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Zernsprecher lir. 9.
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fUlda, Samstag, dm 23. Mai 1903.
30. Jahrgang.
Zentrum und Ünsal - Versicherung.
Einen lahmen Gaul reitet zum Angriffe auf die Sozialpolitik des Zentrums der sozialdemokratische Arbeiter-Sekretär Timm-München in der kürzlich erschienenen Broschüre: „Sozialdemokratie und Zentrum. Tatsachen-Material zur Arbeiter-Versicherung und Zentrums-Politik." Die sozialdemokratische Presse nutzt dieses Schriftchen weidlich aus. Man sieht aus diesen Angriffen, wie unangenehm der Sozialdemokratie die sozialpolitischen Verdienste des Zentrums sind. Ihr Bemühen geht deshalb darauf hin, die Aufmerksamkeit der Arbeiter von der fruchtlosen „Alles- oder Nichts-Politik" der Sozialdemokratie abzulenken, indem sie die sozialpolitische Tätigkeit des Zentrums verkleinert, insbesondere aber seine Absichten und Beweggründe verdächtigt. In der Zentrunis-Presse sind bereits die Angriffe zurückgewiesen, welche u. a. auch vom Arbeiter-Sekretär Timm gegen das Zentrum wegen seiner Stellung zum Jnvalidenversicherungs - Gesetze vom Jahre 1889 und zu den Novellen zum Unfallversiche- runstß-Gesetze vom Jahre 1896.97 und 1899 erhoben wurden.
Arbeiter - Sekretär Timm und mit ihm die sozialdemokratische Presse glaubt eine weitere arbeit er feindliche Haltung des Zentrums bei dessen Stellungnahme zum ersten Entwürfe eines Unfallversicherungs-Gesetzes im Jahre 1881 seststellen zu können. Sie schreiben: „Das Zentrum brachte dieses Gesetz zum Fall." Dagegen habe die Sozialdemokratie im Parlamente schon vorher jede Gelegenheit benutzt, um eine ausreichende Unfall-Versicherung zu erreichen. Was jedoch der Staat geboten habe, fei nur eine Art besserer Armenpflege gewesen.
Wie haltlos diese Angriffe auf das Zentrum sind, wird eine kurze Darlegung der Tatsachen beweisen.
Tatsache ist zunächst, daß das Zentrum vor allen anderen Parteien mit einem entschiedenen Anträge im Reichstage für eine bessere Entschädigung der gewerblichen Unfälle eingetreten ist. Es geschah dies durch den bekannten Antrag v. Galen im Hahre 1877.
Es ist bekannt, daß der Antrag von Galen mit Hohn und Spott von allen Parteien abgewiesen und nicht einmal einer Kommissions- berasirng würdig erachtet wurde.
Das Zentrum wiederholte deshalb seinen Antrag betreffend Reform des Haftpflichtgesetzes am 27. Februar 1878. Erst einen Monat später, am 1. April 1878, brachten auch die Sozialdemokraten einen ähnlichen Antrag ein, ebenso die Fortschrittspartei und die Nationalliberalen. Wegen Schlusses des Reichstages kamen diese Anträge nicht mehr zur Beratung.
Das Zentrum verfolgte jedoch mit Beharrlichkeit sein Ziel. Am 15. Februar 1879 richtete es eine Interpellation an, den Reichskanzler, ob bald ein Gesetzentwurf zur Aenderung des Haftpflichtgesetzes zu erwarten sei. Dabei betonte der Redner des Zentrums, Freiherr von Hertling, daß vor allem eine Erweiterung des Kreises der Haftpflichtigen gewerblichen Unternehmungen wie vor allem auch eine Regelung der Unfallverhütung notwendig sei. Der Vertreter des Reichskanzlers antwortete ausweichend, während die Redner der verschiedenen Parteien sich zu gunsten der Interpellation des Zentrums aussprachen. Auch Bebel erklärte, daß er, wenn das Haftpflichtgesetz im Sinne des Zentrums erweitert werde, damit sich „im wesentlichen vollständig einverstanden" erklären könne.
Am 27. Febr. 1880 benutzte das Zentrum, als Abgeordneter von Stumm eine Alters- und Invalidenversicherung forderte, wiederum die Gelegenheit, eine Erweiterung des Haftpflichtgesetzes zu fordern.
