlich gegenüber, aber ein verheerender Frost chien die frühere Herzlichkeit und geschwisterliche Ein­tracht vernichtet zu haben.

Abends freilich, wenn Gregor kam, da konnte Lorenz nichts tun, als zum bösen Spiele gute Miene machen, mochte sich auch sein inneres Gefühl dagegen sträuben.

Unzweifelhaft hatte Gregor aus Stafis Munde die Gesinnung ihres Bruders kennen gelernt, doch er etzte sich mit einer Art Geringschätzung darüber hin­weg, ja, es schien fast, als ob ihm dieses unerwartete Hindernis in seiner Neigung noch bestärken sollte. — Wäre es nicht lächerlich, sich von Lorenz etwa hinsicht­lich seiner Handlungen Vorschriften machen zu lassen, von ihm, der es sich zur Ehre rechnen muffte, daß er ich mit ihm aus so freundschaftlichen Fuß stellte. Nein, das wäre denn doch! In seiner verletzten Eitel­keit strebte er Stasis Bruder zum Trotze nun gerade das an, wozu er sich vielleicht in leidenschaftsloser Er­wägung nie entschloffen hätte.

so standen fich diese Drei einander gegenüber: nach Außen hin in freundschaftlichem Verkehre, im Innern Feinde.

Wochen vergingen unter diesen Verhältnissen. Im Gemute Stafis war eine ruhigere Stimmung ein­getreten. Sie, diese harmlose Natur, deren Seelen­ruhe noch fein unlauterer Hauch trübte, beurteilte die übrige Menschheit auch nur nach fich selbst, und so ühtte sie fich beim überglücklich, als ihr Gregor eines Tages die Hand zum Bunde fürs Leben bot.

wollen hoffen, daß dort, wo es mit Sozial­demokraten zu ringen hat, die Konservativen ihrer eigenen Parole nicht gänzlich untreu werden. In der Regel aber kann es sich nur auf die eigene Kraft verlasfen. „Der „Ultramontane" gilt als das „größere Uebel", auch bei denen, die nicht gerade zur „antiultra- montanen Wahlvereinigung" gehören und sich ihre Wahlparole nicht vom evangelischen Bunde inspirieren lasten. Es gilt daher in den wenigen Tagen bis zur Stichwahl energisch zu arbeiten und die Reserven, die wohl überall noch vor­handen sind, mobil zu machen. Wollen die Sozialdemokraten die stärkste Fraktion werden, so muß es das Ziel der Zentrumspartei sein, die Zentrumsfraktion stärker zu machen als je vorher. Da bereits 88 Mandate gesickert sind und 36 Zentrumskandidalen in der Stichwahl stehen, ist die Erreichung dieses Zieles nicht unmöglich.

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Berlin, den 19. Juni 1903.

** Das halbamtliche Telegraphen­bureau (Wolff) hat zwar am Donnerstag eine ziffermäßige Zusammenstellung des gesamten Wahlergebnisses verbreitet, aber damit ist noch keineswegs gesagt, daß diese Zusammen­stellung nun auch stimmt. Nach wie vorlauten die Angaben in den Blättern ganz verschieden, und zwar bei ziemlich allen Parteien. Nicht einmal über die Zahl der Stichwahlen herrscht Uebereinstimmung. Nach „Wolff" haben 184, nach anderer Berechnung nur 183 Stichwahlen stattzufinden. Die Zahl der gewählten Zentrums­mitglieder wird, soviel wir sehen, überall auf 88 angegeben. (Die 2 Verluste Fraustadt-Liffa und Reichenbach-Neurode werden durch die zwei Gewinne Ottweiler-St. Wendel und Wasserburg ausgewogen.) Während das Zentrum aber nach „Wolff" an 35 Stichwahlen beteiligt ist, rechnen andere 36 heraus. Das halbamtliche Telegraphenbureau zählt 31 Konservative als gewählt und 37 in der Stichwahl, die .Kreuz- Zeitung' dagegen 30 oder mit 2 verwandten „Wilden" 32 Gewählte und 41 in der Stich­wahl. Halbamtlich werden 54 Sozialdemokraten gezählt, andere bringen 55 heraus. Und so geht es bei allen Parteien.

