Einzelbild herunterladen
 

Erscheint tS-lich, «it A,5nahme »er $♦**« ««d Zeiertn-e. viertel. ,Shrl.ve;«-rpreir ,hn« vringerlohn *n» »efteLgeldinZuldaun» auswärts 1 Ult. 50 pfg.

Verantwortlicher Schriftleiter-L.Wetzler für die Inserate Z. Parzelle» in Znlda.

Zul-aer W Zeitung

Wochenbeilage: „Illustrierte Somitagszeitung" Monairbeilage: „Zuldaer Geschichtsblätter".

Anzeisen: Vie thw spaltige Petitzeile oder deren San« 15 pfg. Reklamen die petitzeüe 25 pfg.; bei WieXfr Holungen wirb eutspk. Rabatt gewährt.

Druck «nb Verlag der Zuldaer Actrendr uckerei in Zulba (Harmonie^. Zernsprecher Nr. 9.

fuldä, Samstag, den 23. Mai 1903.

30. Jahrgang.

M 116.

Wochen-Rundschau.

(Nachdruck verboten.)

□ Fulda, 23. Mai 1903.

Der Kaiser wohnte in Metz der Enthüllung des Hauptportals des Domes bei und benutzte die Gelegenheit zu einer Ehrung der anwesenden Kirchen­fürsten. Der hl- Vater hatte sich eigens durch Kardinal Kopp bei der Feier vertreten lassen. Außer dem Bischöfe Benzler war dann auch noch der Erzbischof Fischer von Köln zugegen. Der Kaiser überraschte den Kirchenfiirsten mit der ihm vom hl. Vater ge­wordenen Nachricht, daß er demnächst den Kardinal­purpur erhalten werde. Tie protestantischen Hetzer von Beruf fabeln angesichts der Besuche in Rom und Metz das tollste Zeug über die Pläne und Erfolge der katholischen Kirche. Viel fehlt nicht, daß fie be­haupten, der Kaiser wolle katholisch werden. Hoffent­lich bleibt die Masse diesem Lärm gegenüber gleich­gültig. — Die Wahlbewegung nimmt in bis­heriger Welse ihren Fortgang: Viel Konfusion, namentlich unter den Liberalen (in München z. B. haben die Nationalliberalen es fertig gebracht, in dem einen Wahlkreise einen Zollgegner, in dem anderen einen Zollfreund aufzustellen, und in beiden hoffen fie auf die Unterstützung der Freisinnigen und National­sozialen) und viel Geschimpfe. Die sozialdemo­kratische Presse vor allem zeichnet sich durch Roheit des Tones aus. Doch ist die liberale Presse dort, wo fie sich auf Kulturkämpferei und Zentrumshetze ver­legt hat, vielfach nicht wesentlich besser. Ueber die Wahl­ausfichten läßt sich natürlich etwas Zuverlässiges nicht sagen. Doch darf man wohl behaupten, daß die Dinge für das Zentrum im Allgemeinen recht günstig stehen. Schwierigkeiten, wie fie stellenweise in Ober­schlesien vorliegen, sind Ausnahmen. Die liberale, insbesondere die nationalliberale Presse klagt über Lässigkeit und Gleichgiltigkeit der Wählermassen.

In Württemberg wird wahrscheinlich eine Reform der Einkommen- und Vermögenssteuer zu ?lande kommen. Die seit 7 Jahren gemachten Verb­uche scheiterten stets am Widerstande der 1. Kammer. Das Abgeordnetenhaus hat jetzt einen Mittelweg eingeschlagen. Die Einkommen über 100000 Mark sollen mit 41/2°/0, die von 200000 Mark mit 5°/0 her­angezogen worden.

Oe st erreich hat nicht die Einrichtung allge­meiner Katholikentage; die einzelnen Länder halten sich auch bei diesen Veranstaltungen für sich. In Wien fand so vor einigen Tagen der dritte nieder­österreichische Katholikentag statt. Daß nur 2000 Per­sonen daran teilnahmen, erscheint uns in Deutschland etwas gering. Die alldeutschen Studenten der Uni­versität und der technischen Hochschule glaubten die Tage der Katholikenversammlung durch Kundgebungen stören zu müssen. Sie verübten eine Reihe von Ge­walttätigkeiten gegen katholische Studenten. Die Pro­fessoren zeigten Lust, den Alldeutschen noch recht zu geben und erst das Eingreifen des Kultusministers zu gunsten der katholischen Studenten setzte dem einen Riegel vor.

