fUiaa, Samstag, den 20. Juni 1903.
M 138.
30. Jahrgang.
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und Handlungsweise des Volkes, welches ledig-
Begleiter; zerlumpte Kleider von
»en
Drittes Blatt
lassen sie taufen — der Patengelder wegen. So ist nachgewiesen worden, daß ein und dasselbe
Änäbletn an fünf verschiedenen Orten und zwar bei Protestanten und Katholiken, getauft worden war! Das einzige Merkmal religiösen Sinnes ist ihre Ehrfurcht vor den Toten. Die Lebens-
Vie Zigeuner.
Ruhelos, heimatlos, hier geduldet, dort ver- lagt, aber überall verabscheut, durchzieht die Lander Europas ein Vol^ auf dem feit alten Zerten ein Fluch zu ruhen scheint. Kommt em Trupp dieser braunen, schmutzigen, ver- ichmrtzten Gesellen mit ihren frech blickenden Weibern und Kindern in ein Dorf oder in eine Stadt, fo zieht das gestrenge Oberhaupt des Ortes bte Stirn in krause Falten und erläßt sofort den Befehl, daß die Ankömmlinge sich iraußen auf dem Felde oder im Walde zu lagern haben. Nur widerwillig zieht die braune Ge- ellschast ab, die Kinder aber wandern bettelnd von Haus zu Haus und stecken nebenbei in die
wochen-Rundschao.
(Nachdruck verboten.)
Fulda, 20. Juni 1903.
Die Reichstagswahlen am Dienstag haben nur etwa in der Hälfte der Wahlkreise ein endglltiges Resultat ergeben, während in der anderen Hälfte Stichwahl stattzufinden hat. Gleichwohl läßt sich in der Hauptsache beretts ein Blld von dem Wahlergebnis gewinnen. Das Zentrum kehrt im ganzen in der alten Stärke wieder. Wenn chm auch der eine oder andere von vornherein unsichere Wahlkreis verloren geht, so gewinnt es doch auch wieder den einen oder den anderen. In Oberschlesien wird es sich wahrscheinlich behaupten, dock müßen drei Mandate erst in der Stichwahl gegen die Polen bezw. Sozial
grellen Farben bedecken ihren Körper; die Kinder laufen sogar völlig nackt herum. In ihren Zelten lungern sie auf elenden Decken herum, denn Arbeit wird nicht geachtet, sie leben frei und sorgenlos wie Strauchdiebe. Die unvermeidliche Tabakspfeife qualmt in eines jeden, auch der Frauen Mund; die Branntweinflasche
E Anzeigen
lieb in der .KUdarr IrttimL voa sich«« Wtttftmttutt.
। kann nicht wohl weiter ausgedehnt werden, die Wehr- , Vorlagen können doch nicht ewig liegen bleiben, die . handelspolitischen Fragen harren dringend der Er- , ledigung. Da hat man denn doch schließlich in Wien die Geduld verloren und auch der Zusammenhalt der Regierungsparteien begann sich zu lockern, da ein Tell der Liberalen schärfere Maßregeln gegen die Obstruktion forderte. Herr v. Szell reichte am Sonntag sein Entlassungsgesuch ein, das angenommen wurde. Als er dies am Dienstag in der Kammer mitt eilte, gaben die Vertreter der Opposition Erklärungen ab, daß sie ein Ministerium TiSza aufs äußerste bekämpfen und sich gegen Gewaltmaßregeln energisch wehren würden.