*♦ Der Evangelische Bund will „es nicht gewesen sein". Der Vorstand -es Bundes er­läßt jetzt eine Erklärung, die aber schon vom 12. Juni datiert ist, wonach der Bund mit Politik nichts zu tun hat und die Ausdehnung seines Programms auf das politische Gebiet ausdrück­lich ab lehnt. Diese Erklärung wird für nötig ge­halten, weil „von Zentrumsseite" der Evangelische Bund vielfach als der zu bekämpfende Feind be­zeichnet worden sei. Es wird aber hinzugefügt, daß allerdings der Ultramontanismus von Rechts­wegen jeden ernsten Evangelischen unter den Gegnern suchen müsse. Die Mühe, die Urhebex-

Lorenz mußte in stummer Resignation sich mit dem unabweislichen Bescheide der Schwester begnügen, wenn ihn auch trübe Ahnungen beschleichen wollten. — Wenige Tage und fie schritt mit dem.Erwählten ihres Herzens zum Altäre.

Das junge eheliche Glück sollte bald in grau­samer Weise zerstört werden. Ein Wolkenbruch hatte in der Umgebung eine arge Verwüstung angerichtet. Das schrecklichste damit in Verbindung stehende Er­eignis aber war eine Erdrutschung, die einen großen Teil der fast vollständig fertigen Bahnstrecke zerstörte. Gregor, dessen Mittel ohnehin erschöpft waren, war mit einem Male ruiniert. Er konnte sich an dem Unternehmen weiter nicht mehr beteiligen und mußte sich, entblößt von Mitteln, zurückziehen. Was nun? Sollte er, der bisher eine leitende Rolle gespielt, auf derselben Linie eine unterg eorbnete Stellung einnehmen? Nein, dazu war er zu ehrgeizig, das verbot ihm fein bisheriges Ansehen.

Durch Vermittlung eines befreundeten Ober- ngenieurs bot sich ihm Aussicht, bei einer im Bau begriffenen Linie in Ungarn in allerdings untergeord­neter Stellung unterzukommen. Er war ein Mann von Energie, ihn konnte nicht sogleich ein Schicksals- chlag ans der Fassung bringen. Er wollte das Glück zum zweiten Male herauffordern, wollte wieder dort beginnen, wo er vor mehreren Jahren begonnen, und daher mußte er es als einen glücklichen Zufall be­trachten, so bald wieder in ein gleiches Geschäft ein­treten zu können.

Doch was sollte er nun mit Stasi? Sie sogleich aufs Geradewohl mitnehmen? Nein, es schien ihm am besten, dieselbe gedulde fich, bis er in sicherer Stellung war, denn man konnte doch nicht wißen, ob das An­gebot von Dauer oder überhaupt annehmbar sei. — Bei Lorenz zu bleiben, der auf der Kantine belassen wurde, widerstrebte Stasi. Sie konnte e< nicht überS Herz bringen, fich den Vorwürfen des Bruders auS- zufetzen, jetzt, wo fie allein dastand — ohne Stütze.

schäft des Jesuitenrummels vom Bunde ablehnen zu wollen, ist vergeblich. In den Synoden sind die Resolutionen gegen die Jesuiten ausdrücklich als Anträge des Evangelischen Bundes vorgelegt worden. Niemand anders als der Bund steckte auch hinter der „antiultramontanen Wahl­vereinigung" und hinter der Forderung, daß die Kandidaten sich verpflichten sollten, für die Bei­behaltung des § 2 des Jesuitengesetzes zu stimmen. Nach den „Erfolgen", die der Bund erlebt hat, namentlich in Sachsen, begreift man es aller­dings, daß er es jetzt „nicht gewesen sein will".

