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Maer
Zeitung
Monatsbeilage: „Fuldaer Gefchichtsblätter'..
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Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda (Harmonie). Fernsprecher Nr. 4.
M 111
flllda, Samstag, den 16. Mai 1903.
30. Jahrgang.
Wochen-Rundschau.
(Nachdruck verboten.)
lü Fulda, 16. Mai 1903.
Der Besuch deS Deutschen Kaisers im Vatikan hat den Zeloten, die sich darüber freuten, daß die Kaiserin angeblich als „evangelische Frau" den Papst nicht sehen mochte, nachhaltigen Schmerz bereitet. Mehr oder weniger versteckt ist in einer Reihe von Blättern dem Kaiser der Aerger kundgegeben worden, daß er Leo XIII. seine Verehrung bezeugt und zur Hebung des päpstlichen Ansehens beigetragen hat. Einen greifbaren Inhalt vermag man seinen Beschwerden und Besorgnissen nicht zu geben. Daß der „Ultramontanismus" sich in seinem Selbstbewußtsein gestärkt fühle, der Protestantismus gefährdet oder geschädigt werde u. s. w., das sind alles doch nur hohle Redensarten. Man hat tatsächlich nichts, weshalb man sich „beunruhigt" fühlen könnte; der einfältige Haß gegen das Papsttum kann es einfach nicht ertragen, daß der protestantische deutsche Kaiser sich freundlich zu ihm stellt und nicht den leidenschaftlichen Haß der Fanatiker in Worten und Taten bekundet. Je mehr diese Fanatiker, die übrigens ein recht kleines Häuflein bilden, sich ereifern, umso dankbarer sind wir dem Kaiser, daß er sich um sie nicht kümmert. Ganz besonderen Anstoß hat man daran genommen, daß der Besuch im Vatikan mit so vielem äußeren Glanz erfolgte. Dafür wird man jedenfalls den Vatikan nicht „verantwortlich" machen können. Wenn man gesagt hat: die Italiener müßten dadurch verstimmt und gegen den Dreibund abgekühlt werden, so glauben wir, der Kaiser werde mindestens ebensogut gewußt haben, was er zu tun und zu laffen hatte, wie die deutschen Wächter über den Dreibund. Ihm liegt es sicher fern, etwas zu tun, was die Italiener und das italienische Königshaus verletzen könnte und deshalb hat er gewiß auch vor seiner Fahrt zum Vatikan die Wirkung auf die Italiener sorgsam in Betracht gezogen. Unsere Zionswächter begegnen sich da übrigens mit den französischen Gegnern des Dreibundes. Aucb diese haben behauptet, und da die ,Agence Havas' sich zu ihrem Mundstüc machte, scheint sogar die ftanzösische Regierung dahinter zu stecken, der Besuch im Vatikan habe in offiziellen italienischen Kreisen einen peinlichen Eindruck gemacht. Wenn die Franzosen so etwas be haupten, so ist das erklärlich; sie möchten ja Italien von Deutschland abziehen. Die ,Nordd. Allg. Ztg.' hat ihnen unter Hinweis auf den offiziösen Charak'er der ,Agence Havas' erwidert, die äußeren Formen des Kaiserbesuches im Vatikan könnten nur den gerade entgegengesetzten Eindruck machen, da dadurch vor den Augen der Welt bezeugt werde, wie wenig der Papst im Genuß der ihm zustehenden Rechte eines Souveräns beschränkt sei. Tatsächlich haben denn auch italienische Blätter diese Schlußfolgerung gezogen. Wir erkennen sie zwar nicht als richtig an, aber wenn die Italiener sich über den Besuch im Vatikan verstimmt zeigen sollten, so würden sie sich ja selbst einen Schlag in's Gesicht versetzen, denn sie haben das „Garantiegesetz" gemacht, das dem Papste die Rechte eines Souveräns zuerkennt, und sind stolz auf die „Garantien", die da» Gesetze dem Papste bietet. Unsere Zeloten ärgert es freilich schon, daß der Papst überhaupt als Souverän anerkannt ist.
