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Druck und Verlag der FuldaerActiendruüerei in Fulda fharmonie).

Fernsprecher Nr. 9.

M 113.

fllldfl, Dienstag, den 19. Mai 1903.

30. Jahrgang.

*. yie Drohung Chamberlains, sich die Einmischung Deutschlands in britische .Familienangelegenheiten" nicht gefallen lasten zu wollen, wird selbst von unserer liberalen Presse, die doch sonst bei jeder handelspolitischen Drohung des Auslandes erbleicht, entschieden zurückgewiesen. Dabei wird allerdings die Besorgnis mitwirken, daß es dem englischen Kolonialminister gelingen könnte, das zollpolitische Bündnis zwischen Eng­land und seinen Kolonien durchzuführen und damit den einzigen Musterstaat des Freihandels aus der Welt zu schaffen. Jndeß einerlei, jeden­falls erklärt auch unsere liberale Preste, Deutsch­land sei Kanada gegenüber im Rechte und habe keinen Grund zurückzuweichen.

Chamberlain hat versucht, sein größerbritisches Reich als ein Gegenstück zum Deutschen Reiche hinzustellen. Die in diesem vereinigten Staaten bildeten ein Ganzes und könnten miteinander machen, was sie wollten: England beklage sich nicht, wenn ein Staat dem anderen einen Vor­teil zuwende und nicht allen Nationen die gleiche Begünstigung gewähre; es verkehre mit dem Deutschen Reiche als einem Ganzen. Deutsch­land aber wolle Kanada als ein Land für sich behandeln und nicht als ein Teil des Reiches anerkennen, welches Anspruch habe auf alle Privilegien, die diesem Reiche gebührten.

Der Vergleich paßt nun aber herzlich schlecht für den Fall, für den er gelten soll. Das Deutsche Reich ist wirklich in handelspolitischer Hinsicht ein Ganzes. Zollbegünstigungen zwischen den einzelnen Bundesstaaten sind unmöglich, weil keiner das Recht hat, selbständige Zölle ein­zuführen. Das britische Reich ist aber kein solches Ganze, und soll es nicht einmal nach Chamber­lains Plan werden. Die einzelnen Kolonien haben eine ziemlich selbständige Zollgesetzgebung und diese sollen sie auch nicht verlieren; sie sollen nur England Vorzugszölle bewilligen und dafür von ihm begünstigt werden.

So lange unser Handelsvertrag mit England bestand, konnten wir allerdings das britische Reich in gewiffem Sinne alsunteilbares Ganze" betrachten. Denn England verpflichtete sich darin, daß deutsche Waren in den englischen Kolonien und Besitzungen keinen höheren Zöllen unterliegen sollten als englische Waren, wie andererseits auch die Erzeugniffe der englischen Kolonien bei uns keinem anderen Zoll unterliegen sollten als eng­lische Erzeugniffe. Aber vor sechs Jahren hat England den Vertrag gekündigt und damit hörte das britische Reich für uns auf, ein unteilbares ganze zu sein. Die einzelnen Teile treten uns wieder als selbständige Zollgebiete gegenüber und Kanada machte ja auch bald von seiner Freiheit uns gegenüber Gebrauch. Ueberdies erklärte die englische Regierung ausdrücklich, daß sie in Zu­kunft keinen Vertrag schließen werde, wonach die Kolonien ebenso wie bas Mutterland im Meist­begünstigungsverhältnis zu uns stehen sollten. Ein neuer Vertrag ist bisher nicht zu stände ge­kommen. Also haben auch wir den Kolonien gegenüber uns in keiner Weise die Hände ge-

Lonsuelos Schicksale.

Novelle von Marg. Schlichter.

12 (Nachdruck verboten.)

