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Druck und Verlag der Zuldaer Actiendruckerei in Zulda (Harmonie) Zernsprecher Lr. 9.

M 108.

fttlda, Mittwoch, den 13. Mai 1903.

30. Jahrgang.

Consuelos Schicksale

Novelle von Marg. Schlichter.

*. Ueber die „Organisierung eines Wnstigen polenausruhrs"

will uns jetzt die »Ostmark', das Organ des Sakatiften-Vereins, gründlich aufllären. Mit pannung sind wir an die Lektüre des mit so sensationeller Ueberschrift versehenen Artikels, den wir in der .National-Zeitung' abgedruckt finden, herangegangen, aber wir müffen gestehen, daß mir etwas enttäuscht sind. Wir hätten über Die Organisierung des Polenaufruhrs doch etwas mehr zu erfahren gehofft. „Jeder Tag bringt neue Beweise dafür, daß der Gedanke an die Wiederherstellung eines polnischen Reiches die Hoffnung ist, die die Herzen aller Polen, vom höchsten bis zum niedrigsten, belebt und der polnischen Propaganda immer neuen Wind in die Segel führt", hebt die „Enthüllung" viel­versprechend an. Aber in der .Ostmark' muß es wohl höchst selten „tagen", da der „neuen Beweise", die jeder Tag bringen soll, herzlich wenig, oder vielmehr gar keine sind.

Zunächst wird auf zwei Reden verwiesen, von denen die eine der polnische Abgeordnete v. Chzanowski im Reichstage, die andere der Abg. v. Glebocki im preußischen Abgeordneten­haus« gehalten hat. Sie mögen „stark" sein, aber neu sind sie nicht. Das zweite „Beweis­stück" ist eine historische Landkarte von Polen, die in Galizien in den Schaufenstern jeder Buch- « ausgelegt sein soll. Ja, dürfen : Karten von Polen denn nicht heraus­gegeben werden? Es ist ja möglich, daß die Polen sich beim Anblick einer solchen Karte patriotisch erregt fühlen und mit Schmerz an die untergegangene Herrlichkeit des Polenreiches denken, unsertwegen auch der Hoffnung auf die Wiederherstellung dieses Reiches einen Seufzer widmen. Aber daß eine solche Karte gefährlich für den Bestand Europas sein und den Aufruhr verkünden soll, will uns nicht einleuchten. Die Kranzosen werden sich an historischen Karten er­bauen, die Frankreich zur Zeit Napoleons I. darstellen, in Oesterreich wird man historische Karten haben, auf denen Oesterreich weit größer aussieht, als heute. Wem schadet es etwas?

I*, aber auf der polnischen Karte erscheinen auch diejenigen Länder und Orte, die niemals M Polen gehört haben, in polnischem Gewände; Passau, Leipzig, Dresden, Greifswald, Rostock, Wittenberg usw. werden in „polnischer Aus­staffierung" vorgeführt. Nun, auf deuffchen Karten liest man „Mailand", „Venedig", „Warschau", „Moskau", „Kopenhagen" usw., während diese Städte daheim anders heißen; ebenso geben unsere Karten die Namen der nicht­deutschen Länder „in deutscher Ausstaffierung" wieder, denn die Franzosen nennen ihr Land

7 (Nachdruck verboten.)

Baro« Horten war übrigens ziemlich schweigsam Geworden, so sehr Florentine sich auch bemühte, ein Gespräch anzuknüpfen, das ihn interessieren sollte:

„Ich sage Dir nochmals, Rudolf, daß ich Euch beiden Euren unerwarteten Hereinfall nicht so bald verzeihen werde. Papa und ich waren um sechs Uhr «h der Station; ich hatte mich so darauf gefreut, Euch im Schlitten heim zu kuffchieren, und mußte nun höre«, daß die beiden Säbelraßler bereits vor zwei Stunden angelangt seien. Das war nicht geplant von Euch. Konntet Ihr denn nicht depeschieren, wenn Ihr «inen früheren Zug benutzen wolltet?"

„Allerdings, liebes Florentinchen, ich hörte aber erst in der Eisenbahn von Egon, daß er sich dieser UnterlaffungSsünde schuldig gemacht; ich glaubte, er habe uns in aller Form angemeldet. Lege mir nur eine barte Buße für unser Vergehen auf."

„So sollst Du morgen Papas und mein Gesell­schafter sein und eine Fahrt erleben, als ob wir durch Polens Schneesteppen sausten, mit der angenehmen Aussicht, von einem Rudel Wölfe verspeist zu werden."