Es ist ein Glück, daß bereits in vier Wochen die Reichstagswahlen stattfinden. Alle Welt sehnt sich danach, möglichst bald aus dem Wirrwarr herauszukommen. Da die Zollfrage gar nicht so sehr der Mittelpunkt des Wahlkampfes geworden ist, wie man noch vor wenigen Wochen geglaubt hatte, und Handelsverträge, die man gar nicht kennt, sich wenig zum Kampfobjekt eignen, so geht ziemlich alles drunter und drüber, ein Durcheinander, wie es noch selten bei einer Wahl da war. Die Wählermassen scheinen dem ohne sonderliche Aufregung zuzusehen. Nicht einmal die Sozialdemokraten scheinen recht ins Feuer zu geraten, wiewohl die sozialdemokratische Preffe es an tollen Schimpfereien und groben Beschimpfungen aller übrigen Parteien nicht fehlen läßt. Die „Antiultramontanen" glauben ein Stimulus für die Wähler in dem Umstande gefunden zu haben, daß das Zentrum in seinem Wahlaufrufe empfiehlt, niemand die Stimme zu geben, der sich nicht gegen § 2 des Jesuitengesetzes erklärt. Sie möchten das als eine Herausforderung auslegen und nun die protestantischen Massen aufstacheln, fich zu „wehpM", indem sie von den Ka- didaten eine Erklärung sKr § 2 fordern, auetn lelbst die .Kreuzztg.' hat »ezeugt, daß nicht das Zentrum „angefangen" hat, sondern die National- lrbnalen und die dem evangelischen Bunde nach- laufenden Konservativen es gewesen sind, die mit cmer Macht die Jesuilenfrage in den Vordergrund zu schieben versucht haben.
Kriegsminister v. Goßler ist amtsmüde. Statt der Entlastung hat ihm der Kaiser zunächst einen dreimonatigen Urlaub gewährt, aus dem er aber schwerlich auf seinen Posten zurückkehren wird. Sein Entlaffungsgesuch wird mit den üblichen „Gesundheitsrücksichten" begründet, doch will man sich damit nirgends recht zufrieden geben. Die meisten glauben, sein Rücktritt hänge mit der kommenden Militärvorlage zusammen, über die er sich mit dem Militär- kabinLl oder dem Kaiser nicht verständigen könne. Andere sagen, er besitze das Vertrauen des Kaisers
nicht mehr, ohne bestimmt anzugeben, wodurch er es verloren habe; wieder andere behaupten, er stimme nicht mit dem Eisenbahnminister Budde. Die neue Militärvorlage kann schon der Hauptanlaß zu seinem Rücktritt sein, fei. es, daß er sie nicht billigt, oder daß er sich nicht getraut oder daß man ihm nicht zutraut, sie durchsetzen zu können. Etwas sicheres über ihren Inhalt weiß man noch nicht. Man darf aber von vornherein überzeugt sein, daß sie nicht „zu wenig" fordert. — Da nun einmal ein Minister vor seinem Rücktritt steht, werden von den Lombinationspolittkern auch gleich noch andere geopfert. Einige Leute wollen etwas von dem bevorstehenden Abschied des Staatssekretärs v. Tirpitz gehört haben. Es scheint aber, daß für dieses „Gerücht" weiter keine Unterlage vorhanden ist, als die zweimalige Ablehnung der Forderung für den Neubau des Morineamtes. Wenn solche Lappalien die Stellung eines Ministers erschüttern sollten, dann müßten wir noch viel häufiger die Minister wechseln sehen, als es schon der Fall ist.
In Frankreich zieht der Widerstand gegen den Kulturkampf immer weitere Kreise. Auch Liberale und Republikaner begaben sich in die Opposition. Die Bischöfe haben vereint die Zumutung zurückgewiesen, die Hand zur Ausführung der gegen die Kongregationen gerichteten Gesetze zu bieten.
Dem englischen Volke ist jetzt die Kostenrechnung für den Burenkrieg überreicht worden. Sie beläuft sich auf 4000 Millionen. Im Jahre 1893 meinte der Schatzsekretär, her Krieg werde vielleicht 200 Millionen kosten.
In Spanien sind jetzt auch die Senatswahlen getätigt. Sie fielen auch zu Gunsten der konservativen Regierung aus.
Aus Rußland wird von einer Judenverfolgung in der bessarabischen Stadt Kisckenew gemeldet. Wer die Schuld trägt, ist noch nicht sicher festgestellt.
Im Balkan find nach den Bombenattentaten in Saloniki noch Unruhen in Monastir vorgekommen. Die Truppen find hier der Revolutionäre bald Herr geworden. Der Sultan hat an die bulgarische Regierung eine scharfe Note gerichtet, worin er darüber Beschwerde führt, daß die bulgarische Regierung die Tumulte begünstige.
Aus China wird gemeldet, daß die Russen den Ort Niutschwang wieder besetzt haben. Man sieht aus allem, daß die Russen an nichts weniger denken, als an die Aufgabe der Mandschurei.