Baron Rudolf verkehrte häufig im Hause seiner Verwandten; er sah Consuelo indessen nur bei Tisch, das Leben in der Hauptstadt brachte für fie und Adelheid wenig Veränderung gegen sonst. Der Stundenplan wurde genau innegehalten; eine ange­nehme Abwechselung für Lehrerin und Schülerin bildeten aber die täglichen regelmäßigen Spaziergänge in den Straßen der schönen Residenz. Da gab es so manches zu sehen und zu bewundern: das herrliche königliche Schloß, die prachtvollen Kirchen, diese Menge eleganter Gebäude, die wundervoll ausgestatteten Schau- neuster der großen Geschäfte, dies Gewoge in den Straßen, die geschmackvollen Toiletten der Damen rmd die bunten Uniformen des Militärs. Die kleine Adelheid konnte sich gar nicht satt sehen an all den Herrlichkeiten, und Consuelo hatte stets Mühe mit ihr, wenn die für den Spaziergang angemeffene Zeit ab­gelaufen war. Baron Rudolf batte schon öfter nach ihnen ausgeschaut; wenn Consuelo ihn aber von weitem iah, so schlug fie schnell eine andere Richtung ein, um ihm nicht zu begegnen. Einmal war dies aber nicht möglich gewesen; Rudolf kam erstellt aus fie zu und erbot sich, ihr Führer zu sein, um fie auf die Sehens­würdigketten der Residenz aufmerffam zu machen. Dies lehnte Consuelo aber dankend ab; eingedenk der ihr zu Teil gewordenen Zurechtweisung von feiten der Baronin benahm fie fich so abweisend, daß Baron Rudolf aus ihrem Benehmen schließen mußte, seine Gegenwart sei ihr nicht angenehm, und er empfahl fich bald darauf zu Adelheid- größtem Bedauern, die rraurig sagte:

Ach Fräulein Bruchhauseu, weshalb waren Sie doch so unsteundlich gegen Rudolf? Ich glaube, er wäre gern mit uns gegangen; er mag mich wohl

Kunden, sondern dürfen Unfreundlichkeit mit Un- fteundlichkeit erwidern.

Tatsächlich haben wir das auch längst getan, ohne daß Chamberlain oder sonst jemand in England Einspruch dagegen erhoben hätte. Das Handelsoertragsprovisorium mit England ist von Anfang an ausdrücklich nur unter dem Vorbehalt genehmigt worden, daß unsere Erzeugniffe in den Kolonien nicht ungünstiger behandelt würden, als im englischen Mutterlande. Als dann Kanada Vorzugszölle für englische Waren einführte, setzte Deutschland sofort seinen Generaltarff gegen die Erzeugnisse Kanadas in Kraft; später geschah dasselbe gegenüber Barbados. Inzwischen ist das Provisorium mehrmals verlängert; England hat nie gegen die Entziehung der Meistbegünsti­gung gegenüber Kanada und Barbados etwas einzuwenden gehabt. Da kann man es doch nicht wohl ernst nehmen, wenn Chamberlain jetzt auf einmal eine Feindseligkeit in dem Verhalten Deutschlands erblicken will.

Warum er seine Anschauung geändert hat, ist allerdings leicht zu erkennen. Er spricht es selbst aus, indem er von einer Drohung Deutsch­lands gegenüber Südafrika, Australien und Neu­seeland redet. Nächstens soll sich Südafrika ent­scheiden, ob es demFcunilien-Abkommen" bei­treten will. Das Vorgehen Deutschlands gegen Kanada könnte es ab schrecken. Australien und Neuseeland haben sich bisher überhaupt geweigert, auf Chamberlains Pläne einzugehen. Ihre Willigkeit kann nicht wachsen, wenn sie sehen, daß Kanada für seine Begünstigung Englands bestraft wird. Daß hinter den zollkriegerischen Maßnahmen Kanadas Chamberlain selber steckt, ist zweifellos. Er möchte Deutschland damit ein­schüchtern, ebenso wie mit seiner Rede. Vielleicht eröffnet sich auch die Aussicht auf eine friedliche Lösung des Streites; wemgstens wird behauptet, die Verhandlungen zwischen Deutschland und Kanada stünden günstig. Dann hätte Chamber­lain es also besonders darauf abgesehen, diese Verhandlungen als in seine größerbritischen Pläne nicht passendzu stören. -

Obdiese"Pläne"vereinst" werden verwirklicht werden, darüber brauchen wir uns einstweilen den Kopf nicht zu zerbrechen. England würde es dann nicht blos mit Deutschland, sondern mit allen übrigen Staaten zu tun haben, die an der Ausfuhr nach den britischen Kolonien und Besitzungen interessiert sind. Voraussichtlich würde, falls auch nur aus demFamilienab­kommen" mit Kanada voller Ernst würde, Deuffch- land mit seinem Widerspruche nicht allein bleiben, sondern vor allem auch Nordamerika sich wehren. Vielleicht will Chamberlain dies beruhigen, indem er so tut, als ob nur mit Deutschland Streit bestehe. Jedenfalls wird Deutschland sich nicht einschüchtern lasten und sein klares Recht nicht preisgeben. England kann Kanada nicht so ohne weiteres in einem Zollkriege zu Hilfe kommen, weil es keine Zölle hat; will es aber solche ein- sühren, dann würden seine Handelsbeziehungen auch zu anderen Ländern eine Störung erleiden.

leiden, und ich habe es schon gemerkt, daß er Ihnen auch gut ist."