In Frankreich rüstet man sich auf den Besuch des Königs von Italien, der Mitte Juli erfolgen soll. Vorher wird Präsident Loubet seinen Gegenbesuch in England machen. Die Gegner des Vatikans in Italien reuen sich über den Besuch Viktor Emanuels in Paris »auptsächlich deshalb, weil Loubet dann seinen Gegenbesuch in Rom machen muß und bei dieser Gelegenheit nicht vom Papste empfangen werdenkann. Man macht ihn nämlich zum Oberhaupte eines katholischen Staates. Solche zu empfangen weigert sich bekanntlich der Papst, > wenn sie zugleich im Quirinal vorsprechen. Der Besuch Loubets soll also ein Schlag gegen den Vatikan sein. Wie es mit der „katholischen Macht" in Frankreich steht, weiß man ja. Die kulturkämpferische Regierung geht immer schärfer gegen die Kongregationen vor. Combes hat den Gesetzentwurf, wodurch 81 sich mit dem Unterricht beschäftigenden Frauenorden Die nachgesuchte Genehmigung versagt wird, 6er deputiertem kammer zugehen lassen, deren Ausschuß alsbald dereit- willigst zu allem ja sagt. Nach den neuesten Plänen Combes soll jede Unterrichtsanstalt als ungesetzlich erklärt werden, an der ein Mitglied einer ausgelosten Kongregation llmerricht erteilt, selbst wenn eS aus dem geistlichen Stande ausgetreten ist. Der Ausschuß zur Prüfung der Anträge wegen Kündigung des Konkordates und Trennung von Kirche und Staat hat mit 17 gegen 16 Stimmen eine Resolution des Sozialisten Vaillant angenommen, die sich im Prinzip für Kündigung und Trennung ausspricht.
In Italien hat das Ministerium Zanardelli- Giolitti seine Entlassung eingereicht. Bon sozialistischer Seite war der Marinemimster Bettolo beschuldigt worden, Durchstechereien mit den Stahlwerken in Term bei Lieferungen für die Marine getrieben zu haben. Diese Anschuldigung führte am 10. ds. Mts. zu einer ernsten Debatte in der Deputiertenkammer. Der Marine- minister, sowie der Ministerpräsident Zarnadelli und der Minister der Aeußeren Morin wiesen ste entschieden zurück. Die Kammer lehnte jedoch einen Antrag auf eine Untersuchung der Heeres- und Marme- verwaltung nur mti 188 gegen 149 Stimmen ab. Da ein anderer Führer über keine Mehrheit in der Kammer verfügen würde, mußte Zanardelli wiederum mit der Nwbildung des Ministeriums betraut werden. Wie lange das neue Ministerium eine Mehrheit haben wird, ist fteilich eine andere Frage.
demokraten verteidigt werden. Die landbündlerischen Versuche, im Westen dem Zentrum etwas anzuhaben, find kläglich gescheitert. Zu den charakteristischen Merimalen der Wahlen gehört das gründliche Fiasko des Bundes der Landwirte. Der Bundesvorfitzende Dr. Roeficke und der Bundesdirektor Dr. Hahn find durchgefallen. Dr. Datei, der Leiter der ,Deutschen Tageszeitung', hat fein Mandat in der Stichwahl gegen einen Sozialdemokraten zu verteidigen. Das Hauptcharakteristikmn der Wahlen bildet jedoch daS abermalige enorme Anwachsen der Sozialdemokratie. Bereits im ersten Wahlgange haben die Sozialdemokraten schon ihre bisherige Stärke bis auf ein Mandat wiedererrungen. Einem Verlust von 2 Sitzen steht ein Gewinn von 14 gegenüber. Dabei find fie in weit über 100 Wahlkreisen an der Stichwahl beteiligt, sodaß sie sicher ganz erheblich verstärkt in den neuen Reichstag einziehen werden. Da der Zuwachs der Sozialdemokraten hauptsächlich durch Verluste der Freisinnigen erzielt worden ist, wird sich die parlamentarische Lage also im wesentlichen wohl nicht verändern.
