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JV5 134.
flllda, Dienstag, den 16. Juni 1903.
30. Jahrgang.
. Die handelsverttäge »erben, so nimmt man allgemein an, ju den erste« Vorlagen gehören, mit dem der neue Reichstag sich zu beschäftigen haben wird. O stk aber wirklich alle oder wenigstens zum Teil bis zur Eröffnung des Reichstags fertig sein werden? Es ist in den letzten Monaten über den Stand der Verhandlungen recht still gewesen, wiewohl die künftigen Verträge doch den Mittelpunkt des Wahlkampfes bilden. In diesen Tagen aber tauchen plötzlich in der Preffe Nachrichten darüber auf.
Sie stimmen allerdings nicht wörtlich mit einander überein, laffen aber alle sehr deutlic die gleiche Quelle erkennen. Mau darf woh annehmen, daß sie offiziösen Ursprungs und au mündliche Parole-Ausgabe von verschiedenen Korrespondenten zurückzuführen find. Der Stand der Verhandlungen wird darin als recht günstig geschildert. Am weitesten scheint man mit der Schweiz zu sein. Es ist, heißt es nach der einen Lesart, bereits vor einigen Wochen, als der deutsche Generalkonsul in Zürich, Herr von Eckardt, in Berlin war, zu einer „inneren Verständigung" gekommen über das, was man von der Schweiz fordern und ihr gewähren wolle. Eine andere Lesart besagt, die vorbereitenden Schritte zu Verhandlungen seien schon abgeschloffen und man sei schon mit der schweizerischen Regierung in nähere Fühlung ge- rreteu. Danach wäre allerdings die „innere Verständigung" vorläufig noch eine sehr einseitige, md tatsächlich noch gar nicht verhandelt worden. Vermutlich hat aber Herr v. Eckardt „unter der Hand" schon erfahren, was man von der Schweiz zu erwarten habe, und find danach die Forderungen und Zugeständnisse von vornherein eingerichtet, sodaß die offiziellen Verhandlungen ziemlich glatt verlaufen können. Offenbar stark verhört hat sich der Berichterstatter, welcher behauptet, die Vorverhandlungen mit der Schweiz iund Oesterreich) könnten ebenso weit gediehen sein, rote die mit Rußland, wenn in den beiden Ländern die Zolltarife rechtzeittg fertiggestellt worden wären. Die Schweiz ist hier, wie aus den anderen Lesarten erhellt, mit Italien verwechselt worden. Ihr neuer Zolltarif ist ja längst fertig.
Ebenso weit rote mit der Schweiz, sollen die Verhandlungen mit Rußland gediehen sein, oder gar schon etwas weiter. Sie sollen sowoh! in Petersburg wie auch vorübergehend in Berlin gepflogen worden sein, nie geruht haben und „soweit gediehen sein, daß der Schriftwechsel demnächst zum Abschlüsse gebracht werden wird". Wenn man mit Deftetrei-1 -Ungarn und Italien noch nicht so weit ist, so liegt das daran, daß sie mit ihrem Zolltarif nicht fertig find. Auch mit den Vereinigten Staaten sollen die Ausfichten „nicht so schlecht" sein, „wie behauptet wird", oder, wie die andere Lesart lautet: sie sind „gegenwärtig nicht allzu günstig, können sich aber beffern". Das ,Zentralblatt der Walzwerke' hatte den Stand der Vertragsverhandlungen allgemein als ungünstig hingestellt und behauptet, allein mit Rußland seien Vorverhandlungen an-
Meine Herzens-Mama.
Erzählung von M. Freericks.
8 (Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
Fräulein Luise sah aber heute blaß aus; und als wir endlich wohlverpackt im Wagen saßen und sie mir noch ein Mal die Hand zum Abschied reichte, fühlte ich, daß sie sehr zitterte. Da brach der bislang so meisterhaft verhaltene Schmerz bei mir durch; ich stürzte an ihren Hals und schluchzte: „O Du Mler- beste! ich kann und mag ja gar nicht leben ohne Dich!"
