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Zuldaer M Zeitung
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Druck und Verla- der Zuldaerrletieadruckerei in Zulda (Harmonie). Zernsprecher Nr. 9.
M 119.
fulda, Mittwoch, den 27. Mai 1903.
30. JahrgMg.
** „wir können uns -och nicht -ie Kopfe einschlagen."
Die Aeußerung des Kaisers zu Freiherrn von Hertling: „Wir können uns doch nicht wie unsere Altvordern über religiöse Fragen die Köpfe einschlagen, wir müssen doch friedlich miteinander leben!" hat in der Presse eine so einmütige Zu- Simmung gefunden, wie kaum je ein Ausspruch es Kaisers. Memand will dem andern den Kopf einschlagen; jeder will friedlich mit dem andern leben. Na, das Gegenteil konnte man ja wohl nicht gut sagen. Wenn man nur auch durch die Tat beweisen möchte, daß man den konfessionellen Frieden erhalten will!
Aber da klafft sofort eine große Lücke zwischen Worten und Handlungen. Man versichert feierlich, man sei das friedlichste Lamm, das nie ein Wäfferchen trübe, behält sich aber das Recht vor, auf Jesuiten und „Ultramontane" nach Herzenslust loszuhauen, und damit es einen anständigen Anstrich erhalte, versichert man, die „Ultramontanen" und Jesuiten hätten angefangen, man wehre sich blos und kämpse lediglich, um die «ultramontanen" Friedensstörer zu zwingen, endlich Frieden zu halten. Den kühnsten logischen aalto mortale macht wohl der „orthodoxe" .Reichsbote'. Er bemerkt zu der Aeußerung des Kaisers: „Das ist gewiß sehr wahr und gerade deshalb bekämpfen wir die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes und die ultramontane Isolierung des katholischen Volkes; denn solange dem katholischen Volk die Berührung mit den Protestanten als seelengefährlich gilt, ist ein wirklich friedliches Zusammenleben kaum möglich." Nach dem Gallimathias des Pastorenblattes wirkt man also für die Annäherung der Katholiken an die Protestanten, wenn man Ausnahmegesetze gegen sie macht und auf alle Weise gegen sie schmäht und hetzt. Wir bezweifeln, ob die Protestanten durch die gleichen Mittel zu freundschaftlichen Gefühlen für die Katholiken erzogen »erden könnten. Die Psychologie, die für sie gilt, gilt doch wohl für die Katholiken auch. Im übrigen fällt es diesen gar nicht ein, die Berührung mit den Protestanten für seelengefährlich zu halten. Eher kann man behaupten, daß Leute von der konfessionellen Engherzigkeit des ,Reichsboten' die Berührung mit Katholiken für feelen- gefährlich halten.
Aber Sprünge wie der,Reichsbotevmuß man ja wohl oder übel machen, wenn man die protestantische Friedensstörung „rechtfertigen" will. Denn was haben die Katholiken den Protestanten getan, daß man unablässig von der „ultramontanen Gefahr" deklamiert? Neuerdings scheinen .einige Blätter zu fühlen, daß man doch den „Kampf
Eonsuelos Schicksale.
Novelle von Marg. Schlichter.
18 (Nachdruck verboten.)
„Nun, dann würde eine Untersuchung bei der Dienerschaft auch resultatlos sein. Aber Ihnen, wertes Fräulein, schien das Armband heute nachmittag doch ganz besonders in die Augen zu stechen. Wollen Sie nicht einmal nachsehen, ob es sich nicht etwa aus Versehen", dieses Wort betonte sie sehr, „zwischen Ihre Sachen verirrt hat?"
„Aber Florenttne; wie kannst Du es wagen, Fräulein Bruchhausen auf diese Weise zu insultieren", rief Baron Rudolf bleich vor Zorn, fast so bleich wie Consuelo selbst, welche keines Wortes mächtig mit entgeisterten Augen auf die Sprecherin blickend, ihre Hand auf die Lehne eines Stuhles stützte, um nicht «mzufinken.
„Florentine, ich befehle Dir, augenblicklich dies Zimmer zu verlassen und uns heute abend nicht mehr unter die Augen zu kommen," sagte ihr Großvater mit zorniger, strenger' Miene, während ihre G oß- mutter zärtlich den Arm um Consuelo legte und sie zu beruhigen suchte.
