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30. Jahrgang.
flllda, Freitag, den 5. Juni 1903.
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Die Parteizersplitte heure Kraftvergeudung
materielle Anstrengungen werden da im Wahlkampfe ziemlich umsonst gemacht. Zeit, Nervenkraft und Geld wird in einer Menge aufgewandt, womit man an anderer Stelle unvergleichlich mehr Gutes für die Allgemeinheit hätte leisten können. Und wozu wird das alles oft aufgewandt? Um Haß, Zwiettacht, Unzufriedenheit, Erbitterung zu
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säen und andere zu beschimpfen und zu verleumden. Je mehr Parteien und je mehr Kandidaten, um so mehr und um so intensivere Schürung der Uneinigkeit, des Haffes und Streites im deuffchen Volke. Gewiß, Parteien müssen sein; es wäre ein Unglück, wenn es keine gäbe, denn die Folge wäre die politische und soziale Versumpfung. Aber ein Uebermaß von Parteizersplitterung ist nicht minder ein Unglück. e
Leider ändert alles Reden und Schreiben an den Dingen nichts. Wäre die Zersplitterung damit aus der Welt zu schaffen, so wäre sie längst überwunden. Wir müssen also damit rechnen, daß das Uebel zunächst noch eher zu- als abnimmt. Vielleicht nimmt es noch so zu, daß es selbst zum Heilmittel wird. Es könnte doch einmal das deutsche Volk ein Ekel und Ueberdruß an dem Parteihader erfassen, sodaß der Ruf: „Hinweg damit!" endlich freudigen, tatkräfttgen Widerhall fände. Unsere Hoffnung ist aber begreiflicherweise recht bescheiden. Vielleicht müssen wir auf große geschichtliche Ereig- niffe warten, die den Enthusiasmus des ^deutschen Volkes so entflammen, daß es allen Hader vergißt; vielleicht auch auf Not und Unglück, die es zum Aufgeben der Zwietracht nötigen. Inzwischen sollten wenigstens alle, die die Schädlichkeit der Zwietracht einsehen und von wahrer Liebe zu ihrem Vaterlande erfüllt sind, alles tun, um Streit zu vermeiden, Gegensätze zu überbrücken und den gewerbsmäßigen Friedensstörern das Handwerk zu legen.
Consuelor Schicksale
Novelle von Marg. Schlichter.
(Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
25 pfg.; öei Webte* belangee Wirb estfpc. Rabatt faeSbrt
vreck web verleg bat ZnlbeerRctieebruckeret in Salbe (Harmonie). Zernfprecher Ur. 9.
Die Freude der alten Leute war und schreiblich, als das Brautpaar in dem bezauberndsten Reize, den Jugend, Schönheit und Glück über den Menschen aus- zugießen vermögen, vor ihnen stand. Sie gaben so gern ihre Einwilligung zu einem Bündniß, das sie selbst schon im Stillen gewünscht hatten. Denn sie hatten den jungen Mann beinahe ebenso lieb wie ihre Enkelin. Aber sie konnten sich nicht darin finden, diese so bald wieder zu verlieren, nachdem sie dieselbe kaum gefunden hatten. Rudolf willigte in ihre Bitte, daß die Hochzeit erst im nächsten Frühjahre stattfinden sollte und daß sie später einen großen Teil bei Jahres auf Schloß Schwarzburg zubringen wollten.
Rudolf verkürzte fich die Zeit des BraufftandeS durch häufige Besuche bei (einer Braut und ihren Sroßelteru. Manchmal begleitete ihn auch seine Tante nach Schwarzburg. Die alte Dame war ganz floh, daß sie bald ihr Amt auf Schloß Gronenburg einer jüngeren Kraft übertragen konnte. Auch sie hatte Consuelo herzlich lieb gewonnen und freute fich über die Wahl ihres Neffen. Sie wurde mit der Zeit deren mütterliche Freundin, die der jungen Frau stets gern mit Rat und Tat zur Hand ging. Baron Rudolf und seine Gattin hielten fie auch stets hoch ie Ehren.
