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Botett testetet
felda, Mittwoch, dm 3. Juni 1903.
J6 124.
Erstes Blatt
\ Deutschland und Uanada.
Die deutsche Regierung scheint nicht die Absicht zu Haben, den Zollkrieg gegen Kanada so schneidig zu betreiben, wie es Herrn Chamberlain vielleicht erwünscht wäre. Die ,Nordd. Allgem. Ztg.' nimmt nunmehr zu der Angelegenheit das Wort in einem ausführlichen Artikel, worin sie ruhig und sachlich das zollpolittsche Verhältnis des deutschen Reiches zu Kanada darlegt und die Stellungnahme der deutschen Regie- mng rechtfertigt.
Zunächst wird auseinandergesetzt, daß Deutschland auf Grund seines Zolltarif - Gesetzes vom Jahre 1879 seine autonomen Zollsätze gegenüber Kanada anzuwenden hatte, nachdem infolge der Kündigung des deutsch-englischen Handelsvertrages seitens Englands uns die Meistbegünstigung in Kanada entzogen worden war. Wollte das deutsche Reich einseitig und nachjBelieben einem einzelnen Lande die niedrigeren Vertragssätze ohne handels- vertragsmäßige Verpflichtung einräumen, so würde das nicht nur eineAenderung des gesamten deutschen Systems bedeuten, sondern auch den übri- genLändern, welche die Zölle des deutschen auto- nomischen Tarifes zahlen, weil sie keinen Tarifoder Meistbegünstigungs-Vertrag mit dem deutschen Reiche besitzen, zu berechtigten Beschwerden Anlaß bieten. Als nach Ablauf des Vertrages Deutschland auf dem kanadischen Markte gegenüber England und Frankreich, mit deren Erzeug- niffen die deutsche Ware bisher in gleichem Wettbewerb gestanden hatte, differenziert worden sei, hätten ohne weiteres die autonomen Zollsätze angewandt werden müffen. Von der weiter gehen- ien gesetzlichen Befugnis, Straf- oder Zuschlagszolle aufzulegen, habe die deutsche Regierung gegenüber Kanada bisher nicht Gebrauch gemacht.
Bekanntlich behauptete Chamberlain neulich im Unterhause, die englische Regierung habe in dieser Angelegenheit bei der deutschen Vorstellungen über Vorstellungen erhoben. Demgegenüber «klärt die ,Nordd. Allg. Ztg.', sie habe nur einmal im Jahre 1899 uns«e Stellung zu Kanada i* amtlicher Form zur Sprache gebracht. Darauf seien ihr in einer Note vom 5. August 1899 die für Deutschland maßgebenden Gründe entwickelt worden. Eine Erwiderung hierauf sei ihr nicht zugegangen. Offenbar hat die englische Regierung das Verhalten Deutschlands als gerechtfertigt anerkennen müffen. Sie hat das ja auch damit getan, daß sie an der nochmaligen Verlängerung des Handelsprovisoriums unter Ausschluß Kanadas nichts einzuwenden hatte. Wenn Chamberlain jetzt in diesem Ausschluß eine Feindseligkeit sieht, so darf man wohl annehmen, daß er dabei weniger auf die Tatsachen als auf die
Confuelos Schicksale.
Novelle von Marg. Schlichter.
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24 (Nachdruck verboten.)
Als dann ihr Gatte auf dem kleinen Friedhöfe des Dorfes gerettet lag, erfüllte sie gewissenhaft, was sie sich noch einmal am Grabe des Dahingeschiedenen gelobt hatte. Sie prüfte die Bücher des Verstorbenen «nd fand, waS ihr Gatte ihr in der Stunde des Todes angedeutet hatte. Er batte verschiedenen Pächtern des Barons die Pacht unwillkürlich erhöht und die daraus entstandenen Mehreinnahmen für sich behalten. Frau Weber entschädigte sie alle, erfüllte auch den letzten Willen ihres Mannes, indem sie das für die Wechselfälschung von Baron Albert erhaltene Geld unter die Armen verteilte. Obschon niemand daran dachte, sie die Handlungen ihres Mannes entgelten «lassen, so litt sie es doch nicht länger in jener egend und so kehrte sie in ihre Heimat zurück, wo sie ein stilles, zurückgezogenes Leben führte.
Consuelo und ihre Großeltern konnten die Enthüllungen des verstorbenen Rentmeisters nicht so bald verwinden; aber die Trauer der letztem um das Geschick ihres Sohnes hatte das Herbe und Trostlose, welches die frühere Ungewißheit über seine Schuld oder Unschuld und die Sorge um seine Existenz so eend machte, verloren, und in ihrer lieblichen
ttn, die sie mit so viel Liebe und Sorge umgab, «blühte ihnen ein Glück, wofür sie Gott nicht genug dankm konnten.