Sie löste sanft meine um sie geschlungenen Hände, sah mit unaussprechlicher Liebe mir in die Augen, reichte Rudolfchen schnell noch einen prächtigen Apfel der Schlag wurde geschloffen, die Pferde zogen an.
„Gott segne Dich!" — rief ich nun, so laut ich ronnte. Das Wort, gestern von Papa gesprochen, war das einzige, in dem meine überflutenden Gefühle aus- ftrömen konnten.
Ich blieb die zweistündige Fahrt hindurch still, »einem Schmerze hingegeben. Papa störte mich, selbst still in sich versenkt, durchaus nicht, und Rudolf, dem bald durch unsere Teilnahmlofigkeit die chm nötige Anregung fehlte, schlief schließlich ein.
Bon nun an beschäftigte Papa sich in jeder nur zu erübrigenden Minute mit uns Kindern, besonders mit mir; er ersann das Möglichste, um meiner seelischen Regsamkeit Befriedigung zu gewähren. Frau Stell- baums Gutmütigkeit und prakrttcher Sinn schufen mir um so williger vieles Angenehme, als sie sich indem Bewußtsein ihrer übereilten Annahme ke» von ihr ^fürchteten Ereigniffes, auch ihrer aufregenden Worte gegen mich schuldig fühlen mochte. Mitunter jedoch sthatt fie mich, wenn mein Naturell sowohl als meine jetzt etwus »erseinerte Art mich in Widerspruch gegen
geknüpft worden, an solche mit den übrigen Staaten sei nicht zu denken. Anscheinend hat dies Blatt die verschiedenen offiziösen Verlautbarungen hervorberufen.
Bet allem offiziösem Bemühen, die Lage in bestem Lichte erscheinen zu lassen, gewinnt man aber doch den Eindruck, als ob der Abschluß neuer Handelsverträge nochinziemlich weitem Felde läge. Außer mit der Schweiz und mit Rußland scheint man noch mit keinem Staate angeknüpft zu haben und wie schließlich die Verhandlungen mit den beiden ausgehen werden, liegt auch noch sehr im Ungewissen.
Daß die Regierung den ernsten Willen hat, brauchbare langfristige Verträge abzuschließen, braucht man uns nicht erst zu versichern. Wir wollen hoffen, daß ihre feste Zuversicht, es werde ihr gelingen, nicht auf Sand gebaut sei Wenn sie wirklich hält, was sie so und so oft versprochen hat, werden ihre Ver- ttäge auch beim Reichstage auf keine Schwierigkeiten stoßen. Das darf man behaupten, eoe man das Ergebnis der Reichstagswahlen kennt. Es wird sich nur darum handeln, ob sie und die Reichstagsmehrheit einerlei Meinung darüber fein werden, ob das Versprechen tatsächlich eingelöst ist. Die,Deutsche Tageszeitung' ist sehr ärgerlich über die offiziöse Drohung, daß die Regierung an das Volk appellieren werde, wenn die Handelsverträge durch das Zusammenwirken der Sozialdemokraten und Landwirtsbündler zu Falle gebracht werden sollten. Die Redensart von dem Zusammenwirken der Sozialdemokraten und Landwirts- bündler sei darauf gewürzt, gegen die verhaßten Agrarier zu hetzen. Nach unserer Ueberzeugung liegt die Gefahr für die Verttäge nicht in d-esem Zusammengehen. Sozialdemokraten und Bündler werden auf keinen Fall eine Mehrheit zu Stande bringen können. Es ist nur dann ein Scheitern der Verträge zu befürchten, wenn die Mehrheit, die den Zolltarif zu Stande gebracht hat, durch sie nicht befriedigt wird. Da ohne Zweifel aber von der tariffeindlichen Linken sich Nachhilfe für die Verträge einfinden wird, so darf sich von jener Mehrheit allerdings schon ein beträchtlicher Teil absplittern, ehe die Verträge gefährdet find, aber die Regierung darf nicht denken, daß fie die Verttäge mit der Linken machen könne. Den Ausschlag wird der Teil des Reichstags geben, der die Landwirtschaft besser geschützt wissen will.