In Frankreich haben sich etliche Richter ge­weigert, auf Grund der Ordensgesetze Strafen zu er­teilen ; fie legten lieber ihr Amt nieder. Die tumul- tuarischen u. umstürzlerischenElemente haben sich mancher­orts vereinigt, um die katholischen Gottesdienste, bei denen frühere Ordensgeistliche mitwirkten, zu stören. Die Regierung duldet bislang diese Manöver.

JnE n gl a n d macht sich eine starkeStrömung gegen die angekündigteAbschaffung desKornzolls,derausFinanz- rücksichten während des Burenkrieges eingeführt war, bemerkbar. Auch im Ministerium hat der Kornzoll Freunde gewonnen. Unsere Freihändler, die stets auf Englands Erfahrungen mit der Zollfreiheit Hinweisen, machen jetzt große Augen und sehen der Entwickelung der Dinge mit Beklemmung entgegen. Chamberlain möchte den Kornzoll behalten, um den englischen Kolonien durch Gewährung von Zollfreiheit für Ko« den von ihnen gewünschten engeren zoll- politischen Anschluß an das Mutterland schmackhafter zu machen. Kolonialminister Chamberlain hat sich weiter dadurch bemerklich gemacht, daß er den Zoll­krieg zwischen Deutschland und Kanada scharf verur­teilt hat. Deutschland habe kein Recht, sich in Famllien-Abkommen zwischen Kanada und seinem Mutterlande England einzumischen. Wenn Kanada die Einfuhr aus England begünstige, sei die» eine häusliche Angelegenheit. Deutschland wird fich an diesen Auslassungen nicht stören. Kanada ist zoll­politisch bisher stets ganz unabhängig von England gewesen.

Auf dem Balkan bemüht fich der Sultan Ruhe zu schaffen. Die Gefängnisse sitzen voll von „un­ruhigen" Bulgaren. Der letzte Widerstand der Alba­nesen gegen die Reformen ist durch militärische Macht unterdrückt worden. Eine Anzahl widerspenstiger Feudalherren, die fich in die Dörfer Kröinje und Damjani geflüchtet hatten, wurden auSgeliefert, als die Truppen von ihren Kanonen gegen die Dörfer Gebrauch machten. Am Freitag voriger Woche zogen lite türkischen Truppen in Ipek, dem Sitz des Haupt- Widerstandes, ein. Es scheint das aber nicht ohne Widerstand fetten» der Albanesen geschehen zu sein. — In Bulgarien hat das Ministerium Daneio seine Entlassung eingereichtt Fürst Ferdinand war besonder» lecht auf M JMzminister Radow, den früheren

dem sie jedoch vor dem Altar der

len

Vorsitzenden des mazedonischen Komitees und Jntinus Danews, zu sprechen und hatte dies deutlich zu erkennen gegeben. Das veranlaßte die Minister- krifis. Die mazedonische Frage hat ohne Zweifel dabei eine wesentliche Rolle gespielt.

In Marokko haben die Truppen des Sultans Tazza angegriffen und im Sturm genommen. Die Umgegend des Ortes war vorher geplündert und in Brand gesteckt worden. Zahlreiche Menschen büßten ihr Leben ein. Auch sollen die Truppen des Sultans an anderer Stelle einen Sieg über die Aufständischen erfochten haben.

;e ix Dresden unverbrüchliches Sdbrotigen über Verkehr mit ihr habe zuschwören muffen. Dieser habe einen mehrfachen Millionär zum Adopti»

Die vorteile des neuen Urankenver- ficherungrgesetzes.