Diese Bemühungen des Zentrums waren nicht vergeblich. Am 8. März 1881 legten die verbündeten Regierungen dem Reichstage den ersten Gesetzentwurf betreffend die Unfallversicherung der Arbeiter vor. Die Haltung des Zentrums zu diesem Gesetzentwurf nimmt die sozialdemokratische Presse nun zum Anlasse, dem Zentrum vorzuwerfen, es habe „dieses Gesetz zum Fall gebracht." Wer aber diesen Entwurf und die Bemühungen des Zentrums, aus demselben schwerwiegende Fehler zu beseitigen, würdigt, kann die Haltung des Zentrums nur billigen.
Der Gesetzentwurf forderte u. a. die Einrichtung einer Reichsversicherungsanstalt und sodann die Aufbringung eines Teiles der Unfallentschädigungen durch dasReick.
Gegen diese beiden Bestimmungen erhob das Zentrum den entschiedensten Widerspruch. Die Industrie müsse, so führte Freiherr von Hertling aus, für die Unfälle aufkommen, die beim Betriebe eintreten. Man dürfe sie auch nicht zum Teil den nicht an der Industrie Beteiligten aufbürden. Wenn der Regierungsentwurf den geforderten Zuschuß vom Reich damit begründe, daß dieser Zuschuß nur eine weitere Entwicklung der Idee der Armenpflege sei, so müsse das Zentrum eine solche Auffassung der Unfallversicherung abweisen. Zweifellos werde diefer Gedanke auch die Arbeiter abstoßen. Ebenso sei eine Reichsversicherungsanstalt zu verwerfen ; vielmehr sei notwendig, daß die Industrie, der die Unfallentschädigung zusalle, in korporativen Verbänden die Versicherung übernehme. Das sei der einzige Weg, der eine ersprießliche Unfallversicherung garantiere.
In der Kommiffionsberatung erklärte sich eine 4 s-Mehrheit gegen einen Zuschuß des Reiches zu der Unfallentschädigung. Die Industrie habe die Unfälle zu entschädigen.
Da die Regierung jedoch aus den Reichszuschuß bestand, scheiterte das von der überwiegenden Mehrheit des Reichstages angenommene Gesetz, welches den Reichszuschuß ausschloß.
Aus dieser Darlegung der nackten Tatsachen ergibt sich, wie lächerlich und zugleich boshaft die Behauptung der sozialdemokratischen Presse ist, das Zentrum habe dem Zustandekommen eines Unfallversicherungsgesetzes im Anfänge Widerstand entgegengesetzt, was natürlich so ausgelegt wird, als sei das Zentrum ein Gegner der Unfallversicherung gewesen. Ganz im Gegenteil hat das Zentrum auf eine beffere Versicherung der Arbeiter gegen Unfälle durch Anträge im Jahre 1877 und 1878 und durch eine Interpellation im Jahre 1879 hingedrängt und zwar eher als die Sozialdemokratie. Das Zentrum hat aber, als die Regierung nach langem Sträuben im ersten Gesetzentwürfe einen falschen Weg einschlug, gegen diesen mit einer Mehrheit im Reichstage Widerstand erhoben. Wie recht und gut das Zentrum damit tat, ist heute wohl allgemein anerkannt. Die Reichsregierung mußte nämlich von ihren Absichten absehen und in dem grundlegenden Unfallversicherungsgesetze von 1884 die beiden Forderungen des Zentrums auf Beseitigung des Reichszuschusses und auf die Bildung von korporativen Verbänden (Unfall - Berufs- genosfenschaften) eingehen. Natürlich stimmte die Sozialdemokratie auch gegen dieses Unfallversicherungsgesetz von 1884.
Letztere Tatsache allein zeigt schon die Lächerlichkeit der sozialdemokratischen Angriffe gegen das Zentrum. Hat doch die Sozialdemokratie bis zum Jahre 1899 durch ihr stetiges Niederstimmen aller Gesetze zum Schutze der Arbeiter genügend gezeigt, daß ihr auch nicht das geringste Verdienst daran zukommt, daß gegenüber den früheren mißlichen Zuständen eine erhebliche Besserung eingetreten ist. Und solche Leute wollen sich dann an dem Zentrum reiben und demselben Arbeiterfeindlichkeit nachweisen !