„Seien Sie unbesorgt, liebes Kind, Sietriffthier gewiß keine Schuld; das Armband findet sich gewiß morgen wieder, wenn wir unsere Nachforschungen mit etwas mehr Ruhe anstellen."
Zwei schwere Tropfen lösten sich langsam von Eonsuelos Wimpern; die gütigen Wotte der alten Dame hatten ihr die Faffung wiedergegeben, und mit einer energischen Handbewegung wandte fie sich gegen Florentine, die, allerdings sehr langsam Anstalten machte, sich aus dem Zimmer zu entfernen.
„Bitte, Frau Baronin, haben Sie die Güte, in Gegenwart der Baronesse meine Sachen zu revidieren; ich darf auch nicht den Schatten eines so unwürdigen Verdachtes auf mir ruhen lassen."
gegen den „Mtramontanismus" etwas besser begründen müsse als mit unbestimmten Redensarten. Sie machen daher Versuche, zu beweisen, daß für die Protestanten ernstlicher Grund -^„Beunruhigung" vorhanden ist und die Katholiken „angefangen" haben. Bis zu welcher Lächerlichkeit man sich dabei vorwagt, dafür liefert die „freisinnige ,Voff. Ztg.' ein Beispiel. Sie sieht schon in der Mitteilung der ,Nordd Allgem. Ztg.' bezüglich der angeblich beabsichtigten Aufstellung eines Standbildes Karls V. im Berliner Dome ein Anzeichen für die Abhängigkeit der Regierung vom „Klerikalismus". Ebenso in einer anscheinend offiziösen Zurückweisung der Meldung, daß der Papst die Bischöfe angewiesen habe, bei den Wahlen die Regierung zu unterstützen, und daß die Regierung einen päpstlichen Legaten in Berlin zu haben wünschte; ja sogar in der Mitteilung des Freiherrn v. Hertling über die Aeußerung des Kaisers. Alle diese Veröffentlichungen hätten offenbar den Zweck, beruhigend zu wirken. Also sind sie im Interesse der Katholiken geschehen, also steht die Regierung unter dem Banne des „Klerikalismus". Will sie sich in Zukunft einem solchen Verdachte nicht mehr aussetzen, so muß sie alle Lügen, Entstellungen und Verdächtigungen, die vom evangelischen Bunde verbreitet werden, um die protestantische Bevölkerung aufzuregen, stillschweigend hinnehmen.
Weitere Beweise für die „ultramontane" Gefahr werden in der Romreise des Kaisers gesucht. Aber sogar die ,Nat. - Ztg.' weist ärgerlich die „Märchen" zurück, „die an den Kaiserbesuch im Vatikan angesponnen werden." Jedenfalls haben die „Ultramontanen" diesen Besuch nicht veranlaßt, und ob er eine „Gefahr" für den Protestantismus oder das Reich bedeutet, das wird der Kaiser als guter Protestant wohl besser beurteilen können, als die kurzsichtigen protestantischen Fanatiker. Aber Bischof Kor um hat dem Staate den Fehdehandschuh hingeworfen; diesen Punkt führt eine ganze Reihe von Blättern als Beweis an, daß die Protestanten nur eine Abwehrstellung einnehmen. Die ,Berl. N. N.' machen aus dem „FallKorum" sogar: „Bischof Komm läßt gegen die Ketzer von der Kanzel und im Beichfftuhle Hetzen." Nun hat aber selbst die protestantische ,Kreuzztg.' bezeugt, daß 1) der Bischof von Trier in keiner Weise gegen ein Staatsgesetz verstoßen habe und 2) daß die konfessionelle Friedensstörung von protestantischer Seite bereits vor dem „Trierer Fall" begonnen worden sei. Das genügt uns.
Sodann wird wieder einmal die „katholische Behandlung der Mischehen" ins Feld geführt. Wir denken, der Beweis ist längst geliefert, daß die Protestanten bei der „Mischehenpraxis" weitaus im Vorteil sind. Was aber die grundsätzliche Stellung der katholischen Kirche zu den Mischehen angeht, so wird man die schon gelten lassen müssen, so lange man die kath. Kirche gelten läßt; also liegt darin keine Friedensstörung. Dasselbe gilt von der „katholischen Behandlung der evangelischen Taufe". Wenn die Ankläger ehrlich sein wollten, müßten sie zugeben, daß darin absolut nichtsVerletzendes für dieProtestanten
„Liebes Fräulein, wir find ja alle von Ihrer Unschuld überzeugt; wozu dies peinliche Verfahren, das ja in den Augen der Dienerschaft zu allerlei Mißdeutungen Veranlassung geben könnte."
