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flllda, Montag, den 18. Mai 1903.

M 112.

30. Jahrgang.

** Viegeistigen Waffen" -er Sozialdemokratie.

Allgemein wird über den rüden und pöbel­haften Ton geklagt, den die sozialdemokratische Presse in der Wahlbewegung anschlägt. Auch wir haben den Eindruck, als ob sie bei keiner früheren Wahl so viel an Beleidigungen, Schmähungen, Beschimpfungen und Verleumdungen geleistet habe, wiewohl wir doch starke Dinge von ihr gewohnt sind. Allen voran zeicynet sich durch Knotenhaftigkeit und Unehrlichkeit seiner Polemik der ,Vorrvärts' aus, der überhaupt in den letzten Jahren noch weit roher in seiner Sprache geworden ist, als er schon unter Liebknecht's Leitung war. Für einen an an­ständige Gesellschaft gewohnten Menschen ist es eine förmliche Qual, wenn er gezwungen ist. Tag für Tag diese Anhäufung von Ungezogen­heiten und Gemeinheiten anzusehen.

Es pflegt ja leider in der Aufregung des Wahlkampfes vielfach mehr geschrieben und ge­sprochen zu werden, als sich verantworten läßt, und die Darlegung und Beurteilung der Tat­sachen pflegt nicht immer objektiv zu sein. Aber bei der Sozialdemokratie, insbesondere beim .Vorwärts', ist das Beschimpfen und Verdrehen geradezu System. Was eine andere Partei auch getan haben mag, es wird entstellt und verdreht, damit nur ja kein gutes Haar an ihr bleibe. Lüge, Verleumdung und Verhöhnung müssen dazu dienen, den Wählern die anderen Parteien verhaßt zu machen. Mit ganz besonderer Vor­liebe übt der .Vorwärts' die persönliche Be­schimpfung. Wer immer in den anderen Parteien eine größere Rolle spielt und sich in der Wahl­bewegung bemerkbar macht, darf sicher sein, daß der .Vorwärts' mit dem Knüppel über ihn her­fällt und ihn mit Kot bewirft. Ganz besonders hat er sich den Abg. Richter als Zielscheibe seiner unflätigen Beschimpfungen ausersehen: Richter hat nämlich das Verbrechen begangen, die wüste Obstruktion gegen den Zolltarif nicht mitzumachen und einige sehr wirksame Schriften gegen die Sozialdemokratie zu schreiben, die der .Vorwärts' nicht widerlegen kann. Von den Parteien wird am häufigsten und gröbsten das Zentrum angerempelt. Es hat nämlich Ver­dienste auf sozialpolitischem Gebiete, die ihm die Sozialdemokraten nicht streitig machen, und es hat in der Arbeiterschaft einen starken Anhang, den ihm die Sozialdemokraten nicht abspenstig machen können.

Wie dasCentralorgan" der Partei, die sich rühmt, die Wissenschaft auf ihrer Seite zn haben, vorpfeift, so pfeift die übrige Presse nach. Es ist ein beliebter Sport der Sozialdemokraten, über die geistigen Waffen zu höhnen, die gegen sie angewandt wurden. Wenn sie die Rüpeleien, Beschimpfungen und Verleumdungen, mit denen ihre Presse operiert, für geistige Waffen ansehen, dann sind wir eben über diesen Begriff nicht einig. Daß man sich von dieser Art desGeistes­kampfes" Erfolg bei den Wählern verspricht, wirft jedenfalls ein eigentümliches Licht auf die

Confudos Schicksale.

Novelle von Marg. Schlichter.

11 (Nachdruck verboten.)

Bleich vor Schrecken wohnte seine arme Mutter der furchtbaren Szene bei; umsonst versuchte sie, ein Wort zu Gunsten ihres unglücklichen Sohnes anzu­bringen ; des Freiherrn Zorn kannte keine Grenzen. Einen langen, traurigen Blick warf Clemens noch auf die geliebte Mutter, dann verließ er schwankenden Schrittes das Gmiach. Da aber siegte die Liebe des Mutterherzens über die Furcht vor dem Gatten; sie eilte dem Sohne nach, warf sich schluchzend an seine Brust und in inniger Umarmung hielten sie sich einen Augenblick umfangen. Clemens vettieß das elterliche Schloß gleich darauf und seither hatte man nie wieder rtwas von ihm gehört oder gesehen. Sein Name wurde utK wieder in Gegenwart des Freiherrn genannt.

