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fllldü, Samstag, den 16. Mai 1903

worden. Der Bahn- und Telephondienst in Buccari wird mit größter Achtsamkeit ab­gewickelt. Die zerstörten Bahnsignalapparate wurden ausgebeffert. In Buccari wurden gestern 3 und heute 17 Personen verhaftet. Im Draga- tal zerschnitten gestern die Demonstranten die Telephon-und Telegraphendrähte. Die Meldungen über Demonstrationen und Verhaftungen in Mitrowitza sind vollkommen erfunden. Ebenso ist die auswärts verbreitete Meldung, daß im Kreuzer Bezirk zwei Personen standrechtlich hin­gerichtet wurden, unwahr.

* Konstantinopel, 15. Mai 1903. Die Vorstellungen der Botschafter bei der Pforte, i unnütze Grausamkeiten gegen die verdächtigen Bulgaren zu vermeiden, haben gewirkt, denn nach einer Meldung des Wiener amtlichen Telegraphenbureaus hat der Sultan neuerdings den Befehl wiederholt, bei Durchführung der notwendigen strengen Maßregeln gegen die bulgarischen Komitees keinerlei Ausschreitungen

* Brüssel, 15. Mai 1903. An der Neuen Universität kam es zu heftigen Kundgebungen der russisch-jüdischen Studenten und Studentinnen gegen den belgischen antisemitischen Schriftsteller und sozialistischen Senator Edrnond Pikard. Die belgische Liga der Menschenrechte bereitet eine große Protestkundgebung gegen die Schand­taten in Kischinew vor.

* London, 15. Mai 1903. Premierminister

Balfour empfing heute eine Abordnung von einflußreichen Persönlichkeiten, welche wichtige politische und kommerzielle Interessen vertreten und die Aufrechterhaltung des Getreidezolles, sowie eine Ermäßigung des Theezolles ver­langten. Balfour hielt eine Ansprache, in der er die geltend gemachten Argumente bestritt und ihren Wünschen in keiner Weise entgegenkam.

* Kopenhagen, 15. Mai 1903. Als Termin für die Neuwahlen zum Folkething ist durch königlichen Erlaß der 16. Juni festgesetzt.

* Budapest, 15. Mai 1903. Nach Mel­dungen aus Fiume ist auf Grund von statt- Ul VH,„ ..............s___1 gehabten und noch zu erwartenden Kundgebungen

Einnahmen zur notwendigen Folge haben, dann nach den Stationen Plase und Fuzine an der wird ste wieder fallen gelassen, trotz der sehr er-' -----

wünschten Vereinfachung des Fahrkartensystems,

die mit ihr zu erzielen wäre.

* liebet Sklavenhandel in Deutsch- Ostafrika berichtet die in Dar-es-Salaam er- cheinende ,Deutschostafr. Ztg/ in ihrer Nummer vom 18. April: Vor kurzem gelang es der hie­sigen Polizei, einem wahrscheinlich höchst einträg­lichen Geschäft auf die Spur zu kommen, welches von einigen Schwarzen Hierselbst nach Sansibar hin unterhalten wurde. Es handelt sich um die Ausfuhr von Sklavinnen von Dar-es-Salaam nach Sansibar, die dort in öffentlichen Häusern bereitwilligste Aufnahme fanden. Durch Hilfe und Vermittelung der englischen Behörden in Sansibar ist man im Stande gewesen, der sämt­lichen Täter und Beteiligten habhaft zu werden und sie dem hiesigen Bezirksamt auszuliefern, Die Aburteilung der Schuldigen wegen Sklaven­ausfuhr erfolgte vor kurzem, sie lautete auf drei bezw. vier Jahre Kette.

* Preiserhöhung für Eisengustwaren. Der Verein deutscher Eisengießereien versendet ein Rundschreiben, wonach in Folge der anhalten­den Festigkeit und mehrfachen Erhöhung der Roh- stoffpreife ein Mißverhältnis zwischen den Her- stellungskosten'und den derzeitigen Verkaufspreisen entstanden ist. Um einen Ausgleich dieses auf die Dauer unhaltbaren Verhältnisses anzubahnen, sind die Preise für Bauguß, Maschinenguß und Guß für die chemische Industrie mit Wirkung vom 1. Mai ab um 1 Mk. für 100 Kgl. erhöht worden.

gegen Unbeteiligte zu dulden; hierfür viieoen aue Regierungsorgane perfönlich verantwortlich. In Saloniki sind, wie der »Neuen Freien Presse' brieflich gemeldet wird, Vorbereitungen zu einem neuen Dynamitattentat entdeck! worden, das nur durch einen Zufall vereitelt wurde. Bei einer genauenDurchsuchung des unter­irdischen Ganges zur „Banque de SaloniH' wurde ein Seitengang gefunden, worin sich ein großes Gefäß mit Pynamitpatronen befand, die mehr als tausend Gramnt Dynamit enthielten. Die Patronen waren mit Zündschnüren versehen, die bereits angebrannt, aber erloschen waren.'

