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% England und die Zchutzzollpolittk.
Unserer liberalen Presse ist recht unbehaglich zu Mute. Die Birminghamer Rede Chamberlains hat ihr wieder lebhaft die Gefahr vor Augen geführt, daß der eine; freihändlerische Musterstaat, der noch übrig ist, unter der Hand verschwinden und sich in einen Schutzzollstaat umrvandelu könnte. Womit soll man denn gegen den Schutzzoll ankämpfen, wenn man nicht mehr auf das Beispiel Englands verweisen kann, das unter dem Freihandel so mächtig emporgediehen ist? Am allerwenigsten paßt so kurz vor den Reichstagswahlen die englische Schutzzollbewegung in das liberale Konzept.
Dank der englischen Heuchelei, die es liebt, mit schönen Worten die Tatsachen zu verdunkeln und Grundsätze in der Theorie feierlich aufrecht zu erhalten, die in der Praxis ausgegeben würden, war es unseren Freihändlern bisher ziemlich leicht gemacht, alle Behauptungen von einem in England sich vollziehenden Umschwung mit überlegenem Spott abzutun. Wiederholt hat sich noch in den letzten Jahren das Parlament mit großer Mehrheit für die Aufrechterhaltung des Freihandels-Prinzips ausgesprochen, und unsere liberale Presse triumphierte dann: „Seht ihr wohl, daß es mit der Abkehr Englands von dem seligmachenden Freihandel Schwindel ist! Nur eine kleine Anzahl verschrobener Köpfe schwärmt für den Schutzzoll, aber sie haben gar keinen Einfluß auf die öffentliche Meinung." Dabei beliebte man zu übersehen, daß England in Wirklichkeit schon längst in das Freihandelsprinzip ein tüchtiges Loch gemacht hatte. Die gesetzliche Vorschrift, daß auf den int Ausland verfertigten Waren, die in England verkauft werden, der fremde Ursprung angegeben werden muß, war zwar kein Schutzzoll, hatte aber wie dieser den Zweck, die Konkurrenz ausländischer Waren in England zu erschweren. Zum Schein hielt man das Freihandelsprinzip aufrecht, in der Wirklichkeit verstieß man dagegen. Daß das made in Germany zum Schrecken der Urheber des Gesetzes eine der erwarteten gerade entgegengesetzte Wirkung hatte, ändert daran nichts.
Inzwischen ist nun auch die Scheu vor der offenen Verleugnung des Freihandels mehr und mehr geschwunden. Als während des Burenkrieges ein Ausfuhrzoll auf Kohlen und ein Einfuhrzoll auf Korn gelegt wurde, versicherte man allerdings, es handele sich da um reine Finanzzölle, die nächstens wieder aufgehoben werden würden, und unsere liberale Presse erklärte jeden für einen Dummkopf oder Schelm, der hierin den Anfang einer Schutzzollpolitik sehen wollte. Der Triumph war denn auch nicht gering, als vor einigen Wochen Schatzsekretär Ritchie die Aufhebung der Kornzölle vorfchlug. Und was erleben wir nun? Im Parlamente bildet sich eine aus Konservativen und Liberalen bestehende Gruppe, die sich für die Beibehaltung dieser Zölle erklärt und einen Ausschuß einsetzt zur Einleitung einer Schutzzollagitation. Beim Ministerpräsidenten Balfour erscheint eine Abordnung einflußreicher und ungesehener Persön-
fUlda, Freitag, den
lichkeiten, die die Beibehaltung der Getreidezölle verlangt. Chamberlain hält in Birmingham — man denke: in dem freihändlerischen Birmingham! — eine Rede zu gunften dieser Zölle und einer größerbritischen Handelspolitik, die ohne Schutzzölle gar nicht durchzuführen ist. Und diese Rede erregt nicht etwa in ganz England stürmische Entrüstung, sondern allerseits wird festgestellt, daß sie, wenn sie auch vielfach auf Skepsis und Widerspruch gestoßen sei, der Volkstümlichkeit Chamberlains nicht int mindesten Abbruch getan habe. _
Unsere liberale Presse hat sich viele Muhe gegeben, das Bekenntnis zum Schutzzoll aus der Rede wegzudeuten. Chamberlain hat ja auch vor dem Freihandels-Prinzip eine tiefe Verbeugung gemacht und sich feierlich zu ihm bekannt. Aber das war nur eine Rücksichtnahme auf die Schwäche derjenigen, die sich einreden, sie glaubten noch an das Dogma vom Freihandel. Tatsächlich hat Chamberlain den Freihandel recht spöttisch behandelt ; er will ihm seinen rechten Sinn wiedergeben, aber es läuft schließlich darauf hinaus, daß er ihn beseitigen will. Nun hat ja allerdings die Verwirklichung seiner größerbritischen Pläne allem Anschein nach noch gute Wege; wenigstens darf man das aus dem Echo schließen, das seine Rede in den Kolonien gefunden hat. Unseren Freihändlern fiel ein Stein vom Herzen. Allein damit ist doch das Schutzzoll-„Gefpenst" noch nicht wieder in der Versenkung verschwunden.