In der australischen Kolonie Viktoria ist es zu einem Generalstreik der Eisenbahner gekommen. Es handelt sich um die Anerkennung des Koalittonsrechts. Das Publikum soll gegen die Streikenden Partei ergriffen haben.
Unpolitische Zeitkäufe.
(Nachdruck verboten.)
(C Berlin, 14. Mai 1903.
Die „Schleifenbahn" hat schon wieder ein Opfer gefordert. Allerdings ist der waghalsige junge Mann mit einer Verletzung der linken Schulter davongekommen, weil er noch vor dem Aufstieg zur vollen Höhe aus dem Geleise kam. Der Unfall zeigte aber doch wieder, daß die Schleifenfahrsucht eine gefährliche Krankheit ist. Ein findiger Amerikaner hat mit dem „looping the loop“ im Cirkus gute Geschäfte gemacht, und nun wollen eine Menge Glücksjäger es ihm nachmachen; nicht blos gewerbsmäßige Radfahrer, sondern sogar Schornsteinfeger, wie irt dem erwähnten Fall.
Im Grunde genommen ist die „sensationelle Nummer" ein ganz einfacher physikalischer Versuch, den Jeder kennt. Wenn man einen Stein in eine Schleuder legt und letztere um den Kopf chwingt, so fällt der Steinfrucht heraus, so lange nan die Schleuder schnell kreisen läßt; bei angsamer Schwingung kommt er natürlich von der Höhe herunter. Wenn man in einen Reifen ein Glas Wasser stellt, so kann man den Reifen o herum schwingen, daß weder das Glas noch das Wasfer die Fallsucht bekommt. Bringt man ein Wagen oder ein Rad in eine ähnliche vertikal kreisende Bewegung von h nreichender Ge- chwindigkeit, so fällt auch dieses Fahrzeug nicht ms der Höhe herunter; ebenfowenig die Meuchen, die darin oder darauf sitzen. Das ganze Ieheimnis steckt darin, daß die Centrifugalkraft, )ie von der Geschwindigkeit der kreisförmigen Bewegung abhängt, mindestens so groß sein muß, als die Schwerkraft des bewegten Gegenstandes. Da nun das Zweirad und das Automobil die linksten modernen Fahrzeuge sind, so eignen sie .ch am besten für die Schleifenfahrt. Man baute eine Fahrbahn in Form eines riesigen, aufrecht tehenden Reifens, um denselben an der Jnnen- eite mit großer Geschwindigkeit zu befahren. Die erste Schwierigkeit ist, beim Aufstieg alsbald die- enige Geschwindigkeit zu erreichen, welche bei der Interfahrung des oberen Bogens wichtig ist, um das auf dem Kopf stehende Gefährt vor dem Herabfallen zu bewahren. Dazu ist ein tüchtiger Anlauf erforderlich ; deshalb muß der Fahrer von einer Höhe herab in ,den Reifen hineinschießen. Aber wie kommt er hinein, wenn der Reifen einen geschloffenen Kreis bildet? Da gibt es zwei Wege. Entweder bringt man in dem Reifen zwei Klappen an, eine zum Hinein
fahren und eine zum Herausfahren, die im richtigen Moment auf- und zugemacht werden, oder man nimmt statt des kreisrunden Reifens eine Spirale oder Schleifenbahn, so daß der Rundfahrer nicht auf denselben Fleck zurückkehrt, sondern während der Fahrt eine kleine gleichmäßige Abweichung nach der Seite macht, so daß der Einlauf neben dem Auslauf zu liegen kommen kann. Letzteres nennt man im Zirkus-Englisch the loop, ersteres the hoop. Die Gefahr liegt in dem einen Falle besonders in der Unsicherheit des Klappen-Mechanismus, in dem andern Falle in der Schwierigkeit, auf dem Spirale genau den rechten Weg der mittleren Linie einzuhalten. Bei der Benutzung eines Rades ist natürlich erforderlich, daß der Fahrer in seiner schiefen und verkehrten Stellung immer aus Leibeskräften im Treten, Treten, Treten bleibt, um die nötige Geschwindigkeit beizubehalten. Setzt man den Menschen auf einen Motor, so hat er, nachdem das Ding in Schuß gekommen, nur die Steuerung festzuhalten. Ja, wenn es durch einen richtigen Kreis mitKlappen geht, also der Wagen immer dieselbe Richtung einhält, braucht der Insasse des Wagens gar nichts zu tun. Auch dieses „einfache" Verfahren, ein Menschenkind als un- tättges Opferlamm durch den Ring sausen zu lassen, ist schon angewendet worden.