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Unpolitische Zeitkäufe.
(Nachdruck verboten.)
(0 Berlin, 21. Mai 1903.
Himmelfahrtstag! Erhaben und lieblich zugleich ist das Fest. Die Herzen aufwärts und die Körper in Mailuft und Sonnenschein! Man sollte es nicht glauben, daß so ein herrliches Fest in einem christlichen Staate abgeschafft werden könnte. Aber der „alte Fritz" von Preußen war prosaisch genug, bei der Verminderung der Festtage im Jahre 1773 auch das Himmelfahrtsfest zu" streichen. Sein Nachfolger aber stellte im Jahre 1789 die Himmelfahrtsfeier wieder her wegen ihrer „vorzüglichen Wichtigkeit", wie es in dem Erlasse heißt. Wie in Preußen, so ist auch sonst dieser Tag ein gemeinsames Fest der christlichen Bekenntnisse geblieben.
Dieses Jahr wird in deutschen Landen die stille Erbauung uno religiöse Herzerhebung etwas leiden unter der Wahlbewegung. Der Feiertag, der in die 4. Woche vor |ber Wahl fällt, muß ausgenutzt werden für Wahlversammlungen. Nach dem Pfarrer predigen auch noch weltliche Redner über politische Dinge. Das schadet auch nicht, wenn nur die Christen nicht vergessen, an die Dinge dieser Welt den Maßstab des Himmelreiches zu legen.
Ja, ist es denn überhaupt „modern", von einem „Himmel" zu reden? Die „Aufgeklärten" tun ja so, als ob sie haarscharf bewiesen hätten, daß es überhaupt keinen übernatürlichen Himmel gibt, fein ewiges Leben jenseits des Grabes, kein Gericht und keine Belohnung und feine Strafe. Sie tun so, aber sie wiffen gar feinen Bescheid im Jenseits. Die Wissenschaft kann über die
Grenzmauer der diesseitigen, sichtbaren Welt nicht hinauskommen; im Himmel weiß nur der Glaube Bescheid, und wenn die christliche Offenbarung uns ein ewiges Leben im Himmel oder in der Hölle in Aussicht stellt, so befriedigt das zugleich unsere Vernunft. Denn wir sehen und fühlen ja doch, daß die irdischen Glücksgüter sehr ungleich und anscheinend ungerecht verteilt sind, daß also ein Ausgleich im Jenseits notwendig ist. Ohne den Himmel hat die ganze Welt keinen Sinn und Verstand.
Ob es modern ist, vom Himmel zu sprechen? Heutzutage ist das Glauben und Bekennen noch viel mehr in Mode, als z. B. vor hundert Jahren, zur Zeit der sogen. „Ausktärung". Der christliche Glaube, der damals schon von der Philosophie mausetot gemacht sein sollte, lebt noch und hat sich sogar zu einer Art von neuer Blüte aufgeschwungen. Religion und Glauben haben jetzt viel mehr Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten, wie im vorletzten Jahrhundert, und in den gebildeten Kreisen ist das Bekenntnis zum christlichen Glauben wieder recht häufig geworden. Ein bedenklicher Rückgang zeig! sich dagegen in den unteren Volksschichten; namentlich bei den protestantischen Arbeitern ist die Verführung zum Unglauben, ja zur vollen Gottlosigkeit schrecklich weit vorgeschritten in Folge der sozialdemokratischen Agitation. Wo die Sozialdemokratie hinkomml, da wächst kein Glaubensgras mehr.
Und diese Partei der ausgesprochenen Gottlosigkeit sieht sich doch noch gezwungen, aus Rücksicht auf die religiösen Gefühle, namentlich der katholischen Arbeiter, sich ein Mäntelchen umzuhängen. Die roten Bauernfänger, die jetzt in Rheinland und Wesffalen herumgehen, versichern hoch und teuer, daß Religion Privatsache sein und bleiben solle und die Sozialdemokratie jeden nach seiner Fasson selig werden lassen wolle. O diese Samtpfötchen! Bis daß sie das Opfer eingefangen haben — dann geht die Verspottung und Verhöhnung wegen des Glaubens los, dann wird durch die Reden in den Werkstätten, auf den Wegen, in den Versammlungen, durch Flugblätter, Zeitungen, Broschüren rc. den Leuten der Unglaube mit Pfaffenhaß und Gottesleugnung langsam, aber sicher eingetrichtert.