Ab« war Consuelo jetzt glücklich, wie man eS nach dem großen Umschwung in ihren Verhältnissen hätte «warten sollen? Ach nein, wenn sie auch vor ihren Großettem ihren Kummer verbarg, und diese es nicht bemertten, wie sie manchmal so zerstreut und gedankmvoll war, so ließ sie doch öfter, wenn sie sich allein auf ihrem Zimmer od« in den schattigen Anlagen des Parkes befand, ihren Tränm freien Lauf,
taktischen und imperialistischen Erwägungen Rücksicht genommen hat.
Weiter teilt die ,Nordd. Alla. Ztg.' mit, daß im November 1901 die beteiligten kanadischen Minister den deutschen Konsul in Montreal zu einer Besprechung wegen des neuen Abkommens mit Deutschland eingäaden haben. Sie forderten hierbei die Gewährung der sämtlichen Zollherab- setzungen des deutschen Vertragstarifs, während Kanada dem deutschen Reiche lediglich die in dem kanadisch-französischen Abkommen ausgemachten Zollherabsetzungen einräumen wollte, die für den deutschen Handel nur von sehr geringem Werte sind. Indes weitere Zugeständnisse, insbesondere das Zugeständnis der allgemeinen Meistbegünstigung deutscher Waren gegenüber denen dritter Länder, das Kanada in Deutschland für sich in Anspruch nahm und das es Frankreich und anderen Staaten gemacht hatte, wurden von vornherein abgelehnt. Mit welcher Geduld und Sachlichkeit Deutschland vorging, ersieht man daraus, daß deutscherseits gleichwohl die Verhandlungen nicht abgebrochen, sondern nur vorläufig vertagt wurden.
Die ,Nordd. Allg. Ztg.' schließt: „In keinem Stadium der Angelegenheit hat die deutsche Regierung an irgend welche Einmischung in der Gestaltung der inneren Verhältnisse Großbritanniens zu seinen Kolonien gedacht, sondern lediglich die Vorschriften des bestehenden Zollgesetzes ausgeführt: Wohl aber hat die englische Regierung bei verschiedenen Anlässen betont, daß die Kolonien Großbritanniens als Gebiete mit eigenem Zollsystem zu betrachten seien, und daß es ihrer Wahl vorbehalten bleiben müsse, ob sie einem Abkommen des Mutterlandes über Handelsund Zollangelegentzeiten beitreten wollen oder nicht. Diesem grundsätzlichen Standpunkt der großbritannischen Regierung entspricht es, daß Deutschland Kanada als eigenes Zollgebiet behandelte."
Das offiziöse Blatt hätte hinzufügen können, daß die deutsche Regierung auch in keinem Stadium der Angelegenheit die herausford«nde, drohende, verdächttgende und an der Wahrheit vorbei- gehende Sprache gegenüb« England geführt hat, wie Herr Chamberlain sie wiederholl gegen Deutschland gebrauchen zu sollen glaubte. Die Mäßigung und Zurückhaltung, die aus dem Arttkel der ,Nordd. Allg. Ztg/ spricht, wird vielleicht denjenigen nicht gefallen, die die Regierung zu einem forschen Draufgehen drängen möchten. Jüngst noch waren in der Presse neue Zollmaßregeln gegen Kanada als unmittelbar bevorstehend angekündigt worden. Sie sind nicht verfügt worden und aus dem Artikel der ,Nordd. Allg. Ztg.' darf man schließen, daß sie auch einstweilen nicht geplant sind. Wie es aus anderweitigen offiziösen Auslassungen heroorgeht, will die Regierung vor allem Herrn Chamberlain den Gefallen nicht tun, den Zolltrieg mit Kanada zu verschärfen. Sie nimmt an, daß es ihm zur Förderung seiner Pläne sehr willkommen wäre, wenn er auf „Feindseligkeiten" Deutsch
voll Sehnsucht nach einem anderen Glück als dasjenige, welches alle Liebe und Zärtlichkeit ihrer Großeltern ihr zu Bereiten vermochten. Hatte Rudolf ihr nicht so häufig seine Liebe zu ihr bezeigt und durfte er nicht sicher fein, daß sie dieselbe erwidere? Warum mied er sie jetzt, da sie ihm ebenbürttg war und kein Hindernis sie mehr trennte? Und wie kalt und gezwungen war sein Glückwunsch gewesen, als « gehört hatte, daß sie die Enkelin seines Vormunds war! Woher wohl diese Wandlung in seinem Benehmen?