Hat nun diese Spielerei, bei der die geringste Störung lebensgefährlich wird, irgend einen vernünftigen Zweck? Nein. Die waghalsigen Leute, die Flugversuche mit einem „lenkbaren" Luftballon oder mit einer Flügelmaschine machen, können wenigstens sagen, daß sie ein neues Verkehrsmittel entdecken wollen. Der Ring- oder Schleifenfahrer aber kann nichts entdecken, weder für die Wissenschaft, noch für das praktische Leben. Es trägt nur zu dem Zwecke, um die Zuschauer gruseln zu machen, seine Haut zu Markte. Das Eintrittsgeld ist alles.
„Brotlose Künste", sagte man früher. Jetzt sind solche Waghalsigkeiten nicht mehr brotlos, weil die Cirkusse und die sonstigen Schaubühnen den verwegenen Artisten ein hübsches Stück Geld bezahlen, d. h. so lange der Trick noch neu ist. Wird die Waghalsigkeit alt und bekannt, so sinkt der Preis bis zum Hungerlohn. Denn einerseits wird dann das Angebot von feiten der Nachahmer groß und andererseits die Nachfrage von feiten der Schaulustigen gering. Einmal sieht man sich wohl so ein gruseliges Spiel an, aber oft nicht.
Für unfern vielgepriesenen „Kulturstand" ist es freilich bezeichnend, daß die Großstädte eher in Maffen zum looping the loop und ähnlichen halsbrecherischen Cirkusspielen laufen, als in klassische Theatervorstellungen. Man redet immer von dem „Kunstsinn", aber die große Menge hat nur Sinn für Nervenkitzel. Entweder gruselige Sachen, bei denen es einem „kalt über den Rücken läuft", oder pikante Sachen, die rohe Triebe erregen. Schön ist beides nicht. Aber vielleicht kann man die Neigung für die gefährlichen Vorführungen noch als das kleinere Uebel betrachten; denn wenn sie auch den Geschmack nicht verfeinern und die Sitten nicht veredeln, so führen sie doch wenigstens nicht zur eignen Unsittlichkeit.
Im Uebrigen ist es ein Rückschritt in der Kultur, daß der Zirkus, der früher den Zuschauern hübsche Pferde und schöne Reit- und Dreffurkünste vorführte, jetzt heruntersinkt auf Akrobatenspiele und Pantomimen mit Tänzerinnen und sonstigem bedenklichen Klimbim. Früher konnte man in einen soliden Zirkus wohl auch die Jugend führen; jetzt laffen gewissenhafte Eltern wenigstens ihre Kinder zu Hause; wenn sie selbst mit zu Hause bleiben, ist es noch beffer.
Es ist ein Jammer, daß all' die Schaustellungen mit billigen Eintrittspreisen verrohen und entarten; die Theater mit hohen Eintrittspreisen bringen freilich auch bedenkliche Sachen, aber dazwischen doch atlch Schönes und Gutes; nur ist das der breiten Masse des Volkes kaum zugänglich wegen den Kosten und Umständlichkeiten, die mit einem Theaterbesuch verbunden sind.
Wohin soll nun das Volk gehen, wenn es seine Schau- und Hörlust befriedigen will? Das ist ein großes und schwieriges Kapitel. Ich möchte nur den einen prakttschen Punkt herausgreifen, daß man nach Möglichkeit Volksunterhaltungsabende oder, wie man neuerdings agt, Volksbildungsabende einrichten soll. Ich nehme auch keinen Anstoß an dem alten lescheidenen Titel „Volksunterhaltung". Die Bildungsfahne braucht gar nicht so hoch gehißt zu werden. Es ist schon viel gewonnen, wenn man dem Volk, das mal ausgehen will, eine edle, anregende Unterhaltung in Gesang, Vorträgen, Musik 2C. bietet. Dadurch hält man Viele von schlechter Unterhaltung, von den Trinkgelagen und den Tanzvergnügen fern. Die Bildung und Erbauung stellt sich bei richtiger
Leitung von selbst ein. Das ist etwas für den Winter; aber wenn nächsten Winter die Sache im Gange sein soll, muß sie im Sommer vorbereitet werden.
Bei der gegenwärtigen Wahlagitation wird man vielfach merken, daß sich nicht in wenigen Wochen nachholen läßt, was in Jahren versäumt ist. Die Gutgesinnten, welche ihre gefährdeten Mitmenschen vor Verführung schützen wollen, müssen von langer Hand, in einem fort, an der Erziehung des Volkes arbeiten und die Fühlung mit dem eigentlichen Volke niemals und nirgends verlieren, auch auf dem Gebiete der Schaustellungen, Unterhaltungen und Vergnügungen nicht.