** Die Druckerei des ,Vorwärts', der bekanntlich im Parteiverlage unter der Firma Paul Singer u. Co. erscheint, scheint, wie so viele sozialdemokratische Geschästsunternehmunfien, auch gerade keine Musteranstalt zu fern. Der .Korrespondent, das Verbandsorgan der deutschen Buchdrucker und Schriftgießer berichtet über eine Versammlung des Vereins Berliner Buchdruckmaschinenmeister, und in diesem Bericht ist zu lesen: „Längere Zeit beschäftigte sich die Versammlung mit den Zuständen bei Singer u. Co., der Druckerei des .Vorwärts'. Es haben sich dort Verhältnisse und Arbeitsmethoden herausgebildet, die selbst in bürgerlichen Geschäften nicht üblich sind und die zu dulden wir am allerwenigsten in diesem Geschäfte, das zu einem wesentlichen Teile mit unserem (Selbe errichtet ist, Neigung und Ursache haben. Es wurde darüber geklagt, daß selbst Drucker, die an Maschinen mit Anlegeapparaten arbeiten, noch andere Maschinen bedienen müssen, daß mehrfach Maschinenmeister zur Aushilfe auf VI2 und 2 Tage gesucht werden, während bisher Aushilfen unter 1 Woche nicht gebräuchlich waren, daß die Löhne fo tief wie möglich gedrückt werden, daß überhaupt in allem das Bestreben zu erblicken sei, in recht kapitalistischer Weise aus der Arbeitskraft eines jeden einzelnen so viel wie möglich herauszuschlagen. Der Obermeister des Geschäfts, Kollege Hoyer, führte zur Verteidigung aus, jedes Geschäft, welches technische Neuerungen einführe, wolle damit Geld verdienen; daß damit oftmals eine Benachteiligung der Arbeiter verbunden, sei zu bedauern, aber daran könne auch eine Parteidruckerei nichts ändern, denn sie müsse mit der Konkurrenz rechnen. Bei den nachfolgenden Rednern wurde die Handlungsweise der Leiter der Druckerei in Bezug auf die kritisierten Punkte fast allgemein verurteilt." — Also auch hier wieder die Erscheinung, daß die „Genoffen", sobald sie selbst Arbeitgeber sind, durchaus kapitalistisch und bourgeoismiißig auftreten. Soll das etwa damit entschuldigt werden, daß es für die Partei geschehe? Gerade im Jntereffe der Partei müßte man umgekehrt verfahren und der Bourgeoisie zeigen, was ein arbeiterfreundlicher Unternehmer für das Wohl der Arbeiter leisten kann und soll. Der .Vorwärts' ist doch wahrhaftig auch so gestellt, daß man die Ausbeutung der Arbeiter nicht mit dem Hinweise auf die Konkurrenz entschuldigen kann. — Der,Vorwärts' bestreitet die Angaben des .Korrespondent'. Insbesondere erklärt er die Behauptung, daß die Löhne s» tief wie möglich gedrückt würden, für eine bewußte Unwahrheit. Die zahlenmäßigen Angaben, die er über die Löhne macht, lassen allerdings einen Vorwurf in dieser Hinsicht als durchaus unbegründet erscheinen. Auch was er sonst zur Rechtfertigung seines Betriebes vorbringt, klingt ganz plausibel. Sonderbar ist dann aber, daß der Obermeister des Geschäfts nach den Angaben des .Korrespondent' zur Verteidigung des .Vorwärts' gesagt haben soll, jedes Geschäft, das technische Neuerungen einführe, wolle damit Geld verdienen; daß damit offenbar eine Benachteiligung der Arbeiter verbunden sei, fei zu bedauern, aber daran könne auch eine Parteidruckerei nichts ändern, denn sie müsfe mit der Konkurrenz rechnen. Warum denn diese Art der Verteidigung, wenn alle Beschwerden unbegründet waren?
% Der bayerische Ministerpräsident Frhr. v. Podewils soll einem Berichterstatter gegenmußten ihnen einige Tage ibreS nicht sehr lang bemessenen Aufenthalts in Deutschland widmen. Ach, eS gab ja fo viel zu fragen und zu erzählen, und die alten Leute lauschten begierig alles, was fich auf das Leben ibres SohneS im fernen Lande bezog.
Consuelo und ihr Gatte wandten fich zum Süden ; an Neapels blauem Golfe wollten fie die erste Zeit ihres jungen Glückes genießen. Aber einen kleinen Umweg mußte Baron Rudolf fich gefallen lasten.
Die Pförtnerin des Klosters Marienburg war nicht wenig erstaunt, ein elegantes junges Paar an der Klosterpforte zu sehen, und noch mehr wunderte fie sich, in der schönen Dame einen ehemaligen Zögling des Pensionates wieder zu erkennen. Kaum batten sie im Sprechzimmer Platz genommen, als die Oberin erschien und mit ebenso viel Freude wie Herzlichkeit Consuelo in ihre Arme schloß.