„Nun, so toll wirdtz wohl nicht sein; aber ich stimme zu. Was sagst Du dazu, lieber Onkel?"

„Ach, Du weißt, daß meine kranken Nerven mir einen täglichen, längeren Aufenthalt in der frischen Lust zum Bedürfnis machen. Aber Florentine sollte mein Leidennicht zum Gegenstand ungeziemender Scherze nehmen."

„Aber Papa, das ist mir ja dmchaus nicht in den Sinn gekommen; es tut mir leid, daß Du meinen Morten eine solche Deutung gibst."

„Nun, schon gut, also morgen ^fritbjHich denke,

nicht „Frankreich", die Russen das Ihre nicht „Rußland". Haben wir deshalb etwa im Sinne, alle diese Städte und Länder dem künftigen Deutschen Reiche einzuverleiben? Die Polen mögen ja die Polonisierung deutscher Ortsnamen etwas weit treiben. Im Grunde genommen ist das aber ein kindisches Vergnügen, das noch lange keinen „Aufruhr" ankündigt. Ueberdies, haben wir sie nicht vielleicht zu ihrem Vorgehen angereizt? Wir sind doch auch eifrig dabei, alt­polnische Ortsnamen in den „Ostmarken" zu ver­deutschen.

Für den Geist, aus dem die staatsgefährliche Karte geboren wurde, soll es endlich „bezeichnend" sein, daß die Orte Grunwald und Tannenberg nicht fehlen. Da die Polen bei diesen Orten doch nun einmal Siege erfochten haben, die wir ihnen nicht mehr streitig machen können, wäre es doch seltsam, wenn sie diese für sie historisch höchst wichtigen Orte auf der Karle nicht er­wähnen wollten. Daß der Herausgeber der Karte Heck und einer der Verleger Lange heißt, will uns einstweilen auch nicht viel über die „Organi­sierung des künftigen Polenaufruhrs" sagen.

Der letzte „neue Beweis" ist ein Passus aus einer Rede, die einer der Aufsichtskommissare des polnischen „Nationalschatzes" Dr. Lewakowski anläßlich des viel^igjährigen Gedenktages des Aufstandes von 1863 an die polnische Jugend gehalten hat. Wir geben zu, daß die Rede ziem­lich aufrührerisch klingt. Aber Worte tun's noch nicht, zumal wenn sie weit von Polen gesprochen und in Paris gedruckt werden. „Der Grund zu einem erfolgreichen Aufstande sei heute vorbereitet", bramarbasierte der „Aufsichtskommissar" des „polnischen Nationalschatzes in Rapperswyl". Dieser „Nattonalschatz" beträgt unseres Wissens etwa 1U Million Franken. Sollen die etwa den „Grund" bilden, auf dem ein „erfolgreicher Auf­stand" ins Werk gesetzt werden könnte? Das glaubt ja nicht einmal ein Hakatist. Dr. Lewa­kowski werde die Fäden genau kennen, die in Rapperswyl zufammenlaufen und die Verbindung mit dm aufrührerischen Gesinnungsgenossen in den ehemalig polnischen Gebietsteilen kennen, meint die .Ostmark'. Aber so hätte sie uns doch nicht abspeisen sollen. Wir wellten ja von ihr etwas über die „Organisierung eines zukünftigen Polenaufruhrs" erfahren. Wenn sie uns aber so stehen läßt und erklärt, der Aufsichtsrat des „Nationalfchatzes" werde die Fäden genau kennen, io heißt das, daß sie selbst überhaupt nichts von den Dingm weiß, über die sie uns belehrm will.

Wir zweifeln nickt, daß einzelne schwärmerische Polen von der Wiederherstellung des ehemaligen Polenreiches träumen, sich nach ihr sehnen und gern dazu mitwirken würden. Aber so etwas dars man doch nicht „Organisierung eines zu- künstigen Polenaufruhrs" nennen. Wir können auch unmöglich glauben, daß irgmd ein Hakatist vor einem solchen Aufruhr Angst hätte, denn jeder vernünftige Mensch muß sich doch sagen, daß ein solcher Aufruhr gänzlich aussichtslos wäre. Wir sind selbstverständlich ganz damit einverstanden, daß man das Deutschtum gegen das vordringende Polentum verteidigt und die

Egon ist auch von der Partie, und ich schlage vor, daß ihr Eure Gewehre mitnehmt, für den Fall, daß uns ein Reh oder Langohr in den Weg läuft."

