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fulda, Samstag, den 30. Mai 1903.

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Reklamen- und Anzeigenteil

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Fulda: C. Pauly.

Steinau: Karl August

Wessel.

Drittes Blatt <

30. Jahrgang

):(Sozialdemottatte und Mittelstand.

Auf dem sozialdemokratischen Parteitage zu Mainz (1900) zeichnete derGenosse" Dr. Quark rn guter Laune von der Sozialdemokratie ein

wochen-Rundschau.

(Nachdruck verboten.)

D Fulda, 30. Mai 1903.

Die Hetzer vom EvangelischenBund «suchen noch immer Kapital aus dem Kaiserbesuch im Vatikan zu schlagen. Der ganze Spektakel wird nur deshalb ge­macht, weil die Regierung und der Kaiser cs ablehnen, den Katholiken nur die Rechte und Freiheiten zu lassen, die ihnen die bündlerischen Hetzer zukommen lassen wollen. Ein trauriges Zeichen dafür, wie weit die Verhetzung unter den Protestanten gewirkt hat, ist die Eingabe des evangelischen Oberkirchenrats gegen die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes. Also die offizielle Vertretung der evangelische Kirche scheut sich nicht, Katholikenhetze zu treiben!

Der Evangelische Bund hat übrigens beabsichtigt, eine besondere protestantische Partei bei den jetzigen Wahlen zu bilden. Doch ist es ihm nicht geglückt und nun behauptet er, er habe die Bildung aus Friedensliebe verhindert. Während so alles uns den Beweis liefert, daß protestantische Verfolgungssucht auf einen neuen Kulturkampf hivarbeitet, will man es den Katholiken auch noch verübelt wenn sie bei den Wahlen die Augen offen halt« und nur für Kandidaten stimmen wollen, die sich für die Gleich­berechtigung der Konfessionen und gegen'konfessionelle Ausnahmegesetze erklären. Die katholischen Wähler

(Bild, dessen Kenntnis einem das Verständnis j der Gegenwart bedeutend erleichtert. Er führte aus:Ich habe dieser Tage mit einem aus­ländischen Sozialdemokraten gesprochen, der sagte: Wir Sozialdemokraten sind eine ausgesprochen prinzipientreue Partei; aber wir mogeln, wo wir mogeln können." (Protokoll des Mainzer Parteitages S. 234).Große Heiterkeit und Bei­fall", die auf diese Worte folgen, bezeugten dem Redner, daß dieseTugend" auch den inländischen Parteigenossen nicht fremd war. Bei dem inter­nationalen Charakter der Sozialdemokratie kann das ja auch weiter nicht befremden. Wer etwas mit den wahren Zielen und der Geschichte der Sozialdemokratie bekannt ist, weiß auch zur Ge­nüge, auf welch eigentümliche Art diese Partei ihre Geschäfte besorgt. Das hatte Bisymrck

schon vor nahezu 20 Jahren erkannt. Am 9. Mai 1884 führte er im Reichstage aus:

,Hch weiß nicht, ob Sie das schöne Gedicht kennen von Thomas Moore:The veiled Prophet. Der ver­schleierte Prophet war so häßlich, daß er immer einen Schleier trug, er getraute sich nicht, sein wahres Gesicht dem Volke zu zeigen, sonst hätte man ihn des häßlichen Gesichtes wegen verlassen. So ist es auch mit der Sozialdemokratie sie erscheint nie ohne Schleier."

Dieser eigenartige, durch die Länge der Zeit gefestigteVorzug" der Sozialdemokratie nimmt naturgemäß bei den jeweiligen Wahlen deutlichere Formen an; daß er aber bei der gegenwärtigen Wahlagitation in einer so derben Weise hervor­treten würde, wie das tatsächlich geschieht, über­steigt selbst ganz kühne Erwartungen.