Das ersehen sie zu ihrem Schrecken aus der Rede Lord Roseberys in Burnley. Diese Rede sucht wohl den Schein aufrecht zu erhalten, als wolle sie eine Lobrede auf den Freihandel sein, aber man kann ebensogut herauslesen, daß der Lord bereit ist, dem Freihandel Valet zu sagen und sich auf die Seite Chantberlains zu fchlagen. Ja man muß sie geradezu so verstehen, denn hätte der Lord sich gegen Chamberlain erklären wollen, so hätte er dessen Ideen unzweideutig zurückweisen muffen, statt mit ihnen zu liebäugeln und auseinanderzusetz n, daß unter dem »Freihandel doch nicht alle Erwerbszweige (bie Landwirtschaft nicht ) gediehen seien, und er den Freihandel nicht für einen Teil der Bergpredigt halte. Lord Rosebery ist der ehemalige Führer der Liberalen. Allerdings der ehemalige, aber daraus folgt noch nicht, daß er alle Fühlung mit den Liberalen verloren habe und unter ihnen keine Gesinnungsgenossen ^besitze. Gehört doch, wie schon gesagt, ein Teil der Liberalen im Parlament zu der schutzzöllnerischen Vereinigung.
Von heute auf morgen wirdZ England wohl nicht zum Schutzzoll übergehen. Wir haben auch keineswegs den Wunsch, daß es dies tue. Der Umstand allein, daß unsere Liberalen enttäuscht wären und um ihr freihändlerisches Muster-Beispiel kämen, wäre kein Ersatz für die Nachteile, die auch unser Erwerbsleben davon hätte. Allein daß der letzte Freihandelsstaat über kurz ober lang verschwinben wirb, halten wir für sicher. Die Argumente, bie unsere Frei- hänbler von ihm entnehmen, haben glücklicherweise schon längst ihre Zugkraft verloren. Wenn sie auf England hinweifen als Beweis für die
22. Mai 1903.
unvergleichlichen Vorzüge des Freihandels, dann antwortet ihnen heute die überwiegende Mehrheit der Urteilsfähigen: England konnte sich eben den Freihandel mit Vorteil leisten, weil feine Industrie einen so gewaltigen Vorsprung vor denjenigen der übrigen Länder hatte; diesen hat es aber zum guten Teil nur erreicht durch Schutzmaßregeln verschiedener Art; je geringer der Vorsprung infolge der Anstrengungen anderer Länder wird, um so mehr läßt die Schwärmerei der praktischen Engländer für den Freihandel nach.
Berlin, den 20. Mai 1903.
* Der Abg. Dr. Bassermann hat in Karlsruhe vor einer Versammlung nationalliberaler Wähler eine programmatische Kandidatenrede gehalten. Dabei äußerte er sich auch über seine Stellung zum Jesuitengesetze. Diesen Punkt behandelte er im Zusammenhänge mit der Frage der Stellung zur Sozialdemokratie. Er legte bar, baß das Sozialistengesetz nicht die von seinen Urhebern erhofften Folgen gehabt, sondern eine Stärkung der Sozialdemokratie nicht gehindert habe, und daß man sich, nachdem jenes Gesetz gefallen, auf kirchenpolitischem Gebiete nicht für Polizeigesetze begeistern könne. Hieran schloß er die Erklärung, daß er auch ferner der Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes nicht widersprechen werde, aber nicht daran denke, die übrigen Vorschriften dieses Gesetzes preiszugeben. Seine Parteigenossen möchten nicht durch „illiberale Ketzerrichterei" den Liberalismus schädigen und nicht den Satz aufstellen, daß nur wer in § 2 des Jesuitengesetzes den Angelpunkt unserer inneren Politik zu erkennen vermag, ein wirklich freisinniger Mann fei, der den unverfälschten Liberalismus in seiner Prust trage: „Schwach genug ist heute der Liberalismus; wollen wir diejenigen abstoßen, die einen neuen Kulturkampf nicht wollen, dann wird er noch schwächer werden." Dazu bemerkt die ,Kreuzztg/:
„In dem Urteile über 'bie Wirkungen des Sozialistengesetzes stimmen wir mit Herrn Dr. Bassermann zwar nicht übercin, wohl aber geben wir ihm zu, daß nach Aufhebung dieses Gesetzes eine Vorschrift, durch die ein Angehöriger des Deutschen Reiches lediglich wegen seiner Zugehörigkeit zum Jesuitenorden in der Ausübung der allen übrrgen Deutschen gewährleisteten Freizügigkeit beschränkt wird, für die Dauer als unhaltbar erscheint. Auch die Mahnung, die er an seine Gesinnungsgenossen richtet, können wir uns in gewissem Sinne zu eigen machen, indem wir immer und immer wieder von neuem betonen, daß durch die Versuche, dem Kampfe um den § 2 des Jesuitengesetzes die Bedeutung einer Wahlparole zu geben, nur Zwietracht in die konservativen Reihen getragen wird und daß man dem Protestantismus kein kläglicheresZeugnis ausstellen kann,alswenn man denjenigen, die jenen § 2 aufzuheben bereit find, Mangel an evangelischem Bewußtsein zum Vorwurf macht. Um unsere Kirche würde es schlimm stehen, wenn eine Strömung, die in dem Kampfe gegen die katholische Kirche und ihre Hilfstruppen die wichtigste Betätigung des evangelischen Bewußtseins erblicken
30. Jahrgang.
möchte oder gar mit der Teilnahme an diesem Kampfe die kirchlichen Pflichten als erschöpft betrachtet, in der evangelischen Bevölkerung die Oberhand gewänne."
** Der evangelische Eberkirchenrat hat der,Tägl. Rundschau' zufolge im unmittelbaren Anschluß an bie Erklärung des Reichskanzlers über die bevorstehende Aufhebung des § 2 des Jesuitengefetzes „seine mahnende und warnende Stimme erhoben" und neben einer Eingabe an das Staatsministerium sich unmittelbar an die höchste Stelle mit ihrer Vorstellung gewandt. Mit welchem Erfolg, darüber weiß das Organ des evangelischen Bundes nichts ;zu berichten. Es spricht nur die Vermutung aus, „daß das plötzliche Einlenken des Reichskanzlers, die Vertagung der Sache auf eine spätere Zeit mit unter dem Eindrücke dieser Vorstellung geschehen" sei. Wir vermuten, daß dies „plötzliche Einlenken", wenn es überhaupt stattgefunden hat, nicht s auf die Eingabe des Oberkirchenrates zurückzuführen ist. Ob sich übrigens Herr Oberkirchenrats-Präsident Dr. Barkhaufen in seiner Eingabe derselben freundlichen Luthersprache bedient haben, mag, in der er auf der letzten General-Synode von „transalpinisch irrender Unfehlbarkeit" sprach?
** Die kanadische Regierung wird die Zeit, innerhalb welcher in Deutschland vor dem 16. April gekaufte Waren ohne Zuschlagszoll in Kanada eingeführt werden dürfen, bis zum 30. September ausdehnen.
Die von verschiedenen Freunden des Dr. Karl Peters vor einiger Zeit angefünbigte Eingabe an ben Kaiser ist jetzt beim Zivilkabinett eingegangen. Sie versucht dem ,Han- noverschen Anzeiger' zufolge, bie gegen Dr. Peters wegen feiner Führung in Ostafrika erhobenen Beschuldigungen zu entkräften, und bittet, daß das gegen Peters ergangene Urteil umgestoßen und ein Wiederaufnahme-Verfahren ermöglicht werde. Das Schriftstück trägt die Unterschriften zahlreicher Kolonialpolitiker und hochgestellter Persönlichkeiten. Warum bemühen sich bie Freunde des Herrn Peters für ibn, und das direkt beim Kaiser? Mag doch er selbst, wenn er sich unschuldig fühlt und seine Unschuld nachweisen kann, an zuständiger Stelle die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragen. Aber da hapert es eben und deshalb foll der Kaiser einen Machtspruch tun.
* London, 20. Mai 1903. Chamberlains Großsprechereien finden in den Kolonien nur ziemlich geteilten Beifall. So meldet einWolffsches Telegramm ausM elbourne vom Dienstag: Die meisten australischen Zeitungen sprechen sich gegen bie Auslassungen Chamberlains aus, währenb bie Premierminister und sonstigen Staatsmänner Australiens unter gewisser Zurückhaltung dieselben im Allgemeinen billigen. Der Premierminister von ©übauftralien bemerkte, man müsse sorgfältig erwägen, ob
Lonsuelos Schicksale.