Als der jähere Bruder einige Stunden später nach Hause kam, erfuhr er, was sich inzwischen ereignet hatte, und es kostete ihn Mühe, seine Genugtuung zu verbergen. So war also sein Werk geglückt, alle» war eingetroffen, wie es vorgesehen war, und des Bruders zerstörtes Lebensglück die Brücke zu der bevorzugten Stellung geworden, i«n die er ihn immer beneidet hatte.

Es war aber noch eine Tochter im Hause, ein achtzehnjähriges Mädchen von bezauberndem Liebreiz; große, seelenvolle Re^augen schauten aus ihrem feinen Gesichtchen hervor ussd zogen jeden in ihren Bannkreis, der in ihre Nähe faPb und wenn die Strahlen der Sonne in ihren goldenen Locken spielten, so begriff man, weshalb Clemens seine Schwester immer seine kleine Fee nannte, j Tic innigste Geschwisterliebe ver­band die beiden, ufb an dem Tage, da das Furcht­bare sich ereignet platte, als Clemens wie ein Ge­ächteter das Vaterh-M verlassen mußte, überwältigte der Kummer das jMge Geschöpf dermaßen, daß ihre

Meinung, die die Sozialdemokraten von diesen Wählern haben. Von welchem geistigen Tief­stände der uns sonst immer als die Elite der Menschheit geschildertenzielbewußten" Arbeiter würde es doch zeugen, wenn die Führer Recht hätten mit der Annahme, daß durch wüste Schimpfereien die sozialdemokratische Ueberzeugung am wirksamsten bei ihnen befestigt werden könne, und wenn die Arbeiter sich für diese Schmeichelei nicht entschieden bedankten.

Wohlweislich verlassen sich die Sozialdemo­kraten auf ihregeistigen Waffen" aber bei den Wahlen keineswegs. Ein rücksichtsloser Terroris­mus muß die Wirkung der Schimpfereien und Verleumdungen ergänzen. Wie die Beispiele zu Hunderten vorliegen, daß dieZielbewußte i" ihre Kameraden in der Werkstatt, auf dem Bau­platze und in der Fabrik durch die brutalste Ver­gewaltigung in ihre Organisation hineinzuzwingen versuchen, so nötigen sie dieselben auch mit Drohungen und Beschimpfungen zur Abgabe eines sozialdemokratischen Stimmzettels. Die Frechheit, womit der sozialdemokratische Terrorismus ge­trieben wird, ist für zahlreiche nicht sozialdemo­kratischen Arbeiter zu einer wahren Landplage geworden. Dieselbe herausfordernde Pöbelei, die in der Presse herrscht, macht sich auch sonst in der Wahlbewegung geltend. Eine beliebtegeistige Waffe" derGenossen" ist die Störung der Versammlungen anderer Parteien und ein freches Auftreten mundfertiger sozialdemokratischer Agi­tatoren in solchen Versammlungen. Die Leute, die so viel von Freiheit reden, wollen die Ver- sammlungs- und Redefreiheit anderer Parteien nicht anerkennen. Sie beanspruchen für ihre Schreihälse das Recht, in den Versammlungen anderer Parteien diese nach Herzenslust zu be­schimpfen, und, wenn ihnen das verwehrt wird oder wenn in den Versammlungen etwas gesagt wird, was ihnen unbequem ist, machen sie Radau und sprengen dieselben. Ein beliebtes Mittel geistige Siege" zu erfechten ist außerdem, daß sie Führer anderer Parteien zur Disputation in öffentlichen Versammlungen herausfordern. Wenn Leute, die auf Anstand und Ehre halten, das ablehnen, weil sie sich keinen Flegeleien ausfetzen wollen und weil solche Wortgefechte doch zu nichts führen, dann wird das für feige Drücke­bergerei ausgegeben und als ein Beweis für die Unwiderlegbarkeit des Sozialismus hingestellt. Auch eine Finte, die nicht von sonderlichem Respekt vor den geistigen Fähigkeiten der Massen zeugt.

Die Beschimpfungen, Vergewaltigungen und Herausforderungen, die sich die Sozialdemokraten allen anderen Parteien gegenüber glauben gestatten zu dürfen, verraten ein Selbstbewußtsein und einen Uebermut, als ob sie bereits Herren der Lage wären und sich alles ungestraft gestatten dürften. Dagegen kann die Reaktion schließlich unmöglich ausbleiben und dann dürfte sich doch noch zeigen, daß die große Mehrheit des Volkes sich nicht von der Kompagnie des Juden Singer terrori­sieren lassen will. Im Reichstage haben die Herren schon eine kleine Probe davon gehabt, daß man sie zu bändigen versteht, wenn sie

ohnehin zarte Konstitution dem heftigen Anprall erlag. Sie verfiel in ein heftiges Fieber, und genau acht Tage nach der Entfernung ihres Bruders wurde die schöne, junge Baronesse Maria in der Gruft ihrer Ahnen beigesetzt. So war denn plötzlich das Unglück mit so vernichtender Wucht über die Familie hereingebrochen.

