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Sttnspttcher Ar. 9.

flllda, Mittwoch, den 10. Juni 1903.

JVs 130.

30. Jahrgang.

Wegen des hl. Fronleichnamsfestes wird die nächste Nummer unserer Zeitung erst am Freitag ansgegeden.

Deutsches Reich.

Berlin, den 9. Juni 1903.

* lieber den Hirtenbrief des Kardinal- Fürstbischofs von Breslau ist der vor­wärts' äußerst ergrimmt. Er spricht von „bischöf­lichem Wahlmißbrauch der Religion" und nennt den Hirtenbrief einen Wahlaufruf, desfen kurzer Sinn sei: „Wer statt des Zentrums einen National­polen oder einen Sozialdemokraten wählt, wird exkommuniziert." Am liebsten möchte er den Kar­dinal bestraft wissen auf Grund des § 107 des Strafgesetzbuches, wonach derjenige mit Gefäng- nis^nicht unter 6 Monaten oder Festung bis zu 5 Jahren bestraft wird, der einen andern durch Gewalt ober Bedrohung mit einer strafbaren Handlung verhindert, in Ausübung feiner staats­bürgerlichen Rechte zu wählen oder zu >' immen. Dabei muß das Blatt selbst zugeben, daß in dem Hirtenschreiben von den Wahlen gar nicht die Rede ist, sondern nur von der kirchenfeindlichen Presse. Wie eine Warnung vor dieser Presse ein Vergehen gegen § 107 sein kann, wird uns der .Vorwärts' schwerlich erklären können, zumal da er sich selbst nicht getraut, eine Bedrohung mit kirchlichen Strafmitteln als Bedrohung mit einer strafbaren Handlung auszulegen. Sein Zorn verrät nur, daß er die Wirkung des Hirtenbriefes fürchtet.

** Nach den jetzt veröffentlichten genauen Rechnungen für das Etatsjahr 1902 hat unter den Mindererträgnissen der Zölle und Verbrauchssteuern allein das Reich zu leiden. Die zur Reichskasse fließenden steuerlichen Einnahmen bleiben nämlich um 19,4 Millionen Mark hinter dem Etatsansatz zurück. Umgekehrt liefern die Ueberweisungssteuern trotz des Aus­falles bei der Branntweinverbrauchsabgabe noch immer 10,5 Millionen Mark über den Etats­ansatz, sodaß, wenn man den Ausfall von 2,2 Millionen Mark bei den Stempelabgaben gegenrechnet, die Bundesstaaten im ganzen noch 8,3 Millionen Mark mehr heraus erhalten, als sie nach der Etatsaufstellung hoffen durften.

** Cine neue evangelische Kirchen­ordnung für die Marine ist jetzt vom Kaiser genehmigt worden. Dieselbe sieht das Amt eines Marinepropftes vor, der als Vor­gesetzter aller anderen Marinegeistlichen anzusehen und nur dem Staatssekretär des Reichsmarine amts unterstellt ist. Die beiden Stationspfarrer, die ersten Pfarrer der Geschwader und der In­spektion des Bildungswesens gelten als obere Marinepfarrer. Ein bestimmter militärischer

Meine Herzens-Mama.

Erzählung von M. Freericks.

4 (Nachdruck verboten.)

Ich wartete die Wirkung meines Ausbruchs nicht ab, sondern eilte blitzschnell hinaus in den Garten, nichts denkend und empfindend, als mein unsägliches Unglücklichsein. Niemand folgte mir; Papa mochte über mein unerhörtes Auftreten selbst ein wenig aus der Fassung gekommen sein und cs durch verdoppelte Artigkeit auszugleichen suchen. Die Sonne war be­reits untergegangen; gelbrote Streifen zeigten noch ihre Spuren am westlichen Himmel und spiegelten sich ver­lockend im Fluffe. Ein paar Minuten lehnte ich an der hinteren Garten-Einfriedigung und stierte ver- Meiflungsvoll in bte kleine Flut. Mir fielen die Steinchen ein, die vor einigen Abenden von dem Knaben hineingeworfen waren; wie sie erst kleine tiefr, dann immer weitere und leichtere Kreise gebildet hatten und dann spurlos verschwanden. „Ich springe hinein!' wallte es in mir auf. „Ein paar kleine tiefe Kreise und dann weite, flache Ringe — und jede Spur ist von mir verschwunden. Dann brauche ich keinen Schmerz und keine Stiefmutter mehr zu haben!"