Consuelo mußte lächeln; ja, er war ihr gut, das wußte fie, und es wäre vergebens gewesen, wollte sie noch länger die Liebe zu ihm bekämpfen, die in ihi em Herzen bereits so tief Wurzel gefaßt hatte. Der ritter- liche, schöne und liebenswürdige Offizier erschien ihr wie das Ideal einer edlen Männlichkeit und sein Bild erfüllte ihre ganze Seele.

Unterbeffen nahmen die Festlichkeiten in der Haupt­stadt ihren Verlaus; Prinz Karneval hatte seine Banner entfaltet, und Jung und Alt folgte dem närrischen Gesellen und huldigte seinen tollen Launen.

Aber den lauten Jubel übertönte plötzlich ein greller Mißton; ein Schrei der Not und Verzweiflung aus vielen Tausend Menschenstimmen ging durch das Land; ein Hüfferuf tausender, die von schwerem Unglück betroffen waren, hallte in den Ohren der­jenigen, die sich an des Lebens Freuden berauschten, als ob nur diese des Daseins Ziel und Zweck bildeten. Die untere Donau war nämlich aus ihren Ufern getreten und hatte die ganze Gegend überschwemmt. Es hatte wochenlang stark gefroren, als plötzlich Tau- Wetter eintrat und der warme Frühlingsodem die harte Schneekruste und feste Eisrinde zum Schmelzen brachte. Die Erde war aber infolge des langen Frostes in ihrem Innern zu fest und hart, um die unendlichen Waffermassen aufnehmen zu können, welche von den Bergen herniederrannen, und so schwoll jedes Flüßchen, ja jeder Bach rasend an und wälzte seine Fluten in das Bett des Stromes, der mit unglaublicher Ge­schwindigkeit anwuchs, seine Grenzen überschritt und mit verheerender Gewalt alles mit sich fortriß, was dem furchtbaren Anprall der Wogen nicht widerstehen konnte. Manche Dörfer standen gänzlich unter Wasser und ihre Bewohner waren ftoh, das nackte Leben ge­rettet zu haben; viele Häuser waren eingestürzt; er­trunkene Menschen und Tiere, Bäume und Siege, HauSrat aller Art, alles trieb durcheinander auf den gelben Logen, welche das Land überfluteten. Al- schließlich bas rafenbi Element aubgetebt hatte, blickte

Die deutsche Regierung hat sich bisher der Herausforderung Kanadas gegenüber ruhig ver­halten. Die ,Nordd. Allg. Ztg/ veröffentlicht heute die Ausführungsbestimmungen zu der kanadischen Tarifnovelle, die deustche Waren mit Zuschlagzöllen belegt, lieber Gegenmaßregeln der deutschen Regierung sagt sie nichts. Wir möchten jedoch darin kein Zeichen sehen; daß die deutsche Regierung überhaupt nichts zu tun gedenke. Sie wird wohl ihre Gründe haben, wenn sie sich einstweilen abwartend verhält. Wir sehen es deshalb für unötig an, urh gleich zu drängen und überSchwäche" undUnschlüssig­keit" unserer Regierung zu klagen. Man darf doch das Vertrauen zu ihr haben, daß fie unser Recht mit Festigkeit und Ruhe vertreten wird.

Für die Reichstagswähler ist übrigens die Drohrede Chamberlains eine Mahnung, nur solche Abgeordnete zu wählen, die das Deutsche Reich mit einer zoupolitischen Richtung versehen und es nicht wehrlos den handelspolitischen Angriffe des Auslandes ausgesetzt wissen wollen.

Berlin, den 18. Mai 1903.

** Erbprinz Bernhard von Sachsen-Mei­ningen ist, wie aus Breslau gemeldet wird, zum General-Inspekteur der zweiten Armee-Inspektion ernannt worden. Die zweite Armee - Inspektion umfaßt das V. und VI. Armeekorps, schließt also auch dasjenige Korps ein, dessen kommandierender General der Erb­prinz bisher war.