Novelle von Marg. Schlichter.
14 (Nachdruck verboten.)
Wieder hob sich der Vorhang; aus der eleganten Lady ist ein einfaches Landmädchen geworden; aber keiner der Zuschauer hätte zu sagen gewußt, in welcher Gewandung sie lieblicher ausgesehen. Ihr seelenvoller Gesang riß alles mit fit> fort und es war, als ob sich an ihrer Glut auch diejenige ihres Partners entzünde. Denn auch Rudolf sang mit einer Innigkeit, die alles, was er bisher in den Proben geleistet hotte, weit übertraf Kein Wunder auch, denn beide brachten ja im Spiel die Gefühle ihrer Herzen zum Ausdruck. Die schmeichelnden Töne des „Letzte Rose, wie magst du so einsam noch blüh'n", hallten noch in den Ohren der Zuhörer nach und hielten sie in süßem Banne gefangen, als der Vorhang schon längst gefallen war. Dann aber brach ein wahrer Beifallssturm los und legte sich nicht eher, bis Martha und Lionel sich zeigten, um den Dank des Publikums entgegenzunehmen.
Consuelo schwamm in e>nem Meer von Seligkeit; ihr war>zu Mute, als sei sie in ein Feenreich versetzt, wo alles um sie her Freude und Lust, Glück und Glanz atme und sie ihre Hand nur auszustrecken brauche, um sich alles zu verschaffen, was ihr junges Herz so ungestüm ersehnte.
Das Spiel nahm unterdes seinen Verlaus; aber wenn auch den anderen Mitwirkenden für ihre Leistungen warme Anerkennung zuteil wurde, so erhielten doch Consuelo und Rudolf die Palme des Abends für ihr meisterhaftes Spiel. Was aber vom Publikum als vollendete Kunst gepriesen wurde, die Bekundung der reinen und innigen Liebe zwischen Lionel und Martha, das hatte Florentine als Ausfluß ihres natürlichen Gefühls richtig erkannt und sie konnte sich nicht länger der Einsicht verschließen, daß die verhaßte Erzieherin
über sie den Sieg dovongetragen habe; aber sie sollte sich desselben nicht lange freuen, es würde sich schon ein Blittel finden l ssen, sie unschädlich zu machen.
Die Bo Stellung war zu Ende, das Opernhaus hatte sich entleert, und mit dem Bewußtsein, einen angenehmen Abend verlebt zu haben, waren die Zuhörer nach Hause zurückgekehrt. Die Gasflammen des weiten Zuschauerraums waren gelöscht, nur in dem großen Restaurationssaale nebenan ging es noch lebhaft zu. Die Teilnehmer an der Aufführung hatten sich hierzu einem gemeinschaftlichen Souper eingesunden. Aber vergebens sah Baron Rudolf sich nach Consuelo um.
„Martha, Martha, Tu entschwandest", flüsterte Egon, ter im Chor mitg>wirkt hatte, lachend seinem Freunde ins Ohr.
Consuelo saß bereits in ihrem einsamen Zimmerchen und dachte über die Erlebnisse des Abends nach. Florentine hatte ihr nämlich in der Garderobe in ihrer gewohnten hochmütigen Weise erklärt, der Diener warte draußen, um sie, wenn sie sich umgekleidet habe, nach Hause zu begleiten, da ihre Mutter ihre Teilnahme an dem Souper nicht wünsche.
Für Rudolf aber war mit dem Verschwinden seiner Martha aller Glanz erloschen. Das reiche Lob, welches man ihm von allen Seilen spendete, ließ ihn ganz gleichgültig, und er blieb ziemlich sanveigsam den Abend über. Als er endlich allein in seinem Jung- gesellenheim war, zündete er sich eine Zigarre an, ließ sich in einen Sessel nieder und überließ sich den Empfindungen des übervollen Herzens. Ab und zu summte er vor sich hin: „Ach so fromm und ach so traut", oder „Martha, Martha, Du entschwandest, all mein Glück nahmst Du mit Dir!" Dreimal schon war sein Bursche bei ihm eingetreten und hatte gefragt, ob der Herr Leutnant noch etwas zu befehlen habe; et hatte ganz zerstreut geantwortet. Als aber der gute Schwade zum vierten Male fragte, wurde Rudolf ungeduldig und schickte ihn mit einem kräftigen Leutnantsdonnerwetter zu Bett.