1901.

* Im Reichsamte des Innern fand heute unter dem Vorfitze des Grafen Posadowsky eine Sitzung des Ausschusses der deutschen Central- Komitee's für Lungen-Heilstätten statt. An Stelle der durch Tod aus geschiedenen Mitglieder des Vorstandes v. Goßler und v. (Soler wur­den Oberpräsident v. Boetticher und General- Stabsarzt v. Leuthold in den Vorstand ge­wählt. Der von Professor Pannwitz vorgelegte Geschäfts-Bericht läßt in der Tuberkulosen - Be­kämpfung erfreuliche Fortschritte erkennen. Außer den Fragen der Anzeigepflicht, Wohnungspflege und Unterbringung Kranker im vorgeschrittenen Stadium wurde über die Bildung von Provin­zial-, Bezirks- und Kreisvereinen, sowie über die Beteiligung der Gemeinden an der Schwindsuchts- Bekämpfung beraten. Der letztere Gegenstand wird auch in erster Linie die am Samstag den 16. Mai morgens 10 Uhr im Plenar-Sitzungs- saale des Reichstages stattfindende General-Ver­sammlung des Cential-Komitee's beschäftigen.

* Bei den Tarifreformen, die der Eisen­bahnminister Budde durchzuführen gedenkt, steht, wie gemeldet wird, die Beseitigung der Rückfahrkarten in erster Linie. Es ist zwar

tionen arbeite? Man sieht, was sich Katholiken, auch in den höchsten Würden, von dem nächsten besten liberalen Blatte bieten lassen müssen!

* Die Verdienste der Kirche um die wahre Kultur können erst recht gewürdigt werden, wenn man ihnen die von der Religion losgelöste Kultur des alten Rom gegenüberstellt. Dieselbe bot den Besitzenden und einer Menge Schmarotzer am Staatsgebäude alles, was der heutige moderne Zeitgeist anstrebt. Wissenschaft und Kunst, Handel und Technik blühten, aber alles war schließlich nur Mittel zum Zweck, um aus ihnen materiellen Nutzen zu ziehen, um Reich­tum anzusammeln und jeglich erdenkbaren Lebens- Aenuß sich gestatten zu können. Die Geschichte ist eine gute Lehrmeisterin, und deshalb ist es gerade in heutiger Zeit sehr lehrreich, das Einst

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karte. Um die rechnerische Seite der Neuerung festzustellen, werden in diesen Tagen sämtliche Rückfahrkarten, welche auf Schnellzüge lauten, | mit einem Stempel versehen, an die Eisenbahn- direktion Posen gesammelt eingeschickt. Diese Direküon hat die Rückfahrkarten für Schnellzüge zu zählen. Gleichzeitig zählt sie, wieviel Rück­fahrkarten innerhalb eines bestimmten Zeitraumes überhaupt verkauft wurden, also einschließl. der­jenigen für Personenzüge. Auf dieser Grundlage soll der finanzielle Effekt der in Aussicht genom­menen Neuerung geprüft werden. Die neu ein­zuführenden einfachen Karten sollen für Schnell­züge und Personenzüge gelten (ohne Preisauf­schlag für Schnellzüge). Zur Ueberwachung der erwähnten Fahrkartenkontrolle reisen jetzt von den einzelnen Direktionen beauftragte frühere Bahn­beamte in sämtlichen Schnellzügen. Von dem Ergebnis dsr finanztechnischen Erhebungen wird es abhängen, ob die Idee des Ministers durch-

noch nicht abzusehen, wann diese Reform wird zur Durchführung gelangen können, jedoch sind vorbereitende Erhebungen bereits im Gange. Die Rückfahrkarten sollen durch einfache Fahr­karten ersetzt werden. Der Minister hofft, es finanziell ermöglichen zu können, daß die einfache Karte zurück^ zum Abfahrtsorte zusammen