Derartige Gedanken beschäftigten sie in solchen Stunden und derjenige, dem sie galten, schien sie in der Tat meiden zu wollen, denn seit jenem ereignis- vollen Tage hatte er keinen Besuch mehr auf Schwarz- burg gemacht.
Heute saß Consuelo mit einem Briefe auf dem Schoß auf einer Steinbank in einer der mit Epbeu bewachsenen Nischen des alten Turmes, der sich auf der Höhe des Hügels befand, an dessen Fuße daS Schloß gebaut war. Bor ihr auf dem grünen Rasen erhöben sich ein Paar mächtige Linden und weiter den Hügel sanft hinab bis an die alte Mauer dehnten sich die Parkanlagen mit ihren herrlichen Eichen und Buchen, den dunklen Tannen dazwischen, mit den lauschigen Grotten und wohlgepflegten Wegen. Der frische Duft d« Waldbäume drang zu ihr herüber, der liebliche Gesang der Vögel tönte an ihr Ohr, und ein kühlender Westwind spielte in ihren goldenen Locken; so recht wie eine Waldnixe saß sie dort in ihrem grünen Gehege.
Sie nahm den in ihrem Schoße ruhenden Brief noch einmal zur Hand. Derselbe war von chrer Freundin Käthe Braun und lautete:
„Mein liebes Prinzeßchen!
Nun, habe ich nicht Recht gehabt, wenn ich immer behauptete: In unserer Consuelo steckt etwas besonderes; es soll mich nicht wundern, wenn sie sich eines Tages als etwas Hochgeborenes entpuppt. So mache ich Ihnen denn meine tiefste Reverenz, meine gnädigste Baronesse, und bitte untertänigst meinen Glückwunsch entgegen« nehmen zu (wollen. Doch, Scherz bei Sette, liebste, beste HttzenSsteundi»; denn daß Du diese fürderhin
lands gegen den Handel und die Industrie Englands Hinweisen könnte.
Es ist auch wied«holt betont worden, daß uns«e Ausfuhr nach Kanada größ« ist als Kanadas Ausfuhr nach Deutschland, daß wir also in einem Zollkrieg der am meisten geschädigte Teil sein würden. Gegenüber unserer Gesamtausfuhr ist unsere Ausfuhr nach Kanada jedoch so geringfügig, daß die Rücksicht auf sie uns kaum von schärferen Maßregeln abhalten könnte, wenn damit ein größer« Zweck erreicht werden sollte. Wenn daher Deutschland sich vorläufig auf das ruhige Abwarten verlegt, so dürste dafür außer der erwähnten Taktik gegenüber Chamberlains Plänen die Erwägung maßgebend sein, daß, wenn England auf dem von seinem Kolonialminister bettetenen Wege fortfährt, Deutschland mit der Verteidigung seiner handels- polittschen Interessen bald nicht mehr allem stehen wird und daß die übrigen englischen Kolonien sowie namentlich das englische Mutterland dann doch ein zu großes Interesse an ihrer Ausfuhr nach Deutschland haben, als daß sie diese so leichten Herzens aufs Spiel setzen könnten, wie Kanada es tun zu wollen scheint.
+ vom „souveränen Volke".
D« sozialistische Veteran Vahlteich hat jüngst in Leipzig bei einem Kommers zur Feier des vierzigjchrigen Jubiläums der Sozialdemokratie eine Rede gehalten, die den „Genossen" nicht gefallen zu haben scheint. Statt ihnen, wie üblich, nur dicke Schmeicheleien zu sagen, gab er ihnen auch einige ungewohnte Wahrheiten zu hören. So meinte er, alles äußere Wachsen der Partei reiche nicht aus zum Beweise, daß sie auch innerlich gereift und befähigt sei, den Zukunftsstaat ins Leben zu rufen und zu behaupten. Vahlteich gestand offen: Als wir in den siebziger Jahren in Chemnitz bei der Wahl des städtischen Kollegiums einen vollen Wahlzettel ausgestellt hatten, da wckd kein Mensch froh« als ich, daß wir geschlagen wurden; „denn das Menschenmaterial, was wir damals zusammengestellt hatten, hätte niemals die Stadt Chemnitz regieren können." Und weiter: „Ich bewundere jede Rede, die ein bedeutender Mann im Reichstage hält, um zu zeigen, was die Sozialdernokratte ist und was sie fein will; ab« so hoch ich das schätze, ich erachtete die stetige Arbeit des Stadtverordneten für wichtig«, als die schönste Parlamentsrede." Schließlich beging der Alte sogar die noch in jüngster Zeit wiederholt verurteilte Ketzerei, den Genossen — „Kompromisse" zu empfehlen; „denn die sind im politischen Leben noch zu allen Zeiten gemacht worden . . . ." „Es ist ein schwerer Kampf, den wir zu kämpfen haben. Nicht blos die Wut der Feinde, sondern auch die Torheit in unseren Reihen schadet uns und hält uns aus in unserem Vormarsche."
