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30. Jahrgan g«
fUlda, Samstag, den 6. Juni 1903
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Deutsches Reith,
Zuldaer
Kaiser Wilhelms am Wiener Hofe m Aussicht genommen. Die Reise des deutschen Kaisers nach Oesterreich werde vermutlich m der zweiten Septemberhälfte erfolgen. Den Anlaß zu diesem Wiener Besuche habe die Jagdern- adung eines Erzherzogs gegeben. Diese Wiener Meldung ist in Berlin ohne Widerspruch geblieben.
* Aus Rom hat sich die ,Tägl. Rundschau" melden taffen, der „wahre Grund« für den Besuch des Grafen Waldersee im Jesuitenkollegium sei gewesen, daß er dem Kardinal Steinhuber den Dank der Regierung ür desien Bemühungen für die Straßburger Fakultät abzustatten hatte; angeblich habe er dem Kardinal bei dieser Gelegenheit sogar em Andenken : herreicht. Daraus sei dann die Aufwartung 1 leim Jesuitengeneral erfolgt. Dazu bemerkt die ,Nat. Ztg": „Wir sind nicht genau darüber unterrichtet, ob Gras Walderfee den Kardinal Steinhuber besucht hat, und ob die Angabe über den Anlaß zu dem Besuche bei dem Jesutten- zeneral zutrifft. Sicher ist aber, daß der eine nie der andere Besuch aus der eigenen Initiative des Grafen Waldersee hervorgegangen ist und daß für keinen von beiden irgendwelcher amtliche Auftrag vorlag." Wird man sich denn nun bald beruhigt haben?
* Die Konferenz der amtlichen deutschen Statistik beginnt am 6. Juni zu Konstanz. Zur Beratung stehen Fragen über die Ausgestaltung der Ägrarstatisttk und die Finanzstatlstik, erner die Vorbereitung einer neuen Berufs- und Betriebszählung für das Jahr 1905. Sämtliche Bundesstaaten sind bei der Konferenz vertreten. Den Vorsitz führt der Präsident des Kaiserlichen Stattstischen Amts Dr. Wilhelmi. Das statistische Reichsamt ist weiter vertreten durch Regierungsrat Prof. Mayer, Regierungsrat Prof. Zahn und Assessor Dr. Wiedenfeld. Vom preußischen statistischen Amt nehmen an den Verhandlungen teil Präsident Blenck, Geh. Regierungsrat Pros. Petersilie und Prof. Kluge.
* Karlsruhe, 5. Juni 1903. Die Haupt- Versammlung der deutschen Kolonialgesell- schaft fand heute hier statt. Derselben wohnten der Großherzog und der Erbgroßherzog bei, welche bei dem Erscheinen von dem Vorsitzenden Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg mit einer kurzen Ansprache begrüßt wurden. Im Lause der Verhandlungen wurde ein Antrag des Ausschusses : der Reichstag wolle den Gesetzentwurf bettessend den Eisenbahnbau Dar-es-Salaam- Marogoro möglichst bald annehmen, nach längerer Debatte einstimmig angenommen. Ebenso ein Antrag der Abteilung Hannover betreffend die Besiedelung Uhehes durch Europäer, letzter Antrag mit einigen Abänderungen.
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wahrer Sehnsucht nach mir und nach freier Lust auf mich zu richten schien, wenn ich in ihrem Anschauer vertoien vor dem verichlossenen Schranke stand. Es war ein Glück für „ßili", daß Ruvolph's großes, schneeweißes Lämmchen, welches ei« goldenes Halsband mit Rudolph's Namen trug — ich hatte ihr. selbst gelesen, als Papa es ihm schenkte ! — ihr schon fast ein ganzes Jahr Gesellschaft leisteie, mit ber allen Lämmchen, besonders diesem, eigentüm'.icken Geduld.
„Solches Spielzeug ist der reinste Luxus ! pflegte unsere Regentin mit freundlicher Miene z« erklären. Datür schnitzelte sie uns höchfieigenhändig manches Urbild aus weichem Holze, oder sogar aus Torf und großen Kartoffeln, die sie mit roter uns schwarzer Farbe nach Geschmack vervollständigte. Auch mein „Gretchen" verdankte Stellbaums Künstlerhand das ziemlich ungestalte Dasein, das durch die Erneuerung des Hauptes, welches jedesmal kunstvoller von dem Zeigefinger der Künstlerin bemalt wurde, oft wieder zu einer frischen Erscheinung fich wandelte.