Die soziale Gesetzgebung schreitet, wenn auch nicht rasch, so doch stetig voran. Das beweist wieder die Annahme der Krankenkaffenno- velle durch den Reichstag am 30. April d. I. Sie bedeutet zwar nur eine Zufriedenstellung der dringendsten Wünsche. Von der Regierung selbst wurde sie als vorläufige Abschlagszahlung be­zeichnet und eine durchgreifende, organische Re­form des ganzen Krankenversicherungsgesetzes, die schon seit Jahren von allen Parteien dringend gefordert wird, in nahe Aussicht gestellt. Mit Recht nannte aber der Abg. Roesicke schon die jetzt geschaffenen Verbesserungen einen Sieg des sozialen Fortschritts.

Worin besteht nun der durch die Kranken­kaffennovelle erreichte Fortschritt?

Zunächst ist der Kreis der Versicherten ausgedehnt, indem jetzt dem Versicherungszwange auch die Handlungsgehilfen und Lehr­linge unterworfen sind. Die Handlungsgehilfen­schaft begrüßt das aufs freudigste. Der künf­tigen Reform bleibt es vorbehalten, den Versiche­rungskreis auch auf die Hausindustrie, die land- und forstwirtschaftlichen Arbeiter und die Dienst­boten auszuweiten.

Ein lang empfundenes Bedürfnis ist dadurch befriedigt, daß die Dauer der Krankenunter­stützung von 13 Wochen auf 26 Wochen ver­längert ist. Es greifen also jetzt die Kranken­versicherung und die Invalidenversicherung, die erst nach 26 Wochen einsetzt, unmittelbar inein­ander. Zu bedauern ist nur, daß zwischen Kranken- und Invalidenversicherung noch die ver- schiedene Formulierung des Begriffes: „Erwerbs­unfähigkeit" besteht.

Sehr zu begrüßen ist der erhöhte Schutz der Wöchnerinnen. Die Kaffenunterstützung dauert fortan statt 4 Wochen 6 Wochen. Damit ist zwar eine befriedigende Unterstützung für die Zeit nach der Entbindung geschaffen; für die Zeit kurz vor der Entbindung ist jedoch noch in keiner Weise vorgesorgt. Eine von der Kommission und dem Plenum des Reichstages ins Auge ge­faßte 12wöchige Unterstützung — 6 Wochen vor und 6 Wochen nach der Entbindung — scheiterte diesmal noch an finanziellen Schwierigkeiten. Hoffentlich werden diese bei der nächsten Reform gehoben. Ein umfassender Schutz der Wöch­nerinnen speziell vor der Entbindung muß eine der ersten Forderungen bleiben.

Ferner hat die Krankenkassennovelle die Be­stimmung beseitigt, nach der geschlechtskranken Kassenmitgliedern das Krankengeld entzogen wer­den konnte. Die Regierung drängte auf die Be­seitigung dieser Ausnahmebestimmung aus schwer­wiegenden Rücksichten auf die allgemeine Volks­gesundheit.

Von kleineren Vorteilen der Novelle, die immerhin einen bemerkenswerten Fortschritt dar­stellen, führen wir nur an, daß über die Fest­setzung des ortsüblichen Tagelohnes fürderhin nicht allein mehr die Gemeidebehörde zu entscheiden hat, sondern auch die Arbeitgeber und Arbeitnehmer gehört werden müssen.

Die ganze Novelle wäre beinahe gescheitert an dem § 42 und einem Zusatzantrage des Abg. v. Savigny. Der bisherige § 42 war in der Regierungsvorlage dahin erweitert worden, daß die Aufsichtsbehörde Beamte, die sich „grobe Pflichtverletzung" zu schulden kommen ließen, ab­setzen könne. Gegen diese Fassung erhob die Linke schärfsten Einspruch. Sie befürchtete, daß die Regierung den Begriff „grobe Pflichtver­letzung" auch auf das polittsche Verhalten der Beamten ausdehnen könne. Es kam schließlich ein Antrag Trimborn zur Annahme, der die Fassung: „grobe Pflichtverletzung" umänderte in: „grobe Verletzung der Amtspflicht in bezug auf die Kaffenführung". Auch die Regierung stimmte dem zu.