Wie ganz anders pflegen die Führ« von heute üb« die Erfolge und Fähigkeiten der
fein und bleiben willst, sehe ich ja aus Deinem Briese, ber mit zugleich mit all den überraschenden Neuigkeiten den Beweis lieferte, daß Du trotz alledem, was in der letzten Zeit auf Dich eingestürmt ist, Deine alte Käthe nicht vergessen hast. Ausrufe des Staunens, b« innigsten Teilnahme unb ber lebhaftesten Freude wechselten mit einander, als ich den Meinigen Deine Mitteilungen vorlas. Es klang alles so romanhaft, so außergewöhnlich; und wie in den meisten Romanen, hat sich schließlich doch alles zum Guten gewandt, wenigstens für Dich, meine herzige Consuelo. Aber ich kann es wohl begreifen, daß bei der Trauer um Deinen armen unglücklichen Vater, den schuldlos ein so hartes Los getroffen hat, die Freude über Deine veränderte angenehme Lebensstellung vorerst nicht auf- fommen konnte. Doch ihnen ist wohl, Deinen dahin- geschiedenen Eltern, die ihren reichsten Anteil an des Lebens Leiden und Widerwärttgkeiten gettagen haben. Ueber's Grab hinaus geleitet Dich ihre Liebe,bieder Tod nicht zu löschen vermag; und sie haben ihre kleine Waise gewiß nie aus den Augen berloren und die wunderbare Att, wie die götttiche Vorsehung Dich diejenigen finden ließ, an deren Fürsorge und Liebe Du ein Anrecht hast, ist vielleicht die Frucht ihrer frommen Gebete, mit Denen sie Deine Wege begleiten. Wie glücklich mußt Du fein, wie durch ein Wunder eine traute Heimat und liebende Verwandte gefunden zu haben, die sich darin erschöpfen, Dir dasjenige zu bieten, um das ein grausames Geschick Dich so lange betrogen. Es klingt trotz allem ein Ton Melancholie durch Deine Zeilen und ich weiß hierfür nur eine Erklärung. Darf ich es wagen, mit zarter Hand den Schleier zu lüften, den Du über Dein Herzchen gezogen hast, und einen vorsichtigen Blick hinein zu tun? Ich weiß, Du verwehrst es mir nicht und flüsterst ein kaum hörbares „Ja", wenn ich Dich frage, ob er e8 ist, dessen Du einmal in Deinem Briefe erwähnt hast, als Du mir von der Aufführung ber Oper „Martha" schriebst, unb beffen Namen Du noch ein anbres Mal nanntest. Ich habe ihn kennen gelernt, er ist ja ein Freunb meines guten Ernst, als ich in Sem Städtchen vor einiger Zett bei meinen Schwiegereltern zu Besuch
30. Jahrgang.
...... — ■;...... k. Sozialdemokraten zu urteilen. Liebknecht unv Bebel haben wiederholt behauptet, wenn heute die kapitalistische Gesellschaftsordnung zusammenbräche, so seien die Sozialdemokraten sofort bereit und imstande, die Leitung zu Übernehmen und die neue Ordnung ohne jede Schwierigkeit ein- und durchzuführen. Wer sich aber daS Treiben der Sozialdemokraten im jetzigen Wahlkampfe ansieht, der wird ernstliche Zweifel an der Befähigung der „Genossen" zur Weltregierung hegen und mit Vahlteich das „souveräne Volk" der Sozialdernokratte für unreif und unfähig zur Ausführung d« Herrschaft und zur Regelung des wirtschaftlichen Lebens halten, und neben viel Idealismus und Opferwilligkeit auch viel Torheit, ja schlimmeres finden. Die Proben, die man in den letzten Wochen von d« „Diktatur der Proletariates" erhalten hat, find jedenfalls nicht dazu angetan, die Sehnsucht nach dem Zukunstsstaate zu verstärken.