Mehr denn zwanzig Jahre waren seitdem ver­gangen, und wenn auch der Name Clemens nie über ihre Lippen kam, so lebte er doch fort in den Herzen seiner Eltern. Rein und ungettübt stand das Bild des geliebten Sohnes vor dem Auge der Mutter; sie hatte vom ersten Augenblicke an nicht an seiner Unschuld gezweifelt. Auch in ihrem Gatten begannen sich starke Zweifel an der Schuld seines Sohnes zu regen, nachdem sein Zorn in den folgenden Tagen einer ruhigen Ueberlegung gewichen war. Wenn aber Clemens den Wechsel nicht gefälscht hatte, wer konnte es dann getan haben? Wer hätte sonst ein Interesse daran gehabt?" Immer wieder grübelte er darüber nach; es kam ihm nie in den Sinn, daß sein zweiter Sohn die Hand dabei im Spiele gehabt haben könnte. Seither verzehrte er sich in bitteren Selbstvorwürfen, daß er sich von seiner Heftigkeit habe hinreißen lassen, daß er seines Sohnes Verteidigung nicht wenigstens angehört habe. War es nicht möglich, daß der Schein getrogen hatte? daß Clemens seine Unschuld hätte beweisen können? O, wie die Qual ihm am Herzen fraß, wenn er an jene schreckliche Stunde dachte; und wann hätte er wohl nicht daran gedacht? Täg­lich, stündlich verfolgten ihn die treuen Augen seines Sohnes, sah er den bittenden, tieftraurigen Blick, den er damals auf ihn gerichtet hiell. Nein, das war nicht der Blick eines Elenden, Ehrlosen, und wenn der Sohn wirklich unschuldig war, dann Halle er ja mit eigener Hand dessen junges hoffnungsvolles Leben zerstött! Die Weihnachtszeit, die Zeit des Friedens und der Freude erinnerte das Ehepaar lebhafter denn sonst an jene furchtbare Katastrophe, deren Folgen wie ein Fluch auf ihrem Hause lasteten, und so saß das Leid bei ihnen zu Gaste und quälte sie mit den

gar zu übermütig und frech werden. Wir sehen auch jetzt wieder, wie sie sich durch ihr knoten- hastes Benehmen und ihren Terrorismus mehr und mehr isolieren und auch die Leute abftoßen, die sonst einige Zuneigung zu ihnen hatten und sie in Schutz nahmen Sie werden in ihrem verblendeten Uebermut ja auch auf diese Isoliert­heit stolz fein, allein sie überschätzen offenbar ihre Macht und die Geduld derjenigen, die sie herausfordern zu dürfen glauben.. Wir rufen nicht nach Ausnahmegesetzen, aber wir meinen, daß man sich nicht alles gefallen zu lassen braucht und auch so noch mit denGe­nossen" fertig werden wird, wenn man sich nur einmal zur geschloffenen Gegenwehr aufrafft, wie es im Reichstage der Fall war. Wenn es noch eine Weile so weiter geht mit den Torheiten und Herausforderungen, so werden die Arbeiter, die sich von den gewiffenlofen Schreihälsen ver­leiten laffen, den Schaden davon haben und kein Mensch wird sie schützen können. Wir meinen, eine Reihe von Maßnahmen in Unternehmer­kreisen aus letzter Zeit sollten eine Warnung sein.

Reichstagswahlen.

ii.

Wir erinnern noch einmal daran, daß die Reichstagswahlen amDienstagdenlv.Juni stattfinden. Sie dauern von IO Uhr vor­mittags bis 7 Uhr abends (früher nur bis 6 Uhr). Während dieser Zeit kann jeder Wähler zur Wahl gehen. Man kann auch die ganze Wahlzeit über in dem Wahllokale bleiben und sogar nach 7 Uhr der Feststellung des Wahlergebnisses beiwohnen, denn die Wahl­handlung und die Ermittelung des Ergebnisses sind öffentlich. Wir erinnern ferner daran, daß nur solche Wähler zur Wahl zugelassen werden, deren Namen in der Wählerliste stehen. Jeder Wähler sorge daher dafür, daß fein Name in der Wählerliste steht. Was er zu diesem Zwecke zu tun hat, haben wir in dem früheren Artikel über die Reichstagswahlen schon gesagt.