„So, kerngesund und wohlverwahrt gegen schäd- liche materielle Einflüsse, ging unsere Jugend m sorglosem Spiel, und mir beim ersten Elementarunterricht dahin. Dennoch war ich, ohne mir dessen klar bewußt zu werden, ost recht unbefliedigt; die Seele empfing zu wenig Nahrung. Rudolph war noch zu jung, dabei ein ruhiges, leicht zu '.ortendes Kind ohne hervorragende Neigungen; bei ihm war der Erziehungsmangel weniger ersichtlich. Ich hatte aber ein lebhaftes Temperament, einen regen wißbegierigen Geist, ein liebebedürftiges Herz, das nur zu leidenschaftlich empfinden konnte. Dieses brachte mich auch am meisten mit Frau Stellbaum in Widerspruch, den sie — ob gerecht oder ungerecht — durch ein scheltendes Machtwort, mitunter sogar durch einen sehr fühlbaren Klopps abschnitt. Solche öfter wiedrr- kehrende Vorgänge wurden aber dem Papa nie gesagt; uns Kindern wurde dieses Verschweigen strenge eingeschärft, auch «obl brr Wahrheit gemäß dadurch
BttwttMrtfidl« Schriftleiter: ».«eßler
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Anzeigen: Vie eint« spalnge Petitzeile »her deren van« 15 pfch. Beflamen die Petttjeife 25 pfg.; bet Wiederholungen wird entspr.
Hobart gewährt.
Druck end Verlag der zuldarrActreudrirckeret in Zulda (Harmonie).
Zernsprecher Hr.9.
einer Korrespondenz zur Agitation für Aenderung des Wahlrechts nimmt sich schon sonderbar ans. Wer soll denn die halten oder gar abdruckens i$ine Partei würde den Plan auch ganz anders legründen, aber keine würde die Torheit besitzen, m diesem Augenblicke damit hervorzrttreteu. Mögen ein paar übereifrige liberale Blatter — ob in gutem Glauben, bezweifeln wir — auch einige Anstrengungen machen, einer Partei den chroarzen reaktionären Plan anzuhängen, bei ernsten Leuten werden sie damit kein Glück haben. Eher könnte man auf den Verdacht kommen, es handle sich um eine von den Gegnern der „Reaktion" ausgehende Wahlfinte. Es wäre aber eine sehr dumme.
Wer gegenwärtig das Wahlrecht am meisten gefährdet, das ist nicht irgend eine „reaktionäre" Partei, sondern die Sozialdemokratie. -tthr Hetzen, Schimpfen, Lügen, Verleumden, ihr 'ümultuarisches, herausforderndes und terroristisches Auftreten in fremden Versammlungen chafft dem Reichstagswahlrecht ohne Zweifel eine Menge vorläufig heimlicher Gegner. Wenn das Wahlrecht dahin führen soll, sagt man sich, zurch eine rüde, radaulustige, politisch unreife Minderheit die Mehrheit der anderen Parteien zu vergewaltigen und um ihre politischen Rechte und Freiheiten zu bringen, dann erhebt sich doch die Frage, ob die Einführung des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes nicht ein Fehler war und man es nicht im Interesse einer ruhigen Mtt- wickelung unserer politischen Verhältnisse wieder abschaffen soll, ehe es zu spat ist und diese Minderheit das Heft vollends in Händen hat und in ihrem Uebermute und ihrer Roheit noch mehr Unheil anrichtet. Wir erleben hier dasselbe, wie auf dem Gebiete der Sozialpolitik. Durch den Mißbrauch aller sozialen Einrichtungen für ihre Parteizwecke haben die Sozialdemokraten der Sozialreform zahlreiche mächtige Gegner verschafft und wichtige soziale Fortschritte, namentlich bezüglich des Koalitionsrechtes, verhindert.
Einstweilen besteht ja für das Reichstags- Wahlrecht keine Gefahr und so lange das Zen- trum die Entscheidung in der Hand hat, ist an eine Verschlechterung nicht zu denken. Aber wenn die Genoffen" in ihrem verblendeten Uebermute so fortfahren, ihr Recht zur Vergewaltigung anderer zu mißbrauchen, können sie es doch einmal so weit bringen, daß die Gegner des Reichs- tagswahlrechtes die Mehrheit gewinnen. So wenig sie das Reichstagswahlrecht und das Reichstagsmandat um seiner selbst willen schätzen mögen, der Verlust würde ihnen sicher sehr empfindlich fein.
Kleine herzens-Mma
Erzählung von M. Freericks.
