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Ml.i.-.-rf'J«

M 116.

fUlda, Samstag, den 23. Mai 1903.

30. Jahrgang.

Erstes Blatt

*. Reichsdeutsche „freie wiffenschaft" zur Rettung Oesterreichs.

Nicht genug, daß Pfarrer, Superintendenten, evangelische Bündler und Gustav-Adolf-Vereinler von Deutschland aus durch Geld und Agitation die Los - von - Rom - Bewegung in Oesterreich unterstützen, jetzt kommen auch noch die „Führen­den Geister der deutschen Wissenschaft", d. h. eine Anzahl reichsdeutscher Professoren, die sich für führende Geister der Wissenschaft halten, und wollen in Oesterreich die Wissenschaft vor den Bestrebungen des „Klerikalismus" retten.

Die Katholiken Oesterreichs planen bekanntlich die Errichtung einer katholischen Universität in Salzburg. Man braucht wohl kaum an die durch die Ernennung Dr. Spahns zum Professor in Straßburg hervorgerufenen „Bewegung" zu erinnern, um sich zu sagen, daß die „Voraus­setzungslosen" an den Universitäten darin ein Attentat auf die freie Wissenschaft erblicken. Daß an einer katholischen Universität die Freiheit der Wissenschaft ausgeschlossen ist und es sich nur um ein Institut zur Volksverdummung und Geistesknechtung handelt, steht ja ohne weiteres fest. Daß man dagegen kräftig auftreten muß, unterliegt für einen „Voraussetzungslosen" keinen Augenblick irgend welchem Zweifel. So hat sich denn aus deutschen Professoren ein „Verein für wissenschaftliche Ferialkurse" gebildet, der in Salz­burg die Gegenarbeit beginnen soll. Dem Aus­schuß gehören u. a. an die Professoren PH. Mommfen, Lamprecht, Sombart, van Litzt, Dahn, von Below, Th. Ziegler.

Dieser Ausschuß „führender Geister der deut­schen Wissenschaft" schämt sich nicht, mit einem Aufruf an die Oeffentlichkeit zu treten, den jedes beliebige Mitglied des evangelischen Bundes ebenso gut verfoßt haben könnte. Ms heißt darin, die „unendlich große Macht des Klerikalismus",stehe hinter dem Universitätsverein, der sich zur Auf­gabe gestellt habe, „mitten im deutschen Volks­gebiete in Salzburg eine Zwingburg gegen die freie Wiffenschaft zu errichten." Diesem „Kampf­verein" gegenüber sei es Pflicht der Akademie, die freie Wiffenschaft und die Grundsätze des modernen Staates zu verteidigen. Solche kläg­liche Phrasen können doch nur Leute von hervor­ragender 'geistiger Beschränktheit verhüllen, worum es sich für die „Führenden Geister" handelt, nämlich: zu verhindern, daß in Oesterreich eine Wiffenschaft gelehrt werde, die nicht die Appro­bation der Herren erhalten hat. Für freie Wissen­schaft schwärmen sie vorgeblich, und dabei wollen sie nicht dulden, daß unter ihnen und ihren Ge­sinnungsgenossen jemand Wissenschaft verbreite. Es ist immer die alte Geschichte: Freiheit, die „ich" meine, Wiffenschaft, die „ich" meine.

Müßte man bei diesen „führenden Geistern" nicht ein unerschütterliches Unfehlbarkeits- und

Ueberlegenheits - Bewußtsein voraussetzen, man würde notwendig auf den Verdacht geraten, daß sie die „Konkurrenz" der katholischen Universität fürchteten. So aber bleibt oben nur die mit Hochmut gepaarte Unduldsamkeit als Erklärungs­grund übrig. Daß sie nun mit wiffenschaftlichen Ferialkursen in Salzburg Oesterreich vor der „klerikalen Wiffenschaft" retten zu können glauben, ist auch gerade kein Zeichen übertriebener Be­scheidenheit. Die Herren bilden sich ein, wenn sie im Herbst ein halbes oder ganzes Dutzend von Vorträgen hielten, werde Oesterreich gegen das klerikale Gift immunisirt sein. Und wenn erst die katholische Universität in Betrieb ist, denken sie wohl auch in ein paar Ferienwochen all das „klerikale" wissenschaftliche Unkraut wieder aus­rotten zu können, das dort in zwei Semestern gesät worden ist.