Schon hatte ich das niedrige Geländer überklettert, da ««sagten die eilenden Füße unter dem heftigen Anklopfen meines Gewissens. „Wenn du dich selbst tötest, kommst du nicht zum lieben Gott und zu der lieben Mama in den Himmel!" warnte es. „Dann mußt du ewig leiden!- — Nein, nein! nicht in's Waffer!--

Ab« was denn nun? Fortlaufen! fort, weit fort, bis an das Ende der Erde, wo mich niemand aut- finde« könnte. Hatte docy be alte Dame, die so ganz ungleich sprechen konnte, gesagt: „Mach, daß du fort- kvmmst, du häßliches Ding." So mochte fie und die „Stiefmutter" denn bleiben, ich wollte fort! — Und ich lief fort in blinder Hast, quer durchs Dorf,

Rang ist dem Marinegeistlichen nicht beigelegt. Sie gelten an Bord als im Offizierrang stehende Marinebeamte und stehen der Mannschaft gegen­über nicht in einem Vorgesetzten-, sondern in einem Respektsverhältnis. Gegenwärtig sind in der Marine 3 Oberpfarrer und 12 Pfarrer vorhanden. An der Spitze steht Konsistorialrat Goedel in Wilhelmshaven. Bis zur Anstellung eines Marinepropstes wird ein oberer Marine­pfarrer mit Wahrnehmung der Geschäfte betraut.

** Der internationale Kongreß für Meeres- untersuchungen wird im Juli auf der Insel Rügen und im September in Kopenhagen zu­sammentreten.

% Der .Reichsanzeiger' meldet, daß dem Erbprinzen von Hohenzollern der Schwarze Adlerorden verliehen worden ist.

* Griesen, 9. Juni 1903. Im Geheim- bundprozeß wurden Schwemm und v. Powicki zu je sechs Wochen, Grozeriewicz und Danielewski zu je drei Wochen, Grodzki zu zwei Wochen und elf Angeklagte zu einer Woche bis zu einem Tage verurteilt. Drei Angeklagte erhielten einen Ver­weis, fünf wurden freigesprochen.

* Wien, 9. Juni 1903. Ueber einBomben- attental wird dem ,B. T.' folgendes von hier berichtet: Am 7. Juni wurde gegen das Nonnenkloster in Garlitz bei Aussig eine Bombe geworfen. Der Knall war so furchtbar, daß er bis Aussig vernommen wurde. Sämt­liche Fensterscheiben im Erdgeschoß des Klosters wurden durch die Explosion zertrümmert.

* Konstantinopel, 9. Juni 1903. Eine Meuterei türkischer Kriegsschüler brach in der Kriegsschule Achiret aus, wo die Söhne vornehmer Leute, insbesondere auch die Söhne arabischer Schecks und anderer Führer außer­europäischer Stämme, auf des Sultans Kosten erzogen werden, um später als Hauptleute in die Armee eingestellt zu werden. Die Schüler überfielen die vorgesetzten Führer und verletzten einen von ihnen schwer. Die Polizei und endlich auch Militär mußten einschreiten, doch konnte erst Ordnung gestiftet werden, als fünfzig Schüler verwundet waren. 150 der unbotmäßigen jungen Leute wurden in Haft genommen.

* Beni-Unif, 9. Juui 1903. Der Vor­mittag verlief ruhig. Die Einwohner von F i g u i g verbleiben in der Oase und rücken vorsichtig gegen die Hügelkette vor. Französische Patrouillen und Vorposten überwachen die Gegend. Vormittags kamen mehrere mohammedanische Priester von Figuig nach B e n i - U n i f, um bei den französischen Beamten für die Angelegenheiten der Eingeborenen vorstellig zu werden. Es verlautet, daß die Ein­wohner von Zenaga 300 Tote und zahlreiche Verwundete gehabt hatten und Zenaga fast voll­ständig zerstört sei.

den jenseitigen Hügel hinan, in den großen Wald hinein. Zufällig begegnete mir niemand mehr; >eber hatte da draußen wohl schon sein Tagewerk vollbracht und war heim gegangen. Mich wandelte m der dauernden Aufregung keine Furcht an unter den hohen, sanft rauschenden Bäumen des Waldes, den ich aus dem Hauptwege durcheilte.