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Ausland
** Wer gefährdet das Reichstagswahlrecht?
Ein in weiteren Kreisen unbekanntes sächsisches Blatt, das .Radebeuler Tageblatt', brachte vor einigen Tagen die Meldung, es fei von vermögenden Herren aus verschiedenen Kreisen ein Aufruf zur Zahlung von Beitragen zur Herausgabe einer .Korrespondenz' versandt worden, die für die Abänderung des Reichstagswahlrechts unö feiner Ersetzung durch das Pluralstimmrecht wirken solle. Der größte Teil der Presse hat diese Meldung unbeachtet gelassen. Die,Kreuz- zrg.' hat sich aber doch veranlaßt gesehen, zu erklären, daß die konservative Partei mit der Sache nichts zu tun habe. Das Blatt gab zwar zu, daß die Konservativen für das Reichstagswahlrecht nicht gerade schwärmen — es zu leugnen wäre ja auch vergeblich gewesen - betonte aber, daß sie die Initiative zu feiner Abänderung nicht ergreifen würden.
Jetzt kommt das ,Radebeuler Tageblatt' auf die Angelegenheit zurück und teilt einiges aus dem Aufruf mit. Durch die Sozialreform mit ihrer Staatshilfe und Zwangsversicherung unter staatlicher Bevormundung, heißt es darin, fei den breiten Bevölkerungsschichten das wirtschaftliche Selbstbestimmungsrecht aberkannt; politisch seien sie also für mündig, wirtschaftlich dagegen für unmündig erklärt; daraus allein schon leuchte die Unhaltbarkeit unserer innerpolitischen Zustände grell hervor. Die Unaufrichtigkeit, die polittsche Heuchelei sei erst durch das gleiche Wahlrecht in unser öffentliches Leben gekommen. Es gebe nur eine einzige Parole, unter der sich alle bürgerlichen Parteien einigen könnten und müßten: Ausmerzung der Gleichheit aus dem allgemeinen Wahlrecht.
Jndeß die „Begründung" kümmert uns sehr wenig. Wer ist es, der den Aufruf verfaßt und versandt hat? Das ist die Hauptsache und gerade darüber schweigt das Blatt. Es sagt nur, das beigefügte Begleitschreiben trage die Unterschrift zahlreicher Herren; die Schriftstücke kämen aus Preußen; die Sammellisten seien bereits über ganz Deutschland verbreitet. Unter den „zahlreichen Herren" muß wohl keine einzige „bekannte Persönlichkeit" fein, fönst hätte das Blatt wohl eine genannt. Man ist versucht, die Geschichte Ür eine Mystifikation zu halten, zumal da man eltfamer Weise sonst nirgends von den Sammel- isten, die über ganz Deutschland verbreitet fein sollen, etwas gehört hat. Was aus dem Aufruf mitgeteilt wird, könnte auch nur auf einen mäßigen Kopf mit „eigenartiger" Veranlagung hinbeuten.
Jedenfalls halten wir es für vollständig ausgeschlossen, daß irgend eine Partei mit diesem Plan etwas zu tun habe. Die Gründung gerade
(Nachdruck verboten.)
Wein Papa — gottlob, er lebt noch, heiter und rüstig! — ist Arzt in einem auf Hügeln hübsch gelegenen, großen Kirchdorfe, das auf der einen Seite von ausgedehnten Waldungen umrahmt, anderseits eine unbeschränkte Aussicht nach dem breiten, vom Flusse durchschlängelten Tale hat. Papas solides altes Wohnhaus, mit schöner Garten-Umgebun^, genießt von seinem Hügel-Borsprunge diesen freien Blick vorzüglich und schaut selbst im vorgerückten Alter nicht ohne Eitelkeit gern auf sein Spiegelbild im Wasser.
Bor vielen Jahren zeigte das Blld oft eine anmutende Staffage: drei fröhlich spielende Kinder, zwei Mädchen von neun und acht Jahren und einen fünf« stthrigen Knaben. Die Neunjährige, Apothekers Ottilie, stets sehr niedlich gekleidet, war immer in Begleitung Ibrer ellenlangen, hübschen Puppe, die indes feiten NM ihrer Ruhestätte, einem zierlichen Wägelchen, auf« genommen wurde. Ottilie leitete alle unsere Spiele, «nd im vollen Bewußtsein ihrer Ueberlegenheit, die nicht allein durch das Alter, sondern durch angeborenen Herrschfinn und nicht am wenigsten du ch ihren hohen Wuchs und ihren feinen Anzug gerechtfertigt war, «achte sie, wenn wir Haushalt spielten, stets die „Madame". Meine Wenigkeit, die unscheinbare Achtjährige, fungierte dann messt als Dienstmädchen; zuweilen auch, wenn ich meine „Spielpuppe" von plumpem Holze mft einem ost wechselnden Kartoffelkopfe, sorglich in mein karriertes Kattunschürzchen gewickelt, bei mir hatte, war ich Arbeitsfrau, deren „Gretchen" mit Madam's „Adele" auf dem grünen Rasen oder gar «« de n kleinen Wagen fich belustigen durfte. Rudolph, mein Brüderchen, spielte abwechselnd als Hausgast, Hausvater, Haussohn oder al» Hausknecht. Mr waren
stud. jur. Weber, wurde feiner Charge al« Reservekadett verlustig erklärt und in ein an« »eres Regiment versetzt, weil er eine ihm von einem Reserveoffizier gesandte Duell- orberung nicht angenommen hatte.