und das Jetzt nebeneinander zu stellen und zu vergleichen. Dies geschieht in überaus wirksamer Weise in einem zur Massenverbreitung be- timmten kleinen Schriftchen: „Kirche und kultur" (Verlag der Germania, Berlin. Preis 10 Pfg.), das unter dem Anonymus einen her­vorragenden Schriftsteller verbirgt. Wohl zeigte Rom einen kolossalen äußeren Glanz und Schimmer, durchtränkt von Genuß und Sinnes- ust, aber es verbarg in sich gleichzeitig auch tiefe innere Fäulnis und Verderbtheit, was Lähmung aller physischen und geistigen Kräfte zur Folge haben mußte. Demgegenüber entwickelte sich die atholifche Kirche als die wahre Mutter der Zivm- ätion. Heute noch trägt die Kirche, die in ihrem Wesen sich nicht ändert, alle Elemente der Zivili- satton in ihrem stets fruchtbaren Schoße. Heute noch wie vor 1500 Jahren ist sie fähig, reiche Kulturftkichte hervorzubringen, sofern man es ihr nicht unmöglich macht, auf das private und auf das öffentliche Leben ihren wohltätigen Einfluß auszuüben. Die Verbreitung von Schriften dieser Art kann nicht genug empfohlen werden, da die Gegner der Kirche dieselbe in jeder Weise zu schmähen suchen.

* Neuer Adel, Orden und Ehreu­reichen. Der Fürsten-, Grafen- und Freiherrn- titel ist nach einer Uebersicht der ,Vossischen Zeitung' in Preußen int Jahre 1902 nicht ver­liehen worden. Nur einem französischen Baron ist die Genehmigung zur Weiterführung des Titels als Baron in deutscher Form, als Frei­herr erteilt worden. Den Adel haben erhalten 14 (1901: 46, 1900: 43) Personen. Außerdem ist ein italienischer, ein ungarischer und ein früher geführter deutscher Adel anerkannt und bestätigt worden. Die Zahl der preußischen Orden und Ehrenzeichen, die verliehen worden sind, betrug 12008 gegen 14004 im Jahre

Deutsches Reich.

Berlin, ben 15. Mai 1903.

* Generalleutnant v. Einem, genannt v. Rothmaler, Direktor des allgemeinen Kriegs­departements im Kriegsministerium, ist mit der Vertretung des Kriegsministers, der, wie gemeldet, heute seinen dreimonalichen Urlaub an­tritt, beauftragt worden. Die amtliche Bekannt­gabe wird in kürzester Frist erfolgen. — Wenn auch mit der Möglichkeit, daß General v. Einem der Nachfolger des Kriegsministers wird, sicher­lich stark zu rechnen ist, so wäre es doch falsch, aus seiner Bestellung zum Vertteter desselben irgendwelche Schlüssh ziehen zu wollen. General von Einem ist vielmehr gegenwärtig nach dem Minister der höchste Beamte des Kriegsministeriums und als solcher naturgemäß zur proviforischen Leitung desselben in Abwesenheit des Ministers berufen.

* „Der Erzbischof von Freiburg must den Papst falsch informiert haben." Mit diesem höchst merkwürdigen und sehr arroganten Satze begleitet ein liberales Blatt die SJHtteilung, daß der Papst zu badischen Pilgern gesagt hat, sie sollten für das Zenttum treu weiter arbeiten, denn in Baden fänden die Katholiken so wenig Berücksichtigung. So, und deshalb der freche Vor­wurf falscher Information! Das ist fürwahr stark! Haben denn die Katholiken Badens nicht täglich um ihr bischen Freiheit zu kämpfen? Mit wel­chem wüstem Kampfgeschrei ist man über die badische Regierung hergefallen, als man dachte, daß sie für Aufhebung des § 2 des Jesuiten­gesetzes im Bundesrate stimmen werde? Haben die Katholiken im Landtag nicht fortwährend zu kämpfen um die Rechte der katholischen Kirche und der katholischen Wählerschaft? Wie kann man da — so fragt die ,D. Reichsztg.' mi: Recht, — so unverfroren fein und sagen, daß ein Erzbischof von Freiburg mit falschen Informa-

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,. «Ä. wochenbeilage: „Illustrierte Sonntagzzeitung"

Lonsuelos Schicksale.

Novelle von Marg. Schlichter.

10 (Nachdruck verboten.)