Berlin, den 15. Juni 1903
.* Am heutigen Todestage Kaiser Friedrichs UI. erschienen um 8 "2 Uhr vormittags der Kaiser und die Kaiserin im Mausoleum und legten am Sarkophage des Kaisers Friedrich einen Lorbeerttanz mit weißen Nelken und Orchideen nieder. Gegen 121/z Uhr traf der Kronprinz am Mausoleum ein, wo er von einer
sie setzte: „Wunderliches Mädchen", „Ausreißerin" und „Steifkops!" — Auch mancher Besuch bei Ottilie brachte mir Abwechslung und Unterhaltung, und gewährte mir zudem die Genugtuung, daß fie mich innerlich und äußerlich jetzt für ebenbürtia hielt. Sie gestand mir, daß ihre Mama es sehr gerügt habe, daß fie mir solch' dummes, verkehrtes und liebloses Zeug vorgeschwatzt habe.
Trotz alledem wurde ich von Tag zu Tag stiller, unlustiger, blasser und magerer. Stellbaum meinte, ich äße nicht genug, ich hätte infolge der gehabten Schmerzen den Appettt verloren. Sie erschöpfte sich in Kochkünsten, teils um ihre Küchenehre zu retten, teils um mich wieder zu Kräften zu bringen. Nur wenn ich von meinem Aufenthalt in Niedrungen und besonders von Fräulein Luise sprechen durfte, kam wieder lichter Glanz in meine Augen und rascher pulste das Blut durch meine Adern, Papa beobachtete mich ost etwas wehmütig; aber er gönnte mir in vollem Maße das Glück, von der Geliebten sprechen zu dürfen.
Schon war der erste Schnee gefallen; Papa hatte mit Schellenschlitten eine entfernte Tour gemacht. Seine Wangen waren sehr gerötet, wahrscheinlich von de-» ftischen Windhauche, und ein seltsamer Glanz chimmerte in seinen liebevollen Augen, als er mich zu sich in das Wohnzimmer rief.
„Mein Leichen," fragte er mit sonderbar gedämpfter Stimme, „wird es Dir nicht zu kalt sein, morgen mit nach Niedrungen zu fahren?"
„Papa!" schrie ich auf, „zu meinem Fräulein Luise!" Papa nickte, er konnte nicht sprechen. Zwei große Tränen rollten ihm über die jetzt erblaßten Wangen in den Bart. Ich schmiegte mich in unbewußter Ahnung dicht an sein Herz.
ES währte einige Minuten, bis er wieder anhob: „Ich möchte Fräuletn Luife gern für immer bei »ns haben, mein Kind! . . . Nicht wahr, Du möchtest es wohl auch?"
„O Papa! Dann wäre ich das glücklichste Kind
Abordnung des OffizierskotPs des Regiments Kronprinz erwartet wurde, die einen Kranz aus Lorbeer und Palmwedeln mit weißer Schleife überbrachte. In Begleitung der Abordnung legte er hierauf den Kranz am Sarkophage des Kaisers Friedrich nieder. Auch verschiedene Offizierskorps sowie Rriegeroeretne legten Kränze am Grabe nieder.