Vielleicht wird mal ein Preisausschreiben erlassen zur Beantwortung der Frage, wie das Theater wieder vom Christentum erobert werden kann. Inzwischen sollte man durch alle mögliche Kleinarbeit auf diesem Gebiete zu retten suchen, was noch zu haben ist. —
Um auf die Schleifenfahrt zurückzukommen, möchte ich noch ein Gleichnis an den Mann bringen. Der Schleifenfahrer steht zeitweilig auf dem Kopf und fällt doch nicht herunter, weil er mit großer Schnelligkeit über die gefährliche Stelle hinwegsaust. Wir haben auch Reichstagskandidaten, die in ihren Wahlreden eine Schleifenfahrt machen zur Verblüffung des Publikums. Sie stellen mit großer Beredtsamkeit ihr Programm und ihre Handlungen auf den Kopf, und die Zuhörer rufen Bravo, weil der Mann mit gewaltigem Zungenschlag über die mäßigen Punkte hinwegeilt. Sie stellen auch die Wahrheit und den gesunden Menschenverstand auf den Kopf und laffen sie wirbelnd in den Phrasenschleifen umherfahren, daß schließlich niemand mehr weiß, woran er nun eigentlich ist. Geschwindigkeit ist keine Hexerei! Der kluge Wähler soll sich aber von solchen polittschen Schleifenfahrern nicht bestricken laffen, sondern die Akrobaten mit Verachtung strafen und sich zu den einfachen, biedern L'uten halten, welche kein Gaukelspiel, sondern ehrliche Arbeit zum Wohle des Landes betreiben.
Römischer wochenbrief.
[**] Rom, 12. Mai 1903.
Die gesamte italienische und deutsche Presse hat fich mit dem römischen Besuche des deutschen Kaisers und besonders auch mit der Fahrt desselben nach Montecassino beschäftigt. Diese letztere hat zu den verschiedensten Kommentaren Anlaß gegeben. Und das verdient sie auch in vollstem Maße, denn hier hatten sich die merkwürdigsten Einflüsse geltend gemacht, um den eigentlichen Charakter des kaiserlichen Besuches zu verdrehen. Kaiser Wilhelm hatte bereits zu zwei verschiedenen Malen den Beuroner Benedik- ttnern in Maria-Laach versprochen, bei seiner nächsten Jtalienfahrt auch „ihr Kloster" von Montecassino zu besuchen. Der Besuch sollte also gewissermaßen einen familiären Charakter tragen, zumal der gegenwärtige Erzabt, P. Krug, auf dem Berge des hl. Benedikt ein geborener Deutscher aus der Diözese Fulda ist und es Beuroner Mönchskünstler sind, welche die Grabstätte des Heiligen mit ihren Werken ausschmücken. Der Besuch des Kaisers würde somit einen ähnlichen Charakter getragen haben, wie seine Besuche in den deuffchen Klöstern des Benediktinerordens Das kam selbstverständlich den italienischen Machthabern sehr unbequem vor, denn das alte Erzkloster von Montecassino ist bekanntlich zum „NatioNUl monument" erklärt worden und d« Abt ist von der italienischen Regierung nur als „Oberaufseher" dieses „Monuments" anerkannt. Es wurde daher beschlossen, daß der italienische König den Kaiser begleiten solle. Dadurch wurde der Charakter dieses kaiserlichen Besuches vollständig umgeändert. Der Kaiser erschien demnach als Gast des Königs und nicht als Gast des Klosters oder gar der deutschen Mönche. Außerdem aber taten die italienischen Machthaber alles mögliche, um das Kloster nach ihrem Sinne auch äußerlich in ein regelrechtes „Nationalmonument" umzugestalten Die sonst so echt klösterlichen Räume wurd en auf königlichen Befehl nicht nur mit aus dem königlichen Schlöffe in Caserta herbeigeschafften Blattpflanzen und Blumen geziert, sondern es kamen auch ganze Wagenladungen mit Sp iegeln, Teppichen usw. an, mit welchen diejenigen Lokalitäten, welche die beiden Herrscher betreten sollten, ausgeschmückt wurden, was dens eiben natürlich jeglichen klösterlichen Charakter n ahm. Die Mönche mußten selbstverständlich dieses alles über sich ergehen lassen. Es ist nur dem echt deuffchen und freien Auftreten des deut schen Kaisers zuzuschreiben, daß schließlich doch noch der deutsche Erzabt des Klosters vor dem „O ber- ausseher des Nationalmonuments" den Vorr arg hatte.