Die Fahrt fand beim auch statt; die Baronin richtete unterdessen mit Hülfe der Wirtschafterin den Weihnachtstisch für die Bescherung her. Der an den Salon grenzende Saal, der nur bei besonderen Ge- legenheiten benutzt wurde, erstrahlte am Abend im Glanze der vielen Kerzen, welche den Tannenbaum schmückten. Unter demselben lagen die Geschmke für die Familienmitglieder ausgebreitet, auf einem anderen Tische diejmigen für das Gesinde. Auch Consuelo war mit einigen Kleinigkeiten bedacht worden. Die Geschenke für die erwachsene Tochter des Hauses waren kostbar und luxuriös, aber sie war ja an der­gleichen Dinge gewöhnt und betrachtete sie mit kühlem Gleichmut, was ein anderes junges Mädchen in Ent­zücken versetzt haben würde. Unbeschreiblich war aber der Jubel der Heinen Adelheid; sie war, was bei solchen Gelegenheiten die Kinder immer sind, das be­lebende Element. AIS sie ihren Weinachtsbrief schrieb, hatte sie so viele Wünsche an das Christkindchen ge­habt, daß die Erziehnckn schließlich meinte, der Wunschbrief müsse aber jetzt beendigt »erben, das Christkindchen müsse so viele Kinder beschicken. Nun lagen sie vor ihr auSgebreitet alle die Herrlichkeiten, und das Staunen der Kleinen wollte gar kein Ende nehmen. Aber ihre Eltem und Geschwister zeigten nur wenig Interesse für die schöne Einrichtung ihre» PuppenhauseS, für die Pracht ihrer neuen Puppe und bereit herrliche Toiletten. Da war Vetter Rudolf boch viel liebenswürbiger; er sah sich alle ihre Ge­schenke gewissenhaft an unb betounberte sie nach Ge­bühr. Dann kam Consuelo an bie Reihe; bas Kind S fie mit Gewalt an den Platz, wo ihre Geschmke en: „Ach, Fräulein, Sie haben noch gar nicht gesehen, was ich alles bekommm habe, Rudolf sagte auch, er habe noch nie eine so schöne Puppe gesehen, wie die meinige; fie habe gerade so herrlichesonnen- gotbene Locken wie Sie; unb sie würbe ihm noch

polnischen Herausforderungen, an denm es ge­wiß nicht fehlt, kräftig zurückweist. Aber man macht das Deuffchtum und feine Vorkämpfer lächerlich, wenn man mit Lappalien und Kindereien, wie sie die Ostmark' uns da vorführt, uns vor einem Polenaufruhr gruseln machen will. Man soll im Kampfe für das Deutschtum nicht fo un­gemein kleinlich fein. Wir haben das nicht nötig.

Berlin, den 12. Mai 1903.

** Warum der Kaiser so freundlich gegen den Benediktiner-Orden gesinnt ist, glaubt uns die »Preußische Korrespondenz' verraten zu können. Ein Benediktiner und zwar ein Deutscher soll nach dem Tode des Erzbischofs Dr. v. Stablewski Erzbischof von Gnesen- Pos en werden, wie ein anderer bereits Bischof von Metz ist. Einen Benediktiner hat der Kaiser sich ausersehen, weil die Benediktiner Jahrhunderte hindurch einer der hervorragendsten Kulturträger im Sinne des Deutschtums waren und die Tradition ihres Ordens ihnen gebietet, sich allem politischen Getriebe und Ränkespiel fernzuhalten. Dem künftigen Erzbifchof sollen Hilfskräfte aus den Reihen des Ordens zur Verfügung gestellt werden. Ein an „Einfluß und Ideen reiches" Mitglied des Kultusministe­riums soll den Plan angeregt haben, unter Mit­wirkung hervorragender Zentrumsmitglieder soll er „verwirklicht" worden sein, der hl. Stuhl soll sein Einverständnis ausgesprochen haben. — Nun, einstweilen lebt unseres Wiffens Erzbischos Dr. v. Stablewski noch!