Der Hirtenbrief des Kardinal-Fürstbischofs Kopp hat in radikal-polnischen Kreisen begreiflicher Weise sehr böses Blut gemacht. Man spielt'entrüstet den Unschuldigen, verdreht den Sinn des Hirtenbriefes, als richte er sich gegen das polnische Volk, man hetzt gegen alle deutschen und ihrem Bischöfe gehorsamen Geistlichen, als wären fie Germanisatoren, und droht mit einer Beschwerde in Rom. Auch bei den besonneneren Polen scheint der Hirtenbrief viel Unzufriedenheit erregt zu haben. Wir verstehen das nicht. Er wendet sich doch nur gegen das kirchenfeindliche Treiben der Presse. Daß da die radikal- polnische Presse viel gesündigt hat, läßt sich gar »ich: leugnen.
i Tusche, was sich eben mitnehmen läßt. Haben Männer und Weiber aber außerhalb ihr Lager aufgeschlagen, so zieht die Bevölkerung des Ortes neugierig hinaus, um das seltene Volk in seiner „Häuslichkeit" zu beobachten. Da zeigt sich denn wieder die Anmaßung der Männer und die Unverschämtheit der Weiber; fie betrachten sich als _ _ ,
die eigentlichen Herren und begegnen sogar der lich vom Betteln und Rauben sein Dasein ftistet, Obrigkeit mit unverkennbarem Hohn. So ist es läßt erkennen, daß es von moralischem Gefühl denn schon vorgekommen, daß die Bewohner des nicht die leiseste Spur besitzt. Alle, die nicht seines Ortes in Masse ausrückten, bewaffnet mit Stammes find, betrachtet es mit ebenso großer Knütteln, Dreschflegeln und Flinten, und die ganze Verachtungsund hält sich für berechtigt, sie zu betrügen Gesellschaft über die Gemeindegrenze trieben. und zu bestehlen. Die alte Zigeunerin, welche in
Aber ein interessantes Volk find diese Romanen und Novellen eine so große Rolle Zigeuner. Woher fie gekommen, welche Heimat, spielt, wahrsagt neugierigen Frauen und Mädchen welche Geschichte sie haben, wer weiß es? Viele aus Händen und Karten und lockt den einfäl- Forscher haben an diesem geschichtlichen Problem tigen Geschöpfen so das Geld ab; der Mann ihren Fleiß und Scharfsinn versucht; manches flickt zerbrochene Kessel und sucht Gelegenhett Buch und manche Abhandlung ist dem Ursprung I Mn Stehlen; das Kind kriecht auf die Felder der Zigeuner gewidmet; aber unumstößliche Be- und wühlt die Früchte aus der Erde; so zeigt | weise hat für seine Behauptung kein Gelehrter flch die braune Gesellschaft in einem weit weniger vorbringen können; nur Hypothesen wurden mit romantischen Lichte, als bei den Dichtern und mehr oder weniger Scharfsinn aufgestellt. Die Novellisten. Und außerdem ist der Zigeuner meisten Forscher nehmen an, die Zigeuner seien faul, feige und grausam.
ursprünglich ein astatisches Nomadenvolk ge- Auch in seinem Aeußeren ist er sehr wenig wesen, das vielleicht von den Hindus abstammt, anziehend; die alten Zigeunerinnen sind meist Jedenfalls haben die Parias, die im heutigen wahre Scheusale. Gewiß gibt es unter den Indien auf einer so niedrigen Stufe der Kultur Zigeunern männliche Gestalten von schönem stehen und allgemein verachtet werden, in ihrem Körperbau und Frauen von einer bezaubern- Aeußeren, ihren Sitten und Neigungen große den Schönheit; wer sie aber in ihrer Lebens- Aehnlichkeit mit den Zigeunern. Vielleicht weise beobachtet, fühlt sich abgestoßen. Der wanderten zahlreiche der niedriger stehenden Schmutz und das Ungeziefer sind ihre beständigen Hindus aus, als am Ende des 14. Jahrhunderts der wilde Eroberer Tamerlan Indien unterwarf und mit unmenschlicher Grausamkeit unter den Besiegten wütete. Vielleicht ging ein Teil der Flüchtlinge nach Aegypten; Tatsache ist es wenigstens, daß viele Zigeuner das Nilland als ihre Heimat betrachten. Wie sie nach Europa
AuchinWürttemberg haben die Zentrumsgegner sich über bischöfliche Wahlagitation aufgeregt. Bischof Keppler hatte im Frühjahr auf einer Firmungsreise in Mergentheim geäußert, es sei Mannespflicht, einzutreten für Kirche und Glauben, die katholische Sache m Kirche und Leben und Familie, in Presse und Wahlen; wer in Kriegszeiten nicht treu zur Fahne halte, sei ein Feigling und Verräter. Am 9. d. Mts. brachte ein Sozialdemokrat in der württembergischen Abgeordnetenkammer diese Aeußerung zur Sprache und klagte über Einmischung der Geistlichen in bürgerliche Verhältnisse und Störung des konfessionellen Friedens. Die Zentrumsredmr blieben die Antwort nicht schuldig und wiesen es entschieden zuruck, daß der Bischof etwa- Ungehöriges getan und den konfessionellen Frieden gestört habe. Die von i "^?^Evkraten und Demokraten gegen den B'schof aufgerufene Regierung lehnte jede Einmischung & £« #^»«»1^ von Weizsäcker erklärte, der Bischof fei seiner Disziplinargewalt nicht unterstellt.