Nachdem diese ihren Gemahl vorgestellt hatte, mußte fie noch einmal alles wiederholen, was die ehrwürdige Mutter zum größten Telle schon durch ihre Briefe erfahren hatte. MS Consuelo ge.ndet, sprach jene mit tiefer Rührung: „Wie Sie stets unser Liebling waren, so waren Sie auch stets das Kind unserer größten Sorge, well Sie so jung und schutzlos den Stürmen des Lebens preisgegeben waren, ein armes aus dem Nest gefallenes Vögelchen. Nun hat Gott Ihnen ein schönes eigenes Nestcken gebaut und Ihnen ein treue» Herz gegeben, das Sie lieben und behüten wird. Danken wir ihm für feine- Güte!"
, •» 142» Kandidaten.
Da sagt man immer, die Diätenlofigkeit der Reichstagsmitglieder erschwere den Wählern in bedenklichem Grade die Auswahl und Aufstellung geeigneter Kandidaten. Und nun finden wir in den Blättern eine Berechnung, wonach für die bevorstehenden Wahlen nicht weniger als 1424 Kandidaten aufgestellt worden sind, über dreieinhalbmal so viel, als Abgeordnete zu wählen sind. Durchschnittlich hat also jeder Wähler die Auswahl zwischen 3 bis 4 Kandidaten. Da in einigen Wahlkreisen die Kandidatensuche noch nicht beendet ist, kommen zu den 1424 nächstens noch einige hinzu. Allerdings treten viele Bewerber in mehreren Wahlkreisen, vielfach nur als bloße Zählkandidaten, auf, sodaß auf die 1424 Kandidaturen „nur" 1171 Mandatsbewerber kommen sollen. Auch das sind noch nahezu dreimal so viel, als man braucht.
Leider zeugt aber dies Uebermaß von Kandidaten weder von einem hohen Idealismus, der auch ohne Diäten die Pflichten eines Abgeordneten zu erfüllen bereit ist, noch von einem den Wählern zu Gebote stehenden „reichassortierten Lager" geeigneter Kandidaten, sondern nur von «einer unheimlichen Zersplitterung des deutschen Volkes in Parteien und Partikeln. Mindestens anderthalb Dutzend „Parteien" sind jetzt auf der Jagd nach Mandaten, darunter allerdings auch eine ganze Reihe solcher, die es noch niemals zu anderthalb Dutzend Mandaten gebracht haben. Keine will vor der anderen zurückstehen. Nur Ausnahmen sind die Fälle, in denen Parteien zu Gunsten einer anderen von vornherein auf die Ausstellung eigener Kandidaten verzichten. Ein grundsätzliches, allgemeines Zusammengehen mehrerer Parteien hat sich trotz aller Mahnungen eines Teiles der Presse nicht verwirklichen lassen. Um so häufiger find die Fälle, in denen Parteien um die Stimmen in Wahlkreisen ringen, wo sie auf Sieg gar keine Aussicht haben und auch von vornherein nicht rechnen. Die Sozialdemokraten haben bekanntlich in allen Wahlkreisen, mit Ausnahme von zweien, eigene Kandidaten aufgestellt, auch in solchen, wo sie keine 10 oder 100 Stimmen zu erwarten haben.
Wir verurteilen die Aufstellung von Zähltandidaten an sich nicht. Müßten wir dann doch auch die zahlreichen Zählkandidaturen des Zentrums verurteilen. Es ist vielfach durch taktische Erwägungen geboten, die Stimmen einer Partei in Wahlkreisen zu sammeln, in denen sie selbst nicht siegen kann. Für das Zentrum entsteht bei den jetzigen Wahlen geradezu eine grundsätzliche Nötigung, eigene Zählkandidaten aufzustellen, wo es möglich ist und nicht besondere Umstände davon abraten. Das Treiben des evangelischen Bundes macht es den katholischen Wählern zur Pflicht und Freude, Farbe zu bekennen. Zu einer Unsitte artet die Kandidaturenmache aus, wenn sie, wie bei den Sozialdemokraten, sportsmäßig be-
Berlin, den 4. Juni 1903.