* Paris, 5. Juni 1903. Der Ministerrat beschäftigte sich heute mit der Angelegenheit »er Bischöfe, die sich an der am letzten Sonntag in Dünkirchen trotz Verbots des Präfekten stattgehabten Prozession beteiligt haben. Es sind dies sieben Bischöfe. Mehrfach verlautete, »ie Regierung wolle sie vor den Staatsrat laden wegen Verletzung der Konkordats-Bestimmung, nach der die Bischöfe ohne Erlaubnis des Kultusministers ihre Diözese nicht verlassen dürfen. Von anderer Seite wurde berichtet, die Regierung werde sich damit begnügen, die Gehaltssperre über die erwähnten Bischöfe zu verhängen. — Im heutigen Ministerrat unterbreitete der Ministerpräsident dem Präsidenten So übet 81 Gesetzentwürfe, bett. Genehmigungsgesuche von weiblichen Ünterrichtsorden zur Unterzeichnung. Die Entwürfe sehen sämtlich Abweisung der Gesuche vor. —Oberst Coubertin', der, nachdem et seinerzeit den Befehl erhielt, mit zwei Schwadronen seines Regiments nach Kloster Grande Chartreuse zu gehen, fein Ew- lasiungsgefuch einreichte, wurde in den Ruhestand versetzt.
* Konstantinopel, 5. Juni 1903. «lebet neue bulgarische ®reueltaten wird bet ,R. Fr. Pr.' folgendes aus Uesküb berichtet: Am 29. Mai überfiel eine bulgarische Bande von 32 Mann unter Führung Tolas ein Gehöft bei Prilep und malträtierte den Türken Serif Tschaj zu Tode. Er wurde gebunden und ihm die Ohren, die Rase, die Lippen, die Wangen und das Kinn abgeschnitten und die Augen aus- gestochen, der Unterleib und die Adern geöffnet. Man beabsichtigt,durch solcheGreueltaten die Türken, auszureizen. _
* Tanger, 5. Juni 1903. In Marokko ist, wie nach einem Telegramm der ,Agence Havas' der spanische Ministerpräsident Silvela dem Könige mitgeteilt hat, der Ausstand fast vollständig erloschen. Wenn Silvela, rote man annehmen muß, richtig informirt ist, hätte also der Sultan über seine Widersacher gesiegt Nun kommen aber die Schwierigkeiten mit Frankreich wegen des von den Bewohnern Figigs auf den Generalgouverneur Jonnart verübten Anschlags. Frantteich läßt offiziell verkünden, daß es nur Sühne für die begangene Tat verlangt und seine Grenze von unruhigen Elementen säubern will. Der französische Botschafter in Madrid, Cambon, stattete, wie das Wolff'sche Bureau meldet, am Donnerstag dem Ministerpräsidenten Silvela einen Besuch ab, um ihm den Entschluß seiner Regierung mitzuteilen, die Urheber des gegen den Gouverneur von Algerien begangenen Anschlages zu züchtigen.
* Kapstadt, 5. Juni 1903. Das Kap- parlament wurde heute durch den Gouverneur eröffnet. In einer Rede sprach dieser seine Genugtuung über den Erfolg der auf Frieden und Versöhnung gerichteten Polittk aus und
Berlin, den 5. Juni 1903.
** Für den Herbst dieses Jahres ist nach dem /Neuen Wiener Tageblatt' ein Besuch übrigen« mit der Rollenverteilung ganz zuftieden, wie mit allem, was Ottilie anordnete.