In G n es e n wurde in der vorigen Woche wieder ein Geheimbundrprozeß geführt. Es standen 24 frühere Schüler des dortigen Gymnasiums vor Gericht unter der Anklage, einer geheimen polnischen Verbindung angehört zu haben. Fünf wurden ftei- gesprochen, drei erhielten einen Verweis, die übrigen Gefängnis von einem Tage bis zu sechs Wochen. Es scheint, daß man auch in Hakatisten-Kreisen anfangt, die Gymnasiasten-Verschwörungen nicht mehr tragisch zu nehmen. Man hätte sich den Prozeß überhaupt sparen und die jungen Leute mit einer Schulsttase davonkommen lassen sollen.
w Ereignisse im In- und Auslande haben in fuesen Tagen zurücktreten müssen vor den Greneltaten «Serbien. In der Nacht vom 10. zum 11. Juni ®«rben der König, die Königin, zwei Brüder der drei Minister und eine Anzahl andererPer- ’”!en 'durch Offiziere ermordet. Die Bevöüerung uaym die Kunde von dem Königsmorde mit Gleich- ftÄnSTc ?? mit Jubel auf. In Belgrad wurden die «K -Eflaggt und die Mllitärmufik spiette den Tag auf den Straßen lustige Weifen. Allerdings läßt 'Ver beurteilen, wie die Bevölkerung wirklich Gleichgiltigkeit und die Freudenkund- mtn«i^rlnntn auch der Furcht vor der Rache der augEicklichen Machthaber entforingen. Alexander tof>rt^fn8£.Aatten schon ein Schreckensregimentge- plyn, so vatz niemand seiner Unzufriedenheit Ausdruck t? waate-um sich nicht den schwersten Gefahren I? a U^L^6cn auszusetzen. Das an der Verschwörung beteiligte Militär — es gab auch Regimenter, die dem Könige treu blieben und gern den «ersuch gemacht hatten, ihn zu retten, wen» es nicht zu spät gewesen wäre, — rief in der Mordnacht als-
gekommen sind, weiß man nicht; genug, 1416 tauchten sie in der Moldau auf, 1417—1419 in Ungarn, Oesterreich und in der Provence, 1422 in Italien, 1427 in Paris ufrv. Sie waren plötzlich da und wandern nun seit Jahrhunderten in allen Ländern Europas herum.