* Die Gesellschaft Jesu zählte nach der letzten Ordensstatistik (Ende 1902) im ganzen 15,231 Mitglieder, und zwar 6743 Patres (Priester), 4542 Scholastiker (Studierende der Philosophie oder Theologie) und 3946 Laienbrüder. Die deutsche Ordensprovinz hatte zu Anfang 1903 insgesamt 1430 Mitglieder: 594 Patres, 401 Scholastiker und 434 Laienbrüder. Davon lebten in den auswärtigen Missionen 669, (nämlich in Nordamerika 296, in Brasilien (Rio Grande do Sul) 152, in Indien 110, in den nordischen Missionen 66, in Chile 29, am Zambesi 14. Von den übrigen kommen auf Holland 511, auf Vorarlberg 153, auf Luxemburg 42. Der Rest ist hauptsächlich mit der Seelsorge der Deutschen im Auslande beschäftigt, in Rom, Paris, London, Antwerpen, Mailand, Genua, Marseille usw. Wenn man nun von den 1430 deutschen Jesuiten die noch nicht gefährlichen Scholastiker und die jedenfalls ganz ungefährlichen Laienbrüder (Gärtner, Handwerker usw.) abrechnet und ferner die Zahl derjenigen deutschen Patres abzieht, die in ausländischen Missionen Christentum, Zivilisation und Deutschtum ausbreiten helfen, oder in den bestehenden deutschen Ordenshäusern Hollands und Luxemburgs zurückbleiben müssen, so blieben etwa 200 Patres übrig, die sofort nach Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes gegen das mächtige Deutsche Reich vorgehen könnten! Und das nicht in geschloffenen Reihen — davor schützt der „unüber-
Jm folgenden Frühjahre fand die Hochzeit statt. Es war an einem schönen, warmen Apriltage, als Consuelo und Rudolf vor dem Altäre der kleinen Dorskirche standen, und der Segen des Priester» sie für's Leben v reinte.
Dieser Tag war ein Freudenfest für das ganze Dorf. Denn die junge Baronesie wurde wegen ihrer Schönheit und Herzensgüte allgemein geliebt und verehrt. So hatte denn auch jeder sich bemüht, seiner Freude durch festliches) Beflaggen und Bekränzen der Häuser Ausdruck zu geben, und die Fahrt des neu vermählten Paares nach dem Schlöffe glich einem wahren Triumphzuge.
Der Kreis der Hochzeitsgäste war nur Hein. Denn mit Rücksicht auf das Alter von Consuelos Großeltern mußte man von einer größeren Feier absehen. Außer Rudolfs Tante, der Heinen Adelheid und dem Pfarrer von Schwarzburg war zur größten Freude de« jungen Paares Doktor Ernst Eichwald mit seiner Gattin Käthe erschienen.
Aber noch zwei unerwartete Gäste stellten sich an diesem Tage ein, und das war Doktor Lange aus Mexiko mit seiner Gemahlin. Sie waren auf einer Reise in ihre Heimat begriffen und wollten bei dieser Gelegenheit dieBerwandten ihres verstorbenenFreundes, deffen wirHichen Namen und Herkunft fie kannten, aufsuchen. Sie hatten bereits unterwegs, wenn auch mit jenen Entstellungen und Uebertreibungen, mit denen das Gerücht die Wahrheit zu umgeben pflegt, von dem Schicksale der jungen Baroneffe von Schwarzburg und deren bevorstehender Vermählung gehört. So erschienen fie gerade am Hochzeitstage Consuelos.
winbbare" § 1 — sondern einzeln in den verschiedenen Städten zerstreut! Und das bringt die Hetzer des Evangelischen Bundes seit Monaten in eine fürchterliche Aufregung! — Im wohltuenden Gegensatz zu der Behandlung der deutschen Jesuiten im eigenen Vaterlande steht die Haltung der auswärttgen Regierungen. Hierfür ein klassisches Beispiel: In seiner am 29. April d. I. in der Universität von St. Louis gehaltenen Ansprache wandte sich der Präsident der Vereinigten Staaten, Roosevelt, an Kardinal Gibbons und an die Väter der Gesell- ffchaft Jesu, deren Gast er war, mit folgenden Worten:
„Es gereicht mir zum großen Vergnügen, Gast der ersten, wichtigsten und ältesten Universität zu fein, bte westlich vom Misfisstppifluß im Territorium des Lom- sianastaates liegt. Mir ist Ihre Tätigkeit bekannt, da ich selbst Gelegenheit hatte, in den Weststaaten der Union mich von neuen Fortschritten, die Sie nicht nur bei unserem Volke, sondern auch unter den Jndianer- stämrnen erzielt haben, zu überzeugen. Und gerade deshalb ist es für mich ein besonderes Vergnügen, mich hier in den Räumen dieser großen Hochschule zu befinden, Ihnen meinen Gruß entbieten und einer Zeremonie beiwohnen zu können, bte gleichsam einzig in ihrer Art ist. Eminenz, ehrwürdige Väter, meine Herren! Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet für die freundlichen Anspielungen auf meine Person, und ich erkläre hiermit, daß ich festhalten werden an dem Satz unserer Verfassung, der vorschreibt, alle Bürger in gleicher Weise zu behandeln, ohne Unterschied der Form, in der jeder vorzieht, den allmächtigen Gott anzubeten. Und ich bin sicher, daß Ihre Zufriedenheit mcht so groß sein wird, mich hier zu haben, als die meinige es ist, in Ihrer Mitte weilen zu können."