** Am Montag vormittag trat derZkolonial- rat zu seiner diesjährigen Frühjahrs - Tagung unter dem Vorsitze des Kolonial - Direktors Dr. Stübel zusammen. Der Vorsitzende teilte mit, daß die dem Kolonialrate vorgelegte lieber« sicht über die Entwickelung der Schutzgebiete ein günstiges Bild ergebe. Was den Schutzgebieten fehle, sei eine Verkehrs-Verbesserung, insbeson­dere der Bau von Eisenbahnen, wo glücklicher­weise eine raschere Entwickelung einsetzte. Beim Eintritt in die Beratung des Etats der Schutz­gebiete gab der Vertreter des Reichs-Schatz­amtes einen Ueberblick über die allgemeine Finanz­lage. Bei dem Etat für Kamerun wurden die Beseitigung des Tauschhandels, die Wege - Ver­besserungen und die Frage der Handelsfreiheit im Niger-Binnengebiet besprochen und ein Antrag Wörmann auf Ausbaggerung der Kamerun- Barreangenommen. Beim Etat für Togo wurde die Verbesserung der Stellung der nicht etatsmäßigen Beamten und die Tätigkeit der Polizei- undSchutz- truppen-Offiziere und der Aerzte besprochen, ebenso die Küstenbahn zwischen Lome und Klein-Popo. Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg sprach dem Kolonial-Direktor das Vertrauen der kolonialen Kreise aus.

die lachende Frühlingssonne auf ein Bild grauenhafter Verwüstung der Menschenstätten, auf vernichtete Habe und zerstörtes Familienglück. Da hob der Engel der Barmherzigkeit seine Schwingen zum Pfluge durch das Land und klopfte an bei Hoch und Niedrig, bei Reich und Arm, an Palast und Hütte, und auf seinen Zuspruch öffneten sich Herz und Hand der Mitmenschen, dem furchtbaren Elend zu steuern.

Auf kurze Zeit verstummte der Jubel der Refidenzler, aber dann erhob er sich auf- neue. Nur nahmen die Vergnügungen jetzt einen anderen Namen und hießen: Wohltätigkeitskonzerte, Bazare, Theateraufführungen zum Besten der Ueberschwemmten und dergleichen mehr. Man wollte fich doch die Freude nicht rauben lassen, und bei all den Veranstaltungen, welche die Unter­stützung der schwer Heimgesuchten zum Zweck hatten, konnte man das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.

Auch der Adelsklub der Residenz nahm sich mit großem Eifer der Sache der Notleidenden an; be­deutende Summen wurden gespendet und an das Unterstützungskomitee abgesandt; die junge Welt kam zu endlosen Beratungen zusammen und einigte fich schließlich dahin, eine der beliebtesten und am leichtesten auszusührenden Opern einzuüben; man wählte Martha oder der Markt zu Richmond". Die Rollen waren bald verteilt; eine Cousine Florentinens, die Komtesse Schwickau, welche über eine gute Stimme und ein sehr angenehmes Aeußere verfügte, übernahm die Titelrolle; Florentine diejenige der Nancy, Baron Rudolf diejenige des Lionel, der nicht sehr junge Gras Tannenberg, dessen Huldigungen Florentine mit eisiger Kälte erwiderte, erhielt die Rolle des Tristan und der Sohn des österreichischen Gesandten, ein junger Gardeoffizier, die des Pächters Plumkett. Der Kapellmeister unv der Direttor des königlichen Hos- theaters leiteten die Proben, und die Darsteller studierten ihre Rollen mit solch einem Eifer, daß die Aufführung recht gelungen zu werden versprach.

Die Trager der Hauptrollen kamen außerdem fast täglich bei Florentine zusammen, um längere Nach-

% Der Bundesrat hat in seiner gestrige u Sitzung den Beschlüssen zur Krankenkassen­novelle die Zustimmung erteilt. Er hat fich also »an dem bekannten Druckfehler nicht ge­stoßen. Es lag ihm auch, wie die ,Natlib. Korr/ berichtet, der richtige Text ohne den Druckfehler vor.

** Die kanadische Regierung hat die Ausführungsbestimmungen zur Tarifnovelle, betreffend den Zuschlagszoll auf Waren deutscher Herkunft, nunmehr veröffentlicht. Dieselben sind in Form einer Instruktion an die Zollbehörden, ine in ihrem Eingang den amtlichen Wortlaut der gesamten Zollnovelle enthält, und eines für die fremden Exporteure bestimmten Zirkulars er­lassen worden. Die ,Nordd. Allg. Ztg/ gibt die beiden Veröffentlichungen in deutscher llebersetzung wieder.