* Die Mönche von Monte Casfino haben bekanntlich ihrem hohen Besuch, dem deut­schen Kaiser, eine Sammlung von Dokumenten über die Regierung Friedrich II., des Hohen­staufen, als Geschenk zugedacht. Daran knüpft die ,granff. Zeitung' folgende historisch­politische Belehrung:

„Sie (bie Mönche) mögen manche Dokumente über diesen Friedrich haben und manches mag auch einem deutschen Kaiser von heute Stoff zum Nachdenken geben. Friedrich ll. ist dem Papsttum gefällig gewesen wie wenig andere Kaiser; er hat die Geistlichkeit gefördert, wo er nur konnte; er hat bie Ketzer verfolgt, den An­stoß zur Inquisition gegeben und sogar einen mühseligen und gefährlichen Kreuzzug ausgeführt. Hat ihm aber alles nichts geholfen; er wurde doch zweimal gebannt, also mit der fürchterlichsten Strafe belegt, bie das Mittel- alter kannte. Warum? Weil er dem Papste einige Fetzen Landes streitig machte. Wer mit dem Papsttum geht, der ist noch immer übel weggekommen; bas ist die Lehre der Geschichte." —

Geschichte — schwach! .Den berühmten Frank- ftrrter Historiker Böhmer und dessen klassisches Urteil über die Hohenstaufen hat die .Franks. Zeitung' nicht zu Rate gezogen, als sie die obigen ungewöhnlich seichten Sätze schrieb. Ein ein­seitiger Parteistandpunkt kann die Menschen so verblenden, daß sie kalten Blutes die Wahrheit

in ihr volles Gegenteil verkehren — das ist die Lehre der Geschichte.

** Unter dem Druck der Kirche! Die .Franks. Ztg.' läßt sich aus Innsbruck vom 6. Mai schreiben: „Die hier folgenden statistischen Daten beweisen klar, wie sehr Tirol unter dem Druck der Kirche snufzen muß. Tirol zählt ungefähr 810000 katholische Einwohner und zerfällt in drei Diözesen mit 63 Dekanaten, 500 Pfarreien, 7 Lokalkaplaneien, 240 Kuratien und 200 Exposituren. Insgesamt gibt es 6705 geistliche Personen, nämlich 1895 Weltpriester, 1610 männliche Ordensmitglieder und 3200 weibliche Mitglieder. Auf je 121 Katholiken kommt eine geistliche Perfon. Während der letzten fünfzig Jahre haben sich die geistlichen Personen um 75 pCt. vermehrt. Es ist daher wohl recht begreiflich, daß sich in den Tiroler Städten neuerdings eine kräftige antiklerikale Bewegung bemerkbar macht." Eine perfidere Berechnung kann nicht leicht aufgestellt werden. Tatsächlich kommen in Tirol auf ca. 450—500 Katholiken ein Geistlicher. Die Krankenbrüder, Ordens­brüder und 3200 weibliche Ordensmitglieder kommen für die Seelsorge nicht in Betracht. — Wenn diese die Kranken pflegen, die Waisen­kinder, Idioten, Blinden und Tauben aufnehmen und bewahren, Kinderbewahranstalten unterhalten und Handarbeitsunterricht erteilen, dann ist „das Druck, unter dem das arme Tirol seufzen muß". Verehrte Frankfurterin, auf wie viel Christen ober Katholiken kommt denn in Frank­furt ein jüdischer Kapitalist? Wie stark ist wohl in manchen Gegenden der Druck des Judentums, unter dem die Christen seufzen müssen?

\ Das Gesuch des Erbprinzen von Meiningen um Enthebung vom Kommando des VI. Armeekorps wirbelt viel Staub auf. Neben sonstigen Mutmaßungen über den ursprüng­lichen Zusammenhang begegnet man insbesondere auch der Annahme, für den Rücktritt (ei der väterliche Wunsch bestimmend; der regierende Herzog habe gewünscht, daß der Erbprinz den militärischen Dienst beende, um ihn ad latus nach Meiningen zu bekommen. Von maßgebender Seite wird der .Nat. Ztg.' dazu aus Meiningen geschrieben: „Wer die geistige und körperliche Rüstigkeit unb Frische des Herzogs kennt, dem wird die Unrichttgkeit dieser Annahme ohne weiteres klar gewesen fein. Wir sind aber auch in der Lage, auf das bestimmteste versichern zu können, daß diese Veranlassung nicht besteht." Nach einer Meldung wäre der Erbprinz durch einen „blauen Brief" vom Militärkabinett auf­gefordert worden, feinen Abschied zu erbitten. Dieser Bries sei, während der Erbprinz sich in Oppeln befand, vom diensttuenden Adjutanten in Breslau geöffnet worden. In Oppeln habe der Erbprinz von dem Inhalt telegraphische Kenntnis erhalten, sei nach Breslau gereist und habe kurz darauf die Stadt verlassen. Die Erbprinzessin, die Schwester des Kaisers, habe bei dem Abschied von den Breslauern auf dem Bahnhof Tränen vergossen. Aus München wird der .Täglichen Rundschau' gemeldet, daß der Rücktrittsentschluß

weit besser gefallen, wenn sie dazu auch Ihre schönen, dunklen Augen hätte."