Daß die Sozialdemokratie in ihrem Wesen ungläubig ist und zumjUnglauben führen muß, kann man am Himmelfahrtstage recht leicht erkennen. Ihr Grundgedanke ist: Es gebe keinen Himmel im jenseits, also müsse man sich den Himmel auf Erden machen.
Dabei machen sie den christlichen Parteien den Vorwurf, sie wollten die Leute mit der Anweisung auf den Himmel im jenseits abspeisen und ihnen die Hölle auf Erden zumuten. Das ist gelogen; denn die christlichen Parteien, vor allem das Zentrum, streben mit allem Eifer und vielem Erfolg danach, den Schwachen und Bedrückten schon im Diesseits ihr Los möglichst zu erleichtern. Sonderbar: Gerade das Zentrum und die übrigen Freunde der christlichen Sozialreform haben für die Gesetze gestimmt, die den Arbeitern besseren Schutz in den Werkstätten und Versorgung bei Krankheit, Unfall und Siechtum gewähren; die roten Worthelden aber haben gegen diese Wohltaten gestimmt.
Wenn's ginge, möchten wir gerne alle Leute in zwei Himmel verhelfen, hier schon: einen irdischen Himmel, und dort: den ewigen, übernatürlichen Himmel. Es geht aber nicht; denn man mag es anstellen wie man will, auf Erden kommt kein Himmel heraus. Schiller war ein „aufgeklärter" Dichter, aber er hat doch gesagt:^, Des Lebens ungemischte Freude ward keinem Sterblichen zu teil!" Er glaubte also auch nicht an den Himmel auf Erden.
Es gibt Kurpfuscher, die da sagen, sie könnten alle Leute gesund machen; ipir Narren glauben ihnen und werden durch Schaden klug gemacht Nicht besser, wie diese Kurschwindler, sind die politischen Schaumschläger, welche den Leuten vorgaukeln, sie könnten ihnen den Himmel aus Erden verschaffen. Das ist eine blanke Unmöglichkeit ; denn wie man auch die Ordnung in dieser Welt gestalten mag, es bleibt immer eine riesige Portion von Unglück übrig, wogegen sich nichts machen läßt. Die bloße Geldfrage gibt nicht den Ausschlag; sonst müßten ja alle Leute glücklich fein, die so viel Einkommen ober Vermögen haben, daß sie von der Sorge um's tag- liche Brot nicht belästigt sind. Haben dann aber diese „Bourgeois" wirklich den Himmel auf Erden?
Zunächst fehlt es ihnen nicht an Sorgen; denn es gibt noch viel mehr Sorgen, als die um das tägliche Brot. Johann der muntere Seifensieder verlernte das Singen, als er sorgenvoller Besitzer geworden war.
Dann kommt der A e r g e r über Enttäuschungen, Fehlschläge, Zurücksetzungen und Kränkungen, mißratene Kinder und sonstige häusliche Miß
helligkeiten. Wer Augen hat, zu sehen, der kann das oft genug beobachten, daß der gesunde Arbeiter, der mit seiner braven Frau und seinen muntern Kindern fein leidliches Auskommen hat, ein viel glücklicheres Leben führt, als der reiche freie Mann, der sich in Sorgen und Verdruß aufreibt und aus den Genüssen, in die er sich zur Betäubung stürzt, nur neuen Aerger schöpft. Und läßt sich der Kummer aus der Welt schaffen? Nein, wie man auch den „Zukunftsstaat" sich ausmalen mag, es hausen immer Menschen mit Menschen zusammen, und da gibt es gekränkte Hoffnungen, enttäuschte Begierde^, Feindschaft und Zorn, Reue und Verzweiflung. Wer einen Himmel auf Erden schaffen wollte, müßte erst die Menschen zu lauter Engeln machen. Das wird aber unseren roten Künstlern nicht gelingen. Sie sehen selber gar nicht nach Engeln aus. Ich fürchte, daß in ihrem Zukunftsstaat mehr Teufel- chen als Engelchen sich breit machen werden.