„Tue Fräulein Bruchhausen den Gefallen, liebe Tante; sie ist berechtigt, volle Ehrenrettung zu verlangen," mischte sich Baron Rudolf ein.
„Nun wohl, wenn Sie es durchaus wünschen, mein Kind, so will ich Ihnen willfahren: Florentine, nimm den Leuchter und geh' uns voran."
Niemand außer Rudolf gewahrte den haßerfüllten, triumphierenden Blick, der in Florentinens Augen leuchtete, als sie dem Befehl ihrer Großmutter Folge leistete.
Eonsuelos Schlafgemach lag auf einem langen Flur neben demjenigen der kleinen Adelheid, bie bereits vor dem gemeinschaftlichen Abendessen von der Zofe zu Bett gebracht worden war. Als diese das Kind schlafend glaubte, hatte sie sich entfernt, die Berbindungstür zum Schlafzimmer der Erzieherin offen lassend, wie dies immer geschah. Das Gemach der letzteren war einfach möbliert, und die schwerfällige Bettstelle, der große Kleiderschrank, der Spiegel mit dem breiten, geschnitzten Rahmen gehörte einer längst vergangenen Zeit an; nur die schöne, moderne Waschkommode mit Marmorplatte schien sich aus einem eleganten Möbelgeschäft der Haupsstadt hierher verirrt zu haben und nahm sich unter seinen ehrwürdigen Stubengenossen etwas sonderbar aus. In den Schubladen derselben hatte Consuelo ihre Wäsche und allerlei Kleinigkeiten untergebracht, und sie bat die Baronin, die Revision ihrer Sachen vorzunehmen. Letztere machte sich mit dem Widerstreben daran, ihre Hand fuhr zwischen den sauber geordneten Dingen herum, und sie meinte:
„Nun habe ich Ihnen ja Ihren Willen getan. Kommen Sie jetzt mit hinunter in den Salon, und Du, Florenttne, tutst, wie Dein Großvater Dir befohlen hat."
Diese hatte sich vor die Kommode gefteHt und kramte eine Zeit lang zwischen Eonsuelos Büchern,
liegt. Das wollen sie aber nicht, weil fie dann zugeben müßten, daß in der protestantischen Kirche völlig ungläubige Geistliche des kirchlichen Amtes ungestört walten können.
Sollen wir es noch ernst nehmen, wenn die ,Voff. Ztg.' auch die Stellung des Zentrums zum Umsturzgesetze und zur lex Heinze als Friedensstörung empfindet, ja sogar den zweiten Teil des Toleranzantrages? Oder wenn fie ihr protestantisches Bewußtsein dadurch verletzt fühlt, daß Frhr. v. Hertling als Unterhändler in der Preßburger Fakultätsangelegenheit tätig gewesen ist? Würdig schließt sich dann an, daß ein anderes Blatt als Zeugnis für die ultramontane Friedensstörung anführt: „Der Erzbischof von Köln empfiehlt soeben wärmstens den Syllabus; die Reformkatholiken sind mundtot gemacht worden." Was geht denn das die Protestanten an? Das ist doch unsre Sache, wie es z. B. Sache der Protestanten ist, ob sie die „Positiven" oder Liberalen zur theologischen Richtung begünstigen oder zurückdrängen wollen. Ein beliebter Vorwand zur Beschönigung der Hetzer sind endlich die Canisius-Encyklika und „Schmähungen Luthers und der Reformation". Wir denken aber, die sind zehn- und tausendfach ausgewogen durch die unablässigen Beschimpfungen alles Katholischen von protestantischer Seite. Längst ehe die Encyklika erschienen war, hetzte der evangelische Bund.