Gehe jeder zur Wahl! Bleibe keiner zurück! Die Wahl ist eine direkte Wahl, d. h. jeder Wähler wählt direkt den Abgeord­neten (nicht, wie bei der Wahl zum Abgeordneten­hause eine Wahlmann, der dann erst den Ab­geordneten wählt). Die Wahl ist eine geheime Wahl, es soll nicht bekannt werden, wem der Wähler seine Stimme gibt. Zu diesem Zwecke erfolgt die Wahl mittelst Stimmzettel, auf welchem der Name beffen steht, den man wählt. Die Zettel müffen von weißem Papier sein und dürfen nur Vor- und Zunamen, Stand oder Ge oerbe und Wohnort dessen enthalten, den man wählt. Wenn sonstige Vermerke auf dem Zettel stehen, ist er ungiltig. Insbesondere darf nicht der Wähler feine Unterschrift auf den Zettel setzen, er darf keine Bemerkung darauf schreiben, wie etwa:Ich wähle den N. N. unter der Bedingung, daß er usw." Der Zettel darf auch kein Kennzeichen tragen, durch das man ihn von anderen unterscheiden kann. Selbstverständ-

düst ersten Erinnerungen, als die Tür sich auftat und ihr Sohn Albert eintrat.

Baron Albert war ein seltener Besucher im Hause seiner, Eltern; sein rauhes rastloses Wesen kontrastierte zu sehr mit der vornehmen Ruhe seiner sanften Mutter und dem gemessenen Wesen seines Vaters. Sein verschlossener Sinn und jeglicher Mangel an edleren Regungen des Herzens entfremdeten ihn früh- zeitig feinen Eltern, und diese Entftemdung steigerte sich noch, als er ihnen einige Jahre nach den oben erwähnten Ereignissen erklärte, daß er die junge Komtesse Schwickau zu seiner Lebensgefährtin erkoren habe. Es betrübte sie tief, daß er ihnen eine Schwiegertochter zuführen wollte, deren kaltes und stolzes Benehmen sie ihm gegenüber schon so ost ge­tadelt hatten, und beinahe wäre es zwischen ihnen und dem Sohne zu einem offenen Zerwürfnis ge­kommen. Schließlich gaben sie des lieben Friedens wegen ihre Einwilligung zu der Verbindung. Aber der Verkehr zwischen den jungen und den alten Leuten beschränkte sich nur auf kurze gelegentliche Besuche; nur einmal im Jahre während des Sommers brachte Baron Albert mit seiner Familie längere Zeit bei seinen Eltern zn.

Es war denn auch mehr Erstaunen als Freude, welches sein Erscheinen jetzt bei ihnen hervorrief; lange hielt er es auch heute bei ihnen nicht aus; der Kummer der alten Leute war ihm ein stummer Vorwurf, und in dem Bewußtsein seines bösen Ge­wissens glaubte er, daß man ihm seine JudaStat von der Stirn lesen könne. Trotz des Prot-stes seiner Ettern, d e chn aufforderten, bis zum folgenden Morgen bei ihnen zu verwetten, ließ er sein Pferd satteln und stürmte in den Hellen Mondschein hinaus.

Der alte Frecherr lauschte auf den verhallenden Hufschlag seines Rosses:Ich weiß nicht, der Vergleich mag unpassend erscheinen, aber Albert mir seinem fortwährenden Hasten und Jagen erinnert mich stets an die Sage vom ewigen Juden."

Ja," seufzte die Baronin,seine stete Unruhe

lich muß der Name dessen, den man wählt, leserlich geschrieben sein und die Person, die man wählt, muß überhaupt wählbar sein. Zettel, die nicht so sind, wie vorstehend angegeben ist, sind ungiltig. Der Zettel soll möglichst 12 Zentimeter lang und 9 Zentimeter breit sein, das ist aber nicht gerade erforderlich. Am besten ist es, wenn man einen der gedruckten Wahlzettel benutzt, wie sie ja heutzutage fast überall von den einzelnen polittschen Parteien ausgegeben werden. Die Wähler aus unserem Leserkreise werden hoffentlich alle den Zettel der Zentrums­partei abgeben. Es ist gut, sich frühzeitig mit einem solchen zu veftehen. Hat man einen solchen nicht erhalten oder ihn verloren, kann man sich dadurch helfen, daß man den Zettel einer anderen Partei benutzt, den darauf gedruckten oder ge­schriebenen Namen aber durchstreicht und statt dessen den Namen dessen daraus schreibt, den man wählen will. Ferner kann man einen beliebigen weißen Zettel in entsprechender Größe benützen, wenn man darauf den Namen des Kandidaten schreibt.