** Eine neue Anwendung des Kanzel- paragraphen.' Gegen den katholischen Propst Günther in Blesen wurde ein Strafverfahren wegen Vergehens gegen § 130 a Strafgesetzbuchs (Kanzelparagraphen) eingeleitet, weil er die Praxis der Ordensverleihungen in Preußen kritisiert hatte. Im vorigen Jahre ist Günther wegen eines gleichen Vergehens zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden.

% Die Anarchisten haben zum Dienstag eine große öffentliche Wählerversammlung, die erste dieser Art, einberufen, um zu der Frage: Wie stellen sich die Anarchisten und freiheitlichen Sozialisten zu den bevorstehenden Reichstags­wahlen?" Stellung zu nehmen. Als Referent ist für diese Versammlung Paul Pawlowiffch ausersehen.

* Metz, 18. Mai 1903. Der Kaiser ist heute um 4 Uhr 40 Min. von Metz nach Schloß Urville zurückgefahren. Durch eine allerhöchste Kabinetsordre werden dem Grafen Häseler unter Stellung zur Disposition die Brillanten zum Schwarzen Adlerorden verliehen. Graf Häseler bleibt Chef des 2. brandenburgischen Ulanenregiments Nr. 11.

* Paris, 18. Mai 1903. Der Kultur­kampf in Frankreich hat am Sonntag in Paris zu Straßentumulten geführt, worüber das Wolff'sche Bureau folgendes berichtet: In der Vorstadt Plaisance hatten sich am Vor­mittag zahlreiche Nationalisten unter Führung des Gemeinderats Möry, zweier Deputierten sowie Max Regis eingefunden, um die Predigt eines früheren Jesuitenpaters vor Unterbrechungen zu schützen. In der Straße fand zwischen 2000 Nationalisten und ihren Gegnern ein Hand­gemenge statt. Zwei von den Antiklerikalen wurden schwer verletzt. Auch Polizeipräfekt Löpine wurde, als er die Straße absperren wollte, durch einen Hieb über den Kopf leicht verletzt.

Übungen zu halten. Die junge Erzieherin der Schwarzenburg'schen Familie, mit ihrem feinen musi­kalischen Verständnis, ersetzte ihnen hierbei den Kapell­meister, und bald hatte sie die Partien so gut inne, daß fie jede der Rollen hätte übernehmen können.

In zwei Tagen sollte die Aufführung stattfinden; alle Vorbereitungen waren getroffen; eifriger denn je wurde geübt und nur noch zwei Proben sollten ab­gehalten werden. Gerade schickte Florentine fich an, in Begleitung Rudolfs nach dem Schauspielhaufe zu gehen, als der Kapellmeister fich melden ließ und gleich darauf atemlos eintrat.

Ach, Baromffe, welch ein Mißgeschick! Soeben schickte Gräfin Schwickau einen Diener zu mir mit der Nachricht, daß die Komtesse an einer heftigen Hals­entzündung erkranlt sei; sie müsse mehrere Tage das Bett hüten und der Arzt habe ihr für die nächste Zeit überhaupt das Singen untersagt. Was sangen wir nur an ? Selbst wenn wir einen Ersatz für die Rolle der Komtesse fänden, so erforderte doch das Einstudieren derselben längere Zeit, und wegen ander- weittger Dispositionen kann die Aufführung nicht verschoben werden. Was sollen wir nun tun?"

Ja, wenn ich da Rat zu schaffen wüßte, Herr Kapellmeister! Würde nicht eine Ihrer Sängerinnen die Gefälligkeit haben, die Tttelrolle zu übernehmen?"

Ja, daran habe ich auch schon gedacht; aber unsere Primadonna hat sich den Fuß verstaucht und liegt in beschaulicher Ruhe auf der Chaiselongue; Fräulein Vermulden, unsere zweite Sängerin, steht am Sterbebette ihrer Mutter; von den beiden nächst­besten Sängerinnen könnte ja schließlich die eine oder andere die Rolle übernehmen; fie find ober beide nicht hübsch und überdies halte ich die Heranziehung einer Schauspielerin von Berus nicht für zweckmäßig. Da­durch würde der Charakter der Beranstaltnng verloren Sehen; denn ei soll doch schließlich eine Dttettanten- lnfführung sein."

(Fvrffetzung felgt.)