% Die .Preußische Korrespondenz' hat einen angeblichen Ausspruch des Kaisers oerbreitet, wonach der Kaiser vor einiger Zeit im Kasino eines vornehmen schlesischen Regiments geäußert haben soll: „Ich fatm nur Amerikaner gebrauchen". Die,Nordd. Allgem. Ztg.' ist zu der Erklärung ermächtigt, daß der Kaiser, der übrigens feit nahezu zwei Jahren in keinem Kasino eines schlesischen Regiments gewesen ist, einen solchen Ausspruch nicht getan hat. Das schließt natürlich nicht aus, bemerkt das Blatt weiter, daß er die Eigenschaften der Amerikaner, die ihnen eine so bedeutende Stellung im Erwerbsleben verschafft haben, in vollem Maße anerkennt.
* Der Zusammenschluß der evangelische» Landeskirchen. Die Eisenacher Kirchenkonferenz hat fast einstimmig die Vorschläge ihres Ausschusses angenommen, die einen engeren Zusammenschluß der deutschen evangelischen Landeskirchen herbeiführen sollen. Die Zustimmung der landeskirchlichen Behörden wurde Vorbehalten, doch ist diese, mit wenigen Ausnahmen, zweifellos. Seit Weihnachten 1961 ist bekanntlich die Frage des Zufammenfchluffes in Fluß. Bei der Gedächtnisfeier für Ernst den Frommen in Koburg regte der Kaiser ihn an und viel ist seitdem darüber geschrieben und geredet worden. Was aber schließlich herausgekommen ist, wird in feiner Bescheidenheit kaum dem entsprechen, was die Freunde des Planes sich gedacht hatten. Von einem Zusammenschluß der fast drei Dutzend Landeskirchen und der, rott roiffen nicht wie vielen Frei- und sonstigen „Kirchen" zu einer einheitlichen protestantischen Reichskirche mit einheitlichem Bekenntnis konnte natürlich nicht die Rede sein. Wenn es in den Vorschlägen heißt, der Ausschuß habe wie bisher die Ausgabe, die Konferenz in der ihr obliegenden Förderung einer einheitlichen Entwicklung der Zustände der einzelnen Landeskirchen zu unterstützen, so hat das praktisch wohl nicht allzu viel zu bedeuten. Das eigentlich neue ist, daß der Ausschuß das gemeinsame Jntereffe der Landeskirchen auch nach außen zu vertreten haben soll, insbesondere in bezug auf deren Verhältnis zu den anderen Deutschen und außerdeutschen Kinhengemeinschasten. Gerade um dieser Aufgaben willen schwärmten die konfessionellen Heißsporne für den Zusammenschluß. Sie hofften, daß damit eine starke und einflußreiche Organisation zur Bekämpfung „ Rom s " geschaffen werden würde. Der einheitlichen und geschlossenen „römische Kirche", von deren „furchtbarer Macht" man immer so schreckliche Dinge zu erzählen weiß, sollte der deutsche Protestantismus als geschlossene Macht gegenübertreten und natürlich den Daumen aufs Auge drücken. Die,Kreuzztg.' bezeugt, daß es geradezu die Absicht gewisser Ki^hen sei, den Kirchenausschuß als Kampfmittel gegen die
Ehrentage des Hauses paradieren zu können. Die gute Seele war in befkr Stimmung: erstens gefiel Mama ihr sehr gut, und zweitens stand sie im Begriff, ihre tarkräftige Hand dem Gastwirt zum „Weißen Hirsch" zu schenken, einem braven Junggesellen, der kürzlich seine wirtschaftliche alte Mutter durch den Tod verloren hatte. Das war also in guter Ordnung!
Auch bei den geliebten Großeltern blieb eS in anter Verfassung, ungeachtet der empfindlichen Lucke, die Mamas Scheiden riß. Tante Elisabeth, Mama'S jüngste Schwester, kehrte nach Hause zurück. Sie hatte ihrem Bruder, ebenfalls Oberförster — Großpapa wurde inzwischen Oberforsttat! — seit einem Jahre, wo er sich häuslich eingerichtet, den Haushalt geführt, bis derselbe sich kurz nach Mama verheiratete. Mamas ältere, verheiratete Schwester, Tante Ernestine, wohnt zwar ferne, aber jetzt gesund, und glücklich inmitten einer großen, liebenswürdigen Familie. Alle die Lieben habe ich oft und lange besuchen dürfen; Rudolf auch. Am liebsten war ich bei den Großeltern — ach, sie waren so seelengut! Ohne Zweifel ernten fie jetzt im Himmel den Lohn ihrer reinen Güte.