Ein gutes Maß von Dreistigkeit verrät es doch wohl, wenn die Sozialdemokratie vor den Wahlen mit dem Mittelstände liebäugelt, dem sie längst die Sterbekerze angezündet hat. Im Ganzen wie auch besonders in einigen Wahl­kreisen sind der Sozialdemokratie die Stimmen der Handwerker und der sonstigen Vertreter des Bürgerstandes nicht gerade unangenehm, und so gibt sich die Sozialdemokratie alle Mühe, sich entweder geradewegs als den wahren Freund des Mittelstandes anzupreisen oder doch den Tatbestand in punkto Programm und Politik nach Möglichkeit zu verdunkeln. Heißt es doch tatsächlich allen Ernstes am Schlüsse eines von Düsseldorf ausgegangenen sozialdemokratischen Wahlflugblattes:Handwerker, Bürger und Bauer! begreift Ihr nun, wie töricht Eure Abneigung gegen die Sozialdemokratie ist? (!!) " Aeußerst lehrreich ist auch die Geschichte eines mittelstandsfeindlichen Artikels, der vor einiger Zeit zum Entsetzen der übrigenGenossen" des Landes das von dem sozialdemokratischen Ab­geordneten Bock herausgegebene Schuhmacher­fachblatt brachte. Dort hieß es:

Uns als Arbeitern kann der Untergang des sog. Mittelstandes gleichgiltig sein, im Gegenteil, je eher er verschwindet, desto besser ist es, denn der­selbe ist der größte Hemmschuh in ökonomischer, sozialer, gewerkschaftlicher und politischer Beziehung, überall tritt er uns hindernd in den Weg und darum können wir dessen Untergang nicht früh genug her­be iwünsch en."

«»scheint täglich, mit Lurnahme der Sonn= und Feiertage, virrtel- jäbrl. vrzugrpreir »hue Vringerlohn und Bestellgeld in Fulda und «uwärtr 1 Alk. 50 pfg.

Verantwortlicher

Schriftleiter:A.wehler

z. pÜzein'^Äda. wochrnbeüage:Illustrierte Zonntagrzeltung

* Große gemauerte Ruinen von bisher unbe­kannter Herkunft wurden kürzlich im französischen Sudan entdeckt. Einem Berichte des in Bonduku, an der Grenze zwischen dem britischen Aschanti und dem französischen Sudan, tätigen Grenzkommiffars Delafosse entnimmt die neue Nummer des Globus eine Reihe von Mitteilungen, die hier im Auszug wieder­gegeben sein mögen. Die Ruinen von Gaoua liegen unter dem 10° 19 52 nördlicher Breite und 38 Kilo­meter westlich vom schwarzen Volta. Ihr Entdecker ist der französische Leutnant Schwartz. Die Mauern der Ruinen verlaufen schnurgerade; sie sind 40 Zenti­metern dick, bestehen aus Lateritblöcken, die mit einer Art Mörtel verbunden sind, und sind noch durch­schnittlich noch zwei Meter hoch. Das Gebäude ist viereckig und an den Ecken abgestumpft; die Seitenlänge beträgt 50 Kilometer. Im Innern enthält es. ein ähnliches und kleineres Viereck. Ein näheres Urteil wird sich erst durch Wegräumen des im Innern auf- gehäuften, mit Gestrüpp und Kräutern bewachsenen Schuttes und, durch Ausgrabungen ermöglichen lassen. Von den Eingeborenen können die Bauten wegen der Technik nicht stammen; wer sie gebaut hat, darüber wiffen die Eingeborenen keine Nachricht zu geben; ein alter Häuptling aus dem benachtbarten Dorfe Dyend- yel wußte nur zu sagen, daß sein Urgroßvater die Ruine schon gekannt habe. Ob es sich um uralte Ruinen handelt oder ob sie etwa mit dem Goldbergbau zusammenhängen, der im 16. Jahrundert auch bis in das Innere vordrang, kann erst die systematische Durch­forschung dieser Baulichkeilen ergeben.