Von allen Parteien und aus allenjTeilen des Reiches wird nämlich unablässig über die Vergewaltigungssucht und die Roheit geklagt, womit die „Genossen" in fremden Versammlungen auftreten, die Gegner niederbrüllen und beschimpfen, Verfammlungen, in denen man sie nicht frei schalten und walten lassen will, durchsLärm stören, gelegentlich auch eine förmliche Prügelei anfangen, das ist die Methode, nach der die Sozialdemokraten den Kampf mit „geistigen Waffen" führen. Andere Parteien sollen übtthanpt nicht mehr das Recht haben, zu agitieren und Versammlungen abzuhalten; die „Genossen" beanspruchen allein das Wahlfeld und kennen vielerorts weder Gastrecht noch Anstand, wenn es gilt, andere zu vergewaltigen. Es ist zuzugeben, daß die agitierenden Genossen von ihren Gegnern auch nicht immer nach Recht, Billigkeit und An- stand behandelt werden; aber so systematisch und mit so viel Roheit geht keine Partei auf die Vergewaltigung der Gegner aus, wie von den Sozialdemokraten in jüngster Zeit berichtet wird.
D« alte Genosse Vahlteich hat dem radau- lustigen und gewalttätigen Geschlechte von heute gesagt, nicht blos die Wut der Feinde, sonder« auch die Torheit in den eigenen Reihen schade der Partei. In d« Tat, was kann es törichteres geben, als dieses gewalttätige Gebahren einer Minderhett, die auf das Wohlwollen und die Geduld d« Mehrheit angewiesen ist. Dem liberalen und konservativen Scharstnachertum konnte nichts lieber kommen, als diese herausfordernde rohe Gewalttätigkeit des „souveräne» Volkes". Man täusche sich nicht darüber: Die Scharfmacher gewinnen an Boden. Soll man sich von den Leuten denn alles gefallen lassen? heißt es in immer größeren Kreisen. Aus d« anderen Seite gereicht das Auftteten der Genossen der Arbeiterschaft insofern zu empfindlichem Schaden, als es die Fortführung der Sozialreform ganz gewaltig «schwelt und die Segel der Reformgegner schwellt. Wohl werden sich nach Abschluß der Wahlen die erhitzten Gemüter wieder um einige Grade abkühlen. Aber ein
war; ich meine, bamals müßte es Dir in ben Ohren geklungen haben; benn „Consuelo" unb immer wieder „Consuelo" bilbete bas Thema unserer Unterhaltung. Er konnte nicht genug von Dir hören unb ich müßte mich schlecht auf Mienen verstehen, wenn ich nicht mit Recht behauptete, baß Dein Name ihm wie Musik in ben Ohren tönte. Er sprach babon, daß er in den nächsten Tagen nach Schwarzburg wollte; ist er benn noch nicht bort gewesen? O, biefe Männer! sie sind unberechenbar; tollkühn stürzen sie sich in Todesgefahr, unb wenn es gilt, ein schwaches Mädchenherz zu erringen, so sind sie feige wie die Hasen. Wenn ich meinen Ernst ärgern will, so necke ich ihn damit, wie er so zaghaft unb zitternb vor mir stand, als er mir Herz unb Hand anbot, unb er sagte, für dieses H ingen unb Bangen einer Brautwerbung wolle er lieber noch einmal sein Staatsexamen machen. Uebrigen- sst Dein Rubolf ein herrlicher Mann; ganz Walbhausen ist seines Lobes voll unb jeher seiner Leute würbe für ihn burch'S Feuer gehen. Man hat mir viele Züge von seiner Leutseligkeit unb Herzensgüte erzählt; höre nur bieS eine:
Bor einigen Wochen brannte, vom Blitz angezünbet, bas Hans eines Schreiners unb bas Feuer verbreitete sich mit solch' rasenber Schnelligkeit, baß bie Leute kaum Zeit hatten, einige chrer Habseligkeiten aus ben Flammen zu retten. Eine junge Witwe, welche früher Magb auf Schloß Gronenburg gewesen war, hatte ihre beiben jüngsten Sinber mit knapper Not aus bem brennenben Hause tragen können unb wähnend, ihr ältestes Kind, ein Knabe von sechs Jahren, sei längst in Sicherheit, sah sie sich suchend nach ihm um. Der Kleine hatte aber auf bem Speicher zwischen altem Gerümpel gespielt, als ber Blitz das Haus getroffen hatte.
Plötzlich gewahrte sie ihr Söhnchen und stößt einen gellenden Schrei aus. Aller Augen folgten der Richtung ihres Blickes unb sehen das Kind, wie es bereits von Flammen umwogt die Aermchen um Hülfe flehend ausstreckt unb sich weit hinaus lehnt, um in dem furchtbaren Qualm nicht zu ersticken. Da baS Feuer die Treppe bereits ergriffen halte, jo war es unmöglich.