Zur Begründung der Ansicht, Indien sei ihre eigentliche Heimat, kann namentlich angeführt werden, daß ihre Sprache unverkennbare Verwandtschaft mit dem Sanskrit hat. So sind z. B. die Zahlen 1 bis 10 in der Sprache Zigeuner und im Indischen fast gleichlautend. Auch die Grammatik der Zigeuner ist mit jener der Sanskrit verwandt. Selbstverständlich hat die Sprache der Zigeuner im Laufe der Jahrhunderte, seit dieselbe als ruhelose Wanderer ganz Europa, ja die Welt durchziehen, nicht unwesentliche Wandlungen durchgemacht; im Verkehr mit anderen Nationen haben sie aus deren Wortschatz einzelne Brocken in ihre Umgangssprache gemischt, einige ihrer Wörter nach und nach ganz fallen gelassen; was aber noch vorhanden ist, weist auf Indien zurück. Nach und nach wird die Sprache der Zigeuner freilich ein internationales Gepräge erhalten, sie wird ihre Eigentümlichkeit verlieren und schließlich eine Mischung aller möglichen Sprachen darstellen.
Die Zigeuner sind eben überall. In Europa finden wir sie am häufigsten in Böhmen, Ungarn und auf der Balkanhalbinsel. jVon dorther kommt die weitaus größte Mehrzahl der „echten" Zigeuner, welche mit den wilden und doch so melan- cholischen Melodien, die sie ihren Geigen meisterhaft zu entlocken verstehen, in unseren volkstümlichen Konzerten die Zuhörer entzückt. Auch Spanien ist reich mit „Gitanos" gesegnet. Deutschland, England und Frankreich haben weit weniger dieser „Egypttens" aufzuweisen, doch ist ihre Zahl immer noch beträchtlich. Man kann wohl annehmen, daß sich in Europa über eine halbe Million dieser Landstreicher herum- treibt. In Asien leben fie, in Indien und in Syrien, in Afrika, aber in Aegypten und hier werden sie als Chorami bezeichnet; neuerdings sind sie sogar nach Amerika 'ausgewandert. Früher war man der Ansicht, alle Zigeuner- Horden wären einem einzigen Herrscher untertan. Ein gemeinsames Oberhaupt haben aber sämtliche Zigeuner wohl nicht, doch wählt jede einzelne Bande sich ihren Hauptmann, gewöhnlich dasjenige Mitglied, welches am schlauesten zu stehlen vermag. Der Hauptmann schließt und löst Ehen, schlichtet Streitigkeiten, verurteilt und spricht frei. Indessen wird feine Machtbefugnis nicht oft in Anspruch genommen, weil jeder Familienvater absoluter Herr der Seinen, namentlich seines Weibes ist und trotz seiner affenhasten Liebe zu feinen Kindern im allgemeinen schnelle Justiz übt.
Eine bestimmte Religion haben die Zigeuner nicht; sie paffen sich aus geschäftlichen Rücksichten dem Bekenntnis jener Personen an, mit denen fie gerade in Berührung kommen und von Denen fte etwas zu erhalten hoffen. Ihre Kinder I
bald de»Prinzen Peter Karageorgewitsch zum Könige auS. Dieser befand fich ht Gens und versicherte feierlich, er sei unschuldig an dem vergossenen Blute. Möglich, daß man ihn aus Klughett, um ihm bei den Mächten keine Schwierigkeiten zu machen, nicht einweihte und er auch nicht eingeweiht sein wollte, aber an Wühlereien zum Sturze König Alexanders hat er e» nicht fthlen lassen. Selbstverständlich hat Prinz Karazeorgewiffch die Krone, nach der er so lange schon strebte, angenommen. Angeblich hätte er die Bedingung gestellt, daß die Königsmörder bestraft oder wenigstens aus Belgrad entfernt werden müßten. Die Skuptschttna hat dem bereits einen Riegel vorgeschoben, indem sie daS Vorgehen des Müitärs billigte und ihm Dank ouSsprach. Außerdem hat sie die sehr demokratische Verfassung von 1888 wiederhergestellt. Der neue König wird auch bald merken, daß dieEin- ttacht unter den Parteien nicht lange dauern wird. An Schwierigketten wird es ihm gewiß nicht fehlen. Hoffentlich läßt er fich das Schicksal seines Vorgängers zur Warnung und Mahnung dienen, daß er nur das Wohl des Landes bei all seinem Tun im Auge hat. Die Mächte werden ihn ohne Zweifel anerkennen. Sie suchen jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten Serbiens zu vermeiden, schon um darüber nicht untereinander in Streitigketten zu geraten, und find floh, wenn infolge der jüngsten Ereignisse das Land endlich zur Ruhe kommt. Die Bevölkerung scheint übrigens die Wahl des Prinzen Karageorgewitsch recht gleich- glltig ausgenommen zu haben.