Am allerliebsten war ich im Grunde doch immer im Elternhause, an der Seite der geliebten Mama. Selten haben wohl Kinder eine so ungetrübte und zugleich so förderliche Jugendzeit, wie fie uns fortan vergönnt war. Jedermann sagt: „Der Dotter Schmitz sttahlt förmlich von Zufriedenheit und Heiterkeit." — Ein Brüderchen und ein Schwesterpaar haben unser« Familienkreis vergrößert und verschönert.
Ja, das alte, solide Haus darf fich kühn im Flusse spiegeln, in dm ich eben jetzt auch, vom Blatte weg, hineinschaue. Freilich nicht immer saß und fitze ich so sorglos hier, wie heute am schönsten Junitage, von blühenden Rosen umhegt, im etterttchen Garten. Zwei Decennien find über die eben erzählten Bor- gäege in die Ewigkeit gezogen. Ich bin seit sechs Jahren einem guten Manne verbunden, ich bin rührige
katholische Kirche auseugestalleu und zu benutzen. Von uns aus ’ braucht man übrigens keine Besorgnis zu hege«. Uns reizt oder erbittert der Zusammenschluß nicht im geringsten. Wir stehen der ganzen Angelegenheft völlig unbefangen und so gleichgiltig gegenüber, wie nur ein Unbeteiligter sein kann. Warum sollten wir uns denn aufregen? Diese ganze lose und machtlose Organisation, die man da beschlossen hat, kann uns doch nicht gefährlich werden. Eine größere und wirksamere Hetze, als der Evangelische Bund schon betreibt, wird der Kirchenausschuß schwerlich ins Werk setzen können. Also unsertwegen kann »er Zusammenschluß ruhig erfolgen.
** Die preußische Eisenbahnverwaltung hat die Stelle eines Vertrauensarztes mit dem Sitze in Berlin geschaffen. Die Obliegenheiten dieses Arztes bestehen 1) in der Erstattung von Gutachten in allgemeinen Angelegenheiten, insbesondere über die Ausgestaltung der Rettungseinrichtungen, über die Anforderungen an die körperliche Brauchbarkeit der Eisenbahnbediensteten und über hygienische Anforderungen bei dem Bau oder Umbau von Bahnhöfen, Uebernachtungs- räumen, Werkstätten, Wohnungen, Heilstätten und Eisenbahnwagen und bei anderen Einrichtungen, 2) hat der Vertrauensarzt Eisenbahn- bediensteten Verttäge über Fragen der Gesundheitspflege zu halten, 3) statistische Ermittelungen Aber Krankheiten, Unfälle und Sterbefälle anzustellen, 4) Vereinbarungen mit Kurverwaltungen, Sanatorien und Heilstätten über günstige Bedingungen für Eisenbahnbedienstete oder Rentenempfänger oder für auf Staatskosten auszuführende Kuren zu vermitteln, sowie 5) alle sonstige Auskunft in ärztlichen und hygienischen Fragen zu erteilen.