So ganz klar ist uns freilich der Gedanken­gang der „führenden Geister" nicht. Das vor­läufige Programm der im August und September abzuhaltenden Kurse umfaßt fast ausschließlich nationalökonomische Gegenstände. Es ist nicht so recht abzusehen, wie mit diesen Kursen die „Zwingburg gegen die freie Wiffenschaft" zerstört werden soll. Vielleicht sollen sie den Oesterreichern zeigen, was wahre freie Wiffenschaft ist, so daß sie jeden Geschmack an der „klerikalen" Wissen­schaft verlieren. Aber man überschätzt da doch wohl ein ganz klein wenig die Macht der deutschen Wissenschaft, zumal da man die „klerikalen" Studenten doch nicht zwingen kann, die Kurse zu besuchen oder sonst von ihnen Notiz zu nehmen. Und seltsamer Weise rechnen die Veranstalter gar nicht einmal lediglich auf österreichische Studenten. Sie wenden sich in ihrem Aufrufe ausdrücklich auch an deutsche Studenten, die nach Salzburg kommen sollen, um die Kurse mitzumachen. Wo­zu denn das eingentlich?

Wir können in dem Unternehmen der „führen­den Geister" nichts sehen als eine teils kindische, teils anmaßende Demonstration gegen die katho­lische Universität. Anmaßend finden wir es vor allem, daß deutsche Professoren sich auf diese Weise in österreichische Dinge mischen und eine parteipolitische, agitatorische Tätigkeit jenseits der deutschen Grenze entfalten. Denn, daß es sich nicht lediglich um die Wissenschaft, sondern um eine Partei und um Kliquen-Treiberei handelt, liegt ja auf der Hand. Was würden unsere Voraus­setzungslosen wohl sagen, wenn österreichische katholische Professoren einen Verein bilden würden, um in einer protestantischen deutschen Universitätsstadt, etwa Rostock oder Halle, Vor­träge zu veranstalten mit dem ausgesprochenen Zweck, die an der Universität vertretene wissen­schaftliche Richtung zu bekämpfen? Die Ent­rüstung über diese unverschämte klerikale An­maßung und Herausforderung würde keine Grenze finden. Fiat applicatio!

Und was würde wohl die Staatsgewalt zu einer solchen Unverschämtheit sagen? Die Veran­stalter der „Ferialkurse" würden mit beschleunigter Geschwindigkeit über die Grenze zurückexpediert werden. In Oesterreich haben die Herren „führen­den Geister" so etwas ja nicht zu befürchten, dazu ist das Land zu „klerikal" und noch zu wenig

Consuelos Schicksale.

Novelle von Marg. Schlichter.

15 (Nachdruck verboten.)

Dieser hatte ihm die Pistole entreißen wollen, dabei war der Hahn losgegangen und aus Egons vermessenem Spiel war furchtbarer Ernst geworden.

Einen Augenblick starrte der Vater ans die Leiche zu seinen Füßen. Dann stieß er einen markerschütternden Schrei aus, wie man ihn bei Wahnsinnigen in ihrem höchsten Paroxysmus zu hören pflegt. Gleichzeitig öffnete sich die Tür; die Baronin und Florentine standen auf der Schwelle und blickten bleich vor Schrecken auf das furchtbare Schauspiel, das sich ihnen bot.

Hinter ihnen stand die herbeigeeilte Dienerschaft. Das gräßliche Ereignis hatte auch ihre Tatkraft ge­lähmt, uno mit entsetzten Mienen sahen sie bald auf den in seinem Blute schwimmenden Sohn, bald auf den im Irrsinn redenden Vater:

„Er ist tot, Clemens ist tot; meine Kugel hat ihn getroffen; aber sagt es niemandem, daß ich eS getan habe; sie meinen ja, ich habe den Rehbock ichteßen wollen. Hahahaha, der Rehbock! Nein, heute habe ich ein besseres Wild erlegt. Aber ich will ihn verbergen und nach Hause gehen und fragen: Wo ist Clemens? Wer sieht es mir denn an, daß ich eS ge­tan habe? Sehe ich denn aus wie ein Mörder? Wie einer mit dem Kainszeichen auf der Stirn9 Aber seine Rechte? Seine Erstgeburt? Was nutzen sie ihm nun? Hahahaha, die Erstgeburt!" —

Und mit stieren Blicken, aus denen deutlich der Irrsinn spurch, näherte er sich dem am Boden Liegen­den, beugte sich über ihn und tastete nach der Wunde auS der das Mut langsam hervorquoll.