Der Zusatzantrag Savigny bezweckte die An­nahme von gesetzlichen Bestimmungen für eine ffeste Regelung der Anstellung amd der Dienst- verhältniffe der Angestellten von Krankenkaffen. Eine solche wurde auch von wetten Kreisen der Kaffenbeamten gewünscht. Die Linke glaubte aber, daß durch diesen Antrag die Eewstver^ waltung der Kaffen zu Mr beschnitten würde'

• Die Geschäftsgeheimnisse einer Wahrsagerin bildeten den Gegenstand eines Betrugsprozesses, der am Mittwoch und Donnerstag vor der Strafkammer des Landgerichts Dresden verhandelt wurde. Auf der Anklagebank sitzt die 53jährige Handelsfrau Pauder unter der Anschuldigung, sich durch ihre Kunststücke in nicht weniger als 23 Fällen des Betruges zum Nach­teile einer großen Anzahl von Personen aus allen Ge­sellschaftsschichten und aus den verschiedensten Städten des Reiches schuldig gemacht zu haben. Wie das „Blumenmedium" Anna Rothe, so stammt auch die An­geklagte Pauder aus dem der Wahrsagekunst und dem Zeichendeuterunwesen ganz besonders zugänglichen sächsischen Erzgebirge und zwar aus dem Weberstädt­chen Zschopau, wo sie schon von früher Jugend auf die Wahrsagekunst im ausgedehntesten Maße betrieb. Sie will dann nach Russisch-Polen gegangen sein und dort von einer alten Zigeunerin ba§ „wissenschaftliche Wahr­sagen" erlernt haben. Als „wissenschaftliche Wahr­sagerin" will die Angeklagte in der Lage fein, jungen Mädchen das Aussehen des „Zukünftigen" genau be­schreiben und ihnen seine Fehler und Tugenden schil­dern zu können. Ferner befähigte sie diese ihre Seher­gabe, Geschäftsleuten günstige Konjunkturen ihres Marktes vörauszusagen, und schließlich war sie auch in der Lage, reiche Heiraten zu Stande zu bringen. Unter diesen Umständen war es kein Wunder, wenn die mo­derne Pythia einen geradezu kolossalen Zulauf aus allen Teilen Deutschlands, speziell aber aus Sachsen hatte und dieser Umstand soll sie nun nach der Behauptung der Anklagebehörde veranlaßt haben, ihre Opfer in einer höchst verwerflichen und zwar an Wucher streifen­den Art und Weife auszubeuten. In den dreiundzwanzig ihr zur Last gelegten Fällen foll sie dreiundzwanzig, darunter hochgestellte und gebildete Herren und Damen aus Dresden, Berlin, Chemnitz, Erfurt usw. um nicht weniger als 25,778 Mk. betrogen haben, und zwar unter Anwendung eines Tricks, der an die Schwindeleien der Familie Humbett erinnert. Eie erzählte nämlich den zu ihrer ständigen Kundschaft gehörenden Herren und Damen, sie stehe mtt einem Baron von Sanden in Ber-

und drohte, bei Aufrechterhaltung des Antrages die Novelle zu Fall bringen zu wollen. Trotz­dem das Zentrum den Antrag von Savigny für berechtigt hielt, stimmte es doch, um nicht die ganze Vorlage zu gefährden und die Arbeiter­schaft einer Reihe wichtiger Vorteile zu berauben, der Streichung desselben zu. Der Abg. Trim­born betonte das mit den Worten: „Unsere Stellungnahme ist nichts anderes, als ein Aus­fluß unseres Wohlwollens für die Millionen von Versicherten, der Ausfluß unserer Arbeiterfreund­lichkeit und unserer poliüschen Klugheit."

Daß das Zentrum und die mit ihm stim­menden Parteien in diesem Punkte vor der Linken die Segel streichen mußten, war lediglich eine Folge der durch die Diätenlosigkeit hervor­gerufenen Abwesenheit zahlreicher Reichstagsmit­glieder (Absentismus).