Die alten Leute saßen in dem altmodisch einge­richteten Wohnzimmer auf hohen Lehnstühlen in der Nähe des Kamins, dessen lustige Flammen täten trau­lichen Schein durch den Raum toarfen, in dem die Dämmerung des Winterabends bereits ihre Schatten gelagert hatte. So saßen sie häufig Hand in Hand in traurige Gespräche oder noch traurigere Gedanken vertieft und merkten es nicht, wenn es Nacht um sie her wurde; paßte doch die Nacht zu der trüben Stimmung ihrer Seele, die kein freundlicher Hoff- nungssjrahl erhellen wollte. Schwere ©türme waren vor Jahren über sie dahingegangen, hatten das Haupt des Freiherrn vor der Zeit gebleicht und seine hohe Gestalt gebeugt. Aber das Feuer seiner großen, leb­haften Augen, über denen sich ein Paar dunkle Brauen wölbten, hatten sie nicht zu löschen ver­mocht, so wenig sie die Schönheit der alten Baronin untergraben hätten; denn dieselbe war von der Art, wie der Adel der Seele sie über das Antlitz ergießt, und die bei ihren Trägern gewöhnlich in dem Maße zunimmt, als die Reize des Körpers zu schwinden beginnen. Den durchgeistigten Zügen der greisen Matrone hatten vergangene Leiden ihre Spuren aus­geprägt; was aber ihr bleiches Antlitz verklärte und verschönte, das war diese Fülle von heroischem Leidens­mute von Milde und Herzensgüte, die zwar von Natur ihr angeboren, durch das Feuer der Prüfung aber geläutert und veredelt war. — Auch heute waren es wieder recht wehmütige Erinnerungen, die gleich den tanzenden Schatten an der Wand vor dem Geiste der beiden ©infamen auftauchten, und wenn sie ihre Empfindungen auch nicht in Worte kleideten, fo wußie doch jeder, was im Herzen des anderen irorgmg. Die§e stillen Räume hatte einst der Jubel

von drei heißgeliebten Kindern belebt; an dem strahlenden Glanze des Christbaumes hatte ihr Auge sich geweidet, und ihr Herz sich entzückt an den holden Gaben des heiligen Abends. Zwei Knaben und ein Mädchen hatte der Himmel ihnen geschenkt.

Clemens, der ältere, ein blühend schöner Knabe und Jüngling, war der Liebling seiner Eltern. Da er schon in der frühesten Jugend eine außergewöhnliche musikalische Begabung zeigte, so ließen seine Eltern es sich angelegen sein, dessen schönes Talent durch tüchtige Lehrmeister beranzubilden. Wenn seine glocken­reine Stimme erklang, oder die herrlichen Weisen seiner Geige ertönten, dann stand mehr als einer von den Dienstboten lauschend an der Tür. Aber es be­durfte nicht der einschmeichelnden Tone der Musik, ihm die Herzen der Untergebenen zu gewinnen; er war brr Abgott der ganzen Dienerschaft. Ohne Falsch, leutselig und liebenswürdig gegen jeden, wußte er sich im Sturm die Zuneigung aller zu erwerben, die mit ihm in Berührung kamen.

Das aber verdroß den jüngeren Bruder, den finsteren und herrischen Albert. Mit der Zeit wurde dessen Benehmen gegen Clemens schroff und feindselig, so viel sich dieser auch bemühte, die Liebe seines Bruders zu gewinnen. Albert hielt es für einen Mißgriff der Natur, daß Clemens nach dem Rechte der Erstgeburt der Stammerbe der «schwarzburg'schen Besitzungen werden sollte, und konnte ihm fein Vorrecht nicht verzeihen.

Clemens trat in die württembergische Armee ein und wurde bald der Liebling seiner Kameraden, wie er es daheim bei den ©einigen gewesen war. Leicht­herzig, wie er von Haus aus war, ließ er sich'von dem allgemeinen Strudel mit fortziehen, führte ein flottes, lustiges Leben, und die Folge davon war, daß er mit der ihm von seinem Vater nur spärlich be- meffenen Zulage nicht auskam und sich in Schulden verstrickte, aus denen er sich nicht heraushelfen konnte. Es blieb ihm nichts übrig, als feinem Vater ein rück­haltloses Bekenntnis zu machen und ihn um Hilfe ju bitten. Der Freiherr zeigte aber bei dieser Gelegenheit