In diesem Augenblick stürzte sich auch die Baronin

auf Egon, nahm sein erkaltendes Haupt in ihren Arm und schloß ihm die brechenden Augen. Da sprang der Baron voll Entsetzen, immer die Leiche im Auge behaltend, in eine Ecke des Zimmers:

„Was, kommt Ihr schon, Ihr vom Gericht, und wollt mich holen? Ich schwöre Euch, ich hab es nicht getan; aber ich will tun, was Egon tun wollte; ein Knall, dann ist's aus und alles ist umsonst gewesen. Alles, alles und doch war's so schlau gemacht. Hier der Wechsel mit Vaters Unterschrift; eine ganze Baronin ist es mir wert, dies Blatt Papier, das der Teufel unterschrieben hat. Hahahaha! dafür habe ich mich ihm verschreiben müssen. Nun kommt er schon und will mich holen! Nein, nein, ich gehe noch nicht mit!"

Und mit einem Satz flog er an die andere Seite des Zimmers, wo seine Jagdflinte hing. Aber im elben Augenblick stürzten Rudolf und der alte Fried­rich herbei.

Ersterer war gerade gekommen, um sich von der Familie zu verabschieden und bei dieser Gelegenheit eine Unterredung mit Consuelo nachzusuchen; er war aus dem Militärdienst ausgetreten und im Begriff, in seine Heimat zu reifen.

Sie hinderten den Baron an seinem Vorhaben, der sich dabei wie ein Rasender geberdete.

„Laßt mich los! Laßt mich los! Der Himmel will seine Rache. Erst der Bruder, dann der Sohn, dann der Mörder, alle fahren sie hinab zur Hölle!"

Wer beschreibt die Qualen der Baronin während dieser schrecklichen Augenblicke? Endlich erschien der Arzt, den einer der Diener herbeigeholt hatte. Er konnte nur noch Egons Tod konstatieren. Dann wandte er sich mit einem Gemisch von Grauen und Mitleid gegen den Baron; er war seit Jahren, so ost die Familie in der Residenz weilte, ihr Hausarzt ;ewesen, kannte das Nervenleiden des Barons seit einem ersten Stadium und batte lange vorausaesehen, daß sich dereinst ein unheilbarer Wahnsinn voraus entwickeln Mrdch Die heuttge furchtbare Erschütterung

von der „freien Wissenschaft" erleuchtet. Das Beispiel der aus Deutschland herübergekommenen Los-von-Rom-Hetzer zeigt ja, was man sich dort in hergebrachter „Gemütlichkeit" alles gefallen läßt. Die Herren Professoren sollen sich also nur nicht etwa einbilden, daß sie ein Heldenstück zu unternehmen im Begriffe seien. Sie haben auf eine ganz andere Kennzeichnung ihres Tuns Anspruch. Daß die Anregung, wie es scheint, von liberalen Wiener Professoren ausgegangen ist, entschuldigt sie nicht int geringsten. Würde man doch auch in dem genannten umgekehrten Falle österreichische „klerikale" Professoren keines­wegs für entschuldigt halten, wenn sie auf Ein­ladung deutscher katholischer Kollegen nach Rostock oder Halle kämen.

Der Erfolg der kindischen Demonstration wird schwerlich derartig groß sein, daß sich die Freunde der katholischen Universität Salzburg schwere Sorgen darum zu machen brauchten. Aber den leidigen Hader in Oesterreich werden unsere Vertreter der „freien Wiffenschaft" voraussichtlich um ein beträchtliches vermehren. Ob die Oester- reicher uns für diesen Beweis der uns mit ihm verbindenden „Kulturgemeinschaft" dankbar sein werden, erscheint uns recht fraglich.

Berlin, den 22. Mai 1903.