Endlich nach stundenlangem Laufe fühlte ich Er­schöpfung und zugleich Ernüchterung. Was beginnen, wenn ich nun gar nicht mehr weiter könnte, und wenn der schon sich eingestellte Hunger stärker würbe? Doch ich wußte bald Rat: ich hatte von der hl. Genovefa gehört — gleich ihr konnte ich im Notfälle mir eine Hütte im Äalddickicht bauen und mich von Beeren und Kräutern ernähren. Hätte ich doch nur „Lili" ob« das arme „Gretchen" mitgenommen; ich hätte dann doch Gesellschaft. Eifrig im langsamen Weiter gehen mit diesen neuen Gedanken beschäftigt, hörte ich plötzlich in einiger Ferne rauhe, laut sprechende unb lackende Männerstimmen. Ach, mein Gott! das waren zweifellos Räub«, von denen man schauerliche Ge­schichten mir erzählt hatte; denn wer an* erd würde nachts durch den großen, finsteren Wald ziehen? — Sie kamen näher und näher; mein H rz klopfte zum Zerspringen, denn meine Phantasie zeigte sie mir schon bis an die Zähne bewaffnet, in blutigen Kleidern, mit wutsunkelnden Augen. Da — weil der Weg sich stark krümmte, konnte mein angstgeschärfter Blick niemand sehen — schallte schon ganz nahe eines Mannes heiseres Lachen, in das mehrere einftimmtett. „Sie haben mich entdeckt! fie werden mich töten!" war mein entsetzter Gedanke, und mit einem leisen Aufschrei floh ich seitwärts in das Gestrüpp, unter Aufgebot meiner letzten Kräfte. Ich hörte, wie eine Stimme fragte: „Was war denn das? — Er klang wie eines Kindes Stimme."

Ich vermeinte ein Rascheln hinter mir zu hören und wähnte, daß die Räuber mich verfolgten. Keuchend stürzte ich weiter, nicht achtend, daß Nadeln und dürres Gezweig mir Gesicht und Hände z-ckratzten, bis ich endlich üb« eine stark h«vortretende Baum-

* Kapstadt, 9. Juni 1903. Der berüchtigte Dr. Jameson, ein Spießgeselle Cecil Rhodes, welcher 1896 den Einfall in Transvaal unter­nahm , wurde, wie „Wolffs Bureau" aus Kap­stadt meldet, zum Führer der Progressistenpartei gewählt.

Sur Reichstagswahlbewegung.

* Der Wahlaufruf der Zentrums­partei für den Wahlkreis Fulda -Gersfeld- Schlüchtern, den wir in der nächsten Nummer wörtlich zum Abdruck bringen werden, ist heute in den meisten Orten des Wahlkreises zur Ver­teilung gekommen. Gleichzeitig wurden an unsere Vertrauensmänner die Wahl zettel versandt. Sollten Wahlaufrufe und Zettel nicht genügen, wolle man sich ohne Verzug an die Fuldaer Aktiendruckerei wenden. In gleicher Weise möge man in den übrigen Wahlkreisen des Regierungsbezirks Kaffel, speziell auch in Mar- burg-Kirchhain-Frankenberg, sofern nicht eine genügende Anzahl von Stimmzetteln für den Zentrumskandidaten bei den Vertrauensmännern der Partei vorhanden sind, sich unverzüglich von der Fuldaer Aktiendruckerei die nötigen Stimm­zettel schicken lassen. Wahlversammlungen finden noch statt am Fronleichnamstage im Gasthaus des Herrn Schultheis zu Neuenberg nach­mittags um 3 Uhr, Sonntag, den 14. Juni: im Hotel zur Mi Iseburg nachmittags um 3 Uhr, in Dipperz in der Kircherschen Gastwirtschaft nachmittags um 3 Uhr und in Hofenfeld im Medlerschen Saal um 4 Uhr.

* Wie wird gewählt? Diese Frage ist in der letzten Zeit mehrfach in den Versamm­lungen der Zentrumspartei erörtert worden. Es mag auch an dieser Stelle nochmals geschehen. Gewählt wird am 16. Juni von IO Uhr morgens bis 7 Uhr abends Das ist inso­fern eine Neuerung, als früher bis 6 Uhr abends Einlaß gewährt wurde in das Wahl­lokal und bann alle jene Wähler noch wählen konnten, welche mr Lokale waren. Das ist jetzt anders. Wer bis 7 Uhr abends nicht gewählt hat, kann nicht mehr wählen. Daraus folgt, daß die Wähler nicht etwa in größerer Zahl kurz vor 7 Uhr abends erst zum Wahllokal gehen dürfen, es kann bann leicht passieren, daß sie bis 7 Uhr abends nicht fertig werden und unverrichteter Sache wieder abziehen müssen. Also gehe man so frühzeitig zum Wahllokal, daß man unter allem Um­ständen vor 7 Uhr fertig ist. Das wird um so notwendiger sein, als durch das sog. „Klosetgesetz" möglicherweise das Wahlge- schäft sich etwas langsamer abwickelt, als früher. Der Wähler muß seinen Stimmzettel in das Wahllokal mitbringen, er erhält von einem Mitgliede des Wahlvorstandes ein amt­liches Kuvert, tritt daun in einen Raum, in dem er unbeachtet bleibt, steckt in diesem Raum seinen „richtigen" Wahl­zettel in das Kuvert (Briefumschlag), tritt aus dem Raume an den Wahltisch und über- wurzel stolperte und jämmerlich zu Boden fiel Die Erschütterung des Sturzes und irgend ein heftiger Schmerz raubten mir das Bewußtsein.