" Berlin, 15. Juni 1903. Kaiser Wilhelm befand sich am Freitag im Kasino des 3. Garde-ttlanen- Regiments zu Potsdam, als ihm ein Telegramm überreicht wurde, das die Nachricht von dem Angriffe eines Irrsinnigen auf Kaiser Fran-Joseph enthielt. Der Kaiser erhob sich sofort, verlas die Depesche und knüpfte daran eine Ansprache, in der er mit sehr herzlichen Worten seiner Freude darüber Ausdruck gab, daß die Gefahr von dem befreundeten und verbündeten Monarchen glücklich abgewendet worden sei. Oberft Prevost, der Kommandant des ungarischen Husaren-Regiments Kronprinz Wilhelm in Keeskemet, welcher ans dem Diner teilnahm, erwiederte mit einigen Dankesworten aus die Rede des Kaisers. — Der .Reichsanzeiger' meldet, daß dem Generalfeldmarschckll Grafen von Waldersee die Erlaubnis zur Anlegung des ihm verliehenen Groß- tteuzes des Päpstlichen Piusordens erteilt worden ist. — Das Befinden des Krankenwärters Marggraf ist durchaus günstig, sein Leben nicht mchr in Gefahr, und es ist begründete Aussicht vorhanden, daß er schon in kurzer Zeit als geheilt aus der Krankenbausbehandlung entlassen werden kann. Sein Schleimauswurf ist abermals untersucht und jetzt bakterienfrei befunden worden. Darum ist auch die Serumbehandlung eingestellt worden. Wegen der Schwächung seines Körpers, die wohl eine Folge dieser Behandlung ist, hütet Marggraf noch das Bett, ist aber sonst wohl und munter. Weitere Erkrankungen sind unter den Isolierten nicht vorgekommen. — Wie die ,Berl. Klim. Wochenschr.' bemerkt, rückt der Pestfull eine bisher wohl nicht genügend beachtete Vorsichtsmaßregel in den Vordergrund: Dr. Sachs befand sich, wie namentlich die Sektion dartat, in ungünstiger körperlicher Verfassung; er hatte alte tuberkulöse Herde in der Lunge, sein Ernährungszustand war schlecht. Man kann den Gedanken nicht zurückweisen, daß er hierdurch vielleicht besonders zur Infektion veranlagt war.
auf der Welt!" Papa lächelte mich an. Dann sagte er langsam: „Heute habe ich Fräulein Luise darum gebeten, hierher zu kommen, für immer; — aber, mein L.nchen, sie fürchtet — Du möchtest dagegen sein."
„Ich, Papa?"
„Wenn fie hierher kommt", erklärte Papa, „so kann das nur geschehen als meine Frau; und dann würde fie doch Deine Stiefmutter sein, die Du so überaus fürchtest."
„O Papa!" rief ich mit dem Lächeln glücklichster Ueberzeugung, „sie ist ja gar keine Stiefmutter, kann gar keine sein. Sie sieht ja ganz, ganz anders aus! ... Weißt Du," meinte ich sinnend, „wie fie eigentlich aus- fieht?" „Nun — wie denn?"
„Wie eine rechte Herzensmama!"
Papa umarmte mich zitternd, mit Kummer Innigkeit. Nach einer Pause fragte er: Du fährst also morgen mit, um fie zu fragen, ob fie Deine und Rudolfchens Mama sein wolle?"
„Ja! jr!" jubelte ich aufspringend und wie im Glücksrausch durch das Zrmmer laufend. Dann kehrte ich zu Papa zurück, küßte ihm die Hände, Wangen und Mund und rief ein über's andere: „Nun wird alles gut und wunderschön!"
Ja — es wurde alles gut und wunderschön, so weit es in diesem Borhofsleben möglich ist.
Meine Sendung am anderen Tage fiel glücklich aus. Ich durfte statt: mein Fräulein Luise — „Meine süße Mama!" sagen; ich höre dagegen mit rrhem Erbeben: „Mein Töchterchens" flüstern.
Als Mama nach Neujahr ihren Einzug hielt, hatte Frau Stellbaum eigenhändig Moos- und Jmmer- grünkränze gewunden, zum Schmucke des Hauses, und die seltensten Küchenrezepte waren glänzend zur Berwendung gekommen. Alle Stickereion und Nippe» kamen wieder in Amt und Würden, und StellbaumS e dstbewimte Miene verkündete, »ur darum seien fie hinter Schloß und Riegel gewesen, um heutt am