Daß die Krankenkassen-Novelle zur Annahme gelangte, ist also hauptsächlich das Verdienst des Zentrums bezw. seiner klugen Taktik. Ganz an­ders war das Verhalten der Sozialdemo­kratie. Während sie bei der Beratung der No­velle das große Wort führte und sich nicht genug zu tun wußte in Stellung von Anträgen und Vorbringung von Gründen für die Verbesserung des Gesetzes, stimmte sie bei der Schluß-Abstim­mung doch gegen das gesamte, mit den bereits aufgezählten Verbesserungen bereicherte Gesetz.

Damit fiel die Sozialdemokratie wieder in die alte Verneinungs-Politik gegen jede Reform zurück. Für die Novelle zur Jnvaliden-Versiche- rung (1899), Kranken - Versicherung (1900) und Gewerbe-Ordnung (1901) stimmte sie. Sie würde auch für die neueste Krankenkassen - Novelle ge­stimmt haben, wenn ohne ihre Stimmen die No­velle zu Fall gekommen wäre. So aber wußte sie, daß durch die bürgerlichen Parteien wichtige Verbesserungen für die Arbeiter gesichert feien und daß sie also vor den eigenen Partei-Anhängern, die noch der revolutionären Phrase anhingen, mit ihrem alten Vorwande paradieren könne, in der heutigen Gesellschaft fei nichts Genügendes für die Arbeiter zu erreichen. Das ist indessen durch die ganze Entwickelung der Arbeiter-Gesetzgebung in den letzten 20 Jahren glänzend widerlegt. Aber jetzt, unmittelbar vor den Wahlen, wollte die Sozialdemokratie doch nicht für ein von der Re­gierung vorgelegtes Gesetz, das von den bürger­lichen Parteien angenommen wurde, stimmen, da man ja in den Wahlkampf mit der Parole ziehen wollte: „Von der bestehenden Gesellschaft und den herrschenden Klassen können die Arbeiter nichts erwarten; nur die Sozialdemokratie ist die ein­zige wahre Arbeiter-Partei."

Nicht also das Interesse der Arbeiter, sondern bloß das Interesse der Partei, die bei den kommenden Wahlen Stimmen fangen will, war auch hier wieder ausschlaggebend für die Sozial­demokratie.

oater und nach dessen Tode werde er, der Baron, alle Reichtümer desselben erben. Der Baron sei aber ein sehr lebenslustiger Herr und brauche daher stets Geld, weshalb die Angeklagte speziell dem weiblichen Teile ihrer Kundschaft riet, sich das Wohlwollen und die Zu­neigung desselben dadurch zu erwerben, daß sie ihm durch ihre, der Angeklagten, Vermittelung mit größeren oder geringeren Geldbeiträgen zu Hilfe kämen. Durch dieses durchsichtige Manöver erhielt die Angeklagte von den Teflnehmern oder Teilnehmerinnen ihrer „Seancen" Beträge in Höhe von insgesamt 25,779 Mk., wovon sie dem Baron, der nach ihren Angaben ein sächsischer Offizier fein müßte, wenn er nicht nach der Behauptung der Anklagebehörde nur der „große Unbekannte" ist, 11,550 Mk. erhalten hat. Eine gräfliche Dame aus Dresden opferte zu biefetn Zwecke nicht weniger als 6500 Mk., die sie allerdings in der stillen Hoffnung gab, der Baron werde sie später zu seiner Frau machen. Andere hochstehende Persönlichkeiten wiesen der Angeklagten Summen in Höhe bis zu 10,000 Mk. zu. Aber auch arme Näherinnen, Erzieherinnen, Stickerinnen und eine Ge­sangslehrerin, die sich bei der Angeklagten Rat holten, mußten mit großen und kleinen Beiträgen für den Herrn Baron, der ihnen von Frau Pauder in den ver­führerischsten Farben geschildert wurde, einspringen. Der Schwindel der Angeklagten würde auch wohl noch eine ganze Weile geblüht haben, wenn nicht die Ent­hüllungen des Rothe-Prozesses einen Teil der Betörten stutzig gemacht und so zur Entlarvung der Schwindlerin geführt hätten. Zu der Verhandlung waren nicht weniger als 34 Zeugen, darunter 33 Angehörige des weiblichen Geschlechts, geladen. Das Urteil lautete auf acht Jahre Zuchthaus und 1500 Mk. Geld­strafe.