Lange mochte ich so gelegen haben, als wich mensch­liche Stimmen ganz in der Nahe weckten. Meine auf- dämmernde Besinnung brachte sie zuerst wieder mit den verfolgenden Räubern in Zusammenhang. Doch ba*b wurde mir klarer und ich hörte deutlich eine überaus liebliche Frauenstimme sagen: „Wie rüstig bist Du doch, lieber Vater, daß Du von dem weiten Gange, den Du für mich nach dem schon so anstrengenden Tagesmarsche machst, Dich noch nicht ermüdet fühlst." Die darauf folgende Erwiderung einer tiefen Mannes- sttmme überhörte ich, unter dem ve geblichen Versuche aufzustehen und mich der Sprecherin, die seltsam mein Vertrauen herausforderte, zu nähern. Der etne Fuß versagte mir den Dienst, hing schlaff und schmerzte heilig. Jetzt schrie ich schluchzend um Hilfe. Nun ver­nahm ich Ausrufe der Ueberraschung und den Befehl: „Dort muß es sein—dort hinein, Georg! —Diana, such!" — Bald umschnupperte mich ein großer, fast weißhaarig« Hund, aber den fürchtete ich nicht, ich hatte Hunde gern; hatten wir doch selbst einen guten, treuen Karo. Aber dann sah ich im jetzt herrschenden, gebrochenen Mondl'cht einen mit einer Flinte bewaff­neten, schnurrbärtigen Mann herandrängen — o weh! jetzt waren es doch Räub«, und ich mußte sterben, ohne Gnade. Alle Schrecken eines gewaltsamen Todes, den ich in meiner leidenschaftlichen Aufregung am heimatlichen Flusse nicht gescheut, drangen überwältigend auf mich ein und raubten mir nochmals das Bewußtsein ♦ *

*

Meine Ohnmacht war tief und anhaltend; als ich endlich erwachte, lag ich auf einem Sopha in einem traulichen Zimmer. Eine alte Dame, deren ftisches, freundliches Gesicht von den Falten einer weißen Haube umrahmt war, stand mir zu Füßen und blickte in unverkennbar« Teilnahme auf mich. Ueber mich beugte sich eine jüngere Frauengestalt, die mich mit kräftigen Essenzen rieb. Als ich bte Augen zu ihr aufschlug, begegnete ich einem so liebreichen Blicke,

gibt nach Feststellung feines Namens in der Wahlliste das Kuvert mit eingelegtem Wahlzettel dem Wahlvorsitzenden, der das Kuvert in die Urne wirst. Der Zettel muß in das Kuvert gesteckt werden, sonst ist er ungiltig. Die Kuverts sind nicht gummiert, also nicht ver­schließbar. Es kann nach diesem Wahlverfahren kein Arbeiter oder Beamter von seinem Vor­gesetzten beobachtet werden, wie er wählt, wenn er dafür sorgt, daß er den „richtigen" Wahl­zettel irgendwo bereit hat und diesen in das Kuvert steckt und nicht etwa einen falschen Zettel, der ihm an der Tür zum Wahllokal in die Hand gedrückt wird. Also aufpassen, Zentrums­wähler, und früh genug zum Wahllokal gehen!

[] Oberufhausen, 9. Juni 1903. Am Fronleichnamsfeste, nachmittags 31/» Uhr, wird im Saale des Herrn Gastwirt A. Ulrich für den Herrn Reichstagskandidaten Richard Müller eine Wähler-Versammlung ak>- gehalten werden, zu welcher die Wähler der Zentrumspartei von Oberufhausen und Um­gebung freundlichst eingeladen werden.