Besonders liebte ich die lebendige, packende Art chres Erzählens und lauschte ihren Märchen mit leidenschaftlicher Spannung, während mein ruhiges Brüder« lein in der Regel dabei, an meine Schuber gelehnt, einschlief. — Ja, Ottilie war eine ebenso hübsche Erscheinung, als artig, manierlich und geschickt in vielen »einen Dingen; ach! sie stand ja auch unter der liebenden Lei'ung einer umsichtigen Mutier. Uns aber fehlte diese — sie ruhte schon fast vier Jahre im Grabe. Trotzdem mangelte es uns eigentlich nicht an Liebe und Fürsorge, doch diese hatten nicht das hellblickende Auge, die weiche, geweihte Hand einer Mutter. Seit dem Tode unserer Mama hatte der gute Papa doppelt innig sein Herz den verwaisten Kleinen zugewendet, doch sein Beruf und die »roße, zeitraubende Praxis in mehreren weitläufig unser Dor! umgebenden Ortschaften rissen ihn stets von seinen Lieblingen fort. Er konnte ihnen nie mit Sicherbelt et. ige ruhige Stunden widmen, wenngleich all sein Streben und Arbeiten hauptsächlich ihrem Wohle galt.
Frau Stellbaum, Papas Hausverwalterin, war eine einfache, brave tüchtige Frau mit einem guten, rechtschaffenen Herzen u"d einem sehr eigenen Willen, den sie auf ebenfalls sehr eigene Ansichten felsenfest stützte. Sie hielt uns äußerst sauber und pflegte uns in ihrer Weise vortrefflich, hielt das Haus in peinlichster Ordnung, kochte gut und besorgte Haus, Garten und Stall mit einer Magd und dem Hausknecht musterhaft. Mein Papa, der immer alles t echtzeitig bereit und wohlgeordnet fand, den sie nie zu großen Ausgaben veranlaßte und der seine Kinder rund und rot gedeihen sah, ließ sie ziemlich unumschränkt walten. Er war ein stiller, ernster Mann, dessen Häuslichkeit der Tod seines hellsten wärmsten Lichtes beraubt hatte und der fich um so glücklicher schätzte, eine ehrliche, praktische Kraft für die Anforderungen seines Hauses gewonnen zu haben, als seine Berufstätigkett ihn fast ausschließlich in Anspruch nahm. Er sah uns
* Innsbruck, 5. Juni 1903. Der Senior der katholischen ©tubentenoerbinbung „Austria", fast nur, frisch gewaschen und in sauberen Nachtkleidchen, im Bette, oder im Begriffe dasselbe zu besteigen, wo er e§ sich dann angelegen sein ließ, nach einigen herzlichen Worten und zärtlichem Kuß, das Nachtgebet mit uns zu beten. Auch morgens ging s noch im Nachtanzuge zuerst zum lieben Papa; selten iahen wir über Tag ihn wieder. Zuweilen brachte er uns Bonbons ober kleine Bisquits mit; auch wohl schöne Kleidungsstücke und Spielsachen, über die wir Kinder, besonders ich in meiner lebhaften Empfindungsweise, jubelnd Freude äußerten.
Frau Stellbaums Mienen verrieten dagegen oft Mißbilligung. Die kleinen Näschereien, weil fie nun doch einmal für uns gekauft waren, ließ fie uns schon; doch wie die Blumenbeete im Garten den Küchengewächsen hatten größenteils Platz machen müsse", wie die feinen Kristall- und Metall-Zierden der Zimmer, selbst Stickereien, wohlverwahrt in Kisten verschlossen ruhten, so mußten auch unsere seinen, zierlichen Modellkleidchen, dauerhaften in Ttoff und Schnitt höchst einfachen Anzügen weichen, die jeglichem Herumtummeln und Modewechsel Trotz boten- Auch unsere schönen Spielsachen kamen, mitunter in den Papierhüllen des Verkäufers, hinter Schloß und Riegel, bis — nun ja ! wahrscheinlich bis wir erwachsen wären, weil wir fie dann nicht mehr beschädigen iber gar zerbrechen würden. Einzig sichtbar für uns, weil Stellbaum's — so nannten wir sie der Kürze wegen — Gutmütigkeit einmal auf meine flehentliche Bitte den Sieg über ihre wirtschaftliche Weisheit davongetragen, prangte schon feit Jahr und Tag im großen Glasschrank des Hausflurs, vor dem besten, jetzt nie mehr gebrauchten Tafel-Service, meine wunderschöne „Lili," mein Stolz, meine rosige Freude. „Lili" war nicht ganz so groß wie „Adele", dafür aber viel eleganter als diese. Das rosaseidene Kleid mit Spitzen-Ueberwurf und. dazu das rosa Hütchen, mit weißen Marabouts auf dem blonden Lockenhaar fand ich entzückend schön; doch am schönsten waren ihre großen, schwarzen lagen, die ne nut