% lieber die Stellung der Sozialdemokraten zu den künftigen Handelsverträgen scheinen nach den Aeußerungen Singers in Cottbus und v. Volkmars in Darmstadt Meinungsverschiedenheiten bei ihnen zu herrschen. Jetzt erklärt Singer, er habe nicht gesagt, die Fraktion werde keinen Handelsverträgen zustimmen, die auf Grund des neuen Zolltarifs abgeschlossen seien und eine Erhöhung der Lebensmittelzölle zur Folge hätten, sondern nach seinem Dafürhalten könne die Fraktion keinem Vertrage zustimmen, durch den Lebenshaltung sowie Arbeitsgelegenheit für die Arbeiterklasse verschlechtert und verringert werden. Der ,Vorwärts' bemerkt, diese Erklärung stimme überein mit der Auffaffung der ganzen Fraküon und auch des Wahlaufrufs der Fraktion, worin es heiße, sie müsse Hand-ls- verttäge, „welche, auf Grund des neuen Zolltarifs abgeschlossen, unsere Handelsbeziehungen mit dem Ausland und die Lebenshaltung der großen Masse der Bevölkerung verschlechtern, aufs entschiedenste bekämpfen". Es kommt also darauf hinaus, daß die Sozialdemokraten abwarten wollen, ob ihre Stimmen bei der Entscheidung entvehrt werden können oder nicht. Können sie entbehrt werden, so erklären sie, die Verträge verschlechtern die Lebenshaltung und die Arbeitsgelegenheit, und stimmen dagegen, können sie nicht entbehrt werden, so erklären sie das Gegenteil und stimmen dafür. Durch den Wahlauftuf und ihr sonstiges Gerede war der Eindruck erweckt worden und sollte auch offenbar erweckt werden, als würden sie jeden Vertrag, der eine Erhöhung der Lebensmittelzölle zur Folge habe, verwerfen. Jetzt aber fürchtet man offenbar, für die Agrarier zu arbeiten, wenn man von vornherein der Regierung jede Aussicht auf Unterstützung der Sozialdemokraten bei den Handelsverträgen abschneidet.
Der alte Diener, welcher das Paar anmelbete, fügte hinzu, bet Herr sei ein Freund des verstorbenen Baron» Clemens. Kaurn hatte Consuelo einen Blick auf die in spanischer Sprache gedruckte Karte geworfen, «l» eine Flut von Erinnerungen aus den Tagen ihrer frühesten Kindheit vor ihr auftauchte. Welcher Art auch die wechselvollen Bilder fein mögen, die die Hand bei Schicksals auf unserem Lebenswege enthüllt, keine stehen so licht unb hell vor unserer Seele wie diejenigen, welche einst das Paradies unserer Kindheit verschönten, und wir haben stets ein dankbares Andenken für diejenigen, welche dieselben an unseren Kinderhimmel gezaubert haben.
Consuelo hatte denn auch, trotzdem so viele Jahre darüber hinausgegangen waren, das schmucke Häuschen des DoHor» mit feinen freundlichen Bewohnern, bei denen fie so manche ftohe Stunde verlebt hatte, noch im Gedächtnis. Nun standen die Freunde ihrer Eltern vor ihr; ja, fie waren noch dieselben, wie Consuelo sie ft über gekannt hatte; dasselbe wohlwollende Antlitz de» Doktors, wenn auch Silberfäden fein Haar durchzogen unb seine Gestalt voller geworden wat; auch das früher so zarte Gesicht der Doktorin mit den ansprechenden Zügen hatte sich etwas gerundet, aber Consuelo meinte, fie sei noch dieselbe Tante Paqusta, als welche fie fie vor fünfzehn Jahren ver- laffen hatte. Wie erstaunten aber diese, das liebliche blonblodige Kind von ehemals al» anmutige Braut vor sich zu sehen, deren Schönheit noch daS übertraf, wa» sie einstens von ihrem vergötterten Liebling erwartet hatten.
Consuelos Großeltern hießen die Freunde ihres verstorbenen Sohnes herzlich willkommen, und diese
Deutsches Reich