Das Wählen geht jetzt etwas anders vor sich, wie bisher. Das Wahlreglement, die Verordnung über Art und Weise der Wahl ist nämlich ab­geändert worden. Das Wählen geschieht fortan in folgender Weise: Der Wähler, welcher feine Stimme abgeben will, tritt' in das Wahllokal, in das Zimmer, in welchem die Wahl übgehalten wird. In diesem Wahllokal wird ihm ein ab= gestempelter Umschlag verabreicht. (Das war früher nicht der Fall.) Neben dem Wahllokal muß ein Raum oder wenigstens in dem Wahl­lokal ein Nebentisch so ausgestellt sein, daß der Wähler in jenem Raum oder an diesem Tisch unbeobachtet einen Stimmzettel in den Um­schlag stecken kann. Der Wähler begibt sich in den erwähnten Nebenraum oder an den er­wähnten Tisch und steckt dort seinen Stimm­zettel in den Umschlag. Dann erst tritt er an den Tisch, an dem der Wahlvorstand sitzt. Der Wahlvorstand besteht aus dem Wahlvorsteher, einem Protokollführer und mehreren Beisitzern. Wenigstens drei Mitglieder des Vorstandes, darunter der Wahlvorsteher oder Protokollführer, müssen stets in dem Wahllokale an­wesend sein. Der Wähler nennt am Vor­standstische seinen Namen, erforderlichenfalls auch Stand und Wohnung. Der Protokollführer sucht den Namen in der Liste auf, und erst wenn dieser Name in der Liste gefunden ist, darf der Wähler sein Wahlrecht ausüben. Das geschieht, indem er dem Wahlvorsteher ober dessen Stellvertreter den Umschlag (mit dem Stimmzettel) übergibt. Der Protokollführer macht dann in der Wähler­liste einen Vermerk, daß der betreffende Wähler gewählt hat. Der Wahlvorsteher legt den Um­schlag in die Wahlurne, ein verdecktes Gefäß. Der Wähler darf selbst den Umschlag nicht in die Wahlurne legen. Solche Wähler, welche wegen körperlicher Gebrechen nicht im Stande sind, selbst den Zettel in den Umschlag zu stecken und diesen dem Wahlvorstand zu über­reichen, dürfen sich jemanden mitnehmen, der ihnen hilft. Sie muffen aber mit diesem

macht einen beängstigenden Eindruck; ich fürchte, sein Nervenleiden wird allmählig einevollständige Zerrüttung seiner Geistes- und Körperkräfte herbeiführen."

Es war schon spät am Abend, als Baron Albert wieder auf Lahrenstein anlangte. Die Familie, be­unruhigt über sein langes Ausbleiben, saß noch im Wohnzimmer, um seine Ankunft abzuwarten. Er gab indes auf die Fragen seiner Gattin nur kurze Ant­worten, durch die sie nur das Eine erfuhr, daß er bei seinen El:ern gewesen war. Egon sollte noch nicht wissen, daß die rettende Hand seines Vaters ihn noch einmal von dem Abgrunde, an den sein Leichtsinn ihn getrieben, zurückziehen wollte; er sollte wenigstens möglichst lange die Qual der sorgenden Ungewißheit kosten. Darum teilte er auch der Baronin nichts von dem Erfolge seines Besuches auf Schwarzburg mit; wie er zu dem Selbe gelangt war, durfte diese ohne­hin nicht erfahren. Erst am folgenden Morgen, als Egon sich anschickte, abzureisen und verzweifelt und ganz zerknirscht vor seinem Vater stand, händigte dieser ihm die Summe ein, durch die er seine Ver bindlichk: iten lösen und sich aus den Händen des Wucherers befreien konnte, er unterließ es aber nicht, feinem Sohne eine Menge E Mahnungen mit auf den Weg zu geben, die mit ebenso vielen hohen Be­teuerungen und Versprechungen von Setten des an­scheinend sehr reumütigen Sünders erwidert wurden. Von einem Austritt aus der Armee war weiter keine Rede mehr, und mit viel leichterem Herzen, als er gekommen war, schied der junge Offizier aus dem Hause seiner Eltern, während seinem Freunde der Abschied von Lahrenstein diesmal recht schwer wurde.

Rudolf hatte keine Gelegenheit gehabt, Consuelo noch einmal ohne Zeugen zu sprechen. So nahm er denn nach dem Frühstück in Gegenwart der Familie Abschied von ihr. Aber seine Blicke sagten ihr mehr als Worte, und er glaubte auch in ihren Augen einen feuchten Schimmer zu bemerken, als sie sich zum Lebe­wohl die Hand reichten und er die ihrige, länger als nötig war, in der feinigen hielt.