* Eine Frauentageszeitung in New-Jork. Wie aus New-Jork berichtet wird, erscheint jetzt eine voll­ständig von Frauen herausgegebcne Nachmittagszeitung, dasDaily Bulletin." Dr. Frances Dickinson ist Herausgeberin und geschäftliche Leiterin, Dr. Mabel Bowen Cheftedaktrice und Mrs. Alice Blonut schreibt die Leitartikel. Die Zeitung soll sich im allgemeinen nicht von anderen Zeitungen unterscheiden, nur wird sie die Frauen und ihre Ideale mehr berücksichtigen als die von Männern redigierten Zeitungen. Sie wird sich mit Politik und Sport befassen, und besondere Aufmerksamkeit den Verbrechen widmen. Auch die Reporter sind mit zwei oder drei Ausnahmen Frauen.

* Unerwartete Antwort. Arzt:Ich kann Ihnen die Versicherung geben, gnädige Frau, daß es tatsäch­lich fortgeworfenes Geld ist, wenn Sie Ihre Tochter ins Bad schicken." Gnädige Frau:So? Wollen Sie sie denn vielleicht heiraten?"

* Mißverständnis. Doktor (zur alten Jungfer): An Ihren Leiden dürfte die sitzende Lebensweise schuld sein!" Alte Jungfer:O, Herr Doktor, ich hätte schon oft heiraten können!"

* Macht der Gewohnheit. Sie effen ja mit der linken Hand?"Ja, das habe ich mir während der Ferienreise angewöhnt; da habe ich nämlich immer mit der linken Hand gegeffen und mit der rechten Ansichtskarten geschrieben!"

* Das Genie auf der Schulbank. Der ,Voss. Ztg/ wird geschrieben: Anläßlich der 100. Wieder­kehr Justus v. Liebigs Geburtstags wurde eine Anekdote aus seiner Schulzeit mitgeteilt, aus der man entnimmt, daß aus einem schlechten Schüler ein be- rühmter Gelehrter werden kann. In Ergänzung jener Mitteilung sei von einigen weiteren Schicksalsgenossen Liebigs berichtet. Alexander v. Humboldt galt in seinen Knabenjahren fürsehr mäßig" begabt, was in der Schulsprache bekanntlich nicht gerade viel be­sagen will, und war zugleich körperlich so viel kränklich, daß er sich nach eigenem Geständnis, eigentlich nur nach einer glücklich überstandenen Kinderkrankheit so recht wohl fühlte. Trotzdem ist er nicht nur der größte Gelehrte seiner Zeit, sondern auch ein stein­alter Mann geworden. Auch in Fritz Reuters Schul­leben waren gute Censuren eine so seltene Erscheinung, daß der erfreute Vater seinem Sprößlinge bei ihrem erstmaligen Auftauchen die Mittel zu einer Ferienreise nach Rügen gewährte, auf welcher Fritzing, beiläufig bewerft, sein erstes, später allerdings wieder verloren gegangenes Gedicht schrieb. Ludwig Windthorst, der geistreiche Zentrumsführer, war als Schüler so talent­los, daß der Vater vom Lehrer den Rat erhielt, den Knaben doch das Schusterhandwerk erlernen zu lassen. Die Mitteilung dieser Episode auS dem Schulleben derkleinen Excellenz" durch den eigenen Neffen be­reitete am 11. März 1873 dem preußischen Abge­ordnetenhause und nicht zuletzt der Perle von Meppen selber viel Vergnügen. (Von Windthorst wäre es wohl richtiger zu sagen, daß sein erster Lehrer die Eigenart und Veranlagung des Knaben nicht erkannte; als er im elften Lebensjahre auf das Carolinum nach Osnabrück kam, wurde er bald in jeder Beziehung der Meisterschüler des Gymnasiums.) Von Walter Scott behauptete sein Lehrer kategorisch: Dunce he is, and dunce he will remain!1 (Ein Dummkopf ist er, und ein Dummkopf wird er bleiben!) Napoleon Bonaparte war, abgesehen von Mathematik, Geographie und Geschichte, ein höchst mittelmäßiger Schüler. Isaak Newton zierte als Schüler den letzten Platz, bis er zufällig einmal mit seinem Vordermann in eine Balgerei geriet und ihn bezwang. Da reiste in ihm der Entschluß, ihn wie soeben körperlich, dem­nächst auch geistig zu überwinden. Er fing also an zu arbeiten, und bald hatte er nicht nur diesen Vorder­mann, sondern die ganze Klaffe unter sich. Man sieht, es gibt eine ganze Reihe gewichtiger Ausnahmen von dem Sprichwort:Was ein Häkchen werden will, krümmt fich bei Zeiten!"