* Wahlkreis Hanan-Gelnhausön-Orb. Am Sonntag nachmittag fand im Wölfischen Saale zu Gassen eine große, von der Zentrums­partei einberufene Versammlung statt. In der­selben führte unser Kandidat Herr Müller- Fulda in einer nahezu 1*/-stündigen Rede sein Programm aus, das derselbe bereits in einem Aufruf in verschiedenen Blättern den Wählern kurz vorgelegt hatte. Seine Ausführungen, welche, vom Geiste der Toleranz, Gerechtigkeit und einer wahren Liebe für's arbeitende Volk getragen waren, entfesselten einen Sturm der Begeisterung. Da freie Diskussion gewährt war, meldete sich ein Sozialdemokrat Stein aus Hochstadt zur Entgegnung. Seiner Rede Sinn war: Nur die Sozialdemokratie ist die Retterin des arbeitenden Volkes, sie ist allein gegen die kapitalistische Ausbeutung der Massen. Dem Zentrum las er aus einer Broschüre den Text, weil es ver­schiedene Petitionen von katholischen Arbeiter- verbänden nicht mit den Sozialdemokraten unter­stützt hätte. Herr Müller entgegnete mit dem einfachen Rechenexempel, daß das Centrum selbst mit den Sozialdemokraten zusammen noch nicht die Majorität bilde. Wolle das Zentrum des­halb Erfolg mit feinen Anträgen haben, so müsse es zuvor genau untersuchen, ob fein Antrag auch Unterstützung von der Mehrheit oder Annahme bei der Regierung finde, sonst führe es lauter Lufthiebe aus. Wenn die Sozialdemokraten so sehr die indirekten Steuern bekämpfen und dem Zentrum vorwerfen, warum es dieselben nicht abschaffe, so frage er, warum die Sozialdemokratie gegen die Börsensteuer und Champagnersteuer gestimmt habe, warum sie Zollfreiheit für Luxusartikel und Leckerbiffen beantragt habe. Unser Herr Pfarrer Rink beleuchtete alsdann die „Arbeiterfreundlichkeit" der Sozialdemokratie, darauf hinweisend, daß sie zwar die Arbeiter­massen zu verhetzen suche, aber merkwürdigerweise früher gegen alle Arbeiterschutz-Gesetze gestimmt wie ich ibn ähnlich, aber dennoch anders, nur mit­unter bei Papa gesehen hatte. Dieselbe süße stimme, die ich im Wald- gehört, fragte: „Tut Dir, außer Deinem Fuße, noch etwas weh, liebes Kind?"

Ich verneinte die Frage, unablässig das liebe Ge­sicht über mir ansckauend und mich unter diesen guten Augen, diesen sanften Händen unaussprechlich wohl fühlend.

„Nun aber, Mütterchen! da das Kind erwacht ist, geh' zu Bett, ich bitte herzlich! Cs ist bereits nach Mitternacht." So bat der mich pflegende gute Genius die äi'.eie Frau.

„Nein, Louise, erst ruhe Du einige Stunden, es tut Dir not nach der anstrengenden Reise", entgegnete die Gebetene.

Doch die Jüngere siegte; die freundliche Mutter ging. Sie reichte mir noch erst die Hand unb fragte : „Wie heißt Du denn, Kleine?"

„Helene Schmitz", erklärte ich.

Sie schüttelte in Unkenntnis meiner Familie den Kopf.

„Woher bist Du denn und was ist Dein Papa?" forschte sie weiter.

Mein Papa! — Jäh schoß die Erinnerung an ihn und an mein Fortlaufen von ihm mir durch das Herz und «füllte es mit brennendem Web. „Papa! — Herzlieb« Papa!" — schluchzte ich nun, immer diese Worte wiederholend.

Die jüngere Dame sprach mir beruhigend zu, mit so zärtlicher Miene, so herzlichem Händedruck, daß eS wie besänftigendes Oel in die Wogen meines erregten Gemütes drang. Sie kühlte, als ihre Mutt« sich ent­fernt hatte, mit Eiswaff« meinen schmerzenden, in ein« Binde liegenden Fuß, gab mir warme Milch und Zwieback, von dem ich, ohne Appetit, nur ihr zu Liebe etwas genoß, und bat mich dann, die Augen zu schließen und zu versuchen, ob ich nicht schlafen könne. Unverzüglich tat ich, wie sie wünschte; war es mir doch, als ob mein Schutzengel leibhaftig mich bewache. Ich schlummerte auch, ganz «schöpft, wirklich ein. Doch bald weckten mich die Schritte hereinkommender