Alles, was man anführt zum Beweise für die „ultramontane Gefahr", ist eitel Wind. Erstens sind wir als Minderheit gar nicht im Stande, den Protestanten irgend eine Gefahr zu bereiten und ihnen Unrecht zu tun; zweitens wären wir nicht töricht genug, es auch unr zu versuchen, weil wir wüßten, daß wir es schwer büßen müßen; drittens hat das Zentrum trotz seiner angeblichen „Machtstellung" auch nicht das geringste getan, was die Interessen oder Rechte der Protestanten verletzen könnte. Auf der andern Seite dagegen sehen wir, wie tatsächlich Unrecht gegen die Katholiken geübt wird. Ein gehässiges Ausnahmegesetz wird aufrecht erhalten; alte Reste der Kulturkampfsgesetzgebung, die wir als Unrecht empfinden, bleiben bestehen. Sobald die Möglichkeit in Sicht tritt, daß von dem alten Unrecht etwas beseitigt werden könnte, erhebt sich auf protestantischer Seite ein Sturm der Entrüstung und wenn es nach den Leitern solcher „Bewegungen" ginge, müßten nicht nur die alten Ausnahmegesetze bestehen bleiben, es müßten sogar noch neue dazu geschaffen werden, um die Katholiken der Gleichberechtigung auf jedem Gebiete zu berauben. So stehen die Dinge. Nicht die Katholiken sind schuld, wenn auf diese Weise der Frieden gestört wird, sondern konfessionelle Engherzigkeit und Fanatismus auf protestantischer Seite. Die bloße Existenz der Katholiken, vor allem aber die Zentrumspartei und ihre politische Stellung sind es, die man als „Herausforderung" betrachtet.
Berlin, ben 26. Mai 1903.
** Reichskanzler Graf Bülow soll mehreren Blättern zufolge Ende Dezember ds. Js. in Brandenburg als neuer Domherr eingeführt werden. Der Kaiser soll ihn auf der Romreise mit dieser Ernennung überrascht haben.
** Der Landwirtschaftsminister vo« Pod- bielski soll sich mit Rücktritts ged anken tragen. Wie in verschiedenen Blättern zu lesen war, hätte er sich geäußert: „Nach der Heuernte verduft ick". Die,Magdeb. Ztg.' erfährt, der Minister leide stark an Ischias, könne sich oftmals kaum bewegen und werde deshalb seinen Abschied nehmen.
** Zum Zollkonflikt mit Kanada erfährt ein Berichterstatter aus bester Quelle, daß die Arbeiten des Bundesrats in der Angelegenheit so weit vorgeschritten sind, daß Ende der Woche eine Veröffentlichung seiner Beschlüsse erfolgen soll. „Absolut fest steht dies indes noch nicht."
* Durch Verfügung der Minister des Kultus, der Finanzen, der Landwirtschaft, des Innern und des Handels wurden den Verwaltungsbehörden zusammensaffende Ausführungs- bestimmungen bett. Untersuchung des im Inland eingehenden Fleisches mitge» teilt, welche namentlich die Bestellung des Beschaupersonals bei den Beschaustellen für das ausländische Fleisch, die Befähigung zur Vornahme der Untersuchungen rc. betreffen. Sodann wurde eine Anweisung erlassen betr. Ansatz, Nachprüfung und Verrechnung der Gebühren und Kosten für die Untersuchung des im Inland eingehenden Fleisches.
** Bei dem Reichskanzler fand heute abend zu Ehren des hier anwesenden bayerischen Staatsministers des Königlichen Hauses und des Aeußeren Frhm. v. Podewils ein Diner statt.
* In Sachen des Prinzen Prosper von Arenberg erfährt der ,Reichsbote' aus durchaus zuverlässiger Quelle, daß die Familie des Prinzen keinerlei Schritte unternommen habe, noch unternehmen werde, um eine Milderung der Strafe des Verurteilten durch einen Antrag auf seine Ueberführung in die Irrenanstalt herbeizuführen. Die Andeutungen in einigen Blättern, als interessiere sich der Reichskanzler wegen seiner Beziehungen zu dem Abg. Prinzen Arenberg für den Verurteilten, werden dem ,Reichsboten' von derselben Stelle als „freche Verleumdungen" bezeichnet. Der,Reichsbote' fügt dieser Mitteilung hinzu: „Wenn die Sache so liegt, dann begreift man erst recht nicht, daß man die die Justiz so schwer kompromittierenden Nachrichten der,Hann. Allgem. Ztg.' durch die Presse laufen läßt, ohne das Blatt vor Gericht zu stellen."
** In der Kreissynode Berlin I kam am
Kästchen und Handarbeiten umher. Plötzlich stieß sie einen Ruf des Erstaunens aus; sie hatte ein Nähkästchen geöffnet, das obere Fach herausgehoben und hielt das Kästchen ihrer Großmutter vor die Augen. Dort glänzte zwischen allerlei Rollen von Nähgarn, Band und Nadeldöschen das verlorene Kleinod.