* Der verkannte Klingelbeutel. Aus Heiligenhafen berichtet man der .Magdeb. Ztg/ folgendes Stückchen. Jochen Hamann, ein alter Gutstagelöhner, der sein Leben lang nicht von der Scholle der heimischen De- putats-Katenstelle gekommen war, hatte sich dieser Tage endlich einmal aufgerafft, seinen in Heiligenhafen wohnenden Bruder aus Anlaß einer Familienfestlichkeit zu besuchen. Im Schmucke eines uralten Gehrockes begibt er fich ebenfalls in die Kirche und verfolgt da­selbst mit ganz besonderem Interesse den Umgang des Klingelbeutels, der ihm unbekannt ist, da diese Ein­richtung in seiner angestammten Dorfkirche längst abgeschafft ist, weil es sich nicht der Mühe verlohnt, Gaben zu sammeln. Wer dort einmal einen Pfennig oder gar zwei übrig hat, tut ihn direkt in den Armen­block an der Kirchentüre. Aufmerksam sieht Jochen Hamann zu, wie der Mann das seltsame Stoffge- hängsel jedem Gemeindemitglied hinhält und wie die Mehrzahl der letzteren mit einem leisen Kopfschütteln dankend ablehnt. Endlich kommt der Mann auch zu Jochen Hamann, der schon eine Weile auf der harten Bank hin- und herrutschte und nun ebenfalls den Kopf schüttelt und dem Gabensammler verlegen zurust: „Min Mütz is't ok nich." .

* Verfehltes!Unternehmen „Weshalb prügelt Ihr denn Euer« Bruder so?" — „Der hat uns überredet, im Pfarrgarten Birnen zu mausen und jetzt zahlen wir ihm blos seinen Anteil am Geschästs- gewinn aus."

* Rücksichtsvoll. Dame (verspätet zum Kaffee­kränzchen kommend, zum Dienstmädchen):. „Melden Sie mich, aber horchen Sie vorher, ob man schon fertig ist mit mir!"

Acht Marienlieder für eine Singstimme mit Klavier­begleitung, komponiert von F. F. G. Kirchhof, op. 9. Verlag von P. I. Tonge r, Köln a. Rh. Preis 1 Mark.

Diese schönen Lieder werden durch ihre hübschen Melodien und die leichte Klavierbegleitung in musik- unb sangesfrohen katholischen Familien sich recht viele Freunbe erwerben. Der Preis ist trotz ber eleganten Ausstattung sehr mäßig, wie bas bei allen Verlags­werken ber rühmlichst bekannten Firma Tanger ber Fall ist. Wir empfehlen bas Merkchen insbesondere allen angehenden Klavierspielerinnen und häuslichen Sängerinnen aufs wärmste.

Marktberichte.

• Kassel, 20. Mai 1903. (Getreide-, Futter-, unb Düngermarkt.) Getreide hatte heute wenig Geschäft; mangelnbe Kauflust auf ber einen, unrentable Forderungen aus der anderen Seite wirkten hindernd auf die Entfaltung eines regeren Verkehrs und blieben Umsätze nur auf bas Nötigste beschränkt. Etwas reger war es auf bem Futtermittel- unb Düngermarkt und wurden für prompte unb Herbstlieferung größere Um­sätze erzielt.

Wir notieren: Weizen 16,00—16,25, Roggen 14,00 bis 14,40, Hafer 13,50—14,00, Gerste 14,00—15,50 Mk. per 100 Silo, ab ober Parität hier in Ladungen von 10,000 Kilo.

Reklame»- und Anzeigenteil.

Seiden von Zürich

habe» Weltruf. Hochmodern DesfinS in weiß, schwarz, farbig jeder Art. Unübertroffene Auswahl zu billigsten Eugro»-Preisen, Meter- und roden weile an Privatff Werte- und zollfrei. Lausende von Anerkennung»« ich,«eben. Muster ftauko. Briespott» 20 Pfg.

8 eldewtee-rxbrlk-ÜMloa

Adolf Grieder & Cie., Zürich (Seiwtix).

Kgl Äoflieferaetee.