Gottesdienstordmmg in gulöa.____

Samstag, 30. Mai. Dom. Abends 78/« Uhr in der Bonifatiusgruft Andacht, welche 8 Tage hin­durch gehalten wird.

Sonntag, 31. Mai. (Pfingstsonntag.) Dom. ' 5, 6 und 7 Uhr HI. Messen, 8 Uhr Pfarramt und Pre­digt, »/»lOUHr Bischöfl. Hochamt und päpstlicher Segen mit vollkommenem Ablaß, 12 Uhr hl. Messe, l1/« Uhr Andacht, 4 Uhr Bischöfl. Vesper, 7/« Uhr Andacht in der Bonifatiusgruft. Stadtpfarrkirche. 5 Uhr hl. Messe und Predigt, 6 und 7 Uhr hl. Messen, 8 Uhr Amt und Predigt, 9'/» Uhr Hochamt mit Diakonium und Chorgesang, 2 Uhr Festpredigt und Andacht, 71/» Uhr Schluß der Maiandacht mit Te Deum. Pfarr­kirche z. hl. Geiste. (Titularfest). 7 Uhr Frühmefle, vor­her Anstellung der hl. Kommunion, 8 Uhr Hochamt mit Diakonium und Predigt, 5 Uhr Andacht zum heil. Geiste. (Vollkommener Ablaß.) - Frauenberg. Hl. Messen um 5 Uhr (mit Maiandacht), um ,/a7 und 8 Uhr, 9 Uhr feierliches Hochamt mit Aussetzung, 2 Uhr Fest­predigt und Andacht.

Pfingstmontag, 1. Juni. Dom. 5,6 und 7 Uhr hl. Messen, 8 Uhr Pfarramt und Predigt, '/»IO Uhr Kathedralamt, 12 Uhr hl. Messe, l'/a Uhr Andacht, 4 Uhr Abendandacht, 7s/< Uhr Andacht in der Boni» atiusgruft. Stadtpfarrkirche. 5 Uhr hl. Messe und Predigt, 6 und 7 Uhr hl. Messen, 8 Uhr hl. Mefle und Predigt, 9-/- Uhr Amt und Predigt, 3 Uhr An­dacht. Pfarrkirche zum hl. Geiste. 8 Uhr Hoch­amt mit Predigt 5 Uhr Andacht mit Segen. Jung- raneu-Sodalitiit. 6'/- und 23/< Uhr in der Marien- npelle. Frauenberg. Hl. Messen um 5, >/-7 und 8 Uhr, 9 Uhr feierliches Amt, '/-3 Uhr Predigt und Andacht für die Terziaren, 1I»8 Uhr Herz-Jesu-Andacht.

werden sich nicht einschläfern oder irre machen laffen. In gewissem Sinn können wir den Hetzern nur dank­bar sein, daß sie ihr Herz so rückhaltlos offenbaren; es wird uns bei den Wahlen sicher nützen.

Von den Wahlen ist nichts besonderes zu sagen. Die jetzt veröffentlichten Kandidatenlisten zeigen, daß es trotz der Mätenlosigkeit dreimal genug Mandats­bewerber gibt.

Der bayerische Ministerpräsident v. Podewils traf am Diontag in Berlin ein, um hier seinen An­trittsbesuch zu machen. In den letzten Tagen waren von einem Würzburger Blatte ganz seltsame Nach­richten über Verstimmungen zwischen München und Berlin verbreitet worden. Diese hat Herr v. Pode­wils vor seiner Abreise nach Berlin noch kräftig dementiert, wiewohl es kaum nötig gewesen wäre.