** Zu dem bevorstehenden Rücktritt des Oberpräsidenten Fürsten Hatzfeld schreibt die ,Nordd. Allgem. Ztg/: „In einem hiesigen Blatte (,National-Zeitung') ist ausgeführt worden, der gegenwärtige Oberpräsident von Schlesien habe die Interessen der Provinz nicht genügend vertreten und die Staatsregierung über die un­erfreuliche Entwickelung der Verhältnisse im un­klaren gelaffen. Wir halten uns für verpflichtet, hiergegen hervorzuheben, daß kaum für eine Provinz des preußischen Staates so viel geschehen ist, als für die Provinz Schlesien während der Amtszeit des gegenwärtigen Oberpräsidenten. Für den bevorstehenden Rücktritt des Herzogs zu Trachenberg ist lediglich der in seinem Ab­schiedsgesuche angegebene Grund eines schweren und sich allmählich verschlimmernden Augenleidens maßgebend." In der Presse wird noch immer darüber giftritten, ob Fürst Hatzfeld sein Ab­schiedsgesuch eingereicht habe. ' Die Erklärung der ,Nordd. Allg. Ztg/ macht diesem Streite ein Ende. Auffallend ist es, daß sie über die Polenfrage gänzlich schweigt und nicht einmal den doch von ihr selbst erwähnten Vorwurf zurück­weist, daß Fürst Hatzfeld die Regierung über die Verhältnisie in Oberschlesien im unklaren gelaffen habe. Die,Postt versichert, der Grund für den Rücktritt des Oberpräsidenten liege lediglich in seinem Augenleiden, und bemerkt weiter: „Diffe­renzen mit irgend welchen maßgebenden Instanzen sind nie vorgekommen, im Gegenteil besteht zwischen diesen und dem Herzog vollständige Uebereinstimmung über die Verhältnisse in

hatte denselben plötzlich zum Ausbruch gebracht, und der Arzt sah ein, daß seine Kunst hier nichts auszu­richten vermochte.

„Gnädige Frau, lassen Sie Ihren Herrn Gemahl fernen Augenb ick allein; eS ist dies für seine und Ihre Sicherheit notwendig. Ich werde Sorge tragen, daß er noch heute Aufnahme in einer Irrenanstalt findet."

Die Baronin verstand kaum, was er sagte. Egons jähes, entsetzliches Ende hatte sie selbst saft dem Wahn­sinne nahe gebracht. Mit Mühe gelang es Florentine und Rudolf, sie von der Leiche des Sohnes zu ent­fernen, und während ersterer die für die Aufbewahrung derselben erforderlichen Anordnungen traf, war Florentine um ihre Mutter bemüht,

Als Consuelo und Adelheid später von ihrem Spaziergange zurückkehrten, wurden sie von Rudolf in Empfang genommen, der ihnen das Geschehene so schonend tote möglich mitteilte. Hand in Hand begaben sie sich in das Zimmer der Baronin. Consuelo vermochte vor innerer Bewegung kein Wort über ihre Lippen zu bringen; aber die innigste Teilnahme sprach aus ihren großen, dunklen Augen. Adelheid warf sich leidenschaftlich schluchzend an den Hals der Mutter, die noch immer ttänenloS vor sich hinblickte. Aber für den tiefen Schmerz deS zu Eis erstarrten Mutter­herzens hatte daS Kind kein Verständnis; auch in Florentinens Wesen fand es keinen Widerhall seiner Gefühle. So schmiegte es sich denn scheu an seine geliebte Erzieherin, die das arme Kind mit auf ihr Zimmer nahm und eS tröstete, so gut sie konnte.

Als der Abend angebrochen war, ruhte der Leichnam von prächtigen Gewächsen umgeben; brennende Kerzen erhellten den traurigen Raum, und über dem ganzen Hause lag jene tiefe, traurige Stille, welche die Majestät des Todes um sich zu verbreiten pflegt.

Die Baronin und ihre ältere Tockiter faße-, noch immer bei einander, beioe von demselben furchtbaren Gedanken erfüllt, mit dem sie ihr Gehirn zermarterten und den sie vergebens vor einander zu verbergen

Schlesien, sowie über die Art, wie die polnische Bewegung, über welche er seit Jahren eingehend berichtet hat, zu bekämpfen ist."

** Nach dem Ergebnisse der letzten Volkszählung hat in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrzehntes in Preußen die Zahl der Katholiken verhältnismäßig stärker zugenommen, als die der Protestanten. Insbesondere ist die Zunahme der Schulkinder katholischer Konfession nicht nur relativ, sondern auch ab­solut größer gewesen, als die der evangelischen Schulkinder. „Man dürfte, so schreiben die,Berl. Polit. Nachr/, „in der Annahme nicht fehl gehen, daß diese bei den Stärkeverhältniffen der evan­gelischen Bevölkerung auffallende Erscheinung in ursächlichem Zusammenhänge mit der starken Ein­wanderung slavischer Arbeiter in den Jndustrie- gegenden steht, die während der Zeit der indu­striellen Hochkonjunktur bei dem Mangel an aus­reichenden inländischen Arbeitskräften eingetreten ist.