In Ungarn ist eine Regie^ungskrisis ausgebrochen. Ministerpräsident v. Szell hat die Obstruktion gegen die Wehrvorlagen durch seinen bloß passiven Widerstand nicht Herr zu werden vermocht. Monatelang dauert diese seltsame Lage schon an, ohne daß man ein Ende abfieht. Der ex-Iex-Zustand
wird herumgereicht, aus der selbst Kinder im zartesten Alter schon trinken müssen und — es klingt unglaublich und ist doch wahr — gern trinken. Indessen, wer lernt das seltsame Volk in seiner Häuslichkeit kennen? Nur sehr wenige. Die Zigeuner, die man bei öffentlichen Aufführungen zu sehen bekommt, sind die Elite ihres Stammes, und wären sie es auch nicht, wer würde, wenn die braunen Gesellen wie mit Zauberhand den Violinbogen führen, nicht alles andere vergessen? Der Zigeuner ist ein geborener Musiker. Ohne jede Anleitung lernt er verschiedene Instrumente, am besten die Violine. Die Stücke, die er mit seltener Meisterschaft auf dieser vorträgt, hat er von seinen Stammesbrüdern erlernt; es sind Melodien, die jeder Zigeuner tm Kops hat und spielt, ohne nur ein einziges Notenblatt zu besitzen. Es sind Melodien von einem eigentümlichen, unwiderstehlichen Reiz, denen selbst gewiegte Musiker ihren Beifall nicht versagen können. Jetzt brausen sie wild, fast kriegerisch dahin, dann klagen sie in leisen, seelenvollen Weisen; jetzt singen sie das hohe Lied beglückter Liebe, und dann trauern sie im bittern Weh eines getäuschten Herzens. Diese Musik allein ist es, die uns das roiberroärtige Volk erträglich macht; in ihr allein liegt die Poesie des Zigeunertums und der Reiz, den es auf die Dichter von jeher ausgeübt hat.
Die ruhelose Lebensweise der Zigeuner, die Plackereien, welche namentlich die Landbevölkerung von ihnen zu erdulden hat, gaben den Gesetzgebern schon oft Veranlassung, sich mit der Frage zu befassen, wie man den wilden Stamm zu einem zivilisierten, feine Mitglieder zu nützlichen Staatsbürgern erziehen könne. Maria Theresia erließ eine Verordnung, nach der die Zigeuner sich feste Wohnsitze wählen, ein Gewerbe treiben und ihre Kinder in die christlichen Schulen schicken sollten — ohne jeden Erfolg! Gerade so ging es Joseph II. und den russischen Kaisern. Die Eigenart der Zigeuner widerstand allen Lockungen und Bequemlichkeiten der zivilisierten Lebensweise. Harte Maßregeln, wie sie längere Zeit in Frankreich, Spanien und in den Donaufürstentümern üblich waren, nutzten ebensowenig. Die Zigeuner vermehrten sich unter der Knute so rasch wie in völliger Freiheit. Indessen gibt es doch einige Zigeunerkolonien, z. B. im Elsaß und im Wutgensteinschen; doch sind fie ohne größere Bedeutung, sodaß man daraus weitere Schlüsse nicht ziehen darf. Ob es der stillen, aber unwiderstehlichen Wirksamkeit der Zett gelingen wird, aus diesen Nomaden ein seßhaftes und zugleich tätiges Voll zu machen, erscheint sehr fraglich, da sie heute noch denselben Charakter und die nämlichen Sitten zeigen, wie vor vierhundert Jahren. _______