In Frankreich ist die Deputiertenkammer wieder zusammengetreten. Sie hat m-t 313 gegen 237 Stimmen die Kirchenpolitik der Regierung gebilligt, dagegen die weitergehenden Forderungen der Radikalen auf völlige Trennung von Kirche und Staat abge­lehnt. Die Katholiken vermögen fich immer noch nicht zusammenzufinden. Die letzten Wahlen zeigten ver­schiedentlich ein weiteres Vordringen der Kirchen­feinde. Combes hat mit seinen Gehaltssperren die Kirchengesetze nicht zur Geltung zu bringen vermocht; er nimmt jetzt als willkommene Hilfe sozialistische Banden an, die üi erall die Gottesdienste zu stören suchen. Die Radikalen suchen Combes immer weiter in das Schreckensregiment zu treiben.

Die österreichische Monarchie erlebt wieder das traurige Schauspiel von Gewalttaten und Aufruhr in einem der Kronländer. Kroatien scheint in vollem Aufruhr zu sein. Soweit haben es die Magyaren mit ihrer Unduldsamkeit gegen alle anderen Nationen also schon gebracht.

Die Birminghamer Rede des englischen Kolonialministers Chamberlain, worin er sich für Schutzzölle aussprach, hat in England viel­fach Beifall gefunden. In den Kolonien verhält man fich kühl. Die deutsche Regierung erblickt in der Rede auch keine Drohung. Man scheint anzunehmen, daß die Anregungen sobald keine praktische Form ge­winnen werden.

Die Kanadische Regierung hat es mit dem Zollkrieg gegen Deutschland nicht eilig. Für die in Deutschland bis Milte April gekauften Waren ist ein bis zum 1. Oktober laufender Termin bestimmt worden, bis zu dem die Waren zu den alten Zollsätzen ein­geführt werden können.

Aus Rußland kommt die Nachricht von der Ermordung des Gouverneurs von Ufa im Ural. Der Gouverneur soll sich jüngst bei Streikunruhen sehr grausam gezeigt und unter den Arbeitern ein Blut­bad angerichtet haben. Bei den Unruhen in Kitschinew hat es sich neuen Nachrichten zufolge weniger um eine Judenverfolgung Lehandelt als um einen Rachezug der besitzlosen Bevölkerung gegen die Reichen.

Auf der Balkanhalbinsel schlagen die türkischen Truppen fich noch fortgesetzt mit bulgarischen Banden herum, doch scheinen diese immer mehr ge­nötigt zu werden, fich in ihre Schlupfwinkel zurück­zuziehen oder zu zerstreuen. Ein größerer Kampf fand am Freitag voriger Woche bei Smerdel statt; neun Zehntel der 300 Häuser des Ortes sollen dabei durch Geschützfeuer zerstört worden, 100 Bulgaren ge- faHen fern. In Albanien wollen die Türken mit Ge­walt oder Ueberredung die Ruhe ziemlich wieder­hergestellt haben. Doch verharren dort offenbar noch verschiedene Distrikte und Stämme in der Opposition gegen die Reformen.

es? Kaufe abernur in Flaschen

~ ' Tann: Jul. Kegelmann,

Marktplatz; Eduard Simon.

Das war ja sozialdemokratisch ganz richtig gedacht, aber dieGenossen" fragten sich erstaunt, wie Bock so unvorsichtig sein konnte, vor den Wahlen so unverblümt der Welt diese Wahrheit zu sagen. Bock sah denn auch bald seine Un­vorsichtigkeit ein und er beschwichtigte dieGe­noffen" mit der Erklärung, er habe die Artikel nur mit Widerwillen ausgenommen, die Partei könne für diese unverbindliche Aeußerung eines Einsenders" nicht verantwortlich gemacht werden. Der Artikel war nun zwar ohne jede redaktio­nelle Einschränkung erschienen, die Redaktion also dafür verantwortlich zu machen, aber gleichwohl: Wir Sozialdemokraten sind eine ausgesprochen prinzipientreue Partei, aber wir mogeln, wo wir mogeln können." Ob aber wohl die beschei­dene Frage darf man gewiß anfügen der Artikel Aufnahme gefunden hätte, wenn er Zwangsinnungen und andere mittelstandsfreund- ' liche Maßnahmen empfohlen hätte?