** Die Sommerkonferenz der Vorstände der Preußischen Landwirtschaftskammern findet am 7. und 8. Juli in Danzig statt.

** lieber eine Geheimorganisation der Sozialdemokraten hat ein ehemaliger So­zialdemokrat Franz Fricke in Dresden, der als langjähriger Agitator und Mitglied der sozial­demokratischen „Interne" genau unterrichtet sein will, in einer Broschüre „Enthüllungen" gemacht. Wir haben zwar vorläufig kein richtiges Vertrauen zu diesen „Enthüllungen", von denen die Scharf- macherpreffe viel Aufhebens macht. Aber auf­fallend finden wir es mit dieser Presse doch, daß der „Vorwärts", der doch sonst auf alles, was die Gegner der Sozialdemokratie vorwerfen, ebenso prompt wie klobig antwortet, hier noch immer kein Wort gesagt hat.

** In Anerkennung seines Kampfes gegen den Militarismus hat der elsässische Bankier Charles Stähling, welcher vor einigen Tagen starb, dem Reichstagsabgeordneten Bebel zehn­tausend Francs testamentarisch vermacht.

** Der bayerische Ministerpräsident Freiherr v. Podewils wird, wie das Wolff'sche Bureau aus München meldet, sich am Montag nach Berlin begeben.

Ausland

* Paris, 22. Mai 1903. Die Pariser De­putierten beschlossen, am nächsten Dienstag in der Kammer einen Antrag auf Herabsetzung des Eingangszolles auf Getreide um 2 Franks für den Zentner einzubringen. — In dem heute im Elyfie zufammengetretenen Mini­sterrate teilte Ministerpräsident Co mb es die Maßregeln mit, die der Gouverneur von Algier vorgeschlagen hat, um die Sicherung der marokka­nischen Grenze zu wahren. Der Ministerrat nahm dis Maßnahmen an, die als notwendig anerkannt waren. — Mit einem Siege des Ministeriums Co mb es hat leider am Mittwoch die kirchen- politische Debatte in der französischen Deputierten-

suchten. „Wie, wenn etwas Wahres daran wäre, was der Vater in seinem Irrsinn geredet? Stand ihnen dann nicht noch eine entsetzliche Entdeckung bevor. War des Vaters Nervenleiden vielleicht nichts anderes, als die rastlose Qual eines von Selbstvorwürfen ge­peinigten Gewissens?

Und drunten in der Gefindestube steckte schon die Dienerschaft die Köpfe zusammen und tuschelte und tauschte ihre Vermutungen aus, bis die Nacht sich herabsenkte und der Schlaf, der Bruder des Todes, ein Auge nach dem anderen schloß und selbst die Baronin und ihre Tochter für kurze Zeit der schrecklichen Wirklichkeit enthob. Aber schrecklicher war für sie das Erwachen am anderen Tage, der ihnen die Ereignisse des voraufgegangenen so viel deutlicher vor die Seele führte.

Rudolf war in diesen Tagen ihr einziger Trost und ihre Stütze. Er reifte, nachdem alle aus Anlaß des traurigen Falles notwendig gewordenen Formali­täten erledigt waren, zu den Großeltern Egons, um sie mit möglichster Schonung von dem Geschehenen in Kenntnis zu setzen. Diese ertrugen den doppelten Schlag, der sie getroffen, mit jener Ergebung, die eine Frucht der hatten Schule der Leiden und Trübsale ist.

„Herr, dein Wille geschehe," sprach die Matrone mit einem schmerzlichen Blick auf das Kruzifix an der Wand und in stummem Einverständnis erfaßte ihr Gatte ihre Hand und folgte der Richtung ihres ttänenumflotten Auges.

Rudolf brachte für ihre Schwiegertochter und Enkelinnen eine herzliche Einladung der alten Leute mit, die ersten Wochen des gemeinsamen Schmerzes bei ihnen zuzubringen. Zwei Tage später wurde die Leiche Egons unter pomphafter Begleitung zur Eiken- labnstation geleitet, un- nach Lahrcnstem üverfügrt zu werden. Im selben Zuge kehrte auch die Baronin und ihre Töchter mit der Erzieherin dorthin zurück, mit ganz anderen Gefühlen, als sie es vor kurzer Zeit verlaffen hatten.