Der Bursche äußerte einige Tage später zu einem
Kameraden: „Ich weiß doch gar nicht, wa? mit meinem Leutnant passiert ist; seit einiger Zeit singt er immer so traurige Lieder von einer gewissen Martha, die ihm sein Glück gestohlen hat. Na, wenn ich die Person mal zwischen die Finger kriege!"
Und dabei machte er mit seinen gewaltigen Fäusten einen Gestus, als ob er den Gegenstand seines Unwillens vollständig zermalmen wolle. „So ein gut fr Herr und den so zu betrüben!"
Baron Rudolf war aber nichts weniger als betrübt; er hatte vielmehr las Gefühl, als ob es nur an ihm liege, sich den Himmel auf die Erde i erunterzuholen und sich dort glücklich und wohlig einzurichten, und er kleidete sein Fühlen und Dcn'cn ungefähr in folgende Worte:
„Mein mußt Du werden. Du verzaubertes, holdes Dornröschen; ich will der Ritte» fein, der Dich erlöst. Harre nur noch kurze Zeit! Wenn der Frühling ins Land gezogen ist, die Lerchen schmettern und die Nachtigallen ihre süßen Weisen ertönen lassen, bann soll Deine lichte Schönheit die einsamen Räume meiner Ahnenbmg erhellen und Dein Gesang, süße Pbilomele, in ihren stillen Räumen widerhallen." Und mit dem Vorsatz, Consuelo in nächster Zeit seine Liebe zu gestehen, legte er sich endlich zur Ruhe.
Unvorhergesehene, traurige Ereignisse hinderten ihn jedoch vorerst an der Ausführung seines Vorhabens. Rudolf hatte während ter letzten Wochen wenig mit Egon verkehrt; bei den Proben zur „Martha" und bei den gelegentlichen Besuchen in der Schwarzburg'schen Wohnung sahen sie sich nur flüchtig. Rudolis Interesse für Consuelo nahm ihn viel zu sehr in Anspruch, um auf dessen Treiben zu achtens und dieser seinerseits war froh, wenn Rudolf, der ihm bei manchen Gelegenheiten ein lästiger Mahner gewesen war, ihm nicht zu scharf auf die Finger schaute, und er mied ihn -her, als er ihn aufsuchte; wie ja die Menschen häufig denjenigen aus dem Wege gehen, die es gut und aufrichtig mit ihnen meinen.
Egon hatte sich den Winter über vortrefflich
amüsiert; d. h. er hatte es im Zechen, Spielen und Wetten allen feinen Kameraden voran getan, und die Fo'ge davon war, daß er wieder recht beträchtliche Schulden angehäuft hatte. Wie bisher mußte Aron Silberstein der Helfer in der Not sein.
„Warum sollte ich nicht gern helfen einem so noblen jungen Mann? Ist doch sein Vater reich genug und wird gern bezahlen, was der Herr Leutnant mir schuldig sind", war des Geldverleihers ständige Redensart bei ähnlichen Anlässen.
E^on wußte nun zwar recht gut, wie es mit dem „Gern bezahlen" seines Vaters bestellt war; er steckte aber die Tausendmarkscheine des Wucherers in die Tasche, deckte damit seine Schulden, ohne zu bedenken, daß er deren neue ein gegangen war, und lebte weiter in Saus und Braus. Dann kam eine leise Anfrage Silber stcins, war n er sein Geld zurückbekommen könne, dann wieder eine und noch eine und schließlich die bündige Erklärung, er müsse das Geld bis zu einem bestimmten Tage haben.
Der Termin stand nun bevor; es war der l. April, einige Tage vor Ostern.
Zu spät erkannte er die Folgen seines bodenlosen Leichtsinns; nach dem letzten Austritt mit seinem Vater durfte er kaum hoffen, von ihm die dem Geldverleiher schuldige Summe zu erhalten; letztere war aber auch so hoch, daß es dem Baron gar nicht möglich gewesen wäre, dieselbe au'zubringev, selbst wenn er es gewollt hätte. Tenn das kostsprelige Leben in der Residenz und seine eigenen Extravaganzen hatten seine Mittel gänzlich erschöpst.
Das alles sagte Egon sich jetzt vor, und er war fest entschlossen, im schlimmsten Falle dem Beispiele vieler leichtsinnigen jungen Leute zu folgen, die, wenn sie des Lebens Freuden sattsam gekostet haben und am Ende ihrer Hilfsmittel angelangt find, sich durch einen feigen Selbstmord den Folgen ihres Leichtsinns entziehen. Er lud also seine Pistole, wobei er gleichmütig die Worte des Orest vor sich hinmurmelte:
„So reiche mir aus Lethes Fluten den letzt n-