Welche Virtuosität hier die Sozialdemokratie im Verleugnen ihrer Grundsätze und Geschichte besitzt, zeigt ein kurzer Blick aus ihr Programm und ihre Stellung, die sie bisher zu den Mittel- standsftagen eingenommen hat.

Das heute noch giftige sozialdemokratische (Erfurter) Programm beginnt mit den Worten: Die ökonomische Entwickelung der bürgerlichen Gesellschaft führt mit Naturnotwendigkeit Mm Untergange des Kleinbetriebes." Nach sozialdemokraftscher Lehre mag sich also der Mittelstand (Bauer, Handwerker, Kleinkauftnann) nrhig schon seinen Sarg zimmern laffen; für ihn ist kein Kraut gewachsen, er geht unrettbar der Auflösung entgegen. Daß dies die richtige Aus­legung des sozialdemokratischen Programmsatzes ist, sagt kein Geringerer, als der Versasser des Erfurter Programms selbst, nämlich der von der Partei besoldete Schriftsteller Kautsky. In seiner I

I Erläuterung zumErfurter Programm" (S. 21) I heißt es:Die Tage des Handwerks sind ge­zählt. Und was vom Handwerk, gilt auch vom bäuerlichen Kleinbetrieb." Es ist doch wo)! schwer, das mißzuverstehen. Die Sozialdemokraten haben es sich aber weiter mit Fleiß angelegen sein laffen, ihren Standpunkt gegenüber dem Mittelstände so klar darzuletzen, daß auch nicht der mindeste Zweifel über die richtige Auffaffunc aufkommen kann. Derselbe Kautsky betonte au dem Parteitage zu Breslau:Für die Erhaltung des Bauernstandes einzutreten haben wir keinen Grund, denn das könnte nur geschehen, indem wir sie in ihrem Besitze befestigen, also ganz entgegengesetzt verfahren wie sonst." (Protokoll des Breslauer Parteitages. S. 123.) In der Einleitung der im Verlage des.Vorwärts' erschienenen Broschüre:Die Tätigkeit des deut­schen Reichstages von 189093" wird dem Mittel­stand (Handwerker,Bauern,Händler) der Untergang erbarmungslos in Aussicht gestellt, und darum sind' alle Rettungsmittel vergeblich". (Seite 10.)Wie der Handwerker-, so geht der Händler- und Krämerstand an der kapitalistischen Entwickelung zu gründe."Demselben rettungs-

I losen Todeskampfe sind die kleinen und mittleren Bauern verfallen." (S. 11.). Die Kleinbesitzer sollen ohne Hilfe verelenden, damit auch sie bald in den Schoß der Sozialdemokratie hinüber­geführt werden können. So betonte der sozial- demokratische Parteischriftsteller Schippel auf dem Parteitage zu Breslau:

Wir wollen freilich auch den Kleinbefitzer ge­winnen, jedoch nur, indem wir ihn überzeugen, daß er als Besitzer keine Zukunft hat, sondern daß seine Zu­kunft die des Proletariats ist." (Protokoll des Breslauer Parteitages. S. 110.

Der Sinn der sozialdemokratischen Auffassung über die Mittelstandsfrage geht also kurz dahin: Der Mittelstand geht an der kapitalistischen Ent­wickelung rettungslos zu gründe. Rem vorn wirtschaft­lichen Standpunkt aus betrachtet, wäre es darum töricht, für seine Erhaltung auch nur einen Finger zu rühren. Vielmehr kann es uns ganz recht fein, wenn der Mittelstand als solcher beim nächsten Meilenstein ins Grab finkt. Denn dadurch wird die Proletaristerung der Gesellschaft und damit auch der großeKladdera­datsch", aus den unser ganzes Sinnen und Streben gerichtet ist, nur beschleunigt.

Aber trotz alledem:Handwerker, Bürger und Bauer! begreift Ihr nun, wie töricht Eure Abneigung gegen die Sozialdemokratie ist?" Wohl niemals hat die politische Unehrlichkeit stärkere Blüten getrieben.

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