* Die Fortschritte der Sozialdemo­kratie, hat man oft gefaat, hätten eine natür liche Gr nze, denn über die Großstädte und die Jndustriebezlrke könne sie nicht hinaus; ihr Um­sichgreifen auf dem platten Lande fei nicht zu befürchten. Die diesjährigen Wahlen haben ge­zeigt, daß auch diese Theorie nicht haltbar ist. Besonders bemerkenswert ist der Wahlerfolg der Sozialdemokraten in Randow-Greifenhagen, einem ganz ländlichen pommerschen Wahlkreise, den bis jetzt der Konservative Prätorius vertrat. Jetzt hat der sozialdemokratische Kand dat gegen diesen, der auch wieder als Kandidat auf» trat, und den freisinnigen Zählkandidaten Träger schon im ersten Wahlgange gesiegt, wenn auch nur mit 6 Stimmen Mehrheit. Ohne Zweifel ist den Sozialdemokraten dieser Sieg selbst überraschend gekommen. Höchst charakte- ristisch ist, daß solche sozialdemokratische Erfolge nur in protestantischen ländlichen Wahlkreisen vorkommen können. Der katholische Bauer hält zu fest an seiner Kirche, um sozialdemokratisch zu wählen. In Pommern, der ehemals festen Burg der Orthodoxie, nimmt die Gläubigkeit schon überraschend ab. Die Pastorenschaft ist aller­dings weit überwiegend orthodox, beschäftigt sich aber weit mehr mit dem Kampf gegen Rom, als mit dem Kampf gegen Unglauben und Sozial­demokratie. Die Pastoren fördern den Evan­gelischen Bund und den Gustav Adolf-Verein; einer der ersten Zweigvereine der neuen „Ge­sellschaft für die Ausbreitung des Evangeliums unter den Katholiken" hat sich in Pommern ge­bildet. Während sie so in die Ferne schweifen, bringt der sozialdemokratische Wolf widerstandslos in ihre Hürden ein. In Bezug auf die Reichshauptstadt kann man ohne Uebertreibung sagen, daß die gesamten Prediger einschließlich der Gemeindekirchenräte, des brandenburgischen Konsistoriums und des Evangelischen Oberkirchenrats zusammen iüujt soviel Einfluß auf die protestantische Bevölkerung Berlins haben, als der einzige Abg. Paul Singer, der bekanntlich nicht einmal christlichen Glaubens ist. Wenn aber die Herren Pastoren gegen die katholische Kirche auftreten, z. B. gegen Ab­änderung des Jesuitengesetzes hetzen, nehmen sie immer den Mund so voll, als ob die gesamte protestantische Bevölkerung auf Tod und Leben, wie ein Mann hinter ihnen stände. Und vor solchen Leuten scheint sich der Bundesrat gar noch zu fürchten!

** Die Sozialdemokraten sollen nach einer Zusammenstellung, die natürlich auf vollständige

Ach, und sie hätte gerade jetzt einer solchen bedurft. Es ließ sich nicht leugnen: Dieser Unglücksfall, dieser herbe Schicksalsschlag hatte auf das Gemüt ihre- Mannes einen nachhaltenden Eindruck ausgeübt, und — war es Sinnestäuschung oder Seelenangst, die ihr solche Gespenster vorspiegelte — es schien ihr fast, als sei in Gregors Wesen plötzlich eine Aenderung eingetreten. Sie wollte es nicht Kälte nennen, aber sie konnte nicht jene Wärme der Gefühle an ihm wahr­nehmen, die sie als Mädchen und in der ersten Zeit ihrer Ehe so glücklich machte. Seine düstere, oft wort­karge Stimmung schnitt ihr tief in ihr jugendlich em­pfindsames Herz, und trübe Ahnungen befielen fie; — sollte mit dem Verluste des Mammons für fie auch fein Herz verloren gegangen fein?

Schon wollte fie zur Schwester Sem, um im Waldhäuschen, nach dem sie sich plötzlich sehnte, den Ruf ihres Mannes abzuwarten, doch fträubte sich Gregor dagegen — wozu brauchte 'man in seiner Heimat von seinem Mißgeschicke Kenntnis zu erlangen, dort sollte man ihn nur als reichen Mann kennen lernen; hatte es in seinem falschen Ehrgeize bisher sogar unterlassen, dem Vater Mitteilung von seiner Verehelichung mit Stasi zu machen — wozu auch, er würde es schon durch Leni erfahren!

Da faßte Stasi den Entschluß, fich zu entfernten Verwandten ins Salzburgische zu begeben. Sie konnte überzeugt fein, daß sie dort freundliche Aufnahme finden werde.---

Der Tag der Abreise Gregors war bestimmt. Düster wie der Himmel war die Stimmung der Scheidenden. Bleiern lag die ganze Natur auch auf Stasis Gemüte. In Tränen aufgelöst, konnte fie fich nicht trennen von ihrem Manne — ihm aber fehlten in diesem schmerzlichen Augenblicke die richttgen Worte des Trostes. — Endlich konnte er fich losmachen. —

„Gregor!" bat ihn fein junget Weib, .rufe mich bald zu Dir, ich bin gerne bereit, auch hi bescheidenen Ver­hältnissen mit Dir Dein Los zu teilen/ —