eine Strenge, die seine Kinder sonst gar nicht an ihm gewohnt waren, und erst nach langem Flehen und Bitten und den heiligsten Versprechungen, daß er nie wieder gegen irgend jemanden Verbindlichkeiten ein­gehen und fortan ein sehr solides Leben führen wolle, ließ sein Vater sich herbei, die deranzierten Verhältnisse des Sohnes zu regeln. Es wäre nun auch richtig ge­wesen, wenn derselbe den Ansprüchen, die das Leben in der Hauptstadt an den Sohn stellte, etwas mehr Rechnung getragen und ihm durch eine entsprechende Erhöhung der Zulage die Möglichkeit gegeben hätte, den Anforderungen seines Standes und Ranges besser genügen zu können. Der Freiherr aber, der selbst sehr einfach erzogen worden und wenig über seine Scholle hinaus gekommen war, kannte das Leben eines adeligen Offiziers in einer flotten Residenzstadt nicht: seine Engherzigkeit und der leichte, sorglose Sinn seines Sohnes, der sich bald wieder über das gegebene Ver­sprechen hinwegsetzte, hatten ein Ereignis zur Folge, das mit einem Schlage das Glikck der Familie zer­trümmern sollte.

Clemens hatte an einen Kameraden eine Ehren­schuld abzutragen; sein Vater weigerte sich jetzt aber entschieden, eine Hand zu rühren, um ihn aus der Affäre zu ziehen, und so blieb ihm nichts anders übrig, als des Königs Rock abzulegen und aus der Armee auszuscheiden. In heller Verzweiflung sah er diesem gefürchteten Moment entgegen, als er schließlich in der elften Stunde einen Brief von seinem Bruder erhielt. Derselbe teilte ihm mit, daß fein Vat r zwar noch sehr erzürnt sei, sich aber auf sein dringendes Zureden ent- schloffen habe, ihm einen Wechsel in der Höhe der zu deckenden Schuld zu übersenden; derselbe verbitte sich aber entschieden alle Dankesäußerungen; er solle seinen Dank durch eine Aenderung seines Lebenswandels be­tätigen. Tief gerührt von der Güte seines Vaters begann Clemens von diesem Tage an ein solides Leben, daß er dadurch zur Zielscheibe des Spottes für seine Kameraden und das Leben unter ihnen ihm bald verleidet wurde. Aus diesem Grunde kam er um seinen Abschied ein und langte am Weibnachts-

feste bei seinen Eltern an. Sein Vater empfing ihn als ob nichts vorgefallen wäre und erwähnte mit keiner Silbe die letzten Geldverlegenheiten seines Sohnes.

Da, am Tage vor Neujahr, wurde dem Baron der Wechsel mit seiner eigenen Unterschrift zur Ein­lösung präsentiert. Der Freiherr stand wie versteinert, als er das verhängnisvolle Blatt in der Hand hielt. War es möglich ? Sein Sohn, sein ganzer Stolz, die Freude seines Herzens, ein Fälscher! Der edle Name derer von Schwarzburg durch eine Schandtat entehrt ? Sorglos un5 heiter erschien Clemens vor seinem Vater, als dieser ihn rufen ließ. Aber so hatte er ihn noch nie gesehen, und wie vernichtende Donnerschläge drangen des Vaters Worte an sein Ohr.

„Wie, Du wagst es, mir vor die Augen zu kommen? Du elender Betrüger! Du ehrloser Fälscher Du!"

Der Freiherr vergaß in seinem Zorne ganz, daß er seinen Sohn hatte rufen lasten. Dieser, sich feiner unedlen Handlung bewußt, begriff nicht, was diese schrecklichen Worte zu bedeuten hatten. Da schleuderte der Vater ihm den Wechsel vor die Füße:

„Nun leugne, wenn Du die Sttrn dazu hast, daß Du eS bist, der diese Schrift gefälscht hat!"

Clemens hob das Matt auf und totenbleich starr: > er auf das verhängnisvolle Papier. Das ihm, der nie feine Lippen mit Unwahrheit befleckte, besten ebr licher gerader Sinn jeder, der ihn kannte, schätzte, der alles haßte, was einer Unaufrichtigkeit ähnlich war! Lange fand er fein Wort zu seiner Rechtfertigung, was der Vater für einen Beweis seiner Schuld hielt; doch als er sich endlich so weit cufraffen konnte, in ruhiger Weise seine Unschuld darzulegen, kam der Zorn feines Vaters erst zum vollen Ausbruch: „Kein Wort will ich mehr von Dir hören! Danke Gott, wenn ich Dich nicht, wie Du es verdientest, den Ge­richten überliefere. Wir haben nichts mehr mit ein­ander gemein; fort aus meinen Augen und laß Dich nie wieder im Schlöffe Deiner Ahnen blicken: der Du das edle Blut Derer von Schwarzburg in Deiner. Adern geschändet hast!"

(Fottfetzung folgt.)