Aber wenn nun auch das große Wunder gelingen sollte, den Menschen die Sorge unth den Aerger vom Halse zu nehmen, so würde doch der irdische Himmel noch an der Krankheit und dem Tode scheitern. Krank sein, ist ein Unglück, und dem Menschen ist Krankheit de- schieden. Ein großer Teil der Menschen leidet schwer unter der Krankheit, und zwar ohne eigene Schu'd, während andere viel weniger heimgefucht werden, obschon sie gegen ihre Gesundheit freveln. Und ausnahmslos sind wir allzumal dem Tode verfallen. Der Gedanke an Siechtum und Tod ist uns schrecklich, der Tod selbst ist immer bittere Qual. Wie kann man von einem Himmel auf Erden reden, so lange es Schmerzenslager und Särge gibt?
Also wer zum Himmel will, der muß wirklich eine Fahrt antreten; er muß hinaus aus diesem Tal der Sorgen und Kümmernisse, der Krankheit, der Not und des Todes. Er muß ausfahren gen Himmel, denn hier ist kein Heim des Glückes und hier kann auch kein Himmel geschaffen werden, weil das Unglück auf Erden sich durch Menschenkraft und Menfchen- witz nicht ausrotten läßt.
Also wer da sagt, man sollte den Glauben an den jenseitigen Himmel fahren lassen und sich an den Himmel auf Erden halten, der raubt dem Menschen eine beseligende Hoffnung und gibt dafür keinen Ersatz. Aber wer da sagt: Kommt, wir wollen hoffen und streben nach dem Himmel im Jenseits und unterdessen mit vereinten Kräften uns die irdische Uebergangszeit so mild wie möglich zu gestalten suchen! — Der bietet den Leuten etwas Reelles, nämlich Erleichterungen in den unvermeidlichen liebeln des Diesseits und zugleich die Aussicht auf ein ewiges Glück, das die Mängel des Diesseits richtig wett macht.
Früher waren alle vernünftigen Leute einig darin, daß die Zufriedenheit die Wurzel alles Glückes sei. Jetzt gibt es Volksverführer, welche die Zufriedenheit für das schlimmste Laster erklären und die ganze Welt so unzufrieden als nur möglich machen wollen. Das Komische dabei ist, daß sie zugleich sich als die Glückbringer der Menschheit ankündigen. Wer die Leute unzufrieden macht, macht sie unglücklich. Wer aber die Leute zufrieden macht, sorgt für ihr Glück.
Man sagt nun, wer zufrieden fei, sei nicht strebsam. Das ist nicht richtig: die wahre Zufriedenheit soll nicht faul und gleichgiltig machen; am allerwenigsten tut das die christliche Zufriedenheit. Denn die Herzensruhe, die in der Religion wurzelt, ist von Pflichttreue begleitet. Der Christ ist zufrieden in der Hoffnung auf die göttliche Gnade und Gerechtigkeit, aber dabei weiß er recht gut, was ihm und feinen Genossen noch abgeht und was mit vereinten Kräften vielleicht zu erreichen ist. Dahin strebt er und erreicht bei seinem besonneren Vorgehen mehr, als der unzufriedene Nachbar. Der Eine geht seinen Weg mit munterem Schritt und heiterer Miene, der Andere stapft mürrisch einher und stößt scheltend an jeden Baum und jeden Stein, der im Wege steht, statt ihn klug zu umgehen.
Es gäbe keine Gerechtigkeit in der Welt, wenn nicht im Jenseits eine Vergeltung auf uns wartet, die vollen Ausgleich gibt für das Geschick und das Verhalten der Menschen im Diesseits. Es gäbe keine Zufricdenheit, wenn wir nicht hoffen könnten auf den Ersatz für die Mängel und die Belohnung für die Leiden. Es gäbe kein Glück auf Erden, wenn nicht das Glück im Jenseits wartete auf alle die, welche guten Willens sind und dem Auferstandenen und Aus- gefahrenen zu folgen suchen, so gut sie es vermögen.
Die Sozialdemokraten haben gar keinen Himmel, weder hier noch dort. Die Christen haben anderthalb Himmel, den vollen im Jenseits und den halben hier in der Hoffnung und Zusiiedenheit.