„Willst Du nun noch behaupten, ich sei Fräulein Bruchhausen mit meiner Vermutung zu nahe getreten? Danke Gott, daß die Diebin entlarvt ist. Ihr hättet vielleicht noch nette Erfahrungen mit dieser scheinheiligen Person gemacht; deren hübsches Lärvchen Euch alle verblendet hat."
Consuelo hatte nur das eine Wort „Diebin" aus allen herausgehört; es überlief sie bald heiß, bald kalt, und sie war einer Ohnmacht nahe; mühsam stieß fie hervor:
„O, Gott, Frau Baronin, es ist mir ein Rätsel, ich begreife nicht, wie das Schmuckstück unter meine Sachen geraten ist."
„Mir ist es auch unerklärlich, mein Kind. Nehmen Sie sich die Sache nicht so sehr zu Herzen; ich denke, das Ganze findet eine sehr natürliche Erklärung. Vielleicht hat Adelheid sich einen übel angebrachten Scherz erlaubt, oder aber hat jemand, der Ihnen nicht wohl gesinnt ist, Ihnen einen bösen Stteich gespielt."
„Aber diese Schmach, ich ertrage fie nicht," und Consuelo sank aus einen Stuhl und brach in konvulsivisches Schluchzen aus.
In diesem Augenblick erschien eine liebliche Gestalt auf der Schwelle des nebenan liegenden Zimmers. Es war die kleine Adelheid, welche in ihrem weißen Nachtkleidchen, mit aufgelöstem Haar und bloßen Füßen hinzuttat, ihre Erzieherin umarmte und, sich zornig gegen ihre Schwester wenoend, sagte:
„Du nennst Fräulein Bruchhausen eine Diebin? Großmama, ich will Dir sagen, wer die Diebin ist. Als Florentine die Schmucksachen forträumen sollte, verlor ich meinen Ball und lief ins Zimmer zurück, da habe ich gesehen, daß fie eilig etwas Glänzendes in die Tasche schob, und als ich vorhin zu Bett lag,
hörte ich jemand kommen. Als ich sah, daß es Florentine war, machte ich die Augen zu, als fie an mein Bett trat. Dann gab ich aber acht, was sie tat, und habe gesehen, daß fie an die Waschkommode ging, das Kästchen nahm und das Armband hineinlegte. Ich sah es ganz deutlich, denn fie hatte eine brennende Kerze vor sich gestellt."
„Widerwärtige Kröte, Du lügst," schrie Florentine, außer sich vor Aerger.
„Nein, sie lügt nicht," ließ sich jetzt eine Stimme im Rahmen der Tür vernehmen. „Ich selbst habe Dich hier aus dem Zimmer schleichen sehen, als ich vorhin aus dem meinigen trat, um zu Tisch zu gehen."
Es war Florentinens Mutter, welche leichenblaß, sich mit Mühe auftecht haltend, also sprach. „Und Kein Kind habe ich erzogen!—O Gott, in welchen
. cund von Bosheit und Niedrigkeit muß ich blicken! Fort aus meinen Augen! Morgen reisen wir ab, und Du kannst in der Einsamkeit zu Lahrenstein über Dein Betragen nachdenken. Sie, Fräulein Bruchhausen, bitte ich um Verzeihung wegen der Schmach, die meine Tochter Ihnen angetan hat."
Die sonst so stolze Frau war ganz geknickt. Sie besaß einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und rtne^ebt so große Wahrheitsliebe, und die schändliche Jntrigue ihrer Tochter erfüllte sie mit wahrem Abscheu. Consuelo nahm die ihr gebotene Hand und wandte sich an die alte Baronin, die sie liebkoste und ihr zärtliche Worte sagte:
„Ach, gnädige Frau, ich hätte es Ihnen gleich sagen sollen, weshalb das Armband meine Aufmerksamkeit in so hohem Grade erregte; aber eine gewisse Scheu hielt mich davon zurück. Ich besitze nämlich ein ganz ähnliches Schmuckstück. Darf ich es Ihnen zeigen, dann werden Sie sich mein Interesse an dem Armband erklären können."
Sie nahm das Kästchen, in welches vor beinahe zwanzig Jahren im Gasthofe zu Veracruz ihre Mutter jenen Ring gelegt hatte, den ihr Gatte ihr am Tage vor seinem Tode nebst einem für feine Eltern bestimmten Briefe übergeben hatte. Cowuelo hiet ihr