„Nun ist eS aber genug, mein kleines Fräulein; ich sehe, daß ich mich nächstens bei sulch' einem Plappermäulchen in Acht nehmen muß."

Dabei wurde Rudolf ganz verlegen und errötete wie ein Schulknabe; auch auf ConsueloS Wangen glühten die Zeichen einer holden Verwirrung.

„Die Kleine hat mich da auf eine originelle Weise bei Ihnen eingeführt, mein Fräulein; zürnen Sie mir deshalb nicht. An diesem Tage, der so recht ein Freudensest der Kinder ist, sollten wir Kind mit den Kindern sein, und darum wollen wir uns des Weihnachtsfestes freuen. Erlauben Sie, daß ich Ihnen des Christkinds schönste Gabe wünsche, das ist der beglückend Friede dieser Nacht."

Damit bot er ihr seine Hand, und wie er fie jetzt so offen und tteuherzig anblickte, und fie unbe­fangen ihre Hand in die seine legte, hatte fie wieder, wie am Abend vorher, das Gefühl, als ob fie sich in der Nähe eines gütigen, starken Beschützers befinde. Bald waren der schöne junge Offizier und die arme Erzieherin in so eifrigem Gespräch mit einander be­griffen, als ob fie alte Bekannte wären. Es war das erstemal, daß jemand in diesem Hause fteundliche Worte an fie richtete, und die achtungsvolle Art, mit der Baron Horten ihr begegnete, berührte fie um so angenehmer, al« sein Benehmen solch einen Konttast zu demjenigen seiner Verwandten bildete.

Florenttna entging die Aufmerksamkeit nicht, die Rudolf der GouvernaMe erwie»; fie näherte sich den beiden, und mit einer Miene, die auf nichts weniger als eine freundliche Gesinnung gegen Consuelo schließen ließ, entführte fie ihn unter irgend einem Borwand.

Auch Egon hatte Rudolfs Aufmerksamkeit gegen Consuelo bemerkt; er äußerte später in seiner blasierten Wesse:

„Höre mal, Rudi, Du kannst mich nicht mehr glauben machen, daß Du gleichgültig gegen Frarreu- schönheit bist; ich habe wohl bemerkt, wie tief Du

unserem mexikanischen Fräulein in die Augen geblickt hast."

„Sie ist ein selten schönes Mädchen und was ihren Reiz erhöht, ist der Zauber der unberührten Unschuld auf ihren lieblichen Zügen; wahrlich, kein Mann von edler Deickungsart sollte solchem Wesen anders als mit der größten Achtung begegnen, einerlei, ob fie in einem glänzenden Paläste wohnt, oder aus dornenvollen Pfaden mit des Lebens Mühsalen ju kämpfen hat."

„Schon wieder so ein Stückchen Moralpredigt", lachte Egon.

Als Consuelo an diesem Abend chr Zimmer be- trat, kam ihr dasselbe viel weniger einsam vor als bisher. War es das geheimnisvolle Leben und Weben, welches in der Helligen Nacht die Herzen der gläu­bigen Christen mit einem Gefühl unbeschreiblicher Wonne erfüllt, ober waren es zarte Empfinbungs« anberer Art? — Sie hätte sich selbst keine Rechen­schaft barüber zu geben vermocht.

Als Baron von Hotten später sein Schlafgemach auffuchte, welches mit demjenigen Consuelos auf dem­selben Flur lag, glaubte er die Töne eines Liedes zu vernehmen; auf den Fußspitzen schtttt er näher, und richtig, er täuschte sich nicht; wie gebannt blieb er stehen und horchte.

„Stille Nacht, heilige Nacht," Hang es in sanften, melodischen Tönen zu ihm hin; dann folgte auf dem Pianino eine Variation des Liedes; wunderbar er­greifend wie die süßen Laute der Schalmeien und Flöten der Hitten, welche in der Einfalt das Wunder der heiligen Nacht auf Btthlehems Fluren verherrlichten. Daraus ging die Melodie in ein herrliches Gloria über wie ein Jauchzen und Jubeln der himmlischen Heerscharen, welche da» Geheimnis der Menschwerdung in frohlockenden Tönen besangen; dann wurde alles sill. Dem einsamen Lauscher war es, als werde er aus einem Paradiese, dann er kurze Zett verweilt hatte, wieder in die WttHichkeit zurück versetzt. Lange noch summten bie Melodien ihm im Ohr; endlich